Marktszene in Herat (Foto: Kevin Wallace, public domain)
Geschätztes BIP
20,84 Mrd. US-$ (2015)
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität)
680 US-$ (2014)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI)
171 (von 188) (2015)
Anteil Armut (nat. Armutsgrenze)
39 % (2014)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
31,6
Wirtschaftl. Transformationsindex (BTI)
Rang 119 (von 129) (2016)

Einführung

Afghanistan gehörte auch schon vor der sowjetischen Besetzung und den nachfolgenden Bürgerkriegen zu den wirtschaftlich und humanitär am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. Über 30 Jahre Krieg haben diese Situation noch verschärft, erst seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 zeichnet sich dank des massiven Engagements der internationalen Gemeinschaft eine allmähliche Verbesserung ab. Gleichwohl das Land mit einem durchschnittlichen jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 680 US-$ und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 50 Jahren immer noch zu der von den Vereinten Nationen definierten Gruppe der "Least Developed Countries" (LDCs) zählt. Darüber hinaus gehört Afghanistan zu den hoch verschuldeten armen Ländern (HIPC) und findet Berücksichtigung bei der von Weltbank und Internationalem Währungsfonds beschlossenen Entschuldungsinitiative (HIPC-Initiative).

Die wirtschaftliche Aktivität in Afghanistan wird durch die naturräumlichen und klimatischen Gegebenheiten bestimmt. Der überwiegend gebirgige Landescharakter erschwert den Binnenverkehr und den landwirtschaftlichen Anbau. Die landwirtschaftliche Produktion wird zudem durch das aride bis semi-aride Klima eingeschränkt. Ohne einen Zugang zum Meer, ist Afghanistans Außenhandel entsprechend stark vom politischen Wohlwollen seiner Nachbarn, allen voran Pakistans, abhängig. Darüber hinaus macht seine zentrale Lage zwischen den Kultur- und Wirtschaftsräumen Vorder-, Zentral- und Südasiens, Afghanistan seit alters her (Seidenstraße) zu einem Transithandelsland schlechthin.

Wirtschaft

Das afghanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag für das Jahr 2015 bei geschätzten 20,84 Milliarden US-$.
Bedingt durch außergewöhnlich gute Ernten und einen rasant wachsenden Dienstleistungssektor betrug das Wirtschaftswachstum im Jahr 2012 noch rund 14 %, Im Jahr 2013 lag das Wirtschaftswachstum bei 3,6 %. Trotz erneuter Rekordernten in der Landwirtschaft, haben geschwächte Wachstumsraten in den nicht-agrarischen Wirtschaftssektoren zu einem deutlich geringeren Wirtschaftswachstum geführt. Mit ein Grund hierfür sind die politischen Umstände und die prekäre Sicherheitslage. Auch der Truppenabzug Ende 2014 hat das Investitionsklima nachhaltig beeinflusst.
Entsprechend lag das Wirtschaftswachstum für das Jahr 2014 nur noch bei 1,3 % und auch die Wachstumsprognose für 2015 fällt mit 1,9 % schwach aus.

Wesentlich für das Wirtschaftswachstum ist der Dienstleistungssektor, der gut die Hälfte des BIP beisteuert. Hier wuchs die Kommunikationsbranche um 65 %, das Transport- und Logistikwesen um 23,1 % und der Wirtschaftszweig Finanzen und Versicherungen um 14,3 %.

Insgesamt hat der Dienstleistungssektor einen Anteil von 53,5 % am afghanischen BIP bei einem Erwerbstätigenanteil von ca. 10 %. Industrie und Handwerk haben einen Anteil von 21,8 %, wovon auf das Handwerk 12,8 % entfallen, mit einer Beschäftigung von ca. 10 % aller Erwerbspersonen. Die Landwirtschaft schließlich hat einen Anteil am BIP von 24,7 %, allerdings sind hier ca. 80 % der Erwerbsbevölkerung tätig.

Die Inflationsrate betrug 2014 5,6 % und ist damit im Vergleich zu den Vorjahren weiter gesunken. Die Staatseinnahmen liegen bei niedrigen 7 bis 9 % des BIP, was die hohe Abhängigkeit von internationalen Gebermitteln verdeutlicht, da die laufenden Kosten für den Staatshaushalt von Afghanistan allein nicht beglichen werden können.

