Musée des civilisations in Dschang
Alphabetisierte Erwachsene
75 %
Bedeutende Religionen
Christentum ca. 70 % (K/P=40/30), Islam ca. 20 %
Städtische Bevölkerung
56 % (2017)
Lebenserwartung (m/w)
58/60 Jahre (2017 est.)
Gender Inequality Index
Rang 141 von 160 (2017)
Anzahl der Geburten
4,7 / Frau (2016 est.)
Kindersterblichkeit
52,8 / 1000 Lebendgeburten (2017)

Ethnizität und Sprachen

Stabilität durch Instabilität

Fulbéreiter
Fulbéreiter; © www.bp-reiseberichte.de
Baka Pygmäen
Baka Pygmäen; no ©

"Afrika im Kleinen" spiegelt sich auch in der ethnischen Vielfalt Kameruns wieder. Bantuvölker (z.B. Ewondo, Bulu, Bassa) und Pygmäen (Baka) besiedeln vorwiegend den Süden, Semibantu (z.B. Bamilékévölker) vorwiegend den Westen des Landes und Sudanvölker, Peul/Fulbé, ja sogar Araber sind im Norden Kameruns vertreten. Die Städte Kameruns bieten einen ethnischen Querschnitt, da dort alle Bevölkerungsgruppen des Landes anzutreffen sind. Über die Anzahl der in Kamerun lebenden Völker gehen die Zahlen auseinander.

Sprachen

Während in der SIL (Summer Institut of Linguistics) Sprachenliste für Kamerun insgesamt 278 Sprachen verzeichnet sind, mit Sprecherzahlen zwischen einigen wenigen bis zu mehreren 100 000 Personen, findet man in anderen Quellen die Angabe "über 200 Landessprachen". Deutlich wird auf den Sprachenkarten die kleinräumige Sprachenverteilung in den Mandarabergen und im Hochland der Nord-West Region. Daneben gibt es Sprachen mit überregionaler Bedeutung, wie das Fulfuldé im Norden des Landes und das "Pidgin" in den anglophonen Regionen Süd-West und Nord-West.

Als Amtssprachen wurden auf Grund der geschichtlichen Entwicklung (zwei getrennte Verwaltungsmandate nach dem ersten Weltkrieg) Französisch und Englisch bestimmt, wobei die beiden anglophonen Regionen Nord-West und Süd-West etwa 20 % der Bevölkerung Kameruns stellen.

Karten zur Sprachenvielfalt Kameruns bietet das SIL (Summer Institute of Linguistics, Dallas). Selbst wenn die SIL-Sprachenklassifizierung unter Sprachwissenschaftlern nicht unumstritten ist, die SIL eine zu enge Auffassung bei der Klassifikation unterstellen, geben die Karten doch einen guten Eindruck der Sprachenvielfalt Kameruns.

Darüber hinaus entstand aus dem Französischen eine neue "Mischsprache", die hauptsächlich Elemente des Französischen, aber auch Wörter des Cameroon Pidgin-English (Kamtok) und Begriffe aus verschiedenen anderen Landessprachen in sich vereinigt: das Camfranglais.
Anfangs eine "Jugendsprache", die auch den Zweck hatte die Erwachsenen auszugrenzen, spricht man Camfranglais mittlerweile im ganzen Land.

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Regionalismus und Ethnizität

In diesem völkerreichen Land treffen somit unterschiedlichste Kulturen, Lebensformen, Sprachen und Religionen - deren Grenzen teilweise auch ethnienübergreifend verlaufen - aufeinander. Gegensätze und Interessenskonflikte zwischen verschiedenen Ethnien, Nomaden und Sesshaften bzw. Viehhaltern und Ackerbauern, allochthonen und autochthonen Bevölkerungsgruppen, Frankophonen und Anglophonen, Stadt- und Landbevölkerung, "Nordisten" und "Südisten", Christentum und Islam führten und führen manchmal auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Bei manchen dieser Konflikte geht es um den Zugang zu Ressourcen, andere haben ihren Ursprung in der Geschichte und häufig werden diese Konflikte auch von einzelnen Eliten, politischen Parteien oder dem Staat instrumentalisiert. Trotz, ja vielleicht gerade wegen seiner Heterogenität zählte Kamerun bisher zu einem der vergleichsweise stabilsten Länder der Region. Eine Situation, die aber nicht unbedingt von Dauer bleiben muss.

