Obst und Gemüse frisch vom Markt
Geschätztes BIP
330,20 Mrd US-$ (2015)
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität)
3.709 US-$ (2015)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI)
Rang 111 (von 188) (2016)
Anteil Armut (unter der Armutsgrenze)
25,2 % (2013)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
42,2 (2011)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
75 % (2016)

Wirtschaft

Wirtschaftsstruktur und aktuelle Wirtschaftslage (Wirtschaftsindikatoren, Analysen, Statistiken)
Seit 2009 befindet sich die Wirtschaftsstruktur Ägyptens im Umbruch. Sechs Jahre nach der Revolution (2011) kämpft Ägypten heute noch mit den Konsequenzen der festgefahrenen wirtschaftlichen Strukturen. Durch verschiedene Reformen soll die Wirtschaft von einer staatlich gelenkten Wirtschaftsordnung zu einer Marktwirtschaft werden.

Ägypten hat sich im November 2016 zu einem umfangreichen Wirtschafts- und Finanzreformprogramm verpflichtet. Seitdem leisten Internationale Organisationen, wichtige Partnerländer und Der Internationale Währungsfonds Zahlungsbilanzhilfe bis 2019.  

Die wichtigsten Wirtschaftsakteure in Ägypten sind die staatlichen Unternehmen, das ägyptische Militär und zahlreiche Familienunternehmen (dominieren den Privatsektor). Nach der starken Abwertung infolge der Freigabe der Währung Anfang November 2016 hat sich jedoch die Wettbewerbsfähigkeit Ägyptens etwas verbessert. 

Die wichtigsten Wirtschaftsindikatoren für Ägypten:

Ägypten wirtschaftswachstum
The Global Economy (CC BY-NC-ND 3.0)

Wirtschaftswachstum:
Veränderungsraten des realen BIP

Für diesen Indikator bietet die Weltbank Daten für Ägypten von 1966 bis 2015. Der durchschnittliche Wert für Ägypten in diesem Zeitraum lag bei 4.86 Prozent mit einem Minimum von 0.63 Prozent im 1967 und einem Maximum von 14.63 Prozent im 1976.   

Ägypten UN Entwicklungsindex
The Global Economy (CC BY-NC-ND 3.0)

Ägypten UN Entwicklungsindex
Für diesen Indikator bietet die Vereinte Nationen Daten für Ägypten von 1980 bis 2014. Der durchschnittliche Wert für Ägypten in diesem Zeitraum lag bei 0.63 Punkte mit einem Minimum von 0.45 Punkte im 1980 und einem Maximum von 0.69 Punkte im 2014.  

Wirtschaftssektoren

Ägyptens Ökonomie ist relativ diversifiziert im Vergleich zu anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Der Agrarsektor, einst das Zentrum der ägyptischen Wirtschaft, trug 2000 16.7%, 2010 13.1% und 2015 nur noch 11.2% zum BIP bei. In den 1970er Jahren arbeiteten noch 90% aller Ägypter in der Landwirtschaft, heute sind es ca. 35%. Der industrielle Sektor stellt dagegen nur 17% aller Arbeitsplätze zur Verfügung, trägt aber 37% zum BIP bei. Der Dienstleistungssektor ist der größte Wirtschaftssektor. Er bietet rund 50% der ägyptischen Arbeitskräfte eine Beschäftigung und trägt mit rund 49% etwa die Hälfte zum BIP bei.

Landwirtschaft in Ägypten.
Landwirtschaft in Ägypten. Foto: ahmad_sharif (CC0 1.0) Public Domain Dedication

Landwirtschaft und natürliche Ressourcen
Die landwirtschaftliche Nutzfläche in Ägypten beträgt ca. 4% der gesamten Staatsfläche. Fehlende Niederschläge und Trockenheit erschweren die Situation der Landwirtschaft erheblich. Etwa 35% der erwerbstätigen Bevölkerung leben von Ackerbau und Viehzucht. Die wichtigsten Agrarprodukte sind Baumwolle, Reis, Mais, Weizen, Bohnen, Früchte, Gemüse sowie Rinder, Wasserbüffel, Schafe und Ziegen.

Ägypten verfügt über Erdöl, Erdgas, Eisenerz, Phosphate, Mangan, Sandstein, Gips, Talg, Asbest, Blei und Zink. Ägyptens Erdöl ist begrenzt und es wird erwartet, dass das Land in den nächsten Jahren zu einem Nettoimporteur wird. Dagegen steigt die Bedeutung von Erdgas immer stärker und es werden zusätzlich zu den bekannten noch eine große Menge weiterer Vorkommen vermutet. Ein 2011 erschienener Bericht des Observatoire Mediterranéen de l’Énergie gibt dazu einen guten Überblick.

