Straßenszene in Südchile, Foto: Cornelia M. Götz
Amtssprache(n)
Spanisch
Regionalsprachen
Mapudungún
bedeutendste Religion
Katholiken 72 %
weitere bedeutende Religion
Protestanten 13 %
Städtische Bevölkerung
88 %
Lebenserwartung
78 Jahre

Makrosoziale Struktur

Einen verlässlichen und aktuellen Überblick über makrostrukturellen Daten zu chilenischen Gesellschaft bieten das CIA-Factbook, die OECD, die Zusammenfassung der Ergebnisse des letzten offiziellen Census (2002), der Ergebnisse seit den ersten Erhebnungen sowie die demographischen Prognosen des Nationalen Statististikinstituts (INE) bis ins Jahr 2050. Aufschlussreich ist ebenfalls das Compendio Estadístico, das von INE herausgegeben wird.

Im Jahr 2012 wurde ein neuer Census vorgenommen. Die Ergebnisse sollten im Jahr 2013 zur Verfügung stehen. Ein Bericht mit den vorläufigen Ergebnissen wurde bereits veröffentlicht. Bei der näheren Begutachtung des Census aber stellte sich heraus, dass die Erhebungen deutliche Mängel aufweist und darum nur begrenzt aussagefähig ist. Experten forderten, die Erhebung zu wiederholen. Eine Untersuchungskomission wurde eingesetzt, um die Probleme der Volkszählung zu untersuchen. Die Debatten um die missglückte Erhebung gingen so weit, dass der zuständige Staatssekretär und Leiter der Statistik-Behörder seinen Rücktritt erklären musste. Für das Jahr 2017 wurde eine neue Volkszählung angekündigt.

Hinsichtlich der makrosozialen Aspekte bestehen starke regionale Unterschiede. Eine interaktive Landkarte gibt einen guten Übeblick über die geographische Verteilung der sozialen Ungleichheiten.

Ethnische, soziale und sozioökonomische Gliederung

In ethnischer Hinsicht ist Chile – im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Gesellschaften – weitgehend homogen: Lediglich 2,1% der Einwohner sind nicht in Chile geboren. Die Immigration spielt mithin eine untergeordnete Rolle. Die meisten Immigranten kommen aus den direkten Nachbarländern Argentinien, Peru und Bolivien.

Rund 95% der chilenischen Bevölkerung sind Weiße oder Mestizen, 5% gehören indianischen Ethnien an (v.a. Mapuche und Aymara). Innerhalb der Gruppe der Weißen und Mestizen wird allerdings sehr wohl wahrgenommen, wie stark ausgeprägt der europäische Anteil in der Stammlinie ist. Ähnlich wie in Argentinien wird hier oft der pejorative Ausdruck cabecita negra („Schwarzköpfchen“) für besonders dunkelhäutige oder -haarige Mestizen verwendet.

Sowohl hinsichtlich der Einstellung zu Migranten, als auch zu unterschiedlichen Ethnien innerhalb der chilenischen Gesellschaft entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine selbstkritische öffentliche Auseinandersetzung mit dem Rassismus in Chile.

Dies verdeutlicht, dass in Chile der soziale Status von eine besonders wichtige Rolle spielt. In Chile ist oft vom „mundo de los pobres“, „mundo indígena“ oder vom „mundo de los ricos“ (Welt der Armen, der Indígenas oder der Reichen) die Rede. Tatsächlich scheinen in Chile bestimmte Gesellschaftssegmente zu koexistieren, die sich im Alltag kaum berühren oder überschneiden. Diese Segregation manifestiert sich etwa in den Wohnvierteln, in den Schulen, im Musikgeschmack, Kleidungsstil etc.

Auch sozioökonomisch ist die chilenische Gesellschaft sehr gespalten: Eine Erhebung zur Einkommensverteilung im Jahr 2009 ergab, dass lediglich 7,2% des Einkommens auf das unterste Fünftel entfiel, während die oberen 20% insgesamt 47,3% des Gesamteinkommens auf sich vereinen konnten. Im OECD-Vergleich weisst Chile mit die größten sozialen Ungleichheiten auf. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über das 26-fache des Einkommens des untersten Dezils.


Seit 2006 konnte der Anteil der Bevölkerung, die in (extremer) Armut lebte, mehr als halbiert werden. Dennoch bleibt die Armut ein dauerhaftes Problem in Chile.

