Fischer
BIP
2,7 Billionen US-$ (2018, geschätzt)
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität)
7.056 US-$ (2017, geschätzt)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI)
Rang 130 von 189 (2017)
Anteil Armut (unter 1,90 $ PPP pro Tag)
21,2 % (2011)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
35,20 (2011)
Wirtschaftlicher Transformationsindex (BTI)
Rang 40 (von 129) (2018)

Wirtschaftssystem und Wirtschaftspolitik

Buntes Ladengeschäft
Buntes Ladengeschäft © Dennis Jarvis (CC BY-SA 2.0)
India Oil Werbung
India Oil Werbung © Colin Charles (CC BY-NC-ND 2.0)
Lastkarren
Lastkarren, Foto: Daniel Neff
Kingfisher Werbung
Kingfisher Werbung © Patrik M Loeff (CC BY-NC-ND 2.0)

Nach der langen Kolonialherrschaft versuchte Indien, dem Vorbild der Sowjetunion folgend, das Land mittels einer staatlichen Wirtschaftsplanung zu entwickeln. Der damalige Premierminister Jawaharlal Nehru sah die Industrialisierung des Landes als Schlüssel zur Modernisierung und Entwicklung. Angesichts der Schwäche der Privatindustrie sollte der Staat die zentrale Rolle als Investor spielen und die sogenannten "commanding heights" der Wirtschaft übernehmen. Der private und staatliche Sektor wurden durch Fünfjahrespläne geregelt und Indien als "mixed economy" klassifiziert. Die überbordende Regelung der indischen Wirtschaft durch den Staat wurde auch als "License Raj" (Lizenzherrschaft) bezeichnet. Zu Beginn der 1990er Jahre drohte Indien eine große Wirtschafts- und Finanzkrise. Eine wirtschaftliche Öffnung des Landes wurde unvermeidlich.

Mit den dann Anfang der 1990er Jahren eingeleiteten wirtschaftlichen Reformen begann der wirtschaftliche Aufstieg des Landes. Das hoch verschuldete Land, dessen Wirtschaftsakteure unter staatlichem Dirigismus und überbordender Bürokratie litten - Phänomene, die gleichwohl bis zum heutigen Tag nicht vollends verschwunden sind - befreite sich schrittweise von den Fesseln, die Nehru und später Indira Gandhi ihm auferlegt hatten. Auch wenn noch nicht alle Investitionsschranken aufgehoben sind, gehört Indien heute in Wirtschaftszweigen wie der Informationstechnologie oder in der Forschung, hier ist vor allem die Biotechnologie zu nennen, zu den führenden Ländern in der Welt.

Die seit 2014 im Amt befindliche neue Regierung unter Narendra Modi will nicht nur den marktwirtschaftlichen Kurs fortsetzen, sondern ihn noch intensivieren, indem bürokratische Hemmnisse beseitigt und der Protektionismus verringert werden soll. Ausländische Investoren sollen verstärkt aktiv werden; deutsche Investoren äußern sich optimistisch. Auch die Make in India Initiative ist mit viel Zustimmung aufgenommen worden. Mit dem im September 2015 gestarteten Programm Make in India Mittelstand wirbt die indische Botschaft in Berlin mit Unterstützung wichtiger indischen Ministerien um deutsche mittelständische Firmen und fördern deren Eintritt in den indischen Markt. Indien war z.B. das Partnerland auf der Hannover Messe in 2015 und auch im Zuge der 4. Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen im Mai 2017 nutzte Ministerpräsident Modi seinen Deutschlandbesuch, um weiter Werbung für seine Initiative zu machen.

