Jordanien - eine junge Gesellschaft (© JTB/visitjordan.com)
Alphabetisierte Erwachsene
96% (2019)
Bedeutende Religionen
Islam 97 %, Christentum 2 %, sonstige 1%
Städtische Bevölkerung
88 % (2019)
Lebenserwartung (w/m)
73/ 76 Jahre (2019)
Gender Inequality Index
Rang 113 von 162 (2018)
Anzahl Geburten
2,8 / Frau (2019)
Kindersterblichkeit
17 / 1000 Lebendgeburten (2018)

Die Bevölkerung im Überblick

Ethnisch bunt gemischt, religiös homogen

Als prägend für die Gesellschaft gelten in Jordanien die sogenannten ost-jordanischen "Stämme" (tribes). Der Begriff  "Tribes" wird auch von den Jordaniern selbst sehr oft genutzt, er kann aber in die Irre führen, denn faktisch handelt es sich um Großfamilien oder Familienverbände.

Die große Mehrheit der heutigen Bewohner*innen Jordaniens sind keine Beduinen aus der Region, sondern Nachkommen von Menschen, die seit dem 19. Jahrhundert als Geflüchtete, Vertriebene oder per Zwangsansiedlung kamen. Das betrifft die Palästinenser, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung Jordaniens ausmachen, aber auch die Armenier, sowie die kaukasischen Tscherkessen und Tschetschenen.  Des weiteren leben über 100.000 Iraker im Land, plus 1,3 Millionen Menschen aus Syrien. Von diesen sind rund 670.000 beim UNHCR registrierte Flüchtlinge. Dazu kommen noch zehntausend palästinensische Flüchtlinge aus Syrien. Für sie ist die UNRWA zuständig. Migration und Flucht sind prägend für die jordanische Gesellschaft.

Das Risiko konfessionell angeheizter Konflikte ist in Jordanien gering, denn die Bevölkerung ist in Bezug auf die Religions- und Konfessionszugehörigkeit relativ einheitlich. Jordaniens Muslim*innen werden fast sämtlich zum Islam sunnitischer Prägung gezählt, wobei diese Zuordnung wenig über die individuelle religiöse Praxis und Frömmigkeit aussagt. Ein Bruchteil sind Christen, die sich auf ein rundes Dutzend christliche Glaubensgemeinschaften verteilen. Darüber hinaus gibt es noch kleine Gruppen von Drusen, Bahai und Yeziden.

Über die besondere Situation und vielschichtigen Identitäten binationaler Familien bloggt anschaulich die Informatiklehrerin und Autorin Nermina Rifai, in einem Multimediablog des Goethe-Institutes. 

Altersstruktur

Das Durchschnittsalter liegt in Jordanien bei knapp 23 Jahren (D: 47 Jahre). Verheiratete Frauen bekommen durchschnittlich 3,2 Kinder. Das ist eine der höchsten Zuwachsraten in der MENA-Region. Während wohlhabende Frauen im Durchschnitt zwei bis drei Kinder gebären, bekommen arme Familien vielfach noch immer vier bis fünf Kinder. Knapp ein Viertel aller Mütter sind bei der Geburt des ersten Kindes zwischen 15 und 19 Jahren alt. Wegen der hohen Geburtenrate ist die jordanische Bevölkerung im Schnitt sehr jung. Ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre, zwei Drittel sind jünger als 29 Jahre.

Stadt-Land-Verhältnis

Bei anhaltender Landflucht leben heute rund 88% der Gesamtbevölkerung in Städten, davon der größte Teil in Amman, Zarqa und Irbid.

Ethnien und Religionen

Ethnisch und religiös ist Jordanien weit homogener als die meisten arabischen Nachbarstaaten. Ca. 98% der Einwohner sind Araber (sie sprechen einen Dialekt des Arabischen) und ca. 97% bekennen sich zum sunnitischen Islam. Etwa 2 Prozent der Jordanier gehören verschiedenen christlichen Kirchen an, die meisten der griechisch-orthodoxen Richtung. An zweiter Stelle folgen die mit Rom unierten griechisch-katholischen Melkiten. Generell ist die christliche Glaubensgemeinschaft in Jordanien durch eine starke Loyalität zum Königshaus geprägt, was unter anderem in der Jerusalemfrage immer wieder deutlich wird.

Eine Studie zur religiösen Bildung in Jordanien hebt hervor, dass das jordanische öffentliche Bildungssystem zum Teil ein problematisches Islamverständnis propagiert, das sich aus salafistischen Quellen speist und das dem liberalen Islam des Königshauses ("Amman Message") fundamental widerspricht. In jordanischen Schulbüchern für staatliche Grund- und Mittelschulen wird der Islam oftmals als die einzig wahre Religion propagiert; Christen kommen nur am Rand vor.

Die beduinische Lebensweise ist in Jordanien zwar öffentlich sehr präsent, aber quantitativ auf dem Rückzug. Weniger als ein Prozent der Bevölkerung leben Schätzungen zufolge noch als Nomaden oder Halbnomaden. Dennoch genießen die beduinischstämmigen Familien wegen ihrer Loyalität zu den (nicht beduinischen) Haschemiten weiterhin eine besondere Stellung im politischen System, ebenso wie die anderen Minderheiten im Land. Dazu zählen neben Armeniern, Kurden und iranischstämmigen Bahai auch die seit dem 19. Jahrhundert von den Osmanen angesiedelten sunnitisch-muslimischen Tscherkessen und Tschetschenen aus dem Kaukasus. Die Beduinen sind in der Wüstenpolizei und in Teilen der Armee (Aufstandsbekämpfung) überrepräsentiert. Die Tscherkessen, die zu den ersten Bewohnern der modernen Stadt Amman gehörten und die schon Jordaniens Staatsgründer Abdullah I. loyal zur Seite standen, sind heute überproportional in den Sicherheitsdiensten, bei der Polizei und in der höheren Verwaltung vertreten. Auch die Tschetschenen genießen traditionell eine Sonderstellung. Aufgrund der Verwicklung tschetschenischer Islamisten in Terrorstrukturen von Al-Qaida hat das Vertrauensverhältnis gelitten. Für Beduinen, Kaukasier und Christen sind im jordanischen Parlament feste Sitze vorgesehen.

