Buddhistische Mönche
Anteil Alphabetisierte Erwachsene
78% (2015)
Bedeutende Religionen
Buddhismus (97%), Islam (2%)
Städtische Bevölkerung
21% (2017)
Lebenserwartung (w/m)
71/67 Jahre (2015)
Gender Inequality Index
Rang 112 (von 159) (2015)
Anzahl der Geburten
2,6 pro Frau (2015)
Kindersterblichkeit (< 5 Jahre)
31/1000 Lebendgeburten (2016)

Ethnische Struktur

Gut 90% der Bevölkerung sind Khmer (das CIA World Factbook gibt sogar knapp 98% an), 5% Vietnamesen, 1% ethnische Chinesen und knapp 4% gehören anderen ethnischen Gruppen an. Damit ist Kambodscha das homogenste Land in ganz Südostasien. Anders als seine regionalen Nachbarn ist Kambodscha - trotz einer latent vorhandenen Konfliktstruktur zwischen Khmer und Vietnamesen - gerade deswegen in den vergangenen Jahren weitgehend frei von ethnischen, religiösen und separatistischen Konflikten gewesen. Erheblichen Repressionen waren die ethnischen Minderheiten jedoch unter den Roten Khmer ausgesetzt.

Abgesehen von den Chinesen in Kambodscha konzentrieren sich die Minderheiten auf bestimmte lokale Regionen: Die Cham leben vor allem an den Flüssen Mekong und Tonle Sap, während indigene Bergvölker (Khmer Leou) hauptsächlich in den Provinzen Ratankkiri und Mondulkiri anzutreffen sind. Die Vietnamesen lebten ursprünglich vor allem in den Provinzen Takeo sowie am großen See in Pursat und Battambang. Durch verstärkten Zuzug in den letzten Jahren haben sie sich mittlerweile aber auch in anderen Landesteilen Kambodschas angesiedelt. Diese Entwicklung wird von vielen Khmer durchaus kritisch gesehen und findet mittlerweile auch in der Politik ihr Echo. Während es in den letzten dreieinhalb Jahrenzehnten zu keinen größeren anti-vietnamesischen Ausschreitungen gekommen ist, entluden sich dagegen Vorurteile gegen die in Phnom Penh lebenden Thais im Januar 2003 in schweren Auseinandersetzungen, während denen unter anderem von einem kambodschanischen Mob die thailändische Botschaft gestürmt worden war.

Innergesellschaftliche Gewalt

Aufgebahrte Schädel im Beinhaus Choeung Ek
Während der vierjährigen Schreckensherrschaft der Khmer Rouge wurden 1,7 bis 2 Millionen Menschen in Todeslagern umgebracht oder kamen bei der Zwangsarbeit auf den Reisfeldern ums Leben - bei einer Gesamtbevölkerung von damals etwa 7 Millionen Menschen. (Foto: Karbaum)

In Kambodscha, generell gekennzeichnet durch stark ausgeprägte Hierarchien, ist eine hohe Intensität von Gewalt in Familie und Gesellschaft zu beobachten. Dies ist vor dem Hintergrund der kulturellen Prägung zunächst erstaunlich, da das buddhistische Wertesystem eher einer friedlichen Konfliktregulierung Vorschub leistet. Das hohe Gewaltpotential (insbesondere gegen Frauen und Kinder) ist vor allem auf die langen Kriegsjahre und die traumatischen Ereignisse der Khmer Rouge-Gewaltherrschaft zurückzuführen. In der öffentlichen Wahrnehmung ist innerfamiliäre Gewalt nach wie vor tabuisiert, und sowohl Strafverfolgungsbehörden als auch die Gerichte beschäftigen sich mit diesem Thema bisher nur am Rande.

Die Zerstörung aller gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen durch das Pol Pot-Regime, der anschließende Bürgerkrieg und das Überstülpen fremder Systeme in den Jahren danach verursachten einen dramatischen Werteverfall. Bestechliche Polizisten und ein hochgradig korruptes Justizwesen führen dazu, dass die Khmer staatliche Institutionen zur Konfliktlösung meiden. Die Proliferation von Handfeuerwaffen als Erbe des Bürgerkriegs birgt bis heute ein nicht unerhebliches Gefährdungspotential. Kambodschanische Zeitungen berichten nach wie vor regelmäßig von Lynchmorden, meist für eher geringfügige Straftaten wie Diebstahl oder nach schweren Verkehrsunfällen. Säureattentate sind dagegen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen.

