La Paz aus der Luft [psyberartist 1024x768 (CC-BY 2.0)]
Wachstum der BIP (jährlich)
5,5 % (2014)
Pro Kopf Einkommen (2011 Kaufkraftparität)
5,934 US$ (2015, HDR)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI)
Rang 119 (2015, HDI)
Anteil Armut (unter $ 1.25 pro Tag)
8 % (2015, HDI)
Einkommensverteilung (GNI pro kopf 2011 ppp)
5,760 (2015, HDI)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
94,5 % (2015, HDI)

Wirtschaftsentwicklung und -sektoren

Jeweiliger Anteil der Gesamtproduktion für den Export 2012 [R. Haussman, C. Hidalgo (CC-BY SA 3.0)]
Jeweiliger Anteil der Gesamtproduktion für den Export 2012 [R. Haussman, C. Hidalgo (CC-BY SA 3.0)]

In ihrer neueren Entwicklung kann die bolivianische Wirtschaft in zwei Perioden unterteilt werden: 1985 - 2005 und 2005 - Heute.

1985 - 2005

Mit dem Regierungswechsel in 1985 (von Siles Suazo zu Paz Estenssoro) ging ein grundlegender Wandel der wirtschaftspolitischen Strategie einher. Die Neue Ökonomische Politik (Nueva Política Económica, NPE) beinhaltete die Abkehr vom staatskapitalistischen Entwicklungsweg bei gleichzeitiger Hinwendung zu einem neoliberalen Entwicklungsmodell. Die grundlegenden Elemente dieser Politik waren z.B.:

  • die Liberalisierung des Handels,
  • die Liberalisierung des Wechselkurses (Boliviano/Dollar),
  • die Privatisierung staatlicher Unternehmen,
  • Kürzungen staatlicher Ausgaben und
  • die Erhöhung staatlicher Einnahmen.

Diese Politik führte zu einer stabilen makroökonomischen Lage, aber auch zu einer höheren Arbeitslosigkeit und damit Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit der Politik und der Regierung. Die Wirtschaftsentwicklung in diesem Zeitraum (etwa 1996-2005) lag im Durchschnitt bei 3,3% jährlich.

2005 - heute

Das bolivianische Wirtschaftsmodell [Quelle: Miguel A. Buitrago, basiert auf Modelo Economico Social Comunitario Productivo, Finanz und Wirtschafts Ministerium]
Das bolivianische Wirtschaftsmodell [Quelle: Miguel A. Buitrago, basiert auf Modelo Economico Social Comunitario Productivo, Finanz und Wirtschafts Ministerium]

Entgegen aller Prognosen der neuen Regierung Morales verstärkte sich die makroökonomische Entwicklung sogar noch. Die Regierung verfolgt seit 2006 eine staatlich-gelenkte Wirtschaftspolitik, die durch die Verstaatlichung der nationalen Ressourcen, allem voran Erdgas und Erdöl, staatliche Investition und Einnahmenumverteilung, die Einführung von Importzöllen und Subventionen auf Treibstoffe sowie Preisregulierungen auf Lebensmittel gekennzeichnet ist. Der Staatsanteil an der Wirtschaft ist im Zeitraum 2006-2014 ständig gewachsen, besonders mit der Verstaatlichung von YPFB, dem größten Energiekonzern des Landes, und anderen wichtigen Unternehmen, wie der Telekom (ENTEL) und der Fluggesellschaft (BoA). Verstaatlicht wurde auch im Bereich der Stromversorgung (ENDE) und der Wasserversorgung. Diese Politik hat sich vorteilhaft auf die Wirtschaft ausgewirkt.

Jedoch können nicht alle diese Entwicklungen allein der Regierung Morales angerechnet werden, da auch eine enge Verbindung mit der Preisentwicklung und somit der Exporte mineralischer Rohstoffe, Erdgas und Erdöl besteht. Da die Tendenz der Rohstoffpreise bereits jetzt rückläufig ist, wird in den kommenden Jahren mit niedrigeren Wachstumsraten gerechnet.

