Aymara-Frauen in Alltagstracht sitzen vor der San Francisco-Kirche in La Paz
Städtische Bevölkerung
70% (2015)
Religion
Katholizismus ca. 80%
Anteil alphabetisierte Erwachsene
95% (2015)
Lebenserwartung (w/m)
73,9 / 68,2 (Weltbank 2018)
Anzahl der Geburten pro Frau
2,78 (Weltbank 2017)
Gender Inequality Index
Rang 114 von 189 (2018)
Kindersterblichkeit
30,6/1.000 Lebendgeburten (2015)

Sozialstruktur

Landkarte der indigenen Völker in Bolivien [Rojk (CC-BY SA 3.0)]
Indigene Völker in Bolivien © Rojk (CC-BY SA 3.0)

Bolivien ist ein Land mit einer sehr heterogenen Bevölkerung, deren Mehrheit sehr stark von ihrer indigenen Herkunft geprägt ist, trotz jahrhundertelanger kultureller Fremdbestimmung.

Die Gesellschaft teilt sich traditionell in eine kleine Oberschicht, die in der Regel westlichen Kultur- und Konsummustern folgt, eine - zumeist städtische - Mittelschicht und einen großen Anteil von städtischen und ländlichen Armen auf.

Allerdings hatte sich während der Morales-Regierung einiges verbessert. So war der Prozentsatz der Armen deutlich zurückgegangen und es hat - bedingt durch den wirtschaftlichen Boom - eine Ausweitung der Mittelschicht stattgefunden. Der Armutsanteil der Bevölkerung von 59% im Jahr 2008 ist innerhalb von 5 Jahren auf 20,5% gesunken.

Gleichzeitig ist im Gefolge der Regierungspolitik eine neue Elite entstanden, die auch Teile der ehemals marginalisierten indigenen und mestizischen Bevölkerung einschließt.

Der Human Development Report (Bericht zur menschlichen Entwicklung) beschreibt eine positive Entwicklung in Bolivien, der an dem Index der menschlichen Entwicklung (HDI - Human Development Index) festgemacht wird. Es wird ein Anstieg des Index von 0,6 im Jahr 2000 bis zu 0,662 im Jahr 2014 und 0,703 für 2018 berechnet. 

Bevölkerungsentwicklung

Seit der Nationalen Revolution hat sich die Bevölkerung Boliviens vervielfacht. Waren es im Jahr 1950 noch 2,7 Mio. Einwohner, hatte sich die Zahl bis 1992 auf 6,4 Mio. erhöht und betrug im Jahr 2001 8,3 Mio., bei einer Einwohnerdichte von nunmehr 7,5 Einwohner pro km². Das Bevölkerungswachstum bewegte sich in diesem Zeitraum zwischen 2,1 und 2,7%.

Laut der letzten Volkszählung von 2012 (Censo Nacional de Población y Vivienda 2012) hat das Land nunmehr die 10-Millionen-Grenze überschritten und die Einwohnerzahl dürfte derzeit bei rund 11 Mio. liegen. Die Wachstumsrate ist für den Zeitraum 2001-12 hingegen auf 1,7% gesunken, was für die Zukunft eine deutliche Verlangsamung des Bevölkerungszuwachses bedeutet.

Waren Mitte des 20. Jahrhunderts die überwiegende Mehrzahl der Einwohner im ländlichen Andenbereich zu Hause, hat sich dies seitdem grundlegend geändert. Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts war der Anteil der ländlichen und der städtischen Bevölkerung ausgeglichen; mittlerweile leben rund 70% der Menschen in Städten.

Ethnizität

Es findet sich häufig der Hinweis, die Einwohner des Landes wären in ihrer großen Mehrheit Indigene; die offziellen Zahlen bewegen sich je nach Quelle zwischen 65 und 80%. Andere Statistiken hingegen sprechen von einem Zweidrittel-Anteil der Mestizen.

Nach Daten der Volkszählung von 2012 ist die Bevölkerung des Landes wie folgt gruppiert: 19% Quechua, 17% Aymara, etwa 1% Guaraní, 1,3% Chiquitano und 0,45% Mojeno. Weitere kleinere indigene Bevölkerungsgruppen sind u. A. die Araona, Ayoreo, Chiriguano und Moxos. Die neue Verfassung von 2009 erkennt die Sprachen von 36 indigenen "Völkern und Nationen" in Bolivien an. Auch der kleinen afrobolivianischen Mindertheit wurde auf diesem Wege der Status einer indigenen Gemeinschaft zuerkannt.

