Parlament. © Ralf Bäcker
Staatsgründung
wahrscheinlich 1896
Staatsoberhaupt
Dr. Mulatu Teshome (seit 2013)
Regierungschef
Hailemariam Desalegn (seit 2012)
Politisches System
Parlamentarische Demokratie
Demokratie-Status-Index (BTI)
Rang 113 von 129 (Stand 2016)
Korruptionsindex (CPI)
Rang 103 von 167 (Stand 2015)

Geschichtlicher Überblick

Kaiser Menelik II.
Kaiser Menelik II., public domain
Kaiser Haile Selassie I.
Kaiser Haile Selassie I., public domain

Äthiopien ist einer der ältesten Staaten der Welt und der älteste heute noch bestehende Staat auf dem afrikanischen Kontinent.

Bereits im 1. Jahrtausend v. Chr. wurde das äthiopische Reich gegründet. Von dessen Hauptstadt Aksum (auch Axum) berichtete schon im 2. Jahrhundert der griechische Geograf Claudius Ptolemäus.

Das Aksumitische Reich war ein bedeutender Staat der Spätantike. Es umfasste sowohl Teile des heutigen Äthiopiens, als auch Gebiete im Sudan, Eritrea und dem Jemen. Mit der Konvertierung des aksumitischen Kaisers Ezana im 4. Jahrhundert wurde das Christentum Staatsreligion. Der erste christliche Staat in Afrika südlich der Sahara war entstanden. Das Reich verzeichnete zahlreiche militärische Erfolge und herrschte zeitweise auch über Teile Südarabiens. Im 7. Jahrhundert endete diese Vorherrschaft abrupt, überwiegend durch den Vormarsch des Islam. Die äthiopischen Christen wurden in dieser Zeit weitestgehend von Einflüssen der europäischen Kirche isoliert und bewahrten sich so einen eigenen Charakter ihrer Religion.

Nachdem sie sich immer weiter ins Hochland zurückgezogen hatten, gründeten die Christen dort im 12. Jahrhundert das Königreich Äthiopien. Dessen Zentrum bildete die Stadt Lalibela. Die dort entstandenen Felsenkirchen sind - neben 6 weiteren Stätten bzw. Orten in Äthiopien - von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Ab 1270 wurde die bis dahin regierende Zagwe-Dynastie gestürzt und erstmals übernahm ein Kaiser (Negus) aus der Salomonischen Dynastie die Macht. Zu dieser Zeit entstand höchstwahrscheinlich auch das für die orthodoxen Christen Äthiopiens sehr wichtige „Buch der Könige“, die Kebra Nagast.

Im 16. Jahrhundert kam es zu ersten Kontakten zwischen dem äthiopischen Kaiserreich und Portugal. Die Portugiesen waren an einem Bündnis interessiert, um ihre Herrschaft über den Indischen Ozean weiter ausbauen zu können. 1543 konnte Äthiopien mit zu Hilfe gerufener portugiesischer Unterstützung den bis dahin sehr erfolgreichen islamischen Feldherrn Ahmed ibn Ibrahim al-Ghasi schlagen. Der Versuch der Portugiesen, die Äthiopier zum Katholizismus zu bekehren, scheiterte allerdings.

Ende des 19. Jahrhunderts versuchten die Italiener, das Land zu kolonialisieren. Obwohl die italienische Armee technisch überlegen und mit modernsten Waffen ausgestattet war, gelang es den Äthiopiern 1896 unter Kaiser Menelik II. mit Hilfe von Strategen und Waffenlieferungen aus Russland die Invasoren zu besiegen. Die Schlacht von Adua, die diesen Sieg besiegelte, wurde zu einem Symbol des Kampfes gegen die Kolonialmächte in Afrika. Sie ist bis heute fester Bestandteil des äthiopischen Nationalbewusstseins.

Nachdem so die Unabhängigkeit des abessinischen Reichs gesichert war, konzentrierte sich der Kaiser auf die weitere Ausbreitung seines Herrschaftsgebietes nach Süden, Osten und Westen. 1923 trat Äthiopien dem Völkerbund bei. Die erste Verfassung wurde 1931 unter Kaiser Haile Selassie I. erlassen.

1935 fiel das faschistische Italien, vom Völkerbund geduldet, in Äthiopien ein. Die Italiener verfügten nicht nur über modernste Waffen und Erfahrungen aus dem ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg, sie setzten auch Giftgas ein, sodass sich Äthiopien recht schnell geschlagen geben musste. Die von Italien eingesetzte Kolonialverwaltung verübte schreckliche Gräueltaten an der äthiopischen Bevölkerung, errichtete Konzentrationslager und richtete Massaker an, denen allein in Addis Abeba 30.000 Menschen zum Opfer fielen.

Die Besetzung Äthiopiens durch die Italiener endete im Zweiten Weltkrieg 1941 mit Hilfe der Briten. Nach Ende des Krieges und dem Abzug der italienischen Besatzer versuchte der aus dem Exil zurückgekehrte Kaiser Haile Selassie I. sein Land zu modernisieren, ohne aber seinen absolutistischen Herrschaftsstil und die feudalistische Gesellschaftsordnung aufzugeben. In den 70er Jahren verstärkte sich aufgrund der hohen Abgaben an Großgrundbesitzer, der verheerenden Dürrekatastrophe von 1973 und der Ölkrise der Widerstand gegen den Autokraten. Es kam zu Massenstreiks, Studenten gingen auf die Straße und schließlich verweigerten auch Teile der Armee den Gehorsam. Haile Selassie I. wurde am 12. September 1974 gestürzt.

Nach dem Sturz des Kaisers übernahm ein Militärkomitee (genannt Dergue) die Macht. 1975 folgte die Abschaffung der Monarchie und der Ausruf der sozialistischen Volksrepublik. Nach internen Machtkämpfen setzte sich der bis dahin eher unbekannte Major Mengistu Haile Mariam als neuer Führer des Landes durch.

