La Paz aus der Luft
Wachstum des BIP (jährlich)
5,5 % (2014)
Pro Kopf Einkommen
5,934 US$ (HDR 2015)
Rang der menschlichen Entwicklung
Rang 119 (HDI 2015)
Armutsanteil (unter $ 1,25 pro Tag)
8 % (HDI 2015)
Einkommensverteilung (GNI pro Kopf)
5,760 (HDI 2015)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
94,5 % (2015, HDI)

Wirtschaftsentwicklung

Gestapelte Gasgaraffen warten auf den Weitertransport
Gasgaraffen warten auf den Weitertransport © Dirk Hoffmann
Tiefland-Rind auf der Weide
Rinderhaltung im Tiefland © Dirk Hoffmann

Seit der Nationalen Revolution 1952 hat es in der bolivianischen Wirtschaftpolitik zwei einschneidende Veränderungen gegeben.

Mit dem Regierungswechsel von Siles Zuazo zu Victor Paz Estenssoro 1985 ging ein grundlegender Wandel der wirtschaftspolitischen Struktur einher. Die mit dem Präsidialdekret 21060 eingeführte "Neue Ökonomische Politik" (Nueva Política Económica, NPE) beinhaltete die Abkehr vom staatskapitalistischen Entwicklungsweg und die Hinwendung zu einem neoliberalen Entwicklungsmodell. Die grundlegenden Elemente dieser Politik waren:

  • die Liberalisierung des Handels
  • die Liberalisierung des Wechselkurses (Boliviano/Dollar)
  • die Privatisierung staatlicher Unternehmen
  • Kürzungen staatlicher Ausgaben
  • die Erhöhung staatlicher Einnahmen

Diese Politik beendete zunächst erfolgreich die Hyperinflation und führte zu einer stabilen makroökonomischen Lage, aber mittelfristig auch zu einer höheren Arbeitslosigkeit und damit Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Die Wirtschaftsentwicklung in diesem Zeitraum (etwa 1996-2005) lag im Durchschnitt bei 3,3% jährlich.

Der zweite einschneidende Moment ist die Amtsübernahme von Evo Morales an der Spitze der MAS im Januar 2006 mit dem Versprechen, ein kommunitäres und sozialistisches Wirtschaftmodell aufzubauen.

Entgegen vieler Prognosen verbesserten sich unter der neuen Regierung Morales die makroökonomischen Indikatoren sogar noch. Die Regierung verfolgt seit 2006 eine staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik, die durch die Verstaatlichung der Naturressourcen, allem voran Erdgas und Erdöl, staatliche Investition und Einnahmenumverteilung, die Einführung von Importzöllen und Subventionen auf Treibstoffe sowie Preisregulierungen auf Lebensmittel, gekennzeichnet ist. Der Staatsanteil an der Wirtschaft ist im Zeitraum 2006-2014 ständig gewachsen, besonders mit der Verstaatlichung von YPFB, dem größten Energiekonzern des Landes sowie anderen wichtigen Unternehmen, wie der Telekom (ENTEL) und der Gründung der Fluggesellschaft BoA (Boliviana de Aviación). Auch Teile der Stromversorgung (ENDE) und der Wasserversorgung wurden verstaatlicht. Diese Politik hat sich zunächst vorteilhaft auf die Wirtschaftslage ausgewirkt.

Aktuelle wirtschaftliche Lage

Das bolivianische Wirtschaftsmodell [Quelle: Miguel A. Buitrago, basiert auf Modelo Economico Social Comunitario Productivo, Finanz und Wirtschafts Ministerium]
Das bolivianische Wirtschaftsmodell [Quelle: Miguel A. Buitrago, basiert auf Modelo Economico Social Comunitario Productivo, Finanz und Wirtschafts Ministerium]

Laut IWF entwickelte sich das Wirtschaftswachstum in Bolivien in der Zeit von 2006-2012 positiv und stieg auf 4,7% pro Jahr. Ein Hauptgrund dafür war die Verdreifachung der staatlichen Einnahmen durch Exporte, was wiederum nicht nur eine Folge der Exportsteigerung war (hauptsächlich Erdgas, aber auch landwirtschaftliche Produkte und Mineralien), sondern auch eine Folge der Steigerung der internationalen Erdgas- und Erdölpreise. Außerdem hat sich das Land im gleichen Zeitraum, in Bezug auf den IWF, in ein Netto-Kreditland gewandelt - nämlich seitdem Boliviens internationale Finanzreserven bei 50% des BIP liegen und die Verschuldung nicht über 14% des BIP steigt.