Ein großer Teil der indigenen Bevölkerung lebt im Bergland, der Altiplano-Hochebene und dem Tiefland. Jedoch existiert das in den letzten 30 Jahren wachsende Phänomen der internen Migration in die großen und zum Teil auch mittleren Städte. Diese Menschen, welche sich meistens am Rande der Städte ansiedeln, stellen den höchsten Anteil der Armen dar und haben zunächst kaum Zugang zu städtischen Dienstleistungen wie Strom und Wasser.

Geschlechterverhältnis

Mit der Rückkehr zur Demokratie zu Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, begann eine Zeit der Öffnung der bolivianischen Gesellschaft, die von der Gründung einer Anzahl von NGOs begleitet wurde, die sich der Verbesserung der Situation der Frauen in der bolivianischen Gesellschaft widmeten. Während der darauffolgenden drei Jahrzehnte gelangen der Frauenbewegung verschiedene Erfolge, die 2014 in der Wahl eines Parlaments mit einem Frauenanteil von 53% gipfelte.

Allerdings sollte über diesen politischen Erfolg nicht übersehen werden, dass es noch immer genderbedingte Ungleichheiten in der Gesellschaft gibt, wie z. B. geringere Bildung, weniger Teilhabe am politischen Prozess und ein niedrigerer Verdienst für Frauen. Auch findet sich Bolivien unter den 25 Ländern mit der höchsten Mordrate an Frauen: Jeden dritten Tag wird in Bolivien eine Frau ermordet. Gleichzeit stellt der Kampf gegen die Gewalt an Frauen und Mädchen eine der großen Herausforderungen beim Kampf für eine demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft dar.

In der aktuellen globalen Etappe, welche durch die Kampagne des “me too” gekennzeichnet ist, sind in Bolivien sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz oder in Bildungseinrichtungen noch immer alltägliche Praxis, über die jedoch öffentlich wenig gesprochen wird. Dies liegt auch an der geringeren Präsenz von unabhängigen NGOs in der aktuellen politischen Konjunktur sowie einem weiterhin schwachen Rechtsstaat.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, dass es im Bereich der Geschlechtergerechtigkeit trotz verschiedener Fortschritte insbesondere auf der politischen Ebene noch immer große Herausforderungen anzugehen gilt, bei denen die Veränderungen der traditionellen Werte und kulturellen Verhaltensmuster im Alltag im Mittelpunkt stehen.

Geschlechterrollen in der Familie 

Nach außen hin ist zumeist der Mann deutlich sichtbares Familienoberhaupt, selbst wenn er möglicherweise ökonomisch wenig zu deren Unterhalt beiträgt. Nach innen jedoch ist es zumeist zweifelsfrei die Frau, die das Sagen hat, wichtige Entscheidungen über Haushalt und Vermögen der Familie trifft und sich mit oftmals aufopferungsvollem Engagement für das Wohlergehen der Kinder sorgt.

Der Machismo, der übertriebene Männlichkeitskult, ist in Bolivien zwar weniger ausgeprägt als in anderen lateinamerikanischen Ländern, aber er existiert gleichermaßen. Doch hat in den letzten 20 Jahren ein allmählicher Wandel stattgefunden, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Städtische Frauengruppen haben gesellschaftlich ein neues Bewusstsein geschaffen. Zum Beispiel ist das Thema der innerfamiliären Gewalt durch sie angesprochen und öffentlich gemacht worden. Dies hat positive Effekte erzeugt, wie die Einrichtung von Kinder- und Frauenschutzstellen auf kommunaler Ebene, doch in abgelegenen ländlichen Gemeinden sieht die Realität häufig noch dramatisch aus.

Kinder spielen zwar in der Familie eine zentrale, doch in den ersten Jahren untergeordnete Rolle. Man erwartet, dass sie gehorchen. Eigenständige und unternehmungslustige Kinder von Ausländern werden oft als schlecht erzogen betrachtet. Mädchen werden mehr beobachtet und behütet als ihre Brüder. In der Stadt hat sich allmählich ein eher partnerschaftlicher Umgang der Geschwister untereinander durchgesetzt; auf dem Land ist dies oftmals noch nicht der Fall.