Wirtschaftsentwicklung

Essar Stahlwerk
Essar Stahlwerk © Kallash Giri (CC BY-NC-ND 2.0)
Reisfelder
Reisfelder © sandeeppachetan.com (CC BY-NC-ND 2.0)
Zuckerherstellung
Zuckerherstellung © Dietmut Teijgeman-Hansen (CC BY-NC-ND 2.0)
Ernte
Ernte © Michael Foley (CC BY-NC-ND 2.0)

Zwischen der Unabhängigkeit 1947 und der Liberalisierung der Wirtschaft 1991 verzeichnete Indien ein stabiles Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 3,5 Prozent, einen Wert den Analysten als die "hindu rate of growth" bezeichneten. Seit der Öffnung der Wirtschaft in 1991 wächst die Wirtschaft rasant, mit durchschnittlich ca. 7 Prozent, um 2010 erreichte das Wirtschaftswachstum die 10 %-Marke.

Regionale Unterschiede in der Wirtschaftsentwicklung sind sehr ausgeprägt. Diese haben sich seit der Liberalisierung der Wirtschaft 1991 noch intensiviert. 

Indien litt unter der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise vergleichsweise weniger, da die Exportabhängigkeit des Landes eher gering und das Bankensystem weniger stark mit dem internationalen Finanzwesen verflochten ist. Bereits kurz vor Amtsantritt von Narendra Modi hat sich das Wirtschaftsklima insgesamt aufgehellt, auch aufgrund des fallenden Ölpreises. Auch wenn viele Wirtschaftsindikatoren eine positive Tendenz aufweisen, gilt die Inflation im Land, obgleich sie zuletzt stark sank, als Risiko für die mittelfristige wirtschaftliche Entwicklung Indiens. Einen besonderen Impuls für die Wirtschaft erhoffen sich Analysten durch die Einführung einer landesweiten Mehrwertsteuer in 2017.

Die neue Goods and Service Tax ist nun Anfang 2017 landesweit mit dem Ziel eingeführt worden, einen einheitlichen Markt zu schaffen und einen Großteil der örtlichen Steuern abzulösen. Experten kritisieren allerdings das unnötig komplizierte neue System mit sechs verschiedenen Steuerraten für unterschiedliche Güter und die eher schlechte Umsetzung seitens des Staates. Um die Dinge allerdings noch komplizierter zu manchen haben sich jetzt einzelne Bundesstaaten dazu entschlossen zusätzlich zur GST noch Extrasteuern zu erheben.

Die praktisch über Nacht durchgesetzte Abschaffung aller 500 und 1000 Rupien-Scheine ("demonetisation")- die in etwa 86% des im Umlauf befindlichen Bargelds ausmachen - wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach sehr negativ auswirken und Indien mindestens 2 Prozentpunkte an Wirtschaftswachstum kosten. Als Gründe für die Geldentwertung wurde hauptsächlich die Bekämpfung von Schwarzgeld, angeführt.  

Die neuesten vorliegenden Zahlen zeigen tatsächlich, dass das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2017 bei lediglich 6,1 Prozent liegt und dies obwohl der Ölpreis auf einem Tiefstand und der Monsun dieses Jahr recht normal ausgefallen ist. Ohne diese begünstigenden Faktoren wäre das Wirtschaftswachstum noch schwächer ausgefallen.

Wirtschaftssektoren

Was die Wirtschaftssektoren anbelangt, so sind der Dienstleistungssektor sowie der industrielle Sektor mit BIP-Anteilen (Schätzungen von 2016) von 45,4% bzw. 29,8% besonders wichtig. Die Landwirtschaft trägt nur noch zu etwa 16,5% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Allerdings sind im Dienstleistungssektor und Industriesektor nur ca. 51% der Beschäftigten tätig, der große Rest von 49% in der Landwirtschaft (Schätzungen von 2012).  Noch immer leben die meisten Menschen in Indien auf dem Land (ca. 70%). Das Problem ist bisher, dass das bisherige Wirtschaftswachstum kaum neue Arbeitsplätze geschaffen hat - und das bei einer wachsenden jungen Bevölkerung. Dies konstituiert eine Armutsschere, die künftig zu verstärkt innenpolitischen Spannungen führen kann.

