Ländlicher Markt. © Maria Scurrell
Anteil alphabetisierte Erwachsene
49,1% (2015)
Bedeutende Religionen
Orth. Christentum ca. 43 %, Islam ca. 34%
Städtische Bevölkerung
ca. 19 % (2014)
Lebenserwartung (w/m)
64 / 59 Jahre (geschätzt 2015)
Gender Inequality Index
129 von 187 (2014)
Anzahl der Geburten
5,15/Frau (geschätzt 2015)
Kindersterblichkeit
59/1000 Lebendgeburten (geschätzt 2015)

Gesellschaft

Seit dem Ende der Militärdiktatur zu Beginn der 1990er Jahre haben sich fremde Einflüsse auf das Alltagsleben der äthiopischen Gesellschaft erheblich ausgeweitet und intensiviert. Nach dem Sturz des Mengistu-Regimes kehrten viele Äthiopier aus allen Teilen der Welt zurück ins Land, die im politischen Exil gelebt, im Ausland studiert oder in den Golfstaaten gearbeitet hatten. Mit ihrer Rückkehr kamen neue Erfahrungen und Ideen in die junge Republik. Auch heute noch hat die äthiopische Diaspora, die auf allen Erdteilen zu finden ist, großen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung in Äthiopien.

Auch die Liberalisierung des Handels, die Entwicklung des Medienangebotes, das Internet und der Tourismus fördern den kulturellen Austausch und sind so wichtige Faktoren im gesellschaftlichen Wandel des Landes geworden. Entwicklungsvorhaben von bi- und multilateralen Gebern sowie von Nichtregierungsorganisationen tragen ebenfalls erheblich zu Veränderungen bei.

All diese Faktoren haben befruchtende, aber auch konfliktive Wirkungen.

Altersstruktur

Kinder in Masha ©Maria Scurrell
Kinder in Masha ©Maria Scurrell

Äthiopien ist eine sehr junge Gesellschaft. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 18 Jahre. Der Anteil derer, die älter als 64 sind, beträgt nur etwa 2,8 Prozent.

Dies führt dazu, dass Äthiopien - Schätzungen zufolge - noch etwa 15 Jahre von der dem Wirtschaftswachstum förderlichen demografischen Dividende entfernt ist, da die äthiopische Regierung - wie die anderer Staaten mit einem hohen Anteil an jungen wirtschaftlich Abhängigen - der Jugend einen relativ großen Anteil ihrer Ressourcen widmet. Das hemmt trotz vorzeigbarer Wachstumsprognosen die Wirtschaftskraft des Landes.

Ethnische Zugehörigkeit

Begrüßung auf dem Markt ©Maria Scurrell
Begrüßung auf dem Markt ©Maria Scurrell

Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat mit einer großen Zahl von Ethnien und Sprachen. Die Anzahl ethnischer Gruppen wird mit mindestens 80, in einigen Quellen mit bis zu 120, angegeben. Die Sprachenvielfalt ist ebenso ausgeprägt. Diese sind entweder sehr klein, mit nur einigen tausend Menschen (z.B. Mursi) oder mit über 25 Millionen (z.B. Oromo) sehr groß. Laut Volkszählung von 2007 sind die Oromos mit 34,5% und Amharas mit 29,6% die zwei größten ethnischen Gruppen, gefolgt von Somalis mit 6,2% und Tigrays mit 6,1%. Die übrigen Ethnien machen zusammen gut 23% der Bevölkerung aus.

Ein Ergebnis der jahrhundertelangen Konfrontation des äthiopischen Kaiserreichs mit europäischen Mächten ist die identitätsstiftende Gemeinsamkeit der bewahrten Unabhängigkeit, des Siegs gegen ausländische Kolonisatoren. Als Schlüsselereignis in diesem Zusammenhang und als Gründungszeitpunkt des modernen äthiopischen Staates gilt die Schlacht von Adwa 1896 gegen die italienischen Invasoren. Dennoch kann dieser einende Faktor nicht über die internen Auseinandersetzungen hinwegtäuschen, die von Anfang an zur Geschichte des äthiopischen Staates gehörten.