In der Mittel- und Oberschicht ist noch immer der 15. Geburtstag der Tochter für die meisten Familien ein herausragendes Ereignis, das mit großer Zeremonie und erheblichem Aufwand begangen wird. Das Mädchen wählt unter ihren besten Freundinnen die zwölf „damas“ aus, dazu einen „paje“ (Page oder Galan), der je nachdem ein besonderer Freund, ihr fester Freund oder ein Cousin sein kann. Für die „Damen“ werden spezielle Kleider geschneidert, wobei insbesondere das der „quinceañera“, des Geburtstagskindes, oft stark ins Märchenhafte tendiert.

Auch wenn sich heutzutage im Leben eines Mädchens/einer jungen Frau der Ober- oder oberen Mittelschicht an diesem Datum rein gar nichts ändert, wird dieser einstmals wichtige Übergang vom Mädchen zur heiratsfähigen Frau dessen ungeachtet aus Prestigegründen weiterhin begangen. Auf Seiten der Jungen/jungen Männer gibt es keinerlei vergleichbares Ereignis.

Die Frau verlässt noch immer in den meisten Fällen erst mit der Heirat das Elternhaus (dies gilt im städtischen Bereich allerdings gleichermaßen für viele junge Männer). Auf dem Lande hingegen verlassen auch heute noch viele Mädchen sehr frühzeitig die Familie, um in der Stadt als Dienstmädchen zu arbeiten.

Auch wenn Frauen berufstätig sind – was oftmals aus ökonomischer Notwendigkeit heraus der Fall ist – bleibt die Hausarbeit Frauensache. Wenn also eine Familie keine Hausangestellte hat, bleibt der Frau die Doppelbelastung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Frau Seitensprünge oder Schläge des Mannes toleriert. Von einer Frau hingegen wird absolute Treue erwartet.

Insbesondere in den ärmeren Schichten gibt es eine große Zahl weiblicher Familienvorstände, weil sich die Männer entweder permanent der familiären Verantwortung entziehen oder den Großteil des Jahres als Arbeitsmigranten außerhalb der Familie leben. Und wie in vielen Ländern des Globalen Südens spielt die Kinderarbeit bei der Unterstützung des Familieneinkommens in Bolivien nach wie vor eine wichtige Rolle.

Bildung

Schild der Schule von Chacahuaya
Schild der Schule von Chacahuaya © Dirk Hoffmann
Die Landschule von Chacahuaya
Die Landschule von Chacahuaya © Dirk Hoffmann
Schulglocke an einem Holzgerüst im ländlichen Bolivien
Schulglocke im ländlichen Bolivien © Dirk Hoffmann

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das Erziehungssystem signifikant reformiert. So gab es zwei Reformen: 1994, während der Amtszeit von Sánchez de Lozada, wurde die Förderung der zweisprachigen und partizipativen Bildung eingeführt und mehr Raum für die Gründung von Privatschulen eingeräumt. Im Jahr 2010 gab es unter Präsident Morales eine weitere Bildungsreform (auch Avelino Sinani-Reform genannt), welche die mehrsprachige Bildung fördert, die Rolle des Staates stärkt und die "Entkolonialisierung" des Bildungssystems bezweckt. Doch nach fast zehn Jahren bleiben die Resultate weit hinter den Erwartungen zurück.

Im Dezember 2008 erklärte Evo Morales das Land als analphabetenfrei, nachdem in einer 3-jährigen Kampagne mehr als 800.000 Menschen alphabetisiert wurden. Allerdings, konnte der statistische Alphabetisierungsgrad nach dem INE zwischen 1997 und 2006 nur von 82,8% auf 87% erhöht werden. Heutzutage können 95% der Bevölkerung lesen und schreiben.

