Tansania und die 'Millennium Development Goals'

ein kritisches Essay zu den Entwicklungserfolgen 
Dr. Thomas Scheidtweiler, März 2005
 

Exogene Armutsursachen
Endogene Entwicklungshindernisse und was über MDG hinaus noch zählt

Bilanz der Situation und 'Perspektive 2015'
Beitrag der deutschen Entwicklungszusammenarbeit

 

Exogene Armutsursachen

Abgesehen von den 'Terms of Trade', dem Agrarprotektionismus und anderen Weltmarktbedingungen, die auf Länder wie Tansania entwicklungshemmend wirken können, sind die 'seelischen' und kulturellen Außeneinflüsse besonders gravierend: Die Bevölkerung ist arm auch an Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das bisschen Selbstvertrauen, das nach dem Sklavenhandel noch übrig war, wurde in der Kolonialzeit erneut mit Füßen getreten: Die traditionellen Werte und kulturellen Leistungen wurden verhöhnt und es wurden - z.B. in der Verwaltung - Strukturen geschaffen, die damals schon nicht nachhaltig waren und nach der Unabhängigkeit nicht als Vorbild taugten.

Auch nach der Kolonialzeit bleibt Tansania eine Spielwiese für technokratische Ordnungsmodelle und sozialwissenschaftliche Erklärungsversuche. Sowohl das völlige Ausblenden endogener Entwicklungshindernisse durch die Dependenztheorien der 70er und 80er Jahre, als auch die heute übliche schonungslose Anklage tansanischer Eliten greifen die Selbstachtung der Tansanier an. Tansania ist 'weder arm noch ohnmächtig' (Axelle Kabou), schon gar nicht unzurechnungsfähig, aber auch nicht alleinverantwortlich für die Entwicklungsprobleme. Unser Nikolaussyndrom (Helfersyndrom) ist auch Ausdruck der eigenen Überheblichkeit und hat in Tansania, dem Musterbeispiel einer 'Donor Economy', ein Abhängigkeitssyndrom erzeugt. In der 'Pajero-Kultur' bringt das Fahren eines Projektfahrzeugs mehr gesellschaftliche Anerkennung, als beispielsweise die Gründung eines kleinen Unternehmens auf eigenes finanzielles Risiko.

 

Endogene Entwicklungshindernisse und was über MDG hinaus noch zählt

Ungeachtet der herausragenden politischen Leistungen Julius Nyereres, war Tansania nach der Unabhängigkeit eine Einparteiendiktatur, in der weder eine Zivilgesellschaft, noch Pressefreiheit oder echte politische Mitbestimmung vorgesehen waren. Die Ära der Fremdbestimmung endet hier nicht mit der Unabhängigkeit sondern (natürlich indirekt) mit dem Fall der Berliner Mauer. Um bei dem Bild zu bleiben: Die Entwicklungsprobleme jenseits der Mauer waren auch nicht kulturell oder mentalitätsbedingt, sondern vor allem das Ergebnis von ein paar Jahrzehnten planwirtschaftlicher Vollnarkose - Deutschland und Korea liefern hierfür fast schon einfaktorielle Systemversuche. Verschärft werden die Probleme durch die heute noch anhaltende Ineffizienz der staatlichen Verwaltung.

Kulturelle Faktoren treten als Hindernisse für eine rasche Modernisierung hinzu:

  1. Das Senioritätsprinzip und der autoritäre Charakter der Gesellschaft (Gerontokratie) vereiteln allzu oft, dass Kreativität und eine gute Qualifikation entwicklungswirksam werden oder über die gesellschaftliche Stellung bestimmen (Meritokratie).

  2. Die Solidarität in der Großfamilie (Economy of Affection) steht auf dem Prüfstand der Modernisierung, weil sie Einkommensverteilung verlangt, was für die 'Leistungsträger' der Gesellschaft ein gravierendes Entwicklungshindernis darstellt.

  3. Die rastlose Unzufriedenheit, die hierzulande dazu führt, das alles ständig optimiert und perfektioniert wird, scheidet in weiten Teilen Tansanias ebenfalls als Entwicklungsmotor aus.