Der Zerfall traditioneller Herrschaftsstrukturen heizt diese Konflikte zusätzlich an. Traditionell einflussreiche Ältestenräte, Clanführer oder andere, innerhalb einer ethnischen Gruppe angesehene Persönlichkeiten haben an Ansehen und Einfluss verloren. Konflikte werden deshalb in zunehmendem Maße "unkoordiniert" ausgetragen und traditionelle Mechanismen der Konfliktschlichtung funktionieren immer weniger.

Die Antwort der Regierung auf die in Äthiopien herrschenden ethnischen Konflikte ist der Ethnische Föderalismus. Er soll durch weitgehende Autonomie der nach ethnischen Gesichtspunkten gegliederten Bundesländer den Wunsch nach Selbstbestimmung der ethnischen Gruppen – beispielsweise in Form von muttersprachlicher Beschulung der Kinder – befriedigen und sie so zu zufriedenen Angehörigen der äthiopischen Nation machen. Kritiker bemängeln jedoch, die an ethnischen Grenzen orientierte Verwaltungsstruktur verstärke die Besinnung auf ethnische Unterschiede und verstärke so bestehende Konflikte. Auch die Beibehaltung des Amharischen als alleinige Amtssprache ist nicht unumstritten.

Konflikte um politische Freiheiten, aber auch lebenswichtige Grundgüter wie Zugang zu Wasser und Land sind andauernde Herausforderungen, die durch Dürren, kriegerische Auseinandersetzungen am Horn von Afrika und damit einhergehende Flüchtlingsströme aus Nachbarländern noch verstärkt werden.

Die Bemühungen der Regierung, die Angehörigen der verschiedenen Volksgruppen in eine alle Ethnien umfassende äthiopische Nation einzubinden und ihnen entsprechende Teilhabe am politischen Prozess zu ermöglichen, sind bisher nur von bescheidenem  Erfolg gekrönt. Der immer am 8. Dezember begangene Ethiopian Nations, Nationalities and Peoples Day soll die Vielfalt der Äthiopier zelebrieren und gleichzeitig das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Er kann damit als das Aushängeschild der „Unity in Diversity“-Kampagne der Regierung gesehen werden, kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass auch im politischen Alltag ethnische Zugehörigkeit eine übergeordnete Rolle spielt: Es ist bezeichnend, dass die große Mehrheit der in Äthiopien zugelassenen Parteien ethnisch begründete Zusammenschlüsse (z. B. Tigrayan People's Liberation Front, Oromo People's Congress uvm.) sind.

Geschlechterverhältnis

Brot backen in Butajira  © Ralf Bäcker
Brot backen in Butajira © Ralf Bäcker

Frauenrechte sind in der äthiopischen Verfassung verankert. Von einer Verwirklichung dieser Rechte und von Geschlechtergerechtigkeit ist das Land – wie viele andere auch – aber noch weit entfernt.

Die Situation von Frauen ist oft von körperlich sehr harter Arbeit, Benachteiligung und Bevormundung, von traditioneller Rollenzuschreibung und Gewalterfahrungen geprägt.

Etwa 85 Prozent aller Frauen in Äthiopien leben auf dem Land. Sie und ihre Familien leben von Subsistenzlandwirtschaft und sind eingebunden in ihre jeweilige ländliche Gemeinschaft. Die Arbeit ist hart und körperlich anstrengend: Wasser und Feuerholz oft viele Kilometer weit nach Hause zu tragen, ist Sache der Frauen und Mädchen. Obwohl sie somit mindestens die Hälfte der Arbeitslast tragen, werden sie was z.B. Besitzrecht und Erbe angeht – trotz vorhandener Gesetze – noch immer benachteiligt.

Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) ist gesetzlich verboten, ist aber dennoch sehr weit verbreitet. Aktuell sind etwa drei Viertel aller Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. FGM stellt eine gravierende Menschenrechtsverletzung dar.