Staatliche und private Bildung ist in folgende Stufen unterteilt:

  • Grundschule (8 Jahre)
  • Oberschule (4 Jahre)
  • Hochschule (im Durchschnitt 5 Jahre)

Grund- und Oberschule

Der Besuch öffentlicher Schulen ist unentgeltlich. Für die Grundschule in Bolivien besteht seit 1998 eine achtjährige Schulpflicht. Während die Mehrzahl der Kinder die Grundschule besucht und auch abschließt, steigt im Bereich der Oberschule der Anteil derjenigen, die entweder dem Schulbesuch komplett fernbleiben oder keinen Abschluss machen, erheblich an.

Hochschule

In Bolivien wird die Hochschulbildung von Universitäten und weiteren Bildungseinrichtungen, die ähnlich wie Fachhochschulen funktionieren, vermittelt. Es existieren staatliche, kirchliche und private Einrichtungen. Die Lehrerausbildung findet an pädagogischen Hochschulen statt. Die Hochschulen genießen volle Autonomie. Ein Universitätsstudium war traditionell meist der reichen Oberschicht vorbehalten, was sich allerdings in den letzten 20 Jahre stark geändert hat.

Mehrsprachige Bildung

Die mehrsprachige Erziehung (in Spanisch, Quechua, Aymara, Guarani, Chiquitano, usw.) wurde mit der Erziehungsreform von 1994 auf freiwilliger Basis eingeführt und 2010 gesetzlich verpflichtend verankert. Die aktuellen Lehrpläne beabsichtigen, das Bildungssystem zu „kommunalisieren und zu entkolonialisieren“. Dieses Vorhaben befindet sich nunmehr mitten in einer komplizierten Umsetzungsphase. Das neue Schulwesen soll gleichzeitig „universal, einheitlich und divers“ sein, seine Praxis aber ebenso „kommunitär, demokratisch und partizipativ“, um schließlich in seinen Zielen „revolutionär, antiimperialistisch, antiglobalisierend, entkolonisierend und verändernd“ wirken zu können und dabei sowohl die Prinzipien des Laizismus als auch den Respekt vor der Spiritualität der indigenen Bevölkerung zu garantieren.

Gesundheit- und Sozialwesen

Gesundheitsposten auf dem Lande
Staatlicher Gesundheitsposten auf dem Lande © Dirk Hoffmann

Die Lebenserwartung beläuft sich laut Daten der WHO von 2015 auf 68 Jahre für Männer und 73 Jahre für Frauen. Die Kindersterblichkeit liegt bei 36,4 je 1.000 Geburten. Die häufigste Todesursache bei Kindern sind Magen- und Darmerkrankungen.

Die medizinische Versorgungslage variiert gemäß dem Stadt-Land-Gefälle, wobei die ländlichen Regionen benachteiligt sind. Der häufig fehlende oder erschwerte Zugang zu Gesundheitsdiensten, soziale Probleme, Umweltverschmutzung, mangelhafte Nahrungsversorgung, unzureichende Hygienepraktiken und fehlender Zugang zu (Trink-) Wasser sind oft Gründe für Krankheiten und Epidemien. Bedingt unter anderem durch schlechte Wohnverhältnisse sind Tuberkulose, Malaria, die Chagas-Krankheit und Gelbfieber in großen Teilen des Landes und insbesondere im tropisch-feuchten Tiefland verbreitet. 2009 ist eine Denguefieber-Epidemie in Bolivien ausgebrochen, von der mehr als 30.000 Personen betroffen waren. Neben der WHO beobachtet auch die PAHO (Panamerikanische Gesundheitsorganisation) die Gesundheitssituation in Bolivien. Zwar ist AIDS ein geringeres Problem als in anderen Entwicklungsländern, jedoch wird die weitere Verfolgung der AIDS-Entwicklung empfohlen.

Neben der Schulmedizin spielen die "Kallawaya" oder Naturheiler immer noch eine wichtige Rolle, besonders in den ländlichen Gebieten. Neben der Anwendung von Medizin aus Flora, Fauna und Mineralien nutzen die Naturheiler spezifische Rituale bei verschiedenen Krankheitsbildern.

Neusten Studien zufolge gelten die Tsimane aus dem nördlichen Tiefland als die weltweit gesündeste Bevölkerung in Bezug auf Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen. Inwieweit hierfür die Ernährung oder der Lebensstil insgesamt verantwortlich sind, wird derzeit noch debattiert.

