Kunst und CocaCola: Patrick Mukabis "Sodas", Museum Ramoma.© Ehlert
Anteil alphabetisierte Erwachsene
78,7 % der über 15-Jährigen (HDR 2018)
Bedeutende Religionen
Christentum ca. 80 %, Islam ca. 10 %, Indigene
Städtische Bevölkerung
27,0 % (HDR 2018)
Lebenserwartung w/m
68,7 / 64,0 HDR 2018 (2017: 69,7 / 64,9 Jahre)
Gender Inequality
0,545, Rang 134 von 162 (HDR 2018)
Anzahl der Geburten
3,49 pro Frau (Weltbankdaten für 2018)
Kindersterblichkeit der unter 5-Jährigen
45,6 auf 1000 Geburten (HDR 2018)

Hybridgesellschaft im Wandel

Zur vielbeschworenen Vielseitigkeit Kenias gehört seine ethnische Vielfalt. Auch wenn sich junge, gebildete Großstädter heute weniger auf ihre Ethnie als Bezugspunkt berufen als früher, so spielt die Frage der ethnischen Herkunft doch noch immer eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft. Dass beim Zensus 2009 erstmals mehr Kalenjin gezählt wurden als Luo, floss in die Arithmetik der Wahlprognosen ein. Mit Spannung waren die Ergebnisse des Zensus' 2019 erwartet worden, die die Nationale Statistikbehörde im Februar 2020 online stellte, die Datenbasis für die Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Demnach war die Bevölkerung seit 2009 bis August 2019 von 37,7auf 47,6 Millionen Einwohner gestiegen; das Wachstum flachte sich seitdem ab von 2,7 auf 2,2 Prozent. Die größten ethnischen Gruppen blieben in der Reihenfolge von 2009 Kikuyu, Luhya, Kalenjin, Luo und Kamba.

Für viele Kenianer bleibt die Zugehörigkeit zu einer Ethnie ein bedeutendes Element ihres sozialen Netzwerkes, wichtig bei Jobsuche und in Krisensituationen. Menschen in der Umgebung zu wissen, die dieselbe Muttersprache sprechen, ist für viele Bewohner der Millionenmetropole Nairobi nicht unwichtig, auch wenn Politiker nicht gerade mit Mitteln des Tribalismus um Wählerstimmen buhlen und Menschen unterschiedlicher Ethnien gegeneinander aufhetzen. Doch gehören auch Menschen dazu, die sich aufhetzen lassen, und nicht wenige Kenianer erwarten von ihrem Abgeordneten eine Art lokaler Patronage und dass er seine Ethnie gegenüber anderen bevorzugt.

Mehr als 40 Ethnien zählt das Land und noch mehr Sprachen, einige vom Aussterben bedroht. Die Berufung auf Tradition - und damit sind Traditionen der Ethnien gemeint - spielt in Kenia auch im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle, ob bei den Übergangszeremonien der Samburu oder Massai oder bei der Namenswahl der Kikuyu. Dass jemand mit dem Mountainbike und ein bis zwei Handys unter der Shuka, dem roten Gewand der Massai, zu einer Hochzeit aufbricht, ist nicht ungewöhnlich. Von hybriden Gesellschaften sprach der Journalist Bartholomäus Grill und meinte damit die Gleichzeitigkeit von Tradition und Anpassung an die Erfordernisse von heute. Ein Nomade treibt sein Vieh über die tansanische Grenze, als ob es sie wie vor 200 Jahren nicht gäbe. Gleichzeitig schickt seine christlich getaufte Frau die Söhne in die Schule statt zum Ziegenhüten und baut neben der Hütte Gemüse an. Ethnizität und Tradition sind nichts Statisches und müssen keineswegs zwangsläufig zum politisierten Tribalismus führen. 

Da keine Ethnie in Kenia von der Zahl her dominant ist (außer in einigen Counties), gab es seit der Staatsgründung politisch immer eine Notwendigkeit, Bündnisse zu schließen, wollte man die Macht erlangen oder halten. Minderheiten, die nicht Teil starker Bündnisse wurden, gerieten ins Hintertreffen. Politische Gegnerschaft muss aber nicht in Form ethnischer Polarisierung ausgetragen werden und darf es laut Verfassung theoretisch neuerdings auch nicht mehr. Verschiedene Institutionen haben die Aufgabe, Hasstiraden und Milizenbildung zu unterbinden und einen nationalen Konsens zu fördern.

Wer sich für kenianische Kulturen noch vor und zu Beginn der Kolonialzeit interessiert, wird in der Kikuyu-Ethnographie Facing Mount Kenya fündig, die der spätere Staatsgründer Jomo Kenyatta 1938 als Stipendiat in London veröffentlichte. Zu dieser Zeit waren die Kikuyu bereits seit fast 50 Jahren fest in das koloniale System integriert, die Kultur der meisten Kikuyu geprägt von Arbeitsmigration und dem Leben als Landarbeiter auf den Großfarmen der weißen Siedler oder als Arbeiter, Hauspersonal und Bürohelfer in der Kolonialverwaltung. Wie war es, als der weiße Mann kam, fragte die Romanautorin Elspeth Huxley zu Beginn des 20. Jahrhunderts die alten Kikuyu. "Red Strangers", heißt das Resultat, das weit entfernt ist von kolonialer Romantik einer Karen Blixen. Die Autobiografie der Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai, "Unbowed", gibt Aufschlüsse, wie die Kikuyu die Mau-Mau-Ära und den Aufbruch in die Unabhängigkeit erlebten und liefert ebenso spannende Einblicke in die politische Kultur der bleiernen KANU-Jahre.