Geschlechterverhältnis

Mutter mit Kind
Das Geschlechterverhältnis unterliegt in der Regel einem tradionellen Rollenverständnis. Vor allen in politischen Ämtern sind Frauen noch deutlich unterrepräsentiert. (Foto: Clear Path International, CC BY 2.0)

Das Rollenverständnis der Geschlechter und die familiäre Interaktion folgen besonders in ländlichen Gegenden traditionellen Vorstellungen mit einer klaren Erwartungshaltung und stringenten Aufgabenverteilung. Oft ist der Ehemann und Vater das uneingeschränkte Oberhaupt der Familie; er hat für den Unterhalt zu sorgen und repräsentiert die Familie nach außen. Trotzdem nehmen die Frauen durch ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten eine immens wichtige Funktion als Motor der Familie ein: Sie sind nicht nur erb- und geschäftsfähig, sondern trotz der Betreuung vieler Kinder auch meist berufstätig. In aller Regel verwalten sie das Haushaltsgeld und treffen die zentralen Entscheidungen in der Erziehung und Ausbildung der Kinder.

Kambodscha weist im regionalen Vergleich einen relativ hohen Wert im Gender Inequality Index auf. Gerade im öffentlichen Raum werden Frauen noch benachteiligt, in den staatlichen Institutionen sind sie deutlich unterrepräsentiert. Davon unabhängig nehmen die Ehefrauen von Ministern, Generälen und hohen Beamten wichtige inoffizielle Funktionen ein und üben so einen kaum zu unterschätzenden politischen Einfluss aus. Von diesen speziellen Ausnahmen abgesehen, gehen die meisten Frauen einer regulären Beschäftigung nach, obwohl sie als Arbeitnehmerinnen strukturell benachteiligt werden. Ein modernes Frauenbild entwickelt sich dagegen nur langsam und konzentriert sich vor allem auf die Hauptstadt Phnom Penh. Meist sind es Nichtregierungsorganisationen, die auf Missstände wie sexuelle Ausbeutung hinweisen und sich für Frauenrechte einsetzen.

Soziale Marginalisierung

Kambodschas kapitalistisches Wirtschaftssystem kennt weder nennenswerte Instrumente sozialen Ausgleichs noch eine Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Während es eine rudimentäre Unfallversicherung für Arbeitnehmer gibt, sind die Renten- und Krankenversicherung trotz vorhandener gesetzlicher Grundlagen noch nicht implementiert. Der hohe Korruptionsgrad erschwert einkommensschwachen Bevölkerungsschichten insbesondere den Zugang zu Bildung, Gesundheitsleistungen und einer fairen Rechtsprechung, weswegen Kambodscha bezüglich der menschlichen Sicherheit insgesamt sehr kritisch bewertet wird. Träger in der sozialen Arbeit sind sehr selten und ausschließlich auf private Spenden angewiesen, die überwiegend im westlichen Ausland oder von Ausländern in Kambodscha akquiriert werden.

In urbanen Räumen, vor allem in der Hauptstadt Phnom Penh, kommt es seit Jahren zur systematischen Auflösung informeller Siedlungen, in der Regel ohne ausreichende Kompensation für die Betroffenen. Durch die flächendeckende Vergabe agroindustrieller Landkonzessionen, in der Regel als Pacht für 99 Jahre, haben in den letzten zwei Jahrzehnten rund eine Millionen Menschen ihren Landbesitz verloren. Modellprojekte, in denen mit internationaler Unterstützung soziale Landkonzessionen vergeben werden, sind von unabhängigen Beobachtern durchweg kritisch diskutiert worden.

Der Möglichkeit beraubt, als Bauern ein Einkommen aus Subsistenzwirtschaft zu generieren, ließ den Migrationsanteil in urbane Gegenden und nach Thailand in die Höhe schnellen. Von falschen Versprechungen angelockt, landen immer mehr junge Kambodschaner in den Fängen von Menschenhändlern, durch die sie mitunter in sklavenähnlichen Abhängigkeitsverhältnisse im Ausland geraten.