Diese drei Phänomene erklären vieles in Tansania. Sie sind - oder waren - aber auch in nicht-afrikanischen Gesellschaften bekannt und sind nicht ausschließlich negativ:

  1. Was das Gegenteil des Senioritätsprinzips bedeutet, erschließt sich z.B. dem Leser des Bestsellers 'Das Methusalem-Komplott' – ein Horrorszenario für die Industrieländer.

  2. Mehr 'Economy of Affection' und weniger 'Staat' wird auch in Deutschland gefordert, weil die formellen Sozialversicherungssysteme unter Globalisierungsdruck geraten. Das tun auch die informellen Systeme in Tansania, aber hier funktioniert die Solidarität in der Großfamilie noch einigermaßen. Noch garantiert sie die Kohäsion einer Gesellschaft, in der jedes zweite Mitglied mit etwa einem halben EURO am Tag ums Überleben kämpft. Solidarität innerhalb der Familie ist auch Ausdruck praktizierter Nächstenliebe: Sich in Solidaritätsgruppen für Menschen auf der anderen Erdhalbkugel zu engagieren (Fernstenliebe) und die eigenen Eltern im Pflegeheim versorgen zu lassen, ist in Tansania kaum jemandem vermittelbar.

  3. Die Tansanier wissen, dass Glücklichsein auch mit Genügsamkeit zusammenhängt.

Mit anderen Worten: Vielleicht haben die Industrieländer auf dem Weg zur goldenen Mitte des sozialen Fortschritts noch eine ähnlich weite Strecke zurückzulegen wie die Menschen in Tansania. Die Herausforderung für die Entwicklungspolitik (die tansanische und internationale) besteht darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer sich die Gesellschaft schrittweise 'modernisieren' kann, ohne die vorbildhaften Eigenschaften der tansanischen 'culture of peace' gänzlich zu opfern. Und vor allem: Sie muss alles daransetzen, damit die Menschen Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückgewinnen. Dieser Prozess wird mit Sicherheit nicht bis 2015 abgeschlossen sein. Dass Tansania heute zu den vielversprechendsten Ländern Afrikas gehört, hat auch mit der nervenaufreibenden Langsamkeit zu tun, mit der sich die Dinge bis heute 'ent-wickelt' haben. Es muss um ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung gehen und nicht um schnelle Erfolge innerhalb einer fiktiven Deadline – das lässt sich eben besonders gut an den endogenen Entwicklungshindernissen zeigen.

 

Bilanz der Situation und 'Perspektive 2015'

Eine Bilanz der Entwicklungserfolge Tansanias kann sich nicht auf einen Zeitraum von 100 Jahren beziehen, auch nicht auf 40 nach der Unabhängigkeit, sondern kann sinnvoll erst Anfang der 90er Jahre ansetzen (s.o.). Mit anderen Worten: Es ist viel zu früh dafür. Ein Land kann nicht in weniger als 25 Jahren (bis 2015) das erreichen, was in Europa eine Ewigkeit gedauert hat. Tatsache ist, dass in Afrika im allgemeinen - und in Tansania im besonderen - in den letzten 10 Jahren vielleicht mehr erreicht worden ist, als in jedem anderen Kontinent der Welt. Entwicklungserfolge sind mehr als die Summe von Teerstraßen (Afrika hat davon wohl weniger als Polen), Telefonen (... weniger als Manhatten) und Direktinvestitionen (... weniger als Singapur). Ein Fortschritt ist es auch, wenn ein Minister zurücktritt, weil eine freie Presse über seine Skandale berichtet. Das wäre in Tansania jahrzehntelang völlig undenkbar gewesen. Die Zivilgesellschaft wächst täglich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Mit ihr die Zahl der Institutionen, die mit Gemeinnützigkeit wenig im Sinn haben (ich nenne sie Business Oriented NGOs, kurz BONGO, was auf Swahili so viel heißt wie 'Bauernschläue'). Aber ohne Zivilgesellschaft ist eine wirklich nachhaltige Entwicklung undenkbar. Auch der wachsende Bewusstsein für 'Bürgersinn', 'Eigenverantwortung', 'politische Beteiligung' etc. ist schwer bilanzierbar, zumal in Tansania, aber das alles sind ganz reale Entwicklungserfolge, die von den makroökonomischen Parametern zu leicht verdrängt werden.