Durch militärische Konflikte mit Nachbarstaaten (z.B. der Ogadenkrieg 1977/1978) und die weiterhin prekäre Lage vieler Menschen im Land, schwand der zunächst vorhandene Rückhalt in der Bevölkerung. Der Machterhalt wurde durch die Inhaftierung, Folterung und/oder Exekution von politischen Gegnern gesichert. Den Höhepunkt dieses „Roten Terrors“ bildeten die Massenexekutionen des Jahres 1977, denen tausende Menschen – darunter vor allem Studenten und Lehrer, aber auch einfache Arbeiter und Bauern – zum Opfer fielen. Zur Abschreckung wurden Leichen tagelang vor öffentlichen Gebäuden liegen gelassen. Oft wurde den Familien eine angemessene Beisetzung ihrer Angehörigen untersagt, stattdessen wurden sie nachts in Massengräbern beerdigt.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Nachbarländern und nach Autonomie strebenden Regionen sowie die wirtschaftliche Instabilität des Landes, die 1984/1985 in einer verheerenden Hungersnot mit weit über einer halben Million Todesopfern gipfelte, führten dazu, dass oppositionelle Gruppierungen immer stärkeren Rückhalt gewannen. Auch innerhalb der Streitkräfte wuchs der Unmut über die Brutalität Mengistus. Dies führte zu einem bewaffneten Kampf zwischen der Militärregierung und einem Zusammenschluss verschiedener Oppositionsgruppen und 1991 schließlich zum Kollaps des Regimes.

Auf dem Meskel Square im Zentrum von Addis Abeba fanden zu Zeiten des Dergue-Regimes Militärparaden statt. ©Maria Scurrell
Auf dem Meskel Square im Zentrum von Addis Abeba fanden zu Zeiten des Dergue-Regimes Militärparaden statt. ©Maria Scurrell

1995 wurde nach einer Interimsregierung und einem verfassungsgebenden Prozess die Demokratische Bundesrepublik Äthiopien gegründet.

Eritrea löste sich nach einem Referendum von Äthiopien und wurde 1993 ein eigener Staat.

Staat und Verwaltung

Verwaltungsarbeit  © Ralf Bäcker
Verwaltungsarbeit © Ralf Bäcker

Äthiopien wurde in seinen heutigen Außengrenzen (ausgenommen Eritrea) von Kaiser Menelik II. am Ende des 19. Jahrhunderts gebildet. 1907 entstanden am Hofe in der neuen Hauptstadt Addis Abeba erste Ministerien. Die Minister für Justiz, Kriegsführung, Inneres, Handel und Auswärtiges, Finanzen und Landwirtschaft, Öffentliche Arbeiten und Post agierten ehrenamtlich und hatten nur einige Mitarbeiter.

1930 führte Kaiser Haile Selassie I. den Aufbau einer kaiserlichen Verwaltung mit neuen Ministerien fort.

Während der Militärdiktatur blieb der rechtliche Rahmen des Staatsdienstes weitgehend gleich. Was sich änderte, war die Struktur der Regierung. Neue Ministerien, Kommissionen, Agenturen und lokale Verwaltungseinheiten wurden geschaffen. Die Führungspositionen wurden bis auf die unterste Verwaltungsebene mit Militärs besetzt. In diesem Sinne kann von einer Militär-Verwaltung gesprochen werden.

Die Durchsetzung des absoluten Machtanspruches und die Kontrolle der Bevölkerung als Hauptziele aller Ministerien und Ämter ziehen sich wie ein roter Faden durch die Verwaltungsgeschichte des Landes.

Nach dem Sieg der Befreiungsfronten über die Militärdiktatur wurde 1991 eine Übergangsverfassung verabschiedet. In den darauffolgenden Jahren erarbeitete eine Verfassungskommission einen Verfassungsentwurf, der am 8. Dezember 1994 von einer verfassungsgebenden Versammlung mit 538 Mitgliedern verabschiedet wurde. Nach einem Referendum trat die aktuelle Verfassung im August 1995 in Kraft. Seitdem ist Äthiopien eine parlamentarische Bundesrepublik.

Gewaltenteilung

Äthiopien ist ein föderaler Staat, es gibt eine Bundesregierung und Landesregierungen.

Der Staatspräsident, der vom Parlament gewählt wird, hat überwiegend repräsentative Aufgaben. Er darf aufgrund seiner protokollarischen, nicht jedoch politischen, Rolle keiner Partei angehören. Seine Amtszeit beträgt sechs Jahre.

Mit der Ernennung von Dr. Mulatu Teshome durch das Parlament wurde am 7. Oktober 2013 der langjährige Präsident Girma Wolde Giorgis (2001-2007) abgelöst.

Regierungschef ist der Premierminister, der normalerweise Vertreter der größten Parlamentsfraktion ist. Er ernennt die Mitglieder des Ministerrats. Amtsinhaber war von 1995 bis August 2012 Meles Zenawi. Nach dessen Tod hat sein bisheriger Stellvertreter Hailemariam Desalegn die Amtsgeschäfte übernommen.

Das Parlament besteht aus zwei Kammern: dem Bundeshaus (House of Federation oder Yefederation Mekir Bet) und dem Volksrepräsentantenhaus (House of Peoples‘ Representatives oder Parlama).

Die Mitglieder des Bundeshauses werden in den Regionalstaaten sowohl direkt, als auch indirekt über State Councils gewählt. Jede ethnische Gruppe muss laut Verfassung mit mindestens einem Mitglied im Bundeshaus vertreten sein. Für jede angefangene Million Menschen steht den Ethnien ein weiterer Sitz im Bundeshaus zu.

Die Mitglieder des Volksrepräsentantenhauses werden für 5 Jahre vom Volk direkt gewählt. Höchste juristische Instanz in Äthiopien ist der Oberste Gerichtshof, der seinen Sitz in Addis Abeba hat. Darüber hinaus gibt es den Verfassungsrat, der über die Einhaltung der Bundesverfassung wacht.

Die Aufgaben des Bundes sind begrenzt und in der Verfassung festgelegt. Die Länder sind in ihrer Organisationsform frei und entscheiden über ihre Angelegenheiten selbst. Jedes Bundesland kann selbst entscheiden, wie es sich organisiert.

Amtssprache ist auf Bundesebene Amharisch. Die Bundesländer legen ihre Amtssprache selbst fest.

Ethnischer Föderalismus

Flaggen der Bundesländer  © Ralf Bäcker
Flaggen der Bundesländer © Ralf Bäcker

Äthiopien ist einer von nur vier föderalen Staaten auf dem afrikanischen Kontinent. Es gibt neun Bundesländer und zwei Stadtstaaten. Fast alle Bundesländer sind dezentralisiert und in Zones (Regierungsbezirke), Woredas (Kreise) und Kebeles (Gemeinden) gegliedert. Weitere Organisationsformen sind gegeben. Die Organisationshoheit liegt bei den Ländern.