Jordanier oder Palästinenser?

Knapp 60 Prozent der Bevölkerung Jordaniens ist palästinensischer Herkunft, davon sind gut die Hälfte registrierte Palästina-Flüchtlinge. Die Beziehungen zwischen Palästinensern und Jordaniern sind ambivalent. Obwohl Palästinenser/innen heute mehr als die Hälfte jordanischen Gesamtbevölkerung ausmachen und die jordanische Wirtschaft auf das Kapital und das Know-how der palästinensischstämmigen Bevölkerung existentiell angewiesen ist, sind die Palästinenser bislang politisch nicht angemessen repräsentiert. Der Zugang zu Posten im öffentlichen Dienst und bei den Sicherheitskräften ist zwar möglich, aber erschwert. Der aufenthaltsrechtliche Status der Palästinenser ist nicht einheitlich. Ein Teil der in Jordanien lebenden Palästinenser fühlt sich zunehmend von erneuter Staatenlosigkeit bedroht.

Aqaba, urbanes Zentrum von Südjordanien (copyright: © visitjordan.com)
Aqaba, urbanes Zentrum von Südjordanien (copyright: © visitjordan.com)

Sozialstruktur und Soziale Lage

Die jordanische Gesellschaft ist vertikal und horizontal stark gegliedert. Die Mittelschicht ist anteilig größer als in anderen Ländern der Region. Doch insgesamt ist der Wohlstand sehr ungleich verteilt und die Einkommensschere ging in den vergangenen Jahren weiter auseinander.

Ethnische, religiöse, tribale Identitäten verlaufen in Jordanien quer zur Klassenzugehörigkeit. Zu den politisch einflussreichen Gruppen gehören vor allem diese:

  • Einflussreiche Unternehmerfamilien (meist palästinensisch)
  • Militärs und Sicherheitskräfte (oft tscherkessisch, teils beduinisch)
  • Einflussreiche Farmerfamilien, Großgrundbesitzer (vorwiegend ostjordanisch, teils palästinensisch)
  • Technokraten, Hohe Beamte (oft palästinensisch, teils kaukasisch)

Die führenden Gesellschaftsschichten sind in Jordanien eng mit dem haschemitischen Herrscherhaus verbunden. Die Verbindung einiger besonders wohlhabender oder einflussreicher palästinensischer Familien mit der haschemitischen Dynastie lässt sich bis in die 1920er-1930er Jahre zurückverfolgen (vgl. die Studie von Oliver Wils über Bürokraten-Unternehmernetzwerke in Jordanien). Sozial, ökonomisch und politisch von großer Bedeutung sind in Jordanien die Großfamilien (arab. hamula, ´aschira, qabila). Der Familienname kann entscheidend sein, wenn es um Arbeitsplätze, Einkommen oder den Zugang zu anderen Ressourcen geht. Der Zusammenhalt in den Familien ist auch aufgrund der Cousinehe stark, die trotz vieler Vorbehalte immer noch häufig vorkommt.

Geschlechterverhältnisse

Die jordanische Richterin Taghrid Hikmet ist Mitglied des Internationalen Tribunals für Ruanda in Arusha/Tanzania. In Jordanien durfte sie als Richterin zwar strafrechtliche Fälle bearbeiten. An Familiengerichten sind Frauen in Jordanien bislang jedoch
Die jordanische Richterin Taghrid Hikmet (Bild: ICTR)

Daten

Gendersegregierte Daten zu Bildung, Beschäftigung und politischer Repräsentation in Jordanien findet man im jährlichen "Gender Gap Report" des Weltwirtschaftsforums von Davos. Im Bericht von 2020 landet Jordanien weit hinten auf Platz 138 von 154. Weitere Informationen findet man bei der UN-Organisation "UN Women". Die nationale Statistikbehörde veröffentlicht ebenfalls gendersegregierte Statistiken.  

Anti-Diskriminierungskonvention CEDAW

Jordanien hat die CEDAW ratifiziert - allerdings wie die meisten arabischen und islamischen Länder mit Einschränkungen, da Jordanien einen Teil seiner Gesetze nicht als Diskriminierung von Frauen betrachtet sehen will, sondern als Teil der kulturellen und religiösen (arabisch-islamischen) Identität. Das optionale Protokoll zur CEDAW von 2000 hat Jordanien bislang nicht ratifiziert.  

Zugang zu Bildung und politischer Teilhabe verbessert, geringe Erwerbsquote

Der Zugang von Frauen und Mädchen zu formaler Bildung hat sich in Jordanien deutlich verbessert. Die Alphabetisierungsrate beträgt bei Jungen und Mädchen nahezu 100 Prozent; das Abitur und die Universität schaffen laut Statistik sogar mehr Mädchen als Jungen. An den naturwissenschaftlichen und technischen Fakultäten sind in Jordanien ein Drittel der Studierenden weiblich, in den medizinischen Fächern knapp die Hälfte. Auch in der Politik sind Frauen stärker vertreten als früher. Dank einer Quote sitzen im Parlament mittlerweile mindestens 15 weibliche Abgeordnete. Dem gegenüber steht eine vergleichsweise geringe Teilnahme auf dem Arbeitsmarkt. Nur 15% der jordanischen Frauen im entsprechenden Alter sind berufstätig.