Eine Inszenierung von Massai-Kultur und ethnopolitischen Forderungen bietet die Seite Maasai-Online der Maasai Association. Dass die Swahili-Kultur der Küste eine Jahrhunderte alte städtische Tradition beinhaltet, ist in Mombasa, den Ruinen von Gedi bei Watamu oder auf Lamu gut zu sehen.

Aus dem Alltag nicht wegzudenken, weder aus der Wirtschaft noch aus der Kultur, sind die Einflüsse der teils seit Jahrzehnten in Kenia beheimateten Flüchtlinge und Migranten. Sie kommen aus Zentralafrika wie der DR Kongo und dem Sudan, zu Hunderttausenden aber auch aus Somalia. In Nairobi ist ein ganzer Stadtteil in Anlehnung an die somalische Hauptstadt Little Mogadischu genannt worden, ein Mikrokosmos von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung. Chancen und Risiken des Flüchtlingsdaseins sind dort exemplarisch nachzuvollziehen - wenn man sich denn hineintraut in das leider sehr schlecht beleumundete Viertel.

Ein Mädchen betreut ein Kleinkind in Kangemi, Nairobi.
Junges Land, junge Gesellschaft. Die großen Kinder kümmern sich um die kleinen. Kangemi, Nairobi © Ehlert

Neben den ethnischen Bezügen gibt es im Leben nahezu aller Kenianer zwei Faktoren im Sozialleben, die trotz aller Umbrüche und Modernisierungstendenzen nicht wegzudenken sind: Die Familie. Und das Land. Gemeint ist das Land der Vorfahren. Manche Gruppen müssen ihre Verstorbenen auf "Stammesland" bestatten, was beispielsweise für eine Luo-Familie in Nairobi, die den toten Angehörigen Hunderte Kilometer bis Kisumu zu begleiten hat, mit Kosten und Aufwand verbunden ist. All das ist im Aufbruch, und keine Aussage kann pauschal getroffen werden, außer der, dass Kenia eine sehr junge Gesellschaft ist, die zu nahezu 40 Prozent aus Kindern unter 14 Jahren besteht.

Die Mehrgenerationenfamilie bildet bis heute neben dem sozialen Rückgrat der Gesellschaft auch einen hierarchischen Rahmen für jeden Einzelnen, auf dem Land und unter den Nomaden vielleicht noch stärker als unter den unabhängigeren Mittelständlern der Großstädte. Es ist eine Altershierarchie und es ist ein Machtverhältnis, in dem Männer mehr zu sagen haben als Frauen. "Schlag sie und sie weiß, dass Du sie liebst", wird der Abgeordnete Wafula Wabuge mit einem Rat für den Umgang mit Frauen zitiert. Das war 1979.

Dass Kenias Parlament sich bis heute weigert, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen, ist für Kenias politisch bewusste Frauen ebenso ein Unding wie der Sextourismus (den ganz besonders die Deutsche Lea Ackermann mit ihrer Organisation Solwodi bekämpft).

Die noch immer praktizierte und verbreitete Genitalverstümmelung (FGM) von Frauen und Mädchen gehört zu den größten Herausforderungen in Kenia, nicht nur für Frauenrechtlerinnen, sondern auch für die Gesundheitspolitik und die Medizin. Und natürlich für die Betroffenen selbst, die beginnen sich zu wehren. Über ein Fünftel der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren ist beschnitten, schätzt UNICEF. Diese Praxis, die je nach Ethnie in unterschiedlich extremen Formen Anwendung findet, ist seit vielen Jahren gesetzlich verboten; aber Verbote führen nicht unbedingt zu einer Verhaltensänderung, sondern oft auch nur zu einer Ausübung der archaischen Tradition im Verborgenen oder zu einer Vorverlegung der Tat, sodass sich die Kinder nicht dagegen wehren können.

Am unteren Ende der sozialen Skala befinden sich jedenfalls oft die Kinder und ganz unten die Mädchen, die zum Wasserholen geschickt werden statt in die Schule und nach ihrer Verstümmelung jung heiraten müssen. Fast ein Viertel der Mädchen wird vor ihrem 18. Geburtstag und 4 Prozent werden vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet. 15 Prozent der Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren sind bereits Mütter, ergeben Daten aus dem Jahr 2014 - Zahlen, die sich während der Corona-Krise 2020 kaum verbessert haben dürften.

