Amtssprache
Arabisch
bedeutendste Religion
sunnitischer Islam ca. 90 %
weitere wichtige Religion
Koptisches Christentum ca. 10 %
städtische Bevölkerung
ca. 43.5%
Lebenswerwartung
70 Jahre

Die Bevölkerung im Überblick

Bevölkerungspyramide 2010
Bevölkerungspyramide 2010 - Quelle: US Census Database, CC Lizenz

Größe, Verteilung und Wachstum der Bevölkerung

Ägypten ist das bevölkerungsreichste Land Nordafrikas und das größte arabische Land. Auf 1 Million km² leben hier rund 87 Millionen Menschen - etwas mehr als in der Bundesrepublik Deutschland, bei fast dreifacher Fläche. 99% der Ägypter leben im Niltal und –delta. Ein Fünftel der Bevölkerung wohnt im Großraum Kairo. Diese Gebiete gehören damit zu den am dichtesten besiedelten der Welt. Im Niltal und –delta drängen sich 1.120 und in Kairo bis zu 120.000 Einwohner pro km².

 

Kinder in einem ärmeren Stadtviertel Kairos
Ägypter lieben Kinder, aber Familien in den Städten und den gebildeten Schichten haben heute oft nur noch zwei bis drei Kinder - © MA

Trotz des Sinken der Bevölkerungswachstumsrate von 2.5% im Jahr 1960 auf heute rund 2% hat sich Ägyptens Bevölkerung in den vergangenen vier Jahrzehnten von 35.3 Mio. auf über 80 Millionen Einwohner mehr als verdoppelt. Frauen bekommen heute später und im Durchschnitt nur noch rund drei Kinder. Doch auch wenn das Tempo sich verlangsamt - die Bevölkerung wächst weiter und die Einwohnerzahl wird voraussichtlich binnen 15-20 Jahren auf über 100 Millionen anwachsen.

 

Altersstruktur und Lebenserwartung

Mehr als 43,5% der Ägypter sind unter 20 und mehr als ein Drittel sind unter 15 Jahre. Nur 3,7% sind 65 Jahre oder älter. Männer haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 66,5 und Frauen von 69,1 Jahren. Das Bevölkerungswachstum bewegte sich in den letzten Jahren konstant um die 2%. Ägypterinnen bekommen heute im Durchschnitt 2,97 Kinder. Die durchschnittliche Größe einer ägyptischen Familie beträgt 4,2 Personen.

Kinder aus einem armen Viertel
Kinder stellen in Ägypten mehr als die Hälfte der Bevölkerung... - © MA
Vater und Sohn auf einer Demonstration
...und natürlich waren sie auch auf Demonstrationen präsent... - © MA
Vater und Tochter auf einer Demonstration
...die kleineren meist auf den Schultern ihrer Väter... - © MA
Vater und Tochter auf einer Demonstration
...besonders zahlreich vertreten waren Väter und Töchter - © MA

Bevölkerungsgruppen

Die verschiedenen Besatzungen und Migrationswellen, die Ägypten in seiner Geschichte erlebte, führten zur Niederlassung von Angehörigen vieler verschiedener Volksgruppen in Ägypten. Sie verschmolzen mit den Einheimischen und sind heute alle Ägypter. Die verschiedenen Einflüsse spiegeln sich jedoch in der Vielfalt der Gesichtszüge und auch in manchen Familiennamen wider. Durch die Verschmelzung sind die Ägypter ethnisch und kulturell relativ homogen, sprechen alle Arabisch und teilen die Grundzüge gemeinsamer sozialer und kultureller Traditionen, auch wenn es im Detail eine Vielzahl lokaler und schichtenspezifischer Ausprägungen gibt. Nur 0,4% aller im letzten Bevölkerungszensus von 2006 erfassten Einwohner Ägyptens sind Nicht-Ägypter. Zusätzlich gibt es jedoch viele Ausländer, die nur für einige Monate oder Jahre in Ägypten leben. Jedoch hat sich in den letzten Jahren die Zahl der Flüchtlinge aus den arabischen Ländern z.B. Syrien, Irak oder auch Libyen sehr stark vermehrt aufgrund politischer Instabilität in der jeweiligen Ländern. Das hat zu Veränderungen in der Gesellschaft geführt. Das gesamte Bevölkerungsbild hat sich deshalb seit dem arabische Frühling verändert.

 

 

Frauen aus Kairo
Kairener Schwestern... - © MA
Mann aus Kairo
...und noch ein Kairener... - © MA
Nubierin
eine Nubierin... - © MA
Oberägypter mit Galabiya
und ein Oberägypter mit typischer Galabiya - © MA

Die Nubier aus dem Süden an der Grenze zum Sudan haben eine dunklere Hautfarbe, unterscheiden sich in manchen Traditionen und sprechen traditionell eine von zwei nubischen Sprachen, fadiki oder kinzi, die beide zur nilotischen Sprachgruppe gehören und mit dem semitischen Arabisch keine Ähnlichkeit haben. Ein Großteil der Nubier wurde in den 1950er Jahren wegen des Baus des Assuan Staudammes aus ihren Dörfern umgesiedelt, da diese vom damals angelegten Assuan Stausee überflutet wurden. Nur wenige junge Nubier außerhalb Nubiens, sprechen heute noch die nubische Sprache. Die Bewohner der Oase Siwa in der libyschen Wüste im Westen haben auch eine eigene Sprache, den Berberdialekt Siwi. Durch die große Entfernung zur nächsten größeren Stadt Marsa Matruh am Mittelmeer, waren sie lange abgeschnitten, was sich aber in den letzten zwanzig Jahren durch die Entwicklung des Tourismus schrittweise geändert hat.

Die Beduinen, die an der Nordküste westlich von Alexandria, in den südlicheren Oasen der libyschen Wüste, im Sinai und am Roten Meer leben, haben auch eigene Traditionen, die vor allem auf die Aufrechterhaltung der Stammesbindungen ausgerichtet sind. Viele Beduinen beteiligten sich an der Revolution. Die Sinai Beduinen, die in den letzten Jahren nach den Anschlägen auf Touristenzentren viele Menschenrechtsverletzungen erleiden mussten, verfassten eine gemeinsame Erklärung zur Unterstützung der Revolution und forderten eine Neuuntersuchung der Attentate, nachdem Dokumente aufgetaucht waren, die eine Verwicklung des Regimes in die Anschläge nahelegten. Einflüsse von Stammestraditionen sind auch in Oberägypten im Süden stärker ausgeprägt als im Nildelta. Dort ist die Bevölkerung oft konservativer, etwa in Bezug auf die Unabhängigkeit von Frauen und es kommt auch heute noch manchmal zu Blutracheaktionen. Im Großraum Kairo, in dem etwa ein Fünftel der Ägypter lebt, kommen alle zusammen. Die Kairener sind ihrer Herkunft nach und in ihren Lebensstilen bunt gemischt. Viele empfinden, dass die Stadt Kairo einen eigenen Charakter hat, jedem Neuling eine Nische bietet und ihn mit ihrem typischen toleranten, kommunikativen, selbstironischen Charakter nachhaltig prägt. Kairener ganz besonders aber auch die Ägypter im allgemeinen sind Lebenskünstler, immer zu einem Witz aufgelegt und bekannt dafür, aus jeder noch so verzweifelten Situation einen Ausweg zu finden. Dafür werden je nach Bedarf Humor, Erfindungsgeist, aber auch Beziehungen oder sogar Rechtsverdrehungen mobilisiert und jeder der hier lebt kennt eine Vielzahl von Situationen im Alltag, in dem sich Unbekannte beim Beobachten einer bestimmten Szene lachend in die Augen schauen und wie aus einem Mund ausrufen "So etwas gibt es nur in Ägypten!"

Arbeitsmigranten und Flüchtlinge

Arbeitsmigration von Ägyptern ins Ausland ist ein wichtiger ökonomischer und sozialer Faktor in Ägypten. Knapp 4 Mio. Ägypter leben im Ausland, v.a. in den Golfstaaten und Libyen, aber auch in Europa, Nordamerika und anderen Regionen. Ihre Geldtransfers nach Ägypten werden auf 8-12 Mrd. US$ geschätzt und ihr Anteil am Bruttosozialprodukt auf etwa 4%. Die Aufstände in den arabischen Ländern zwangen viele Arbeitsmigranten zur Rückkehr nach Ägypten.

In Ägypten leben knapp 110.000 offiziell registrierte Flüchtlinge. Die tatsächliche Zahl der Flüchtlinge in Ägypten ist um ein Vielfaches höher, allerdings gehen die Schätzungen weit auseinander. Vor allem Menschen aus dem Sudan und aus anderen afrikanischen Ländern sowie Iraker und Palästinenser suchen in Ägypten Zuflucht vor Krieg und Bürgerkrieg, politischer Verfolgung und Hunger. In jüngster Zeit kommen auch zunehmend Familien aus Syrien hinzu. Die ägyptischen Behörden lassen die illegalen Flüchtlinge im Großen und Ganzen unbehelligt, aber ihre sozialen Bedingungen sind oft sehr schwierig, da sie nicht offiziell arbeiten können, z.T. von ihren Familien getrennt sind und oft traumatische Erlebnisse zu verarbeiten haben.

Afrikanische Flüchtlinge, die illegal über den Sinai nach Israel einreisen wollen, werden immer wieder mit Gewalt aufgehalten, viele wurden in den letzten Jahren nahe der Grenze von ägyptischen Sicherheitskräften erschossen oder von Beduinen gefoltert. Die Beduinen trieben Organhandel oder haben Lösegeld von den afrikanischen Familien verlangt. Eine Reihe von ägyptischen und internationalen religiösen und Menschenrechtsorganisatinen bieten rechtliche, soziale, medizinische und psychologische Unterstützung an (z.B. das Nadim Zentrum,  das in- und ausländische Folter- und Gewaltopfer betreut).

Die Religion in Gesellschaft und Politik

Religiosität und Konfessionen

Unverschleierte Frauen
Männer und unverschleierte Frauen sind in der Regel nicht nach Muslimen und Christen zu unterscheiden - © MA
Frau mit schickem Kopftuch
Aber auch der Schleier in seinen verschiedenen Formen sagt nur bedingt etwas über die religiöse Orientierung aus... - © MA
Frau mit dem längeren Schleier "khimar"
es gibt ganz verschiedene Formen der Verschleierung... - © MA
Mädchen mit Kopftuch und gesichtsverschleierte Frau
und auch eine vollverschleierte Frau kann eine Aktivistin sein wie hier die Frau im Hintergrund, die sich für freie Gewerkschaften einsetzt - © MA

90% aller Ägypter sind Muslime, fast alle von ihnen Sunniten. Sie folgen der hanafitischen Rechtstradition, die als die liberalste der vier heute verbreiteten islamischen Rechtsschulen gilt. Ca. 9% gehören der orthodoxen ägyptischen koptischen Kirche und ca. 1% gehören anderen christlichen Konfessionen an. Die Ägypter gelten im Vergleich zu vielen anderen Arabern als besonders religiös. Allerdings ist das traditionelle Religionsverständnis sehr flexibel und den weltlichen Bedürfnissen angepasst. Viele Ägypter gehen davon aus, daß Allah - das arabische Wort für Gott - die Alltagsprobleme der Menschen versteht und auch einmal ein Auge zudrückt, wenn man die religiösen Gebote nicht allzu wörtlich nimmt. Das Religionsverständnis hat sich in den letzen Jahren jedoch je nach sozialer Gruppe in unterschiedlicher Form gewandelt. Mit dem Aufstieg des politischen Islam wurde in manchen Schichten eine engere und stärker auf äußere Formen orientierte Auslegung und Praktizierung der islamischen Religion populär. Auch die stärkere Anbindung der Kopten an die koptische Kirche auf dem Hintergrund der steigenden konfessionellen Spannungen der letzten Jahre führte zu einem stärkeren Einfluss der Religion auf das Selbstverständnis und die Alltagspraxis vieler Kopten. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Ägypter, die zwar in der Regel durchaus an Gott glauben, die aber wie in anderen modernen Gesellschaften auch ihr Leben nicht auf der Grundlage religiöser Ge- und Verbote führen.

Die Religion in der Verfassung

Ein Verfassungsreferendum wurde am 14. und 15. Januar in Ägypten abgehalten.

Der neue Verfassungsentwurf, der zu einer gänzlich neuen Verfassung umgearbeitet wurde, beinhaltet deutlich weniger Religion.

 

 

Offizielle religiöse Institutionen

Die Azhar Universität

Historisches Bild der Azhar Universität
Unterricht in der Azhar Universität in alten Zeiten - Bild: unbekannt, Wikimedia commons, CC Lizenz
Gebäude der modernen Azhar Universität
Heute gehören zur Universität auch hochmoderne Gebäudekomplexe - Bild: unbekannt, Wikimedia commons, CC Lizenz
Imame der Azhar auf einer Demonstration
Imame von Al Azhar nahmen an der Revolution teil, manche wurden verletzt wie dieser Imam - Bild: Sherif9282, Wikimedia commons, CC Lizenz

Die Universität Al Azhar mit der angegliederten Al Azhar Moschee im fatimitischen Teil von Kairo ist die einflußreichste theologische und juristische Institution der islamischen Welt. Sie wurde um 970 als eine der ersten formalisierte Bildungsinstitutionen der Welt gegründet und ist seitdem ein Zentrum für islamische Forschung und theologische Disputation sowie arabische Sprache und Literatur. Seit 1961 werden an der Universität auch moderne säkulare Wissenschaften wie Ingenieurswissenschaften oder Medizin unterrichtet. An der Universität werden viele Studenten aus der gesamten islamischen Welt zu Ulamas ausgebildet sowie auch die von der Regierung eingestellten Imame oder Prediger der vom Staat verwalteten Moscheen. Daneben erstellen die Ulamas auch religiöse Gutachten, fatwas genannt, mit denen eine Expertenmeinung aus sunnitisch islamischer Sicht zu umstrittenen öffentlichen oder privaten Fragen abgegeben werden. Obwohl fatwas nach islamischer Lehre nicht rechtsbindend sind, haben sie doch großen Einfluß. Für Historiker und Islamwissenschaftler ist die Azhar Bibliothek mit ihren rund sieben Millionen Seiten alter Manuskripte eine wichtige Forschungsquelle. Seit 2005 arbeitet die Azhar in Kooperation mit einer Institution in Dubai an der Digitalisierung der Manuskripte, um sie einer breiteren Öffentlichkeit online zur Verfügung zu stellen.