Bildung

Klassenzimmer im ländlichen Kambodscha, Foto: The Sharing Foundation, CC BY 2.0
Vor allem im ländlichen Kambodscha, wie hier die Grundschule in Roteang (Provinz Kandal), sind Schulen meist nur unzureichend ausgestattet. (Foto: The Sharing Foundation, CC BY 2.0)

Analphabetismus

Laut UNESCO lag die Alphabetisierungsrate der Bevölkerung im Alter über 15 Jahren 2015 bei gut 78%. Dies ist zwar eine deutliche Verbesserung gegenüber 1990 (62%), der Wert liegt aber immer noch signifikant unter dem südostasiatischen Durchschnitt von über 90%. Besonders Frauen sind betroffen: rund 28% der weiblichen Bevölkerung können weder schreiben noch lesen. Der Analphabetismus ist in den ländlichen Gebieten noch höher als in städtischen Gegenden und tritt dort statistisch gesehen bei älteren Frauen am häufigsten auf. Angebote im Bereich der Erwachsenenbildung sind nach wie vor sehr selten und auf private, international finanzierte Anbieter beschränkt.

Situation der Bildungseinrichtungen

Kambodschas Bildungssystem leidet auch mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Roten Khmer nach wie vor unter deren Folgen: Die maoistisch-nationalistischen Kommunisten schafften die Schuldbildung zugunsten ideologischer Indoktrination ab und zerstörten systematisch Unterrichtsmaterialien und Lehrbücher; Schul- und Universitätsgebäude bekamen andere Verwendungen. Die große Mehrheit der Lehrer, Forscher, Techniker und Angehöriger anderer qualifizierter Berufe wurde ermordet oder starb an Hunger und Krankheit. 90% aller Lehrer verloren unter den Roten Khmer ihr Leben, nur wenigen gelang die Flucht ins Ausland.

Seit 1979 wird das Bildungssystem wieder komplett neu aufgebaut. Die Verfassung von 1993 verspricht kostenlose Schulbesuche über neun Jahre, aber informelle Gebühren bestehen weiterhin. Heute leidet das Bildungssystem besonders an zu wenig gut ausgebildeten Lehrern, die trotz einiger Gehaltssteigerungen seit den Parlamentswahlen 2013 noch sehr wenig verdienen und sich alternative Einnahmenquellen zu Lasten ihrer Schüler suchen (müssen). Außerdem stehen wenig gute Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, und der autoritäre Frontalunterricht bleibt die dominierende didaktische Methode.

Da es keine Schulpflicht gibt, arbeiten gerade in den ländlichen Gegenden viele Kinder weiterhin auf den Reisfeldern ihrer Familien und gehen daher nicht regelmäßig zur Schule. Während aber noch mehr als 95% der Kinder zumindest unregelmäßig am Grundschulunterricht teilnehmen, liegt der Anteil an den weiterführenden Schulen nur bei 45%, und lediglich 16% kommen in den Genuss tertiärer Bildung. Zum höheren Bildungswesen zählen verschiedene Einrichtungen wie staatliche Universitäten, Fach- und Berufsschulen, darüber hinaus zahlreiche private Träger, die Lehranstalten aller Art betreiben, leider oft auf sehr niedrigem Niveau. Zu den politischen Prioritäten der letzten Jahre zählt die Stärkung tertiärer Bildungsangebote, in erster Linie in der Schaffung von Alternativen zu Hochschulen zur Ausbildung von Facharbeitern. Noch ist Kambodscha in diesem Bereich vor allem auf ausländische Schulen angewiesen.

Unter den Jugendlichen ist das Erlernen einer ausländischen Sprache, vor allem Englisch und Chinesisch, in einer der zahlreichen Privatschulen sehr populär. Seit 2009 bietet auch das lokale Goethe-Zentrum qualifizierende Deutschkurse in Phnom Penh an.

Gesundheit und Sozialwesen

Gesundheitssystem

Krankenversorgung in Kambodscha
Kambodschas Gesundheitssystem weist auch im regionalen Vergleich nach wie vor umfassendes Entwicklungspotential auf. Immerhin wurden auf dem Gebiet der Kindersterblichkeit in den letzten Jahren deutliche Fortschritte erzielt. (Foto: Chhor Sokunthea/World Bank, CC BY-NC-ND 2.0)