Trotz beachtlicher Fortschritte insbesondere in der Sphäre der politischen Präsenz hätten die Frauen noch viele Hürden zu überwinden, fasst das britische Institut für Entwicklungsstudien in einem Überblick das Geschlechterverhältnis in Kenia zusammen. Selbst die Produktivität in der Landwirtschaft leide unter der strukturellen Benachteiligung der Frauen in der Gesellschaft, heißt es in einer Studie der UN.

Dass Homosexualität in Kenia vielen als unafrikanisch und unmännlich gilt und unter Strafe steht, entspringt ebenfalls einem Traditionsbewusstsein, das inzwischen von schwulen Aktivisten offen als fehlgeleitet kritisiert wird. Doch weder Parteien und schon gar nicht die Kirchen stehen dieser Minderheit zur Seite.

Man spricht Sheng - Sprachen im Alltag

Drei verschiedene Sprachgruppen sind vertreten, grob unterschieden in bantu, nilotisch und kuschitisch. Offizielle Landessprachen sind Englisch, die Sprache der ehemaligen Kolonialherren, und Kiswahili (wörtl.: Sprache der Küste), eine afrikanische Sprache, die ursprünglich vor allem in der Küstenregion zwischen Somalia und dem Norden Mosambiks gesprochen wurde und die viele arabische Anteile enthält. Die BBC listet insgesamt 68 Sprachen für Kenia auf, darunter auch solche, die vom Verschwinden bedroht sind oder nur noch von wenigen Menschen gesprochen und verstanden werden wie El Molo am Turkanasee oder Okiek im Mau Escarpment. 

Außer in abgelegenen Regionen Nordkenias werden Sie sich zumindest mit Leuten unter 40 recht gut in Englisch verständigen können. Das ist ein Erfolg der meist miserabel ausgestatteten, aber flächendeckend vorhandenen Primarschulen. Für eine Karriere im Geschäftsleben, in der Politik, im öffentlichen Dienst, bei den Kirchen oder bei NROs sind gute Englischkenntnisse ein Muss.

Kiswahili hat in Kenia zwar nicht denselben hohen Stellenwert wie in Tansania, es ist aber die wichtigste Verkehrssprache für das alltägliche Leben. Im städtischen Umfeld -auch in ärmeren Vierteln- sprechen viele Eltern mit ihren Kindern bewusst nur Kiswahili, statt in der Lokalsprache ihrer Heimatregion. Es empfiehlt sich sehr, sich die Grundzüge dieser Sprache anzueignen, denn es macht viele Kontakte leichter. Redewendungen, Zahlen und die wichtigsten Vokabeln können Sie auch auf der deutschsprachigen Seite Swahili.de üben. Die Deutsche Welle bietet auf ihrer Internetseite auch Nachrichten in Kiswahili.

Manche Erwachsene nehmen inzwischen Sprachkurse, damit sie ihre Kinder verstehen: Sie lernen Sheng, ein Slang aus Kisuaheli, Englisch und regionalen Sprachen. Sheng ist auf dem Weg über HipHop und Rap inzwischen im städtischen Umfeld besonders bei Jugendlichen sehr verbreitet. Songs auf Sheng sind manchmal Stein des Anstoßes für Medienaufsicht und Moralapostel, weil die Worte sehr vielseitig auslegbar sind.

Luxusgut Bildung

Kongowea Primary - 188 Kinder in einer Klasse
Direktor Edward Ndeda in der überfüllten Examensklasse Kongowea Primary School, Mombasa © Ehlert (2)

Im Bereich der Bildung hat Kenia viel geleistet. Laut Weltbank können immerhin rund 80 Prozent der Kenianer über 15 Jahre lesen und schreiben. Eine gute Ausbildung gilt als der Schlüssel zu sozialem Aufstieg, zu einer höheren Produktivität der Wirtschaft und einer geringeren Abhängigkeit der Einzelnen wie der Volkswirtschaft vom volatilen Agrarsektor. Das wissen auch Kenias Eltern, doch mit mehr als 9 Millionen Grundschülern ist das öffentliche Bildungssystem hoffnungslos überlastet. Obwohl seit 2003 kostenlos, nehmen Eltern, die es sich ansatzweise leisten können, ihre Kinder aus dem public system heraus und stecken sie in Privatschulen, die je nach Image und Angebot trotz Konkurrenz nicht unbedingt günstig sind. Soziale, regionale und ethnische Zugehörigkeiten wirken sich auf den Bildungserfolg und die Zukunftschancen der Kinder aus.

Schulen

Das Bildungssystem funktioniert nach dem 8-4-4-Prinzip, das heißt, dass es nach der achtjährigen Volksschulzeit ein nationales Examen gibt, anschließend kann nur ein Bruchteil der Kinder höhere Schulen besuchen. Das gute Abschneiden ist für den Ruf der Privatschulen von solcher Bedeutung, dass einige den öffentlichen Instituten begabte Schüler vor den Examina regelrecht abwerben, um mit deren Erfolgen werben zu können. Auch kommt es regelmäßig zu Betrug bei den Prüfungen. Von den zahlreichen Internaten kommen vereinzelt Meldungen an die Öffentlichkeit über sexuellen Missbrauch der Mädchen durch Pädagogen, denen sie anvertraut sind. Zu den Risiken für die Schülerschaft gehört auch die bauliche Beschaffenheit der Schulgebäude, oder die Tatsache, dass Kinder in verriegelten Internatssälen ums Leben kommen, wenn Brände ausbrechen.