Trotz offiziell propagierter Zweisprachigkeit ist die Unterscheidung in französisch- und englischsprachige Kameruner die augenfälligste Trennlinie, die die kamerunische Gesellschaft durchzieht. Französischsprachige Kameruner orientieren sich verstärkt an Frankreich und der Frankophonie, während sich die Anglophonen mit Großbritannien und dem Commonwealth identifizieren. Militante sezessionistische Kräfte proklamierten 1999 die Republik Ambazonia, die Mitglied der "Unrepresented Nations and Peoples Organisation (UNPO)" ist. Trotzdem handelt es sich bei Anglophonen und Frankophonen um keine homogenen Blöcke, sondern innerhalb dieser Gruppen existieren mannigfache interethnische Konflikte. Beispiele hierfür sind die Spannungen zwischen den anglophonen Nordwestlern und Südwestlern oder den Bamilékévölkern und anderen frankophonen Ethnien. Interessenskonflikte, z.B. um Landnutzungsrechte oder Grundbesitz, aber auch Versorgungsnotlagen, wie z.B. Wassermangel oder aber parteipolitische Auseinandersetzungen werden häufig ethnisiert oder ethnisch instrumentalisiert. Bei der Besetzung öffentlicher Ämter wird zwar streng auf ethnischen Proporz geachtet, trotzdem stellt es kein Tabu dar, ethnische Konflikte parteipolitisch zu nutzen. Bisher kam es aber nur vereinzelt zu lokal eng begrenzten ethnischen Zusammenstößen.

Die Identifizierung mit der eigenen Ethnie ist stark ausgeprägt. Ob Kirdigruppe aus den Mandarabergen, Mbororo-FulaniBakweri, Bamilékévölker (wie z.B. Baham), Fang, Pygmäen oder Sawa - die Ethniengruppe Südkameruns - jede Volksgruppe veranstaltet "Kulturtreffen", betreibt eigene Tontines und propagiert ethnische Solidarität und Zusammenhalt, vor allem wenn sich ihre Mitglieder in der "Diaspora", wie z.B. in den Städten außerhalb ihrer Region oder im Ausland, befinden.

Sozialstruktur

Die gewaltigen sozialen Gegensätze werden in Kamerun vor allem in den großen Städten augenfällig, wo Arm und Reich direkt aufeinandertreffen. Es kam zu Zerstörungen von städtischen Armenvierteln. Eine gesellschaftliche Mittelschicht ist nur schwach entwickelt. Gleichwohl schneiden die USA hinsichtlich der sozialen Ungleichheit noch etwas schlechter ab als Kamerun.

Statussymbole wie Luxusautos, teure Villen, exklusive Clubmitgliedschaften und der Konsum von Importwaren gehören zum Lebensstil der kamerunischen Eliten. Oder, wie es augenzwinkernd heißt: "Les "V-s": Voiture, villa et ventre", wobei inzwischen auch vidéo und virement hinzugezählt werden. Manchmal trügt aber auch der Schein.
Andererseits steht jeder reiche Kameruner unter genauer Beobachtung sowohl durch seine (Groß-) Familie, als auch durch sein Heimatdorf und seiner ethnischen Gruppe,- und dem sozialen Druck zur "Streuung" des Reichtums ist nur schwer auszuweichen.

Videos zum Thema:

Stadt-Land-Verhältnis

Trotz der rapiden und hohen Verstädterungsrate ist für viele Kameruner "au village" der "Mutterschoß", in den auch die Städter in regelmäßigen Abständen besuchsweise (!) zurückkehren.
Andererseits wartet die Stadt mit Möglichkeiten und Verheißungen auf, die vor allem auf junge Leute eine große Anziehungskraft ausüben. Und der Rückzug ins Dorf - angesichts wiederholt auftretender ökonomischer Krisen - bietet nicht mehr wie früher eine sicherere Lebensgrundlage, sondern das Risiko noch extremerer Armut.