Außenhandel

Indien ist Mitglied in bedeutenden internationalen Wirtschaftszusammenschlüssen, u.a. BIMSTEC, BRICS, ESCAP

Erdöl u. Erdölprodukte, Textilien u. Bekleidung, chemische Erzeugnisse und auch Nahrungsmittel zählen zu den bedeutendsten Exportgütern Indiens.  In Indien werden aber auch Computer, hochtechnische Maschinen und Anlagen, Flugzeuge und militärische Ausrüstungen produziert. Wichtige Importgüter sind neben einigen der schon genannten Produkte für den Export auch elektronische Güter sowie solche, die auf den Bereich „Baustoffe, Glas, Keramik“ entfallen.

Deutschland ist Indiens wichtigster Handelspartner innerhalb der EU und steht weltweit an 8. Stelle (Lieferant) bzw. 5. Stelle (Abnehmer). Das bilaterale Handelsvolumen lag 2015 bei rund 16 Milliarden Euro. Allerdings entsprechen die Exporte gerade einmal 1% der deutschen Gesamtexporte.

Im Mai 2017 fanden in Berlin die vierten deutsch-indischen Regierungskonsultationen statt. Dabei wurden zahlreiche bilaterale Vereinbarungen in Bereichen wie Energie, Wirtschaft, Berufsbildung, Kultur- und Wissenschaft, Sicherheit und Landwirtschaft getroffen.

Human Resources

Indiens Bevölkerung ist mit einem Durchschnittsalter von unter 23 sehr jung und insofern potenziell dynamisch. Um aber eine positive Rolle für die künftige Entwicklung des Landes einnehmen zu können, bedarf es der beruflichen Qualifizierung.  Viele Unternehmen suchen händeringend nach qualifiziertem Personal. Doch das ist knapp und entsprechend wählerisch. Unter Modi wurde 2015 eine neue Initiative zur beruflichen Ausbildung mit dem Namen "Skill India" gestartet, die es zum Ziel hat bis zum Jahr 2022 400 Millionen Menschen für diverse Bereiche zu qualifizieren.

Infrastruktur und Energie

Air India Flugzeut
Air India Flugzeug © Bruno Geiger (CC BY-NC 2.0)
Verkehr in Delhi
Verkehr in Delhi © Bob Witlox (CC BY-NC-ND 2.0)
Bunt bemalter Lastwagen
Bunter Lastwagen © Jacob (CC BY-NC 2.0)
Menschenmenge am Bahnhof
Menschenmenge am Bahnhof © Crispin Semmens (CC BY-SA 2.0)

Infrastruktur

Die Infrastruktur Indiens muss dringend modernisiert werden. Viel zu lange wurde zu wenig investiert und in den Bereichen in denen investiert wurde, ist durch Korruption und Misswirtschaft viel Geld veruntreut, bzw. verschwendet worden. Laut einem Bericht der Weltbank sind Investitionen in die Infrastruktur in einer Höhe von ca. 750 Milliarden Dollar notwendig, um langfristig mit China konkurrieren zu können. Laut Schätzung könnte das Wirtschaftswachstum dann jedes Jahr um ca. 2 Prozentpunkte höher ausfallen. Die aktuelle Regierung sieht hohe Investitionen in die Infrastruktur im aktuellen Budget vor, um

Straßennetz

In Indien ist die Straße mit Abstand der wichtigste Verkehrsträger und deckt in etwa 65% des Waren- und 80% des Personenverkehrs ab. Dabei fallen etwa 40% auf die national und state highways ab, die allerdings nur einen Bruchteil (2%) des gesamten Straßennetzes ausmachen. Hauptproblem  des Straßennetzes sind die oft mangelhafte Fahrbahnqualität, der zunehmende Verkehr und natürlich die vielen Verkehrshindernisse (Tiere, Menschen und Gegenstände auf der Fahrbahn).