Ägyptischer Industriearbeiter.
Ägyptischer Industriearbeiter. Foto: hatemddd (CC0 1.0) Public Domain Dedication

Industrie
Wichtige Industriezweige sind die Textilindustrie, die Nahrungsmittelverarbeitungs-, die Zement- und die Automobilindustrie. In Ägypten werden Autos vieler großer Hersteller wie Chrysler, Peugeot und Kia in Lizenz hergestellt. Darüber hinaus produziert das Land Konsumgüter wie Waschmaschinen, Kühlschränke und andere Haushaltsgeräte. Der Informationstechnologiesektor wurde in den letzten Jahren immer wichtiger. Einige der bekannteren ägyptischen IT Firmen übernehmen Outsourcing Arbeiten für Firmen in den USA und Europa.

Hurghada Ägypten.
Tourismus in Hurghada. Foto: ivabalk (CC0 1.0) Public Domain Dedication

Dienstleistung
Die Tourismusindustrie ist einer der wichtigsten Zweige des ägyptischen Dienstleistungssektors. Im Finanzjahr 2009/2010 kamen fast 15 Millionen Touristen nach Ägypten. Nach Angaben der ägyptischen Zentralbank steuerte der Tourismussektor 2010 rund 11% zum BIP bei und erzielte rund 20% der Deviseneinnahmen sowie 25% der Umsatzsteuereinnahmen. Rund 12.5% aller Arbeitsplätze hingen direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Die Revolution hat die Tourismusindustrie stark beeinträchtigt. 2012 kamen mit rund 10 Millionen fast ein Drittel weniger Touristen nach Ägypten als im Jahr vor der Revolution. Am 9.4.2017 wurden zwei Anschläge auf christlich-koptische Kirchen verübt. Am 10.4.2017 wurde in Ägypten der Ausnahmezustand für drei Monate verhängt. Das Auswärtige Amt hat seine Reisewarnung für Ägypten verschärft. Nun brechen die Touristenzahlen wieder ein was wiederum die Wirtschaft massiv negativ beeinfulsst. Weitere wichtige Dienstleistungszweige sind Handel, Transport, administrative Tätigkeiten und das Bauwesen.

Wirtschaftspolitik

Ägypten ist ein Land mit einem Bevölkerungswachstum von mehr als zwei Millionen im Jahr. Das Wirtschaftswachstum von ca. 4% ist für ein Land wie Ägypten mit über 92 Millionen zu gering. Die Regierung versucht durch eine neue Wirtschaftspolitik den notwendigen Strukturwachstum in die Wege zu leiten.

Eine Abhebung der Einkommenssteuer für hohe Einkommen, eine angemessene Immobiliensteuer sowie eine sukzessive Abschaffung der Subventionen sind schon eingeleitet. Ferner wurde die Mehrwertsteuer von 13% auf 14% erhöht (ab dem 01.01.2017). Im Rahmen der Wirtschaftskonjunkturpaketen wird auch diskutiert ob die hohe Zahl der Staatsbeamten reduziert werden soll.

Handel: Binnen- und Außenhandel, Handelsbilanz

Ägypten hat seit den 1980er Jahren eine negative Handelsbilanz und führt seit 2010 fast 50% mehr ein als aus. Exporten im Wert von rund 29 Mrd.$ stehen Importe von rund 44 Mrd.$ gegenüber. Exportiert werden v.a. Erdöl und Petroleumprodukte (80% der Exporte), Metallprodukte, Baumwolle, Textilien und Chemikalien. Exporte gehen v.a. nach Italien, in die USA, nach Indien, Spanien, Syrien, Saudi-Arabien, Japan und die BRD. Ägypten importiert vorwiegend Nahrungsmittelprodukte, Waren, Maschinen und Geräte sowie Holzprodukte, vorwiegend aus den USA, China, Italien, der BRD und Saudi Arabien. Problematisch ist vor allem die Abhängigkeit von Weizenimporten. Ägypten importiert etwa die Hälfte seines Weizens und ist der größte Weizenimporteur der Welt.   