Auch die sehr frühe Verheiratung von Mädchen ist ein hartnäckiges Problem: So werden etwa 40% aller Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, jedes sechste Mädchen sogar vor ihrem 15. Geburtstag. In vielen Fällen spielt dabei Entführung eine Rolle. Um der Zahlung eines hohen Brautpreises zu entgehen, entführen junge Männer das Mädchen ihrer Wahl, vergewaltigen es und verhandeln hinterher – meist über vermittelnde Älteste – mit den Eltern. Diese stimmen einer Heirat normalerweise zu, da eine spätere Verheiratung der nicht mehr jungfräulichen Tochter erheblich schwerer würde. Laut einer im Jahr 2003 veröffentlichten Studie kommen in manchen Regionen Äthiopiens zwischen 80 und 90 Prozent aller Eheschließungen durch Entführungen zustande.

Zu den weitreichenden Folgen von schädlichen traditionellen Praktiken wie FGM und Kinderheirat zählen gesundheitliche Probleme wie Fisteln, eine Geburtsverletzung, die vor allem bei sehr jungen Müttern unter anderem zu Unfruchtbarkeit, Inkontinenz und damit verbunden zu sozialer Ausgrenzung führt. Schätzungen zufolge erleiden allein in Äthiopien jährlich 9000 Frauen eine solche Verletzung. Die einzige ausschließlich darauf spezialisierte Klinik befindet sich in Addis Abeba. Sie finanziert sich aus Spenden und behandelt jährlich ca. 2500 Frauen, die aus dem ganzen Land kommen, völlig kostenfrei.

Familienplanung war im religiösen Äthiopien lange Zeit ein Tabuthema, darüber hinaus waren mangelndes Wissen und fehlender Zugang zu Verhütungsmitteln problematisch. Inzwischen ist die Benutzung hormoneller Verhütungsmittel jedoch immer verbreiteter. Die Zahl der verheirateten Frauen, die hormonelle Verhütungsmittel benutzen hat sich seit 2005 etwa verdoppelt.

Abtreibung hingegen bleibt weiterhin ein Tabuthema, wenn auch die äthiopische Regierung ihre Gesetzgebung diesbezüglich im Jahr 2005 etwas gelockert hat.

Trotz großer Anstrengungen gehen Mädchen noch immer deutlich seltener zur Schule als Jungen. Dies hängt oft mit der Armut der Familien zusammen. Wenn sie sich nur für einige ihrer Kinder das Schulgeld leisten können, bleiben eher die Mädchen zuhause und helfen auf dem Feld, mit dem Vieh oder im Haushalt. Auch das traditionelle Frauenbild, dass immer noch vorherrscht, spielt hier eine Rolle: Warum sollen die Mädchen das Lesen und Schreiben lernen, wenn sie später lediglich als Hausfrau und Mutter gebraucht werden?

In den Städten ist die Situation der meisten Frauen deutlich besser als auf dem Land. Vor allem in der noch in der Entstehung befindlichen neuen Mittelschicht sind die Töchter mindestens genauso gut ausgebildet wie die Söhne. Von den neu immatrikulierten Studierenden in 2011 waren bereits über 46 % Frauen. Berufstätige Mütter sind in Addis Abeba an der Tagesordnung. Dennoch sind auch viele urbane Frauen von Benachteiligung und Gewalt betroffen: Sie bekommen beispielsweise weniger Lohn für die gleiche Arbeit. Zudem werden für Führungspositionen Männer weiterhin eher berücksichtigt als Frauen. Durch besondere Förderprogramme konnte der Anteil von Frauen unter den Studierenden an Hochschulen zwar gesteigert werden, sie brechen aber weit öfter das Studium ab als ihre männlichen Kommilitonen.

Häusliche Gewalt ist ein weit verbreitetes Problem in Äthiopien. Seit 2005 ist sie nach jahrelangem Einsatz von Frauenrechtsgruppen als eigener Tatbestand im äthiopischen Strafgesetzbuch verankert. Die meisten Opfer bringen solche Taten jedoch nie zur Anzeige.