Unter dem Regime von Gamal Abdel Nasser wurde Al Azhar 1961 verstaatlicht. Der Präsidenten von Al Azhar - Sheikh Al Azhar genannt - wird seitdem vom Staatspräsidenten ernannt und die Ulama und Verwaltung der Institution wird vom Staat bezahlt. Sie verlor dadurch einen großen Teil ihrer Unabhängigkeit und ihres Prestiges und ihr wurde immer wieder vorgeworfen, fatwa Gutachten nach dem Willen der jeweiligen Machthaber erstellt zu haben, um umstrittene staatliche Maßnahmen islamisch zu legitimieren. Al Azhar ist jedoch keine homogene Institution sondern vereinigt Vertreter der verschiedensten liberalen und konservativen sunnitischen islamischen Strömungen. Eine Reihe von Azhar Gelehrten nahmen von Anfang an an Demonstrationen während der Revolution 2011 teil und veranstalteten auch selbst Proteste, in denen sie die Reform und Wiederherstellung der Unabhängigkeit von Al Azhar durch Wahl statt Ernennung des Sheikh Al Azhar sowie die unabhängige Verwaltung der eigenen Finanzquellen und ein Verbot der Einmischung der Staatssicherheitsabteilung des Innenministeriums in Stellenbesetzungen und Aktivitäten forderten. Al Azhar hat auch ein Dokument verfasst, das als Kompromißvorschlag zur Auseinandersetzung über die säkulare versus religiöse Ausrichtung des post-revolutionären Staates diskutiert wurde.

Der Obermufti Ägyptens Sheikh Ali Guma'a
Der gegenwärtige Obermufti Ägyptens Sheikh Ali Guma'a - Bild: Lucia Luna, Wikimedia commons, public domain

Dar Al Iftaa'

Das Dar Al Iftaa' oder "Haus der Fatwa-Erstellung" wurde 1895 vom Khediven Abbas Helmy eingerichtet. Es steht seit damals und bis heute unter der Schirmherrschaft des Justizministeriums. Dar Al Iftaa' hat eine Beraterrolle im Justizsystem und erstellt jeden Monat hunderte von fatwas zur Beantwortung von Fragen aus der ganzen Welt in bezug auf die Anwendung islamischer Vorschriften und Prinzipien in der heutigen Welt. Dar Al Iftaa' bildet auch Studenten des islamischen Rechts aus. Obwohl es immer umstritten war, wer eigentlich auf welcher Grundlage autorisiert ist, religiöse Gutachten zu erstellen und die islamische Religion die Gläubigen an keine Autorität zur Auslegung der religiösen Schriften bindet, haben die Gutachten von Al Azhar und Dar Al Iftaa' doch ein besonderes Gewicht. Das Oberhaupt von Dar Al Iftaa' ist der Großmufti, der vom Staatspräsidenten ernannt wird. Auch Angehörige von Dar Al Iftaa' beteiligten sich an vielen Demonstrationen. Der beliebte und für seine liberale Orientierung bekannte Azhar Gelehrte aus dem Dar Al Iftaa' Emad Effat wurde am 16. bei einer Demonstration gegen die gewaltsame Auflösung eines sit-ins vor dem Kabinettsgebäude durch einen Schuß ins Herz von den Sicherheitskräften getötet.

 

Das Awqaf Ministerium

Das Awqaf Ministerium in Kairo
Das Awqaf Ministerium in Kairo - Bild: Stewa, Wikimedia commons, public domain
Imama des Awqaf Ministeriums auf einer Demonstration
Die Imame prangern die Korruption im Awqafministerium an und... © MA
Demonstration von Imamen des Awqaf Ministeriums
...fordern die Nichteinmischung der Staatssicherheit sowie Immunität der Imame nach dem Vorbild der Richter - © MA

Waqf, pl. awqaf, bedeutet religiöse Stiftung. Ein waqf ist in der Regel ein Gebäude oder ein Stück Land, daß von einer Privatperson für religiöse oder Wohlfahrtszwecke gestiftet wird, etwa zur Versorgung von Kranken, Witwen oder Waisen. In der Regel sind es die Einnahmen aus diesen Immobilien, die für die Erfüllung dieser Zwecke genutzt werden. Die Nutznießer eines waqf können Personen oder auch öffentliche Versorgungseinrichtungen wie Moscheen, Schulen oder Friedhöfe sein. Auch Verwandte können als Nutznießer angegeben werden. Der Stifter muß die Nutznießer in jedem Fall im Waqf Vertrag ausdrücklich benennen. Die awqaf, die vorher privat nach vom Stifter festgelegten Kriterien verwaltet wurden, wurden schon im 19. Jahrhundert von Mohamed Ali staatlicher Kontrolle unterstellt. Unter Abdel Nasser wurde das Awqaf Ministerium gegründet, das die Verwaltung der Stiftungen übernahm. Darüberhinaus ist das Ministerium auch für die Verwaltung der staatlichen Moscheen und der Ernennung und Bezahlung der Imame in diesen Moscheen sowie die Regulierung von zehntausenden von privaten Moscheen zuständig.

Diese Nähe zum politischen Regime sowie die Korruption, die auch vor dem Awqaf Ministerium nicht halt machte, führte dazu, daß das Ministerium in der Öffentlichkeit zunehmend als ein Instrument des Staates zur Kontrolle der Religion und der Muslime wahrgenommen wurde. Dies ist wahrscheinlich einer von mehreren Faktoren für den Erfolg radikaler islamistischer Prediger in vielen privaten Moscheen. Auch Imame und andere Mitglieder des Awqaf Ministeriums beteiligten sich an zahlreichen Demonstration und forderten unter anderem die Säuberung des Ministeriums von Korruption und Einmischung der Staatssicherheit in die Ernennung von Imamen und den Inhalt der Predigten. Darüberhinaus erhoben sie auch soziale Forderungen wie das Recht der Imame auf Festanstellung und Gründung einer freien Gewerkschaft.

 

Tamboura Sufi Tänzer
Tamboura Sufi Tänzer werden von Musikern mit charakteristischen Instrumenten und Rhythmen begleitet - Bild: MA

Die Sufi Orden

Ein Sufi Orden, arabisch tariqa sufiya, ist eine islamische Laienvereinigung, die durch spirituelle Praktiken die Nähe zu Gott und haqiqa oder die ultimative Wahrheit suchen. Es gibt etwa 80 Sufi Orden in Ägypten mit rund drei Millionen Mitgliedern. Die Orden sind alle Mitglieder des Obersten Rats der Sufi Orden, das einen Groß-Sheikh als spirituellen Führer wählt. Mit wenigen Ausnahmen waren die Sufis unter dem Mubarak Regime kaum in das politische Leben involviert. Ihre Führer ermutigten die Gläubigen, sich von der Politik fern zu halten und nicht in eine Konfrontation mit dem Regime zu begeben. 2010 intervenierte das Regime in einen Machtkampf innerhalb des Obersten Rats und ernannte schließlich den regimetreuen Sheikh Abdel Hadi Al Qasabi. Nach der Revolution verlangten eine Reihe von Sufi Sheikhs dessen Absetzung wegen seiner Nähe zum Regime.

Die Spannungen, die traditionell zwischen den mystisch orientierten Sufi Orden und den textorientierten politisch islamischen Bewegungen, die statt einer spirituellen Annäherung an Gott durch mystische Praktiken die wörtliche Befolgung ihrer jeweiligen Auslegung der religiösen Schriften als den Kern der von der Religion sehen, verschärften sich nach der Revolution. Salafistische Gruppen betonen die Einheit Gottes und das islamische Verbot des Polytheismus. Daraus leiten sie ein Verbot der in Ägypten verbreiteten Feste zu Ehren historischer Sufi-Sheikhs ab und zerstörten einige der Gräber solcher Sheikhs. Die Sufi Orden befürchten, daß ein Erfolg der politisch islamischen Bewegungen der Salafisten und Muslimbrüder unweigerlich ihre eigene religiöse Ausrichtung und Praxis gefährden würde. Als Reaktion ist daher eine Politisierung eines Teils der Sufi Orden zu beobachten. Der Führer des 'Ayimiya Ordens, eines der wichtigsten ägyptischen Sufi Orden, war im September 2011 einer Mitgründer der Ägyptische Tahrir Partei, die von vielen Sufis unterstützt wird. Die Partei kooperiert mit säkularen Kräften und stellte bewußt eine Reihe von Kopten und Frauen als Kandidaten auf.

 

Der neue koptische Papst Theodoros II
Der neue koptische Papst Theodoros II - Bild: Wikimedia commons, public domain

Die koptische Kirche

Die koptische Kirche entstand in der Spätantike und geht auf den Evangelisten Markus zurück, der im 1. Jahrhundert im ägyptischen Alexandria lebte. Das aus der pharaonischen Sprache hervorgegangene Koptisch ist bis heute Sakralsprache. In Ägypten entstand auch das Klosterwesen und es gibt hier bis heute viele wichtige Klöster. Die stetige Ausbreitung der koptischen Kirche in Ägypten wurde erst im 7. Jhd. durch die muslimische Eroberung mehr oder weniger gestoppt. An der Spitze der koptischen Kirche steht der koptische Papst. Nach dem Tod von Papst Shenouda III im März 2012 wurde im November Theodoros II zum neuen Papst gewählt.

Die koptische Kirche ist sehr hierarchisch organisiert und es gibt immer wieder Berichte interner Disziplinarmaßnahmen im Fall von Bischöfen oder Priestern, die von der von oben vorgegebenen Linie abweichen. Viele der heutigen Führer der koptischen Kirche stehen in der Tradition der Sonntagsschulbewegung, einer Reformbewegung der 1940er und 1050er Jahre, die die Erneuerung der Kirche und die Vertiefung der Bindung der Gläubigen an die Religion durch soziale, Bildungs- und Gemeindearbeit anstrebte. Tatsächlich ist die Breite der sozialen Aktivitäten der koptischen Kirche, besonders in der Jugendarbeit, einzigartig unter den orientalischen Kirchen. Sie hat sogar ein eigenes Bischofsamt für soziale Dienste und Gemeindearbeit. Dadurch aber auch unter dem Druck der zunehmenden religiösen Spannungen wurde die koptische Kirche wieder zu einem zentralen Bezugspunkt der Identität ägyptischer Kopten. Sie finden in ihr nicht nur spirituelle Anleitung in einer Bandbreite von Lebensfragen, sondern auch materielle Unterstützung bei der Arbeitssuche, in Krisen oder Auseinandersetzungen mit Muslimen. Erst die Revolution hat wieder Ansätze säkularer organisatorischer Strukturen von Kopten als Kopten hervorgebracht. Der am 17. März verstorbene koptische Papst galt als erfahrener Politiker, der in der Lage war, viele konfessioneller Spannungen zu entschärfen. Es wird erwartet, daß der neue Papst bügerrechtliche Aktivitäten von Kopten außerhalb der Institution der Kirche stärker unterstützt als der vorherige Papst.

Politischer Islam

Die Muslimbruderschaft

Das Logo der Muslimbruderschaft
Das Logo der Muslimbruderschaft

Die Muslimbruderschaft (MB) wurde 1928 von dem damals 22 Jahre alten Grundschullehrer Hassan Al Banna als politisch-religiöse, reformorientierte Laienbewegung gegründet. Sie bezieht ihre intellektuellen Grundlagen sowohl aus der liberalen als auch aus der konservativen Strömung der großen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts, der Nahda oder Renaissance-Bewegung (siehe auch Rubrik Geschichte und Staat). Die frühe Muslimbruderschaft strebte die Erneuerung der ägyptischen Gesellschaft durch die Islamisierung von Politik und sozialem Leben an. Der Aufruf zu einer religiösen Lebensführung und zum Engagement für die Verbreitung des Islam und Umsetzung seiner Vorschriften - da'wa genannt, sowie die Solidarität der Muslime und ihre Organisation in der Bruderschaft sollten das Mittel zur Erreichung dieser Ziele sein. Hassan Al Banna bezog in vielen sozialen und politischen Fragen eher liberale Positionen, war ein genialer Organisator und mitreißender Redner. Die MB schaffte es, innerhalb weniger Jahre hunderttausende von Mitgliedern zu mobilisieren und Branchen in vielen anderen arabischen Ländern aufzubauen. Ihre Mitgliederbasis wird heute vage auf 50-60,000 Mitglieder und etwa eine halbe Million Sympathiesanten geschätzt.1 In den 1930er und 1940er Jahren verübte der sogenannte Geheimapparat der MB eine Reihe von Anschlägen, besonders gegen die britischen Besatzungstruppen, und schickte auch Kämpfer nach Palästina zur Unterstützung des palästinensichen Widerstand gegen die Errichtung eines jüdischen Staates und die Vertreibung der Palästinenser.

Die MB erlebten in ihrer mehr als 80-jährigen Geschichte mehrere Rückschläge und Repressionswellen und viele prominente Mitglieder verbrachten Jahre im Gefängnis. Unter dem Mubarak Regime waren die MB offiziell verboten, agierten jedoch über ein Netzwerk von Sozial- und Wohlfahrtseinrichtungen und Moscheen sowie organisierte Gruppen an den Universitäten, in den Berufsverbänden und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, in denen ihre Kandidaten bei Wahlen viele führende Positionen gewannen. Ihre finanzielle Basis gründet sich auf Spenden und Einkommen verschiedenster sozialer und wirtschaftlicher Aktivitäten. Seit den 1980er Jahren kandidierten MB Mitglieder auf den Wahllisten anderer Parteien oder als Unabhängige und kamen so ins Parlament. In den Parlamentswahlen 2005 gewannen sie trotz massiven Wahlfälschungen rund 20% der Parlamentssitze. Die politische und zivilgesellschaftliche Teilnahme stärkte die liberale Tendenz innerhalb der MB und führte zu tendenziell immer offeneren Positionen gegenüber Frauen, Kopten und der Jugend. Seit der Revolution sind die MB legal anerkannt und gründeten im April 2011 die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, die aus den ersten Parlamentswahlen im Dezember 2011/ Januar 2012 als stärkste Partei hervorging. Ihr Erfolg kam nicht überraschend, da sie trotz Repression unter dem Mubarak Regime die einzige organisierte Oppositionskraft mit Massenbasis war.