Tansania hat die Inflationsraten nachhaltig auf einstellige Werte gedrückt und erzielt seit Jahren ein solides Wirtschaftswachstum von 4 bis 6 %. Bei einem Bevölkerungswachstum von 2 bis 3 % müssen die Anstrengungen weiter verstärkt werden, aber die Erfolge sind beachtlich. Die Trends beim Human Development Index sind noch nicht eindeutig, aber Tansania hat bei diesem holistischen Bewertungsschema eine weitaus bessere Position, als bei den rein ökonometrischen Rankings.

Das Ziel, die extreme Armut signifikant zu reduzieren, ist noch lange nicht erreicht, aber an den Grundlagen hierfür wurde mit Erfolg gebaut. Damit haben sich auch die Rahmenbedingungen für mehr Nachhaltigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) verbessert. Die Millenniumsziele bezüglich der Grundbildung, der Geschlechtergleichstellung, Verringerung der Kindersterblichkeit und Verbesserung der Gesundheit der Mütter können erreicht werden. Was den Umweltschutz und die Bekämpfung von HIV und Malaria anbelangt, sind die Herausforderungen überwältigend groß.

Von erheblicher Bedeutung für die Entwicklung des Landes ist die regionale Kooperation (diese wird auch durch deutsche EZ unterstützt), weniger innerhalb der SADC, als vielmehr als Teil der East African Community. Die gerade in Kraft getretene (partielle) Zollunion ist ein vorläufiger Höhepunkt dieser 'Regionalization'. Dabei darf nicht vergessen werden, dass noch Ende der 1960er Jahre ca. 90 % der Bevölkerung Tansanias weder in Dörfern noch in Städten lebte. Das von Nyerere erzwungene Dorfentwicklungsprogramm 'Villagization' ist innerhalb eines Menschenlebens von den Phänomenen 'Urbanization', 'Nationalization' und 'Regionalization' eingeholt worden. Mit der 'Globalization' schließt sich der Kreis: Menschen rücken näher zusammen, ob in einem 'local village' (wie vor knapp 40 Jahren) oder in einem 'global village'. Nur die Globalisierung, wie auch die Strukturanpassungsmaßnahmen, wirken noch nicht 'flächenhaft', sondern sind eher ein Netz, dessen Knotenpunkte die städtischen Eliten in den großen Städten weltweit verbindet. Die Maschenweite dieses Netzes ist in Tansania riesig groß: Ein paar Kilometer außerhalb der Städte weiß man mit den Verlockungen und Zumutungen von Handys, Laptops und Kreditkarten nichts anzufangen. Der Besucher begibt sich auf eine Zeitreise in eine Epoche, die durch einen völlig anderen Umgang miteinander, mit der Zeit und mit technischen Hilfsmitteln gekennzeichnet ist.

 

Beitrag der deutschen Entwicklungszusammenarbeit

Trotz aller Defizite können die Reformbemühungen Tansanias anderen Staaten Afrikas als Vorbild gelten. Die damit im Zusammenhang stehende Qualifikation für den Teilerlass der Staatsschulden im Rahmen der HIPC-Initiative, aber auch deren Konditionierung, hat Tansania Spielräume für Verbesserungen in Bereichen eröffnet, die in den Programmen zur wirtschaftlichen und politischen Strukturreform (PRGF, PRS und deren Vorgänger) vernachlässigt worden waren, va. im Bildungs- und Gesundheitssektor.

Tansania gehört zu Recht zu den Schwerpunktpartnerländern der EZ mit Deutschland und ist eines der wichtigsten Empfängerländer deutscher Unterstützung in Afrika. Hinzu kommt eine erhebliche Hilfe, die über die EU und andere multilaterale Geber geleistet wird. Die bilaterale deutsche EZ konzentriert sich auf das Gesundheitswesen, die Wasserversorgung, den Ressourcenschutz sowie den 'Kapazitätsaufbau' in Regierung und Verwaltung. Diese Schwerpunktsetzung steht weitgehend im Einklang mit den MDG und die Qualität der deutschen EZ wird in Tansania geschätzt. Vielversprechend scheinen auch die Bemühungen der EZ zu sein, den Privatsektor zu stärken (PPP, etc.) und die Regierung beispielsweise im Bereich des Rechts- und Steuerwesens zu unterstützen.