Die Aufteilung in Bundesländer folgt weitgehend ethnischen Siedlungsgebieten, weshalb das äthiopische Föderalismusmodell als Ethnischer Föderalismus bezeichnet wird. In der 1991 verabschiedeten Verfassung sind an mehreren Stellen Aussagen über die Vielfalt an „Nationen“, „Nationalitäten“ und „Völkern“ und deren Rechte zu finden. Die Artikel 39, 46 und 47 sind die darunter eindeutigsten Grundlagen für den Ethnischen Föderalismus. In Artikel 39 wird deutlich, dass von einer starken Autonomie der einzelnen ethnischen Gruppen ausgegangen wird. So haben diese das Recht auf Selbstbestimmung, bis hin zur Unabhängigkeit – letzteres allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Außerdem garantiert dieser Artikel das Recht auf die eigene Sprache, die Pflege der eigenen Traditionen und die Bewahrung der eigenen Geschichte. Des Weiteren besteht ein Recht auf eine eigene Regierung in dem von der ethnischen Gruppe bewohnten Territorium und ein Recht auf angemessene Vertretung der jeweiligen Gruppe auf Landes- und Bundesebene. Die Artikel 46 und 47 der äthiopischen Verfassung legen fest, dass die Bundesrepublik Äthiopien ein föderaler Staat ist und welche Bundesstaaten Teil der Föderation sind. Die Definition von Bundesstaaten entlang ethnischer Grenzen wird in Artikel 46 Satz 2 deutlich: „…States shall be structured on the basis of settlement patterns, language, identity and consent of the people."

Verwaltungsgliederung Äthiopiens ©Bedru Muzein
Verwaltungsgliederung Äthiopiens ©Bedru Muzein

Das äthiopische Föderalismusmodell ist nicht unumstritten. Während Befürworter die Befreiung von der zentralistischen Regierung und die damit verbundenen Rechte wie bspw. die Nutzung der eigenen Sprache auf Landesebene betonen, geben Kritiker zu bedenken, dass durch die Politisierung ethnischer Gruppen und Unterschiede erst Konflikte entstehen können.

Das oben bereits erwähnte House of Federation ist eine weltweit einmalige Institution der Ländervertretung. Ihm obliegt unter anderem die Aufgabe der Interpretation der Verfassung, vergleichbar der Funktion des deutschen Bundesverfassungsgerichts. Des Weiteren hat es konstitutionell die Aufgabe, einer gewaltsamen Austragung von Konflikten unter den verschiedensten Gruppen in Äthiopien entgegenzuwirken und zu vermitteln.

Verwaltungsreformen seit 1991 und aktuelle Situation

Als die EPRDF Anfang der 1990er Jahre die Regierung übernahm, war eine Verwaltungsreform nicht geplant. Zunächst ging es der neuen Regierungskoalition um einen funktionierenden Staatsapparat. In den ersten Jahren hatten, beraten von Weltbank und Internationalem Währungsfonds, Strukturanpassung mit wirtschaftlicher Liberalisierung und Strukturreformen im öffentlichen Sektor Priorität. Diese Reformen hatten u.a. zur Folge, dass etwa zehn Prozent des Personals im öffentlichen Dienst eingespart wurden. Hinzu kam die Entlassung militärischer Kader aus dem Staatsdienst, welche zum Schrumpfen der Verwaltung beitrug. All dies führte selbstverständlich nicht zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit des öffentlichen Sektors.

Erst in einer zweiten Reformphase nach 1996 erkannte die Regierung die Notwendigkeit einer umfassenden Reform des öffentlichen Dienstes. Die führte zur Entwicklung des Civil Service Reform Program, welches die  Anpassung des rechtlichen Rahmens, die Vereinheitlichung von Strukturen und Prozessen sowie die Qualifizierung von Personal beinhaltet. Erste nennenswerte Fortschritte gab es in dieser Zeit bei der Gestaltung des rechtlichen Rahmens für den öffentlichen Dienst und im Finanzwesen.

Nach einigen Spannungen innerhalb der Regierungskoalition EPRDF konnte sich eine Gruppe um Premierminister Meles Zenawi mit dem Ziel durchsetzen, den Staatssozialismus abzuschaffen und liberale Reformen zu implementieren. Ministerien und andere Organisationen wurden auf Bundesebene geschaffen und das föderale System durch mehr Eigenverantwortung für die Regionalregierungen gestärkt. Diese Differenzierung machte die Durchsetzung von Reformen jedoch nicht einfacher: Sie führte zu höheren Erwartungen der Menschen an die regionalen und kommunalen Verwaltungseinheiten.

Eine dritte Phase von Reformen setzte im Herbst 2001 ein. Es gabe weitere Veränderungen im öffentlichen Dienst, auf Bundes- und Regionalebene wurden Civil Service Reform Offices eingerichtet. Die von internationalen Gebern angebotene Unterstützung dieser Büros war allerdings kaum koordiniert und behinderte deshalb die Wirksamkeit des gesamten Programms. 2004 entstand daher das Public Sector Capacity Building Program Support Project (PSCAP), das die Refoermen auf Bundes- und Regionalebene unterstützen soll.

Verwaltungsarbeit  © Ralf Bäcker
Verwaltungsarbeit © Ralf Bäcker

Die Reform ist inzwischen gut vorangekommen, Fehler und Schwächen früher politischer Systeme wurden überwunden oder zumindest reduziert. Der Aufbau von Kapazitäten zur Umsetzung der Regierungsprogramme ist vielversprechend, die Dienstleistungsorientierung, Transparenz und Rechenschaftspflicht des Civil Service konnten verbessert werden. Gender Mainstreaming und ethnische Gleichberechtigung sind als Themen im Reformprozess angekommen, der rechtliche Rahmen des öffentlichen Dienstes ist weitgehend konsistent. Maßnahmen zur Qualifizierung von Personal im Rahmen von Capacity-Building-Programmen auf Bundes- und Länderebene entfalten langsam ihre Wirkung.