Die MB waren gekennzeichnet von der Kombination einer kohärenten, hierarchischen Organisationsstruktur, einer autarken ökonomischen Basis auf der Grundlage von Wirtschaftsunternehmen und Investitionstätigkeiten, die geheim und auf Vertrauensbasis gemanagt wurden, einer beeindruckenden Zahl von klugen politischen Köpfen und Meistern von Taktik und politischen Manövern sowie einer breiten Mitgliederbasis, die durch politische ebenso wie durch soziale und ökonomische Beziehungen an die Organisation gebunden sind. Die MB sind jedoch keine homogene politische und gesellschaftliche Kraft. Viele ihrer prominenten Führer sind Unternehmer mit weitverzweigten Wirtschaftsaktivitäten. Die Basis besteht dagegen vorwiegend aus Angehörigen der unteren Mittelschicht. Dies spiegelt sich auch in unterschiedlichen ideologischen Strömungen innerhalb der MB wider.

Unter den Bedingungen der Repression vor der Revolution blieben diese inneren Widersprüche und objektiven Interessenskonflikte verdeckt, aber nach der Revolution sah sich die Führung mit Forderungen nach mehr Partizipationsmöglichkeiten der weiblichen und jungen Mitglieder sowie mehr Transparenz in organisatorischen und finanziellen Angelegenheiten konfrontiert. Vor allem die Jugend der MB, die während der Revolution Seite an Seite mit ihren säkularen Gefährten den Angriffen des Regimes standhielten, fordern mehr Transparenz und interne Demokratisierung. Die Führung der MB zeigte bislang wenig Willen, diesen Forderungen nachzukommen, da sie nicht nur materielle und Machtinteressen berühren, sondern auch die Gefahr bergen, dass sich damit interne Spannungen aufgrund der verschiedenen sozialen und Klasseninteressen ihrer Mitglieder verschärfen und die Organisation auf längere Sicht vor eine Zerreißprobe stellen. Stattdessen gingen die MB im Frühjahr ein taktisches Bündnis mit den Salafisten ein und verhielten sich in den letzten Monaten ambivalent gegenüber Initiativen und Protestaktionen anderer politischer Kräfte. Viele säkulare Gruppen und Parteien werfen den MB Opportunismus und inoffizielle Verhandlungen mit dem Militärrat zur Stärkung der eignenen Machtposition auf Kosten der Durchsetzung der ehemals gemeinsamen Forderungen der Revolution vor. Die internen Auseinandersetzungen führten zu einer Welle von Austritten aus der Organisation sowie zur Gründung mehrerer alternativer Parteien durch ehemalige MB Mitglieder. Die wichtigsten sind die Wasat Partei mit dem prominenten und auch von säkularen Kräften sehr geachteten Arzt Abdel Moneim Abul Futuh, der für die Präsidentschaftswahlen 2012 kandidieren wird, sowie die ägyptische Strömungspartei, in denen viele junge ehemalige MB Mitglied sind und die in den Parlamentswahlen ein Bündnis der Parteienallianz "die Revolution geht weiter" eingingen, in der auch sozialistische Parteien vertreten sind.

Die Muslimbrüder haben keinen legalen Status mehr.  Im September 2013 hat ein ägyptisches Gericht die MB Partei für verboten erklärt.

Zeichnung der Muslimbrüder als Krake, die sich das Parlament, den Senat, die Berufsverbände, die verfassungsgebende Versammlung und das Präsidentenamt einverleibt hat
Die Muslimbrüder als Krake dargestellt, die sich das Parlament, den Senat, die Berufsverbände, die verfassungsgebende Versammlung und das Präsidentenamt einverleibt hat - © MA
Transparent auf dem steht: "Ich bin gegen die Muslimbrüder, nicht gegen den Islam"
Auf dem Transparent steht: "Ich bin gegen die Muslimbrüder, nicht gegen den Islam". Durchgestrichen sind die Logos der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, der Muslimbruderschaft und des Nahda-Projekts - © MA
Transparent auf dem steht: "Nieder mit der Herrschaft des murshid" (=Führer der Muslimbrüder)
Transparent auf dem sit-in vor dem Präsidentenpalast im Dezember 2012. Auf dem Transparent steht: "Nieder mit der Herrschaft des murshid" (=Führer der Muslimbrüder)
Transparent auf dem steht: "Die Milizen der Muslimbrüder werden uns nicht terrorisieren"
"Gebt der Muslimbrüderverfassung keine Legitimität" - © MA

Seit 2012 tauchte immer stärker die Frage der Unabhängigkeit von Politikern, die gleichzeitig Mitglied der MB sind, auf. Insbesondere viele Entscheidungen ehemaliger Präsident Mursis werden von Ägyptern als Entscheidungen des Führungsbüros der Muslimbrüder wahrgenommen. Die Verwicklung führender Mitglieder der MB in die Auseinandersetzungen zwischen Mursi und der Opposition sowie die zunehmend gewaltsamen Angriffe von z.T. bewaffneten Mitgliedern der MB auf Demonstranten in den letzten drei Monaten des Jahres 2012 führten, schließlich zu immer lauter werdenden Forderungen nach dem "Sturz der Herrschaft des murshid" (= Führers der Muslimbrüder). Bei Angriffen von Islamisten auf ein sit-in vor dem Präsidentenpalast im Dezember 2012 wurden Demonstranten von Muslimbrüdern sogar gefoltert. Die Muslimbrüder negierten alle Vorwürfe, warfen den Medien Lügen vor und sprachen von einer Verschwörung gegen die legitime Regierung. Acht Demonstranten wurden bei den Auseinandersetzungen getötet und über 700 wurden verletzt. Nach Angaben mehrerer Angehöriger der Getöteten übten die Muslimbrüder Druck auf die Familien aus, um sie zu Erklärungen zu bewegen, daß ihre getöteten Angehörigen Mitglieder der Muslimbrüder seien. Die Zuspitzung der Ereignisse führte schließlich dazu, daß im ganzen Land Büros der Muslimbrüder angegriffen und z.T. niedergebrannt wurden. Gleichzeitig stellen viele die Fähigkeit der MB, sich zu einer demokratischen Kraft zu entwickeln, in Frage.

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Die Salafisten

Salafisten auf einer Demonstration
Salafisten auf einer Demonstration, hier mit typischem Outfit... - © MA
Salafist auf einer Demonstration auf dem Tahrir Platz
...hier "in zivil"... - © MA
Salafisten als Ordnungskräfte auf einer Demonstration
und hier als Ordnungskräfte - © MA

Die Salafisten sind eine neue Kraft auf der politischen Bühne. Vor der Revolution beschränkten sie sich im wesentlichen auf da’wa, auf Aktivitäten, mit denen Muslime dazu aufgerufen werden, religiöse Vorschriften (gemäß der Salafi Interpretation) zu befolgen und sich aktiv für den Islam einzusetzen.Die Salafisten sind keine geschlossene Organisation, sondern bilden eine Vielzahl von Gruppen, die sich um bekannte Salafisten-Sheikhs gruppieren. Sie nutzten v.a. Moscheen für die Verbreitung ihrer Botschaft und die Rekrutierung neuer Mitglieder, aber auch Satellitenfernsehkanäle und Internetseiten. Sie haben Zugang zu beträchtlichen Ressourcen, die v.a. aus zakat (religiöse Almosen, die für Muslime Pflicht sind), Spenden und Zuwendungen aus den Golfstaaten bestehen. Letztere werden über ein kompliziertes Netzwerk religiöser NGOs und Institutionen verteilt. Die Salafisten schafften es in den letzten zwei Jahrzehnten, eine Vielzahl von Moscheen zu übernehmen und auch in den staatlichen religiösen Institutionen wie Al Azhar, des ältesten und in der ganzen islamischen Welt geachteten Zentrums islamischer Forschung und Lehre, Anhänger zu sammeln. Dazu gehören z.B. Mitglieder der sogenannten "Front der Azhar Gelehrten".

Die Aktivitäten der Salafisten wurden durchaus vom Staat geduldet, solange sie sich im Rahmen der von Regime und Sicherheitsapparat vorgegebenen Grenzen hielten. Das Regime profitierte im Gegenteil von den Salafisten und nutzte sie dazu, zu bestimmten Zeitpunkten Auseinandersetzungen zu provozieren, die von den sozialen und politischen Brennpunkten der immer lauter werdenden Proteste der letzten Jahre ablenken sollten. Um den Widerstand zu neutralisieren, räumte das Regime den Salafisten breiten Spielraum ein, um religiöse Spannungen zu provozieren oder auch um gegen kulturelle und literarische Produktionen zu mobilisieren, die als moralisch oder religiös anstößig deklariert wurden. Gleichzeitig erlaubten die provokanten Aktionen der Salafisten dem Regime, sich dem Westen gegenüber als Bollwerk gegen die Machtergreifung radikaler Islamisten zu präsentieren. Die letzte große Kampagne der Salafisten richtete sich gegen die koptische Kirche, der vorgeworfen wurde, Frauen, die zum Islam konvertiert waren, gegen ihren Willen in Kirchen und Klöstern festzuhalten.

Die Presse in den letzten Monaten war jedoch voll von Augenzeugenberichten über die Anstiftung zu einer Serie gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen durch Salafisten, bei denen mehr als 25 Menschen ums Leben kamen. Die Begründung für die offizielle Verurteilung der Gewalt seitens prominenter Salafisten Sheikhs gibt auch zu denken. Sie argumentieren, dass Nicht-Muslime im Islam einen Schutzstatus, dhimma, genießen, wofür sie in einem islamischen Staat eine besondere Steuer, gizya, zahlen müssen. Das Konzept von dhimma und gizya oder dschizya ist jedoch kaum mit demokratischen Prinzipien wie Staatsbürgertum und Rechtsgleichheit vereinbar.

Außerdem schockieren prominente Salafisten säkulare Kräfte, Frauen und Ägypter, deren Einkommen vom Tourismus abhängt, immer wieder mit Ankündigungen, Kleidervorschriften und Geschlechtertrennung einführen zu wollen, Alkohol und Badebekleidung zu verbieten sowie eine Moralpolizei zu etablieren. Die Salafisten gründeten insgesamt sechs politische Parteien, deren wichtigste die Nour Partei ist, die aus den Parlamentswahlen überraschend als zweitstärkste Partei hervorging (siehe Rubrik "Geschichte und Staat"). Die Führer dieser Partei geben ambivalente Erklärungen zu den Plänen der Partei in Bezug auf die Rechtsgleichheit von Frauen und Kopten, Garantien der Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie der Zwangsdurchsetzung islamischer Moralvorschriften nach islamistischer Interpretation ab. Die Glaubwürdigkeit der Salafisten in dieser Hinsicht hat nach mehreren Moralskandalen salafistischer Parlamentsabgeordneter jedoch beträchtlich gelitten.

Im zweiten Halbjahr 2012 kam es zu einer zunehmenden Polarisierung zwischen islamistischen und säkularen politischen Kräften sowie zu einer Zunahme verbaler und auch tätlicher Angriffe von Islamisten und besonders von Salafisten auf säkulare Personen und Oppositionsgruppen. Die Polizei verhielt sich in diesen Auseinandersetzungen auffällig neutral und ging nicht gegen gewalttätige Islamisten vor. Die salafistische Szene verändert sich ständig. Neue Gruppen tauchen auf und die Zusammensetzung bestehender Gruppen, Parteien und Allianzen ändert sich. Zu den wichtigen salafistischen Gruppen, die sich nach der Revolution gebildet haben, gehören die sogenannten "Hazemun", benannt nach ihrem Führer Hazem Salah Abu Ismail. Die Hazemun treten für eine radikale Anwendung der Scharia ein und befürworten die Einführung einer Art Moralpolizei, um gegen Verstöße gegen die Scharia im öffentlichen Raum einzuschreiten. Ende 2012 leiteten sie eine Kampagne gegen die ägyptischen Medien. Ihnen werden auch Drohungens sowie eine Reihe gewalttätiger Angriffe gegen Oppositionelle vorgeworfen.

Ehemals militante islamistische Gruppen

Shukri Mustapha, der Gründer der militanten Gruppe al-takfir wal-higra
Shukri Mustapha, der Gründer der militanten Gruppe al-takfir wal-higra - Zeitungsausschnitt: El Archivgi
'ِAbbud El Zomor, einer der Gründungsmitglieder von tanzim al-gihad
'ِAbbud El Zomor, einer der Gründungsmitglieder von tanzim al-gihad - Bild: El Archivgi
Osama Hafez und Nageh Ibrahim, Führungsmitglieder von al-gama'a al-islamiya
Osama Hafez und Nageh Ibrahim, Führungsmitglieder von al-gama'a al-islamiya - Bild: El Archivgi

Ehemals militante islamistische Gruppen wie al-gama'a al-islamiya und The Egyptian Islamic Jihad können auch den Salafisten zugerechnet werden. Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen und den da’wa Salafisten liegt darin, dass sie im Unterschied zu letzteren das umstrittene Prinzip der Pflicht zur Rebellion gegen unislamische, ungerechte Herrscher anerkennen und darauf aufbauend Mitte der 1970er Jahre den bewaffneten Kampf gegen das ägyptische Regime aufnahmen. Die oben beschriebenen da’wa Salafisten lehnen dieses Prinzip strikt ab, auch wenn der Herrscher korrupt ist und nicht gemäß des islamischen Rechts, der Schari'a regiert. Die meisten militanten Gruppen wurden in den 1970er Jahren gegründet. Sie wurden vom Regime Präsident Sadats zunächst gegen die damals starken linken Studenten und Intellektuellen unterstützt, radikalisierten sich aber später und wandten sich gegen das als ungläubig betrachtete Regime. Sie unterschieden sich weniger in ihrer Ideologie als in ihrer Strategie zur Errichtung eines islamischen Staates. Die gama'at islamiya setzten stärker auf die Islamisierung der Gesellschaft von unten, während tanzim al-jihad ihre Angriffe direkt gegen die Hauptexponenten des Regimes richtete, um den Staat zu übernehmen und die eigene Interpretation einer islamischen Gesellschaft dann von oben durchzusetzen. Mitglieder der Gruppe tanzim al-jihad erschossen 1981 Präsident Sadat, was zu einer beispiellosen Verhaftungswelle militanter Islamisten führte. Nach ihrer Entlassung in den 1980er Jahren gingen viele nach Afghanistan, um sich am Kampf gegen die russischen Besatzer zu beteiligen. Einige schlossen sich später Al Qaeda an, andere rekonstruierten die militanten Organisationen in Ägypten und starteten in den 1990er Jahren eine massive Welle von Angriffen und Attentaten auf Exponenten des Staates und der Sicherheitskräfte, Kopten, Touristen und säkulare Intellektuelle.