Die schlechte Bezahlung der Lehrer führte bereits zu Ausständen. Ein Schuljahr an einer privaten boarding school ist für umgerechnet 500 Euro zu haben, inklusive Ernährung. Das ist auch für kenianische Verhältnisse knapp kalkuliert und deutet nicht auf üppige Lehrersaläre hin.

Hochschulen

Kenias staatliche und private Universitäten können nicht ausreichend akademischen Nachwuchs ausbilden. Wer Geld hat, schickt sein Kind nach Übersee, je nach Einkommen von Indien bis Kanada. Größte Universität im Land ist die University of Nairobi, wegen ihrer Lage am Rand der Innenstadt von Nairobi häufig Ausgangspunkt für Protestmärsche. Mangels Mitteln müssen manche Studierende ihre Ausbildung unter- oder abbrechen. Streiks und Schließungen sorgen zusätzlich für lange Studienzeiten. Aktuelle Einblicke ins kenianische Hochschulwesen liefert der DAAD. Dabei ist der Austausch keine Einbahnstraße. In Nairobi begegnen einem auch Studierende aus Deutschland, die ihre Physik-Grundlagen dort erwerben, oder deutsche Ärzte im Praktikum, die sich von Kliniken in Nairobi größere Einblicke ins Spektrum der Notfallmedizin versprechen als in Deutschland.

Handwerk

Für das Handwerk gibt es Institute, die praktische Lehrgänge anbieten, etwa das Utali-College für den Bereich Hotellerie und Gastronomie. Doch die meisten Handwerker müssen ohne Fachtraining auskommen; gute Facharbeiter wie Klempner, Elektriker oder Automechatroniker sind deshalb nur schwer zu bekommen. Gegen den Mangel an Berufsbildung hat das deutsche Entwicklungsministerium 2017 eine große Initiative gestartet, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat zudem 2018 eine Studie über Möglichkeiten vorgestellt, das in Deutschland bewährte Berufsbildungssystem auch in Kenia zu implementieren.

Kenias Bildungssektor genießt schon lange die besondere Unterstützung durch die Gebergemeinde, doch das große Budget macht den Bildungshaushalt auch anfällig für Korruption, weswegen Großbritannien seine Hilfen in Millionenhöhe zeitweilig einfror.

Digitales Lernen gewinnt an Bedeutung, doch oft fehlt die Ausstattung
Lesen, Schreiben, Rechnen - aber bis ins digitale Zeitalter ist es noch ein weiter Weg, auch für Bildungsinstitutionen in Kenia. Skulptur aus Computertasten: "Common Posture" von Munene Karithi. Gesehen in der One Off Contemporary Art Gallery in Rosslyn, Nairobi - ein grünes Paradies am Rande der Stadt und eine Fundgrube für Kunstsammler.

Gesundheit und Sozialwesen

Aufklärung als HIV-Vorsorge - eine bemalte Schulwand ©Ehlert

Zugang zur Gesundheitsversorgung

Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zeigen es: Von einer Flächen deckenden Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung ist Kenia weit entfernt. Auf Tausend Bürger kommen gerade mal 0,14 Ärzte (in Deutschland 3,37). Mehr noch: Selbst wenn ein Arzt erreichbar wäre, könnten die meisten ihn nicht bezahlen. Krankenhäuser gibt es nur in den wenigen größeren Städten. In den staatlichen Hospitälern werden Patientinnen und Patienten, die nicht bezahlen können, selbst nach einer Operation kurzerhand vor die Tür gesetzt. In den gut ausgestatteten Privatkrankenhäusern werden Patienten ohne Kreditkarte gar nicht erst zugelassen. Hier ergibt sich ein großes Betätigungsfeld für internationale Partner wie die GIZ, die durch Beratungsleistungen und finanzielle Unterstützung mithilft, insbesondere auch in den Landkreisen zur Verbesserung der Lage beizutragen. Auch technische Lösungen wie medizinische Apps und moderne Datenverarbeitung haben Hoffnungen auf eine bessere Versorgung auf dem Land geweckt.

Ein großes Thema ist und bleibt die Bekämpfung der Malaria, die von der nachtaktiven, weiblichen Anophyles-Mücke übertragen wird und nahezu jeden zehnten Kenianer einmal im Jahr erwischt. Entgegen anderslautenden Gerüchten gibt es bislang keine allgemein zugelassenen Impfstoffe gegen den in Kenia in allen vier Typen vertretenen Plasmodium-Parasiten, der grippeähnliche Symptome mit hohem Fieber auslösen kann und bei Nichtbehandlung oft zum Tod führt; insbesondere für die Kindersterblichkeit spielt Malaria eine große Rolle. Aber auch für Gesundheit und Einkommen ganz allgemein, denn wer drei bis vier Mal im Jahr darniederliegt, weil ihn die Malaria außer Gefecht gesetzt hat, kann seinen Acker kaum effektiv bestellen. Entscheidend für eine effektive Bekämpfung, so erklären es Experten des Insektenforschungsinstituts ICIPE in Nairobi, ist der Dreiklang aus Prävention (Mosikotnetz und/oder Repellent), Vektorkontrolle (Brutstätten trockenlegen) und rechtzeitiger und richtiger Behandlung (Medikamente bei Erkrankung). Kenia soll nach Berichten lokaler Medien nun offenbar zum ersten Testgebiet für einen leider nur mäßig wirksamen Impfstoff werden. Mehr und mehr geraten nun die Vektoren, die Mücken selbst, in den Focus der Seuchenbekämpfer, die nach Wegen suchen, die Insekten an der Übertragung des Parasiten zu hindern.