Dennoch bleiben die Herausforderungen für die nächsten Jahre vielfältig: Die vielbeklagte geringe Leistungsfähigkeit der Verwaltung hat ihre Ursachen vor allem im Verhalten und der Einstellung des Personals. Eine Befragung von Führungskräften zeigte, dass die technische Qualifizierung der Mitarbeiter ausreicht, ihnen aber die soft skills fehlen, die nötig sind, um mit Unsicherheiten und widerstreitenden Interessen konstruktiv umgehen und Veränderungsprozesse gestalten zu können.

Ein mit Hilfe von InWEnt (einer der Vorgängerorganisationen der GIZ) implementiertes Programm zur Entwicklung von Führungskräften im öffentlichen Dienst hat gezeigt, dass die Beteiligten Verhaltensänderungen selbst wünschen, um den Anforderungen einer dienstleistungsorientierten Verwaltung gerecht werden, flexibel und trotzdem rechts- und regelorientiert mit Bürgern und Wirtschaft interagieren zu können.

Rechtssystem

Das äthiopische Rechtssystem enthält Elemente mehrerer westlicher Rechtssysteme und ist schwer zu systematisieren.

Die Justiz ist nach der Verfassung unabhängig. Das Justizwesen wird aber als korrupt und undurchsichtig wahrgenommen. Richter gelten als schlecht ausgebildet und nicht immer über die geltenden Gesetze ausreichend informiert. Dies schlägt sich entsprechend in den Verfahren nieder. Eine Justizreform wird seit weit über 10 Jahren betrieben.

In Äthiopien hat es einige spektakuläre Korruptionsfälle gegeben, in die hochrangige Vertreter der Regierung verwickelt waren. In den bekannt gewordenen Fällen hat es Verurteilungen gegeben. Darüber hinaus wird Korruption im Alltag als ein Problem wahrgenommen. Im Corruption Perceptions Index von Transparency International, der misst, wie korrupt der öffentliche Sektor in einem Land wahrgenommen wird, nimmt Äthiopien Platz 110 von 175 Ländern ein.

Ein wachsendes Problem sind die Milliarden, die als gesetzteswidrige Finanzströme das Land verlassen. Auch über Korruption in der Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe gibt es Berichte.

Die Federal Ethics and Anti-Corruption Commission wurde 2001 eingerichtet. Sie ist sowohl für die Verfolgung angezeigter Korruptionsfälle, als auch für die Aufklärung der Öffentlichkeit über Korruption zuständig. Obwohl schon einige vorzeigbare Ergebnisse erzielt worden sind, wird die Unabhängigkeit der Kommission teilweise bezweifelt.

Innenpolitische Themen

Äthiopien wird nach wie vor von der politischen Gruppe regiert, die 1991 nach der Niederwerfung der Militärdiktatur unter Mengistu Haile Mariam die erste Übergangsregierung bildete. 

Die politische Macht liegt beim Premierminister, der laut Verfassung die Exekutive leitet und die Streitkräfte befehligt. Dominierende politische Kraft ist die Parteienkoalition Ethiopian People's Democratic and Revolutionary Front (EPRDF) mit ihren regionalen Partnerparteien. Führend ist in der EPRDF offenbar nach wie vor die Tigrayan People’s Liberation Front (TPLF), die den Befreiungskrieg gegen das Derg-Regime anführte und aus deren Reihen der 2012 verstorbene langjährige Premierminister Meles Zenawi stammte.

Als sein Nachfolger wurde der bisherige Vize Hailemariam Desalegn am 21. September 2012 vereidigt.

In der Region und auch bei internationalen Verbündeten bestand die Sorge, dass der Tod des bisherigen Premierministers zu Instabilität innerhalb der Regierung und folglich zu Unruhen und wirtschaftlicher Rezession führen könnte. Äthiopien war deshalb um einen problemlosen und sanften Übergang bemüht.

Auch Monate nach seinem Ableben noch allgegenwärtig: Premierminister (1995 - 2012) Meles Zenawi. ©Maria Scurrell
Auch Monate nach seinem Ableben noch allgegenwärtig: Premierminister (1995 - 2012) Meles Zenawi. ©Maria Scurrell

Wahlen und politische Partizipation

Die Parlamentswahl im Mai 2015 war die erste seit dem Tod des langjährigen Ministerpräsidenten Meles Zenawi. Experten hatten schon im Vorfeld einen erneuten Sieg der Regierungspartei vorhergesagt, sahen in Verlauf und Ausgang der Wahl jedoch entscheidende Kriterien für die Bewertung der Regierungsarbeit, vor allem in den Bereichen Demokratieentwicklung und Menschenrechtslage. Die EU kritisierte im Vorfeld der Wahl die massiven Einschüchterungsversuche gegen Oppositionsparteien und Verhaftungen unabhängiger Journalisten. Erste Ergebnisse lagen schon kurz nach der Wahl vor: die Regierungskoalition EPRDF ging als klarer Sieger hervor. Das Ende Juni bekannt gegebene amtliche Endergebnis bestätigte dies: 100 Prozent der Stimmen gingen an die EPRDF, die damit nun alle der 547 Abgeordneten stellt.

Die letzten beiden Parlamentswahlen in 2005 und 2010 waren von teils erheblichen Unregelmäßigkeiten geprägt.

Vor den Parlamentswahlen 2005 hatten internationale Beobachter hohe Erwartungen gehabt. Ein neuer Demokratieschub und ein Aufbruch in einen neuen Pluralismus war erwartet worden. Nicht zuletzt, weil die Opposition erstmals organisatorisch, programmatisch, finanziell und personell in der Lage schien, die Regierung ernsthaft herauszufordern. Die Oppositionsparteien gewannen dann auch überraschend viele Stimmen. Sie hatten sich in zwei Wahlkoalitionen zusammengeschlossen: das 2003 von 14 Parteien in Washington formierte Bündnis United Ethiopian Democratic Forces (UEDF) sowie die neu formierte Coalition for Unity and Democracy (CUD), die sich aus vier Parteien zusammensetzt. Laut amtlichem Endergebnis gewannen sie 30 Prozent der 547 Sitze im House of Peoples‘ Representatives.

Die vermeintliche Manipulation des Wahlergebnisses zu Gunsten der Regierungskoalition ließ jedoch im Juni und November des Jahres tausende Menschen auf die Straße gehen. Bei der Niederschlagung der Demonstrationen durch Sicherheitskräfte starben offiziellen Angaben zufolge mehr als 80 Menschen. Tausende weitere wurden verhaftet, gut 120 Oppositionellen und Medienangehörigen wurde u.a. wegen Hochverrats der Prozess gemacht.

