Land der Freude und des Taumels: Qualifiktion für die Fußball-WM (eigenes Foto)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
70%
Bedeutende Religion
Islam (Sunni), 99%
Städtische Bevölkerung (2014)
70%
Lebenserwartung (w/m)
73 / 77 Jahre (geschätzt 2011)
Gender Inequality Index
85 von 155 (2014)
Anzahl der Geburten
2,8 pro Frau (2012)
Kindersterblichkeit
25 / 1000 Lebendgeburten

Makrosoziale Struktur

Die algerische Bevölkerung mit derzeit ca. 37 Mio. Einwohnern (je nach Quelle und Jahresbezug werden leicht unterschiedliche Zahlen verwendet) ist sehr heterogen strukturiert. Der Anteil der Araber wird mit 70%, der der berberischen Kabylen mit 30% angegeben, doch ist die ursprüngliche Bevölkerung nicht-arabisch, die gegenwärtige Struktur Folge eines Vermischungsprozesses. Die Gegensätze im Bewusstsein und der Selbstwahrnehmung sind erheblich. Die Kabylen nehmen sich von ihrer Kultur und Identität her sehr verschieden von den algerischen Arabern wahr,  sind aber auch in sich differenziert, was auf die algerischen Araber gleichfalls zutrifft. So wird die Region des Mzab von den Mozabiten bewohnt, die weder kabylisch noch arabisch sind, sondern einer besonderen Strömung des Islam angehören (Charidschiten).

Nicht nur, aber besonders in dieser Region kommt es in jüngster Zeit immer wieder zu massiven Unruhen wegen  der Konflikte zwischen arabischstämmigen und mozabitischen Algeriern, die die soziale und ethnische Heterogenität Algeriens  widerspiegeln und seine Zukunft unsicher erscheinen lassen, was zu großer Nervosität im politischen Establishment bis hin zu  Verschwörungsvorwürfen gegen ausländische Mächte geführt hat.

Die Bevölkerung Algeriens soll bis zum Jahr 2050 auf 50 Mio. anwachsen. Die Verteilung der Bevölkerung weist starke regionale Unterschiede auf. Über 90% der Bevölkerung sind im Norden Algeriens angesiedelt. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte lag Mitte 2001 bei 12,9 Einwohner/qkm. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag 2010 bei 70,3 Jahren (2000: 68,5), für Männer bei 68,8 und für Frauen bei 71,8 Jahren (je nach Quelle und Jahresbezug weichen diese Angaben leicht voneinander ab, laut CIA-Factbook liegt die Lebenserwartung derzeit bereits bei knapp 75 Jahren).

Das Bevölkerungswachstum lag 2014 bei 1,82%. Bis 2030 wird ein Rückgang (des Wachstums) auf 0,9 % erwartet. Knapp 70% der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Für das Jahr 2000 wurde die Zahl der Haushalte bereits mit 4,7 Mio., die durchschnittliche Personenzahl pro Haushalt mit 6,47 angegeben. Legt man diese Zahl für die jetzige Bevölkerungszahl von 37 Mio. Menschen zugrunde, kommt man auf derzeit über 5 Mio. Haushalte. Für 2030 wird ein Anstieg auf 12,5 Mio. Haushalte mit jeweils durchschnittlich 3,6 Personen erwartet.

Zwar gibt es in Algerien weder Hunger noch unmittelbare Not, die Situation wird jedoch vielfach als bleiern und aussichtslos empfunden. Insbes. die  Vervierfachung der Bevölkerung seit 1962 von 10 auf über 40 Mio. führt dazu, dass für die nachwachsenden Generationen sich die Perspektiven verschlechtern. Daher ist gegenwärtig und für die Zukunft mit deutlichen Flucht- und Migrationsbewegungen zu rechnen. Zwar hat sich Algerien bereiterklärt, algerische Staatsbürger, die sich in Deutschland als Syrer ausgegeben haben, wieder zurückzunehmen, es ist aber unklar, inwieweit diese Absicht umgesetzt wurde bzw. ob das Land wirklich Interesse daran hat. Ein erheblicher Teil  der nachwachsenden Generationen wird daher auf absehbare Zeit Migrationschancen suchen und nutzen.