Schon früh hatten die staatlichen Gesundheitsbehörden die Ausbreitung eines neuartigen Coronavirus in China aufgefasst. Nach einigem Zögern stellte der für den Afrika-China-Verkehr wichtige Carrier Kenya Airways seine Chinalinien Anfang 2020 zeitweilig ein, um ein Einschleppen der Seuche, die für gefährlicher als SARS gehalten wurde, einzudämmen (mehr Infos dazu im Kapitel Geschichte & Staat).

Im Alltag zumal für ärmere Menschen spielen nicht zuletzt aus Kostengründen nach wie vor traditionelle Heiler und auf heimischen Kräutern basierende Therapien eine große Rolle. Oft werden zunächst die Heiler und Wahrsager um Rat gefragt, bevor sich ein Patient der Schulmedizin zuwendet. Das Interesse der Schulmedizin, aber auch von Medizinethnologen an der Wirkung von Neem-Tree oder Tulsi-Kraut ist längst geweckt, gleichzeitig gibt es Bestrebungen, den Sektor der Kräutermedizin gesetzlich und administrativ zu regeln. 

ABC oder HIV - der schwierige Kampf gegen Aids

Das Thema HIV/AIDS wurde in Kenia jahrelang 'unter den Teppich gekehrt'. Erst um die Jahrtausendwende erkannte Präsident Moi die Dringlichkeit des Problems öffentlich an. Eine klare ABC-Kampagne wie in Uganda - Abstain, Be faithful, use Condoms - gab es in Kenia von Seiten der Regierung nie. Zaghafte Bemühungen der Regierung zur HIV-AIDS-Prävention an Schulen wurden noch Mitte der 90er Jahre nach wütenden gemeinsamen Protesten des katholischen Bischofs von Nairobi und islamischen Imamen von der Küste wieder eingestellt. Doch die hohe Zahl an HIV-Infizierten und inzwischen rund 1,1 Millionen Aidswaisen machte das Problem mehr als offensichtlich. Nach WHO-Angaben waren noch 2004 etwa 7,4 Prozent der Kenianer zwischen 15 und 49 Jahren HIV-positiv, die Prävalenzrate soll derzeit bei rund 4,8 % liegen, 1,5 Millionen Kenianerinnen und Kenianer leben mit der Infektion. Inzwischen ist HIV/AIDS ein großes Thema in der kenianischen Gesundheitspolitik, und selbst in abgelegenen und von Traditionen geprägten Gebieten fand ein Umdenken statt. Eine von USAid geförderte Kampagne zur Kondomverteilung verlief erfolgreich. Doch immer wieder stehen Zehntausende HIV-Infizierte ohne die nötigen antiretroviralen Medikamente da, weil es an Geld fehlt.

Sozialwesen: Hilfe gegen Armutsrisiken

Sozialfür- und vorsorge als Mittel zur Armutsbekämpfung ist immer Teil der offiziellen Sozialpolitik gewesen, doch die Ergebnisse der Bemühungen müssen als durchwachsen bezeichnet werden. Zudem steht zu befürchten, dass die Coronakrise noch mehr Menschen unter die Armutsgrenze drückt. Magere Renten, eine immer niedrige Unsicherheitsvermeidung, die sich in niedrigen Versichertenzahlen von etwa 8 Millionen Versicherten ausdrückt (immerhin: mit Angehörigen sind das gut 50 % der Bevölkerung) sowie erhöhte individuelle gesundheitliche und wirtschaftliche Risiken von Erkankungen bis Missernten drücken Menschen immer wieder unter die Armutsgrenze oder verhindern, dass sie sich aus der Misere befreien. Die soziale Spaltung ist eklatant, wie in vielen afrikanischen Ländern. Mit einem Experiment sozialer Grundsicherung versucht die US-amerikanische NRO GiveDirectly jetzt, besonders armen Kenianern eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Startinvestitionen zu vermitteln. In einer Langzeitstudie mit 6000 Begünstigten, die monatlich rund 20 Euro beziehen, soll ermittelt werden, ob dies Wachstum auslöst und nachhaltig ist. Bis Mitte 2019 wurde das Projekt nach Auskunft von GiveDirectly auf 60.000 Familien ausgedehnt, so würde insgesamt 300.000 Menschen eine geringe Grundsicherung zuteil.  