Für 2015 heben die Weltbank und der IWF in ihrem jährlichen Gutachten der bolivianischen Wirtschaftsentwicklung das außergewöhnliche Wirtschaftswachstum von durchschnittlich fast 5% in der letzten Dekade hervor, wie auch die Senkung der Armut im Land um 16% im gleichen Zeitraum. Diese zwei Entwicklungen machen Bolivien zu einem derzeit außergewöhnlichen Fall innerhalb der Region.

Jedoch können nicht alle diese Entwicklungen allein der Wirtschaftspolitik der Regierung Morales angerechnet werden, da eine enge Verbindung mit der Preisentwicklung von Erdöl und Rohstoffen auf dem Weltmarkt besteht. Bei einer seit 2014 rückläufigen Tendenz der Rohstoffpreise ist zu erwarten, dass diese Entwicklung in den kommenden Jahren zu niedrigeren Wachstumsraten führen wird.

Die zweite Hälfte des Jahres 2015 zeigte einige Schwächen in der bolivianischen Wirtschaft, zumeist als Folge des in 2014 eingetretenen Rohstoffpreisverfalls. Vor allem wurde die Prognose für das Wirtschaftswachstum des BIP geringfügig nach unten korrigiert. Laut IWF wird Bolivien nun nur noch um 4,8% wachsen. Ein weiterer beunruhigender Faktor ist die Rückkehr des Haushalts- und  Außenhandelsdefizits. Seit 2006 hatte Bolivien positive Haushalts- und Außenhandelsbilanzen, auch bedingt durch die Exportvolumen von Erdgas in den guten Zeiten mit hohen Preisen. In Zeiten des Preisverfalls der Rohstoffe sind die Einnahmen dagegen eingebrochen; Bolivien hatte 2014 ein Haushaltsdefizit von 3,4% des BIP und in der ersten Hälfte von 2015 von etwa 2,1%. Für die nahe Zukunft wird eine Abwärtstendenz erwartet.

Der IWF geht außerdem von einem Außenhandelsdefizit von 4,5% für 2015 und von 5% für 2016 aus. Die bereits erwähnte Hauptursache liegt im Verfall von Rohstoffpreisen auf den internationalen Märkten. Ein weiterer Grund zur Sorge könnte auch die Aufwertung des Boliviano gegenüber anderen Währungen in der Region sein. Ein starker Boliviano wirkt sich negativ auf den bolivianischen Export aus. Dies könnte auf längere Zeit betrachtet problematisch sein. Darüber hinaus haben Lohnerhöhungen die Produktion von Exportgütern weniger konkurrenzfähig gemacht. Schließlich kann auch die schwache Konjunktur in den Nachbarländern ein Problem sein, insbesondere wenn Brasilien und Argentinien sich entscheiden, wieder mit Erdgaspreisen zu handeln. Sehr wahrscheinlich würde Bolivien dies zu spüren bekommen.

Für 2016 hat der IWF ein Wirtschaftswachstum von 3,5% prognostiziert. Allerdings könnte sich der Abschwung der wirtschaftlichen Entwicklung verzögern, da die Regierung ehrgeizige Investitionspläne verfolgt und mehr Kredite für die Privatwirtschaft bereitstellt. Hinzu kommen großvolumige Investitionskredite von China für den Ausbau der Infrastruktur und verschiedenener Großprojekte.

Wirtschaftsbereiche

Die wichtigsten Wirtschaftsbereiche für Bolivien sind die Erdgas- und Erdölgewinnung, der Bergbau (Zink, Zinn und Silber) und die Landwirtschaft (Soja, Kaffee, Mais, Reis und in den letzten Jahren Quinua). 