Noch immer sind viele ländlichen Gemeinden nicht ans Straßennetz (geteerte Straßen) angeschlossen. Dies wird sich in absehbarer Zukunft auch nicht ändern, da das Straßennetz viel zu langsam ausgebaut wird und dort wo Straßen entstehen, sind diese oft wieder schnell reparaturbedürftig. Probleme hierbei sind unter anderem Fehlplanungen, Naturgewalten, Genehmigungsschwierigkeiten, Misswirtschaft und Korruption.

Eisenbahn

Das Eisenbahnnetz stammt zum Großteil noch von den ehemaligen britischen Kolonialherren und ist entsprechend marode. Die Technik ist veraltet und nur etwa ein Drittel des Streckennetzes ist elektrifiziert. Auch verfügt Indien nicht über ein einheitliches Schienennetz, sondern sowohl über Breitspur (90%) und Meterspur (8%), als auch über kleinere Spurweiten (ca. 2%).

Seit der Unabhängigkeit ist das Schienennetz kaum gewachsen (etwa nur ca. 11.000 km), was die fehlenden Investitionen in die Eisenbahninfrastruktur verdeutlicht. Indien verfügt daher über ein langes, aber kein dichtes Streckennetz. Folge der Vernachlässigungen sind die zahlreichen Unfälle mit Todesopfern - etwa 20.000 pro Jahr.

Mit etwa 1,3 Millionen Beschäftigten ist die indische Eisenbahn einer der größten Arbeitgeber weltweit. Aufgrund deren Gehälter, Zusatzleistungen wie Unterkünfte etc. und Pensionslasten und den subventionierten Ticketpreisen arbeitet die Indian Railways höchst defizitär. Daher bleibt auch kaum finanzieller Spielraum für Investitionen.

Die Regierung Modi plant die indische Eisenbahn schneller, effizienter und sicherer zu machen. Unter anderem ist die Einrichtung von Frachtkorridoren als auch Hochgeschwindigkeitstrassen (z.B. zwischen Delhi und Mumbai) geplant. Obwohl der aktuelle Haushalt Investitionen in das Eisenbahnnetz vorsieht, wird Indien ausländische Investitionen benötigen und nicht um Privatisierungen herumkommen, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Wie bei vielen Infrastrukturprojekten gestaltet sich die Umsetzung der Pläne oft schwierig und geht daher entsprechend langsam voran. 

Schiffs- und Flughäfen

Aufgrund seiner geographischen Lage und des geringen Handelsvolumens mit seinen Anrainerstaaten (Pakistan, Nepal, Sri Lanka, Bangladesch und Bhutan) werden Indiens Exportgüter hauptsächlich per Schiff umgeschlagen. Der Außenhandel erfolgt hauptsächlich über 13 größere Seehäfen, welche eine hohe Auslastung aufweisen und bereits an der Kapazitätsgrenze operieren. Die Häfen leiden unter mangelnder Effizienz beim Warenumschlag, den damit verbunden hohen Liegezeiten und den daraus resultierenden höheren Kosten. Eine Modernisierung der Hafeninfrastruktur ist dringend notwendig, speziell im Hinblick auf die von den Chinesen finanzierten neu entstehenden Tiefseehäfen in Pakistan und Sri Lanka.

Indiens Flughafennetz ist gut und ihm kommt eine immer größere Bedeutung zu. Aufgrund der großen Konkurrenz sind die Ticketpreise relativ günstig und damit eine bezahlbare und vor allem schnelle Fernverkehrsalternative zu Bus und Bahn. Allerdings sind die vielen kleineren Flughäfen immer häufiger überlastet und bedürfen auch einer dringenden Modernisierung. Zudem sind viele der Flughäfen noch immer nicht gut angebunden, was die Reise zu und von Flughäfen oft schwierig und langwierig macht.