Die Corona-Pandemie in Bolivien

Seit ihrem ersten Auftreten in Bolivien Anfang März 2020 hat die Corona-Pandemie sich zu einer mehrdimensionalen Krise entwickelt, mit vielfältigen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung, die Politik, sowie die Wirtschaft und Gesellschaft schlechthin.

Kultur

Gemälde aus der Kolonialzeit
Gemälde aus der Kolonialzeit [Public Domain]
Zeitgenössische Malerei
Zeitgenössische Malerei © Jascha Golterman (CC-BY SA 3.0)

Vor der Präsidentschaft von Evo Morales war die vorherrschende Kultur in den Großstädten des Landes die sogenannte westliche Kultur der Europäer und des Bürgertums. Jedoch läßt sich auch in Kunst, Literatur, Musik und Architektur der Kolonialzeit ein eindeutiger Einfluss der indianischen Kultur finden, der zu einem eigenständigen Stil, dem „Mestizenbarock", geführt hat. Insbesondere die Literatur hat viele Mestizo- und indigene Werke hinterlassen, welche die bolivianische Kultur bereichern. Nennenswerte Schriftsteller sind Adela Zamudio, Oscar Alfaro, Franz Tamayo, Alcides Arguedas und die indigenen Schriftsteller Juan Wallparrimachi, Fausto Reynaga und sein Sohn Ramiro Reynaga.

Indigene und nicht-indigene Kultur

Seit Evo Morales an der Macht ist, hat die indigene Bevölkerung deutlich an Selbstbewusstsein und Selbstwertschätzung gewonnen, insbesondere die Aymara, welche eine differenzierte städtische indigene Kultur in der Stadt El Alto entwickelt haben. Erfolgreiche HändlerInnen bilden sogar eine eigene indigene Mittelschicht. Außerdem haben sich die Aymara sehr gut organisiert.

Kulturelles Erbe

Nach wie vor sind die Schätze der prähispanischen Kulturen, die im Archäologischen Museum, im Regionalmuseum Tiwanaku, im Kokamuseum oder im Textil-Ethnografischen Museum sowie im Nationalen Kunstmuseum und Ministerium der Kulturen zu sehen sind, für Bolivien von großer Bedeutung.

Kunst

Bolivien bietet auch eine reichhaltige Folklore. Es gibt typische Instrumente wie die Zampoña, Quena oder Charango. Das wichtigste bolivianische kulturelle Vorzeigeobjekt sind die Karnevalstänze und Trachten, die in ihrer Farbenpracht und kulturellen Bedeutung im Karneval von Oruro im Hochland, aber auch in Santa Cruz im Tiefland zu finden sind. Die folkloristische Musik ist eine Mischung aus traditionellen, indigenen Melodien und westlichen Sounds. Die bedeutendste Musikgruppe sind die Kjarkas; desweiteren wären Savia Andina, Enriqueta Ulloa (Tarija) zu nennen. Zu den bekannstesten Rockgruppen gehört Octavia.

Kunst und Gegenwartskunst lassen sich in der virtuellen Galerie betrachten, wo auch ein Überblick über Theater und Literatur zu finden ist. 

Architektur

Eine ganz besondere architektonische Entwicklung ist seit einigen Jahren in der Millionenstadt El Alto zu beobachten. Spektakulär bunte Gebäude mit einer ganz eigenen Formensprache, die einerseits an die Bauten der 70er-Jahre Moderne erinnern, sich aber so ziemlich jeder Einordnung entziehen. Charakteristisch ist die Mischnutzung mit Ladenbereich im Erdgeschoß, einem großzügig gestalteten Festraum in der Mitte und Wohnnutzung im oberen Bereich. Ganz typisch auch die Dachgestaltung: Auf dem Flachdach des meist vierstöckigen Gebäudes wird ein Wohnhaus gesetzt welches im Stil den Häuern der reichen Elite aus den südlichen Bezirken der Nachbarstadt La Paz nachempfunden sind.

Unter dem Titel "Tollhäuser" hat das ZEIT-Magazin im September 2016 dem Architekten Freddy Mamani Silvestre eine eigene Fotoreportage gewidmet.