Aktuelle wirtschaftliche Entwicklung

Laut des IWF entwickelte sich das Wirtschaftswachstum in Bolivien in der Zeit von 2006-2012 positiv und stieg auf 4,7% pro Jahr. Ein Hauptgrund dafür war die Verdreifachung der staatlichen Einnahmen durch Exporte, was wiederum nicht nur eine Folge der Exportsteigerung war (hauptsächlich Erdgas, aber auch landwirtschaftliche Produkte und Mineralien), sondern auch eine Folge der Steigerung der internationalen Erdgas- und Erdölpreise. Außerdem hat sich das Land im gleichen Zeitraum, in Bezug auf den IWF, in ein Netto-Kreditland gewandelt - nämlich seitdem Boliviens internationale Finanzreserven bei 50% des BIP liegen und die Verschuldung nicht über 14% des BIP steigt.

Für 2015 heben die Weltbank und der IWF in ihrer jährlichen Evaluation der bolivianischen Wirtschaftsentwicklung das außergewöhnliche Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 5% in der letzten Dekade hervor, wie auch die Senkung der Armut im Land um 16% im gleichen Zeitraum. Diese zwei Entwicklungen machen Bolivien zu einem derzeit außergewöhnlichen Fall innerhalb der Region. Allerdings sollte man diese positiven Entwicklungen spätestens seit 2015 in einem neuen, erweiterten Licht betrachten. Mit dem Fallen der internationalen Rohstoffpreise (Öl und Erdgas) und der starken Abhängigkeit der bolivianischen Wirtschaft von diesen Preisen sind die Aussichten für die nächsten Jahre nicht nur positiv.

Die zweite Hälfte des Jahres 2015 zeigte einige Schwächen in der bolivianischen Wirtschaft, zumeist als Folge des in 2014 eingetretenen Rohstoffpreisverfalls. Vor allem wurde die Prognose für das Wirtschaftswachstum der BIP nach unten korrigiert. Laut des IWF wird Bolivien nun nur noch um 4,8% wachsen. Während dies immer noch ein guter Impuls ist, so könnte doch die leicht negative Tendenz im Vergleich zum Vorjahr (rund 5%) beunruhigen. Ein weiterer beunruhigender Faktor wäre eine Rückkehr des Haushaltsdefizits und des Außenhandelsdefizits. Seit 2006 hatte Bolivien positive Haushalts- und Außenhandelsbilanzen, auch bedingt durch die Volumenexporte von Erdgas in den guten Zeiten mit hohen Preisen. In Zeiten des Preisverfalls der Rohstoffe dagegen sind die Einnahmen eingebrochen; Bolivien hatte in 2014 ein Haushaltsdefizit von 3,4% des BIP und in der ersten Hälfte von 2015 von etwa 2,1% des BIP. Zudem wird für die zweite Hälfte von 2015 und für das Jahr 2016 eine Abwärtstendenz erwartet. Der IWF geht außerdem von einem Außenhandelsdefizit von 4,5% für 2015 und von 5% für 2016 aus. Die bereits erwähnte Hauptursache liegt im Verfall von Rohstoffpreisen auf den internationalen Märkten. Ein weiterer Grund zur Sorge könnte auch die Aufwertung des Boliviano gegenüber anderen Währungen in der Region und gegenüber dem Dollar sein. Ein stärkerer Boliviano würde sich negativ auf den bolivianischen Export auswirken. Dies könnte auf längere Zeit problematisch sein. Darüber hinaus haben Lohnerhöhungen die Produktion von Exportgütern weniger konkurrenzfähig gemacht. Schließlich kann auch die schwache Konjunktur in den Nachbarländern ein Problem sein, insbesondere wenn Brasilien und Argentinien sich entscheiden, wieder mit Erdgaspreisen zu handeln. Sehr wahrscheinliches würde Bolivien dies zu spüren bekommen.