Afghanistan hat seit Jahren eine negative Außenhandelsbilanz vorzuweisen. Für das Jahr 2015 wurde ein Exportvolumen von rund 571 Millionen US-$ geschätzt, dem gegenüber stand ein Importvolumen von rund 7,7 Milliarden US-$. Dieses Handelsdefizit wird vollständig durch internationale Gebermittel finanziert.

Exportiert werden hauptsächlich Trockenfrüchte, Teppiche, medizinische Heilpflanzen und tierische Nebenprodukte wie Wolle und Felle. Die Hauptabnehmerländer sind Pakistan, Indien, USA, die EU, Russland und der Iran. Da die Exportwaren vornehmlich auf dem Agrarsektor basieren, ist der Export auch in hohem Maß von der Leistungsfähigkeit dieses Sektors abhängig.

Importiert werden vorzugsweise Erdöl und Erdölprodukte, Haushaltswaren, Medikamente, Maschinen und Maschinenteile sowie Nahrungsmittel. Die Importe stammen überwiegend aus Pakistan, Indien, USA, der EU, Russland, den zentralasiatischen Republiken und China.

Deutschland exportierte 2014 Waren im Wert von rund 53 Millionen US-Dollar nach Afghanistan, überwiegend Kfz und Kfz-Teile, Elektrotechnik, Maschinen und Nahrungsmittel. Importiert wurden Güter wie Nahrungsmittel, Rohstoffe, Mineralien und Textilien in einem Gesamtwert von ca. 17 Millionen US-Dollar.

Erschwerend für die wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans sind die hohe Arbeitslosigkeit, Korruption und Klientelismus, die Drogenökonomie, die hohe Analphabetenrate sowie nicht zuletzt die angespannte Sicherheitslage und die zunehmenden Unsicherheiten bezüglich der weiteren Entwicklung des Landes nach 2014.

Aktuelle Übersichten zur Wirtschaft und wirtschaftlichen Entwicklung Afghanistans liefern u. a.:

Der japanische Wirtschaftswissenschaftler Manabu Fujimura von der Asian Development Bank verfasste Anfang 2004 die erste umfassende Darstellung der Wirtschaft Afghanistans seit 1978. Vom selben Autor ist außerdem eine Einschätzung der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung nach den Präsidentschaftswahlen vom Oktober 2004 verfügbar.

Weizenfelder im morgendlichen Kaminrauch in der Provinz Uruzgan, Zentralafghanistan (Foto: Cain S. Claxton, public domain)

Landwirtschaft

Afghanistans Landwirtschaft beschränkt sich aufgrund der genannten topographischen und klimatischen Gegebenheiten im Wesentlichen auf die Gebirgsfußoasen am Nord-, West- und Südrand des zentralen Hochlandes, auf die Beckenlandschaften der Kabul-Region sowie auf die Flusstäler an der pakistanischen Grenze. Lediglich ca. 12 % der Landesfläche Afghanistans sind für den landwirtschaftlichen Anbau nutzbar. Es überwiegt der Regenfeldbau, da derzeit nur ca. 30 % der Ackerflächen bewässert werden; entsprechend ist die Landwirtschaft in hohem Maße von ausreichenden Niederschlägen abhängig.

Unter den angebauten Getreidearten dominiert der Weizen gefolgt von Gerste. Vorzugsweise in den nordöstlichen Provinzen  Baghlan, Kunduz, Takhar, Laghman, Nangarhar, Balkh und Kunar, aber auch im Westen in der Provinz Herat wird Reis kultiviert. Er gehört neben Weizen, Gerste und Mais zu den wichtigsten Nahrungsmittelpflanzen.