Der bolivianische Film

Das bolivianische Kino blickt mittlerweile auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück. Weltweit gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine große Begeisterung für die bewegten Bilder, so auch in Bolivien. Es begann die Pionierzeit des bolivianischen Kinos, zunächst mit dem Dokumentarfilm „Ferrocarril Arica – La Paz“ (Die Eisenbahn Arica – La Paz, 2013) von Luis Castillo Gonzales. 1923 folgt mit „La Profecía del Lago“ (Die Prophezeiung des Sees) der erste Film in Spielfilmlänge, dessen Bedeutung darin besteht, dass hier bereits der erste Fall von Zensur zu verzeichnen ist: Direkt am Tag seiner Erstaufführung wird der Film verboten und anschließend nicht mehr gezeigt. Es folgen 1924 „Corazón Aymara“ (Aymara-Herz) von Pedro Sambarino und zwei Jahre danach „La Gloria de la Raza“ (Der Ruhm der Rasse) von Arturo Posnasky.

In den 30er Jahren folgten einige wichtige Filme über den Chaco-Krieg sowie der Film „Wara Wara“ (Sterne) von José María Velasco Maydana, der noch immer als einer der 12 besten bolivianischen Filme gilt. Aus dieser frühen Zeit des Kinos sind allerdings nur wenige erhalten geblieben, mitunter lediglich Fragmente oder die Drehbücher.

Mit der Nationalen Revolution von 1952 beginnt eine neue Epoche des bolivianischen Kinos und es entstehen eine Reihe wichtiger Produktionen, wie zum Beispiel „Vuelve Sebastiana“ (Sebastiana kehrt zurück, 1953) von Jorge Ruiz und Augusto Roca.

Der bolivianische Film war traditionell ein Film des Protestes und der Anklage gegen die herrschenden Missstände. Der wohl bekannteste bolivianische Regisseur ist Jorge Sanjinés, der bereits 1966 mit seinem ersten Film „Ukamau“ die Situation der indianischen Bevölkerung zu seinem Thema machte. 1969 erscheint „Yawar Mallku“ (Das Blut des Kondors) von Jorge Sanjinés, der die Geburtenkontrolle und die Sterilisierung von Frauen in einem kleinen Dorf durch den nordamerikanischen Peace Corps thematisiert; daraufhin organisiert sich die Dorfbevölkerung und aus Rache werden die „Gringos“ kastriert. Durch seine Anklage des US-amerikanischen Imperialismus wurde „Yawar Mallku“ zu einem emblematischen Film des lateinamerikanischen Kinos.

Ein weiterer bedeutender Film von Sanjinés, „El Coraje del Pueblo“ (Mut des Volkes) von 1971, rekonstruiert das von Diktator Barrientos verübte Massaker an den bolivianischen Minenarbeitern. 1995 inszenierte er den Film „Das Lied der Vögel“, der die Schwierigkeiten einer Filmcrew beschreibt, Dorfbewohner des Hochlands als Statisten für einen Film der Konquista zu gewinnen. Ein wichtiges Kennzeichen der meisten Sanjinés-Filme ist die Tatsache, dass in ihnen vorwiegend Quechua bzw. Aymara gesprochen wird.   

Während der anschließenden Diktatur von Banzer kommt 1975 „Chuquiago“, eine soziale Radiographie von La Paz in bewegten Zeiten, zur Aufführung Dieser noch immer sehenswerte Film von Antonio Eguino zählt ebenfalls zu den 12 besten Filmen des bolivianischen Kinos.

Mit der Rückkehr zur Demokratie 1982 öffnet sich abermals eine neue Epoche auch für das Kino. Es entstehen eine große Anzahl von Filmen und erstmals auch von außerhalb des Regierungssitzes La Paz. Die besten Filme der demokratischen Etappe sind – in chronologischer Folge – die folgenden:

1982  „Mi socio“ (Mein Kumpel) von Paolo Agazzi

1989  “La Nación Clandestina” (Die verborgene Nation)

1995  “Cuestión de Fé” (Eine Frage des Glaubens) von Marcos Loayza

2003  „Dependencia Sexual“ (Sexuelle Abhängigkeit) von Rodrigo Bellot

2005  „Lo más Bonito y mis Mejores Años” (Das Schönste und meine besten Jahre) von Martín Boulocq