Als das wirtschaftliche Rückgrat des Landes haben sich seit Beginn des Jahrtausends die Erdgasvorkommen erwiesen. Vor allem zwischen 2005 und 2012 wurden diese Vorkommen als die zweitgrößten in ganz Südamerika bezeichnet. Allerdings wurden die bestätigten Erdgasreserven mittlerweile von 27 auf 9.9 BTUs (2015) heruntergestuft. Nichtsdestotrotz stellen die Erdgasexporte nach Brasilien und Argentinien derzeit die bedeutendste Einnahmequelle für die Regierung Morales dar: sie machen etwa 16% vom BIP aus. 

Erst Mitte der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts erholten sich der (nun vor allem private) Bergbau und der Industriesektor von der schweren Krise Mitte der 80er-Jahre. Zur Zeit ist der Bergbaubereich in Bolivien in vier Untersektoren aufgeteilt. Die Mineria Grande (Großbergbau) umfasst nur große Privatunternehmen. Diese sind zum großen Teil aus Privatisierungen hervorgegangen. Unter der Mineria Mediana (Mittelbergbau) finden sich vor allem private Familienbetriebe, welche auch noch heute eine bedeutende Rolle spielen. Die Mineria Pequeña (Kleinbergbau) stellt die kleineren Betriebe dar, die privat oder als Kleinkooperativen in zuvor verlassenen Minen arbeiten. Schließlich gibt es den staatlichen Bergbausektor, wo sich alle nationalisierten Minen und Großprojekte befinden.

Heutzutage besitzen der nationalisierte Bergbau und die Kooperativen eine große politische Bedeutung. Von 2002 bis 2011 ist dieser Sektor im Durchschnitt 8,53% gewachsen. In der gleichen Zeit machte der Kleinbergbau etwa 35% der Gesamtproduktion aus und der Mittelbergbau sowie der Großbergbau etwa 38,6% und 25,1%. Die bedeutendsten Mineralien sind Zinn, Silber, Gold, Blei, Zink, Kupfer und Ulexit. Der Bergbau ist nicht nur ein Devisenbringer und wichtiger Arbeitszweig für die Bevölkerung des Hochlands, sondern zeichnet sich auch verantwortlich für eine Reihe negativer Umweltauswirkungen, zu denen insbesondere die Belastung der Gewässer mit Schwermetallen wie Blei und Quecksilber zählt.

In der Landwirtschaft war die Entwicklung weniger positiv. Dies beruht zum großen Teil auf der Politik der Preiskontrolle seitens der Regierung in Bezug auf "strategische" Produkte (Reis, Mais, Weizen, Soja, Kartoffeln, Zucker und Quinua) sowie eine steigende Kontrolle von Exporten und die Enteignung von "unproduktivem" Land durch die Regierung während der ersten Amtszeit von Evo Morales. Letzteres beschreibt eine Politik, die das Ziel hatte den Großgrundbesitz zu reduzieren und diese Ländereien umzuverteilen - dies findet man in den Regionen von Santa Cruz, Beni und Pando. 

Von Bedeutung ist auch der Beitrag der Kokablattproduktion zur Agrarproduktion mit etwa 12%. Annähernd 40.000 Personen sind beim Kokaanbau beschäftigt, vorwiegend in den Regionen Yungas und Chapare.

Angesichts der weltweiten Entwicklung von Nahrungsmittelpreisen, Angebot und Nachfrage ist die bolivianische Regierung um die Nahrungssicherheit der Bevölkerung besorgt. Obwohl Bolivien hauptsächlich Primärerzeugnisse produziert, ist es nicht in der Lage, einige Produkte für sich selbst zu produzieren. Beispiele sind Kartoffeln und Reis, welche das Land zwar produziert, aber immer noch importieren muss.