Wertewandel, aber Konservatismus dominiert

Auch wenn Jordanien keine gesetzliche Geschlechtertrennung und keinen Schleierzwang kennt: Jenseits der Unterschiede zwischen Stadt und Land, und über soziale Grenzen hinweg gilt Jordaniens Bevölkerung als konservativ. Die patriarchale Familie ist nach wie vor Dreh- und Angelpunkt der sozialen Ordnung. Im Zuge der Globalisierung und der Verbreitung digitaler Medien zeichnet sich zwar ab, dass traditionelle Werte zunehmend in Frage gestellt werden. Vor allem in der Hauptstadt Amman ist ein kultureller Wertewandel zu beobachten. Die Loslösung von der Familie und von traditionellen Werten führen allerdings nicht immer zu mehr Freiheit und Liberalität, sondern können auch in religiösen Extremismus münden. Ein wichtiges Indiz für den Wertewandel ist der Umgang mit innerfamiliärer und genderbasierter Gewalt. Lange Zeit war das Thema tabu. Mittlerweile wird öffentlich darüber gesprochen, und 2018 wurde in Amman ein Schutzhaus für bedrohte Frauen eingerichtet.

Hohe Geburtenrate, Mutterrolle dominiert

Die  Lebenswirklichkeit ist geprägt durch patriarchale Denkweisen und diskriminierende Gesetze. Ein Ausdruck der patriarchalen Mentalität ist die ausgeprägte kulturelle Präferenz für männliche Nachkommen. Umfragen zufolge möchten die meisten Jordanier*innen lieber männliche als weibliche Babies, damit der Familienname bestehen bleibt. Diese Einstellung ist nach Ansicht jordanischer Soziolog/innen und Frauenrechtler/innen auch eine Ursache der mit durchschnittlich 2,8 Kindern pro Frau immer noch hohen Geburtenrate. Zwar geht die Weltbank davon aus, dass die meisten Frauen in Jordanien maximal 2 Kinder möchten und selbstverständlich freuen sich jordanische Familien auch über Töchter. Doch die Familienplanung gilt in den meisten Fällen erst dann als abgeschlossen, wenn die Frau mindestens zwei Söhne geboren hat.

Mädchen und Frauen als Garantinnen der Familienehre

Ein zentrales Element der patriarchalen Mentalität ist ferner die Vorstellung, dass Mädchen potentiell die Familienehre bedrohen, da sie unverheiratet ihre Jungfräulichkeit verlieren könnten. Spätestens mit dem Eintritt der Pubertät, oft auch schon vorher werden Mädchen deshalb umfassenden Überwachungs- und Kontrollmechanismen unterworfen, die sie - aus Unkenntnis ihrer Rechte oder aus Angst vor Sanktionen - meist ohne großen Protest akzeptieren. Beide Einstellungen - die Bevorzugung von Jungen, und dass die weibliche Sexualität kontrolliert werden muss - sind übrigens keine Frage der Religionszugehörigkeit, sondern unter muslimischen und christlichen Jordaniern/Palästinensern verbreitet.

Familien- und Personenstandsrecht: Frauen diskriminiert

Das sogenannte Personenstands- und Familienrecht (arab. al-ahwal al-shakhsiya), das existentielle Belange wie Heirat, Scheidung, Erbe etc. regelt, ist in Jordanien (ebenso in Israel und in Palästina) konfessionsabhängig. Das bedeutet, dass es in Jordanien kein einheitliches Heirats-, Scheidungs- und Erbrecht gibt, sondern dass bei Christ/innen das Kirchenrecht angewandt wird, während für die große Mehrheit der Muslim/innen ein Personenstandsrecht gilt, das auf der Scharia bzw. auf einer der sunnitischen Rechtsschulen basiert. In den derzeit gültigen Versionen (christlich und muslimisch) diskriminiert das jordanische Personenstandsrecht Frauen auf vielfache Weise.

Die in Jordanien vorherrschende hanafitische Rechtsschule lässt theoretisch zwar Lösungen zu, die Frauen weniger diskriminieren. Doch in der jordanischen Gesetzgebung und im Rechtsalltag wird von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht: Frauen können gegen ihren Willen verheiratet werden, sie brauchen zur Eheschließung die Genehmigung des Vaters oder eines männlichen Vertreters; sie müssen bis zu drei Nebenfrauen akzeptieren; sie selbst können sich nur unter großen Schwierigkeiten scheiden lassen, während ein Mann seine Frau jederzeit ohne Angabe von Gründen verstoßen kann. Sie müssen im Falle einer Scheidung und Wiederheirat auf ihre Kinder verzichten; sie dürfen ohne Erlaubnis des Mannes nicht berufstätig sein, ja nicht einmal die eigenen Eltern besuchen. Frauen erben nur halb so viel wie Männer.

Staatsangehörigkeitsrecht: Jordanien liegt weit zurück

Das jordanische Staatsangehörigkeitsrecht sieht vor, dass Frauen ihren Kindern nicht die eigene Staatsbürgerschaft übertragen können. Zwar gibt es laut Gesetz Sonderregelungen, doch diese werden oft vor Ort nicht umgesetzt. Der jordanische Staat tut nach Ansicht von nationalen und internationalen Organisationen wie Human Rights Watch bislang zu wenig, um die Durchsetzung dieser Regelungen zu erzwingen. Für Kinder aus binationalen Ehen, die in Jordanien leben und deren Mütter Jordanierinnen sind, bedeutet dies, dass sie zu vielen staatlichen Dienstleistungen keinen selbstverständlichen Zugang haben. Sie werden als Ausländer behandelt und können daher nicht ohne Weiteres zur Schule gehen, den Führerschein machen oder ein Bankkonto eröffnen. Jordanien ist mit dieser Praxis Schlusslicht in der MENA-Region. Die Kritik internationaler und nationaler Organisationen verhallt aber bislang weitgehend ungehört. Argumentiert wird dabei oft mit dem Islam - doch der Islam hat mit dieser Regelung nichts zu tun. Tatsächlich wurde das Verbot in mehreren Ländern der MENA-Region "importiert", als diese Länder unabhängig wurden und damalige europäische Gesetze als Vorbild für die nationalen Gesetzgebungen nutzten. Mehrere Staaten der MENA-Region, darunter Marokko, Tunesien, Jemen und Ägypten ermöglichen es Frauen mittlerweile, die eigene Staatsbürgerschaft an die Kinder weiterzugeben.