Nach den Vorkommnissen von 2005 war die Lage vor den Wahlen in 2010 relativ angespannt. Viele Menschen befürchteten, dass sich die Ereignisse wiederholen könnten. Diese Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Dennoch waren die Stimmung der Menschen und die Beziehung zwischen Regierung und Wahlbeobachtern von den damaligen Ereignissen überschattet. Die Wahlbeobachter der Europäischen Kommission wurden erst nach erheblichen Auseinandersetzungen aufgrund ihrer Bewertung der Wahlen von 2005 überhaupt eingeladen. Des Weiteren waren 60 Beobachter der Afrikanischen Union anwesend, andere waren von der Regierung nicht zugelassen worden.

Eindeutige Siegerin der Wahlen war die Regierungskoalition EPRDF. Sie erlangte 545 von 547 Sitzen im House of Peoples‘ Representatives und dominiert auch im Regional State Council .

Die Oppositionsparteien berichteten von Einschüchterungskampagnen gegen Kandidaten und Anhänger, von Festnahmen politischer Gegner durch die Regierung und davon, dass Oppositionsanhängern gezielt Wahlzettel vorenthalten wurden. 

Die Einschätzung der EU-Wahlbeobachter fielen unterschiedlich – teils sehr widersprüchlich  – aus:  Einerseits wurden die Wahlkampagnen und der Wahltag selbst als allgemein friedlich, die Medienberichterstattung als neutral bezeichnet. Auch die hohe Wahlbeteiligung und die Achtung des Wahlgeheimnisses wurden gelobt. Bemängelt wurden hingegen die unscharfe Trennung zwischen lokaler Administration und Regierungspartei sowie die Unterrepräsentanz von Frauen in den politischen Parteien. Auch die Verwendung von staatlichen Ressourcen für den Wahlkampf der regierenden Partei wurde kritisiert. Insgesamt habe die Wahl vielen internationalen Verpflichtungen nicht entsprochen.

Innenpolitische Konflikte und innere Sicherheit

Es sind auch Ereignisse wie die Niederschlagung der Proteste in 2005 oder die wiederkehrenden Wahlmanipulationsvorwürfe gegen die Regierung, die zu einer Erstarkung so genannter Befreiungsfronten in einigen Regionen des Landes geführt haben.  Die bekanntesten Separatistengruppen sind die Oromo Liberation Front (OLF) und die Ogaden National Liberation Front (ONLF). Beide Organisationen sind in Äthiopien als Terrororganisationen verboten. Hauptziel beider Organisationen ist die Unabhängigkeit vom Staat Äthiopien, den sie als den Kolonialisierer ihrer Völker und Unterdrücker ihrer kulturellen Identitäten bezeichnen. Beiden Gruppen werden Bombenanschläge und Überfälle auf äthiopische Soldaten oder Unternehmensstandorte ausländischer Investoren in ihrer jeweiligen Region vorgeworfen. Die Finanziers beider Befreiungsfronten werden in Eritrea vermutet.

Für Aufmerksamkeit sorgte Anfang 2012 eine Gruppe von Rebellen in der Danakilwüste im Grenzgebiet zwischen Eritrea und Äthiopien durch den bewaffneten Überfall auf eine europäische Reisegruppe. Bei dem Vorfall kamen mehrere Touristen, darunter zwei Deutsche, ums Leben, weitere wurden entführt und erst Wochen später wieder freigelassen. Äthiopischen Regierungsangaben zufolge handelte es sich bei den Tätern um von Eritrea aus agierende und von der eritreischen Regierung finanzierte und ausgebildete Söldner. Die Umgebung um die Danakilwüste gilt seit geraumer Zeit als Gebiet mit erhöhter Gefahrenlage. Das Auswärtige Amt warnt bereits seit 2007 vor Reisen in diese Region.

Seit Ende des Jahres 2015 gab es immer wieder Proteste gegen den so genannten "Masterplan" für Addis Abeba, der eine Vergrößerung der Hauptstadt in den umliegenden Bundesstaat Oromia hinein vorsah. Laut Regierung hätte dieser Plan die Infrastruktur des Umlands von Addis Abeba verbessert und zu wirtschaftlicher Weiterentwicklung geführt. Kritiker sahen jedoch die Souveränität der Oromo-Gemeinden in Gefahr und befürchteten, dass Einheimische von ihrem Land vertrieben werden würden. Im Januar 2016 gab die äthiopische Regierung nach anhaltenden (teils gewalttätigen) Protesten die Rücknahme des "Masterplans" bekannt. Im Verlauf der monatelang andauernden Proteste sollen Sicherheitskräfte bis zu 400 Menschen getötet und Zehntausende inhaftiert haben. Auch von Gewalttaten durch Demonstranten wird berichtet.

Auch im zweiten Halbjahr 2016 kommt das Land nicht zur Ruhe. Die regierungskritischen Proteste weiten sich aus. Angehörige der ethnischen Gruppen der Oromo und Amhara protestieren gegen die Korruption und die politische Dominanz der regierenden EPRDF, fordern eine bessere Verteilung der Früchte des Wirtschaftswachstums und mehr politische Mitbestimmung. Die Regierung geht weiterhin rigide gegen die Proteste vor, die von Medien teils als bürgerkriegsähnlich beschriebene Situation wird von Menschenrechtsorganisationen mit großer Sorge beobachtet und hat auch Auswirkungen auf Wirtschaftsbetriebe. Die Regierung verhängte indes für sechs Monate den Ausnahmezustand: Es gelten Reiseauflagen für Diplomaten, die Nutzung von Radio- und Fernsehsendern der Exilopposition ist verboten, das Verlinken von Internetseiten oder anderen Inhalten der Exilopposition auf sozialen Medien verboten. Hunderte Regierungskritiker sollen bereits verhaftet worden sein.

Aufgrund der anhaltenden Verschlechterung der innenpolitischen Lage, hat das Auswärtige Amt seine Reisehinweise für Äthiopien aktualisiert.