Der IWF hat für 2015 einen Wendepunkt für die bolivianische Wirtschaft prognostiziert. Hauptsächlich liege dies daran, dass aufgrund der Zeitverzögerung in der Anpassung der Erdgaspreise an die neuen Verhältnisse auf den internationalen Märkten die Auswirkungen auf die bolivianische Wirtschaft ab der zweiten Hälfte von 2015 eingetreten sind. Zudem erwartet der IWF eine eher schwache Konjunktur für 2015 und 2016, also weniger Wachstum sowie Defizite in den Haushalts- und Außenhandelsbilanzen. Für 2016 prognostiziert der IWF ein Wirtschaftswachstum von 3,5%. Allerdings könnte sich die Verzögerung wegen der ehrgeizigen Investitionspläne der Regierung, mehr Kredite für die Privatwirtschaft bereitzustellen, sowie aufgrund der gesunden inländischen Nachfrage hinziehen.

Wirtschaftsbereiche

Die wichtigsten Wirtschaftsbereiche für Bolivien sind Erdgas- und Erdölgewinnung, der Bergbau (Zink, Zinn und Silber) und Landwirtschaft (Soja, Kaffee, Mais, Reis und in den letzten Jahren Quinua). 

Als das wirtschaftliche Rückgrat des Landes haben sich in letzter Zeit die Erdgasvorkommen erwiesen. Vor allem zwischen 2005 und 2012 wurden diese Vorkommen als die zweitgrößten in ganz Lateinamerika bezeichnet. Allerdings wurden die bestätigten Erdgasreserven mittlerweile von 26.7 auf 9.9 BTUs heruntergestuft. Nichtsdestotrotz stellen die Erdgasexporte nach Brasilien und Argentinien derzeit die bedeutendste Einnahmequelle für die Regierung Morales dar: sie machen etwa 16% vom BIP aus. 

Erst Anfang der 1990er Jahre erholten sich der, jetzt vor allem private, Bergbau und der Industriesektor von der schweren Krise. Zur Zeit ist der Bergbaubereich in Bolivien in drei Untersektoren aufgeteilt. Die Mineria Grande (Großbergbau) umfasst nur große Privatunternehmen. Diese haben während der Privatisierung ihre Arbeit aufgenommen. Unter der Mineria Mediana (Mittelbergbau) finden sich vor allem private Familienbetriebe, welche auch noch heute eine bedeutende Rolle spielen. Die Mineria Pequeña (Kleinbergbau) stellt die kleineren Betriebe dar, die privat oder als Kleinkooperative in vielen kleinen und verlassenen Minen arbeiten. Schließlich gibt es den staatlichen Bergbau, wo sich alle nationalisierten Minen und Großprojekte befinden. Vor Morales waren vieler dieser Firmen im Großbergbau.

Heutzutage besitzen der nationalisierte Bergbau und die Kooperativen eine große politische Bedeutung. Von 2002 bis 2011 ist dieser Sektor im Durchschnitt 8,53% gewachsen. In der gleichen Zeit machte der Kleinbergbau etwa 35% der Gesamtproduktion aus, und der Mittelbergbau und der Großbergbau etwa 38,6% und 25,1%. Die bedeutendsten Mineralien sind Zinn, Silber, Gold, Blei, Zink und Ulexit.

In der Landwirtschaft war die Entwicklung weniger positiv. Dies beruht zum großen Teil auf der Politik der Preiskontrolle seitens der Regierung in Bezug auf "strategische" Produkte (Reis, Mais  Gerste, Soja, Kartoffeln, Zucker und Quinua), sowie eine steigende Kontrolle von Exporten und die Zurücknahme von "unproduktivem" Land durch die Regierung. Letzteres beschreibt eine Politik, die das Ziel hat, Großgrundbesitz zu reduzieren und diese Ländereien umzuverteilen - dies findet man in den Regionen von Santa Cruz, Beni und Pando. 