Der Anbau von Baumwolle hat in Afghanistan bereits eine längere Geschichte. Schon Ende des 10. Jahrhunderts wurde Kleidung aus Baumwolle in Herat, Bost und Kabul hergestellt und auch exportiert. Nach einer wechselvollen Entwicklung wurde die Baumwolle ab Ende der 1950er Jahre zu einer der wichtigsten gewerblichen Nutzpflanzen, mit großen Anbauflächen, hohen Produktionszahlen und profitablen Exportquoten. Mit Beginn der 1980er Jahre stoppte dieser positive Trend und die Produktion von Baumwolle war seitdem stark rückläufig. Ursächlich hierfür sind verschiedene Gründe, zum einen fiel die staatliche Subventionierung des Baumwollanbaus weg, zum anderen sorgten anhaltende Dürren für Ernteausfälle. Kriegsbedingte Zerstörungen von Bewässerungssystemen und Produktionsstätten,  die Vertreibung der Bauern und der Preisverfall für Baumwolle an den lokalen Märkten taten ein Übriges. Nichtsdestotrotz ist die Baumwolle eine wichtige Nutzpflanze in Afghanistan und mittlerweile steigen Anbaufläche und Produktion auch wieder, wenn sie auch deutlich unter dem früheren Niveau zurückbleiben.
Die Hauptanbaugebiete sind die Provinzen Balkh, Kunduz und Helmand, wobei insbesondere in der Provinz Helmand  der Anbau von Schlafmohn deutlich überwiegt.

Sortenvielfalt und Qualität des afghanischen Obstes werden von Landeskennern geschätzt. Bekannte Anbaugebiete sind die Oase von Herat (Weintrauben, Aprikosen, Pfirsiche) sowie die Schomali-Ebene nördlich von Kabul (Weintrauben). Berühmt sind auch die Granatäpfel, Aprikosen und Weintrauben aus der Oase von Kandahar, sowie die Äpfel, Aprikosen und Weintrauben aus dem Panshir-Tal.

Eine Verwertung für den Export scheiterte allerdings bisher häufig an der unzureichenden Weiterverarbeitung der Früchte, so dass afghanisches Obst außerhalb der Landesgrenzen nur selten angeboten wird.

Neben der Vielzahl von Obstsorten spielen aber auch noch Trockenobst (insbesondere Rosinen), Mandeln, Pistazien und Walnüsse in der afghanischen Landwirtschaft eine wesentliche Rolle. Auch ist der Anbau von Melonen, Zwiebeln, Kartoffeln und Tomaten zu nennen.

Die Provinz Herat ist außerdem das Hauptanbaugebiet für die afghanische Safran-Produktion. Seit ein paar Jahren wird diese Krokus-Art u.a. auch in den Provinzen Ghazni, Farah und Helmand angebaut. Das afghanische Landwirtschaftsministerium plant zudem, den Anbau landesweit anzusiedeln, indem es Safranknollen an Landwirte aller 34 Provinzen verteilen will. Safran wird sowohl als Gewürz als auch als Färbemittel oder als Bestandteil von Parfums genutzt; auch werden ihm in der Medizin heilende Eigenschaften nachgesagt. Der Anbau ist allerdings sehr arbeitsintensiv, die Ernte ist reine Handarbeit und der geerntete Safran muss sehr sorgfältig behandelt werden, damit er keinen Schaden nimmt. Im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen Anbauprodukten ist die Kultivierung von Safran aber weniger bewässerungsintensiv, so dass mit den vorhandenen Wasserressourcen nachhaltiger umgegangen werden kann.
Nicht zuletzt kann der Safrananbau zu einer Stärkung der Rolle der Frau führen, da er Arbeitsplätze schafft und zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen beiträgt, wie das Beispiel der Afghan Women Saffron Association (AWSA), einer Dachorganisation von mehreren  frauengeführten Safranunternehmen, zeigt.

Viehzucht wird in Afghanistan größtenteils extensiv betrieben. Paschtunische Nomaden ziehen mit ihren Schafherden in Wanderwirtschaft zwischen den Sommerweiden des zentralen Hochlandes und den wintermilden Steppen des Südwestens bzw. der pakistanischen Indusebene umher. Die Rinderhaltung spielt demgegenüber eine geringere Rolle, man findet sie häufig als Nebenerwerb bei den Kleinbauern der bewässerten Flussoasen. Erwähnenswert ist außerdem die Zucht von Karakulschafen zur Pelzgewinnung, die Pferdezucht ist in den hauptsächlich von Usbeken und Turkmenen bewohnten Nordprovinzen üblich. Kleinviehhaltung (Hühner, Ziegen) ist im ganzen Land bis in städtische Milieus hinein verbreitet.