Energie/Bodenschätze

Indien weist viele Bodenschätze auf. Hauptsächlich Kohle (Stein- und Braunkohle) und Erdöl werden als Energieträger für Konsum und Produktion benötigt. Steinkohle wird über einen staatlichen Konzern abgebaut und bleibt oft weit hinter dem Soll zurück und auch die Qualität der Kohle ist nicht für alle Anwendungen geeignet (z.B. Stahlproduktion), deshalb muss Indien Kohle einführen.
Zwar gewinnt Indien auch Erdöl (ausschließlich für den Eigenbedarf), muss dieses aber auch in großem Maßstab zusätzlich importieren, um den Bedarf decken zu können. Das Land ist bereits drittgrößter Ölimporteur der Welt (Stand 2018). Mit steigendem Wohlstand steigt auch der Konsum und Energieverbrauch in Indien massiv. Obwohl in Indien noch etwa 16% der Bevölkerung ohne Stromversorgung sind, ist Indien bereits jetzt der fünftgrößte Energieverbraucher weltweit (Stand 2014), in Bezug auf den CO²-Ausstoß steht es an vierter Stelle.

Derzeit wird Indiens Strom zu 68,7 % aus fossiler Energie, zu 16,9% aus Wasserkraft, 12,4% aus anderen erneuerbaren Energien und zu 2% aus Nuklearenergie gewonnen (Stand 2014). In den kommenden Jahren muss Indien die Energieversorgung ausbauen, will es die wirtschaftliche Entwicklung weiter vorantreiben. Um die angestrebte Verdopplung der Erzeugungskapazitäten zu erreichen, muss noch stärker in erneuerbare Energien investiert werden. Neben der bislang dominierenden Windkraft soll v.a. auf Solarenergie sowie auf Wasserkraftwerke gesetzt werden. Ungeachtet der Nuklearkatastrophe in Japan und des Klimawandels setzt Indien verstärkt auf Kernenergie und Kohlekraftwerke, um den Energiehunger zu stillen. Derzeit gibt es 20 AKWs im Land.

Armutsbekämpfung

Bettler
Bettler © Sharankumar Sivakumar (CC BY-SA 4.0)
Schuldknechtschaft in Ziegelfabrik
Schuldknechtschaft in Ziegelfabrik © ILO Asia and the Pacific (CC BY-NC-ND 2.0)
Straßenkinder
Straßenkinder © Azri Azahar (CC BY 2.0)
Küche im ländlichen Indien
Küche im ländlichen Indien © Chris (CC BY-NC 2.0)

Armut und Ungleichheit

Indien hat sich bereits seit der Unabhängigkeit der Armutsbekämpfung verschrieben. Jawaharlal Nehru - der erste Premierminister - war der Meinung, dass Armut durch gesteuerte Entwicklung (in Form von Fünfjahres-Plänen) in einem semisozialistischen Wirtschaftssystem ausgemerzt werden könnte. Allerdings wurden die wenigen Erfolge dieser Politik durch das rasante Bevölkerungswachstum und den daraus resultierenden neuen sozialen Herausforderungen im Wesentlichen zunichtegemacht.

Die Armutsrate in Indien ist seit der Unabhängigkeit zwar – insbesondere in den letzten Jahrzehnten - kontinuierlich gesunken.  Indien ist aber nach wie vor geprägt von krasser Armut und extremer Ungleichheit von Lebenschancen: Etwa ein Viertel aller Inder leben unter der internationalen Armutsgrenze von 1,25 USD pro Tag – was einem Anteil von ca. 1/3 der Armen weltweit entspricht – und etwa 60 Prozent mit weniger als 2 USD pro Tag. Armut ist aber auch regional, wie auch zwischen sozialen Gruppen ungleich verteilt. Eine Mehrheit der Armen lebt auf dem Land und entstammt Minderheiten (Mehrheitlich Dalits, Adivasi und Muslime).