Eine neuere Studie beleuchtete den besonderen Einfluss der "super-ricos" in Chile: Das reichste Prozent der Chilenen kann rund ein Drittel des Einkommens auf sich vereinen; das reichste Tausendstel rund ein Zehntel des Einkommens. Diese Ergebnisse wurden besonders im Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2013 heftig debattiert.

Altersstruktur

Altersstruktur der chilenischen Gesellschaft; aus: Instituto Nacional de Estadísticas: Compendio Estadístico 2015, Santiago 2015, S. 112.
Altersstruktur der chilenischen Gesellschaft; aus: Instituto Nacional de Estadísticas: Compendio Estadístico 2015, Santiago 2015, S. 112.

Chile ist eine recht junge Gesellschaft: 20,7% der Bevölkerung sind unter 15 Jahre,16,3% zwischen 15 und 24 Jahre. Die Gruppe der 25- bis 54-Jährigen macht 43,2% aus. Lediglich 9,9% der Chilenen sind älter als 65 Jahre. Das Durchschnittsalter liegt bei rund 32 Jahren, die Lebenserwartung bei 78 Jahren (Daten aus dem Jahr 2015).

Geschlechterverhältnis

Trotz der Bemühungen der Regierungen der letzten Jahre um Gleichstellung der Geschlechter im öffentlichen Leben und trotz der Tatsache, dass mit Michelle Bachelet erstmals eine Frau Verteidigungsministerin und später auch Staatspräsidentin wurde, ist die Kultur in Chile – wie in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern – vom machismo  geprägt.

Nach dem Gender Inequality Index (GII) der Vereinten Nationen ist Chile mit Rang 65 (2015) nach Uruguay (61) unter den lateinamerikanischen Ländern das Land mit der zweitgeringsten Geschlechter-Ungleichheit. Es wird gefolgt von Costa Rica (66) und Kuba (68). Insgesamt liegt Chile damit im Weltvergleich im Mittelfeld (wobei nicht von allen Ländern Daten vorliegen). Im Vergleich hierzu liegt Deutschland auf Rang 3, Italien auf Rang 10. Das Feld der insgesamt 187 Staaten wird angeführt von Slovenien und der Schweiz. An den letzten Stellen stehen Länder wie Niger, Tschad und der Jemen.

Gemäß dem Gender Gap Index (2015) liegt Chile hinsichtlich der Geschlechter-Ungleichheit auf dem 73. Platz (von 145).

Die Bemühungen um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern erhielten im Jahr 1991 einen institutionellen Rahmen: Die erste Concertación‑Regierung schuf den Servicio Nacional de la Mujer (SERNAM). Auf der Seite des SERNAM finden sich zahlreiche Informationen, Studien und Statistiken zur Situation der Frau in Chile.

Frauen sind auch öffentlichen wie auch im beruflichen Leben in Chile benachteiligt. Einige Daten aus dem dritten Regierungsbericht zu den UN-Milleniumszielen mögen dies illustrieren: Lediglich 14,2% der Parlamentarier sind Frauen; unter den Mitgliedern des Senats sind es nur 13,1%. 27% der Führungspositionen in der Wirtschaft sind mit Frauen besetzt. In den gleichen Wirtschaftssparten verdienen Frauen 26,8% weniger als ihre männlichen Arbeitskollegen. 

Mikrosoziale Strukturen

Ehe und Familie, Verwandtschaft, Freundschaft

Die Familie ist in Chile der zentrale Referenzrahmen für das Alltagsleben. Junge Chilenen leben meist bis zu eigenen Familiengründung bei ihren Familien. Nur 11,6% der chilenischen Haushalte sind Single-Haushalte. Mit 38,1% der Haushalte stellt die Kernfamilie bestehend aus Eltern und Kindern die verbreitetste Lebensform dar; in 9,7% der Haushalte leben Alleinerziehende. Weitere 21,9% der Haushaltskonstellationen bestehen aus Ein- bzw. Zweielternfamilien sowie weiteren Angehörigen, die mit im Haushalt leben.

Auch hinsichtlich der Sozialpolitik spielt die Familienpolitik eine wichtige Rolle.

Chile war der letzte südamerikanische Staat, der die Ehescheidung legalisierte. Über Jahre hinweg scheiterten alle Gesetzesinitiativen am erbitterten Widerstand der katholischen Kirche und der konservativen Parteien. Dennoch war die Auflösung von Ehen schon vorher gängige Praxis: Die Scheidung a la chilena bestand aus einer Auflösung der Ehe aufgrund von Formfehlern. Dies ging meist zu Lasten der Frauen, da diese oft nicht abgesichert waren und die Unterhaltsansprüche für Kinder nicht klar geregelt wurden. Seit der Verabschiedung des Scheidungsgesetzes im Jahr 2004 wurden bis zum Jahr 2014 rund 45.000 Ehen geschieden.