Die staatliche Rentenkasse NSSF zieht von Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils 6 Prozent des Bruttolohns für die Rentenkasse ein, doch erstens kommt ein Großteil der Kenianer nicht in den Genuss dieser Absicherung, und zweitens reichen die Ausschüttungen nach Eintritt ins Rentenalter von 60 Jahren nicht zum Überleben. Der größte und für Beamte und Angestellte obligatorische Gesundheitsversicherer NHIF zählt rund 5,8 Millionen Kunden, ein Bruchteil der Bevölkerung. Eine nennenswerte Absicherung für den Fall von Arbeitslosigkeit gibt es nicht. 

Inzwischen haben die privaten Versicherer aber die wachsende Mittelklasse als Kunden für sich entdeckt. Kenia gilt den Konzernen als Wachstumsmarkt. Doch sind Risiken wie Schwangerschaft, HIV/Aids und Zahnfürsorge oft vom Schutz ausgenommen. Außerdem gab es immer wieder Fälle, in denen private Versicherer Konkurs anmeldeten und Ärzte und Kliniken auf ihren Kosten sitzen blieben. Schlagzeilen von Patienten, die wie Gefangene im Hospital gehalten wurden, um auf diese Art eine Zahlung zu erpressen, sind nicht die Ausnahme.   

Religion: Mit Gott unterm Baobab-Baum

Viele Menschen bekunden ihren Glauben höchst öffentlich..
Ein wenig Gottvertrauen kann nicht schaden, wenn man auf so einem Gerät in Nairobi sein Geld verdient. © Stefan Ehlert 2020

Spiritualität und Religion spielen für die meisten Kenianer eine sehr große Rolle. Die Mehrheit der Kenianer - laut Zensus 2019 sind es 85 Prozent - sind Christen verschiedener Konfessionen. Etwa 11 Prozent bekennen sich zum Islam. Es ist im privaten wie im öffentlichen Rahmen üblich, zu Beginn einer Veranstaltung zu beten, oft auch Vertreter mehrerer Religionen. Seit hundert Jahren gibt es in Nairobi auch eine Synagoge für die jüdische Gemeinde, die in Folge der Naziverfolgung in den Kriegsjahren besonderen Zulauf hatte. 

Die römisch-katholische Kirche umfasst 20,6 Prozent der Bevölkerung. Die protestantischen Kirchen kommen auf 33,4 Prozent und sind damit die größte Gruppe. Sie formulieren gemeinsame Positionen im National Council of Churches (NCCK). Schon unter dem Moi-Regime verstanden sich viele Vertreter dieser Kirchen als Mahner für eine Politik der Gerechtigkeit. Großen Zulauf (20,4 Prozent) haben jedoch auch feurige bis fanatische Prediger der so genannten Erweckungsbewegungen. Auch die stark an Amerika orientierten Pfingstkirchen präsentieren sich -wegen der Corona-Pandemie nochmal stärker als sonst - im Internet, aber auch in Präsenz. Immer wieder füllen sich extatisch gebende Prediger und Wunderheiler große Foren.

An der Küste stellen die Muslime die Mehrheit, die für einen liberalen Islam steht. Eine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen, wie in anderen afrikanischen Ländern, ist für Kenia undenkbar. Doch die wahabitische Missionierung wirkt auch hier. Terroristische Anschläge, das Problem der Al-Shabab-Milizen in Somalia und die Politisierung der Religion in den Wahlkämpfen und der Verfassungsdebatte 2010 trugen zu einer gewissen Entfremdung bei. In Mombasa bildete sich eine Gruppe muslimischer Separatisten, der Mombasa Republican Council, der die Abspaltung des bis 1964 nicht zu Kenia gehörenden arabischen Küstenterritoriums forderte. Nicht nur die Muslime wundern sich darüber, dass ihre Region, die mit dem Tourismus in guten Jahren sehr viele Devisen erwirtschaftet, zu den ärmsten im Land gehört.

Traditionelle religiöse Vorstellungen spielen vor allem an der Küste etwa unter den Digo, bei den Maasai und bei Gruppen in der nördlichen Rift Valley Region (Turkana, Samburu, Pokot) noch eine größere Rolle. Insbesondere die Beschneidungs- resp. Verstümmelungszeremonien (age set) sind ein gesellschaftliches Ereignis. Heilige Bäume vom Baobab bis zum Feigenbaum stehen auch dort unter Schutz, wo offiziell keiner mehr Animist sein will. Viele christliche Kenianer pflegen einen recht unverkrampften Umgang mit dem Erbe der traditionellen Spiritualität; das eine schließt das andere nicht unbedingt aus. Einen guten Einblick in Wirkungsmacht und Alltagsbedeutung animistischer Traditionen liefern Hans von Loesch und Werner Zeppenfeld mit ihrem Buch "Afrikanisches Schach".