Seit der Liberalisierung der Wirtschaft in 1991 hat die Ungleichheit zugenommen. Zum einen liegt das an der Zunahme der Ungleichheit zwischen Stadt und Land als auch daran, dass einige Bevölkerungsschichten überproportional von der Liberalisierung der Wirtschaft profitiert haben.  

Im Hinblick auf eine Reihe von Sozialindikatoren (z.B. Kindersterblichkeit) schneidet Indien im regionalen Vergleich mit seinen ärmeren Nachbarn oft schlechter ab. In keinem anderen Land hungern mehr Menschen als in Indien. Im aktuellen Welt-Hunger-Index, der im Oktober 2016 vom International Food Policy Research Centre präsentiert wurde liegt Indien auf Position 97 von 118, dies bedeutet zwar die Spitzenreiterstellung in Südasien, ist jedoch ein "Armutszeugnis" für das Land.

Die ersten Ergebnisse zum aktuellen National Health and Family Survey für das Jahr 2015/16 weist aus, dass etwa 40% der Kinder unter 5 Jahren zu klein für ihr Alter sind und in etwa ein Drittel zu leicht. Auch etwa 23 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 weisen einen zu niedrigen Body Mass Index auf und sogar die Hälfte aller schwangeren Frauen leidet unter Blutarmut.

Der aktuelle Bericht zur menschlichen Entwicklung (Human Development Report) listet Indien auf Platz 130. Position.  Zwar ist der Indexwert in den vergangenen Jahren gestiegen, doch zeigen die Werte zu Einkommen, Bildung oder Lebenserwartung deutlich, dass die aufstrebende Wirtschaftsmacht Indien noch viele Hürden zu nehmen hat, bis von einem die breite Masse erfassenden Wohlstand gesprochen werden kann. Dies liegt auch an den bisher weitgehend erfolglosen Armutsbekämpfungsprogrammen.  

Die Gründe für die wenig effektiven und überwiegend ineffizienten Programme zur Armutsbekämpfung sind vielfältig: Seit der Unabhängigkeit wurden eine Vielzahl von Programmen auf Zentral- und Bundesstaatenebene eingeführt, was zu einer Fragmentierung der Programme geführt hat, wobei viele chronisch unterfinanziert sind. Des Weiteren hat eine schlechte Zielgruppenauswahl und -orientierung, hohe Sickerverluste aufgrund von Korruption, politische Einflussnahme, schwerfällige Bürokratie und Misswirtschaft, die Wirksamkeit der Programme negativ beeinträchtigt. 

Die Ziel- und Schwerpunkt der Armutsbekämpfung wurde traditionell in den Fünf-Jahres-Plänen festgelegt. Im elften Fünf-Jahres-Plan (2007-2012) wurden neben den bekannten Schwerpunkten wie integrierte Maßnahmen in den Bereichen Bildung und Gesundheit, Berufsausbildung, Kredite und Infrastrukturmaßnahmen und Aufbau von sozialen Sicherungssystemen und Landreformen auch die bestehenden Unterschiede in der Entwicklung ("Bridging Divides. Including the Excluded") und Wege zu ihrer Überwindung diskutiert. Im zwölften Fünf-Jahres-Plan (2012-2017) sind diese Themen ebenfalls wieder präsent, wobei vor allem auf ein schnelles, nachhaltiges und inklusives Wachstum abgestellt wird. Darüber hinaus werden Maßnahmen in den wesentlichen wirtschaftlichen und sozialen Sektoren skizziert. Unter Narendra wurde die Verfassung von Fünf-Jahres-Plänen eingestellt und mit ihr auch die verantwortliche Planungskommission, an deren Stelle seit 2015 nun ein Think-Tank (NITI Aayog) getreten ist.