Regionen und regionale Disparitäten

Algerien kann man in vier Hauptregionen aufteilen: Ost, Zentrum, West und Süd. Über 90% der Bevölkerung leben in den de facto nördlichen Regionen Ost, Zentrum und West. Der Süden ist geografisch am größten, bevölkerungsmäßig aber am kleinsten. Daher ist der Süden Algeriens - südlich von Ghardaia, etwa 500 km von Algier nach Süden - fast menschenleer. Bis zur südlichen Grenze in Richtung Mali und Niger sind es aber von dort noch mindestens 1500 km, die weitgehend unbewohnt sind und hauptsächlich wirtschaftlich zur Öl- und Gasförderung oder in begrenztem Umfang touristisch für den Wüstentourismus genutzt werden.

Im äußersten Süden Algeriens in Reichweite der Grenzen zu Mali und zum Niger liegt auf 1400 Meter Höhe in angenehm trockenem Klima die Süd-Metropole Tamarasset, deren Bevölkerung in den letzten 20 Jahren von 50.000 auf ca. 100.000 gewachsen ist. Tamanrasset ist heute ein wichtiges Logistikzentrum für den Transsaharaverkehr zwischen Algerien und Niger. Die Stadt liegt an der Transsahararoute Algier–In Salah-Tamanrasset–Agadez, einem Teil des Algier-Lagos-Highway, der zu den Trans-African Highways gehört. Die Stadt verfügt über die besten Versorgungsmöglichkeiten der Region, mehrere Werkstätten zur Reparatur von Kraftfahrzeugen und einen Flughafen. Auch der Sahara-Tourismus ist für die Stadt von großer Bedeutung. Sie ist beliebter Ausgangspunkt für Exkursionen ins benachbarte Ahaggargebirge, wo z.B. die Eremitage des ermordeten  christlichen Märtyrers  Charles de Foucauld gerne angefahren wird.

Die im Süden Algeriens lebenden Touareg sind anders als die Kabylen überwiegend kein spürbarer Fremdkörper im algerischen Staat, sondern haben sich mit dem Regime Bouteflika ohne besondere Begeisterung arrangiert. Durch den Bau von Schulen,  medizinischen Einrichtungen, Elektrizität und Wasserversorung sowie durch Tourismus und Schmuggel wurden, anders als in Mali, die gröbsten Mängel beseitigt bzw. gewisse Einnahmequellen - auch Wohlstand - geschaffen. Allerdings gibt es Sympathien für die Rebellion der Touareg in Mali und Niger; einzelne algerische Touaregs aus den Reihen der algerischen Armee sind auf die Seite der malischen Rebellen gewechselt oder unterstützen salafistische Terrorgruppen, um die Zentralmacht zu schwächen und ihr eigenes Gewicht zu steigern.

Soziale Klassen und Schichten

Anders als in Tunesien gibt es in Algerien keine breite, wirtschaftlich unabhängige und politisch selbstbewusste Mittelschicht, sondern einen diffusen, schwer durchschaubaren Kreis von Nutznießern der gegenwärtigen Unübersichtlichkeit. Die "Oberschicht" besteht aus den ehemaligen Unabhängigkeitskämpfern ("Moudjahedine") bzw. Clans, die sich nach dem Sieg im Befreiungskrieg die Schlüsselstellungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft angeeignet haben.