Entwicklung und Entwicklungspolitik

Von der Planwirtschaft zur Infitah (Gamal Abdel Nasser und Anwar El Sadat)

Nasser and Sadat in National Assembly.
Nasser and Sadat in National Assembly. Author: not credited. Source: Bibliotheca Alexandrina. Wikimedia Commons, public domain. Copyright expired
Berlin, Besuch ägyptischer Präsident Mubarak.
Berlin, Besuch ägyptischer Präsident Mubarak. Attribution: Bundesarchiv, B 145 Bild-P115717 / CC-BY-SA 3.0. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany

Das Regime von Gamal Abdel Nasser verfolgte in den 1950er und 60er Jahren eine auf Industrialisierung und Importsubstitution ausgerichtete Wirtschaftspolitik. Sie stützte sich im wesentlichen auf den staatlichen Sektor. Der Motor waren vor allem die Eisen- und Stahlindustrie und die chemische Industrie, weitere wichtige Sektoren die Textilindustrie, die Zement-, Metall- und Konsumgüterindustrie und die Landwirtschaft. Der Privatsektor wurde durch Verstaatlichungen und Landreformen stark zurückgedrängt. In den Jahren zwischen den 1967er und 1973er Kriegen mit Israel zeigten sich zunehmend die Schwächen der staatlich gelenkten Wirtschaft. Mangelnde und Fehlinvestitionen, Misswirtschaft und Ineffizienz verstärkten die Probleme. Sie beeinträchtigten die Gesamtwirtschaftskraft und die Fähigkeit zur Importsubstitution. 1974 leitete Präsident Anwar El Sadat eine Politik der wirtschaftlichen Öffnung - genannt Infitah oder Öffnungspolitik - ein, die im sogenannten Oktoberpapier konzeptionell festgeschrieben wurde. Zwischen 1974 und 1982 versuchte Ägypten mit einer Reihe von Liberalisierungsmaßnahmen und begrenztem Erfolg arabische und internationale Investitionen zu mobilisieren, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Marktwirtschaftliche Umorientierung und neoliberale Wirtshaftsreformen unter Hosni Mubarak
Präsident Hosni Mubarak setzte die von Präsident Sadat eingeleitete marktwirtschaftliche Umorientierung der Wirtschaftspolitik fort. In den 1980er Jahren war das neue Regime jedoch noch vorwiegend damit beschäftigt, sich politisch zu etablieren. Der Schwerpunkt lag auf der Bekämpfung der radikalen Islamisten und der Kooptierung und Zähmung der demokratischen Opposition, was die schrittweisen Einschränkung der zunächst erweiterten politischen Freiheiten mit sich brachte. Dies geschah auf Kosten der Wirtschaft. Durch die Vernachlässigung von Investitionen und Reformen verschlechterten sich die Wirtschaftsindikatoren zunehmend. Von 1980-1990 stieg die Inflation auf über 20%, die externen Schulden von 20 Mrd. auf 49 Mrd. US$, das Haushaltsdefizit auf 18% des BIP und die Arbeitslosenrate auf über 10%. Politisch war das Regime Anfang der 1990er Jahre jedoch fest etabliert und konnte es sich leisten, gegen den Willen eines Großteils der Bevölkerung im August 1990 Truppen nach Kuwait zu schicken, um an der Seite der USA und anderer Länder an der Befreiung Kuweits teilzunehmen. Im Gegenzug unterstützten die USA Ägypten bei Verhandlungen mit der Weltbank und dem IWF, mit denen das Land 1991 Abkommen zur Unterstützung neoliberaler Strukturanpassungsmaßnahmen abschloß. Gekoppelt an Reformbedingungen erließ der Pariser Club dem Land schrittweise die Hälfte seiner Schulden, die sich 1990 auf 144% des BIP beliefen (Abdel Khalek) und zu einem nicht geringen Teil auf von den USA mitfinanzierten Waffenkäufen beruhten. Ägypten war damals eines der am höchsten verschuldeten Länder der Welt und mußte für die Tilgung der rund 45 Mrd.$ Auslandsschulden 22% seiner gesamten Exporte aufwenden.

Ägyptische Geldscheine
Twenty Egyptian Pounds. Foto: Jack11 Poland. Attribution-Share Alike 3.0 Unported. (CC BY-SA 3.0)
1-Pfund Münze
1-Pfund Münze. Foto: Mabuhelwa. English Wikipedia. Public Domain. Gemeinfrei.