Bildung

Das Bildungssystem sieht zehn allgemeinbildende Schuljahre vor. Nach dem zehnten Schuljahr erfolgt eine Trennung zwischen Schülern, die in zwei weiteren Schuljahren zur Hochschulreife geführt und solchen, die in zwei berufsbildenden Schuljahren auf die Arbeitswelt vorbereitet werden.

Seit Ende der Militärdiktatur hat sich der Zugang zu Bildung enorm verbessert. Im Schuljahr 2012/2013 besuchten nach offiziellen Angaben etwa 95,3% aller äthiopischen Kinder der Altersgruppe 7-14 Jahre die Schule. Eine große Herausforderung bleibt jedoch die hohe Zahl der Kinder, die nur unregelmäßig am Unterricht teilnehmen bzw. derer, die die Schule vorzeitig und folglich ohne Abschluss verlassen. Zudem wird deutlich, dass Mädchen eher von Schulabbruch und unregelmäßigem Schulbesuch betroffen sind als Jungen.

Das Hochschulwesen in Äthiopien hat in den letzten Jahren einen enormen Wandel durchlaufen. Die Anzahl staatlicher Universitäten stieg in weniger als 20 Jahren von zwei auf 31. Weitere sind schon in Planung. Auch private Colleges und Universitäten haben einen nicht unwesentlichen Platz auf dem Bildungsmarkt eingenommen. Der Versuch, höhere Bildung immer mehr Menschen zugänglich zu machen, stellt die Regierung vor mehrere Herausforderungen: Ein ernstzunehmendes Problem ist die Sicherstellung der Ausbildungsqualität. Die Zahl derer, die einen Abschluss an einer Universität machen, steigt: In 2008/2009 erhielten etwas mehr als 56000 Menschen einen Bachelorabschluss, 2012/2013 waren es schon knapp unter 80000. Der Anteil der Absolventinnen bleibt jedoch im gleichen Zeitraum relativ konstant bei knapp unter 30 Prozent. Es fällt auf, dass es noch immer vor allem männliche Studierende aus besserverdienenden Familien und städtischem Umfeld sind, die es an die Universitäten schaffen.

Vor allem im medizinischen Bereich ist die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte (brain drain) ein Problem. Diese führt zu einer Verschlechterung der medizinischen Versorgungslage in Äthiopien. Aber auch Fachkräfte aus anderen Branchen verlassen auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen (v.a. besserer Bezahlung) ihr Land in Richtung USA, Kanada, Australien oder Europa.

Anatomische Malerei an einem alten Schulgebäude © Maria Scurrell
Anatomische Malerei an einem alten Schulgebäude © Maria Scurrell

Gesundheit

Die Gesundheitsversorgung in Äthiopien ist trotz erheblicher Anstrengungen und bereits erzielter Fortschritte noch mangelhaft. Noch immer kommen auf einen Arzt etwa 33.500 Patienten. Die äthiopische Regierung investiert jedoch ausgiebig in die Ausbildung von Ärzten und rechnet damit, dass es im Jahr 2020 nur noch ca. 5000 Patienten pro Arzt sein werden. Der Zugang zu den wesentlichen Medikamenten ist nur einem Teil der Bevölkerung möglich. Fast die Hälfte der Bevölkerung muss mehr als 15 Kilometer zurücklegen, um zum nächstgelegenen Gesundheitsposten zu gelangen.

Viele Menschen sind von häufigen Durchfällen betroffen. Diese stellen bei Kindern die häufigste Todesursache dar. Verursacht werden sie durch die mangelhafte Hygiene: Nach wie vor ist die fehlende Versorgung mit sauberem Trinkwasser vor allem auf dem Land ein großes Problem. Damit einher geht das Problem fehlender Sanitäreinrichtungen.