Geschlechterverhältnis

Fischbraterei, Yaoundé
Fischbraterei, Yaoundé; © Martin Wassermair

Nach wie vor besteht in Kamerun eine deutliche Diskrepanz zwischen bestehenden Gleichstellungsrechten und der Wirklichkeit. Frauen sind in Kamerun zu einem sehr hohen Anteil erwerbstätig. Die große Mehrheit ist Bäuerin und damit für die Nahrungsmittelproduktion des Landes zuständig. Mehr Frauen als in anderen afrikanischen Ländern bekleiden untere und mittlere Positionen in Verwaltung und Schule oder arbeiten als Kleinunternehmerinnen. Sehr viele verdienen - daneben oder ausschließlich - ihren Lebensunterhalt bzw. das zum Leben notwendige Bargeld im informellen Sektor. Trotzdem sind sie in politischen Entscheidungspositionen unterrepräsentiert, ihre wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten sind beschränkt und auch in familiären Angelegenheiten gilt der Mann als Chef, was durch traditionelles und modernes Familien- und Eherecht bestätigt wird.
Der OECD "Social Institutions and Gender Index" beleuchtet die Kategorien Familienrecht, körperliche Unversehrtheit, bürgerliche Freiheiten, Bevorzugung von Söhnen und Eigentumsrechte. Kamerun belegt hier den Platz 71 (v. 86).
Der UNDP "Gender Inequality Index (GII)" gibt Auskunft über reproduktive Gesundheit (Müttersterblichkeit, Geburtenraten Minderjähriger), Empowerment (Parlamentssitze, Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen) und wirtschaftliche Aktivität (Arbeitsmarktdaten). Hier liegt Kamerun auf Rang 138 (v. 159; 2015).
Alles in allem ein deutlicher Widerspruch zu den hehren Zielen der Peking-Deklaration oder den Millennium-Entwicklungszielen.

Um die Chancengleichheit von kamerunischen Mädchen ist es schlecht bestellt. Kamerun erreicht im "Save the children" - Bericht von 2016 Rang 124 (v. 144). Die Ursachen sind Kinderheirat, Teenagerschwangerschaften, Müttersterblichkeit (als Indikator für den Zugang zu guter Gesundheitsversorgung), Frauenanteil im Parlament im Verhältnis zu männlichen Abgeordneten und weniger Sekundarstufenabschlüsse als Jungen. Die Verheiratung von minderjährigen Mädchen in Kamerun ist weit verbreitet:  so werden fast 40 % der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag und 13% vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet.
Es gibt inzwischen viele kamerunische Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Themen wie Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Verheiratung Minderjähriger, Zwangsehen (auch im Süden des Landes), Frauenalphabetisierung, Frauengesundheit, aber auch mit der Förderung und Begleitung von Frauen bei der Unternehmensentwicklung und vielem anderen mehr auseinandersetzen. Aber auch die Frage der politischen Teilhabe von Frauen in der kamerunischen Politik wird aufgegriffen, Pressure Groups entstehen und es wird Hilfe für Betroffene angeboten.

Aber auch Männer, vor allem junge Männer, werden von traditionellen Rollenerwartungen und den Anforderungen des "modernen" Lebens unter Druck gesetzt.

Weitere Themen, die ausschließlich oder schwerpunktmäßig die Rechte von Frauen und Mädchen betreffen sind Prostitution, auch Kinderprostitution, Menschenhandel, Vergewaltigung sowie traditionelle Praktiken wie das Brustbügeln und die weibliche Genitalverstümmelung (FGM). Im landesweiten Durchschnitt sind etwa ein Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten, wobei diese Praxis deutlich an Regionen bzw. Ethnien, weniger an Religion, gekoppelt ist: so gibt es bei einigen Volksgruppen gesicherte Prävalenzen von 13 %.  

Migration

Arbeiter aus Nordkamerun bei Obala
Arbeiter aus Nordkamerun bei Obala; © Gudrun Riedel

Migrationsbewegungen sind zahlenmäßig schwierig zu erfassen. Binnenmigration findet in Kamerun von den ländlichen Regionen in die Städte, aber auch vom armen Norden in den reicheren Süden statt.
Zielländer für die Emigration sind vor allem Frankreich, dicht gefolgt vom boomenden Gabun, mit etwas Abstand folgen Nigeria und die USA. Hier macht sich auch der "Brain drain" stark bemerkbar.
Unter verschiedenen Einwanderungsstrategien sind Eheschließungen weit verbreitet.