Frauenorganisationen

Unabhängige Frauenorganisationen, die sich für verbesserte Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen einsetzen, existieren in Jordanien seit den 1940er Jahren. Die genderpolitische Wirkung der Arbeit der Frauenorganisationen blieb unter anderem aus zwei Gründen begrenzt: 1) die starke Politisierung eines Teils der Organisationen (z.B. für die Befreiung Palästinas), die teilweise zu Konflikten mit dem jordanischen Sicherheitsapparat bzw. zur Schließung von Organisationen führte; 2) die Vereinnahmung und Monopolisierung des Genderthemas durch Mitglieder der Königsfamilie, vor allem durch Prinzessin Basma, eine Schwester von König Hussein I. Exemplarisch ist hier das Nationale Jordanische Frauenkomitee zu nennen.

Alle jordanischen Frauenorganisationen (nach staatlichen Angaben mehr als 90) sind Mitglied der staatlich kontrollierten General Federation of Jordanian Women (GFJW)

LGBTQI

Homosexualität ist in Jordanien laut Strafgesetzbuch nicht verboten. Dennoch outet sich fast niemand, denn die Gesellschaft lehnt Homosexualität zu über 95 Prozent vehement ab und bei einem Coming Out drohen gravierende Konsezuenzen von der Stigmatisierung über die Vernichtung der sozialen und materiellen  Existenz bis zu physischer Gewalt. Konservative Kräfte verweisen auf den Islam, der laut Verfassung Staatsreligion ist und der laut Mehrheitsmeinung Homosexualität verbietet. 2017 untersagten die jordanischen Behörden ein Konzert der libanesischen Top-Band "Mashrua Laila", weil einer der Bandleader sich als homosexuell geoutet hatte und die Band das Thema auch musikalisch verarbeitete. Motiv für das Verbot war mutmaßlich die Furcht vor Ausschreitungen. Die Community ist in Jordanien via Internet organisiert, unter anderem über das Portal Rainbow Street. Ein öffentlicher Diskurs über Homosexualität entwickelt sich seit einigen Jahren, allerdings noch sehr verhalten und hauptsächlich in Nischen, z.B. im Online Magazin My.Kali (Bericht bei ARTE) oder in dem Roman "Bride of Amman" von Fadi Zaghmout.

Bildungssystem

Schule und Berufsbildung

In Jordanien gibt es öffentliche Schulen, private Schulen und Schulen des UN-Palästinenserhilfswerkes UNRWA. Die UNRWA-Schulen führen bis zur 10. Klasse und werden von knapp 120.000 Kindern besucht. Zuständig für die Aufsicht über das Schulwesen bis zum Abitur ist das Ministerium für Erziehung. Das jordanische Schulsystem basiert auf der zehnjährigen Pflichtschule (6 bis 16 Jahre), bestehend aus sechs Jahren Elementarschule (arabisch: ibtida'i), gefolgt von vier Jahren Mittelschule (arabisch: i´dadi). Danach können die Schüler/innen je nach Qualifikation zwischen dem zweijährigen Gymnasium (arab. thanawi) mit Abitur (arab. taudschihi) oder einer Berufsausbildung (ta'drib/ta'hil mihani) wählen. Staatliche Grund- und Sekundarschulen sind in Jordanien kostenlos. Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf kostenpflichtige Privatschulen, weil sie diese für qualitativ besser halten, vor allem in Bezug auf den Englischunterricht.

Eine Studie des Georg-Eckert-Institutes von 2011 beschreibt unter anderem die Geschichte und Gegenwart des Schulsystems in Jordanien und analysiert das Eigen- und Fremdbild der Jordanier in den Schulbüchern.

Aktuell steht das Schulsystem in Jordanien unter hohem Druck. Nachdem die jordanischen Schulen durch die schnell wachsende junge Bevölkerung ohnehin stark herausgefordert sind, müssen infolge des syrischen Krieges nun mehr als 200.000 syrische Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter zusätzlich versorgt werden. Das Ministerium für Erziehung arbeitet hier eng mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF zusammen.Internationale Organisationen wie Human Rights Watch kritisieren die unzureichenden Angebote für syrische Flüchtlingskinder in den Aufnahmeländern.

Um dem Facharbeitermangel entgegenzuwirken, wurde das System der beruflichen Bildung in den letzten zehn Jahren reformiert und ausgebaut. Verantwortlicher Träger ist die "Vocational Training and Education Corporation" (VTEC). Bei der Reform des Bildungssektors kooperiert Jordanien eng mit US-amerikanischen Akteuren. Doch der Sektor weist immer noch zahlreiche Schwächen auf. Die Klassen sind zu groß, die Unterrichtsmethoden autoritär, die Lehrpläne veraltet, Fortbildungen für das Lehrpersonal kaum existent. Eine zusätzliche Belastung resultiert daraus, dass die Schulen des Palästinenserhilfswerkes UNRWA, die einen sehr guten Ruf genossen, mit immer heftigeren Finanzproblemen kämpfen. Die Klassenstärke in den UNRWA-Schulen beträgt teilweise bis zu 50-60 SchülerInnen, Unterricht im Zwei- und Dreischichtbetrieb ist die Regel. Zudem spielt der jordanische Staat in der vorschulischen Bildung bislang kaum eine Rolle. Zwar gibt es Vorschulen, doch diese sind in der Regel teuer und stehen nur einer bestimmten Schicht offen.

Einen faszinierenden Einblick in den jordanischen Schulalltag und in das Thema Partizipation bietet der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm des Filmemacher Yahya Alabdalla, "The Council".