Nach dem Attentat auf den Hatschepsut Tempel in Luxor 1997 begannen die militanten Gruppen einen Revisionsprozess, der schließlich mit der Aufgabe des bewaffneten Kampfes endete. Die Anschläge, die danach in Ägypten stattfanden, wurden nicht von ihnen, sondern entweder von isolierten Individuen verübt, die vom Gedankengut der militanten Islamisten beeinflusst waren, oder sie wurden Palästinensern oder Al Qaeda zugeschrieben. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass die militanten Gruppen mit ihrer Abkehr von der Gewalt auch das Prinzip der Rebellion gegen unislamische Herrscher selbst aufgaben. Man kann bestimmte Texte und Aussagen der Revisionsschriften jedoch auch dahingehend interpretieren, dass sie dieses Prinzip nur ausgesetzt aber nicht endgültig aufgegeben haben. Die meisten Mitglieder militanter Gruppen wurden in den letzten Jahren nach und nach aus den Gefängnissen entlassen und viele engagierten sich in salafistischen da’wa (Aufruf zu religiösem Engagement) Aktivitäten. Nach der Revolution wurden fast alle noch inhaftierten Mitglieder frei gelassen. Dazu gehört auch Abud El Zomor der zusammen mit anderen prominenten ehemals militanten Islamisten die Aufbau- und Entwicklungspartei gründete.

Die traditionellen Führer der ehemals militanten Gruppen nehmen heute z.T. überraschende Positionen ein. So rief das ehemalige führende Jihad Mitglied Tareq El Zomor Präsident Mursi dazu auf, Kopten und Frauen als Minister zu ernennen. Einige der ehemals militanten Führer gründeten die sogenannte Demokratische Jihad Partei, die radikale und militante Interpretationen von Jihad und Islam explizit ablehnt und in den Präsidentschaftswahlen Ahmed Shafiq gegen den Muslimbruder Mohamed Mursi unterstütze. Andererseits bezogen eine Reihe von Personen aus dem Umkreis dieser Gruppen radikale Positionen im Rahmen der Verfassungsdiskussion und der Diskussionen um den Charakter des zukünftigen politischen Systems in Ägypten. Einige lehnten den Entwurf der neuen Verfassung mit der Begründung ab, dass er die Scharia nicht ausdrücklich genug als wichtigste Grundlage der Gesetzgebung festlege.

Konfessionelle Konflikte

Mädchen mit den Symbolen Kreuz und Halbmond auf das Gesicht gemalt
Die Symbole von Kreuz und Halbmond... - © MA
Demonstration gegen konfessionelle Konflikte
......oder Kreuz und Koran... - © MA
Graffity, das die Einheit von Muslimen und Christen betont
sind überall als Protest gegen die konfessionelle Spaltung zu sehen - © MA

Christen und Muslime in Ägypten lebten traditionell gut zusammen. Alle Ägypter betonen, dass sie früher alle religiösen Feste jeweils gemeinsam feierten und unterschiedliche Konfessionszugehörigkeit in den sozialen Beziehungen keinerlei trennende Rolle spielten. Es gibt zahlreiche Berichte der Kooperation zwischen religiösen Persönlichkeiten wie z.B. der Bericht eines Ägypters aus einem kleinen Dorf im Süden, in dem es nur jeweils einen muslimischen und einen christlichen Religionslehrer gab. Wenn einer von ihnen krank wurde, übernahm der andere den Religionsunterricht in der anderen Konfession. Auch wenn die meisten Ägypter immer noch ihre Einheit betonen, ist das Verhältnis inzwischen jedoch wesentlich gespannter. Die zahlreichen verbalen und psychischen Angriffe der militanten Islamisten und der Salafisten in den letzten 30 Jahren haben bei den Christen eine tiefe Verbitterung hinterlassen und viele Muslime wurden von islamistischem Gedankengut beeinflusst, auch wenn sie Gewalt strikt ablehnen.

Der Staat hat an der Verschlechterung des Verhältnisses keinen unbeträchtlichen Anteil. Schon Präsident Sadat und nach ihm Präsident Mubarak versuchten, den Islam zu instrumentalisieren, um ihre Legitimation auf dem Hintergrund ihrer schwindenden Popularität zu erhöhen. Statt die Überreste juristischer oder de facto Diskriminierung von Kopten, etwa beim Bau von Kirchen oder der Besetzung bestimmter Ämter abzuschaffen, verfolgten die Regime einen populistischen Diskurs, der keine eindeutige Position in Bezug auf die unbedingte staatsbürgerliche Gleichstellung aller Ägypter unabhängig von ihrer Religion bezog. Nach einer von Präsident Sadat initiierten Verfassungsänderung ist die islamische Scharia jetzt nicht mehr eine Quelle sondern die Hauptquelle der Gesetzgebung. Auch bei Auseinandersetzungen um intellektuelle und kulturelle Produktionen, die angeblich den Islam diffamieren, präsentierte der Staat sich oft als Schutzmacht des Islam. Dazu gehören Verbote von Romanen oder Filmen aber auch der Fall des ägyptischen Koranwissenschaftlers und Literaturprofessors Nasser Hamed Abu Zayd, der aufgrund seiner Schriften 1993 von einem Gericht in Kairo zum Ungläubigen erklärt und von seiner Frau zwangsgeschieden wurde. Durch die Unterstützung oder Zulassung solcher Verbote und Urteile reproduzierte und verstärkte der Staat die islamistischen Argumentationen und Interpretationen der Religion. Außerdem wurde dem Regime auch immer wieder vorgeworfen, selbst konfessionelle Spannungen zu provozieren, um regimekritische Proteste umzulenken. Schon vor und besonders nach der Revolution erschienen zahlreiche Presseberichte über Vorwürfe einer Verwicklung des Innenministeriums in anti-koptische Angriffe von Islamisten und sogar in Attentate.

In den letzten Jahren gab es zahlreiche Anschläge gegen Christen und christliche Einrichtungen. Am 7. Januar 2010, dem koptischen Weihnachtstag, wurden in der oberägyptischen Provinzstadt Naga' Hamadi sieben Menschen erschossen, als sie aus der Kirche kamen. Die Attentäter waren von einem NDP Politiker angeheuert worden. Am letzten Weihnachtsfest vor der Revolution wurden 21 Menschen durch eine Bombe vor einer Kirche in Alexandria getötet. Der Salafist Seyed Bilal wurde im Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen und starb ohne Schuldbeweise unter der Folter. Die Salafisten selbst verurteilten den Anschlag. Nach der Revolution wurden Dokumente gefunden, die eine Verwicklung des Staatssicherheitsdienstes (SSD) in die Anschläge nahelegen. Nach Berichten des saudischen Fernsehsenders Al Arabiya weisen auch geleakte Dokumente des britischen Geheimdienstes auf eine Verbindung hin. Die Vorwürfe gegen das Innenministerium werden gegenwärtig von der Staatsanwaltschaft untersucht.

Trotz der starken Betonung der Revolution von Menschenrechten, Toleranz und nationaler Einheit kam es nach der Revolution zu einer Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen. Dabei kam es zu mehr als 30 Toten und hunderte Verletzten. Presseberichte legen nahe, dass Personen aus den Sicherheitskräften und Salafisten eine Reihe dieser Vorfälle, u.a. in den Kairener Stadtteilen Manshiet Nasser, Imbaba und Ain Schams sowie in dem Dorf Atfih in der Nähe von Kairo, mit provozierten. Aber auch eine Reihe banaler Streits zwischen Nachbarn, die zufällig verschiedenen Konfessionen angehören, entwickelten sich zu konfessionellen Auseinandersetzungen. Als Antwort kam es zu zahlreichen Demonstrationen zur Betonung der Einheit von Muslimen und Christen, an denen Millionen von Ägyptern teilnahmen. Auf den meisten Transparenten, Flugblättern und Graffitis ist seither das Symbol von Koran und Kreuz als Zeichen der Einheit zu sehen. Viele Ägypter, darunter selbst prominente Salafisten, beteiligten sich an Aktionen zum Schutz oder Wiederaufbau zerstörter Kirchen. Im Frühjahr 2011 veranstalteten Kopten mit muslimischen Unterstützern ein dreiwöchiges sit-in vor dem staatlichen Fernsehgebäude Maspero und nach gewaltsamen Auseinandersetzungen um den Bau einer Kirche in Assuan im Oktober 2011 gab es dort eine große Demonstration. Angriffe der Armee- und Sicherheitskräfte auf die Demonstration, bei der mindestens 27 Menschen starben, führte jedoch zu großer Verbitterung und veranlasste eine wachsende Zahl von Kopten zur Migration.

Geschlechterverhältnisse

Überblick

Index der Kluft zwischen den Geschlechtern (gender gap index)

Ägyptens Rang im seit 2006 vom Weltwirtschaftsforum (WEF) erstellten Index der Kluft zwischen den Geschlechtern ist ziemlich weit unten. 2009 nahm Ägypten Rang 126 von 134 und 2011 Rang 123 von 135 Ländern ein. Auf einer WEF Auswahlliste von 58 Ländern stand das Land 2011 ganz unten auf Rang 58 von 58 Ländern.

Diagramm Verhältnis von Frauen zu Männern, verschiedene Indikatoren
Diagramme: MA, Quelle der Daten: WEP gender gap ranking 2011
Diagramm Plätze Ägyptens auf der WEP gender Index Rangliste, verschiedene Indikatoren
(Verhältnis Frauen zu Männern, z.B: 1 = 1 Frau:1 Mann, 0.2 = 2 Frauen:10 Männer)

Geschlechterrollen, Familie und Alltag

Traditionelle Geschlechtervorstellungen und Rollenverteilungen werden sowohl von der Tradition, Religion und Kultur als auch von den konkreten sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen geprägt. Die Religionszugehörigkeit ist in Ägypten kein wesentliches Kriterium für unterschiedliche Geschlechtervorstellungen. Wohnort, Bildung und soziale Schichtzugehörigkeit spielen dagegen eine stärkere Rolle. Die traditionelle Rollenvorstellung weist Männern die Aufgabe der materiallen Versorgung der Familie und ihrer Repräsentation nach außen zu während Frauen die Verantwortung für reproduktive und pflegerische Aufgaben haben. Außerdem ist die Ehre der Familie traditionell an die Kontrolle der Sexualität der Frauen gebunden. Sexualität wird durchaus positiv gesehen, allerdings nur im Rahmen einer legitimen Ehebeziehung. Daraus leiteten sich traditionell und leiten sich zum Teil immer noch eine Vielzahl von Verhaltensvorschriften und Beschränkungen der Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit für Frauen ab. Die traditionellen Rollenvorstellungen wurden jedoch in den letzten Jahrzehnten durch den rapiden sozialen und ökonomischen Wandel stark erschüttert. Viele Familien kommen nicht mehr ohne Arbeit und Einkommen der Frauen aus und die meisten Ägypter sehen in ihrem Umfeld viele Beispiele, in denen der Mann plötzlich ohne geregelte Arbeit dasteht und die Frau einspringen muss. Frauen müssen heute in der Lage sein, sich in der Arbeitswelt und im öffentlichen Raum mehr oder weniger wie ein Mann zu bewegen und durchzusetzen und der gestiegene Zugang zu Bildung, die Tendenz zur Verstädterung sowie die Möglichkeiten des modernen Lebens veränderten auch die Lebensentwürfe und Partnerschaftsbeziehungen der Ägypter.

Mädchen und Jungen in einer Tanzgruppe
Als Kinder haben Mädchen und Jungen noch weitgehend gleiche Bewegungs- und Aktionsfreiheit - © MA
Junger Mann und junge Frau am Abend auf dem Tahrir Platz
Aber nicht alle jungen Frauen können wie diese auch abends unbegleitet ausgehen - © MA
Frau mit Kindern und Mutter
Auch von arbeitenden und kranken Frauen wird erwartet, daß sie die Hauptlast der reproduktiven Aufgaben tragen. Oft helfen ihre Mütter ihnen aus - © MA
Ältere Frau
Ältere Frauen mit viel Lebenserfahrung haben oft einen angesehenen Status als Ratgeber und Schlichter von Streits - © MA

Es gibt heute eine Vielzahl verschiedener Formen, wie Ägypterinnen und Ägypter ihr Leben, ihre Familie, ihre Arbeit und ihre sozialen Beziehungen gestalten. Die Geschlechterbeziehungen werden ständig neu ausgehandelt und sind auch in der Öffentlichkeit ein großes Thema. In den meisten Gesellschaften ändert sich die soziale Praxis schneller als die normativen Vorstellungen. Oft stellen Ägypter/-innen die traditionellen Geschlechterrollen nicht grundsätzlich in Frage, aber sie interpretieren sie neu. Dabei stehen ihnen eine Vielfalt von religiösen, staatlichen und Entwicklungsdiskursen zur Verfügung, die Argumente zur Rechtfertigung ganz verschiedener Praktiken bieten. Einen Einblick über die Vielfalt von Meinungen und Praktiken gibt eine etwas ältere Studie der japanischen Entwicklungsorganisation JICA von 2004, die aber in vielem auch heute noch aktuell sein dürfte.

Die Revolution hat allerdings auch die Polarisierung der ägyptischen Gesellschaft in Bezug auf Frauenrechte und Lebensformen an die Oberfläche gebracht und zum Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen gemacht. Viele Frauen und säkulare Kräfte befürchten vor allem die extremen Positionen der Salafisten und anderer radikaler Islamisten, von denen viele Frauen am liebsten zwangsverschleiern und aus dem öffentlichen Leben weitgehend verbannen würden oder den öffentlichen Raum zumindest nach Geschlechtern getrennt gestalten würden. Es besteht die Gefahr, dass wichtige Errungenschaften der letzten Jahre durch das von Muslimbrüdern und Salafisten dominierte erste Parlament nach der Revolution rückgängig gemacht werden und dass die Auseinandersetzung über die Stellung der Frau ins Zentrum der Diskurse über Ägyptens kulturelle Identität sowie eine islamische oder säkulare Ausrichtung des Staates rückt. Inwieweit nennenswerte Teile der ägyptischen Bevölkerung tatsächlich die radikalen Islamisten in ihrer frauenfeindlichen Interpretationen der islamischen Religion anschließen, bleibt abzuwarten. Im besten Fall, das heißt wenn es gelingt, ein Minimum an tragfähigen demokratischen Rahmenbedingungen durchzusetzen, können die verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Kräfte weiterhin relativ offen agieren und konkurrieren. In diesem Fall wird die Instrumentalisierung der Religion für politische Interessen nicht mehr so einfach möglich sein wie noch unter den Bedingungen der Diktatur. Dies wäre eine Chance für die ägyptische Gesellschaft, Probleme zu lösen, die lange Jahre verdeckt waren und negiert wurden. Dazu gehört auch eine Neudefinition der Geschlechterverhältnisse auf der Basis grundlegender Menschenrechte.