Flüchtlinge aus dem Südsudan in Gambella © Oxfam/Aimee Brown, Creative Commons Attribution 2.0 Generic License
Flüchtlinge aus dem Südsudan in Gambella © Oxfam/Aimee Brown, Creative Commons Attribution 2.0 Generic License

Eine Belastungsprobe für die Toleranz und Integrationsfähigkeit der äthiopischen Bevölkerung ist auch die steigende Zahl von sudanesischen (sowohl Süd-, als auch Nordsudanesen), eritreischen und somalischen Flüchtlingen im Land. Äthiopien ist inzwischen das afrikanische Land mit den meisten aufgenommenen Geflüchteten, was die äthiopische Regierung und internationale Hilfsorganisationen vor Ort vor große logistische Herausforderungen stellt.

Bedeutung und Organisation der Zivilgesellschaft

In Äthiopien gibt es historisch begründet keine starke Zivilgesellschaft. Zunächst wurde Äthiopien über Jahrhunderte hinweg in einem feudalen System von einer Monarchie beherrscht, die 1974 von der totalitären Militärdiktatur abgelöst wurde. Erst seit Anfang der 1990er Jahre hat sich langsam zivilgesellschaftliches Engagement entwickeln können.

Durchgängig dominante gesellschaftliche Organisationsform ist die Familie im weitesten Sinne. Darüber hinaus gibt es traditionelle Institutionen wie beispielsweise Ältestenräte, die oft als Konfliktlösungsinstanz agieren. Auch andere traditionelle Formen zivilgesellschaftlicher Organisation sind bekannt. Exemplarisch sei der Idir genannt: Dabei handelt es sich um eine Art „Sterbekasse“, in die die Mitglieder einzahlen. Ereignet sich dann ein Todesfall in der Familie des Mitglieds, wird die Bestattung aus dem gemeinsamen Idir-Guthaben finanziert. Auch die mit den Trauerfeierlichkeiten verbundenen sozialen Verpflichtungen (Anwesenheit, Verpflegung der Trauergäste etc.) werden von den anderen Idir-Mitgliedern übernommen. Heute übernehmen diese nicht profitorientierten, freiwilligen Zusammenschlüsse auch viele andere Aufgaben innerhalb der Community.

Zivilgesellschaftliches Engagement im westlichen Sinne, beispielsweise in Form von Nichtregierungsorganisationen (NRO), die an politischen Entscheidungsprozessen teilhaben, ist keine tief verwurzelte Erscheinung in Äthiopien. Der Einfluss – und auch die Zahl – solcher NRO sind aber in den letzten 25 Jahren deutlich gestiegen. Der größte NRO-Dachverband ist das Consortium of Christian Relief and Development Association (CCRDA), der über 330 Mitgliedsorganisationen zählt.

Den Nichtregierungsorganisationen wurde mit dem Law on Charities and Societies ein neuer gesetzlicher Rahmen gegeben. Im Vorfeld wurde zusammen mit der internationalen Gebergemeinschaft heftig gegen dieses Gesetzesvorhaben protestiert. Der Hauptkritikpunkt war hierbei, dass NRO als "ausländische Organisationen" gelten, wenn sie mehr als 10% ihrer Einnahmen aus ausländischen Quellen beziehen. Diese Organisationen sind in der Folge von der Arbeit in sensiblen Bereichen wie z.B. Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit oder Menschenrechte ausgeschlossen. Das Gesetz trat nach kleineren Änderungen zu Beginn 2009 jedoch trotzdem in Kraft und führte dazu, dass einige Organisationen ihre Arbeit einstellen oder inhaltlich neu ausrichten mussten.

Die Heinrich-Böll-Stiftung entschloss sich Ende 2012 dazu, sich aus Äthiopien zurückzuziehen, weil mit dem neuen Gesetz und den 2011 in Kraft getretenen Umsetzungsverordnungen ein neuer Höhepunkt der Einschränkung zivilgesellschaftlicher Arbeit erreicht worden sei.


Zivilgesellschaft  © Ralf Bäcker
Zivilgesellschaft © Ralf Bäcker

Presse und andere öffentliche Medien

Die Medienlandschaft Äthiopiens wird dominiert von staatlichen oder regierungsfreundlichen Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern.

Unter den zahlreichen Zeitungen in Äthiopien befinden auch einige englischsprachige Publikationen. Aufgrund der niedrigen Alphabetisierungsrate erreichen Printmedien jedoch nur einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung. Vor allem außerhalb der Städte spielen daher Radio und Fernsehen eine wichtige Rolle. Das staatliche Radio sendet täglich auf acht äthiopischen Sprachen sowie auf Englisch, Französisch und Arabisch. Auch das staatliche Fernsehen (ETV) hat mehrsprachige Programme. Die staatlichen Medien werden von der Ethiopian Radio and Television Agency (ERTA) und der Ethiopian Press Agency betrieben. Es gibt private Radiosender, aber nur staatliche Fernsehsender. Über Satellit empfangen Haushalte, die in der Lage sind, diese Technologie zu nutzen, vor allem arabische Sender.

Buchstabensatz in einer Druckerei © Ralf Bäcker
Buchstabensatz in einer Druckerei © Ralf Bäcker
Zeitungsleser auf der Straße © Ralf Bäcker
Zeitungsleser auf der Straße © Ralf Bäcker


Die Deutsche Welle ist mit seinem landessprachlichen Äthiopienprogramm ein in der Bevölkerung sehr angesehener Sender. Es gibt jedoch immer wieder Berichte von gezielten Sendestörungen (so genanntes Jamming) durch die äthiopische Regierung. Auch der zweite wichtige internationale Radiosender Voice of America ist davon betroffen.

Internetzensur und -überwachung wird immer mehr zum Thema. So kommt es beispielsweise immer wieder zu (vorübergehenden oder dauerhaften) Sperrungen von online verfügbaren Nachrichtenportalen.

Die Pressegesetzgebung ist restriktiv. Es gibt Befürchtungen, dass die Pressefreiheit in Äthiopien stetig abnimmt. Aus Angst vor Repressalien und Verhaftungen zensieren sich nicht wenige äthiopische Journalisten selbst, veröffentlichen nicht zu sensiblen Themen. In den Jahren haben wiederholt private Zeitungen ihre Veröffentlichungen eingestellt, weil die Redakteure wegen ihrer Berichterstattung ins Visier der Regierung geraten waren und das Land daraufhin verlassen hatten. Im Worldwide Press Freedom Index der Reporter ohne Grenzen belegt Äthiopien in 2016 Rang 142 von 180 untersuchten Ländern. 