Außenhandel und Verschuldung

Mineneingang in Potosi [J. Mealing (CC-BY 2.0)]
Mineneingang in Potosi [J. Mealing (CC-BY 2.0)]
Raffinerie in Tarija, 2006 [M. Casal, Agencia Brasil (CC-BY 3.0 BR)]
Raffinerie in Tarija, 2006 [M. Casal, Agencia Brasil (CC-BY 3.0 BR)]
Sojabohnen [Public Domain]
Sojabohnen [Public Domain]

 

 

Außenhandel

Die Exporte

Boliviens Außenhandelssituation hat sich im letzten Jahrzehnt positiv entwickelt. Auch gewinnt Quinoa immer mehr an Bedeutung. 2015 waren die wichtigsten Exporte des Landes Erdgas sowie traditionelle Exportprodukte wie Mineralien (bedeutend sind hier insbesondere Zinn, Zink, Gold und Silber). Gleichzeitig gab es wichtige Exporte außerhalb dieses traditionellen Exportbereichs, vom bolivianischen Statistikamt nicht-traditionelle Produkte genannt. Die bedeutendsten in dieser Kategorie waren Soja, Paranüsse, Quinoa, Chia-Samen, Bananen, Sonnenblumen, Öl und Lederprodukte.

Bemerkenswert ist auch der langsam steigende Anteil des Handels mit den Nachbarstaaten, im Gegensatz zu einem Handelsrückgang mit dem einmal wichtigsten Handelspartner USA. Boliviens Exporte gingen 2015 zu 28% nach Brasilien und zu 17% nach Argentinien. Diese zwei Länder kaufen aktuell das gesamte von Bolivien exportierte Erdgas, aber auch Produkte im nicht-traditionellen Bereich, wie Quinoa, Paranüsse, Bananen, Soja und Öle. Der drittwichtigste Handelspartner Boliviens sind mit 12% die USA, auch trotz der verschlechterten Beziehungen. An die USA gehen hauptsächlich Chia-Samen, Quinoa und Paranüsse, sowie Goldschmuck.

Insgesamt hat Bolivien einen positiven Saldo in seiner internationalen Handelsbilanz bis 2014 erreicht. Allerdings hat das Bolivianische Institut für Außenhandel (Instituto Boliviano de Comercio Exterior, IBCE) vor kurzem einen Bericht zum bolivianischen Handel veröffentlicht, der für die nächsten Jahre eine weniger positive Tendenz erwarten lässt.

Unter den bolivianischen Departamentos sind die exportstärksten Tarija (33%), Santa Cruz (25%), Potosi (17%) und La Paz (10%), denn dort befinden sich auch die Vorkommen von Erdgas und Mineralien. Die anderen Departamentos (Beni, Cochabamba, Chuquisaca und Pando) spielen hier nur eine marginale Rolle.

Auf der regionalen Ebene (innerhalb von Mercosur, wo Brasilien und Argentinien Mitglied sind) liegt der Handel bei etwa 4 Mrd. US-Dollar. Der Handel mit NAFTA (wo die USA Mitglied sind) liegt bei 1,1 Milliarden US-Dollar. Die meisten Geschäfte für Produkte jenseits von Erdgas werden allerdings innerhalb des Verbands für Lateinamerikanische Integration (ALADI) gemacht; hier sind Kolumbien und Peru die zwei wichtigsten lateinamerikanischen Handelspartner Boliviens. Der Handel mit Soja, Sojaöl, Sonnenblumenöl, Goldschmuck, Edelsteinen, Bananen und Leder sowie Chia-Samen, Quinoa und Paranüsse zwischen ALADI und Bolivien hat einen Wert von über 5 Mrd. US-Dollar. Auch China, Japan, Südkorea, Belgien und Indien sind als Käufer dieser Produkte nicht unbedeutend.

2015 hat Bolivien bei den Exporten einen Einbruch der positiven Entwicklung seit 2005 erlebt, wobei dieser nach einer überdurchschnittlich positiven Entwicklung kam. Zwischen 2005 und 2014 sind die bolivianischen Exporte um rund 5,39% gewachsen. 2015 gab es jedoch ein Minus von 32%, mit einem Einbruch von 12,9 Mrd. auf 8,7 Mrd. US-Dollar. Der Hauptgrund dafür liegt im Einbruch bei den internationalen Ölpreisen. Diese sind für Bolivien von zentraler Bedeutung, da der Preis des wichtigsten Exportguts (Erdgas) an den Ölpreis gekoppelt ist.