Das Gesundheitssystem ist vor allem in den ländlichen Gebieten in sehr schlechtem Zustand. Insgesamt stehen der Bevölkerung staatliche Gesundheitseinrichtungen nur sehr begrenzt zur Verfügung, während private Behandlungen für viele unerschwinglich bleiben. Dies schränkt den Zugang der armen Bevölkerung zu Gesundheitsdiensten erheblich ein, während es für die wohlhabende Elite Usus ist, für medizinische Behandlungen nach Bangkok oder Singapur zu fliegen. Zu den häufigsten nicht rein altersbedingten Sterbeursachen zählen Herzerkrankungen, Atemwegserkrankungen, Schlaganfälle, Frühgeburten und Verkehrsunfälle. Durchfallerkrankungen sowie die Krankheiten Malaria, Dengue-Fieber und Tuberkulose treten unter den landwirtschaftlichen Lebensbedingungen ebenfalls häufiger auf. Unter der städtischen Bevölkerung wiederum ist der Anteil derjenigen, die unter Diabetes leiden, in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen.

Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten auf 69 Jahre deutlich angestiegen, wodurch Kambodscha in dieser Statistik mittlerweile einige seiner südostasiatischen Nachbarn überholt hat. Auch die Kindersterblichkeit bei Jungen und Mädchen unter fünf Jahren hat sich von 1990 bis 2010 fast auf ein Drittel reduziert. Dennoch zählt der Mangel an Hebammen und Geburtshelfern weiterhin zu den dringlichsten Problemen im kambodschanischen Gesundheitssektor.

Traditionelle Medizin

Kambodschaner gehen aufgrund der hohen Kosten nur in Ausnahmefällen zu Ärzten oder in Krankenhäuser. Viele Kambodschaner greifen bei nichtletalen Erkrankungen auf traditionelle Heilmethoden und Medizin zurück. In fast allen Haushalten sind einige grundlegende Kenntnisse der Selbstmedikation vorhanden, die bei leichteren Erkrankungen zur Anwendung kommen. Oft geht es um die Aktivierung des Immunsystems am Rücken, beispielsweise mit heißen Gläsern. Mitunter beziehen die Kambodschaner neben der physischen Genesung auch die spirituelle Ebene mit ein: Seit Jahrhunderten bieten Pagoden religiöse Heilungszeremonien an.

Soziale Sicherung

Die Kambodschaner müssen grundsätzlich ohne eine öffentliche Sozialversicherung auskommen. Bis auf rudimentäre Ausnahmen gibt es praktisch keine allgemeine Kranken-, Pflege-, Unfall-, Arbeits- oder Rentenversicherung. Immerhin hat Premierminister Hun Sen im Juli 2017 angekündigt, bis 2025 eine funktionierende Sozialversicherung mit Altersrente und zum Schutz vor Krankheit und Arbeitslosigkeit zu schaffen. In Notfällen ist jeder Khmer aber noch auf sein persönliches Umfeld angewiesen, was wiederum die hohe Bedeutung und im Regelfall auch den engen Zusammenhalt kambodschanischer Familien widerspiegelt. Insbesondere die Versorgung der Senioren obliegt dem Nachwuchs, wodurch die gerade im ländlichen Raum dominierenden Großfamilien ihren besonderen Zweck erkennen lassen.

Kultur

Das Khmer-Erbe

Angkor Wat aus der Entfernung
Es liegt im Auge des Betrachters, ob Kambodschas kulturelles Erbe vor dem Hintergrund der jüngeren Ereignisse eher kleiner oder um so majestätischer wirkt. (Foto: Christian Junker | Photography, CC BY-NC-ND 2.0)

Das kulturelle Erbe der Khmer-Dynastien ist von großer Bedeutung nicht nur für Kambodscha, sondern auch Südostasien insgesamt. Von der angkorianischen Hochkultur (9.-15. Jahrhundert) sind heute zwar nur noch die größten Bauwerke erhalten, aber die Epoche prägt bis heute mehr als alles andere die nationale Identität der Khmer. 

Die alte Khmer-Kultur spiegelt sich allerorts im heutigen Kambodscha wider. So sind der Königspalast in Phnom Penh und viele andere zentrale Bauwerke im traditionellen architektonischen Stil der Khmer erbaut. Wichtige architektonische Verzierungsmotive wie der Garuda oder die Naga entstammen der hinduistischen Mythologie, insbesondere aus dem Epos Reamker, die kambodschanische Version des indischen Ramayana. Szenen daraus zieren nicht nur die Bas-Reliefs in Angkor Wat, dem größten Sakralbauwerk der Welt, sondern werden auch in den klassischen Tänzen der Khmer nachgespielt, beispielsweise im Tanz der goldenen Meerjungfrau.