Andere Herausforderungen bleiben Malaria, Hepatitis, Meningitis, Bilharziose sowie HIV/AIDS.

Langsam entwickelt sich auch ein Sinn für Gesundheitsschutz und Prävention im Alltag. So gibt es zur Zeit Diskussionen über ein Rauchverbot in der Öffentlichkeit - eine Maßnahme, die in Mekelle (im Norden des Landes) bereits eingeführt wurde.

HIV/AIDS

AIDS-Aufklärung  © Ralf Bäcker
AIDS-Aufklärung © Ralf Bäcker

HIV/AIDS ist in Äthiopien stark verbreitet. Die Datenlage zur Infektionsrate in Äthiopien ist unübersichtlich. UNAIDS geht von einer Prävalenz zwischen 1,1 und 1,4 Prozent (bei den 15- bis 49-Jährigen) aus.

Äthiopiens Regierung unternimmt in Zusammenarbeit mit internationalen Gebern große Anstrengungen im Kampf gegen HIV/AIDS. Neben der Aufklärung und Prävention geht es vor allem darum, die medizinische Versorgung von Menschen mit HIV/AIDS zu verbessern. Hier hat es vorzeigbare Erfolge gegeben. So konnte im Zeitraum 2001-2011 die Neuinfektionsrate unter Erwachsenen um 90% reduziert werden.

Der UNAIDS Country Progress Report on HIV/AIDS Response für 2014 zeigt jedoch, dass es weiterhin viel zu tun gibt im Kampf gegen die Epidemie: Etwa 790.000 Menschen (darunter mehr als 200.000 Kinder) leben in Äthiopien mit HIV/AIDS, hinzu kommen mehr als 890.000 AIDS-Waisen.

Obwohl immer mehr Menschen Wissen über HIV/AIDS, Infektionswege und Behandlungsmöglichkeiten haben, sind HIV-Positive oft mit Stigmatisierung und Ausgrenzung konfrontiert. Hier ist es vor allem die Zivilgesellschaft, sind es kleine Organisationen oder Kirchengemeinden, die in ihren Communities entgegenzuwirken versuchen.

Kunst und Kultur

Äthiopien, das als die Wiege der Menschheit und Ursprung des Kaffees gilt, kann auf Jahrtausende alte Traditionen zurück blicken. Vor allem christliche Traditionen und die historische Isolation des Landes prägen seine einzigartige Kultur. Natürlich spiegelt sich in ihr auch die ethnische und religiöse Vielfalt der Äthiopier wider.

Innerhalb der einzelnen ethnischen Gruppen herrscht oft ein starkes Traditionsbewusstsein. So werden Legenden, Lieder und Tänze auch heute noch von einer zur anderen Generation weiter gegeben. Manche der über 80 ethnischen Gruppen, ihre Traditionen und Bräuche, sind bis heute nur wenig erforscht worden. Das Institute of Ethiopian Studies an der Addis Ababa University versucht seit 1963, das Wissen über die verschiedenen kulturellen Identitäten zusammenzutragen und zu analysieren. Publikationen liegen bisher nur gedruckt vor.
Eine Vielzahl von Universitäten in Deutschland, Großbritannien und den USA beschäftigen sich mit ausgewählten Fragestellungen zu den kulturellen Identitäten Äthiopiens.

Musik

Äthiopische Musik unterscheidet sich stark von der des übrigen Afrika. Die traditionelle Musik wird in Fünftonskalen gespielt. Ähnlich den Minnesängern des europäischen Mittelalters ziehen Sängerpoeten (Azmari) mit ihren Balladen durchs Land, erzählen alte Geschichten oder kommentieren das aktuelle Geschehen. Begleitet werden ihre Preis- und Schmählieder meist mit der Krar, einer Leier, oder der Masinko, einer Kastenspießlaute. Auch Flötenspiel (auf der Waschint) ist verbreitet. Für religiöse Feierlichkeiten wird die Beganna, eine große Leier, verwendet. 