Wie alle anderen Wirtschaftszweige ist auch die afghanische Landwirtschaft durch die Kriege der vergangenen Jahrzehnte schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Hinzu kam eine verheerende Dürreperiode in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, die insbesondere zahlreiche Nomaden zur Aufgabe ihrer traditionellen Lebensweise zwang. Die schwerwiegendste Beeinträchtigung der Landwirtschaft durch Kriegsfolgen stellt nach wie vor die Verminung eines nicht geringen Teils der für Ackerbau nutzbaren Fläche Afghanistans dar; dazu kommt namentlich in den Provinzen des Südwestens (Kandahar, Helmand) auch eine großräumige Zerstörung der vorher vorhandenen Bewässerungsanlagen.
Da Mohn im Hinblick auf die Bodenfeuchtigkeit wesentlich geringere Ansprüche an den Standort stellt als Weizen oder gar Reis und sich zudem, durch die Gewinnung von Opium, ein deutlich höheres Einkommen erzielen lässt, hat der Anbau von Schlafmohn während der letzten Jahre drastisch zugenommen. Selbst in Provinzen, die zeitweise als (nahezu) Opium-frei galten, ist der Anbau wieder auf dem Vormarsch.

Die Betriebsstruktur der afghanischen Landwirtschaft ist weithin durch kleinbäuerliche Familienbetriebe mit Subsistenzwirtschaft geprägt, lediglich in den Nordprovinzen findet sich auch Großgrundbesitz in nennenswertem Umfang. Kapitalmangel und die Zersplitterung der Anbauflächen in kleine und kleinste Parzellen, bedingt durch die Realteilung im islamischen Erbrecht, erschweren die Mechanisierung erheblich.

Weizenernte in Bamiyan (UN Photo/Eric Kanalstein, CC-Lizenz: BY-NC-ND 2.0)

Bodenschätze, Energie

Die Prospektierung und Erschließung der Bodenschätze Afghanistans steckt ungeachtet gewisser Fortschritte in den Jahrzehnten vor der sowjetischen Besetzung noch in den Anfängen. Abgesehen von den seit frühgeschichtlicher Zeit genutzten Lapislazuli-Vorkommen in Sar-e-Sang in der Provinz Badakhshan, spielt lediglich die Erdgasgewinnung eine Rolle für den Export. Von den Erdgasfeldern bei Khwaja Gogerdag (Provinz Jozjan) führt seit den 1960er Jahren eine Pipeline nach Zentralasien. Erwähnenswert sind ferner Steinsalzlager bei Taloqan (Provinz Takhar) und Steinkohle bei Ishpushta (Provinz Bamiyan). Sehr ergiebige und hochwertige Eisenerzvorkommen existieren am Hajigak-Pass (Provinz Bamiyan), allerdings verhinderte bis heute, neben dem Krieg, die Unzugänglichkeit der Region den Abbau. In jüngerer Zeit begannen Vorbereitungen zur Erschließung ausgedehnter Kupfererzlager bei Aynak in der Provinz Logar; ein chinesisches Firmenkonsortium erhielt 2008 den Zuschlag zur Ausbeutung der Lagerstätten.
Es könnte allerdings gut sein, dass der chinesischen Unternehmensgruppe der damals bewilligte Zuschlag wieder entzogen wird. Dies zumindest ließ der afghanische Bergbauminister Saba durchblicken und stellt neue Verhandlungen mit anderen Firmen in Aussicht. Saba kritisiert vor allem die chinesische Projektumsetzung, denn seit Auftragsvergabe ist genau genommen nichts passiert, selbst die Machbarkeitsstudie lag erst nach ein paar Jahren vor und berücksichtigt nur unzureichend die ökologischen und sozialen Folgen des Projektes.

2010 wurden nach Prospektierungen durch US-amerikanische Geologen außerdem ausgedehnte Vorkommen von u. a. Lithium, Gold, Molybdän, Aluminium und Seltenen Erden in verschiedenen Landesteilen bekannt. Der Marktwert dieser Vorkommen beläuft sich Schätzungen zufolge auf eine knappe Billion US-Dollar, die afghanische Regierung spricht sogar von 3 Billionen (!) US-Dollar, was aber unter Experten angezweifelt wird.