Immigranten schätzen in Kamerun die politische Stabilität, die sie in den benachbarten Heimatländern Nigeria, Tschad, Äquatorialguinea oder der Zentralafrikanischen Republik nicht finden.

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Bildung

Schule

Schülereinzug
Schülereinzug; © E. Herold

Die Geschichte der formalen Schulbildung Kameruns begann mit den europäischen Missionaren. Heutzutage existieren in Kamerun zwei Schulsysteme: die anglophonen Provinzen orientieren sich am britischen Schulsystem, wohingegen im frankophonen Landesteil das französische Modell vorherrscht.
Zuständig für die Bildung ist der Staat. Auf dem Papier besteht in Kamerun allgemeine Schulpflicht, die staatlichen Primarschulen sollen kostenlos sein. Ein hehres Ziel, das angesichts der 2015 Millennium Development Goals formuliert wurde. 50 % der Primarschulen sind staatlich, 50 % in privater, vorwiegend konfessioneller Trägerschaft.
Seit 2006 ist Kamerun Mitglied der Initiative Global Partnership for Education und erhält Förderkredite zur Umsetzung des nationalen Bildungssektorplans 2013-2020, dessen Hauptziel das Erreichen einer qualitativ hochwertigen allgemeinen Grundschulbildung ist.
Auch unter den Sekundarschulen, die es sowohl in allgemeinbildender als auch technischer Ausrichtung gibt, existieren sowohl staatliche als auch private.
Schlecht bezahlte und unmotivierte Lehrer, unangepasste Lehrinhalte, schlechte Schulausstattung, überfüllte Klassen, hohe Abbruch- und Wiederholungsraten sowie Korruption sind nur einige der vielen Probleme in Kameruns Schulen. Reich oder arm zu sein, in der Stadt oder auf dem Land zu leben, das Geschlecht und die Landesregion entscheiden über die Qualität der Schulbildung.
Schulbildung für Mädchen ist noch lange keine Selbstverständlichkeit, und das gilt nicht nur für den in solchen Fragen als besonders rückständig geltenden Norden. Eine weitere Problematik besteht in der Finanzierung von Schuluniformen, Büchern, Heften und Stiften durch die Familien.
Nachdem Berufsschulen bzw. die Berufsschulbildung lange Zeit ein Schattendasein in der staatlichen Bildungspolitik führten, wurde als Reaktion auf die Krise in den 90-ern, die hohen Arbeitslosenraten unter jungen Leuten und die starke Entwicklung des informellen Sektors das Enseignement et la Formation techniques et professionnels (EFTP) konzipiert. Probleme in diesem Bildungszweig ergeben sich durch den Mangel an Ausbildungszentren, fehlende Einbindung der beruflichen Bildung in das Gesamtsystem der Bildung, ungenügender Verbindung zwischen beruflicher Bildung und Arbeitsmarkt und unzulängliche Finanzierung.

Hochschulbildung

Universitäten entstanden in Kamerun nach der Unabhängigkeit 1961/62. Staatliche Universitäten bestehen in Yaoundé (Yaoundé I und II), Douala, Dschang, Ngaoundéré, Buea und Maroua; Buea ist die einzige anglophone Universität Kameruns. Es gibt auch mehrere private Universitäten (z.B. Université des Montagnes) und Hochschulen.
Seit Jahren befinden sich die Hochschulen Kameruns in einer permanenten Krise: "brain drain", unzumutbare Studienbedingungen und die Frage des Einhaltens einer "Regionalen Balance" bilden dauerhaften Zündstoff.