Von Bedeutung ist auch der Beitrag der Kokablattproduktion von etwa 12% zur Agrarproduktion. Annähernd 40.000 Personen sind beim Kokaanbau beschäftigt, vorwiegend in den Regionen Yungas und Chapare.

Angesichts der weltweiten Entwicklung von Nahrungsmittelpreisen, Angebot und Nachfrage ist die bolivianische Regierung um die Nahrungssicherheit der Bevölkerung besorgt. Obwohl Bolivien hauptsächlich Primärerzeugnisse produziert, ist es nicht in der Lage, einige Produkte für sich selbst zu produzieren. Beispiele sind Kaffee und Reis, welche das Land zwar produziert, aber immer noch importieren muss.

Handel, Staat und Verschuldung

Mineneingang in Potosi [J. Mealing (CC-BY 2.0)]
Mineneingang in Potosi [J. Mealing (CC-BY 2.0)]
Raffinerie in Tarija, 2006 [M. Casal, Agencia Brasil (CC-BY 3.0 BR)]
Raffinerie in Tarija, 2006 [M. Casal, Agencia Brasil (CC-BY 3.0 BR)]
Sojabohnen [Public Domain]
Sojabohnen [Public Domain]

 

 

Handel

Boliviens Außenhandelssituation hat sich im letzten Jahrzehnt positiv entwickelt. Die wichtigsten Abnehmerländer der bolivianischen Produktion waren Brasilien, Argentinien und die USA (in Reihenfolge der Bedeutung), sowie Südkorea, Japan, Venezuela, Kolumbien und Peru. Auch gewinnt Quinoa immer mehr an Bedeutung. Das wichtigste Produkt ist jedoch Erdgas. Weiterhin sind Zink, Silber, Gold, Zinn, Blei sowie Soja, Sonnenblumenöl wichtige Exportprodukte. Bemerkenswert ist auch der langsam steigende Anteil des Handels mit den Nachbarstaaten, im Gegensatz zu einem Handelsrückgang mit dem einmal wichtigsten Handelspartner USA. Insgesamt hat Bolivien einen positiven Saldo in seiner internationalen Handelsbilanz bis 2014 erreicht.

Das Bolivianische Institut für Außenhandel (Instituto Boliviano de Comercio Exterior, IBCE) hat vor kurzem einen Bericht zum bolivianischen Handel veröffentlicht. Laut diesem ist die Tendenz nicht mehr so vielversprechend.

Die aktuelle Entwicklung

Die Exporte

In 2015 waren die wichtigsten Exporte des Landes traditionellerweise Produkte wie Erdgas und Mineralien (bedeutend sind hier insbesondere Zinn, Zink, Gold und Silber). Gleichzeitig gab es wichtige Exporte außerhalb dieses traditionellen Exportbereichs, vom bolivianischen Statistikamt nicht-traditionelle Produkte genannt. Die bedeutendsten in dieser Kategorie waren Soja, Paranüsse, Quinoa, Chia-Samen, Bananen, Sonnenblumen, Öl und Lederprodukte. Laut dem Bericht repräsentieren im traditionellen Exportbereich Erdgas (45%) und Mineralien (20%) die zwei Schlüsselexportprodukte Boliviens, während die Produkte im nicht-traditionellen Bereich den Rest ausmachen.

Unter den bolivianischen Departamentos sind die exportstärksten Tarija (33%), Santa Cruz (25%), Potosi (17%) und La Paz (10%), denn dort befinden sich auch die Vorkommen von Erdgas und Mineralien. Die anderen Departamentos (Beni, Cochabamba, Chuquisaca und Pando) spielen hier nur eine marginale Rolle.