Als Brennstoffe werden traditionell Holz und Tierdung verwendet. Das enorme Bevölkerungswachstum während der letzten 50 Jahre führte, auch aufgrund des damit einhergehenden rapide zunehmenden Brennholzbedarfs, zu einer weitgehenden Dezimierung der ursprünglich vorhandenen Wald- und Buschwaldvegetation. Die Versorgung der Bevölkerung mit elektrischem Strom, schon früher auf die größeren Städte beschränkt, ist durch den Krieg weitgehend zusammengebrochen. Vorhandene Wasserkraftwerke (z. B. Sarobi, Darunta) wurden in den letzten Jahren teilweise instand gesetzt, bis jetzt ist jedoch nicht einmal der bescheidene Stand der 1970er Jahre wieder erreicht,so dass die Hauptstadt Kabul seit Anfang 2009 über eine Hochspannungsleitung von Tadschikistan und Usbekistan aus mit Strom versorgt wird. In den meisten Landesteilen kommt es täglich zu Stromausfällen (soweit überhaupt Anschluss ans Stromnetz besteht), so dass private Verbraucher sich soweit möglich mit Dieselgeneratoren behelfen, deren Abgase in Städten erheblich zur Luftverschmutzung beitragen. Vor allem in den besonders unruhigen Südprovinzen hat die mangelhafte Sicherheitslage bisher überhaupt eine Wiederinstandsetzung der Infrastruktur zur Energieerzeugung in nennenswertem Umfang verhindert. Als Beispiel hierfür ist der seit Jahren umkämpfte Kajakai-Staudamm nordwestlich von Kandahar zu nennen.

Die Möglichkeiten zur Nutzung von Wasserkraft sind aufgrund des ariden Klimas beschränkt; Potenzial zur Ausweitung der Stromerzeugung liegt am ehesten in der Solartechnik. Dazu kommt vor allem in den westlichen Landesteilen (120-Tage-Wind während der Sommermonate) die Windenergienutzung. Unter den gegenwärtigen prekären Sicherheitsverhältnissen ist jedoch an derartige Vorhaben im großen Stil vorerst nicht zu denken.

Industrie, Handwerk

Messerschleifer (Foto: GIZ)
Messerschleifer (Foto: GIZ)

Die Anfänge der Industrialisierung Afghanistans setzten um 1900 herum ein, systematische Industriepolitik begann jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem blieben die Industrieansiedlungen bis zum Beginn der sowjetischen Besetzung unbedeutend, im Wesentlichen handelte es sich um Textil-, Lebensmittel- und Zementfabriken, die sich wiederum größtenteils auf Kabul und die nördlichen Provinzen Balkh, Kunduz und Baghlan konzentrierten. Während der nachfolgenden kriegerischen Auseinandersetzungen wurde auch die afghanische Industrie größtenteils zerstört.

Das traditionelle Handwerk spielte demgegenüber eine größere Rolle; einzelne Produkte wie etwa Teppiche waren bzw. sind inzwischen wieder für den Außenhandel relevant. An regional bedeutenden Handwerksbranchen sind bzw. waren die Messer- und Klingenherstellung in Charikar (Provinz Parwan), Keramik in Istalif (Provinz Kabul) sowie Glasereien in Herat zu nennen. Das afghanische Handwerk stand jedoch bereits in der Vorkriegszeit unter starkem Konkurrenzdruck durch importierte billige Industrieware aus Indien und China. Seither ist die Produktion - wiederum natürlich auch bedingt durch die Kriegswirren und die damit verbundenen Flüchtlingsbewegungen - stark eingebrochen.

Handel, Dienstleistungen

Durch seine geographisch einmalige Lage als Übergangsland zwischen Vorder-, Zentral-, Ost- und Südasien bedingt, war Afghanistan seit jeher ein Land des (Transit-)Handels. Dies gilt auch wieder für die Gegenwart, umso mehr, als dass zum einen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die nunmehr unabhängigen Staaten Zentralasiens sich für wirtschaftliche Beziehungen zur Außenwelt öffneten; zum anderen sind aufgrund der Zerstörungen der Kriegsjahre (und auch aufgrund einer bislang weithin fehlenden staatlichen Industriepolitik) wenig andere Erwerbsquellen übriggeblieben.

Daher wundert es nicht, dass die Profiteure der Nach-Taliban-Ära ihre (häufig im Drogenhandel entstandenen) Einnahmen vorzugsweise im Handelssektor reinvestierten. In Städten wie Kabul und Herat wachsen die futuristischen Glaspaläste luxuriöser Einkaufszentren aus dem Boden, die Märkte der Städte quellen über von legalen und weniger legalen Importwaren aus Pakistan, Indien und China. Diese Renaissance des afghanischen Handels entspricht der vor allem bei den Paschtunen, der zahlenmäßig wie politisch in Afghanistan dominierenden Volksgruppe verbreitenen traditionell höheren Wertschätzung kaufmännischer gegenüber handwerklicher oder gar industrieller Tätigkeit. Auch vor dem Krieg waren es Paschtunen, häufig ehemalige Nomaden, die das mit dem Bau moderner Autostraßen aufkommende Speditionsgewerbe dominierten.