Hochschulbildung

Die Aufsicht über das Hochschulwesen in Jordanien obliegt dem Ministerium für Hochschulbildung und wissenschaftliche Forschung.  Der Weg zur Universität führt über das Zentralabitur (tawjihi, gesprochen taudschihi). Mit bestandener Prüfung können junge Jordanier/innen sich an einer der staatlichen oder privaten Hochschulen des Landes bewerben. Laut dem Hochschulministerium gibt es derzeit 10 öffentliche und 24 private Hochschulen in Jordanien. Alle sind kostenpflichtig, wobei die staatlichen Universitäten etwas erschwinglicher ausfallen. Qualitativ gute Hochschulen gibt es sowohl im staatlichen als auch im privaten Sektor.

Die Studienplätze an den staatlichen Universitäten werden nach einem rigiden Numerus-Clausus-System vergeben: Die Abiturient/innen mit der höchsten Punktzahl dürfen medizinische Fächer, Ingenieurwesen und Informatik studieren, diejenigen mit der niedrigsten Punktzahl werden in geisteswissenschaftliche Studiengänge wie Pädagogik, Literatur oder auch Jura geschoben. Laut Zeitungsberichten haben einzelne Studierende aber in der Vergangenheit mit Geld "nachhelfen" können, um den gewünschten Studienplatz zu bekommen.

Eine wichtige Ergänzung der Bildungslandschaft in Jordanien sind diverse neue nationale Hochschulen und internationale Universitäten oder deren Zweigstellen:

Die German-Jordanian University hat ihren Sitz in Madaba und teilweise in Amman. Sie wurde im Sommer 2016 erneut erweitert. Schließlich seien noch die internationalen Fernstudiengänge erwähnt, die wegen der geringeren Kosten und der zeitlichen Flexibilität auch in Jordanien immer beliebter werden, wie z.B. die Arab Open University.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD hat in Amman ein eigenes Büro.

Abitur - Stress pur 
Die Tageszeitung "The Jordan Times" berichtet per Videoreportage, wie die zentralisierten Abiturprüfungen alljährlich landesweit für Aufregung sorgen [Sprache: Arabisch/Englisch; Länge 0'59 min.]

Religion

Offiziell anerkannte Religionen

Aufschluss über den Grad an Religionsfreiheit, über die Größe der Glaubensgemeinschaften und ihre regionale Verteilung in Jordanien gibt der jährliche Bericht des US-Außenministeriums über Religiöse Freiheit in Jordanien.
Rund 97 Prozent der jordanischen Gesamtbevölkerung sind sunnitische Muslime. Gut zwei Prozent sind Christen, davon die meisten griechisch-orthodox, sowie römisch-katholisch und griechisch-katholisch (melkitisch). Da der Islam das Christentum und das Judentum als Vorgängerreligionen (arab. 'Ahl al-Kitab) ansieht, genießen diese Glaubensgruppen als sogenannte "Buchreligionen" besonderen Schutz.

Tolerierte Religionen

In Jordanien leben auch Drusen (ca. 12-14.000), Baha'i (ca. 1000), Samaritaner sowie einige Jesiden. Diese Religionsgemeinschaften werden in ihrer Glaubensausübung nicht behindert, aber auch nicht besonders unterstützt. Die Zahl der Schiiten ist in Jordanien verschwindend gering. Allerdings dürfte ein Teil der im Land lebenden Iraker Schiiten sein.

Islam als Staatsreligion

Der Islam ist in Jordanien Staatsreligion. Die haschemitischen Herrscher führen ihre Abstammung auf einen Verwandten des Propheten Muhammad zurück. Bevor sie sich 1916 gegen die Osmanen erhoben, waren die Haschemiten auf der arabischen Halbinsel jahrhundertelang für die Bewachung der heiligen Stätten Mekka und Medina sowie für die Organisation der Pilgerfahrt zuständig gewesen. Die Haschemiten legitimieren ihren Herrschaftsanspruch über Jordanien somit religiös, wodurch der Islam in Jordanien nicht nur gesellschaftlich, sondern auch politisch eine herausragende Stellung innehat. Nichtsdestotrotz sind hohe Ämter im Staat nicht an die Religion gebunden: auch ein christlicher Jordanier kann Ministerpräsident werden.

Religion im Alltag

Feindseligkeiten zwischen Christen und Muslimen waren in Jordanien bisher eher die Ausnahme. Seit 1997 wird in Jordanien christlicher Religionsunterricht auch an Schulen erteilt.

Multireligiöse Liebesbeziehungen bzw. Eheschließungen sind möglich, werden aber generell eher kritisch gesehen. Da die islamische Glaubenszugehörigkeit auch qua Gesetz über Vater vererbt wird, kann in Jordanien ein Muslim eine Christin heiraten. Umgekehrt ist das nicht möglich: Ein Christ, der eine Muslimin heiraten möchte, muss in Jordanien zunächst zum Islam konvertieren. Die Filmemacherin Cherien Dabis hat zum Thema christlich-muslimische Verbindungen einen Spielfilm gemacht, der sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum recht gut ankam, und der auch deutsch synchronisiert wurde.

Starker Einfluss der Religion

Insgesamt spielt die Religion in Jordanien eine große Rolle. Das beginnt bei der persönlichen Identität: zwei von drei JordanierInnen gaben bei einer Umfrage des US-amerikanischen PEW-Institutes an, dass sie sich in erster Linie als Muslime und erst dann als Jordanier fühlen. Zudem ist ein wesentlicher Teil des jordanischen Rechtssystems konfessionell geprägt. Zwar orientieren sich das Straf- und Handelsrecht an westlichen Modellen und sind säkular, doch in Anlehnung an die islamisch-osmanische Tradition gilt in Jordanien (wie in allen anderen arabischen Ländern) bei Personenstands- und Erbfragen das konfessionelle Recht, also islamisches Recht (Scharia) für Muslime und christliches Recht (Kirchenrecht) für Christen.