Aktuelle Sozialpolitik

In der aktuellen Sozialpolitik sind bisher drei allgemeine Tendenzen zu erkennen. Erstens setzt die Regierung die bestehenden, von der Kon­gresspartei initiierten, Sozialprogramme (z.B. das Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Scheme , MGNREGS) im Wesentlichen fort, bzw. baut diese aus („Housing for all by 2020“). Zweitens versucht die Regierung bestehende  und neue Programme durch Bürokratieabbau (z.B. durch digitalisierte Verwaltung) transparenter, effizi­enter und korruptionsfreier zu gestalten. Drittens, werden unter Modi neue Programme ins Leben gerufen, speziell das sogenannte Jan Dhan Aadhaar Mobile (JAM) Programm, das unter anderem die finanzielle Inklusion und soziale Absicherung zum Ziel hat. Es umfasst die kostenlose Eröffnung von Bankkonten für alle, ein Handy-basiertes Bezahlungsmodell und vor allem eine biometrische Identitätskarte, der Aadhaar-Karte mit einer individuellen Identifikationsnummer  (die allerdings bereits unter der Vorgängerregierung ins Leben gerufen worden ist).  Das JAM hat großes Armutsreduktionspotential, da es bereits einen Großteil der Inder umfasst (ca. 93% der Bevölkerung) und einen schnelleren und zielgerichteten und damit korruptionsfreien und günstigeren Transfer von Leistungen ermöglicht. Es umfasst auch sowohl eine beitragsbasierte Lebens- und Unfallversicherung, als auch eine Pension. Aktuell werden Überlegungen diskutiert, sämtliche Subventionsprogramme (wie das Public Distribution System - PDS) durch Direktzahlungen zu ersetzen. Auch dies wird nur durch das JAM möglich.

Im aktuellen Budget stellt die BJP-Regierung unter Modi nun ein nach ihren Angaben weltweit größtes regierungsfinanziertes Gesundheitsprogramm vor, welches einen Großteil der vulnerablen von Armut bedrohten Familien absichern soll und damit das bestehende Gesundheitssystem qualitativ verbessern soll. Ein ähnliches Unterfangen wurde zwar bereits im Budget von 2016 angekündigt, hat allerdings nie die gesteckten Ziele erreicht. Kritiker merken zu Recht an, dass dieses neue Programm eher wie ein hohles Versprechen anmutet, da zum einen das Gesundheitsbudget insgesamt praktisch nicht erhöht worden ist und zum anderen eher fraglich ist, ob die geplante Maßnahme in der jetzigen Form wirklich zielführend sein wird. Vielmehr ist zu vermuten, dass das Budget mehr als Mittel zum Wahlkampf für die bevorstehenden Wahlen in 2019 missbraucht wird, als wirklich eine grundlegende Veränderung des Gesundheitssektors in Angriff zu nehmen.

Deutscher EZ-Beitrag

Indien ist seit 1958 Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

Mittlerweile hat es vier Deutsch-Indische Regierungskonsultationen gegeben, zuletzt in Berlin im Mai 2017. In der gemeinsamen 4. Regierungserklärung wird die strategische Partnerschaft und die vertiefte Zusammenarbeit in der Außen- und Sicherheitspolitik und der nachhaltigen Entwicklung hervorgehoben und vereinbart, die Handels- und Investitionsbeziehungen zu stärken.

Federführend für die deutsche EZ mit Indien ist das BMZ.

In New Delhi sind die beiden großen Durchführungsorganisationen GIZ und KfW vertreten. 

Auch eine größere Zahl bekannter kirchlicher und privater Nichtregierungsorganisationen arbeitet in Indien. Auch deutsche politische Stiftungen sind vertreten.

Ausländische Entwicklungsanstrengungen

Indien entschied sich bereits 2003 neben multilateralen Gebern nur noch eine Handvoll bilateraler Partner zu akzeptieren: Deutschland, Großbritannien, Japan, Russland und die USA. Nachdem es eine Debatte in Großbritannien gegeben hat, warum Entwicklungsgelder an wachstumsstarke Ländern wie Indien und China fließen sollten - noch dazu zwei Länder mit eigenen Atomprogrammen - wird offiziell seit 2015 keine Entwicklungshilfe mehr geleistet. Trotzdem fließen natürlich noch reichlich britische Gelder nach Indien.