Die Importe

Bolivien führte 2015 Waren im Wert von 9,6 Mrd. US-Dollar ein; 2014 waren es noch 10,5 Mrd. US-Dollar. Die Importe konzentrierten sich auf Investitionsgüter, Zwischenprodukte, Rohstoffe und Konsumwaren, vor allem aus China (18%), Brasilien (16%), Argentinien (12%), USA (10%), Peru (6%) und - recht weit hinten - Deutschland (2,3%). An erster Stelle der Importe stehen immer noch Diesel und Benzin. Auch werden Eisenprodukte, Maschinen für verschiedene Zwecke, Transportfahrtzeuge und deren Ersatzteile, sowie Arzneimittel importiert, ebenso wie Lebensmittel, Mehl und Fleisch.

Entgegen der neuesten Einschätzungen von IWF und Weltbank geht die bolivianische Regierung weiterhin von optimistischen Prognosen für die Zukunft aus. Laut der letzten Äußerung des Wirtschaftsministers Catacora bleibt die bolivianische Wirtschaft im Verlauf des Jahres 2016 auf einem Wachstumskurs von 5%. Diese positive Einschätzung basiert auf den weiterhin geplanten kräftigen, staatlichen Investitionen, welche sich wiederum auf die guten Steuereinnahmen und die gut gefüllten staatlichen Kassen stützen – hier ist vor allem an die außergewöhnlich hohen internationalen Reserven zu denken; laut des letzten IWF-Berichts betragen sie für 2015 13% des BIP.

Verschuldung

In den 1990er Jahren lag die Auslandsverschuldung gegenüber dem BIP bei 135%. Bei Amtsantritt von Evo Morales 2006 lag diese Zahl bei 46,2% und hat sich seitdem bei durchschnittlich 14-15% gehalten.

Die Auslandsverschuldung lag Ende 2015 bei rund 9 Mrd. US-Dollar.

Bolivien hat sich im Bereich der multilateralen Geber zumeist von CAF (Entwicklungsbank der Andengemeinschaft), BID (Interamerikanische Entwicklungsbank) und Weltbank Geld geliehen, sowie bilateral von Venezuela, Brasilien, Südkorea und in zunehmendem Maße von China. Der deutsche Anteil der gesamten bilateralen Verschuldung liegt bei ca. 1,5%. 

Von dieser Verschuldung haben zumeist der staatliche Mineralölkonzern YPFB und der bolivianische Staat selbst profitiert. Aber auch die Regionalregierungen von La Paz, Santa Cruz, Tarija und Potosi, haben daraus Nutzen gezogen.

Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit

Armut und Armutsbekämpfung

Aufkleber mit dem Symbol der deutsch-bolivianischen Zusammenarbeit
Deutsch-bolivianische Zusammenarbeit © Nora Basurco Valverde

Herzstück der Reformpolitik des ehemaligen Präsidenten Sánchez de Lozada (1993-97) bildete das Gesetz der "Participación Popular" (Volksbeteiligungsgesetz). Es übertrug die Entscheidungsbefugnis für Gesundheit, Schule, Straßenbau, Bewässerung und Kultur auf die Gemeinden. Damit sie diese Aufgaben erfüllen können, steht ihnen heute ein erheblicher Teil der Steuereinnahmen zur Verfügung. Im gleichen Zug stärkte die "Participación Popular" den politischen Einfluss der Dörfer und Indiogemeinschaften, indem sie ihnen das Recht gab, über die neuen Gelder mitzubestimmen. 

Die Regierung Morales entschied in 2006 über den Plan Nacional de Desarrollo (Nationaler Entwicklungsplan), bei dem die Bekämpfung von Armut und Exklusion einen wichtigen Aspekt der Entwicklungspolitik ausmacht. In 2012 wurde ein neuer Plan beschlossen, der Plan de Desarrollo Economico y Social 2012-2015. Dieser soll die Politik der Morales-Regierung in Bezug auf Armut bestimmen, wobei der kommunitäre und unabhängige Charakter des Staates, die Abschaffung von Exklusion und die Stärkung der Gleichheit betont werden.