Islam im Rechtssystem

Muslimische Jordanierinnen und Jordanier regeln ihre Familien- und Erbangelegenheiten vor den sogenannten "Geistlichen Gerichten" (Sharia Courts). Traditionell gab es im Islam keine zentrale religiöse Autorität, die eine bestimmte Rechtsprechung für alle verbindlich setzte. Der moderne Nationalstaat hat es jedoch notwendig gemacht, das an sich dezentrale islamische Rechts- und Fatwawesen (Fatwa=Rechtsgutachten) zu kodifizieren und in ein für alle BürgerInnen verbindliche einheitliche Form zu gießen. Ausschlaggebend sind hier die Rechtsgutachten der staatlich bestellten und beaufsichtigten islamischen Theologen (Ulama, Muftis), die in Jordanien dem Ministerium für religiöse Angelegenheiten und Stiftungswesen zugeordnet sind oder einer der staatlichen Hochschulen. Einschlägige Gesetze, z.B. zur Familienplanung oder Abtreibung, werden zwischen den gesellschaftlichen Interessengruppen, den religiösen Würdenträgern sowie dem Parlament und dem König ausgehandelt. Für die Muslim/innen Jordaniens ist dabei das islamische Recht in seiner hanafitischen Ausprägung maßgeblich.

Christliche Feste

Die christlichen Feiertage können variieren, je nach christlicher Konfession. Orthodoxe Christen feiern Ostern und Weihnachten etwas später. Die besondere Atmosphäre des Lichter- und Familienfestes finden auch viele muslimische Jordanier*innen schön, "Santa-Claus"-Figuren sind allenthalben zu finden.  

Soziale Sicherungssysteme

Medizinische Versorgung

Das Gesundheitssystem hat sich in Jordanien insgesamt verbessert. Kinder bis einschließlich 6 Jahre werden kostenlos versorgt. Bei der Versorgung gibt es aber ein ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle und eine sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich. Im Großraum Amman ist die medizinische Versorgung gut, in den ländlichen Gebieten deutlich schlechter. Als Folge der allgemeinen Verbesserung des Lebensstandards ist die Säuglingssterblichkeit um zwei Drittel gesunken. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei rund 75 Jahren.
Nachdem es im Gefolge des 11. September 2001 für Araber immer schwieriger wurde, zur medizinischen Behandlung in westliche Länder zu reisen, verzeichnet Jordanien ordentliche Zuwächse beim Gesundheitstourismus. Genaue Zahlen gibt es hierzu allerdings nicht.

Privilegien für Staatsbeamte und Militärs

Staatstragende Berufsgruppen wie Beamte, Polizisten und Militärs wurden in Jordanien seit jeher kostenlos oder zu vergünstigten Bedingungen medizinisch behandelt und erhielten ein Ruhestandsgeld. Alle anderen Berufstätigen waren in Krisensituationen auf ihre Familien, ihre Ersparnisse oder auf Almosen angewiesen. Im Zuge der Privatisierung ehemaliger Staatsbetriebe hat Jordanien im Jahr 2001 eine allgemeine Kranken- und Rentenversicherung eingeführt, die unter anderem bei Arbeitsunfällen, Krankheit und Schwangerschaft einspringt. Diese Versicherung gilt allerdings nur für einen Teil der Beschäftigten und sie schützt nicht die vielen tausend Arbeitsmigrant/innen in Jordanien. Landwirtschaftliche Helfer, Hausangestellte und eine Reihe anderer Berufe sind von der Versicherung bislang ausgeschlossen, ebenso wie von der Unfallversicherung.

Eine Arbeitslosenversicherung gibt es in Jordanien nicht. Teilweise werden bei Beendigung eines Arbeitsverhältnisses Abfindungen gezahlt. Generell wird erwartet, dass im Notfall die Familie einspringt. In Härtefällen helfen islamische karitative Vereine und gelegentlich auch quasi-staatliche NRO mit Kleidung, Essen oder Geldspenden. Gewerkschaften sind zwar legal, doch wenig einflussreich.

Im nächsten Kapitel geht es unter anderem um die arabische Sprache. Dieses YouTube-Video beschreibt anschaulich, wie sehr Arabisch heute im Deutschen präsent ist.

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Kultur

Kulturelle Identitäten

Jordanien ist ein arabischsprachiges Land. Durch das Arabische als gemeinsame Hochsprache ist Jordanien kulturell mit schätzungsweise 300 Millionen Menschen vom Atlantik bis zum Golf verbunden. Als Sprache des Korans, der islamischen Offenbarung, hat das Arabische für Musliminnen und Muslime einen sakralen Status. Mehr noch als die Sprache ist in den letzten Jahren der Islam zum wichtigsten Bestandteil der kulturellen Identität geworden. Es hat sich gezeigt, dass das Bedürfnis nach einer klaren, abgrenzbaren Identität vor allem bei jungen Leuten sehr stark ist und dass dieses Bedürfnis gefährlich missbraucht werden kann. Der Identitäts- und Religionspolitik kommt deshalb in Jordanien eine besondere Bedeutung zu. Neben der panarabischen und der islamischen Komponente - die aktuell durch die arabischen Satellitensender gestärkt werden - wird in Jordanien vor allem das Beduinentum als identitätsstiftendes Element propagiert. Doch die haschemitische Herrscherdynastie stammt selbst nicht von Beduinen ab, ebenso wenig übrigens wie der Prophet Muhammad.

Wesentlich bedeutender ist für das Gros der jordanischen Bevölkerung die Frage nach der palästinensischen Identität. Zwar haben die meisten Jordanier palästinensischer Herkunft die Heimat ihrer Eltern und Großeltern nie gesehen, doch die Identifikation mit dem historischen Palästina und seiner Kultur ist vorhanden. Dabkeh-Tänze, palästinensische Lieder und Gedichte, die Hanzala-Figur, die schwarz-weiße Kuffiye und die palästinensische Fahne sind die Zeichen dieser kulturellen Identifikation.