Menschenrechte

Die Menschenrechtssituation in Äthiopien ist unbefriedigend. Dies gilt vor allem für die Rechtsstaatlichkeit (Vorführung vor Gericht, Verfahrensdauer), die Verhängung (aber seit 1998 Nicht-Vollstreckung) der Todesstrafe und die Behinderung und Verfolgung von Journalisten. Es erfolgen Verhaftungen ohne Haftbefehl und ohne fristgerechte gerichtliche Überprüfung. Sehr lange Gerichtsverfahren sind verbreitet. Hierfür ist auch eine völlig überforderte und überlastete Justiz verantwortlich.

Laut Human Rights Watch nutzt die äthiopische Regierung ihr Monopol in der Telekommunikation und verschiedene modernste Technologien um nicht nur die Bespitzelung bekannter Oppositioneller oder Kritiker im eigenen Land voranzutreiben, sondern ebenso zur Überwachung der äthiopischen Normalbevölkerung und Äthiopiern im Ausland.

Legale Voraussetzungen zur Verbesserung der Menschenrechte sind erfolgt. Die Menschenrechtskommission des Parlaments ist ebenso wie das Amt des Ombudsmanns eingerichtet. Frauenrechte sind in der Verfassung verankert. Von einer Umsetzung dieser rechtlich festgeschriebenen Menschenrechte ist Äthiopien jedoch weit entfernt: Weibliche Genitalverstümmelung und sehr frühe Verheiratung sind zwar offiziell verboten, jedoch weiterhin Realität für viele Mädchen und junge Frauen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Regierung ihr Anti-Terrorismus-Gesetz auch dazu nutzt, die Meinungs- und Pressefreiheit auszuhebeln und Oppositionelle mundtot zu machen. Darüber hinaus gibt es Berichte über die politische Instrumentalisierung von Hilfsgütern seitens der Regierung und Zwangsumsiedlungen ganzer Dörfer zugunsten ausländischer Investoren. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat Äthiopien inzwischen zur Verbesserung seiner Menschenrechtspraktiken aufgefordert.

Außenpolitische Themen

Die Außenbeziehungen von Äthiopien sind sehr zahlreich. Äthiopien ist Mitglied der Afrikanischen Union (AU), der Intergovernmental Authority on Development (IGAD), und der regionalen Freihandelszone Common Market for Eastern and Southern Africa (COMESA). Ein Antrag auf Mitgliedschaft bei der Welthandelsorganisation (WTO) wurde im Januar 2003 gestellt und ist weiter in Vorbereitung. Addis Abeba beherbergt die AU und die United Nations - Economic Commission for Africa (UN-ECA). Äthiopien ist außerdem Mitglied von NEPAD (The New Partnership for Africa's Development), zu dessen Implementierungskomitee es auch gehört. Ein Kernstück der NEPAD ist der African Peer Review Mechanism (APRM), dem sich die Länder unterziehen, um gegenseitig voneinander zu lernen und etwaige Schwächen aufzudecken. 

Krisen, Kriege und Frieden - Äthiopiens Rolle am Horn von Afrika

Bewaffneter Äthiopier © Ralf Bäcker
Bewaffneter Äthiopier © Ralf Bäcker

Äthiopien ist durch seine geopolitisch wichtige Lage am Horn von Afrika und seine westlich orientierte Politik zu einem wichtigen Partner der USA im Kampf gegen den internationalen islamistischen Terror geworden.

Die Beziehungen zu Eritrea stehen seit dessen Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahre 1993 im Mittelpunkt der Außenbeziehungen des Landes. Die nach dem gemeinsamen Kampf gegen das Derg-Regime zunächst guten Beziehungen verschlechterten sich nach der Unabhängigkeit von Eritrea zunehmend und mündeten schließlich in den Grenzkrieg von 1998 bis 2000 mit wahrscheinlich über 100.000 Toten. Der Krieg wurde durch einen Waffenstillstand vom Juni 2000 und den Friedensvertrag von Algier vom 12.12.2000 beendet. Eine Friedensmission, die United Nations Mission in Ethiopia and Eritrea, wurde eingerichtet. Der Spruch der Grenzkommission, der nach dem Willen beider Länder abschließend und bindend sein sollte, wurde im April 2002 verkündet. Die Demarkierung der Grenze sollte 2003 beginnen. Nachdem jedoch klar wurde, dass der Ort Badme, um den sich der Krieg ursprünglich entzündet hatte, von der Grenzkommission Eritrea zugeschlagen worden war, rückte Äthiopien von seiner Haltung ab und erklärte sich fortan nur mit der Demarkierung unstrittiger Gebiete (ca. 85% der Grenze) einverstanden. Eritrea wiederum lehnte den Beginn der Demarkierung nur in den unumstrittenen Grenzbereichen ab. Die Grenzkommission vereinbarte im November 2006 den Grenzverlauf durch die Festlegung von 146 geographischen Koordinaten festzuschreiben. Inzwischen wurden die Truppen der UNMEE aus Eritrea zurückgezogen. Die dortige Regierung hatte ihnen die Arbeit durch Blockaden unmöglich gemacht.

Im Jahr 2012 kam es zu Spannungen zwischen beiden Staaten. Nach dem oben bereits erwähnten Überfall auf eine Touristengruppe im eritreischen Grenzgebiet hatte Äthiopien im März 2012 Ziele in Eritrea angegriffen. Es macht die eritreische Regierung für die Ausbildung und Bewaffnung von Banditen und Terrorgruppen in der Region verantwortlich.

Einige Experten gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren mit einer deutlichen Entspannung im Konflikt und einer Annäherung der beiden Staaten zu rechnen ist. Andererseits gibt es durch bewaffnete Auseinandersetzungen an der Grenze in der ersten Jahreshälfte 2016 Befürchtungen, dass ein erneuter Grenzkrieg ausbrechen könnte.