Literatur

Die älteste und bekannteste schriftliche Überlieferung zum historischen Reich der Khmer stammt vom Chinesen Zhou Daguan, der Angkor als Mitglied einer diplomatischen Mission 1296-1297 besuchte. Neben den geschriebenen Texten bestimmten überwiegend mündliche Überlieferungen wie Folklore das Bild der traditionellen kambodschanischen Literatur. Als einflussreich gelten dabei die Hindu-Epen Ramayana und Mahabharata. Daraus entwickelten sich Legenden, Erzählungen und Lieder, die auch in der Gegenwart eine Rolle spielen und sich unter anderem in Sagen, Märchen und Sprichwörtern widerspiegeln. Wie in anderen Kulturen Südostasiens umfasste Kambodschas geschriebene Literatur lediglich religiöse und höfische Überlieferungen. Davon zeugen zahllose Inschriften in Pali und Sanskrit an den Tempeln und Stelen der angkorianischen Epoche. Später war es König Ang Duong (1796-1860), der auch als namhafter Prosaautor in die Geschichte einging. Die buddhistischen Klöster wiederum schrieben religiöse Texte und Gebetsformeln auf Palmblätter und trugen damit wesentlich zur Entstehung des Khmer-Alphabets bei. Diese Blätter wurden über Jahrhunderte aufbewahrt, aber unter Pol Pot mehrheitlich vernichtet.

Literatur für die Massen, in der Regel Belletristik, hielt erst in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Einzug in die kambodschanische Gesellschaft. In der heutigen Gegenwart dominiert bei vielen Autoren die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen aus der Zeit der Roten Khmer. Zahlreiche Autoren, nicht selten Exil-Kambodschaner in der ganzen Welt, setzen sich mit den Schrecken der Vergangenheit auseinander und tragen somit zur Aufarbeitung der Geschichte bei - von der sich die kambodschanische Literatur bis heute selbst nicht vollständig erholt hat.

Der Tanz der Apsaras

Vier steinerne Apsaras im Innenhof von Angkor Wat
Tausende Apsaras zieren die Khmer-Tempel. Diese vier mythischen Nymphen befinden sich in den Tempelmauern von Angkor Wat. Foto: Karbaum

Der klassische kambodschanische Tanz stellt Szenen aus dem Epos Reamker und Legenden der hinduistischen wie brahmanischen Götterwelt dar. Im Zentrum stehen oft Apsaras, göttliche Nymphen, denen als Mittlerinnen zwischen Himmel und Erde selbst ein göttlicher Status zugewiesen wurde. Der Legende nach sollen die Apsaras die Khmer in die Kunst des Tanzes eingeweiht haben. Tausende individuelle Apsara-Figuren in den Tempeln von Angkor zeugen bis heute von der Verehrung, die den Apsaras in Kambodscha einst zuteil wurde.

Der Bruch mit der eigenen Kultur, den die Roten Khmer während ihrer Schreckensherrschaft vollzogen, wirkte sich auch auf das Wissen um die zahlreichen Apsara-Tänze aus. Nur wenige Menschen erinnern sich heute noch an das vielseitige Repertoire, das bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts vom Königlichen Ballett aufgeführt wurde. Heute werden die klassischen Tänze wieder an der Royal University of Fine Arts gelehrt und allabendlich in Siem Reap öffentlich aufgeführt. Zu den bekanntesten gehören Robam Tep Apsara, Robam Sovan Macha und Robam Chun Por (siehe unten).

Musik

Bild von Sin Sisamouth
Die Khmer nennen ihn oft den "König der kambodschanischen Musik": Sin Sisamouth ist bis heute unvergessen. (Foto: Sin Sisamuth Association)

Musik nimmt im kambodschanischen Alltag einen hohen Stellenwert ein. Während bei offiziellen und anderen festlichen Anlässen in der Regel traditionelle Stücke aufgeführt werden, stehen sonst Songs und Interpreten im Mittelpunkt, deren Melodien von westlichen Einflüssen geprägt sind. Vorreiter dieser Entwicklung war der Sänger und Songwriter Sinn Sisamouth (1932-1976), der mit einem umfangreichen Repertoire als bedeutendster Vertreter der modernen kambodschanischen Musik gilt. Seine Stücke sind bis heute extrem populär, und sein eigener Werdegang – Sinn Sisamouth wurde von den Roten Khmer ermordet – spiegelt die gesamte Tragödie Kambodschas wider.