Seit den 1990er Jahren wurden die vereinbarten Strukturanpassungsmaßnahmen schrittweise umgesetzt. Im Juni 1991 wurde das Gesetz 203 zur Privatisierung von Staatsunternehmen verabschiedet, gefolgt von weiteren Gesetzen, die die rechtliche Grundlage für die Liberalisierung und neoliberale Umorientierung der Wirtschaft schafften. Sie setzten die einschränkenden Regulierungsmechanismen aus der Nasserzeit außer Kraft, schafften die Grundlagen für den neu entstehenden Kapitalmarkt und ausländische Investitionen und sowie die Kapitalisierung der Landwirtschaft. Bis 2001 waren 184, bis 2005 insgesamt 209 (von 314) der profitabelsten Staatsfirmen privatisiert, über die Hälfte davon in den Sektoren Zement und Baumaterialien sowie Landwirtschaft und Nahrungsmittel. Das ägyptische Pfund wurde nach und nach von seiner Dollarbindung befreit und fiel von 1996 bis 2003 um insgesamt 80%, verursacht vor allem durch Kapitalabflüsse ins Ausland. 2003 wurde der Wechselkurs freigegeben.

Der internationale Handel wurde durch die schrittweise Aufhebung von Import- und Exportbeschränkungen liberalisiert. Darüber hinaus wurden viele Preiskontrollen aufgehoben sowie der Anteil der Staatsausgaben für Subventionen und soziale Dienstleistungen reduziert. Preisregulierungen bestehen heute nur noch für einige Grundnahrungsmittel und pharmazeutische Produkte, Butangas, Benzin und öffentliche Verkehrsmittel. Die Investitionsgesetze Nr.8 von 1997 und Nr. 94 von 2005 schafften Investitionsanreize für in- und ausländische Investoren wie Steuererleichterungen, teilweiser Befreiung von Arbeitsrechtsvorschriften sowie die Möglichkeit des Transfers von Profiten ins Ausland. 2002 wurden mit dem Gesetz Nr. 83 weitere Investitionsanreize in den sogenannten Sonderwirtschaftszonen geschaffen.

Die letzte Regierung vor der Revolution unter Premierminister Ahmed Nazif leitete 2004 eine neue Runde von Reformmaßnahmen und Privatisierungen ein, diesmal mit Schwerpunkt Dienstleistungssektoren, vor allem Telekommunikation, Tourismus und Finanzen. Schon im ersten Regierungsjahr wurden 17 Staatsfirmen privatisiert. Die Regierung initiierte Reformen im Bankensektor und erlaubte auch ausländischen Finanzinstituten und Versicherungsunternehmen, ägyptische Banken und Versicherungen aufzukaufen und weitgehend unbeschränkt in Ägypten operieren. Fast 20% des Bankensystems sind inzwischen privatisiert.

2005 wurde mit dem Einkommenssteuergesetz Nr. 91 eine weitreichende Steuerreform erlassen, mit der die progressive Besteuerung abgeschafft und die Unternehmenssteuer von 40% auf 20% gesenkt wurde. Dadurch stieg der Anteil des Steuereinkommens am BIP bis 2010 auf 15.5%, was aber nichts daran ändert, dass die niedrigen Steuersätze der Unternehmen als sozial ungerecht kritisiert werden. Auch das Antimonopolgesetz Nr. 3, das erst 2005 nach zunehmendem Druck aus dem In- und Ausland verabschiedet wurde, wird von vielen als unzureichend betrachtet. Personen, die Informationen über vermutete Aktivitäten zur Monopolisierung von Marktsegmenten weitergeben, können z.B. strafrechtlich verfolgt werden, wenn sich diese Informationen als falsch herausstellen. Außerdem wurde der Vorwurf erhoben, dass bestimmte nicht-tarifäre Handelshemmnisse die Monopolisierung bestimmter Industriezweige durch einflußreiche Wirtschaftsmagnaten förderten. Dazu gehören zum Beispiel die Einfuhrbeschränkungen für Stahl, die der Stahlbaron und enge Vertraute Gamal Mubaraks, Ahmed Ezz, unter Ausnutzung seiner politischen Ämter durchsetzen konnte.

Ägypten galt lange als ein Musterbeispiel erfolgreicher Reformen und wurde noch 2010 von der Weltbank als eines der zehn aktivsten Reformländer gelobt. Die internationalen Organisationen bewerten die Entwicklung Ägyptens im wesentlichen nach Kriterien wie Wachstumsraten, monetäre Disziplin und fiskalische Bilanzen sowie Abbau von Handelshemmnissen und Investitionsbeschränkungen. In diesen Bereichen verbesserten sich die Makroindikatoren tatsächlich. Das reale BIP wuchs seit den 1980er Jahren im Schnitt um 5%, das reale Pro-Kopf-Wachstum betrug in der letzten Dekade um durchschnittlich 3% pro Jahr. Das Zahlungsbilanzdefizit und die öffentlichen Schulden sanken, die Währungsreserven stiegen und in den letzten zehn Jahren entwickelte sich Ägypten zu einem der Hauptziele von Direktinvestitionen im Nahen Osten und Afrika. Nach Angaben des UNCTAD Weltinvestitionsberichts 2011 wuchsen die Kapitalzuflüsse um das siebenfache von durchschnittlich 905 Mio. US$ im Zeitraum 1995-2004 auf 6,4 Mrd. US$ im Jahr 2010, allerdings mit starken Schwankungen.