Bei den multilateralen Partnern sind die Vereinten Nationen zu nennen, die im Rahmen des so genannten UN Development Action Framework 2013-17 sich dem 12. Fünf-Jahresplan der indischen Regierung nach einem schnellen, nachhaltigen und stärker inklusiven Wachstum verpflichtet fühlen. Auch Weltbank und ADB orientierten sich in ihren Programmen/ Strategien bisher an den nationalen Entwicklungsplänen.  

Die EU ist ein weiterer strategischer Partner Indiens. Das Strategiepapier  2007-2013 konzentriert sich auf die Sektoren Gesundheit, Bildung und die Implementierung eines gemeinsamen Aktionsplanes.

Das 14. EU-Indien Gipfeltreffen fand im Oktober 2017 in Delhi statt. Die gemeinsame Erklärung unterstrich noch einmal die gemeinsame strategische Partnerschaft im Bereich der Terrorismusbekämpfung und gleichzeitig wurden zwei Deklarationen zu Klima- und Energiepartnerschaft für smarte und nachhaltige Urbanisierung unterzeichnet.

Durch das Ausland finanzierte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind seit Jahren im Visier der indischen Regierung. Nach den Foreign Contribution Regulation Rules Bedarf es der Erlaubnis der indischen Regierung, wenn eine NGO ausländische Gelder annehmen möchte. Dieses Gesetz ist speziell gegen internationale NGOs gerichtet, wie die Landesbüros von Greenpeace oder Amnesty International. Unter der Regierung Modi hat sich die Lage der NGOs nicht verbessert.

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Juli 2019 aktualisiert.

Über die Autoren

Clemens Jürgenmeyer, M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Arnold-Bergstraesser-Instituts und Lehrbeauftrager an der Universität Freiburg. Seine Forschungsinteressen sind Entwicklungspolitik und -theorie, Wahlbeobachtung, Wahlstudien, internationale politische Ökonomie und die politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung des modernen Südasien (vor allem nach 1947). Seit 1976 leitet er regelmäßig Seminare bei der AIZ/GIZ zur Vorbereitung von Mitarbeitern des Auswärtigen Amts, des Goethe-Instituts, der GIZ und anderer Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit auf ihren Einsatz in Indien. Zahlreiche Publikationen. 

Dr. Arndt Michael, ass.iur. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Freiburg und Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Internationale Politik, Seminar für Wissenschaftliche Politik, Universität Freiburg. Er hält regelmäßig Vorträge zu aktuellen Entwicklungen in Indien und insb. indischer Außen- und Sicherheitspolitik (z.B. am South Asia Institute, Harvard University; Institute of South Asian Studies, National University of Singapore; School of International Studies, Jawaharlal Nehru University). Seine Veröffentlichungen zu indischer Außen- und Sicherheitspolitik und regionaler Kooperation in Südasien sind u.a. erschienen bei Palgrave Macmillan, VS Springer, India Quarterly, India Review, Asian Security, Harvard Asia Quarterly und Cambridge Review of International Affairs.

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ gestaltet Lernangebote für die internationale Zusammenarbeit. Wir führen mehr als 2000 Fort- und Weiterbildungen durch und entwickeln innovative, wirksame und nachhaltige Lernkonzepte. Und das weltweit.

> Angebote aus dem Weiterbildungskatalog

Bei allen Fragen rund um das Fort- und Weiterbildungsprogramm der Akademie helfen wir Ihnen gerne weiter.

> Wir freuen uns über Ihre Anfragen!

Kontakt

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Kommentare zu diesem Länderbeitrag oder zum LIPortal insgesamt. Richten Sie Ihre Anfrage an:

Thorsten Hölzer
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

+49 (0)228 4460 2036

Zum Kontaktformular

Download