  • die Armee versteht sich als Hüterin der algerischen Souveränität und nimmt in Anspruch, das Land nicht nur von der französischen Kolonialherrschaft befreit, sondern auch vor der Bedrohung durch die islamistische Machtübernahme gerettet zu haben.
  • die Staatsbürokratie wurde in der Ära Boumedienne von der früheren Einheitspartei FLN aufgebaut und versorgte deren Angehörige mit lukrativen Posten und Positionen. Durch eine Vielzahl von bürokratischen Regeln, Vorschriften und Gesetzen wird sichergestellt, dass unliebsame Initiativen unter Verweis auf das Legalitätsprinzip jederzeit blockiert werden können.
  • In der algerischen Wirtschaft waren die Firmen  ursprünglich in Staatseigentum und als Teil der Staatsbürokratie wurden sie staatlich gesteuert; Leitungspositionen wurden nicht  nach Leistung vergeben, sondern aufgrund von Beziehungen, Loyalität und Zugehörigkeit zur regime- und staatstragenden Schicht.

Dieses Geflecht aus Abhängigkeiten und Beziehungen hat sich bis heute erhalten und stellt die größte Stütze des Regimes bzw. die algerische Oberschicht dar, ergänzt um Elemente, die nach dem Bürgerkrieg aus dem islamistischen Lager ins Establishment aufstiegen. Privilegien, Posten, Im- und Exportlizenzen werden innerhalb dieses "Lagers" aufgeteilt oder entzogen.

Demgegenüber steht  die traditionelle kabylische Oberschicht, die sich zwar mit dem Regime zwangsläufig arrangiert hat, aber als "autochthone Aristokratie" zu diesem in einem Spannungsverhältnis steht. Ihr Aushängeschild ist der Industrielle Issad Rabrab, der Präsident der agro-industriellen Gruppe CEVITAL und anderer algerischer Firmen, Repräsentant der Privatwirtschaft, der  darauf hinweist,  dass Algerien angesichts einer 2025 zu erwartenden Bevölkerungszahl von 50 Mio. noch gewaltigere Arbeitsmarktprobleme bekommen wird als derzeit schon. CEVITAL ist das zweitgrößte Unternehmen in Algerien nach Sonatrach, der Staatsfirma für das Erdöl- und Erdgasgeschäft (vergleichbar mit der russischen GASPROM), einem intransparenten Gebilde, das vom Geruch der Korruption umweht ist..

Geschlechterverhältnis

Der Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich hatte die Geschlechterrollen teilweise infrage gestellt, da auch Frauen stark beteiligt waren - das gemeinsame  Ziel Unabhängigkeit ließ die traditionell-religiösen Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Hintergrund treten.  Mit dem Erstarken des Islamismus verschlechterte sich aber auch wieder die rechtliche und tatsächliche Situation der Frauen.

Im Zuge der aufkommenden Islamisierung hat das algerische Parlament in einem Akt  quasi vorauseilenden Gehorsams gegenüber den Islamisten am 9. Juni 1984 den "Code da la famille" beschlossen (von manchen auch "code de l'infamie", Gesetz der Gemeinheit, genannt) der den Frauen eine untergeordnete Position zuweist. Darin wird festgelegt

  • dass der Ehemann sich von seiner Frau jederzeit scheiden lassen und sie verstoßen kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen
  • dass er weder für die verstoßene Frau noch für die gemeinsamen Kinder aufkommen und sie versorgen muss  (wenn er die Kinder nicht behalten will, sonst fallen sie ihm zu)  und das gemeinsame Domizil ihm gehört, die Frau also weggehen muss und ggf. obdachlos wird
  • dass er das Recht auf Polygamie hat, nach islamischer Auslegung bis zu 4 Frauen
  • dass die Ehefrau das algerische Territorium nur mit schriftlicher Erlaubnis des Ehemanns verlassen darf ("autorisation de sortie")

2005 wurde der Code leicht modifiziert. Die Polygamie blieb erlaubt, allerdings hing sie formal von der Zustimmung der Erstfrau ab. Die gemeinsamen Kinder blieben bei der Mutter, und der Mann war zu ihrer Versorgung verpflichtet. Außerdem hing die Gültigkeit einer Ehe von der Zustimmung des Wali (Provinzgouverneurs) ab.