Ab den 1950er Jahren entwickelte sich neben den traditionellen Musikformen, vor allem in Addis Abeba, äthiopische Populärmusik. Sie verbindet verschiedene westliche Stile und Instrumente mit den einheimischen Melodien. Dabei wurden nicht nur traditionelle Gesänge mit westlichen Einflüssen kombiniert, sondern auch Militärmusik.

In den 60er Jahren wurden zunehmend Elemente aus Rhythm and Blues und Soul sowie Jazz und lateinamerikanische Musik integriert. Bekanntester Vertreter des so entstandenen Ethiojazz ist Mulatu Astatke, der spätestens seit dem Soundtrack zum Hollywoodfilm „Broken Flowers“ internationale Bekanntheit erlangte. Ein weiterer großer äthiopischer Musiker ist Tilahun Gessesse. Der 2009 verstorbene Sänger, der als „die Stimme Äthiopiens“ bezeichnet wird, wurde in den 1960ern durch seine Zusammenarbeit mit dem Orchester der Kaiserlichen Leibwache, damals eine der führenden Bands, berühmt.

Mit dem Sturz Haile Selassies und der Machtübernahme der Militärs stürzte die äthiopische Populärmusik in eine Krise. Die Mehrzahl der bekannten Künstler floh vor der Diktatur. Auch Äthiopiens heute international bekannteste Musikerin Aster Aweke emigrierte 1981 aufgrund der politischen Situation in die USA. Weitere wichtige Vertreter dieser so genannten „Goldenen Jahre der äthiopischen Musik“ sind Mahmoud Ahmed, Alemayehu Eshete, Hirut Bekele und Muluken Melesse.

In Europa und den USA wurde die klassische Popmusik Äthiopiens vor allem durch die seit 1994 regelmäßig vom französischen Label Buda Musique herausgegebene Serie Ethiopiques bekannt. Sie umfasst inzwischen mehr als 20 CDs.

Auch in der gegenwärtigen Musikszene haben sich äthiopische (und äthiopischstämmige) Musiker international Gehör verschaffen können.

Literatur

Traditionell war die äthiopische Literatur christlich orthodoxen Ursprungs. Meist handelte es sich um theologische Abhandlungen, die auf Ge’ez, der liturgischen Sprache der äthiopischen Kirche, verfasst wurden. Die frühen Schriften waren hauptsächliche Übersetzungen dieser Abhandlungen aus dem Griechischen oder Arabischen. Die Blütezeit der in Ge’ez verfassten äthiopischen Literatur begann mit der Herrschaft der Salomonischen Dynastie. Ein Höhepunkt aus dieser Zeit stellt die Kebra Negest (das Buch der Könige) dar. Ihr zentrales Thema ist die Gründung der Salomonischen Dynastie durch Menelik I., den Sohn von König Salamon und der Königin von Saba.

Im 16. Jahrhundert setzte sich das Amharische, das längst zur gesprochenen lingua franca des Reichs geworden war, zunehmend als neue Literatursprache durch. Selbst in traditionell nur auf Ge’ez verfassten royalen Chroniken tauchten zunehmend amharische Begriffe auf. Die Themen der Literatur blieben jedoch überwiegend religiöser Natur. Erst nach Ende der italienischen Besatzung 1941 wandten sich die Autoren weltlichen Themen zu: Passend zur politischen Aufbruchsstimmung nach dem Sieg über die Kolonisatoren dominierten Patriotismus und Moral.

Bis heute hat sich eine lebhafte moderne Literaturszene entwickelt. International sind äthiopische Schriftsteller (unter den bekannteren sind z.B. Tsegaye Gabre-Medhin und Hama Tuma) bzw. ihre Werke vor allem deshalb so wenig bekannt, weil sie anders als viele andere afrikanische Werke nicht auf einer europäischen, international gebräuchlichen Sprache (vor allem die Kolonialsprachen Französisch und Englisch) verfasst werden und daher Kenntnisse der äthiopischen Sprachen nötig wären, um sie zu verstehen.