Das Konzept des „amigo“, der „amiga“ bzw. der „amistad“ ist in Chile weiter gefasst und beinhaltet in etwa das, was man Deutschland als „Freund“ und „Bekannten“ bezeichnen würde. So wird man recht schnell als „amigo“ vorgestellt, wobei mit dem Status des „amigo“ nicht unbedingt die Verbindlichkeit und das Vertrauen einhergehen, das ein Deutscher mit „Freundschaft“ verbindet. Dies ist ein wichtiger Aspekt der kulturellen Besonderheiten und gesellschaftlichen Etikette.

Der „pituto“ – zentral im chilenischen Alltagsleben

Von großer Bedeutung für den chilenischen Alltag ist das Konzept des „pituto" , das eng mit der Familie und mit den „amigos“ zusammenhängt: „Pituto“ bezeichnet Kontakte zu Personen, die in der Lage sind, jemandem einen Gefallen zu tun bzw. einen Vorteil zu verschaffen. Mit „pituto“ ist es etwa möglich, auch in schwierigen Situationen eine Arbeit zu finden, auf einer Behörde den „kurzen Dienstweg“ zu nehmen, im Krankenhaus ohne Wartezeiten behandelt zu werden etc.

Der „pituto“ setzt nicht unbedingt voraus, dass man die Person an der entsprechenden Entscheidungsstelle persönlich kennt. Oft reicht es, dass gemeinsame Bekannt die Kontakte herstellen. So entstehen „Gefälligkeitsketten“, die auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhen. So spricht man etwa vor einem Behördengang den Nachbarn an, von dem man weiß, dass er mit dem entsprechenden Sachbearbeiter bekannt oder entfernt verwandt ist. Der Nachbar kündigt dann den Besuch an und erwirkt so das Wohlwollen des Sachbearbeiters. Der „Alltags-Pituto“ hat in der Regel nichts mit Bestechung zu tun. Es geht nicht um Geld, sondern um Gefälligkeiten, die sich mittel- und langfristig für alle Beteiligten lohnen. Im Chilenischen gibt es die Ausdrücke „tener pituto“ („Vitamin B haben“) und „tener un pituto“ (jemanden kennen, der bei bestimmten Anliegen behilflich sein kann).

Bildung

Der Anteil der Bildungsausgaben am BIP beträgt in Chile 5,7% und entspricht somit dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Das Schulsystem ist dreigliedrig und besteht aus (1) der Vorschule (Enseñanza Preescolar) für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Die (2) Educación General Básica entspricht dem 1.-8. Schuljahr im deutschen System. Sie ist für alle Kinder verpflichtend. Daran schließen sich (3) die Sekundarschulen (Educación Media) an: Die Sekundarschulen umfassen vier Jahrgangsstufen. Sie sind kostenlos und verpflichtend. Nach einem zweijährigen allgemeinbildenen Unterricht kann zwischen einem humanistisch-wissenschaftlichen und einem technisch-beruflichen Schwerpunkt gewählt werden, wobei die humanistisch-wissenschaftliche Richtung auf die Hochschule vorbereitet und die technisch-beruflichen Schulen neben dem Schulabschluss auch einen Berufsabschluss als „Techniker“ verleihen. Insgesamt besteht in Chile eine zwölfjährige Schulpflicht. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Schülerproteste gegen die Bildungspolitik und die Strukturen des Bildungswesens, die von Vielen als ungerecht wahrgenommen werden, da sie die soziale Ungleichheiten im Land verfestigen.

Camila Vallejos - das Gesicht der chilenischen Studentenbewegung; Bild ist lizenzfrei unter http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Camila_Vallejo_-_Munich_2012.jpg&filetimestamp=20120217192748
Camila Vallejos - das Gesicht der chilenischen Studentenbewegung; © TobiasK (CC BY-SA 4.0), de.wikipedia.org/w/index.php

Das chilenische Hochschulwesen  gehört zu den besten Lateinamerikas. Neben den Institutos Profesionales und den Centros de Formación Técnica (berufsorientierte höhere Ausbildungseinrichtungen, deren Ausbildungsniveau in etwa der Bandbreite der deutschen Berufsfachschulen und Fachhochschulen entspricht) gibt es in Chile rund 60 private und staatliche Hochschulen. Über ein großes Renommee verfügen auch die zwölf Universitäten in kirchlicher Trägerschaft. Die traditionsreichsten Universitäten sind die staatliche Universidad de Chile und die private Pontificia Universidad Católica de Chile. Das chilenische Hochschulwesen ist stark marktorientiert: Die Universitäten konkurrieren um die besten Studenten. Das Studium ist gebührenpflichtig. Die Kosten sind an den privaten Universitäten höher als an den staatlichen, die auf eine öffentliche Grundfinanzierung zurückgreifen können. Die Struktur und Finanzierung des chilenischen Hochschulwesens war in den vergangenen Jahren immer wieder Anlass für massive Proteste und Konflikte.