Nach  Protesten und einer intensiven Diskussion in der Öffentlichkeit wurden weitere Modifikationen hinzugefügt: Die Polygamie wurde weiter eingeschränkt und hängt nun von der Unfruchtbarkeit der Erst- (oder Zweitfrau) ab. Außerdem benötigt der Ehemann dafür zusätzlich eine richterliche Genehmigung nach Anhörung der Erstfrau. Dies bedeutet, dass die Polygamie auf einen Ausnahmestatus bei Kinderlosigkeit reduziert wird, die Islamisten aber formal die Gültigkeit der Scharia beanspruchen können. Eine Genehmigung des Ehemannes für Reisen der Ehefrau ins Ausland ist nicht mehr nötig.

Andere diskriminierende Regelungen blieben in Kraft, z.B. dass ein ungläubiger Nachkomme  von einem gläubigen muslimischen Elternteil (egal ob Mann oder Frau) nicht erbberechtigt ist (um den Übertritt von Kindern zu einer anderen Religion als dem Islam auszuschließen).  Außerdem sind die Kinder einer nicht gläubigen Witwe (Ausländerin), deren Ehemann ein gläubiger Moslem war, selbst nicht eindeutig Moslems und daher möglicherweise enterbt, so dass die nicht-muslimische Witwe baldmöglichst zum Islam übertreten muss, um die Erbansprüche ihrer Kinder nicht zu gefährden.

Nach Ansicht von manchen Juristen könnte der  "code de la famille" in seiner Gesamtheit zudem verfassungswidrig sein ("anticonstitutionalité").

Bildung

Seit der Unabhängigkeit hat die Alphabetisierung massiv zugenommen, mittlerweile können 70% lesen und schreiben. Dass die Schulpflicht für Jungen und Mädchen durchgesetzt wurde, muss man als eine der Errungenschaften der Unabhängigkeit ansehen. Zumindest in den Städten scheint die Schulpflicht im Allgemeinen durchgesetzt zu sein und akzeptiert zu werden (am Morgen sind die Straßen gut gefüllt mit Kindern auf dem Weg zur Schule). Algerien gibt derzeit 4,5% seines Budgets für Bildung aus (Tunesien: 7,1%)

Allerdings wird eine Verringerung der Qualität zugunsten der Quantität konstatiert. Dies erscheint angesichts der massiven Ausweitung der Beschulung seit der Unabhängigkeit und in Anbetracht des starken Bevölkerungswachstums plausibel. In den 60er Jahren wurde zudem Lehrpersonal aus Ägypten "importiert", das dort als unliebsames islamistisches Potential - oft Mitglieder der Muslimbrüder - "entsorgt"  und nach Algerien geschickt wurde. Dies geschah im Zug der Arabisierung der Gesellschaft, ein nach der Dekolonialisierung an sich nachvollziehbares Unterfangen, das aber im Ergebnis dazu führte, dass oft weder die Kenntnis und Beherrschung der französischen noch der arabischen Sprache gewährleistet ist und die Gefahr eines "double analphabetisme" besteht.

In der Grundschule wird Arabisch gesprochen, geschrieben und unterrichtet. Im höheren Bildungswesen ist es jedoch notwendig, neben Arabisch auch Französisch zu beherrschen, da die Entwicklung der Natur- und Humanwissenschaften (sofern sie nicht von arabischem Wissen und arabischen Gelehrten beeinflusst war)  in der Neuzeit weitgehend  am Arabischen vorbeigegangen ist und die Mehrzahl der Begriffe und Termini erst ins Arabische übertragen  oder kompliziert umschrieben werden müssen.