Kritiker stellen jedoch sowohl die behaupteten strukturellen Erfolge der Reformen als auch deren Nutzen für die breite Bevölkerung in Frage. Zahlreiche Studien kommen zu dem Schluss, dass das neoliberale Programm weder den Staat vom Markt gedrängt, noch zu ausreichenden produktive Investitionen geführt, sondern im wesentlichen die Umverteilung und Konzentration öffentlicher Ressourcen in wenige Hände bewirkt habe. Ressourcen seien von der Landwirtschaft und der Industrie, von Ausbildungs- und Arbeitsmarktprogrammen sowie von Bildung und Gesundheitsdienstleistungen abgezogen und in Form von steuerfreien Krediten, Subventionen und Steuererleichterungen an einflußreiche Unternehmer und Geschäftsleute umgeleitet worden. Der Politologe und Ägyptenexperte Timothy Mitchell brachte dies auf den Punkt, indem er sagte, der Staat subventioniere jetzt Finanziers statt Fabriken und Spekulanten statt Schulen.

Der Motor des Wirtschaftswachstums waren vor allem der Groß- und Einzelhandel, Tourismus und Gastronomie, Bauwesen, Finanzdienstleistungen, Transport und Bergbau (Erdöl und Erdgas). Für die letzten zehn Jahre stellte der ägyptische Ökonom Ahmed El-Naggar fest, daß das Wachstum seit Ende der 90er Jahre kaum in der realen, produktiven Wirtschaft, sondern vor allem in der Finanzwirtschaft stattgefunden habe. Das Wachstum der Industrie blieb dagegen weit hinter den Erwartungen zurück und Ägyptens Exportstruktur blieb stark vom Export von Rohstoffen und Niedrigtechnologieprodukten dominiert, die 90% der exportierten Fertigwaren ausmachen.

Die Revolution von 2011 sollte die wirtschaftliche Lage in Ägypten verbessern und eine erfolgreiche Entwicklungspolitik einführen. Diese Hoffnung hat sich bislang nicht erfüllt.
Die Wechselwirkung zwischen der politischen und der wirtschaftlichen Entwicklung ist eine vertrackte Situation.

Ägypten braucht dringend eine längerfristige nachhaltige Entwicklung. Verlässlichkeit, eine Aussicht auf Stabilität, Rechtssicherheit, zuverlässige Wettbewerbsaufsicht und eine stabile Infrastruktur müssen gewährleistet sein um eine erfolgreiche Entwicklungspolitik zu erreichen.

Sisis Regierung hat diese Herausforderungen erkannt und ein Programm für die nachhaltige Entwicklung auf den Weg gerbacht (Vision 2030).

Diese Vision enthält diverse Reformen bis zum Jahr 2030. Bildungspläne, soziale Reformen,  wirtschaftliche Pläne sowie Megaprojekte und der Ausbau der Landwirtschaft gehören zu dieser Vision. Für die Umsetzung dieses Plans braucht Ägypten Unterstützung vom Ausland. Diese Unterstützung ermöglicht ausländische Investoren und Partner u.a. aus Europa größere Geschäftsmöglichkeiten mit Ägypten wahrzunehmen. 

Millenium Development Goals

Armut und Armutsbekämpfung
Um die Entwicklung von Ungleichheit und Armut in Ägypten zu untersuchen, muss man gewisse "Störfaktoren" beachten. Erstens ist der Zugang zu Daten sehr schwer. Zweitens sind die Quellen die das Einkommen der Reichen in der ägyptischen Gesellschaft fast unzugänglich und drittens werden die Daten nicht durch Lohnstatistiken oder Steuerdaten validiert.

Auch sechs Jahre nach der Revolution (2011) werden Millionen von armen Ägyptern jeden Tag immer ärmer. Zwar ist sich die ägyptische Regierung der zunehmenden Armut bewusst, aber sie kann die Lage nicht wirklich verbessern.