Bildende Kunst

Eine lange Tradition hat in Äthiopien die Malerei. Die charakteristische Form der Malerei und die Anfertigung feiner Kunsthandwerksarbeiten haben ihre Wurzeln im alten nordafrikanisch-vorderasiatischen Kulturbereich. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war die Malerei eng mit der Orthodoxen Kirche verbunden. Erst dann begannen Künstler sich auch andere Lebensbereiche künstlerisch zu erschließen. Trotz dieser Diversifizierung spielt die Religion auch in der zeitgenössischen Malerei oft eine Rolle.  

Vor allem in der Hauptstadt hat sich eine lebendige Kunstszene etabliert, es gibt immer mehr Galerien und Ausstellungen.

Andere Kunstformen sind Schnitzerei, Bildhauerei und andere Formen der Fertigung von Skulpturen und anderer Kunstgegenstände. Die vor allem im Süden des Landes gebräuchlichen Kopfstützen werden als Kunstgegenstände und Souvenirs gehandelt, sind in ihrer Herkunftsregion allerdings auch heute noch normale Gebrauchsgegenstände.

Darstellende Kunst und Film

Die Entstehung des modernen Theaters in Äthiopien im 20. Jahrhundert geht zurück auf den in Frankreich ausgebildeten Bejrond Teklehawariat Teklemariam. Die Inhalte und Formen des Theaters spiegelten immer die jeweiligen religiösen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten im Land wider. Unter Haile Selassie I. waren die Hauptthemen Moral und Manieren. Die Militärdiktatur nutzte das Theater vor allem für ihre Propaganda.

Obwohl es in den großen Städten immer mehr Kinos gibt, ist das Theater bei den Äthiopiern weiterhin sehr beliebt. Die Zuschauerräume der großen Bühnen in Addis Abeba, wie bspw. das National Theatre, sind an jedem Sonntag voll besetzt. Gespielt werden meist Stücke, die den Alltag in Äthiopien widerspiegeln. Besonders beliebt sind Komödien.

Es gibt in Äthiopien eine wachsende Filmindustrie. Während im staatlichen äthiopischen Fernsehen neben Nachrichtensendungen und Musik überwiegend Serien und Comedysendungen gezeigt werden, haben sich für das Kino auch Dramen und Actionfilme etabliert.

Internationale Bekanntheit genießt der äthiopische Filmemacher Haile Gerima, der in den USA lebt und arbeitet. Er ist unter anderem für seinen teils autobiografischen Film Teza bekannt.

Sport

Fußball spielende Kinder in Adama © Ralf Bäcker
Fußball spielende Kinder in Adama © Ralf Bäcker

In Äthiopien wird viel Sport getrieben. Fußball ist sehr beliebt und 'gekickt' wird mit so gut wie allem, was nach einem Ball aussieht. Die äthiopische Fußballnationalmannschaft war lange Zeit nicht sehr erfolgreich, hat jedoch in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung durchgemacht: Anfang des Jahres 2013 qualifizierten sich die Äthiopier zum ersten Mal in drei Jahrzehnten für den Afrikanischen Nationen-Pokal.

Äthiopien hat viele international sehr erfolgreiche Läuferinnen und Läufer. Und vor allem hat Äthiopien den afrikanischen Läufer aller Läufer hervorgebracht, Abebe Bikila, das Vorbild einer in vieler Hinsicht sehr erfolgreichen, folgenden Läufergeneration. Heute genießt zum Beispiel Haile Gebreselassie auch wegen seiner persönlichen, vorbildlichen Integrität den Status eines Nationalhelden. Es gibt inzwischen regelmäßig stattfindende Laufveranstaltungen, z.B. den Great Ethiopian Run mit mehreren tausend Teilnehmern.

Auch Trendsportarten wie das Skateboarden haben in Äthiopien Fuß gefasst.