Geschlechterverhältnis im Recht

Aufkleber der ägyptischen Frauenrechtsgruppe Bahya ya Masr, der zur Ablehnung des frauenspezifischen Artikels 36 des Verfassungsentwurfs aufruft
Aufkleber der ägyptischen Frauenrechtsgruppe Bahya ya Masr, der zur Ablehnung des frauenspezifischen Artikels 36 des Verfassungsentwurfs aufruft

Die von 1971 bis zur Revolution gültige Verfassung gestand Frauen grundsätzlich die gleichen Staatsbürgerrechte und rechtliche Gleichbehandlung zu. Außerdem ratifizierte Ägypten schon 1981 die UN Konvention zur Beseitigung jeglicher Form von Diskriminierung von Frauen (CEDAW), allerdings mit Vorbehalten, die mit der Scharia begründet werden. Diese Vorbehalte bestehen vor allem in Bezug auf das Familien- und Personenstandsrecht, das als einziger Rechtsbereich ganz auf religiösem Recht beruht und für die verschiedenen Konfessionen je nach ihrer eigenen Religion geregelt ist. Wenn die Beteiligten in einem Familienrechtsstreit verschiedenen Konfessionen angehören, wird islamisches Recht angewandt

Die im Dezember 2012 in einem umstrittenen Referendum angenommene neue Verfassung bindet die Rechte von Frauen jedoch noch stärker als die alte Verfassung an die islamische Scharia, was viele unterschiedliche Interpretationen zulässt und die Gefahr der Diskriminierung mit religiöser Legitimation beinhaltet. Die neue Verfassung betont die reproduktiven Aufgaben von Frauen in der Familie. Artikel, die Schutzmechanismen vor Frauenhandel und Gewalt beinhalten, sind schwächer formuliert als in der alten Verfassung. Die neue Verfassung überträgt dem Staat zwar die Verantwortung für die Garantie der Rechte von Frauen, beinhaltet aber entgegen den Forderungen von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen keine Vorgaben wie dies geschehen soll. Eine Reihe zivilgesellschaftlicher Organisationen veröffentlichten kritische Erklärungen zur Verfassung, die auch eine Kritik an der Formulierung von Frauenrechten in der Verfassung beinhalten. Auf englisch verfügbar sind z.B. die Erklärung von ANHRI (arabisches Netzwerk für Menschenrechtsinformationen) sowie eine gemeinsame Erklärung verschiedener politischer Kräfte und Personen des öffentlichen Lebens.

In den Jahren vor der Revolution waren eine Reihe von Verbesserungen zugunsten von Frauen eingeführt worden. Die wichtigsten davon betreffen das Recht von Frauen, ihre Staatsbürgerschaft an ihre Kinder weitergeben und sich jetzt auch gegen den Willen des Mannes und ohne Beweis schwerwiegender Verletzung der seiner Pflichten scheiden lassen zu können. Diese neu eingeführte sogenannte khula' Scheidung setzt allerdings voraus, dass die Frau alle materiellen Geschenke des Mannes zurückgibt und auf die finanziellen Zuwendungen verzichtet, die ihr zustehen, wenn der Mann sich von ihr scheiden lässt oder wenn sie die Scheidung nach oft jahrelangen Gerichtsverfahren aufgrund des Beweises der Nichterfüllung der Pflichten des Mannes erwirkt. Für Christen wurde das Scheidungsrecht in den letzten Jahren de facto verschärft. Sie können sich nur noch im Fall von Ehebruch scheiden lassen, der nur schwer nachzuweisen ist. Christen, die sich scheiden lassen wollten, suchten bis vor kurzem oft den Ausweg, zu einer anderen christlichen Konfession oder zum Islam überzutreten, um eine Scheidung zu erwirken, da in beiden Fällen Schari'a Recht angewandt wird. Eine Absprache der christlichen Kirchen, solche Konvertierungen nicht mehr zuzulassen, schränkte diese Möglichkeit jedoch auf den Übertritt zum Islam ein. Die Führung der koptischen Kirche wandte sich außerdem vehement gegen die Möglichkeit der Wiederverheiratung von Geschiedenen, die 2010 zunächst von einem Gericht zugelassen wurde. Dies führte zu einer Reihe von Demonstrationen von Kopten, unterstützt von Muslimen, die die Einführung der Zivilehe in Ägypten forderten.

Die erste Richterin Ägyptens Tahany Al Gibaly in einer Fernsehsendung
Die Ernennung von Tahany Al Gibaly, zur ersten Richterin Ägyptens und zur Vizepräsidentin des Verfassungsgerichts machte den Weg für die Berufung weiterer Richterinnen bereit, von denen viele an Familiengerichten arbeiten. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer frauengerechteren Rechtssprechung in Familienangelegenheiten - Standbild: On-TV Sendung "Baladna Al Masry" vom 20.7.2011

Mit der Reform des Familienrechts im Jahr 2000 wurde auch das Sorgerecht für Frauen verbessert. Die Kinder können jetzt bis zum 15. Lebensjahr und nach ihrem Wunsch auch bis zu ihrer Heirat bei der Mutter bleiben, allerdings nur wenn diese sich nicht wieder verheiratet. Diskriminierungen bestehen jedoch weiterhin im Erbrecht, das muslimischen Männern grundsätzlich einen doppelt so hohen Anteil wie den Frauen zugesteht. Die religiöse und historische Begründung, dass Männer für den Unterhalt ihrer weiblichen Verwandten zuständig sind, widerspricht jedoch der heutigen Realität, in der 33% aller ägyptischen Familien von Frauen unterstützt werden, 2,5 Millionen Ehen geschieden wurden und 24% aller Geschiedenen ihre Kinder allein ohne Unterstützung groß ziehen.  Auch im Fall von Ehebruch werden Frauen strenger bestraft als Männer und müssen mehr Auflagen erfüllen, um Ehebruch zu beweisen. Weitere Probleme im ägyptischen Recht bestehen in Bezug auf fehlende Schutzbestimmungen für Frauen im Fall von häuslicher Gewalt sowie dem "Verkauf" von jungen Frauen an reiche Golfaraber im Rahmen einer "Sommerehe". Detaillierte Informationen zur Frauen im ägyptischen Recht sind in einem Schattenbericht für die CEDAW Kommission zu finden.

Die neue Verfassung eröffnet nach Meinung der Kritiker viele Türen, um diese in den letzten Jahren errungenen Rechte für Frauen wieder abzuschaffen und Frauen insgesamt viele ihrer Rechte vorzuenthalten. Schon nach ihrem Erfolg in den Parlamentswahlen hatten eine Anzahl islamistischer Parlamentsmitglieder eine Reihe von Gesetzesvorschlägen eingereicht, die den Schutz und die rechtliche Stellung von Frauen verschlechtert hätten, darunter die Senkung des Heiratsalters von Mädchen auf 12 Jahre, die Erschwerung der Scheidung auf Initiative von Frauen sowie die Abschaffung des Verbots der Genitalbeschneidung von Mädchen. Keine dieser Initiativen wurde jedoch als Gesetz verabschiedet. Die vagen Formulierungen in der neuen Verfassung und die starke Bindung der Frauenrechte an die islamische Scharia erweitern die Möglichkeiten für zukünftige Gesetzesinitiativen zur Beschränkung der Rechte von Frauen.

Frauen und Bildung

Diagramm Prozentsatz von Frauen verschiedener Altersgruppen, die nie eine Schule besucht haben
In den letzten Jahren verringerte sich die Lücke zwischen den Geschlechtern bei der Einschulung - Diagramm: MA, zugrundeliegende Daten: CAPMAS/UNFPA
Alphabetisierungsklasse für junge Frauen
Alphabetisierungsklasse für junge Frauen, die die Schule abgebrochen haben in einem informellen Viertel in Kairo - © MA
Computerunterricht für Graduierte von Alphabetisierungskursen
Computerunterricht für Graduierte von Alphabetisierungskursen in Kairo - © MA

In den letzten Jahren gab es zahlreiche Programme zur Förderung der Bildung von Mädchen und Frauen, die auch von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit unterstützt wurden. Trotzdem gibt es noch eine Reihe von Problemen. Ägypten hat nach wie vor eine der höchsten weiblichen Analphabetenraten im arabischen Raum. Nach Angaben der Weltbank sind immer noch fast 20% aller Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren Analphabeten. Nur Marokkos steht in der Kategorie der arabischen Länder mit unteren mittleren Einkommen noch schlechter da. In der Altersgruppe 15 bis 49 Jahre sind insgesamt 35,3% aller Frauen Analphabeten. Es gibt jedoch große regionale Unterschiede. In der Stadt können über 80% der Frauen lesen und schreiben, auf dem Land nur knapp über 50%. In Oberägypten ist die Analphabetenrate deutlich höher als in Kairo und im Nildelta. In Oberägypten haben fast 43% aller Ägypterinnen aber nur knapp 22% aller Männer nie eine Schule besucht.

Es gibt sowohl ökonomische als auch kulturelle Hinderungsgründe, die Mädchen den Zugang zu Bildung erschweren. Der Schulbesuch belastet das Familienbudget nicht nur direkt mit zusätzlichen Ausgaben für Schuluniform, Bücher und Hefte, die Fahrt zur Schule und die inzwischen de facto obligatorischen von Lehrern angebotenen Zusatzlerngruppen. Dazu kommen noch Opportunitätskosten in Form von bezahlten Arbeiten oder die Unterstützung der Mutter bei der Hausarbeit und der Betreuung kleiner Geschwister, die Mädchen während der Schulzeit nicht machen können. Ersteres gilt auch für Jungen, aber bei knappem Budget hat der Schulbesuch der Jungen oft Priorität vor dem der Mädchen, da von ihnen später erwartet wird, ihre zukünftige Familie zu ernähren, was ohne Bildung zunehmend schwieriger wird. Auch wenn der Weg zur Schule weit oder nicht sicher ist, so dass Eltern befürchten, ihren Töchtern könnte unterwegs etwas zustoßen, werden Mädchen oft aus der Schule genommen.

Ab der Sekundarstufe ändert sich das Bild und die Geschlechterlücke beginnt sich zu schließen. Im Zeitraum 2005-2009 besuchten laut UNICEF 73% männliche und 69% weibliche Jugendliche eine Sekundarschule. Mit 49% sind heute fast die Hälfte der Studenten in den ägyptischen Universitäten und höheren Ausbildungsinstitutionen Frauen.

Frauen und Erwerbsarbeit

Die Fernsehmoderatorin Reem Maged
In bestimmten Berufen sind Frauen stärker representiert wie z.B. in den Medien... - Standbild: On-TV Sendung "Baladna Al Masry" vom 20.7.2011 mit der Moderatorin Reem Maged
Kindergärtnerin
...in erzieherischen und pflegerischen Berufen wie diese Kindergärtnerin... - © MA
Frauen, die Müll sortieren
...oder auch in bestimmten Tätigkeiten im informellen Sektor wie hier dem Sortieren von Müll - © MA

Erwerbstätigkeit ist einer der Bereiche, in denen die Kluft zwischen den Geschlechtern besonders hoch ist. Nur 16% aller ägyptischen Frauen über 15 sind erwerbstätig, ihr Anteil an der Gesamtzahl der arbeitenden Bevölkerung betrug in den letzten Jahren zwischen 23% und 24%. Sie ist die niedrigste unter vergleichbaren arabischen Ländern. Die Arbeitslosenrate von Frauen ist mit über 23% mehr als drei mal so hoch wie die von Männern. Arbeitslosigkeit in Ägypten ist vor allem ein Problem von Jugendarbeitslosigkeit und des Einstiegs in den Arbeitsmarkt. Während jedoch über 90% der Männer vor ihrem 30. Geburtstag eine Arbeit gefunden haben, trifft das nur auf 15% der Frauen zu. Statistisch sinkt die Beschäftigungsrate von Frauen ab 25 Jahren wieder, da viele heiraten und Kinder bekommen. Ein beträchtlicher Prozentsatz von Frauen steigt daher im Gegensatz zu Männern nach einigen Jahren Arbeitslosigkeit ganz aus dem Arbeitsmarkt aus. Nicht ausreichend berücksichtigt sind bei diesen Zahlen eine unbekannte Anzahl junger Frauen, die im informellen Sektor arbeiten. Da diese Arbeitsverhältnisse oft irregulär, prekär oder sozial nicht anerkannt sind, ist es wahrscheinlich, dass viele im informellen Sektor arbeitende Frauen ihre Arbeit bei Umfragen nicht angeben. Ein weiterer Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren Prozentsatzes arbeitender Frauen sind Schätzungen, die davon ausgehen, dass ein Drittel aller ägyptischen Haushaltsvorstände Frauen sind.

In Bezug auf die Bezahlung von Männern und Frauen für gleiche Arbeit schnitt Ägypten 2011 im oben abgebildeten WEF Index zur Kluft zwischen den Geschlechtern am besten von allen 135 erfassten Ländern ab. Laut Index bekommen Frauen für gleiche Arbeit im Durchschnitt 85% des Gehalts von Männern, relativ mehr als in Deutschland und allen anderen westlichen Ländern. Dieses Ergebnis verschleiert jedoch einen Teil der Realität. Arbeitsplätze sind in Ägypten stark segregiert nach Geschlechtern, wobei Männer überproportional in gut bezahlten Jobs repräsentiert sind und Frauen vorwiegend Arbeiten und Berufe ausüben, die wesentlich niedriger entlohnt werden wie z.B. die Textil-, Bekleidungs- und Nahrungsmittelindustrie sowie erzieherische und Pflegeberufe. Dies schlägt sich auch in einem anderen Indikator des WEF Index nieder, nach dem die Einkommen von Frauen nur 24% derer von Männern betragen. Die Amerikanische Universität in Kairo veröffentlichte 2009 ein Arbeitspapier, das auf eine Studie verweist, nach der Frauen im Durchschnitt mehr als ein Drittel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Kulturelle geprägte Vorbehalte spielen eine starke Rolle bei Diskriminierungen, vor allem in Bezug auf Fortbildungs- und Beförderungschancen. Aber auch fehlende Mechanismen, die es Frauen erleichtern, Kindererziehung und Erwerbstätigkeit gleichzeitig zu leisten. Selbst die lückenhaften gesetzlichen Schutzbestimmungen wie Mutterschaftsurlaub werden im Privatsektor und im informellen Sektor oft umgangen und Kinderkrippen gibt es nur als seltene Ausnahmen. Die NRO al-mara al gadida (Die neue Frau) hat in diesem Zusammenhang kürzlich eine Kampagne zur Verbesserung der Bedingungen arbeitender Frauen gestartet. Dazu gehört auch die Sensibilisierung und Mobilisierung gegen weit verbreitete unterschiedliche Formen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

Frauen und Gesundheit

Ägypten erzielte in einigen Bereichen reproduktiver Gesundheit beachtliche Fortschritte in den letzten Jahren. Unterstützt von USAID richtete das Gesundheitsministerium 2001 das Nationale Müttersterblichkeitsbeobachtungssystem ein. Verfügbare Daten zeigen, dass die Müttersterblichkeitsrate von 84/1000 im Jahr 2000 auf 62,7/1000 im Jahr 2006 gesenkt werden konnte. Dazu trug vor allem der erhöhte Zugang zu professioneller Geburtshilfe und die stärkere Verbreitung von Geburten im Krankenhaus bei. Auch der Prozentsatz von Paaren, die Verhütungsmittel zur Geburtenkontrolle nehmen, ist gestiegen und im Gegenzug ist der Prozentsatz von Frauen, die bei der Geburt jünger als 18 Jahre alt sind, von 23,7% im Jahr 1992 auf 15,8% im Jahr 2005 gesunken.