Das algerische Bildungssystem ist stark am französischen Modell orientiert, d.h. im Unterschied zum deutschen Modell gibt es einen Vorrang der formalen vor der beruflichen Bildung. Im Erfolgsfall muss das Schulkind zum Abitur (baccalaureat, bac) geführt und dann auf die Universität geschickt werden (bac+). Dieses System  hat eine große Anzahl von Abiturienten und Hochschulabsolventen produziert, denen jetzt kein angemessener Platz in der Entwicklung der Gesellschaft mehr angeboten werden kann. Für die Geringqualifizierten ohne formalen Bildungsabschluss trifft dies noch mehr zu.

Die vermittelten Qualifikationen im System der formalen Bildung werden am Arbeitsmarkt wenig nachgefragt. Eine Reform des Bildungswesens ist daher notwendig mit dem Ziel besserer Qualität im Sinn von mehr berufspraktischer Relevanz, sei es durch Verbesserungen der formalen Bildung (z.B. Fachhochschulen), sei es durch die Aufwertung beruflicher Bildung. Der massive Anstieg der Arbeitslosigkeit bei Berufsanfängern seit den Strukturanpassungen auf Druck des IWF Mitte der 90er Jahre brachte auch eine Krise sozialer Werte mit sich, da es mit und ohne formale Schulabschlüsse keine Perspektive zu geben scheint.

Gesundheit und Sozialwesen

Seit der Ära Boumedienne ist in Algerien die medizinische Versorgung kostenlos und wurde vom Staat garantiert. Daran hat sich bis heute im Prinzip nichts geändert. Die Finanzierung erfolgt über Sozialversicherungsbeiträge, die zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgeteilt werden (den größeren Teil, derzeit 12,5% trägt der Arbeitgeber, wesentlich weniger 1,5% der Beschäftigte) und Staatszuweisungen aus dem Budget des Gesundheitsministeriums. Für Selbstständige oder nicht fest Angestellte richten sich die Beiträge nach dem Jahreseinkommen. Die offiziellen Statistiken deuten auf eine langsame Verbesserung der Situation hin, was die Anzahl des medizinischen Personals und die zur Verfügung stehenden Einrichtungen angeht, doch sagt dies wenig über die Qualität der Versorgung.

Algerien gibt 7,21% seines BIP (2014) für das Gesundheitswesen aus (Deutschland: 11,3%). Die Versorgung mit Standard-Medikamenten (Schmerzmittel, Antibiotika, Herz-Kreislauf-Mittel) zumindest in den Städten ist durch die Apotheken gewährleistet. Spezielle chirurgische Eingriffe, die über die Grundversorgung hinaus gehen, werden jedoch nur nach langer Wartezeit durchgeführt. Sehr wohlhabende Familien, wie auch der Präsident selbst, lassen sich gern in Frankreich behandeln. Eine Infrastruktur für Notfälle, z.B. Notrufe, gibt es nicht (außer bei Verkehrsunfällen); es ist Sache der Betroffenen, Hilfe zu organisieren.

Zudem gibt es in den Städten mittlerweile ein System teurer privater Polikliniken (z.B. die Clinique El Azar), deren Ausstattung deutlich besser ist als die öffentlichen.

Rente und Altersversorgung

Die Rente wird über eine staatliche Rentenversicherung geregelt und stellt in vielen Fällen eine Grundsicherung dar. Vielfach üben die Bezieher staatlicher Renten noch eine Nebentätigkeit aus, um die Rente aufzubessern. Das Renteneintrittsalter beträgt 60 Jahre, oder man benötigt lediglich 32 Beitragsjahre  - bzw.  weniger bei Erreichen einer bestimmten Altersschwelle. Der Rentenbeitragssatz liegt  derzeit bei 17,75% (Arbeitgeberanteil: 11%, Arbeitnehmer: 6,75), im Vergleich zu 18,7% - insgesamt - derzeit in Deutschland.