Bolivien hat in den letzten Jahren viele Erfolge bei der Armutsbekämpfung feiern können. Die UNO weist u. a. auf die Reduzierung der Armut von 2005-2009 um 12% hin. Im März 2012 gratulierten die Vereinten Nationen Präsident Morales für die Erfolge bei seinen Anstrengungen im Kampf gegen die Armut. Im Human Development Index, welcher Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard berücksichtigt, liegt Bolivien auf Platz 119 von 187 Ländern (HDR 2015).

Trotzdem ist Bolivien mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von rund US$ 5.700 (Weltbank 2013) nach wie vor eines der ärmsten Länder Südamerikas. Nach Berechnungen des Nationalen Statistischen Amts (INE) betrug die Armut 2011 rund 45%. Die ländliche Armut lago sogar bei 61%, während die Zahl der Armen im urbanen Raum bei durchschnittlich 37% lag. Zudem lag die extrem ungleiche Einkommensverteilung bei 0,47, in ländlichen Regionen bei 0,54 des Gini-Koeffizienten

Die Regierung von Morales hat diesen Trend mit Hilfe der Politik zur Einnahmenumverteilung weiterentwickelt. Die direkten Transfers von Geldern für Schulkinder, Mütter und Rentner hat das Leben dieser Menschen direkt beeinflusst. 

Ausländische Entwicklungsanstrengungen

Bolivien ist Schwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit verschiedener bi- und multilateraler Institutionen. Der Anteil der "Official Development Aid" (ODA) am BIP hat nach Daten des "Human Development Report" von 2007/08 abgenommen (1990 bei 11,2% und 2005 bei 6,2%). Den Wert für 2014 gibt die Weltbank mit nur noch 2,1% an. Die Interamerikanische Entwicklungsbank (BID/IADB) ist der größte Kreditgeber in Bolivien. 

Zu den Aktivitäten der Weltbank sowie zu ihren Projekten und Programmen. Die Europäische Union hat ebenfalls ein Country Strategy Paper in Zusammenarbeit mit Bolivien erarbeitet und führt verschiedene Projekte durch. Neben der deutschen sind die japanische, spanische und schweizerische Entwicklungszusammenarbeit stark im Land vertreten. Die US-amerikanische USAID ist seit 2013 auf Wunsch der bolivianischen Regierung nicht mehr im Land tätig.

Deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Bolivien

Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Bolivien waren über viele Jahre die Verwaltungs- und Justizreform, die Förderung von zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, Wasserver- und Abwasserentsorgung sowie nachhaltige Landwirtschaft. Derzeit konzentrieren sich die Aktivitäten stärker auf die technischen Bereiche der Wasserver- und Abwasserentsorgung, der nachhaltigen und klimaresilienten Landwirtschaft sowie der Förderung regenerativer Energien.

Die KfW und GIZ unterstützen Projekte in diesen Bereichen. Die politischen Stiftungen wie die Konrad Adenauer-Stiftung und die Hans-Seidel-Stiftung und die Friedrich-Ebert-Stiftung unterhalten Büros in La Paz und betreuen vor Ort zahlreiche Projekte. CIM leistet personelle Zusammenarbeit mit zahlreichen integrierten Fachkräften. Die Deutsch-Bolivianische Industrie- und Handelskammer (AHK Bolivien) und die GIZ unterzeichneten am 20. November 2006 einen Kooperationsvertrag für das Programm Public Private Partnership (PPP).

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2016 aktualisiert.

Über den Autor

Dirk Hoffmann
Dirk Hoffmann

Dirk Hoffmann ist studierter Lateinamerikanist  und Umweltwissenschaftler, Experte für internationale Klimapolitik und Landestrainer für Bolivien. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist er in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und hat in diesem Zusammenhang mehrfach für viele Jahre in Bolivien gelebt.

Hoffmann ist Autor verschiedener Publikationen zu Bolivien und Herausgeber des Klimablog ("Klimawandel Bolivien", www.cambioclimatico-bolivia.org).

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