Auf der bilateralen Ebene exportierte Bolivien in 2015 am meisten nach Brasilien (28%) und Argentinien (17%). Diese zwei Länder kaufen aktuell das gesamte von Bolivien exportierte Erdgas, aber auch Produkte im nicht-traditionellen Bereich, wie Quinoa, Paranüsse, Bananen, Soja und Öle. Der drittwichtigste Handelspartner Boliviens sind mit 12% die USA, auch trotz der sich verschlechterten Beziehungen. An die USA gehen hauptsächlich Chia-Samen, Quinoa und Paranüsse, sowie Goldschmuck.
Auf der regionalen Ebene (innerhalb von Mercosur, wo Brasilien und Argentinien Mitglied sind) liegt der Handel bei etwa 4 Milliarden US Dollar. Der Handel mit NAFTA (wo die USA Mitglied sind) liegt bei 1,1 Milliarden US Dollar. Die meisten Geschäfte für Produkte jenseits von Erdgas werden allerdings innerhalb des Verbands für Lateinamerikanische Integration (ALADI) gemacht; hier sind Kolumbien und Peru die zwei wichtigsten lateinamerikanischen Handelspartner Boliviens. Der Handel mit Soja, Sojaöl, Sonnenblumenöl, Goldschmuck, Edelsteinen, Bananen und Leder, sowie Chia-Samen, Quinoa und Paranüsse zwischen ALADI und Bolivien hat einen Wert von über 5 Milliarden US Dollar. Auch China, Japan, Südkorea, Belgien und Indien sind als Käufer dieser Produkte nicht unbedeutend.

In 2015 hat Bolivien bei den Exporten einen Einbruch der positiven Entwicklung seit 2005 erlebt, wobei dieser nach einer überdurchschnittlich positiven Entwicklung kam. Zwischen 2005 und 2014 sind die bolivianischen Exporte um rund 5,39% gewachsen. In 2015 gab es ein Minus von 32%, mit einem Einbruch von 12.893 auf 8.723 Millionen Dollar. Der Hauptgrund dafür liegt im Einbruch bei den internationalen Ölpreisen. Diese sind für Bolivien relevant, da der Preis des wichtigsten Exportguts (Erdgas) an den Ölpreis gekoppelt ist.

Die Importe

Bolivien führte in 2015 Produkte im Wert von 9,6 Milliarden US Dollar ein; in 2014 waren es 10,5 Milliarden US Dollar. Die Importe konzentrierten sich auf Investitionsgüter, Zwischenprodukte, Rohstoffe und Konsumwaren, vor allem aus China (18%), Brasilien (16%), Argentinien (12%), USA (10%), Peru (6%) und, recht weit hinten, Deutschland (2,3%). Innerhalb Boliviens gingen 49% dieser Importe an Santa Cruz, gefolgt von La Paz (24%), Cochabamba und Oruro (9%) sowie Tarija (6%). An erster Stelle von Importen steht immer noch Diesel und Benzin. Doch arbeitet Bolivien daran, dies zu ändern. Auch importiert Bolivien Eisenprodukte, Maschinen für verschiedene Zwecke, Transportfahrtzeuge und deren Ersatzteile, sowie Arzneimittel. Aber auch Lebensmittel, wie Mehl und Fleisch, stehen auf der Importliste.

Die bolivianische Regierung - entgegen neuesten Einschätzungen des IWF und der Weltbank - ist optimistisch bezüglich dieser Prognosen. Laut der letzten Äußerung des bolivianischen Wirtschaftsministers, Herr Catacora, bleibt die bolivianische Wirtschaft in 2016 auf einem Wachstumskurs von 5%. Diese positive Einschätzung basiert auf den weiterhin geplanten kräftigen, staatlichen Investitionen, welche sich wiederum auf die guten Steuereinnahmen und die gut gefüllten staatlichen Kassen stützen – hier ist vor allem an die außergewöhnlich großen internationalen Reserven zu denken; laut des letzten IWF-Berichts sind es für 2015 13% des BIP.