Die öffentlichen Ausgaben für die Altersversorgung liegen bei 3,2% des staatlichen Budgets (Tunesien: 4,3%). Seit Januar 2012 beträgt die Mindestrente 15.000 Dinar (ca. 140 Euro), auch für Nicht-Beitragszahler ("non-salarieés"). Im Mai 2013 sowie nochmals 2014 kam es zu einer erneuten Erhöhung um  ca. 12%.   2015 wurden die Renten aufgrund der verringerten Budgetspielräume lediglich um 5% erhöht, was die Kaufkraft der Rentenbezieher angesichts der Verteuerung der Lebensmittelimporte insgesamt verringert haben dürfte. 2016 dagegen erhöhten sich die Renten lediglich um 2,5%.

Kultur

Ethnische Vielfalt und Heterogenität

Die Vielfalt der algerischen Kultur ist durch die verschiedenen ethnischen Gruppierungen bedingt, die von der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein ihre Spuren hinterlassen haben. Algerien ist auch ein Land der Immigration und Emigration.

Es können vielleicht  4  kulturelle Hauptströmungen benannt werden:

  • eine arabisch-islamische "Leitkultur", die sich u.a. im Alltagsverhalten, der Kleidung, im Rechtswesen, in Staat und Verwaltung und der Religion ausdrückt. Die Leitkultur hat eine Tendenz zur Dominanz, zum Ausschluss und zur Verdrängung der anderen Kulturen
  • eine westlich beeinflusste Kultur (französischsprachige Literatur, Malerei, klassische und moderne Musik, generell Offenheit statt Ausschließlichkeit)
  • die traditionelle Amazight-Kultur der Kabylen mit eigener Sprache sowie andere traditionelle Kulturen (z.B. Mozabiten)
  • die Tuareg-Kultur im Süden mit  (Musik, sprachliche Eigenheiten, Kleidung, religiöse Differenzen zum Mehrheits-Islam)

Das Ministerium für Kultur repräsentiert das offizielle Kulturwesen in Algerien. Geführt wurde es bis Mai 2014 von der streitbaren, auch umstrittenen früheren Feministin Khalida Toumi.  In ihrer Amtszeit seit 2001 wurden Festivals organisiert, Museen eröffnet sowie vernachlässigte Kulturdenkmäler und Traditionsbauten saniert und renoviert.

Literatur

Die französischsprachige algerische Literatur wird u.a. durch die kürzlich verstorbene Autorin Assia Djebar geprägt, die 2000 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Sie geht besonders auf die Situation der arabischen Frauen nach der Unabhängigkeit ein und setzt sich für ein Frauenbild im Islam ein, das an progressive Tendenzen in den Ursprüngen des Islam anknüpft.

Eine breite internationale Rezeption erfahren hat der Autor Yasmina Khadra, ein früherer Armeeoffizier. Er ist vor allem durch die Erfahrung von Gewalt und Terrorismus während des algerischen Bürgerkrieges geprägt und nähert sich dieser eher beschreibend als erklärend (auch wenn seine Romane nicht immer in Algerien spielen).

Die Autorin Malika Mokkadem beschreibt das Leben der Frauen in Algerien nach der Unabhängigkeit aus der Perspektive von Frauen, die ihr eigenes Leben leben, für sich entscheiden und die Welt entdecken wollen und dazu Grenzen überschreiten müssen.

Während die drei erstgenannten Autoren, in erster Linie aus Sicherheitsgründen,  im Ausland leben, hat der kabylische Schriftsteller Boualam Sansal seinen Wohnsitz weiterhin in Algerien. Wie Assia Djebar hat auch Sansal den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Sansal interessiert sich aber weniger für die Ursprünge des Islam oder das Frauenbild, sondern thematisiert als kabylischer Schriftsteller in seinen Büchern den politischen Machtanspruch der Religion.