Die Armutsquote (2016/17) ist auf 27% gestiegen (die höchste seit 2000). Über 10 Millionen Menschen in Ägypten haben weniger als 1 $ am Tag zur Verfügung. Rund 12,5% der Bevölkerung sind arbeitslos und ca. 17% der Familien werden von Frauenarbeit (im informellen Sektor) unterstützt.

Die Ungleichverteilung von Ressourcen wird selbst ohne Blick in die Statistiken deutlich, z.B. wenn man in Kairo die großen Umgehungsstraßen entlang fährt, vorbei an informellen Siedlungen mit extrem hoher Bevölkerungsdichte, defizitärer Infrastruktur, fehlenden Schulen, mangelnder Gesundheitsversorgung und massiven Umweltproblemen, und dann weiter in die sogenannten "gated communities" mit ihren luxuriösen Villen, Einkaufszentren, Freizeitparks, Golf- und Poloplätzen und künstlich bewässerten Grünanlagen. Der Staat gab Milliarden für die notwendigen Zugangsstraßen und die Infrastruktur aus. Viele der Luxuswohnungen in den neuen Vierteln rund um Kairo stehen leer. Sie werden vor allem von der oberen Mittelschicht und ägyptischen Gastarbeitern in den Golfstaaten als Geldanlage gekauft. Dagegen drängen sich mehr als 60% aller Einwohner im Großraum Kairos in den informellen Vierteln (Slums).  Dort lebt auch ein überproportional hoher Prozentsatz der städtischen Armen. 

Die Einkommensverteilung hat sich in den letzten drei Jahrzehnten immer stärker zuungunsten der unteren Einkommensschichten entwickelt. Nach Angaben von USAID fielen die Reallöhne von Mitte der 1980er bis Ende der 1990er Jahre um rund ein Drittel. Der Anteil des de facto Minimumlohns am pro-Kopf BIP fiel von 66% im Jahr 1985 auf 35% im Jahr 2006. Im Jahr 2009 betrug der Durchschnittslohn im Privatsektor pro Woche 297 LE (ca. 45 Euro) und im öffentlichen Sektor 455 LE (ca. 60 Euro). Die meisten Ägypter verdienen jedoch wesentlich weniger als die Durchschnittslöhne und nur 60% aller Lohnabhängigen haben überhaupt geregeltes Einkommen. Die niedrigen Löhne führten dazu, daß Arbeiter am 1. Mai 2010 unter dem Motto demonstrierten: "Wir wollen die Armutslinie erreichen". Die dramatischen Preiserhöhungen für Grundlebensmittel in den letzten Jahren verschärften den Kaufkraftverlust und trafen vor allem die unteren Einkommensschichten, die nach Angaben von CAPMAS mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Laut CAPMAS stiegen z.B. von August 2010 bis August 2011 der Preis für ein kg Reis um fast 90% und für ein kg Foul-Bohnen um knapp 57%. UNDP alarmierte die Öffentlichkeit 2009 unter Verweis auf Daten einer periodisch durchgeführten Studie zur demographischen und Gesundheitsentwicklung (DHS 2008) mit der Aussage, daß Ägypten trotz drei Jahrzehnten positiver Wachstumsraten ein Hungerproblem hat. Die DHS Studie hatte ergeben, daß ein Drittel aller ägyptischen Kinder unterernährt ist.

Nach einer Studie der staatlichen Statistikbehörde CAPMAS gibt eine ägyptische Durchschnittsfamilie rund 40% ihres Einkommens nur für Nahrungsmittel aus, Familien aus ärmeren Schichten bis zu 63%.

Viele Ägypter sehen Armut als Ergebnis einer verfehlten, unfairen und disfunktionalen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Soziale Gerechtigkeit ist daher eine der Kernforderungen der Revolution. Die staatlichen Maßnahmen zur Armutsbekämpfung werden heute weithin als unzulänglich kritisiert. Sie bestehen im wesentlichen aus nicht zielgruppenorientierten Subventionen für Grundnahrungsmittel und Energie, extrem niedrigen Sozialhilfe- und Pensionszahlungen für bestimmte Bevölkerungsgruppen sowie Kredit-, und Entwicklungsprogrammen des Sozialfonds für Entwicklung (SfD), die jedoch weit hinter dem Bedarf zurück bleiben. Stattdessen fordern viele Ägypter strukturellere Maßnahmen wie die Revision der Wirtschaftspolitik und deren stärkere Ausrichtung am Arbeitsplatzbedarf und an gesamtnationalen Entwicklungsinteressen, eine radikale Reform der Bildungs- und Gesundheitssysteme sowie die Einführung von an den Grundbedürfnissen orientierten Minumum- und Maximumlöhnen. 