Universität Buea, einzige englischsprachige Universität Kameruns
Universität Buea; © Gudrun Riedel

Gesundheit und Sozialwesen

Medizin und Gesundheitsversorgung

Seit den 90er-Jahren befindet sich das staatliche Gesundheitssystem Kameruns in der Umstrukturierung. Ziele sind Dezentralisierung, Qualitätskontrolle und die Einbindung der Bevölkerung in Verwaltung und Finanzierung von Gesundheitseinrichtungen. Zudem wird auch der "Results-Based Financing for Health (RBF)"- Ansatz der Weltbank erprobt.
Allerdings lassen die Ergebnisse der staatlichen Gesundheitspolitik weiterhin zu wünschen übrig. Absoluter Ärztemangel aufgrund mangelnder Ausbildungsplätze, relativer Ärztemangel, denn die wenigen Ärzte lassen sich vorwiegend in den städtischen Zentren nieder, unzulängliche Infrastruktur und knappe Arzneimittel sind nur einige der Missstände, die die medizinische Versorgungslage Kameruns kennzeichnen. Verschärft wird die Situation durch die Abwanderung von Gesundheitspersonal ins Ausland.
Gesundheitsindikatoren wie Lebenserwartung, Kindersterblichkeit oder Müttersterblichkeit liegen leicht unterhalb des afrikanischen Durchschnitts, auffällig sind aber die starken regionalen Unterschiede, in denen sich, wie schon bei den Armutsindizes, das Süd-Nord- bzw. das Stadt-Land-Gefälle widerspiegelt.
HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose zählen zu den wichtigsten Krankheiten. Insbesondere HIV-Kranke sind nach wie vor Opfer von gesellschaftlicher Stigmatisierung und Diskriminierung. Seit einem großen Cholera-Ausbruch im Mai 2010 scheint sich die Cholera in Kamerun erst einmal festgesetzt zu haben. Hauptursache dieser Krankheit ist Wassermangel, insbesondere der Mangel an sauberem Wasser, und dieser betrifft sowohl Nord- wie Südkamerun, ländliche Gegenden ebenso wie die Städte. 

Videos zum Thema:

Sozialwesen

Die Idee, die soziale Absicherung der Bevölkerung hinsichtlich Gesundheits-, Altersversorgung etc. als staatliche Grundaufgabe aufzufassen, hat sich in Kamerun noch nicht wirklich "eingebürgert".
Zwar existiert eine Caisse Nationale de la Prévoyance Sociale (CNPS), die ihre Leistungen wie Rentenzahlung, Verletztengeld, Invalidenrente etc. aus Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträgen finanziert, aber die Mehrheit der Kameruner hat zu dieser öffentlichen Sozialversicherung keinen Zugang, weil viele entweder ohne Arbeitsvertrag, auf selbstständiger Basis und im informellen Sektors arbeiten oder aber arbeitslos sind. Zudem herrscht allgemein großes Misstrauen, ob man, trotz regelmäßiger Beitragszahlung, wirklich im Alter oder in einer Notlage von einer Leistung profitieren wird. Außerdem ist die Einrichtung immer wieder von größeren und kleineren Skandalen betroffen, was das Vertrauen ins System auch nicht fördert. Arbeitslosen- und Krankenversicherungsleistungen sowie Krankengeld werden von der CNPS nicht übernommen.
Staatsbeamte dagegen sind über ihren Arbeitgeber versichert. Für sie existiert sogar eine staatliche Krankenversicherung; allerdings gibt es auch hier Probleme, sobald Gelder ausgezahlt werden sollen.

Nur wenige Kameruner sind krankenversichert, nichtsdestotrotz gibt es Bewegung auf dem Gebiet der Krankenversicherung; es existieren die unterschiedlichsten Modelle.

Kultur

Kulturelle Verhaltensstandards

Will man die kamerunische Gesellschaft anhand kultureller Verhaltensstandards klassifizieren, so ist diese als deutlich beziehungsorientiert (d.h. das persönliche Verhältnis ist sehr wichtig) einzustufen und zeigt einen klaren Trend zu kollektiven Verhaltensmustern (das "Wir" ist wichtiger als das "Ich"). Die Gesellschaft zeigt eine ausgeprägte Machtdistanz (Hierarchien sind erwünscht, ja notwendig), bei mittlerer bis schwacher Unsicherheitsvermeidung (Ungewissheit ist normal). "Die Kameruner" kommunizieren eher indirekt und haben ein eher zyklisches Zeitverständnis.
Selbstverständlich liefert diese Einteilung nur einen groben Anhaltspunkt. Letztendlich spielen unterschiedliche regionale Herkunft, ethnische Charakteristika, der Stadt-Land-Gegensatz, die soziale Stellung, der Bildungsstand und die vielen anderen Prägungen eines Individuums eine entscheidende Rolle.