Verschuldung

In den 1990er Jahren lag die Auslandsverschuldung gegenüber dem BIP bei 135%. Seit Morales die Macht übernommen hat, ist diese Zahl auf 46,2% in 2006 zurückgegangen und hat sich seitdem bei durchschnittlich 14-15% gehalten. Bolivien hat sich in 2011 zumeist von CAF, BID und Weltbank Geld geliehen, sowie bilateral von Venezuela, Brasilien, China, Deutschland und Südkorea. Der deutsche Anteil der gesamten bilateralen Verschuldung liegt bei ca. 1,5%. 

Von dieser Verschuldung haben zumeist der staatliche Mineralkonzern YPFB und der bolivianische Staat profitiert. Aber auch die regionalen Regierungen in La Paz, Santa Cruz, Tarija und Potosi, wie auch einige Entwicklungshilfeorganisationen haben daraus Nutzen gezogen.

Entwicklung und Entwicklungspolitik

Armut und Armutsbekämpfung

Deutsch-bolivianische Zusammenarbeit [© Nora Basurco Valverde]
Deutsch-bolivianische Zusammenarbeit [© Nora Basurco Valverde]

Herzstück der Reformpolitik des ehemaligen Präsidenten Sánchez de Lozada (1993-97) bildete das Gesetz der "Participación Popular" (Volksbeteiligungsgesetz). Es übertrug die Entscheidungsbefugnis für Gesundheit, Schule, Straßenbau, Bewässerung und Kultur auf die Gemeinden. Damit sie diese Aufgaben erfüllen können, steht Ihnen heute ein erheblicher Teil der Steuereinnahmen zur Verfügung. Im gleichen Zug stärkte die "Participación Popular" den politischen Einfluss der Dörfer und Indiogemeinschaften, indem sie Ihnen das Recht gab, über die neuen Gelder mitzubestimmen. 

Die Regierung Morales entschied in 2006 über den Plan Nacional de Desarrollo (Nationaler Entwicklungsplan), bei dem die Bekämpfung von Armut und Exklusion einen wichtigen Aspekt der Entwicklungspolitik ausmacht. In 2012 wurde ein neuer Plan beschlossen, der Plan de Desarrollo Economico y Social 2012-2015. Dieser soll die Politik der Morales-Regierung in Bezug auf Armut bestimmen, wobei der kommunitarische und unabhängige Charakter des Staates, die Abschaffung von Exklusion und die Stärkung der Gleichheit betont werden.

Bolivien hat in den letzten Jahren viele Erfolge bei der Armutsbekämpfung feiern können. Die UNO weist u.a. auf die Reduzierung der Armut von 2005-2009 um 12% hin. Im März 2012 gratulierten die Vereinten Nationen Präsident Morales für die Erfolge bei seinen Anstrengungen gegen Armut. Im Human Development Index, welcher Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard berücksichtigt, liegt Bolivien auf Platz 113 von 187 Ländern (HDR 2013).

Trotzdem ist Bolivien mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von rund US$ 5700 (2013, Welt Bank Data) nach wie vor eins der ärmsten Länder Südamerikas. Nach die letzte Berechnungen des Nationalen Statistischen Institutes (INE) beträgt die Armut in 2011 rund 45%, die ländliche Armut liegt bei 61%, während die Zahl der Armen im urbanen Raum bei durchschnittlich 37% liegt. Zudem liegt die extrem ungleiche Einkommensverteilung in 2011 bei 0,47, in ländlichen Regionen bei 0,54. 

Seit 1999 stellen IWF und Weltbank für die Vergabe von Krediten an die antragstellenden Regierungen die Bedingung, dass unter Einbeziehung gesellschaftlicher Gruppen (Kirchen, Unternehmerverbände, NRO, Gewerkschaften) ein länderspezifisches 'Poverty Reduction Strategy Paper' (PRSP) zu erarbeiten ist. Das PRSP soll dann als verbindliche Vorgabe für Programme zur Armutsbekämpfung dienen. Lesen Sie eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Strategie zur Armutsbekämpfung.