Diagramm über den Prozentsatz von Frauen verschiedener Altersgruppen, die beschnitten sind
Der Vergleich zwischen den Altersgruppen legt eine sinkende Tendenz von FGC nahe, vor allem wenn man bedenkt, daß die jüngeren Altersgruppen den älteren zahlenmäßig überlegen sind - Diagramm: MA, Daten: DHS 2008/UNFPA

Zu den größten Problemen, die die physische und psychische Gesundheit von Frauen beeinträchtigen, gehören jedoch nach wie vor die Genitalbeschneidung von Frauen (FGC) sowie häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung. FGC  wird  in Ägypten seit 2000 Jahren praktiziert und unter anderem mit der notwendigen Zähmung des sexuellen Verlangens von Frauen, ästhetischen Aspekten und der Religion begründet, obwohl weder der Islam noch das Christentum dies vorschreiben. Nach Angaben eines Faktenblattes der GIZ sind nach wie vor über 95% aller jemals verheirateten Frauen beschnitten, Musliminnen und Christinnen gleichermaßen. In den Städten sowie den gebildeten und wohlhabenderen Schichten ist die Rate mit 92% nicht wesentlich niedriger. Selbst in den reichsten Haushalten sind noch 88% der Frauen beschnitten. Die meisten Beschneidungen werden zwischen sieben Jahren und kurz vor der Pubertät durchgeführt, oft gemeinsam an allen Mädchen dieser Altersgruppe aus derselben Großfamilie. Drei Viertel der Beschneidungen werden von medizinischem Personal vorgenommen, der Rest von einem sogenannten "Beschneidungsfriseur" oder einer der Familie nahestehenden daya, die traditionell sowohl für Geburten als auch für Beschneidungen zuständig ist.

Plakat einer Anti-Beschneidungskampagne
Plakat einer Anti-FGC Kampagne. Auf dem Plakat steht: "Nein zur Beschneidung von Frauen" - Plakat: Caritas Ägypten

Mehrere Studien aus den letzten Jahren legen nahe, dass die Rate in den nächsten Jahren auf 50-60% sinken könnte, da viele Mütter und Väter, sicherlich auch als Ergebnis zahlreicher Kampagnen in den letzten Jahren, in Umfragen starke Zweifel an der Nützlichkeit der Praxis äußerten. 2007 erklärten sowohl Al Azhar als auch Dar El Ifta', dass FGC keine Basis im Islam hat. 2008 verschärfte der Staat das strafrechtliche Verbot von Beschneidungen nachdem zwei Mädchen nach einer Beschneidung gestorben waren. Trotzdem befürworten nach Angaben des jährlich herausgegebenen ägyptischen Entwicklungsberichts (EHDR) von 2010 nach wie vor 62% junger Ägypter und Ägypterinnen im Alter von 15-29 Jahren die Genitalbeschneidung von Frauen. Eine andere, 2007 von ägyptischen NROs durchgeführte Studie kam jedoch zu einem positiveren Ergebnis. 57% der in der Studie befragten Frauen aus allen Altersgruppen und Schichten sprachen sich klar gegen FGC aus. Viele Mütter sind hin- und hergerissen. Sie fühlen sich hauptsächlich verantwortlich für die Heiratschancen ihrer Töchter und wissen heute oft nicht mehr, ob diese mit oder ohne Beschneidung besser sind.

In den letzten Jahren wurden mehrere Studien zu Gewalt gegen Frauen durchgeführt, die alarmierende Ergebnisse zutage förderten, nicht nur in Bezug auf die weite Verbreitung der Gewalt, sondern auch in Bezug auf die weit verbreitete Unterstützung von Geschlechterstereotypen, die Gewalt rechtfertigen, durch die junge Generation und vor allem junge Männer. Eine UNFPA Studie fand zum Beispiel heraus, dass über 70% verheirateter Frauen und unverheirateter junger Männer der Ansicht waren, dass eine Frau, die nicht verheiratet schwanger wird, getötet werden sollte. Mehr als 53% der verheirateten Männer und sogar knapp 40% der unverheirateten jungen Frauen waren derselben Meinung. Erschreckend ist auch, dass junge, unverheiratete Männer wesentlich konservativer sind als ihre Väter und mehr Anspruch erheben auf ihr "Recht", ihre Schwestern und Ehefrauen zu kontrollieren, ihnen Kleidung und Verhaltensweisen vorzuschreiben, sie in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken und von ihnen Dienstleistungen einzufordern. Nach Angaben der UNFPA Studie waren mehr als drei von fünf verheirateten Frauen Gewalt von ihren Ehemännern ausgesetzt. Die Hälfte von ihnen sah diese Gewalt als gerechtfertigt an. In der oben erwähnten 2007 durchgeführten Studie ägyptischer NROs gaben 79% aller befragten Frauen an, einer oder mehrerer Formen häuslicher Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein, in der Regel vom Ehemann (55%), dem Vater oder dem Bruder. 6% gaben an, Opfer von sexueller Gewalt eines nahen Verwandten gewesen zu sein. Die Opfer kamen aus allen sozialen und Bildungsschichten.

Bild einer Frau, die von Soldaten zusammengeschlagen wurde
Das Bild der Frau mit dem blauen BH, die am 16.12.2011 von Sicherheitskräften zusammengeschlagen wurde, ging um die Welt - Standbild: On-TV Sendung "Akher Kalam" vom 20.12.2011
Bild von Azza Hilal im Krankenhaus, nachdem sie zusammengeschlagen wurde
Als Azza Hilal versuchte, der Frau mit dem blauen BH zu Hilfe zu kommen, wurde sie selber zusammen geschlagen und lag einen Tag lang im Koma - © MA
Die Ärztin Farida El Hessy, die in einem Feldkrankenhaus Verwundete versorgte
Die Ärztin Farida El Hessy war auf dem Weg zum Feldkrankenhaus, um Verwundete zu versorgen, als sie selbst von Sicherheitskräften verhaftet und geschlagen wurde - Standbild: On-TV Sendung "Akher Kalam" vom 20.12.2011

Gewalt, die sich spezifisch gegen Frauen richtet, ist auch in der Revolution ein großes Thema. Schon unter dem Regime Mubarak wurden Frauen zu verschiedenen Gelegenheiten Angriffen auf ihre körperliche Unversehrtheit und sexuellen Belästigungen durch Schlägertruppen ausgesetzt, um sie von ihrem politischen und sozialen Engagement abzuschrecken und auch nach der Revolution gab es solche Angriffe durch die Sicherheitskräfte. Im März wurden sieben Frauen Zwangsjungfernschaftstests unterzogen und im Dezember 2011 wurden zahlreiche Frauen gezielt angegriffen. Mehrere von ihnen brutal bewusstlos geschlagen und zum Teil auch sexuell belästigt. Amnesty International hat dazu mehrere Berichte veröffentlicht.

Graffiti einer Kampagne gegen sexuelle Belästigung
Graffiti einer Kampagne gegen sexuelle Belästigung - © MA
Graffiti einer Kampagne gegen sexuelle Belästigung
Graffiti einer Kampagne gegen sexuelle Belästigung - © MA
Graffiti auf dem steht: "Egal, wie ich angezogen bin -  mein Körper ist eine Grenze und wird nicht erniedrigt" - © MA
Graffiti auf dem steht: "Egal, wie ich angezogen bin - mein Körper ist eine Grenze und wird nicht erniedrigt" - © MA
Transparent auf dem steht: "Verboten für sexuelle Belästiger" - © MA
Transparent am Zugang zu einer Straße auf dem steht: "Verboten für sexuelle Belästiger" - © MA

Der oben erwähnten ägyptische Entwicklungsbericht (EHDR) 2010 stellt einen Zusammenhang zwischen Gewalt, Zwang und Kontrolle von Frauen und den unter Frauen weit verbreiteten depressiven und anderen psychologischen Störungen her. Nach Angaben des Berichts leiden 30% der Ägypterinnen an solchen Störungen, verglichen mit nur 12,6% Männern. Zu den Problemen, die dazu führen, gehören erzwungene Abhängigkeit, kulturelle Doppelstandards in der Ehe und sexuellen Beziehungen, geschlechtsspezifische Gewalt und Missbrauch in der Ehe, denen 32% der befragten Frauen ausgesetzt waren,  sowie sexuelle Belästigung, von der 48% betroffen war. In der oben genannten NRO Studie gaben sogar 64% der befragten Frauen an, sexueller Belästigung im öffentlichen Raum ausgesetzt gewesen zu sein. 12% wurden am Arbeitsplatz sexuell belästigt, die meisten von ihnen gebildete Frauen. Sexuelle Belästigung war ein großes Thema in Ägypten in den letzten Jahren, nachdem es an zu mehreren Vorfällen von Massenbelästigungen von Frauen durch Männergangs auf der Straße gekommen war. Die englischsprachige ägyptische Online Zeitung al-masry al-youm  schaltete 2011 eine Artikel Serie über sexuelle Belästigung, genannt "The Sexual Harrassment File". Auf den Massendemonstrationen während der Revolution waren Frauen dagegen fast völlig sicher vor sexuellen Belästigungen.

Partizipation von Frauen im öffentlichen Leben

Ägypterinnen spielen eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben, sind aber in formalen Entscheidungspositionen, in politischen Rollen, in der Justiz und den Berufsverbänden nach wie vor stark unterrepräsentiert und von bestimmten Positionen bislang ganz ausgeschlossen. Nur 1,8% der gewählten Gemeindevertreter in den letzten Gemeinderatswahlen vor der Revolution waren Frauen. Keine Frau war z.B. jemals Universitätspräsident oder Gouverneur einer der ägyptischen Provinzen. In der oberen staatlichen Verwaltungsebene sind jedoch viele Frauen in hohen Positionen zu finden. Einem Bericht des Staatsinformationsdienstes von 2009 zufolge, sind mehr als ein Viertel der Top Management Positionen in der Staatsverwaltung von Frauen besetzt. Rund 40% der Hochschullehrer und fast 30% der ägyptischen Diplomaten sind Frauen.

In den letzten Jahren wurden eine Reihe von Fortschritten erzielt. 2003 wurde zum Beispiel die erste Frau per Präsidialdekret als Richterin am Verfassungsgericht ernannt. Sie war die erste Richterin überhaupt im modernen Ägypten. Seit 2007 wurden 30 weitere Frauen as Richterin an Familiengerichte berufen und seitdem noch zahlreiche andere an verschiedene andere Gerichte. 2008 wurde die erste Frau als mazoun (eine Art Ehe Notar)eingestellt. Ein "mazoun" ist u.a. ermächtigt, Ehen und Geburten zu registrieren, beides Tätigkeiten, deren juristische Grundlage den Vorgaben des islamischen Rechts folgen und die bislang Männern vorbehalten waren. Im selben Jahr wurde in Oberägypten zum ersten mal eine Frau Bürgermeisterin.

Frau mit Megaphon auf einer Demonstration
Frauen spielen eine führende Rolle in der Revolution. Sie organisieren Aktivitäten und Demonstrationen... - © MA
Mädchen, das Demonstranten mit Parolen anfeuert
...feuern Demonstranten mit Parolen an... - © MA
Angehörige eines getöteten Demonstranten auf einer Bühne auf dem Tahrir Platz
...rufen zur Solidarität mit den Familien der Opfer auf... - © MA
Rednerin auf einer Bühne auf dem Tahrir Platz
...analysieren und kommentieren die Ereignisse - © MA

Vor den Wahlen 2010 wurde eine Frauenquote eingeführt, die vorschrieb, dass 64 der 508 Parlamentssitze Frauen vorbehalten sind. Die Quote wurde jedoch nach der Revolution im Juli 2011 vom Militärrat wieder abgeschafft. Saßen vor der Revolution noch drei Frauen im Kabinett, gibt es nach der Revolution nur noch eine, die Ministerin für internationale Kooperation Fayza Abu Nagga, die zudem als Exponentin des alten Regimes von den Demonstranten abgelehnt wird. Keine einzige Frau wurde als Mitglied in den Rat aufgenommen, der nach der Revolution den Entwurf für die vorläufige Verfassung ausarbeitete und auch in den Beratungsgremien zur Ausarbeitung wichtiger Gesetze nach der Revolution waren Frauen nicht oder nur marginal vertreten.

Die Parlamentskandidatin Gamila Ismail
Gamila Ismail, eine der wenigen aussichtsreichen Kandidatinnen in den ersten Parlamentswahlen nach der Revolution - © MA
Wahlplakat der Nour Partei mit einer Rose statt einem Foto für eine Parlamentskandidatin
Weibliche Kandidatinnen der salafistischen Nour Partei waren auf den Wahlplakaten der Partei durch eine Rose... - © MA
Wahlplakat der Nour Partei mit Namen und Foto des Ehemannes einer Parlamentskandidatin statt ihren eigenen
...oder das Foto und den Namen ihres Ehemannes statt ihres eigenen Fotos und Namens repräsentiert - © MA

In den ersten Parlamentswahlen nach der Revolution wurden nur acht Frauen ins Parlament gewählt, zwei weitere wurden vom Militärrat ernannt. Damit sind Frauen nur mit 2% im Parlament mit insgesamt 508 Sitzen vertreten. Dieses Ergebnis liegt weit unter dem arabischen Durchschnitt von 13% und wirft viele Fragen auf. Frauen waren maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung aller Aktionen und Ereignisse vor und während der Revolution sowie auch an den Streiks und Protestaktionen der Jahre vor der Revolution beteiligt. Der Mut, die Dynamik und die Entschlossenheit von Frauen wird immer wieder in der Presse hervorgehoben. Trotzdem sind Frauen in allen formalen und semi-formalen Gremien, in denen politische Entscheidungen oder Gesetze diskutiert werden, aber auch in politischen Talkshows und Fernsehprogrammen unterrepräsentiert. Auf den Parteilisten nahmen sie in der Regel die unteren Ränge ein mit so gut wie keiner Chance, gewählt zu werden. Auf den Wahlplakaten der salafistischen Nour Partei wurden die Fotos der weiblichen Kandidaten von einer Rose ersetzt, da nach Ansicht der Salafisten Frauen ihr Gesicht nicht zeigen sollten.