Auch die kaukasischstämmigen Jordanier halten an ihren Traditionen fest. Der jordanische Staat bestärkt die Tscherkessen und Tschetschenen darin - wohl nicht nur aus Respekt vor der kulturellen Identität, sondern auch um die Palästinenser nicht zu stark werden zu lassen. An Jordaniens staatlichen Schulen werden Tscherkessisch und Tschetschenisch unterrichtet. Nicht wenige junge Leute üben in ihrer Freizeit für kaukasische Tanzvorführungen, die an hohen Feiertagen auch vom jordanischen Staatsfernsehen übertragen werden.

Aktuelle Kunst- und Kulturszene

Boomtown Amman

Die Hauptstadt Amman entwickelt sich zu einem neuen kulturellen Hub im Nahen Osten. Publikumsmagneten sind unter anderem das Al Balad Musik Festival, das Baladk Street Art Festival (Bericht über die Ausgabe des Festivals von 2019) sowie die Amman Design Week (alle zwei Jahre, nächster Termin Herbst 2021) über deren Ausgabe von 2017 auch die Macher*innen von Universes in Universe ausführlich berichteten.

Zu dem kulturellen Aufbruch tragen nicht nur die jungen jordanischen Kulturschaffenden bei, sondern auch eine Anzahl Kulturinitiativen und Kulturcafés in der Hauptstadt Amman. Dazu zählen

Dynamisiert wurde die jordanische Kulturszene in den vergangen Jahren auch durch Intellektuelle und Künstler aus den arabischen Nachbarländern, unter anderem Irak, Syrien und Palästina.

Zu den bedeutenden bildenden Künstlern zählt unter anderem Samer Al Kurdi.

Bildende Kunst

Architektur und Malerei

Jordanien hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe bedeutender Architekten hervorgebracht. Der international bekannteste von ihnen ist Ammar Khammash. Das Stadtbild von Amman hat Rami Dagher mitgeprägt. Die bildenden Künste (vor allem die Malerei und Bildhauerei) haben in Jordanien in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt. Insgesamt ist die Zahl der jordanischen Künstler, die im internationalen Vergleich mithalten können, aber noch gering. Zu ihnen zählt die Prinzessin Wijdan Ali, die selbst Malerin ist und gleichzeitig das Kunstschaffen in Jordanien fördert, unter anderem als Mitbegründerin der Jordan National Gallery am Webdepark. Der Maler Muhanna Al-Durra experimentierte als einer der ersten arabischen Künstler mit abstrakter Malerei und kubistischen Elementen. Al-Durra unterrichtet Kunst an der University of Jordan und ist Mitglied der jordanischen Akademie der Künste.

Literatur

(Noch) wenig in andere Sprachen übersetzt

Das jordanische Literaturschaffen ist teilweise auch für westliche Leser/innen durchaus interessant. Leider ist bislang wenig in europäische Sprachen übersetzt. Auf Deutsch zu haben und auch vom literarischen Gesichtspunkt sehr lesenswert sind die Romane "Wie Säulen aus Salz" von Fadia Faqir und "Wadi und die Heilige Milada" von Ghalib Halasa, der von der Literaturgeschichtsschreibung als bedeutendster jordanischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts eingeschätzt wird. Literarisch nicht ganz so anspruchsvoll, aber interessant wegen der historischen Schilderungen ist das autobiografische Buch "Amman - Geschichte einer Stadt" von dem arabischen Bestsellerautor Abdulrachman Munif. Wer sich nicht scheut, jordanische Literatur in englischer Übersetzung zu lesen, wird auf manche Überraschungen stoßen: Die britisch-jordanische Schriftstellerin Fadia Faqir hat in englischer Sprache einen brisanten Roman veröffentlicht. Im Fokus stehen die Wurzeln und die gesellschaftlichen Auswirkungen des Jihadismus. Susanna Tarbush hat das Buch auf qantara.de rezensiert.  Ebenfalls überraschend offen erzählt der jordanische Blogger Fadi Zaghmout in seinem Bestseller-Roman "The Bride of Amman" (2012 auf Arabisch, 2015 auf Englisch) von der Zerrissenheit der jungen Generation, zwischen dem brennenden Wunsch nach mehr (sexueller) Selbstbestimmung auf der einen und der Sehnsucht nach dem beschützenden Familienidyll auf der anderen Seite. Auch von dem in Großbritannien lebenden jordanischen Lyriker, Romancier und Journalisten Amjad Nasser liegen mehrere Werke in englischer Übersetzung vor, unter anderem der Lyrikband "Hirte der Einsamkeit" und der Roman "Land of no Rain".Amjad Nassers Gedicht: "Ein Lied und drei Fragen" wurde von der englischen Zeitung "The Guardian"  im Jahr 2014 zu den besten 50 Liebesgedichten der Moderne gekürt.

Die britische Literaturzeitschrift "BANIPAL" veröffentlichte anlässlich der arabischen Kulturhauptstadt Amman im Jahr 2002 ein Sonderheft Jordanien, mit Übersetzungen von Kurzgeschichten, Lyrik und Romanauszügen jordanischer AutorInnen.

Die jordanische Romanautorin Fadia Faqir (Bild: Banipal)
Die jordanische Romanautorin Fadia Faqir (Bild: Banipal)
Erster Gedichtband des jordanischen Lyrikers Amjad Nasser in englischer Übertragung (Bild: Verlag)
Erster Gedichtband des jordanischen Lyrikers Amjad Nasser in englischer Übertragung (Bild: Verlag)

Film und TV

Jordanien - ein arabischer Medien-Standort

Jordanien ist zunehmend Kulisse für regionale Filmproduktionen. Außerdem sind jordanische Firmen relevante Akteure auf dem arabischen TV-Markt. In Amman ist eine der größten unabhängigen arabischen Fernsehproduktionsfirmen zuhause. Zahlreiche ausländische TV-Produktionen, darunter auch Kinderserien aus Deutschland werden in Jordanien für den arabischen Markt bearbeitet und synchronisiert. ATP exportiert u.a. Ramadan-Vorabendserien in arabische und andere Länder der Region, z.B. die Türkei und Iran.