Die heutige Popmusik Kambodschas ist stark von Thailand beeinflusst. Dennoch sind die Texte weiterhin vornehmlich in der Landessprache gehalten, englischsingende Interpreten sind eher selten gefragt. Eine der bekanntesten „kambodschanischen“ Bands ist die Gruppe Dengue Fever aus Los Angeles, deren sechs Mitglieder kambodschanische Popmusik und Texte mit psychedelischem Rock verbinden. Darüber hinaus hat es auch die Band The Cambodian Space Project zu einiger internationaler Bekanntheit gebracht.

Ein kulturelles Highlight ist das seit 2004 jährlich stattfindende Internationale Musikfestival in Phnom Penh, das von der Art+Foundation, einer deutschen Non-Profit-Organisation, veranstaltet wird. Auf den Festivals werden Stücke der europäischen klassischen Musik von internationalen Interpreten und Virtuosen aufgeführt – mit dem Ziel, diese Musik allgemein zugänglich zu machen und nicht auf einen elitären Zirkel zu beschränken.

Kino und Filme

Filmposter "Das fehlende Bild"
Für seinen Film "Das fehlende Bild" erhielt Regisseur Rithy Panh 2014 eine Oscar-Nominierung. (Quelle: Wikipedia)

Kambodschas cineastische Tradition begann in den 50er Jahren mit Filmen von Roeum Sophon, Ieu Pannakar and Sun Bun Ly. Auch Prinz Sihanouk war ein begeisterter Filmemacher und bannte als Produzent, Regisseur und oder Drehbuchautor ab den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts mehr als 30 Kino- und Kurzfilme auf Zelluloid. Heute werden gerade die 1960er Jahre als das „goldene Zeitalter des kambodschanischen Films“ beschrieben, als mehr als 300 Filme entstanden und auch im Ausland aufgeführt wurden.

Unter den Roten Khmer wurden viele Filme unwiederbringlich zerstört, viele Filmschaffende ermordet oder zur Flucht gezwungen. Ab den 1980er Jahren wurden in Kambodscha nur noch ausländische Produktionen gezeigt. Kambodschanische Filme entstanden in dieser Zeit nur sehr vereinzelt, dagegen entdeckten ausländische Regisseure und Produzenten Kambodscha als Sujet. Als bekanntester Film dieser Zeit gilt The Killing Fields – Schreiendes Land, in dem das Schicksal des Journalisten Dith Pran erzählt wird. Dessen Darsteller Haing S. Ngor gewann 1985 als einziger Kambodschaner bisher einen Oscar als bester Nebendarsteller.

Erst in den 1990er Jahren begann sich die Szene langsam zu revitalisieren. Die Früchte sind mittlerweile wieder sichtbar, und einige kambodschanische Filmemacher haben sich einen international bekannten Namen gemacht: In dem vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm Enemies of the People aus dem Jahr 2009 werden die Hintergründe der Verbrechen der Roten Khmer beleuchtet, indem der Journalist Thet Sambath den ehemaligen „Bruder Nummer 2“ Nuon Chea interviewt. Nach Rithy Panh, der mit seinem Film Das fehlende Bild 2014 eine Oscar-Nominierung erhielt, setzte sich zuletzt auch Angelina Jolie mit der jüngeren kambodschanischen Geschichte auseinander.

Darüber hinaus haben sich auch viele junge Filmemacher etabliert, deren Potential über die kambodschanischen Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist. Als wichtiger Anlaufpunkt gilt für viele das deutsch-kambodschanische Kulturzentrum Meta House in Phnom Penh, wo ihre Filme regelmäßig ausgestrahlt werden. Auch das internationale Filmfestival, das 2018 bereits zum achten Mal stattfand, möchte an den alten Glanz des kambodschanischen Kinos anknüpfen.

Religion und Zivilisation

Der Buddhismus, obschon seit dem dritten vorchristlichen Jahrhundert in Südostasien gegenwärtig, ist seit dem 15. Jahrhundert die Volksreligion, zu der sich rund 95 Prozent der Bevölkerung bekennen. Noch stärker als in einigen Nachbarländern ist der Theravada-Buddhismus Kambodschas beeinflusst von animistischen Elementen und Ritualen der Ahnenverehrung. Im Alltag hat der Buddhismus bei älteren Menschen eine weitaus größere Bedeutung als bei Jugendlichen oder Khmer mittleren Alters. Mönche erfahren dagegen von allen Buddhisten Kambodschas ein höchstes Maß an Respekt und Wertschätzung.