Die Präsidentschaftskandidatin Buthaina Kamel
Die einzige weibliche Präsidentschaftskandidatin bis jetzt, Buthaina Kamel, in einer Fernsehsendung - Standbild: Masriya Mubasher vom 21.11.2011

In Analysen werden vor allem drei Gründe für das Missverhältnis zwischen der aktiven Teilnahme von Frauen an allen gesellschaftlichen Aktivitäten und ihrer mangelnden Repräsentation in Medien und Entscheidungsgremien genannt: ein nach wie vor bestehendes Misstrauen in die Fähigkeiten von Frauen, das Vorherrschen einer auf Konkurrenz und Ausschluss von Kontrahenten aufbauenden stark patriarchalisch geprägten politischen Kultur, die für Frauen eher abstoßend wirkt, sowie ein Mangel an Erfahrung, Unterstützung und Ressourcen, die es Frauen erschwert, sich zu präsentieren und bekannt zu machen. Eine Ausnahme ist die 49-jährige Präsidentschaftskandidatin Buthaina Kamel, eine ehemalige Fernsehmoderatorin und Aktivistin, die durch ihre klare Stellungnahme für die Forderungen der Revolution sowie ihre unermüdliche Basisarbeit in ihrer Kampagne bekannt ist. Sie trat später von der Kandidatur zurück. Trotz ihrer begrenzten Chancen bei der Wahl hat sie viele Anhänger, vor allem unter den jüngeren Ägyptern.

Der zunehmende Druck auf Frauen im öffentlichen Raum stellt jedoch ein anhaltendes Problem dar. Sexuelle Belästigung und Bedrohungen nahmen in den letzten Monaten deutlich zu. Trotz ihrer aktiven Beteiligung an der Revolution drohen Frauen im öffentlichen Leben marginalisiert zu werden. In den vielen politischen Talkshow- Sendungen z.B. tauchen Frauen mit wenigen Ausnahmen nur als Moderatorinnen auf.

Ägyptische Frauenrechtsorganisationen (Auswahl)

Es gibt in Ägypten eine Vielzahl von Frauenrechtsorganisationen. Die meisten haben auch englischsprachige Webseiten. Untenstehend eine Auswahl:

Im Oktober wurde auch die ursprünglich 1923 von der bekannten Frauenrechtsaktivistin Hoda Sha'rawi gegründete Ägyptische Feministische Union als Ergebnis der Kooperation von mehr als 1000 Frauengruppen aus ganz Ägypten wiederbelebt. Sie will sich nicht nur für die Rechte der Frauen einsetzen, sondern auch die Beteiligung von Frauen an der Ausarbeitung von Entwicklungskonzepten und an politischen Entscheidungen fördern. Von staatlicher Seite wurde schon 2000 der Nationale Frauenrat (NFR) gegründet, dessen Aufgabe Gender main streaming durch Politikberatung und Öffentlichkeitsarbeit ist. Der NFR wurde nach der Revolution wegen seiner Verflechtung mit der Frau des Präsidenten, Suzanne Mubarak, zunächst geschlossen aber im September 2011 wieder aktiviert. Frauenorganisationen kritisieren die Tendenz des Staates, auch nach der Revolution, den NFR als einzigen Partner des Staates für Frauenbelange zu betrachten und zivilgesellschaftliche Organisationen aus den Politikformulierungs- und Entscheidungsprozessen auszuschließen.

Bildung

Demonstrationsplakate gegen die schlechte Bildungsqualität
Bildung ist ein wichtiges Thema in der Revolution. Auf den Plakaten steht: "Schule = Müll x Korruption" und "Universität = Korruption x Korruption" - © MA
Zeugnis und Prüfungsbogen des ägyptischen Bildungsministeriums
Die Qualitätsprobleme des ägyptischen Bildungssystems drücken sich selbst in Fehlern auf offiziellen Dokumenten der Schulbehörde aus wie auf diesem Zeugnis und dem Prüfungsbogen
Schüler in einer Schule in Kairo sitzen mangels Bänken auf dem Boden
In manchen informellen Vierteln gibt es nicht einmal genügend Schulbänke für die Schüler - © MA
Kindergarten in einem informellen Viertel in Kairo
Viele lokale NGOs versuchen trotz knapper Mittel mit viel Kreativität die beengten Kindergärten zu modernisieren - © MA

Der Bildungssektor stellt eine der größten Herausforderungen für Ägypten dar: Trotz gestiegener Investitionen ist die Infrastruktur an Bildungseinrichtungen noch lückenhaft; das rasche Bevölkerungswachstum verstärkt das Problem. Auch in den Gouvernements, in denen die Lebensqualität laut HDI vergleichsweise hoch eingestuft wird, wie Port Said, Suez oder Kairo (im Unterschied zu den niedrig eingestuften Beni Suef, Assiut und Suhag), sind die Probleme im Bildungsbereich der Faktor, der diese am meisten beeinträchtigt. Für eine grundlegende Reform sind beträchtliche zusätzliche Investitionen des Staates möglich. Im neuen Haushaltsbudget für das Finanzjahr 2012/2013 sind jedoch für den Bildungs- und Gesundheitssektor zusammen weniger als 400 Mio. Euro bereitgestellt, was nach Meinung von Experten für nicht viel mehr als die Deckung der laufenden Kosten in beiden Sektoren ausreicht.

Die öffentliche Schulbildung ist in Ägypten zwar kostenlos, aber von niedriger Qualität. Lehrer sind stark unterbezahlt. In der Konsequenz hat sich eine, wiewohl immer wieder angeprangerte, Kultur des von denselben Lehrern bestrittenen privaten (und besser bezahlten) Unterrichts nach Schulschluss entwickelt. Bisherige Anstrengungen, die Lage zu verbessern, beinhalteten die Verlängerung der Schulpflicht von 8 auf 9 Jahre, gültig seit 1999. Damit wird die sechsjährige Grundschulzeit und eine dreijährige Vorbereitungszeit abgedeckt; darauf folgt optional eine dreijährige Sekundarschulbildung.

Die Hochschulbildung untersteht einem eigenen Ministerium. Die unter Gamal Abdal Nasser durchgeführte Bildungsreform weitete den Zugang zu den Hochschulen stark aus. Über 1,3 Millionen Studenten werden heute an Ägyptens dreizehn staatlichen Universitäten ausgebildet. Die große Anzahl an Studierenden bedingt auch hier oft ein relativ niedriges Unterrichtsniveau, wer es sich leisten kann besucht eine der teuren Privathochschulen.

Es gibt sechs private Universitäten, darunter die alteingesessene American University in Kairo. Die im Oktober 2003 eröffnete German University Cairo bietet sechs technisch orientierte Studiengänge an, die auf deutschen Lehrplänen aufbauen. Die große Anzahl an Hochschulabsolventen kann vom Arbeitsmarkt nicht absorbiert werden, Arbeitslosigkeit unter jungen graduierten Akademikern ist in Ägypten ein zentrales Problem.

Ähnliches gilt für andere qualifizierte Berufe: Zwar mangelt es an Personal in verschiedenen Bereichen, doch zugleich ist das Berufsausbildungssystem lückenhaft und die Einstellungsverfahren oft intransparent. Die 1991 gegründete Mubarak-Kohl-Initiative implementiert die duale Berufsbildung nach deutschem Vorbild in Ägypten und soll diesem Problem so entgegenwirken.

Gesundheit

Mann mit Verletzungen durch Schüsse mit Streumunition
Die etwa 11000 Verletzten der Revolution sind eine Herausforderung für das Gesundheitssystem. Hier eine leichtere Verletzung durch Schüsse mit Streumunition - © MA
Der 17 jährige Amgad, der einen Kopfschuß überlebte
Dieser 17 jährige überlebte einen Kopfschuß und wird sich erst nach 2 Jahren Physiotherapie wieder einigermaßen normal bewegen können - © MA
Graffiti-Kette zum Andenken an Demonstranten, die Augenverletzungen durch Schüsse erlitten
Dies ist ein Ausschnitt aus einer langen Kette von Gesichtern zum Gedenken an die etwa 1200 Demonstranten, die durch gezielte Schüsse ihr Augenlicht verloren - © MA
Die Ärztin und Organisatorin von Feldkrankenhäusern Mona Mina
Die Ärztin Mona Mina organisiert die Feldkrankenhäuser bei Demonstrationen mit, ist Gewerkschaftsaktivistin und setzt sich für Reformen des Gesundheitssystems ein - Standbild: On-TV Sendung "Akher Kalam" vom 20.12.2011

 

Der Großteil der ägyptischen Bevölkerung ist über den Staat versichert; problematisch ist, dass diese Versicherung an Ausbildung oder Arbeitsplatz gekoppelt ist, und Arbeitslose oder Arme daher ausschließt. Wegen der teils gravierenden Qualitätsmängel in der staatlichen Versorgung - mangelnde Hygiene oder vernachlässigte Wartung von Geräten ebenso wie unterbezahltes Personal - meidet, wer kann, die großen Krankenhäuser ohnehin zugunsten privater Kliniken. Aktuell soll ein neuer Gesetzesentwurf das Problem angehen und eine adäquate Krankenversicherung schrittweise auf alle Bevölkerungsgruppen ausdehnen. Das neue Gesundheitsbudget stieß jedoch auf massive Kritik bei Experten aus der Zivilgesellschaft. Für Ausgaben im Gesundheitswesen sind im Budget nur 4.8% statt der 15% vorgesehen, die in der öffentlichen Diskussion allgemein als notwendig für Gesundheitsreformen und Verbesserung der Gesundheitsversorgung gelten.

Während die medizinische Infrastruktur außerhalb der Städte sich in manchen Gegenden auf eine Apotheke beschränkt, ist die Krankenversorgung in den großen Städten deutlich besser; private oder Universitätskliniken bieten teils eine ausgezeichnete Versorgung.

Gesellschaftlich bedingte Gesundheitsprobleme betreffen in erster Linie Frauen aus ärmeren Gegenden, sei es durch frühe Verheiratung und entsprechend frühe Schwangerschaften, oder durch Mädchenbeschneidung, die - trotz gesetzlichen Verbots und Gegenkampagnen mit immerhin zunehmendem Erfolg - in den ländlichen Gebieten nur langsam auszurotten ist. Auch Drogenmissbrauch ist weitverbreitet. Die Drogen der Reichen sind allerdings andere als die der Armen, die auf billigere chemische Substanzen oder pharmazeutische Produkte zurückgreifen.

Die HIV-Infektionsrate in Ägypten ist vergleichsweise niedrig. Es wird von zwischen 2 900 und 13 000 infizierten Personen ausgegangen. Die Übertragung findet meist bei ungeschütztem heterosexuellen Geschlechtsverkehr statt; 90% der betroffenen Frauen haben sich innerhalb der Ehe infiziert. Eines der größten Probleme bei der AIDS/HIV-Bekämpfung ist die mangelnde Aufklärung, vor allem Frauen sind - wegen ihres aufgrund der gesellschaftlichen Normen erschwerten Zugang zu Bildung und Information - oft schlecht informiert. In den letzten Jahren sind auf internationale Initiative Test- und Aufklärungszentren eingerichtet worden; eine überzeugende nationale Strategie zur AIDS-Bekämpfung besteht bisher nicht.

Im Unterschied zu AIDS sehr verbreitet ist Hepatitis C. Dies hängt - neben den üblichen Hygienemängeln in der Krankenversorgung - auch mit der häufigen unsterilen Behandlung von Schistosomiasis/Bilharziose in den 1950er bis 1980er Jahren zusammen. Durch den Bau von Staudämmen hat sich die Gefahr der Ansteckung mit dieser Wurmerkrankung, die man sich beim Schwimmen und Baden im Nil und in Süßwasserseen der Region zuziehen kann, noch erhöht; bei Einheimischen ist die Krankheit nicht selten chronisch und schwächt die menschlichen Organe. In Ägypten wird die Schistosomiasis für 20% aller Krebsfälle verantwortlich gemacht.

In Sachen psychische Gesundheit hat Ägypten kürzlich mit einem neuen Gesetz einen großen Schritt Richtung Wiedereingliederung und Rehabilitation von Patienten in psychiatrischer Behandlung gemacht. Zuvor waren diese in psychiatrische Anstalten verbracht worden, die sie oft nicht mehr verließen; die Gesetzgebung dazu stammte noch aus den 1940er Jahren.

Die Entscheidung des Gesundheitsministeriums im Juli 2012, die Preise für pharmazeutische Produkte nicht mehr nach dem Produktionspreis zu berechnen, sondern auf der Grundlage von Weltmarktpreisen, bewirkte jedoch einen Aufschrei. Viele befürchten, dass sich ärmere Ägypter aufgrund zu erwartender Preiserhöhungen viele Medikamente nicht mehr leisten können.

Kultur

HISTORISCHE SEHENSWÜRDIGKEITEN, ARCHITEKTUR UND MUSEEN

Ägypten hat eine lange kulturelle und zivilisatorische Geschichte, deren Zeugen als historische Sehenswürdigkeiten, architektonische Gebäude, in Museen und im Straßenbild im ganzen Land zu sehen sind. Informationen zu den vielfältigen künstlerischen und gesellschaftlichen Aspekte der verschiedenen historischen Epochen findet man schnell in folgenden Buchhandlungen:

 

Auf einer interessanten Webseite kann man online dreidimensional das Giza Plateau mit den großen Pyramiden auskundschaften.