In der beruflichen Bildung gibt es zum einen den Abschluss des Techniker auf mittlerem Niveau, der mit dem Abschluss einer technisch-beruflichen Sekundarschule erreicht wird. Darüber hinaus besteht ebenfalls die Möglichkeit, an einem privaten Centro de Formación Técnica den Abschluss eines "Höheren Technikers" zu erwerben.

Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen in Chile  ist zweigeteilt: Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem privaten und dem staatlichen Gesundheitswesen. Die Krankenversicherungen wurden im Zuge der marktliberalen Reformen der Pinochet-Diktatur Anfang der 80er Jahre privatisiert. Die Krankenversicherung ist für jeden Arbeitnehmer obligatorisch: Besserverdiener versichern sich privat und können sich im Krankheitsfall zügig nach den neuesten Therapierichtlinien behandeln lassen. Für Bezieher niedriger Einkommen hingegen bleibt der staatliche Gesundheitsfond. Die Leistungen des öffentlichen Gesundheitswesens stehen hinter denen des Privaten zurück. Häufig müssen bis zum Behandlungsbeginn lange Wartezeiten in Kauf genommen werden, oft fehlt es an Medikamenten, Geräten und Personal.

Im Jahr 2005 wurde eine Reform des Gesundheitswesens eingeleitet (Plan AUGE – Plan Acceso Universal con Garantías Explícitas), die den allgemeinen Zugang zu einer angemessenen und bezahlbaren Gesundheitsversorgung sicherstellen sollte. Die Reformen zeigen erste Erfolge, wobei grundsätzliche Probleme bei der Versorgung der ärmeren Gesellschaftsschichten auch weiterhin bestehen bleiben.

Im Vergleich mit anderen OECD-Staaten liegt Chile hinsichtlich der Anteils der Gesundheitsausgaben sowie anderer Indikatoren wie Gesundheitsrisiken oder Lebenserwartung deutlich unterhalb des Durchschnitts.

Kunst, Literatur und Film

Die ersten Assoziationen, die man mit chilenischer Kultur hat, sind sicherlich Pablo Neruda und Gabriela Mistral, die beiden chilenischen Literaturnobelpreisträger von 1971 bzw. 1945. Aber neben diesen beiden Autoren hat Chile noch eine Reihe weiterer aktueller Literaten  zu bieten, wie zum Beispiel: Vicente Huidobro, Gonzalo Rojas, Nicanor Parra, José Donoso, Jorge Edwards, Isabel Allende, Antonio Skármeta, Raúl Zurita oder der bereits verstorbene Roberto Bolaño.

Aber auch im Bereich der Musik , Bildende Künste  oder des Filmes  kann Chile in den vergangenen Jahren auf eine Reihe bekannter Kunst- und Kulturschaffender verweisen. Erfreulicherweise waren in den vergangenen Jahren auch immer mehr chilenische Filme in deutschen Programmkinos zu sehen. Im Jahr 2013 wurde der Film "No" (Chile 2012) von Pablo Larraín für einen Oscar nominiert.

In den vergangenen Jahren wurde die Kunst- und Kulturszene Chiles auch durch eine gezielte kulturpolitische Förderung gestärkt. So fördert der Kunstfond „Fondo de las Artes (Fondart)“ alljährlich rund 2000 Projekte aus unterschiedlichen Bereichen der Kunst. Darüber hinaus wurden verschiedene Räte geschaffen, die sich der Förderung von Kunst und Kultur verschrieben haben: der „Consejo Nacional de la Cultura y de las Artes“ (Nationaler Rat für Kultur und Künste), „Consejo del Libro y de la Lectura” (Literaturrat), „Consejo de Fomento de la Música Nacional“ (Rat zur Förderung der Nationalen Musik) sowie der „Consejo del Arte y la Industria Audiovisual“ (Rat für audiovisuelle Kunst und Industrie).