Die Beziehungen zu Somalia werden geprägt durch die weitgehend nicht kontrollierte Grenze zwischen der Somali-Region Äthiopiens und Somalia, die Erfahrung des Ogadenkriegs von 1977 - 78 sowie der Furcht vor einer islamisch-fundamentalistischen Orientierung Somalias und fortgesetzten Aktionen bewaffneter Oppositionsgruppen von somalischem Territorium aus. Als Mitte 2006 die Union islamischer Gerichte die Kontrolle in großen Teilen Somalias übernahm, erklärte die äthiopische Regierung der Union den Krieg. Begründet wurde dies mit der Befürchtung, der von ethnischen Somali bewohnte Osten des Landes könnte annektiert werden. Bis 2009 waren äthiopische Truppen mit Unterstützung der USA in Somalia aktiv, wo es ihnen 2007 gemeinsam mit der somalischen Übergangsregierung gelang, die Union zu entmachten. Beendet war der Konflikt damit jedoch nicht. Eine aus der Union islamischer Gerichte hervorgehende Gruppe namens Al Shabaab ist weiterhin in Somalia aktiv und beherrscht große Teile des Landes. Sowohl kenianische Truppen, als auch Soldaten einer Friedensmission der Afrikanischen Union sind in Kampfhandlungen gegen die Al Shabaab-Milizen verwickelt. Es gibt auch immer wieder Berichte von großen Truppenbewegungen von Äthiopien nach Somalia. Der in Somalia ausgetragene Konflikt gilt vielen auch als eritreisch-äthiopischer Stellvertreterkrieg. Eritrea soll nicht nur Mitgliedern der besiegten Union islamischer Gerichte und der Ogaden National Liberation Front Exil bieten, sondern auch deren Kämpfer ausbilden und mit Waffenlieferungen unterstützen. Dies wird von eritreischer Seite jedoch dementiert.

Dschibuti ist für Äthiopien wegen des dortigen Hafens ein wichtiger wirtschaftlicher Partner. Abgesehen von gelegentlichen Spannungen wegen gegensätzlicher Interessen bei der Nutzung des Hafens gelten die Beziehungen als gut.

Das Verhältnis zum südlichen Nachbarn Kenia ist gut. Es gibt gelegentliche grenzüberschreitende Auseinandersetzungen zwischen lokalen Ethnien. Es wird deswegen systematisch auf lokaler Ebene zwischen den Konfliktbeteiligten vermittelt.

Nach jahrelangen Spannungen hat es zwischen der Republik Sudan und Äthiopien inzwischen eine Wiederannäherung gegeben. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit ist gut. Dies schließt die Nutzung des Hafens Port Sudan und die Verbesserung der Straßenverbindung ein.

Seit der Unabhängigkeit des Südsudan hat Äthiopien einen neuen Nachbarn. Die Beziehungen zu der vorher bereits weitgehend autonomen Region gelten als gut und haben sich seit der Unabhängigkeit intensiviert. Die äthiopische Regierung genießt das Vertrauen beider sudanesischer Staaten und hat seit Juli 2011 im Rahmen der vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mandatierten UNISFA-Mission bis zu 4.200 Soldaten in die zwischen Sudan und Südsudan umstrittene Abyei-Region entsandt.

Im April 2015 sorgte ein brutaler Überfall auf Dörfer in der Region Gambella für Aufsehen. Dabei wurden über 200 Menschen getötet, mehr als hundert Kinder entführt und tausende Rinder gestohlen. Verantwortlich für den Angriff sollen Angehörige der ethnischen Gruppe der Murle sein, die auf südsudanesischer Seite im Grenzgebiet ansässig sind und bereits in der der Vergangenheit durch brutale Überfälle und Viehdiebstähle in der Region bekannt geworden waren. Es gibt jedoch auch die Theorie, der Vorfall habe vielmehr politische Hintergründe und sei ein Zeichen für das Überschwappen des südsudanesichen Bürgerkrieges auf Äthiopien und ein gezielter Versuch, den Friedensprozess im Südsudan zu sabotieren. Äthiopische Sicherheitskräften gelang es, fast alle Kinder wieder zu ihren Familien zurück zu bringen, etwa 60 der Angreifer sollen getötet worden sein.

 

 

Zu Deutschland pflegt Äthiopien traditionell gute Beziehungen. Der Besuch des Kaisers Haile Selassie I. im Jahr 1954 war einer der ersten Staatsbesuche in der jungen BRD. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit intensiviert sich, das Außenhandelsvolumen wächst. Deutschland ist einer der größten Abnehmer äthiopischer Waren. Zudem ist Äthiopien eines der Schwerpunktländer der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

Die Beziehungen zwischen Äthiopien und der Europäischen Union sind gut. Die EU ist nicht nur ein wichtiger Handelspartner Äthiopiens, sondern auch eine wichtige Geberinstitution der Entwicklungszusammenarbeit und ein verlässlicher Partner im Bereich der humanitären Hilfe.

Einige Beobachter bedauern, dass die EU ihren Einfluss in Äthiopien nicht ausreichend geltend macht, um die Menschenrechtslage stärker zu kritisieren bzw. Änderungen anzustoßen.

Die Beziehungen zu China gewinnen immer mehr an Bedeutung. In vielen Bereichen ist das Engagement Chinas in Äthiopien sichtbar - sei es in Form von Breitband-Internet, der Straßenbahn in Addis Abeba oder der Verbesserung des Straßennetzes.

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Dieser Länderbeitrag wurde zuletzt im Oktober 2016 aktualisiert.

Über die Autorin

Maria Scurrell (Jahrgang 1985) hat Interkulturelle Pädagogik mit dem Schwerpunkt „Nord-Süd“ studiert. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über die Rolle von traditionellem Wissen und indigenen Institutionen bei der Armutsbekämpfung in Äthiopien. Seit 2007 lebt sie in Addis Abeba und Berlin.

Literaturhinweise

Weiterführende Literatur zu den Themen:

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ ist der führende Weiterbildungsanbieter für die internationale Kompetenzentwicklung. Wir stehen für innovative, wirksame und nachhaltige Lösungen.

> Angebote aus dem Weiterbildungskatalog

Gerne konzipieren wir für Sie maßgeschneiderte Trainingskurse, die sich an Ihren individuellen Bedürfnissen und Interessen orientieren.

> Wir freuen uns über Ihre Anfragen!

Kontakt

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Kommentare zu diesem Länderbeitrag oder zum LIPortal insgesamt. Richten Sie Ihre Anfrage an:

Thorsten Hölzer
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

+49 (0)2224 926 - 144

Zum Kontaktformular