Der algerisch-kabylische Schriftsteller Boualam Sansal
Boualem Sansal, Quelle: Wikimedia Commons, Creative Commons CC0 1.0, Lesekreis, Public Domain

Film und Kino

Das algerische Filmschaffen nach der Unabhängigkeit war zunächst sehr produktiv und hat zahlreiche Werke hervorgebracht, die teilweise auch  internationale Anerkennung gefunden haben. Nicht alle Filme, die von Algerien handeln, sind allerdings von Algeriern  gemacht und in Algerien produziert, angefangen bei der filmischen Darstellung des Aufstandes der FLN in Algier 1954-57 "La bataille d'Alger" (algerisch koproduziert).

1975 gewann Mohammed Lakhdar-Hamina mit "chronique des années de braise" die Goldene Palme in Cannes. Die algerischen Filme hatten meist den Unabhängigkeitskampf zum Gegenstand oder thematisierten dessen Folgen, bezogen sich auf ihn.

In den Jahren von Bürgerkrieg und Terror kam die algerische Filmproduktion zum Erliegen. In jüngerer Zeit gibt es Produktionen, die mehr Gegenwartsbezug haben, z.B. "Drei Frauen in Algier", in dem das Schicksal dreier Frauen während der Zeit des Terrorismus gezeigt wird.

Musik

Nachdem in der Zeit des Bürgerkrieges die nationale Musikproduktion etwas zum Erliegen kam (für die Islamisten ist Musik nicht erlaubt, da sie von der Hinwendung zu Gott ablenkt und zu diesseitig ist), gibt es wieder eine algerische Musikszene.

Überlebt hat auch das  nationale Symphonieorchester, das in im sehr sehenswerten Nationaltheater in Algier im Zentrum der Stadt oder an anderen Aufführungsorten gelegentlich auftritt und sehr hörenswert ist. Bekannter ist die algerische Musik allerdings für die Popmusik "Rai", die eine Mischung aus arabischem Gesang und Rock-Rhythmen darstellt. Weniger bekannt, aber nicht weniger eindrucksvoll ist die Gnawa-Musik (ursprünglich marokkanisch) die wie eine Mischung aus afro-amerikanischen Blues-Elementen und schwarzafrikanischer Musik klingt.

Malerei

Trotz des islamischen Bilderverbotes war und ist die Malerei in Algerien sehr produktiv. Sie führt allerdings ein Nischendasein, immerhin wurde im Zentrum von Algier das "Musée des Arts Modernes" (MAMA) neu eröffnet. Zudem finden sich kleinere Galerien und Kunstausstellungen, z.B. in der Altstadt, in denen gelegentlich interessante Vernissagen und Ausstellungen stattfinden.

Religion

Rechtliche Situation

Anders als im Westen ist die Religion in der arabischen und auch der algerischen Identität  fest verwurzelt - sie stellt offenbar einen Identitätsanker dar; die "Desakralisierung" des öffentlichen Lebens in Westeuropa wird häufig kritisch und ablehnend kommentiert.

In Algerien ist der Islam Staatsreligion, d.h. die Verfassung definiert Algerien als ein islamisches Land und die Religion beansprucht, dass Regierungsmacht sich an ihr orientiert. Dies bedeutet u.a., dass u.a. der Staatspräsident muslimischen Glaubens sein muss. Für Nicht-Muslime gibt es rechtliche Einschränkungen, z.B. im Erbrecht. Nicht-Muslime können nicht oder nur eingeschränkt von Muslimen erben (und auch nicht oder nur eingeschränkt vererben, z.B. eine Nicht-Muslimin im Fall des Todes ihres muslimischen Gatten), werden also rechtlich diskriminiert.

Der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung ist 99%; sie gehören der sunnitischen Glaubensrichtung an; Schiiten sind in Algerien nicht bekannt. In der Gegend von Ghardaia leben ibaditische Charidschiten (Mozabiten), die als die "fünfte" Glaubensrichtung des Islam angesehen werden, deren islamische Identität aber nicht angezweifelt wird.