Künstlerischer Aufbruch nach der Second Liberation

Frauenbildnis von Fitsum Woldelibanos. © Ehlert
Frauenbildnis von Fitsum Woldelibanos. © Ehlert
National Museum of Kenya. © Ehlert
National Museum of Kenya - frisch renoviert. © Ehlert

Kenias Hauptstadt Nairobi ist eine Weltstadt mit einem großen Angebot an Musik, Literatur und bildender Kunst, wo sich Welttrends und regionale wie lokale Entwicklungen oft zu etwas Neuem verschmelzen. Das Ende der Ära Moi Ende 2002, genannt Second Liberation, wirkte wie ein Befreiungsschlag auf die Künstlerszene; es entstanden neue Kulturzentren wie das GoDown Arts Center in South C und neue Museen wie das RaMoMa für moderne Malerei in Parklands. Es gibt modernes Tanztheater, und selbst Stücke wie die explizit auf die weibliche sexuelle Selbstbestimmung bezogenen Vagina-Monologues können unsanktioniert aufgeführt werden (allerdings gab es die auch schon unter Moi).

Kenianische Filmemacher - nicht zuletzt durch die Unterstützung von Tom Tykwer - produzieren außergewöhnliche Spielfilme und Dokumentationen über ungewöhnliche Stoffe, wie der über eine lesbische Liebe junger Frauen, Rafik, oder Soul Boy, Nairobi Half Life und Supa Modo, die weltweit Beachtung finden.

Junge Künstler wie der eritreische Exilant Fitsum Woldelibanos haben in Kenia Erfolg und Ausstellungen in Übersee; etablierte Maler können plötzlich von ihrer Arbeit auch leben. Und angesagte Websites vermitteln allen, die Zugang zum Netz haben, was los ist: Auf Websites wie 'Kuonatrust' präsentieren sich junge Maler und Bildhauerinnen. KenyaBuzz wirbt für Kino und Konzerte. Kwani? macht junge Literatur populär und ist mit seinen Lesungen und Publikationen zu einer Institution im kulturellen Leben herangewachsen.

Livemusik, Modenschauen, sogar Klassikkonzerte - die wachsende Kulturlust nicht nur der gebildeten Jugend sorgt für erfolgreiche Events. Beliebte Treffpunkte sind nach wie vor der Saal des Goethe-Instituts, das benachbarte "French Culture" genannte Domizil der Alliance Française, aber auch Ausflugsziele wie die National Museums of Kenya oder das Karen-Blixen-Haus für den Anschauungsunterricht in kolonialer Lebensart finden ihr Publikum.

Ganz unabhängig von den politischen Zeitläufen und Moden ist Kenia per se reich an Kunst und Kultur, nicht zuletzt Dank seiner ethnischen Diversität. Zahlreiche Ausprägungen kenianischen Kulturlebens haben Eingang gefunden in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes, darunter Tänze aus Western oder im Osten die berühmten Kulturstätten, die Kayas mit ihren leider bedrohten Riten und Praktiken der Mijikenda-Küstenbewohner.

Eine Stimme der jüngeren Generation
Wanderer zwischen den Welten - hier 2009 auf dem Brooklyn Book Festival. © Nightscream (CC BY 3.0)

Schriftsteller wie Binyavanga Wainaina, der Erfinder von Kwani? haben einer ganzen Generation, die zwischen Dorf und Großstadt und Ausland nach ihrer Identität sucht, eine bissige und originelle Stimme gegeben. Leider ist Wainaina 2019 nur 48-jährig in Nairobi an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Er war 2014 einer der ersten Prominenten seines Landes, die sich zu ihrer Homosexualität bekannten. Damit machte er sich zum Opfer von Anfeindungen, da auch in Kenia wie in mehr als 30 weiteren afrikanischen Staaten gleichgeschlechtlicher Verkehr mit massiven Strafen geahndet werden kann und Homophobie dort zum populistischen Gebaren mancher Politiker und Kirchenvertreter gehört.

 

 

Die großen alten Männer des Literaturbetriebs publizieren nach wie vor: Meja Mwangi, der schon in den 70-er Jahren mit "Going Down River Road" einen Klassiker des kritischen Sozialromans vorgelegt hat (leider immer noch aktuell). Ngugi wa Thiong'o, Regimeopfer, der mehr als 20 Jahre im Exil verbrachte und mit "Herr der Krähen" eine ironische Generalabrechnung mit den Jahren der Diktatur aufgeschrieben hat. Viele halten seine autobiografischen Werke für herausragend. Sie zu lesen ist ein Weg, die tragischen Seiten der kenianischen Geschichte in authentischen Beschreibungen kennenzulernen: das Gefängnistagebuch "Kaltgestellt", seine "Träume in Zeiten des Krieges".

Inzwischen hat auch das Krimi-Genre entdeckt, dass Kenia reichlich Stoff für Thriller bietet, darunter der Sohn wa Thiong'o's, Mukoma wa Ngugi mit "Nairobi Heat". Der sozialen Wirklichkeit sehr nah kommen die Protagonist*innen der Krimis von Richard Crompton.