Ein Meilenstein für die Wiederbelebung des afghanischen Transithandels ist das am 19. Juli 2010 von den Regierungen Afghanistans und Pakistans unterzeichnete Afghanistan-Pakistan Transit Trade Agreement (APTTA), das, nach sich über 45 Jahre hinziehenden Verhandlungen, erstmals afghanischen Spediteuren freien Warenverkehr durch Pakistan nach Indien erlaubt.

Die internationale Gemeinschaft und der Wiederaufbau Afghanistans

Übersicht zu den staatlichen Leistungen der wichtigsten bilateralen Partner (© OECD-DAC: Aid at a glance charts by recipient)
Übersicht zu den staatlichen Leistungen der wichtigsten bilateralen Partner (© OECD-DAC: Aid at a glance charts by recipient)

Die Grundlinien der Zusammenarbeit zwischen der internationalen Gemeinschaft und der afghanischen Regierung beim zivilen Wiederaufbau Afghanistans wurden auf verschiedenen Geberkonferenzen festgelegt; im April 2008 legte die afghanische Regierung ihre Afghanistan National Development Strategy (ANDS) vor.

Der von der Weltbank verwaltete und 2002 eingerichtete Afghanistan Reconstruction Trust Fund (ARTF) ist der größte multilaterale Beitrag zum afghanischen Haushalt, in den bislang mehr als 30 Geber eingezahlt haben.
Die zur Verfügung gestellten Geldmittel sollen den öffentlichen Dienst funktionsfähig halten und damit auch die Grundversorgung mit sozialen Dienstleistungen gewährleisten. Darüber hinaus sollen die von der afghanischen Regierung initiierten National Priority Programs (NPPs) unterstützt werden, die sich auf die Bereiche Sicherheit, Regierung, Personalentwicklung, ländliche Entwicklung, Infrastruktur und Wirschaftsentwicklung konzentrieren.

Gemäß den nationalen Prioritäten, erfolgt zum Beispiel eine Zusammenarbeit des ARTF mit dem Ministry of Education im Bildungsbereich. Das Education Quality Improvement Program (EQUIP) soll den gleichberechtigten Zugang zu primären und sekundären Bildungsangeboten, insbesondere für Mädchen, verbessern und die Qualität der Ausbildung steigern.

Zu den erfolgreichsten von der afghanischen Regierung durchgeführten Entwicklungsmaßnahmen gehört das National Solidarity Programme (NSP), das bereits 2003 vom Ministry of Rural Rehabilitation and Development (MRRD) begonnen wurde und bis heute Zehntausende lokaler Entwicklungsprojekte im ländlichen Raum fördert und koordiniert.

Die Hauptgeber der Öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (ODA) für Afghanistan sind die USA, Japan, Deutschland und das Vereinigte Königreich, außerdem die EU, unter anderem mit dem Amt für Zusammenarbeit der Europäischen Kommission (EuropeAid) und der Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO), sowie die Asian Development Bank (ADB).

Entsprechend der internationalen Zusammensetzung der Gebergemeinschaft sind u.a. folgende staatliche Entwicklungsorganisationen in Afghanistan tätig:

  • United States Agency for International Development (USAID)
  • Japan International Cooperation Agency (JICA)
  • Department for International Development (DFID)
  • Department of Foreign Affairs and Trade (DFAT)
  • Norwegian Agency for Development Cooperation (Norad)
  • Danish International Development Agency (Danida)
  • Swedish International Development Cooperation Agency (Sida)
  • Department for International Development Cooperation (FINNIDA)
  • Department of Foreign Affairs, Trade and Development (DFATD)
  • Turkish Cooperation and Coordination Agency (TIKA)
  • Agence Française de Développement (AFD)
  • Italian Agency for Development Cooperation (IDCO) / Cooperazione Italiana allo sviluppo (DGCS)
  • Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA)

Darüber hinaus wird international von weiteren staatlichen und zahlreichen nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) zivile Wiederaufbau- und Entwicklungshilfe geleistet.