2009  “Zona Sur” (Südzone) von Juan Carlos Valdivia

2015 “Carga Sellada” (Versiegelte Fracht) von Julia Vargas-Weise

Religion

Jesuitenkirche von Loreto im Beni
Jesuitenkirche von Loreto im Beni © Dirk Hoffmann
Kolonialkirche auf dem Altiplano
Kolonialkirche auf dem Altiplano © Dirk Hoffmann

Die Römisch-Katholische Kirche in Bolivien hat ihren Ursprung in der Kolonisierung Südamerikas, also bereits im 16. Jahrhundert. Nach offiziellen Statistiken gehören ihr etwa 80% der Bevölkerung an. Die katholische Kirche hatte in Bolivien von jeher einen großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft, hat dabei allerdings nie die Bedeutung erlangt wie in vielen anderen lateinamerikanischen Staaten. Insbesondere tritt sie als Vermittler und Moderator bei gesellschaftlichen Konflikten auf, eine Rolle, in der sie heute, im neuen Plurinationalen Staat Bolivien, deutlich an Bedeutung verloren hat. So ist auch sie von den Spannungen im Land stark betroffen.

Verschiedene protestantische und evangelikale Kirchen sind in Bolivien aktiv, wie z.B. die Evangelisch-Lutherische Kirche, die Evangelisch-Methodistische Kirche, die "Asociacion Nacional de Evangelicos de Bolivia" (ANDEB). Diese Kirchen als auch die Katholische Kirche unterhalten Projekte und Partnerschaften in Bolivien. Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern erleben auch in Bolivien seit einigen Jahrzehnten basiskirchliche Strömungen und Gruppen der Pfingstbewegung Zuspruch. Durch die von Indigenen ausgeübten Kulte sind heute synkretistische Mischformen zu beobachten, welche besonders bei religiösen Festen ihren Ausdruck finden.

Sport

Sport hat mit der Zeit einen immer größeren Stellenwert eingenommen in der bolivianischen Gesellschaft. An erster Stelle der beliebtesten Sportarten steht ohne Zweifel der Fußball. Auch wenn Bolivien auf der internationalen Bühne zumeist der Erfolg verwehrt geblieben ist. Doch gilt die Fußballnationalmannschaft aufgrund der extremen Höhenlage des Nationalstadions von La Paz (3.600 m ü. NN) bei Heimspielen als unbequemer Gegner.

Auch bei der Qualifikation für die WM in Russland 2018 ist Bolivien in der Regionalgruppe Südamerika abgeschlagen auf dem vorletzten Platz gelandet. Noch immer gilt die WM-Teilnahme 1994 in den USA (und das Spiel gegen Deutschland) als die Sternstunde des bolivianischen Fußballs.

An den Schulen sind bei den Mädchen jedoch Volleyball und Basketball weitaus beliebter.

In den großen Städten erfreut sich Langlauf seit etwa 10 Jahren wachsender Beliebtheit. Immer neue Laufwettbewerbe werden ins Leben gerufen, bei rapide anwachsender TeilnehmerInnenzahl. Etwas irritierend ist mitunter der inflationäre Gebrauch des Wortes "Marathon" für jedweden Ausdauerlauf ab 10 Kilometer.

Doch auch echte Marathonläufe über die volle Distanz von 42,195 km gibt es mittlerweile regelmäßig in verschiedenen Städten des Landes. Selbst in La Paz auf über 3.600m Höhe hat es in den Jahren 2013 und 2014 offizielle Marathonläufe mit mehreren Tausend Läufern gegeben.

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Die Beiträge im Länderinformationsportal (LIPortal) wurden bis Dezember 2020 von ausgewiesenen Landesexpertinnen und Landesexperten betreut, um eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern zu geben. Das LIPortal bot damit eine Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb - viele Verweise sind auch weiterhin aktuell.

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im September 2020 aktualisiert.

Über den Autor

Dirk Hoffmann
Dirk Hoffmann

Dirk Hoffmann ist studierter Lateinamerikanist und Umweltwissenschaftler, Experte für internationale Klimapolitik und Landestrainer für Bolivien. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist er in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und hat in diesem Zusammenhang mehrfach für viele Jahre in Bolivien gelebt.

Hoffmann ist Autor verschiedener Publikationen zu Bolivien und Herausgeber des Klimablog ("Klimawandel Bolivien", www.cambioclimatico-bolivia.org).

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