Auch die neue bolivianische Regierung von Morales, mit dem 2006 bekanntgegebenen nationalen Entwicklungsplan, bekennt sich zu den Milleniumszielen. Bolivien kommt beim Erreichen der Millenium Development Goals (MDGs) (BMZ, Weltbank ) voran.

Inländische Entwicklungsanstrengungen

Nicht nur in der Strukturanpassung, sondern auch im PRSP-Prozess, zählt Bolivien gemeinhin zu den strong performers – zumindest was das Tempo betrifft: Schon zu Beginn des Jahres 2000 legte Bolivien sein Interim-PRSP vor und wenige Monate später sein PRSP, und Bolivien erreichte noch 2001 den "Completion Point", mit dem ihm der HIPC-II-Schuldenerlass gewährt wurde. Hervorzuheben ist, dass das Land von Anfang an nicht nur die Armutsbekämpfung sondern auch die Partizipation (Gesetz zur Volksbeteiligung) anstrebte.

Die Regierung von Morales hat diesen Trend mit Hilfe der Politik zur Einnahmenumverteilung weiterentwickelt. Die direkten Transfers von Geldern für Schulkinder, Mütter und Rentner hat das Leben dieser Menschen direkt beeinflusst. 

Allerdings nimmt Bolivien seit 2010 aufgrund der verschlechterten Beziehungen zur US-Regierung nicht mehr an den MDGs teil.

Ausländische Entwicklungsanstrengungen

Bolivien ist Schwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit verschiedener bi- und multilateraler Institutionen. Der Anteil der "Official Development Aid" (ODA) am BIP hat abgenommen (1990 bei 11,2% und 2005 bei 6,2%; Quelle: Human Development Report 2007/8). Die Interamerikanische Entwicklungsbank ist der größte Kreditgeber in Bolivien.

Zu den Aktivitäten der Weltbank sowie zu ihren Projekten und Programmen. Der Bericht zur Länderstrategie für den Zeitraum von 2007-2009 verzeichnet respektable Erfolge in der Armutsbekämpfung und sieht gute Chancen für das Erreichen der Millenniumsziele. Die Europäische Union hat ebenfalls ein Country Strategy Paper in Zusammenarbeit mit Bolivien erarbeitet und führt verschiedene Projekte durch.
Auch die US-amerikanische (seit 2013 nicht mehr in Bolivien tätig), japanische, spanische und schweizerische Entwicklungszusammenarbeit ist stark im Land vertreten.

Deutsche Entwicklungsorganisationen in Bolivien

Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Bolivien sind die Verwaltungs- und Justizreform, die Förderung von zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, Wasserver- und Abwasserentsorgung sowie nachhaltige Landwirtschaft. Die KfW und GIZ  unterstützen Projekte in diesen Bereichen. Die politischen Stiftungen wie die Konrad Adenauer-Stiftung und die Hans Seidel Stiftung unterhalten Büros in La Paz und betreuen vor Ort zahlreiche Projekte. Die Friedrich Ebert Stiftung ist direkt vor Ort präsent. Die CIM leistet personelle Zusammenarbeit mit zahlreichen integrierten Fachkräften. Die Deutsch-Bolivianische Industrie- und Handelskammer (AHK Bolivien) und die GIZ unterzeichneten am 20. November 2006 einen Kooperationsvertrag für das Programm Public Private Partnership (PPP). Von Bedeutung ist auch das u.a. von der GIZ unterstützte Nationale Umweltinformationssystem SIA (Sistema de información del medio ambiente) mit Aktivitäten nationaler und ausländischer Organisationen.

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Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im April 2016 aktualisiert.

Über den Autor

Schönen guten Tag! Ich bin Dr. Miguel A. Buitrago, gebürtiger Bolivianer und Wirtschafts- und Politikwissenschaftler. Sie können auch noch mehr über Boliviens politische Entwicklungen in meinem Blog Mabblog lesen.

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