Unter den Roten Khmer wurden 90% der Christen und die meisten buddhistischen Mönche ermordet, und Religion an sich sollte aus Leben und Bewusstsein der Menschen komplett verschwinden. In den 1980er Jahren gab es Zeiten größerer Freiheit, jedoch ist es Christen erst seit 1990 erlaubt, öffentlich Gottesdienste zu feiern, wie überhaupt erst seit Beginn des vorvergangenen Jahrzehnts die Religion in Kambodscha einen neuen Aufschwung erlebt, was sich auch in der Zahl neugegründeter Klöster widerspiegelt. Obwohl der Buddhismus durch die Verfassung als Staatsreligion anerkannt ist, können Anhänger anderer Glaubensrichtungen ihre jeweilige Religion meist ungestört ausüben.

Vier Prozent der in Kambodscha lebenden Menschen bekennen sich zum sunnitischen Islam. 80% des muslimisch gläubigen Bevölkerungsanteils wird durch die ethnische Minderheit der Cham repräsentiert, hinzukommen die Chvea und als dritte Gruppe Anhänger des Imam San.

Buddhistische Akteure haben sich auf zivilgesellschaftlicher Ebene als Unterstützer des Demokratisierungsprozesses herausgebildet. Zwar können Pagodenkomitees auf lokaler Ebene einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung des Konzeptes demokratischer Herrschaftsführung leisten, aber dennoch mindert die politische Kontrolle über den organisierten Buddhismus nach wie vor das demokratiefördernde Potential der Klöster. Außerdem bringt der gesellschaftliche Wandel gravierende weltliche Herausforderungen - der sexuelle Missbrauch von Klosterschülern ist nur das prominenteste Beispiel - in die Klöster, die durch die regierungstreue Führung konsequent totgeschwiegen werden.

Der Theravada-Buddhismus und die Khmer-Zivilisation sind ungeachtet dessen auch weiterhin untrennbar miteinander verbunden. Das war aber nicht immer so - Angkor Wat selbst ist ein hinduistischer Tempel, auch wenn er heute von buddhistischen Mönchen genutzt wird.  Erst unter König Jayavarman VII., dem größten Bauherren der angkorianischen Hochkultur, erlangte der Buddhismus erstmals (und auch nur vorübergehend) den Status der Staatsreligion.

Der archäologische Park Angkor nahe Siem Reap im Nordosten des Landes gilt bis heute nicht nur als der kulturelle Kristallisationspunkt Kambodschas, sondern auch in weiten Teilen Festland-Südostasiens. Der Erhalt des Weltkulturerbes gestaltet sich jedoch als zunehmend schwieriges Unterfangen, was nicht zuletzt auf die jährlich steigenden Touristenzahlen zurückzuführen ist. Neben Angkor Wat gilt der hinduistische Tempel Preah Vihear als zweitwichtigstes Nationalsymbol Kambodschas - nicht zuletzt aufgrund der Grenzstreitigkeiten mit Thailand.

Mönch mit Laptop
Tradition und technischer Fortschritt sind in Kambodscha kein Gegensatz mehr. Foto: IMNSJ

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2018 aktualisiert.

Der Autor

Markus Karbaum

Dr. Markus Karbaum ist Politologe und beschäftigt sich seit 2002 mit Kambodschas Regierungssystem und der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation des Landes. Als selbständiger Gutachter und Berater arbeitet er im Auftrag nationaler und internationaler Organisationen.

Literaturhinweise

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ ist der führende Weiterbildungsanbieter für die internationale Kompetenzentwicklung. Wir stehen für innovative, wirksame und nachhaltige Lösungen.

> Angebote aus dem Weiterbildungskatalog

Gerne konzipieren wir für Sie maßgeschneiderte Trainingskurse, die sich an Ihren individuellen Bedürfnissen und Interessen orientieren.

> Wir freuen uns über Ihre Anfragen!

Kontakt

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Kommentare zu diesem Länderbeitrag oder zum LIPortal insgesamt. Richten Sie Ihre Anfrage an:

Thorsten Hölzer
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

+49 (0)228 4460 2036

Zum Kontaktformular