Den Vereinten Nationen mit ihrer Unterstützungsmission in Afghanistan (UNAMA) kommt eine zentrale Rolle bei der Koordination der Wiederaufbauaktivitäten zu. Außerdem sind u.a. folgende Programme, Fonds und Sonderorganisationen der UN im Land vertreten:

  • United Nations Development Programme in Afghanistan (UNDP)
  • United Nations Human Settlements Programme (UN-Habitat)
  • United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA)
  • United Nations Environment Programme (UNEP)
  • United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO)
  • United Nations Population Fund (UNFPA)
  • United Nations High Commission for Refugees (UNHCR)
  • Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights (OHCHR)
  • United Nations Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women (UN Women)
  • United Nations International Children's Emergency Fund (UNICEF)
  • United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC)
  • United Nations Office for Project Services (UNOPS)
  • World Food Programme (WFP)
  • International Labour Organization (ILO)
  • International Fund for Agricultural Development (IFAD)

Entwicklungspolitische Aktivitäten der Bundesrepublik Deutschland

Die deutsche Entwicklungshilfe in Afghanistan hatte ihre Anfänge bereits in den 1930er Jahren; nach dem 2. Weltkrieg war Afghanistan jahrzehntelang das Land mit dem höchsten Anteil am westdeutschen Entwicklungshilfe-Etat. Nach der sowjetischen Invasion Ende 1979 ruhte die Entwicklungszusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Afghanistan, um nach der Machtübernahme der Mujahedin 1992 wieder aufgenommen zu werden, wenn auch zunächst unter durch den Bürgerkrieg erschwerten Bedingungen.

Seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 beteiligt sich Deutschland wieder erheblich am Aufbau des Landes und an der Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die seit Anfang 2011 die Tätigkeiten der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) und der Internationalen Weiterbildung und Entwicklung (Inwent) vereint, der Zivile Friedensdienst der GIZ (ZFD), das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) und die KfW Entwicklungsbank arbeiten dabei ebenso wie zahlreiche nationale und internationale Nicht-Regierungsorganisationen vor Ort.

In Absprache mit der afghanischen Regierung liegen die Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in den Bereichen Bildung, Energie, Entwicklungsorientierte Not- und Übergangshilfe, Gesundheit, Gute Regierungsführung, Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung, nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Ziviler Friedensdienst. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit konzentriert sich dabei auf sechs Provinzen in Nordafghanistan und auf die Hauptstadt Kabul.
Für den Zeitraum 2014-2017 hat das BMZ eine neue entwicklungspolitische Strategie veröffentlicht, welche die zukünftigen Ansätze, Schwerpunkte und Ziele der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan festhält.

Außerdem beteiligt sich Deutschland im Rahmen der Mission EUPOL Afghanistan und mit dem German Police Project Team (GPPT) am Polizeiaufbau und an der Reform der Justiz durch Förderung von rechtsstaatlichen Strukturen.

Zu den Hilfsorganisationen, die in Afghanistan in verschiedenen Bereichen tätig sind, gehören unter anderem:


Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ist seit 2002 im Rahmen des Programms ‚Stabilitätspakt Afghanistan’ mit dem akademischen Wiederaufbau in Afghanistan beauftragt.

Aber auch politische Stiftungen sind in Afghanistan aktiv, so zum Beispiel die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die Heinrich-Böll-Stiftung (HBS) und die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). 

Seit 2003 bietet auch das Goethe-Institut in Kabul wieder Kultur- und Bildungsprogramme an, um den nachhaltigen Wiederaufbau der afghanischen Kultur und den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Afghanistan zu fördern.

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im September 2016 aktualisiert.

Literaturhinweise

Weiterführende Literatur zu den Themen:

Weiterführende Links

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ ist der führende Weiterbildungsanbieter für die internationale Kompetenzentwicklung. Wir stehen für innovative, wirksame und nachhaltige Lösungen.

> Angebote aus dem Weiterbildungskatalog

Gerne konzipieren wir für Sie maßgeschneiderte Trainingskurse, die sich an Ihren individuellen Bedürfnissen und Interessen orientieren.

> Wir freuen uns über Ihre Anfragen!

Kontakt

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Kommentare zu diesem Länderbeitrag oder zum LIPortal insgesamt. Richten Sie Ihre Anfrage an:

Thorsten Hölzer
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

+49 (0)2224 926 - 144

Zum Kontaktformular