Gabriela Mistral, chilenische Literaturnobelpreisträgerin; Bild ist lizenzfrei unter https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5e/Gabriela_Mistral-01.jpg
Gabriela Mistral, chilenische Literaturnobelpreisträgerin; Bild ist lizenzfrei unter upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5e/Gabriela_Mistral-01.jpg
Pablo Neruda, chilenischer Literaturnobelpreisträger; Bild ist lizenzfrei unter https://de.wikipedia.org/wiki/Pablo_Neruda#/media/File:Pablo_Neruda.jpg
Pablo Neruda, chilenischer Literaturnobelpreisträger; Bild ist lizenzfrei unter de.wikipedia.org/wiki/Pablo_Neruda

Religion

In Chile gibt es keine Staatsreligion: Die Trennung von Staat und der katholischen Kirche wurde mit der Verfassung von 1925 vollzogen und verlief ohne größere Konflikte. Dies ermöglichte der katholischen Kirche, eine starke und konstruktive Rolle in der chilenischen Gesellschaft wahrzunehmen. Ohne eng mit der Regierung verstrickt zu sein – wie dies beispielsweise im Nachbarland Argentinien der Fall war – trat die Kirche in Chile als kritische Begleiterin der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen auf. Von ihr gingen immer wieder wichtige Impulse aus: So stieß die Kirche während der Regierungszeit des Christdemokraten Frei Montalva eine Landreform an, indem sie Teile des Kirchenbesitzes an jene Bauern verteilte, die auf dem Land lebten. Diese Agrarreform wurde von den Christdemokraten aufgegriffen und unter Allende fortgesetzt. Während der Zeit der Militärdiktatur kam der Kirche durch das Solidaritätsvikariat eine zentrale Rolle im Menschenrechtsschutz zu. Durch die Vermittlung des Erzbischofs von Santiago, Kard. Fresno, gelang es in den 80er Jahren die parteipolitische Opposition zu vereinen und so maßgeblich zur Rückkehr zur Demokratie beizutragen.

In den vergangenen Jahren geriet die katholische Kirche Chiles immer wieder in die Kritik. Besonders schwer wogen die Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs. Der chilenische Filmemacher Pablo Larraín behandelte diese Thematik in seinem jüngsten Film "El Club" (2015).

Noch heute spielt die katholische Kirche in Chile eine bedeutende gesellschaftliche und politische Rolle, auch wenn die Zahl der Gläubigen rückläufig ist: Nur noch rund 70% der Chilenen bekennt sich zum Katholizismus, evangelikale und pfingstlerische Kirchen bilden mit 15,1% die zweitstärkste Gruppe, auch wenn diese in sich sehr divers ist. In den vergangenen Jahren konnten die Pfingstkirchen ihre Position in Chile weiter ausbauen. Heute prägt in bestimmten Sektoren die Präsenz der Pfingstkirchen das Bild Chiles mit.

Auch die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) unterhält in Chile deutsche Gemeinden.

Einen guten Überblick über die religiöse Landschaft Chiles bietet das Handbuch der Religionen der Welt.

Pater Alberto Hurtado
Pater Alberto Hurtado SJ; Quelle: Wikimedia (CC-BY-SA-3.0-MIGRATED) (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stalberto.jpg)

Allgegenwärtig sind in der Volksfrömmigkeit des Landes die beiden chilenischen Heiligen: die Karmelitin Teresita de Los Andes und der Jesuit Alberto Hurtado. Besondere Präsenz im öffentlichen Leben hat zweifellos der „Padre Hurtado“: Der 1901 geborene Jesuit gilt als einer charismatischsten Vertreter des chilenischen Sozialkatholizismus. Er gründete unter anderem den „Hogar de Cristo“, der als Obdachlosen-Projekt begann und heute das größte Sozialwerk der katholischen Kirche ist, das von der Kinderkrippe bis zu Bestattungen der armen Bevölkerung Hilfe in allen Lebenslagen bietet. Viele Supermärkte verfügen über Abkommen mit dem Hogar de Cristo, so dass man etwa beim Einkaufen das Wechselgeld direkt spenden kann. Alberto Hurtado wurde 2005 heiliggesprochen.

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzen Mal im Dezember 2016 aktualisiert.

Der Autor

Veit Straßner (geb. 1975) studierte in Mainz, Santiago/Chile und Kaiserslautern Politikwissenschaft, Soziologie und Erziehungswissenschaft (Dr. phil.), Philosophie und katholische Theologie (Lic. theol.) sowie Organisationsentwicklung (M.A.); Studien- und Forschungsaufenthalte in Chile, Argentinien, Uruguay und Peru.
Von 2003 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz, seit 2008 im Schuldienst.

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