INFORMATIONEN ZUR KUNST- UND KULTURSZENE IN ÄGYPTEN

Filmfestivals

  • Internationales Filmfestival Kairo (seit 1976), bis 1983 organisiert von der ägyptischen Vereinigung der Filmkritiker, seitdem vom Kulturministerium
  • Alexandria Internationales Filmfestival -  immer im August (seit 1979), organisiert vom Kulturministerium
  • Ismailiya Internationales Dokumentarfilmfestival, organisiert vom Kulturministerium

 

Die Ägypter sind Film- und Kinofans. Ägypter gehören auch zu den frühen Pionieren des Kinos. Das Land war lange Jahre unter den weltweit fünf größten Filmproduzenten. Auch ältere Filme der großen Stars dieser Zeit sind nach wie vor populär und werden auch heute noch regelmäßig im Fernsehen gezeigt. Einige der alten Filmstudios existieren heute noch. Die meisten dienen aber anderen Zwecken.

Die Schauspielerin Soad Hosni
Soad Hosni, einer der großen Stars des ägyptischen Kinos, hier in dem Film "khali balak min Suzu" - © El Archivgi
Die Schauspielerin Hind Rostom
Hind Rostom, die Marilyn Monroe des ägyptischen Kinos, hier in dem Film "Bab El Hadid" von Yussuf Shahin - © El Archivgi
Die Schauspielerin Naima Akef
Naima Akef, einer der frühen Stars des ägyptischen Kinos - © El Archivgi

 

Buchmessen

Internationale Buchmesse Kairo (Januar oder Februar), zwei Wochen auf dem Messegelände in Kairo, Begleitprogramm mit vielen kulturellen und politischen Versanstaltungen

  • Alexandria Nationale Buchmesse (Juli oder August)
Der Schriftsteller und Intellektuelle Taha Hussein
Der blinde Denker und Schriftsteller Taha Hussein spielte eine wichtige Rolle im intellektuellen Leben Ägyptens im 20. Jahrhundert - © El Archivgi
Der Romanschriftsteller Yahya Haqqi
Yahya Haqqi gehört zu den bekanntesten Romanschriftstellern Ägyptens - © El Archivgi
Der Schriftsteller Alaa El Aswani
Der zeitgenössische Schriftsteller Alaa El Aswani ist eigentlich Zahnarzt, ist aber seit der Veröffentlichung mehrerer Romane aktiv am politischen und intellektuellen Leben Ägyptens beteiligt - © MA

 

 

Musikfestivals

  • Festival der arabischen Musik (jährlich, Termine werden bekannt gegeben)
  • Fann Al Midan (jeden ersten Samstag im Monat auf dem Abdin Platz in Kairo)


Das Saiteninstrument "Oud"
Die wichtigsten traditionellen Musikinstrumente sind das Saiteninstrument "Oud"... - © El Archivgi
Die Rhythmusinstrumente "Tabla" und "Duff"
... die Rhythmusinstrumente "Tabla" und "Duff"... - © MA
Das Blasinstrument "Muzmar"
... das Blasinstrument "Muzmar"... - © MA
Das Streichinstrument "Rababa"
... und das Streichinstrument "Rababa" - © MA

 

Sonstige Festivals

  • Ismailiya Festival der Bildenden Künste (Ismailiya, Termine werden bekannt gegeben)
Nubischer Tanz, aufgeführt von Kindern
Kinder führen in einem Kulturzentrum in Kairo einen nubischen Tanz auf - © MA

Zusätzlich gibt es viele Festivals, die unregelmäßig oder einmalig von NGOs oder internationalen Kulturzentren und –instituten durchgeführt werden. Auch die Kultur- und Jugendzentren bieten Kulturveranstaltungen und -aktivitäten an. Zu den beliebtesten Aktivitäten gehören das Training von Kindern in modernisierten Formen traditioneller Tänze. Das Kulturministerium veranstaltet jährlich einen öffentlichen landesweiten Wettbewerb und Festivals für diese Gruppen.

 

Aktuelle Informationen zu kulturellen Veranstaltungen, Ausstellungen und Kulturfestivals

In Ägypten finden zahlreiche kulturelle Veranstaltungen und Kulturfestivals statt. Aktuelle Informationen zu diesen Veranstaltungen findet man unter anderem auf folgenden Webseiten:

 

Informationen zur aktuellen Kunst- und Kulturszene in Ägypten

Hintergrundinformationen zur aktuellen Kunst- und Kulturszene in Ägypten sowie Portraits von Künstlern, Schriftstellern etc. findet man u.a. im Kulturteil englischsprachiger Zeitungen und Zeitschriften (Links stehen in Kapitel 5). Der Blog TacheArt ist auf die moderne bildende Kunst-Szene spezialisiert. Die Webseiten allevents.in und Cairo Live Events Guide informieren über aktuelle kulturelle und andere Veranstaltungen, Festivals und Veranstaltungsorte.

VOLKSKULTUR, FESTE UND FEIERN

Die meisten Feste in Ägypten gehen auf religiöse oder sogar pharaonische Feiertage zurück. Sie werden in der Regel mit bunten Traditionen und speziellen Speisen gefeiert. Säkulare nationale Feste dagegen sind willkommene Ferientage, werden aber ohne besondere Traditionen meist mit Familienbesuchen oder Ausflügen gefeiert. Die wichtigsten Feste der Volkstradition sind folgende:

Fotos von Traditionen zum Frühlingsfest Sham El Nessim
Zum Fest Sham El Nessim färben die Ägypter Eier, picknicken und essen Fisch - Bild: MA

Sham El Nessim - das Frühlingsfest

Sham El Nessim bedeutet "Frühlingsluft schnuppern" und ist ein altes Fest zur Begrüßung des Frühlings, das bis auf pharaonische Zeiten zurück geht. Die Ägypter färben Eier als Symbol der Fruchtbarkeit wie in Europa zu Ostern. Wahrscheinlich kam die Tradition des Eierfärbens über die Ausbreitung der christlichen Kirchen nach Europa. Außerdem picknicken die Ägypter in Parks, am Nil oder auch auf den Grünstreifen zwischen den gegenläufigen Spuren der großen Straßen. Dabei werden "fisih", "ringa" oder "mulukha" gegessen, in Salz eingelegte und/oder geräucherte Fische - ebenfalls ein altes Symbol für Fruchtbarkeit.

Fotos zu den Traditionen zum Kinderfest Subua'
Mörser, Trommeln, Ulla oder Abrik und kleine Geschenke für die Gäste gehören zu den Gegenständen, die während eines Subua' zum Einsatz kommen - Bild: MA

Subua' - Das Fest zur Geburt eines Kindes

Auch Subua' geht auf pharaonische Traditionen zurück. Es ist ein Kinderfest und wird am siebten Tag nach der Geburt eines Kindes gefeiert. Die Zahl sieben ist wie in allen semitischen Kulturen eine Schutzzahl und spielt für Subua' eine große Rolle. Bei einem Subua' Fest werden sieben verschiedene Getreidesorten in einem Mörser gemahlen und dann verstreut, um dem Baby die Gefühle von Freude und Verantwortung seiner Verwandten zu signalisieren. Danach wird das Baby auf eine Decke über ein großes Tablett gelegt und daneben Tonfiguren mit einer Kerze - ein "abrik" für einen Jungen, eine "ulla" für ein Mädchen - gestellt. Der Rest des gemahlenen Getreides wird darum herum gestreut. Nacheinander schlagen die Gäste mit einem Stößel und Mörser aus Metall Rhythmen und informieren das Baby, auf wen es hören soll und wen es sich als Vorbilder nehmen soll. Nachdem alle zu bestimmten Rhythmen sieben mal über das Baby gestiegen sind, werden Subua' Lieder gesungen und gespielt und die Gäste tanzen mit den Kindern. Alle bekommen in Tüll und bunte Schleifen eingewickelte Sußigkeiten als Geschenke.

Fotos zu den Traditionen während des Ramadan
Fanous Laternen, Kunafa und Qatayef Süßigkeiten sind typisch für den Fastenmonat Ramadan - Bild: MA

Ramadan - der Fastenmonat der Muslime

Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime. Gefastet wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. In Kairo wird das Ende des Fastens täglich durch einen Kanonenschuß von der Zitadelle angekündigt. Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime. Er liegt jedes Jahr anders, da der islamische Kalender dem Mondjahr folgt. Im Jahr 2012 fängt Ramadan am 20. Juli and und dauert 30 Tage bis zum 18. August. In Ägypten gibt es im Ramadan viele Traditionen, die bis auf die Fatimidenzeit zurückgehen. Dazu gehören vor allem die Fanous Ramadan, die Ramadan Laternen, die aus recyceltem Blech und buntem Glas in vielen Formen, Farben und Größen hergestellt werden. Sie werden über die Straße gehängt, vor oder in Geschäften aufgestellt und bei Essenseinladungen zum Fastenbrechen, dem "Fitar" als Geschenke mitgebracht. Für die Ramadan Fitars werden oft aufwendige Speisen gekocht und sie dienen zur Vertiefung der familiären und anderer sozialer Beziehungen. Süßigkeiten wie das aus Teigfäden hergestellte Kunafa oder die aus gefülltem und frittiertem Brandteig bestehenden "Qatayef" gehören unbedingt dazu. Auch politische und zivilgesellschaftliche Organisationen sowie Betriebe und Behörden veranstalten Fitars für ihre Mitarbeiter oder für bestimmte Personengruppen, um guten Willen und soziales Miteinander zu fördern. Typisch für Ägypten sind auch die sogenannten "ma'ida al-rahman", Tische, die auf der Straße aufgestellt werden und für alle ein kostenloses Fitar anbieten. Sie werden von Geschäftsleuten, Politikern, Künstlern und anderen Personen aus dem öffentlichen Leben gesponsert und sind für die Armen oft die einzige Gelegenheit, einmal im Jahr täglich eine warme Mahlzeit zu bekommen. Nach dem Fitar gibt es viele kulturelle Veranstaltungen in Cafés, Kulturzentren, Restaurants, Hotels sowie den typischen bunten Ramadanzelten, die von vielen Gastronomiebetrieben auf der Straße errichtet werden. Die Ägypter machen im Ramadan die Nacht zum Tag und gehen erst nach Verzehren der letzten Mahlzeit vor Sonnenaufgang, dem "suhour" ins Bett.

Fotos zu den Traditionen zum kleinen und großen Eid Fest
Gebäck gibt es zum Fest des kleinen Eid, am großen Eid wird geschlachtet - Bild: MA

Eid El Fitr und Eid El Adha - Feste zum Ende des Ramadan

Eid El Fitr ist das Fest des Fastenbrechens zum Ende des Ramadan. Bei Sonnenaufgang gehen die Muslime zum Beten in die Moschee oder auf die großen Plätze vor zentralen Moscheen und danach nach Hause, um "Fetta" zu essen, ein Gericht aus Fleisch, Reis und einer Sauce aus Tomaten, Knoblauch und Essig. Danach bekommen die Kinder Geldgeschenke, mit denen sie Süßigkeiten und Feuerwerk kaufen können. Außerdem gehören zu Eid El Fitr auch besondere Kekse, "kahk el- 'eid" genannt. Die Familien besuchen sich, essen und sitzen zusammen. Eid El Adha ist das Opferfest, zu dem alle, die es sich leisten können, ein Tier schlachten, meist ein Lamm oder eine Ziege. Es ist eine religiöse Verpflichtung, Fleisch an arme Verwandte, Nachbarn oder Kollegen zu verteilen. Beide Eid Feste dauern vier Tage und werden für Besuche von Verwandten und Freunden genutzt, aber auch für Ausflüge und kurze Reisen, vor allem wenn sie zwischen zwei Wochenenden fallen.

Fotos zu den Traditionen zu Mulid El Nabi
Zu Moulid El Nabi werden die Moscheen geschmückt. Für die Mädchen gibt es Zuckerpuppen und für die Jungen Zuckerpferdchen - Bild: MA

Moulids - Feste zum Geburtstag wichtiger Persönlichkeiten der islamischen Geschichte

Zu den Moulids werden die Moscheen geschmückt und es vierzehn Tage lang pilgern die Gläubigen zu den Moscheen und nehmen an den vielfältigen Feierlichkeiten um die Moschee herum teil. Viele davon kommen aus der Fatimidenzeit und sind eher bunt als religiös. Da gibt es Feuerspucker, Geschichtenerzähler, Kichererbsenverkäufer, Schausteller von Straßenkunst, Anbieter von Kuriositäten, aber auch religiöse Gesänge und Darbietungen von Sufi-Orden (siehe oben unter "Religionen"). Viele Ägypter vom Land und aus den Volksvierteln der Städte campieren während dieser Zeit rund um die Moschee. Die Festlichkeiten kulminieren in "al-leila al-kibira", der großen Nacht. Der bekannte ägyptische Dichter und Karikaturist Salah Jahin hat zu al-leila al-kibira eine Puppentheater-Operette mit demselben Namen geschrieben, die in der ganzen arabischen Welt berühmt ist. Man kann sie in drei Teilen auf Youtube anschauen (Teil 1 - Teil 2 - Teil 3), Arabischkenntnisse sind nicht nötig, um sie zu genießen. Die größten Moulids in Ägypten sind Mulid Hussein und Mulid Seyeda Zeinab in Kairo sowie Mulid Seyed El Badawi in Tanta im Nildelta. Eine besondere Stellung hat Moulid El Nabi, der Geburtstag des Propheten, der am 12. Tag des islamischen Monats Rabia' Al Awal gefeiert wird. Das Fest ist ein nationaler Feiertag und dauert nur einen Tag. Auch an diesem Tag werden die Moscheen geschmückt. Für die Mädchen gibt es Zuckerpuppen und für die Jungen Zuckerpferdchen und für alle gibt es besondere Süßigkeiten, die überall im Land an bunten Ständen verkauft werden. Alkoholverkauf ist an diesem Tag ab dem Sonnenuntergang am Vortag verboten.

Das Länderinformationsportal

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Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im April 2016 aktualisiert.

Die Autorin

Rama Koziel: B.A. Anglistik und Politikwissenschaft. Personalwesenentwicklung, TOT, Capacity Building und Landesanalyse (Ägypten) Trainerin. Gutachterin für anspruchsvolle Jobcoaching Aktivitäten in der arabischen Sprache bei der GIZ (AIZ). Sie hat diverse Ägyptisch-Arabisch Lehrbücher verfasst.

Tipp zum Lesen

Sana Hassan, Christians versus Muslims in modern Egypt: the century-long struggle for Coptic equality, Oxford University Press, 2003

Tipp zum Lesen

Nadia Sonneveld, Khula' Divorce in Egypt - Public Debates, Judicial Practices, and Everyday Life, AUC Press Cairo, Dezember 2011

Tipp zum Lesen

Ägypten - Forschungen über Land und Volk während eines zehnjährigen Aufenthalts. Alfred Kremer: Literarcion Verlag April 2015

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