Der Islam der Kabylen und der Touaregs unterscheidet sich doch etwas von der arabischen Praxis und ist offener, z.B. ist Alkohol in der Kabylei nicht selten, die Gesichtsverschleierung der Fauen bei den Touareg unüblich.

Andere Religionen, insbes. die ca. 40.000 Christen,  werden rein rechtlich gesehen toleriert, müssen aber bestimmte, restriktiv auslegbare Regeln einhalten. Nach einem Gesetz vom 28.8.2006 (sog. Anti-Missions-Gesetz) dürfen christliche Gottesdienste nur an registrierten und angemeldeten Orten stattfinden, die durchführenden Organisationen müssen zudem registriert sein, was derzeit nur für die katholische Kirche zutrifft.  Protestantische Bekenntnisse sind demnach illegal und werden derzeit nicht anerkannt. Zwar ist der Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion prinzipiell möglich. Der Versuch, einen Menschen muslimischen Glaubens zum Austritt aus dem Islam zu bewegen, ist jedoch mit Strafe bedroht. Nach Ansicht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BaMF) hat sich die Lage der Nicht-Muslime, insbes. der Christen, durch diese Gesetzgebung erschwert. Der Austritt aus dem Islam begründet einen Verfolgungstatbestand und stellt nach einem Urteil des VG Freiburg vom 26.11.2009 einen Asylgrund in Deutschland dar (zitiert nach dem BaMF-Bericht, s.o.).

Politische und gesellschaftliche Bedeutung

Die Rolle des Islam und der Religion ist seit Ende des Bürgerkrieges 2001 nicht schwächer, sondern stärker geworden. Nach einem Bonmot haben die Islamisten den Krieg verloren, aber die Herrschaft über die Gesellschaft gewonnen. Zahlreiche wichtige Posten in der Staatsbürokratie, in der Justiz oder der Wissenschaft werden im Zuge der "nationalen Aussöhnung" von Islamisten eingenommen.

Dies manifestiert sich u.a. in der Zunahme der Verschleierung, die nach der Unabhängigkeit noch wenig verbreitet war, und in der Durchdringung und Regulierung des Alltagslebens mit religiösen Vorschriften, z.B. mit der Respektierung von Betpausen während der Arbeit und des Waschzwanges mehrmals täglich, um korrekt beten zu können. Die Spitze des Staates ist selbst nahe am Islamismus, sofern er nicht offen terroristisch ist. Islamismus, Staatsbürokratie und Armee haben ein stillschweigendes Bündnis gegen Demokratie,  Transparenz und politische Modernisierung geschlossen.

Ein weiteres Indiz: zahlreiche Alkohol-Verkaufsstellen mussten schließen, oder sind von Schließung bedroht. Restaurants, die die Lizenz zum Alkohol-Ausschank haben, sind in Gefahr, diese entzogen zu bekommen.
Das Fastengebot während des Ramadan wird zunehmend strikt ausgelegt, so dass während der Sommermonate z.B. das Baden im Meer tagsüber tabu ist, da die Gefahr besteht, Meerwasser zu verschlucken und dadurch das Fasten zu brechen.

 

 

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2016 aktualisiert.

Die Autorin

Dr. Elisabeth Brandt ist freiberufliche Trainerin. Sie war für die GIZ und andere Auftraggeber in Aus- und Fortbildungsprojekten in Schwarzafrika, in verschiedenen Funktionen und Missionen in der GIZ-Zentrale sowie als Projektleiterin in Tunesien und auf einem mehrjährigen Einsatz von 2006-2010 in Algerien.

Seit 2004 ist sie  u.a. Landestrainerin für Tunesien und Algerien bei der GIZ - Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) in Bad Honnef.

Die Autorin freut sich auf Ihre Anmerkungen.

Literaturhinweise

Weiterführende Literatur zu Gesellschaft und Kultur in Algerien

Bücher des algerischen Autors Yasmina Khadra

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