Stadion in Addis Abeba © Maria Scurrell
Stadion in Addis Abeba © Maria Scurrell

Religion

Fast alle Äthiopier sind tief gläubige Menschen, für die ihr Glaube fester Bestandteil ihres Alltags ist. Die zwei größten Glaubensgemeinschaften sind die äthiopisch-orthodoxen Christen (ca. 43%)  und überwiegend sunnitische Muslime (ca. 34%). Die übrigen 23 Prozent gehören überwiegend anderen christlichen Kirchen oder traditionellen Religionen an.

Medhanealem Kirche in Addis Abeba ©Maria Scurrell
Medhanealem Kirche in Addis Abeba ©Maria Scurrell
Moschee in Amaro Kello ©Maria Scurrell
Moschee in Amaro Kello ©Maria Scurrell

 

Äthiopien ist für die friedliche Koexistenz der verschiedenen Glaubensgemeinschaften, vor allem für das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Christen, bekannt.

In den letzten Jahren kommt es jedoch vor allem durch den Einfluss (islamischer und christlicher) fundamentalistischer Kräfte zunehmend zu Konflikten.

In 2012 hatte es wiederholt Proteste von Muslimen gegeben, die einen zu starken Einfluss der Regierung auf ihre religiösen Angelegenheiten beklagten. Sie warfen der Regierung vor eine bestimmte, aus dem Libanon stammende Strömung des Islams, zu unterstützen und die Anhänger anderer Strömungen als Terroristen zu kriminalisieren. Des Weiteren lehnten sie die Zusammensetzung des Islamic Affairs Supreme Council als von der Regierung und regierungsnahen Kräften dominiert ab und forderten Neuwahlen.

Die äthiopische Regierung wiederum beklagte den zunehmenden Einfluss islamistischer Fundamentalisten und ging rigoros gegen die Proteste vor. Bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei kamen im April 2012 vier Menschen ums Leben. Auch bei Protesten im August 2013 während der Feiertage zum Ende des Ramadan sollen etliche Demonstranten verletzt worden sein, auch von willkürlichen Verhaftungen in Moscheen und von Todesopfern war die Rede.

In 2014 sind keine weiteren Vorfälle dieser Art bekannt geworden, die o. g. Probleme sind jedoch keineswegs gelöst worden.

Nach Bekanntwerden der Ermordung äthiopischer Christen durch die dschihadistische Terrormiliz "Islamischer Staat" in Libyen waren im April 2015 Hunderttausende in Addis Abeba auf die Straße gegangen, um den Toten zu gedenken, aber auch um Geschlossenheit (über religiöse Grenzen hinweg) zu demonstrieren. Die Tat war sowohl vom Oberhaupt der äthiopisch-orthodoxen Kirche, als auch vom Vorsitzenden des Obersten Rates für islamische Angelegenheiten in Äthiopien verurteilt worden. Die Regierung verhängte eine dreitägige Staatstrauer.

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Dieser Länderbeitrag wurde zuletzt im Oktober 2016 aktualisiert.

Über die Autorin

Maria Scurrell (Jahrgang 1985) hat Interkulturelle Pädagogik mit dem Schwerpunkt „Nord-Süd“ studiert. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über die Rolle von traditionellem Wissen und indigenen Institutionen bei der Armutsbekämpfung in Äthiopien. Seit 2007 lebt sie in Addis Abeba und Berlin.

Literaturhinweise

Weiterführende Literatur zu den Themen:

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ ist der führende Weiterbildungsanbieter für die internationale Kompetenzentwicklung. Wir stehen für innovative, wirksame und nachhaltige Lösungen.

> Angebote aus dem Weiterbildungskatalog

Gerne konzipieren wir für Sie maßgeschneiderte Trainingskurse, die sich an Ihren individuellen Bedürfnissen und Interessen orientieren.

> Wir freuen uns über Ihre Anfragen!

Kontakt

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Kommentare zu diesem Länderbeitrag oder zum LIPortal insgesamt. Richten Sie Ihre Anfrage an:

Thorsten Hölzer
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

+49 (0)2224 926 - 144

Zum Kontaktformular