Traditionelle Kultur

Traditionelle Empfangsgruppe in der NW-Regions
Traditionelle Empfangsgruppe in der NW-Region; © Gudrun Riedel

Einen umfassenden Überblick zur traditionellen Kultur Kameruns zu geben ist angesichts der großen Vielfalt ein aussichtsloses Unterfangen. Jede Ethnie besitzt ihre eigenen kulturellen Praktiken, Mythologien, Feste und Rituale, die mit entsprechenden Objekten, Tänzen und Gesängen verbunden sind. Wenn die Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen nicht möglich sein sollte, bieten Museen, die in verschiedenen Städten bestehen, einen Einblick.

Hochburgen des Kunstgewerbes sind die Städte Foumban im Westen und Maroua im Norden, sowie die "Grassfields/-lands" in der Nordwest-Region.

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Musik

Aufnahme eines Musikvideos in Douala
Aufnahme eines Musikvideos in Douala; © Gudrun Riedel

Musik rangiert in Kamerun auf der Beliebtheitsskala gleich hinter Fußball. Musik war wichtig,- ist wichtig und wird sicher auch in Zukunft ihren hohen Stellenwert beibehalten. Ob traditionelle Musik auf dem Land, die unzähligen Kirchenchöre oder moderne Musik, wie Pop, Rock, Hip-Hop oder Jazz,- jedwede Musikform erfreut sich größter Beliebtheit und der Musikgeschmack ist breit gefächert.
Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen wird Musik auch als politisches und ethnisches Aushängeschild benutzt.
Wenn kamerunische Musiker zusammen auf die Barrikaden gehen, kennt der Staat jedoch kein Pardon
Kamerunische Musikstars auf der internationalen Szene sind Manu Dibango, dessen Stücke auch bei internationalen Pop-Größen heiß begehrt sind, und Richard Bona.

Der Musiker und Poet Francis Bebey ist 2001 gestorben. Er war im Ausland sehr bekannt, lebte jedoch nicht in Kamerun, weil er von offizieller Seite politisch bekämpft wurde. 

Literatur

Während in der Musik häufig in den Landessprachen gesungen wird, ist die Literatur faktisch französisch oder englisch besetzt. Sie wird auch fast nur im Ausland verlegt, unter anderem weil die meisten relevanten Schriftsteller zur politischen Opposition gehören und häufig im Exil leben oder lebten. Rene Philombe und Mongo Beti, zwei Klassiker der kamerunischen Literatur, sind beide im Jahr 2001 verstorben. Ferdinand Oyono, ein weiterer großer alter Mann der kamerunischen Literatur, hat sich mit dem Regime arrangiert und war lange Jahre Regierungsmitglied.

Calixthe Beyala ist eine der wenigen Frauen in der kamerunischen Literatur. Ihre vieldiskutierten Werke behandeln häufig Frauenthemen.
Patrice Nganang ist ein international sehr erfolgreicher, mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichneter Vertreter der jüngeren Schriftstellergeneration. Ebenso Max Lobe, der 2017 für sein jüngstes Werk in Genf den Ahmadou-Kourouma-Literaturpreis erhielt.

Film

Immer wieder machen kamerunische Regisseure auch international von sich reden. Jean Marie Teno und Jean-Pierre Bekolo sind wichtige Vertreter des kamerunischen Films.
Jean-Pierre Bekolos Film "Le Président" löste, obwohl nur ein einziges Mal auf dem Filmfestival in Burkina Faso aufgeführt, beträchtliche Unruhe aus. Ein weiterer kamerunischer Regisseur, Richard Fouofie Djimili, wurde wegen einer Filmsatire ähnlichen Themas vom Geheimdienst entführt, festgehalten und gefoltert

Videos zum Thema:

La Nouvelle Liberté de Sumegne
La Nouvelle Liberté de Sumegne; © Gudrun Riedel

Bildende Kunst

Maler, Bildhauer und Installationskünstler kommen zwar aus allen Regionen Kameruns, Foren, in denen Kunstschaffende ihre Arbeiten vorstellen, sich mit Kollegen austauschen und vielleicht auch Käufer interessieren können, sind allerdings rar gesät.
Umso wichtiger sind Einrichtungen wie doual'art, wo mit Ausstellungen und Aktionen Kunst und Künstler gefördert und "unter die Leute gebracht" werden.