Nationale (staatliche und nicht-staatliche) Entwicklungsanstrengungen

Ein kritisches Ziel des langfristigen Entwicklungsplans Ägyptens (bis 2022) ist die Bekämpfung und Linderung von Armut im Land. Trotz einiger Reformen in verschiedenen Wirtschaftsektoren, hat Ägypten bislang keine eigene Armutsbekämpfungsstrategie (PRSP) vorgelegt. Einige Strategien der Armutsbekämpfung in den einzelnen Sektoren wurden stattdessen in den "Sixth Five Year Economic and Social Development Plan" (2007/08 –2011/12) vorgelegt.

Entwicklungszusammenarbeit

Internationale Entwicklungszusammenarbeit 

Auch für die Organisationen der bilateralen und multilateralen Entwicklungszusammenarbeit stellt die ägyptische Revolution eine Herausforderung dar. Vor allem die Organisationen USAID, Weltbank und IWF wird vorgeworfen, mit ihren Projekten nicht nur eine für die breite Bevölkerung negative Wirtschafts- und Sozialpolitik unterstützt zu haben, sondern auch maßgeblich zur Stützung eines diktatorischen Regimes beigetragen zu haben, das die Rechte der Bevölkerung mit Füßen trat. US Entwicklungsgelder finanzierten zwar auch umfangreiche Programme in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Handel, aber der größte Teil wurde für die Ausstattung und die Fortbildung von Armee und Sicherheitskräften ausgegeben. Von den durchschnittlich 2 Mrd. US$, die Ägypten seit dem Camp-David Abkommen pro Jahr von den USA bekam, gingen 1,3 Mrd. US$ pro Jahr an das Militär. Darüberhinaus wird auch der Einsatz der Mittel zur Förderung von Handelsstrukturen kritisiert, die eine in der Bevölkerung extrem unpopuläre Normalisierung mit Israel trotz der andauernden Besetzung Palästinas fördern wie z.B. die sogenannten QIZ Zonen, deren Produkte zollfrei in die USA eingeführt werden können, jedoch unter der Voraussetzung, daß 12% des Rohmaterials für die Produktion aus Israel kommen müssen. Die Schließung der QIZ Zonen war eine der Forderungen, die während und nach der Revolution 2011 erhoben wurde.

Aber auch andere Geber müssen sich Kritik gefallen lassen, trotz ihrer Unterstützung von demokratischen und Menschenrechtsorganisationen in vielen Fällen die Augen vor Korruption und Menschenrechtsverletzungen weitgehend verschlossen gehalten zu haben. Weitere Kritikpunkte beziehen sich darauf, daß ein großer Anteil der zur Verfügung stehenden Gelder für bürokratische Anforderungen der Geberorganisationen verwendet wird und daß die postulierte nachhaltige Wirkung vieler Projekte aufgrund der Isoliertheit oder Fehlkonzeption vieler Maßnahmen sowie der durch Korruption und Ineffizienz bestimmten Rahmenbedingungen oft nur auf dem Papier besteht.

Trotzdem sehen viele Aktivisten und Organisationen der Zivilgesellschaft wichtige Chancen in der internationalen Zusammenarbeit, vor allem wenn es gelingt, die Rahmenbedingungen zu ändern und die Beziehungen partnerschaftlicher, flexibler und offener zu gestalten. Ein Hindernis für die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft stellt dabei das restriktive NGO Gesetz dar, das den staatlichen Behörden weitreichende Eingriffe in die Arbeit von NGOs ermöglicht und vor allem NGOs, die sich für Demokratie, Menschenrechte und sozio-ökonomische Rechte einsetzen, immer wieder mit Kriminalisierung bedroht. Gerade diese NGOs werden fast ausschließlich von westlichen Gebern finanziert. USAID ist nach der Revolution besonders bemüht, das eigene Image durch Gelder für die Unterstützung von Aktivitäten zum Aufbau demokratischer Strukturen aufzupolieren, was im Sommer 2011 zu Spannungen zwischen der Organisation und dem Militärrat führte. Die sogenannte NGO Affäre war einer der Höhepunkte der Spannungen zwischen den ägyptischen Machthabern und der ägyptischen Zivilgesellschaft sowie ihren internationalen Unterstützern. Nach einer massiven Kampagne in den staatlichen Medien gegen NGOs und Gruppen, die die Revolution unterstützen, wurden zum Beispiel die Räumlichkeiten von 17 NGOs in Kairo von Armee- und Polizeikräften gestürmt, Material beschlagnahmt und Mitglieder vorübergehend verhaftet. Betroffen waren auch drei ausländische Organisationen, darunter die Konrad-Adenauer-Stiftung, denen vorgeworfen wird, nicht strikt legal in Ägypten zu operieren. Die ägyptischen NGOs werden beschuldigt, ohne rechtmäßige Genehmigung Gelder ausländischer Organisationen angenommen zu haben und als Agenten ausländischer Interessen das Land zu destabilisieren. Islamistische Kreise schließen sich diesen Vorwürfen an, obwohl eine Untersuchungsbericht des Justizministeriums im November 2011 feststellte, daß islamische Organisationen 2011 fast 50 Millionen US$ allein von religiösen Stiftungen aus Saudi Arabien und Kuweit bekamen, deren Verwendung für die Öffentlichkeit äußerst intransparent ist.