Wie Krimis lesen sich leider auch manche Dokumentationen und historische Abhandlungen über Kenia, darunter Christopher Goffard's "You will see fire" über den ungeklärten Tod eines regimekritischen amerikanischen Priesters in Kenia, oder auch die in Kenia verbotene Autobiografie des einstigen Botschafters Smith Hampstone, "Rogue Ambassador", auf deutsch "Der unbequeme Botschafter". Zunächst mit Hilfe westlicher Botschaften wurde das ebenfalls wie ein Krimi wirkende Lebensbildnis des Anti-Korruptionsbekämpfers John Githongo aus der Feder von Michela Wrong vertrieben, weil sich die Buchhändler*innen in Nairobi zunächst nicht sicher waren, ob sie nicht für den Vertrieb bestraft werden könnten. Immerhin wagte die Tageszeitung Daily Nation einen Vorabdruck, und heute hat sich das auch auf Deutsch erhältliche "Jetzt sind wir dran" im Kanon dessen, was man über Kenia gelesen haben sollte, fest etabliert. 

Chan Bahal in seinem Bookstop im Yaya Shopping Center
Seit vielen Jahren der angesagte Buchladen in Nairobi: Chan Bahal in seinem Bookstop im Yaya Shopping Center. Er wurde unter Moi schon zu Strafzahlungen verurteilt, weil er politisch missliebige Bücher vertrieb, und er weiß bis heute immer genau, was gerade verboten oder "kritisch" ist. © Ehlert 2015

Sport: In der Leichtathletik eine Weltmacht - Marathon unter 2 Stunden

Cricket, Rugby, Fußball - sehr viele Kenianer sind sportbegeistert und kennen sich längst nicht nur in der heimischen Premier League aus, sondern auch im Profifußball in Spanien, Italien, Deutschland und natürlich Großbritannien. Doch in keinem Bereich des Sports sind Kenianer erfolgreicher als in der Leichtathletik auf der Mittel- und Langstrecke. Das ostafrikanische Land sei auf diesem Feld "eine Weltmacht", urteilt der Sportinformationsdienst (SID). Insbesondere im Marathon ist seit einigen Jahren der Begriff Dominanz angebracht. Am 12. Oktober 2019 riss erstmals ein Mensch beim Marathon die Zwei-Stunden-Grenze, der Kenianer Eliud Kipchoge lief die 42,2 Kilometer in Wien in 1'59'40. "Das zeigt, jeder kann seine Grenzen überschreiten", kommentiert er selbst seinen historischen Erfolg, den manche Journalisten gar mit der Mondlandung verglichen.

Eingeleitet wurde die Erfolgsgeschichte der von der Konkurrenz gefürchteten "kenianischen Laufwunder" von dem legendären Kipchoge Keino, der 1968 auf der 1500-Meter-Distanz die erste olympische Goldmedaille für sein Land gewann. In München 1972 knüpfte er mit einer zweiten Goldmedaille - diesmal über 3000 Meter Hindernis - an den Triumph von Mexiko City an. Kip Keino, wie er genannt wird, begründete das Höhenlauftraining in seinem Land, das über einen großen Pool talentierter Läuferinnen und Läufer verfügt, so dass zu nahezu jedem Zeitpunkt Vertreter Kenias in Top-Form bei den großen Rennen von Boston bis Hamburg oder Doha antreten können, an der Spitze der Rennen oft dicht gefolgt und manchmal auch überholt von Äthiopiern oder Eritreern.

Warum ausgerechnet die Kenianer der Welt davonrennen, ist seit Jahren weltweit ein Thema in der Sportpresse: Genannt werden genetische Ursachen ebenso wie Muskelstruktur und Körperbau. Tatsächlich kommen sehr viele der Athleten aus dem Hochland um Eldoret und gehören derselben ethnischen Gruppe der Kalenjin an. Kip Keino selbst führt auch Trainingsmethoden ins Feld. Er sagt, dass Kenias Läufer immer in Gruppen trainierten und sich gegenseitig anfeuerten und so die Leistung steigerten. Die hohen Preisgelder ermöglichten es einigen der Sieger, sich mit einem Schlag aus der Armut zu befreien - das dürfte zumindest ein weiteres Motiv sein, warum sich in Ostafrika vergleichsweise viele junge Menschen auf den harten Leistungssport einlassen.

Unter den vielen Siegern seines Landes ragt Paul Tergat heraus, der erst im Alter von 34 Jahren 2003 in Berlin seinen ersten Marathon-Titel holte, gleichzeitig Weltrekord, den er bis 2007 hielt.

Doch seit einiger Zeit überschatten Hinweise auf Doping das strahlende Sieger-Image der kenianischen Ausdauersportler. Rund 40 von ihnen sollen Presseberichten zufolge des Dopings überführt worden sein. Um die Starterlaubnis bei den olympischen Spielen im Sommer 2016 in Rio nicht zu gefährden, hat das Parlament in Nairobi im April 2016 ein Anti-Doping-Gesetz erlassen. Die Spiele verliefen aus kenianischer Sicht so erfolgreich wie nie zuvor und wurden doch überschattet - nicht vom Doping, sondern von anderen Skandalen, die zur Auflösung des Nationalen Olympischen Komitees führten: Ausrüstung verschwand, Tickets wurden verschoben, Betreuer daheimgelassen.  

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Diese Länderseite wurde zuletzt im Dezember 2020 aktualisiert.

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Rolf Sackenheim
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

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