Ausstellung "Visages de masques de Hervé Youmbi"
Ausstellung "Visages de masques de Hervé Youmbi"; © Gudrun Riedel
Ausstellung "Visages de masques de Hervé Youmbi"
Ausstellung "Visages de masques de Hervé Youmbi"; © Gudrun Riedel
Ausstellung "Visages de masques de Hervé Youmbi"
Ausstellung "Visages de masques de Hervé Youmbi"; © Gudrun Riedel

Religion

Der Religion fällt in der kamerunischen Gesellschaft eine bedeutende Rolle zu. Hinsichtlich der Religionszugehörigkeit zählen sich 70 % der Kameruner den christlichen Kirchen zugehörig, 20 % dem Islam und 10 % den traditionellen Religionen bzw. anderen Religionsgemeinschaften. Letztendlich sind diese Zahlen aber mit Vorsicht zu genießen, da religiöse "Mischformen" weit verbreitet sind.

Das afrikanische Phänomen des zunehmenden Sekten(un)wesens ist auch in Kamerun verbreitet und findet unter den verarmten Bevölkerungsschichten immer mehr Anhänger.

Traditionell ist der Islam in Kamerun sufistisch und hier vor allem durch den Tidschaniya-Orden geprägt. Er zeichnet sich durch große Toleranz aus.
Seit den 90er-Jahren begann sich Saudi-Arabien stärker in Kamerun zu engagieren und der Einfluss der konservativen islamischen Glaubensrichtung wurde nach und nach größer.

Katholische Kathedrale Douala
Katholische Kathedrale Douala; © Gudrun Riedel
Moschee bei Mora
Moschee bei Mora; © Gudrun Riedel

In Kamerun gibt es keine Staatsreligion. Die kamerunische Verfassung garantiert ihren Bürgern Religionsfreiheit und in aller Regel respektiert der Staat dieses Grundrecht.
Das Verhältnis und der Umgang der Religionen untereinander war lange Zeit von gegenseitigem Respekt und Toleranz geprägt. Der interreligiöse Dialog funktionierte ganz gut. Zwar wurden Anhänger traditioneller Religionen im muslimischen Norden oft verächtlich angesehen, auch wurde vereinzelt von kleineren Konflikten zwischen Christen und Moslems berichtet, aber Kamerun kannte bisher, im Gegensatz zu den Nachbarländern, keine religiöse Gewalt.
Welche Auswirkungen Boko Haram und die damit einhergehende Destabilisierung des Nordens auf das religiöse Miteinander in Kamerun haben werden?
Nachdem, aufgrund der letzten Anschläge, die islamische Ganzkörperverschleierung in den Regionen Extreme-Nord, Nord, Ost und Littoral verboten wurde, kommt es immer wieder zu Übergriffen gegenüber Musliminnen, selbst wenn diese nur ein Kopftuch tragen. Der religiöse Frieden in Kamerun scheint auf dem Spiel zu stehen.
Ganz unabhängig von Boko Haram... letztendlich sind kamerunischer Staat, religiöse Führer, aber auch internationale Geldgeber in der Pflicht für gegenseitige Toleranz und gegen religiösen Radikalismus tätig zu werden.

Das Länderinformationsportal

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im April 2019 aktualisiert.

Über die Autorin

Gudrun Riedel
Gudrun Riedel

Gudrun Riedel
arbeitete mit dem DED acht Jahre in Ruanda und Kamerun (Ländliche Entwicklung und Organisationsförderung).
Seit 1999: freiberufliche Referentin in der entwicklungspolitischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit der GIZ u.a.
Seit 2003: Landestrainerin für Kamerun und Trainerin für Interkulturelle Handlungskompetenz (Afrika) unter anderem u.a. bei der GIZ/ AIZ.

Reiseleiterin für Kamerun bei Projekt- und Begegnungsreisen.

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ gestaltet Lernangebote für die internationale Zusammenarbeit. Wir führen mehr als 2000 Fort- und Weiterbildungen durch und entwickeln innovative, wirksame und nachhaltige Lernkonzepte. Und das weltweit.

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