Deutsch-ägyptische Entwicklungszusammenarbeit

Ägypten ist aufgrund seiner wichtigen und strategischen Lage im Nahen Osten ein wichtiger Partner für die deutsche Entwicklungspolitik. Deutschland ist das zweitgrößte Geberland Ägyptens nach den USA. Die deutsch-ägyptische Entwicklungszusammenarbeit begann im Jahre 1963. Seit dem besteht eine kontinuierliche Kooperation, die in Ägypten sehr geschätzt wird. Die wichtigsten Schwerpunkte der deutsch-ägyptischen Zusammenarbeit konzentrieren sich auf die folgenden Bereiche:
Erneuerbare Energie, Energieeffizienz und Klimawandel und die Wasserwirtschaft.

Erneuerbare Energie, Energieeffizienz und Klimawandel:
Ausreichende und bezahlbare Energie ist eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes und solides Wirtschaftswachstum. Gelingt es den hohen Energieverbrauch durch Energieeffizienz in Ägypten zu senken, hat dies einen direkten positiven Effekt auf den Umweltschutz und die allgemein soziale Lage der Armen in Ägypten – denn gerade die ärmste Bevölkerungsschicht leidet enorm unter der hohen Energiepreise. Das Potential zur Erzeugung von Energie aus Wind- und Sonnenkraft ist in Ägypten sehr groß. Die ägyptische Regierung plant bis 2020 20 % des Energiebedarfs aus saubere Energie zu erzeugen. Im "Idealfall" wird dies dazu führen, dass Ägypten in Zukunft erneuerbare Energie in den arabischen Nachbarländern und sogar Europa exportiert.

Die Schwerpunkte der deutsch-ägyptischen Entwicklungszusammenarbeit in der Entwicklung von erneuerbaren Energie manifestieren sich in zwei Initiativen:
Die erste bilaterale Initiative ist, Das Regionalzentrum für Erneuerbare Energie und Energieeffizienz (RCREEE) was in Kairo im Juni 2008 eröffnet wurde. Dieses Zentrum ist ein Kooperationsprojekt zwischen Ägypten und Deutschland, Dänemark und die EU. Ziele dieses Projekts sind den Austausch von Informationen und Erfahrungen in dem Bereich erneuerbare Energie auszutauschen.

Die zweite bilaterale Initiative ist, Das ägyptisch-deutsche Komitee für Erneuerbare Energie, Energieeffizienz und Umweltschutz (2007) zu unterstützen.

Wasserwirtschaft:
Die Effizienz der Wasserversorgung muss in Ägypten dringend gesteigert werden, denn Ägypten gehört zu den wasserärmsten Ländern der Welt. Die Landwirtschaft verbraucht ca. 84% des Frischwassers und ca. 3% dienen der Trinkwasserverbrauch. Ein wichtiges Ziel der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Deutschland und Ägypten ist die Finanzierung von Stauwehren, Trinkwasserleitungen, Bewässerungskanälen und Bewässerungskanälen zu bauen. 

Webseiten mit weiteren Informationen zur Entwicklungszusammenarbeit

Das Länderinformationsportal

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Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2017 aktualisiert.

Die Autorin

Rama Koziel: B.A. Anglistik und Politikwissenschaft. Personalwesenentwicklung, TOT, Capacity Building und Landestrainerin (Ägypten). Gutachterin für anspruchsvolle Jobcoaching Aktivitäten in der arabischen Sprache bei der GIZ (AIZ). Sie hat diverse Ägyptisch-Arabisch Lehrbücher verfasst.

Tipp zum Lesen

Buch: Rule of Experts

Timothy Mitchell, Rule of Experts, Berkeley: University of California Press, 2002

Trainingsangebote der Akademie

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(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

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