Während kommerzielle TV-Unterhaltung made in Jordan floriert, fällt die Bilanz des jordanischen Kinoschaffens bislang noch übersichtlich aus, aber die Zahl der interessanten Produktionen wächst. Zu den wenigen international wettbewerbsfähigen Regisseuren zählen der preisgekrönte Dokumentarfilmer Yahya Al Abdallah ("The Council") und der Filmemacher Naji Abu Nowar. Abu Nowars Beduinenepos "Theeb" (Wolf) aus dem Jahr 2014 hat zahlreiche internationale Preise gewonnen, wurde für den Oscar nominiert und ist mittlerweile bei einer Schweizer Verleihfirma im Vertrieb. Ebenfalls internationalen Erfolg verbuchen konnte der in den Niederlanden lebende, aus Zarqa stammende jordanische-niederländische Filmemacher Mahmoud Al-Massad. Al-Massads Debütfilm Shatter Hassan (2001) wurde international mehrfach ausgezeichnet. Sein Film "Recycle" porträtiert einen ehemaligen Afghanistan-Kämpfer aus der Stadt Zarqa und zählt zum Besten, was über das Thema gezeigt worden ist.

Ein weiterer erfolgreicher Regisseur aus Jordanien ist Amin Matalqa. Sein anrührender Spielfilm über einen verwitweten, vereinsamten Arbeiter in Amman "Captain Abu Raed" (2007) wurde bei internationalen Festivals mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Die private Filminitiative Amman Filmmakers Cooperative förderte ab 2003 mehrere Jahre lang die Verbreitung von Kino-, Film- und Multimediakultur. Zielgruppen waren sowohl Profis als auch Amateure. Der Gründer Hazim Bitar hat das Projekt mittlerweile aufgegeben und arbeitet als Software-Entwickler.

Ich bin in kein Mädel verknallt
Ein Love Song der besonderen Sorte von JadaL. Jordaniens erfolgreichste Rockband ist mittlerweile ain die Jahre gekommen, aber immer noch Kult im Königreich.

Musik

Herz, Schmerz und Loblieder auf Gott, König, Vaterland

Wie überall in der arabischen Welt, hören die Menschen auch in Jordanien gern die arabischen "Klassiker" des 20. Jahrhunderts: Umm Kulthum (Ägypten), Fairuz (Libanon). Darüber hinaus sind in Jordanien auch Sängerinnen und Sänger aus dem Irak wie Kazim As-Sahir sehr beliebt sowie aus der arabischen Golfregion, wie zum Beispiel der kuwaitische Schlagerstar Abdallah Al-Roweished. Die jordanische populäre Musik (z.B. Omar Al-Abdallat) ist stark von beduinischen Elementen geprägt und die Texte sind oft Elogen auf die herrschenden Dynastie der Haschemiten. Eine bekannte Schlagersängerin "made in Jordan" ist Diana Karazon, die die arabische Version von DSDS gewann.

Alternative Arabische Musik

Jenseits von Volksmusik und Schlager gibt es in der Hauptstadt Amman eine kleine, aber wachsende Musikszene, die sich an internationalen Weltmusiktrends orientiert. Zu den wichtigsten Rockbands zählen die 2003 gegründete Formation JadaL und die von Yazan Al Rousan geleitete Band Otostrad. Eine jordanische Jazz-Band der ersten Stunde ist die Rum Group um den Pianisten Tareq Al Nasser. Hörenswert sind außerdem die Fusion und Jazz-Cover-Band Sign of Thyme sowie die Sängerin Macadi Nahas. Die klassische Musikerin Shireen Abu Khader hat mit "Dozan" ein  Werk an der Schnittstelle zwischen traditioneller und moderner Weltmusik geschaffen.

Ein international sehr erfolgreicher Fusion-Jazzmusiker, dessen Karriere in den Clubs von Amman begann, ist der palästinensischstämmige Gitarrist Kamal Musallam. Musallam lebt seit geraumer Zeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Das Länderinformationsportal

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Mai 2020 aktualisiert.

Die Autorin

(Bild: privat)
(Bild: privat)

Martina Sabra ist freie Journalistin mit regionalem Fokus auf Nordafrika und Nahost. Ihre Länderschwerpunkte sind Marokko & Jordanien. In beiden Ländern hat sie gelebt und gearbeitet. In Jordanien schrieb sie als Stipendiatin der Heinz-Kühn-Stiftung für die "Jordan Times". Zahlreiche landeskundliche Publikationen zu Jordanien.

Engagiert und kritisch - Street Art in Amman

Street Art ist in Jordanien mittlerweile etabliert. Die Zensur allerdings auch. Eine Reportage über einen Szene-Graffitimaler, der sich neben der Kunst auch für Geflüchtete einsetzt. Auch der Deutschlandfunk (Sendung Mikrokosmos) berichtete im Juli 2019 ausführlich über Straßenkunst in Amman. 

MENA-Jugendstudie - Umfragedaten Jordanien

Die große MENA-Jugendstudie der FES ist als Buch erschienen. Die Umfragedaten zu den einzelnen Ländern, hier Jordanien, gibt es online als kostenlosen Download.

Starke Frauen

Frauenfeindliche Mentalitäten und häusliche Gewalt - Aktivistinnen in Jordanien wollen das nicht länger akzeptieren. Sie schaffen Schutzräume für Frauen und Kinder. Eine Reportage von Claudia Mende

Roman aus Jordanien erscheint auf Deutsch

Amjad Nasser (1955-2019) stammte aus einer Beduinenfamilie in Nordjordanien. Als junger Mann ging er aus politischen Gründen ins Exil, zunächst in arabische Länder, später nach London, wo er sich als Journalist, Romanautor und Lyriker einen Namen machte. Nasser starb im Oktober 2019 an Krebs. Im April 2020 soll sein Roman "Land ohne Regen" auf Deutsch erscheinen.

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