Bananen-Markt am Mount Kenya / © Neil Palmer, CIAT (CC BY-SA 2.0)
Geschätztes BIP 2015
ca. 60 Milliarden US-$
Pro Kopf Einkommen (kaufkraftbereinigt)
1160 US-$ (Weltbank für 2014)
Rang der menschlichen Entwicklung
Rang 145 (v. 187) HDI 2015
Anteil Armut (unter 1,25 $ pro Tag)
43,4 %
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
47,7
Anteil alphabetisierte Erwachsene
72,2 %
Wirtschaftliche Transformation (BTI), 2016
Rang 73 (von 129)

Wirtschaft

Öl und Bohnen

Die Wirtschaft steht weiter vor einschneidenden Veränderungen. Schon vor drei Jahren wurde in der Turkana-Region Erdöl gefunden, und es wird vermutet, dass es sich um große Mengen handelt. Auch offshore hofft Kenia auf Funde, die sich wirtschaftlich ausbeuten lassen. Ostafrika steht vor einem energy bonanza, schreibt der Economist, denn auch in den Nachbarländern wurden Öl- und Gasreserven gefunden. Uganda hat bereits mit der Förderung begonnen. Als Küstenland könnte Kenia vom Rohstofftransport auch der Nachbarn profitieren. Doch noch fehlen sowohl der Beweis der Wirtschaftlichkeit als auch politische und gesetzliche Rahmenbedingungen, damit aus den Rohstofffunden gesellschaftlicher Reichtum entsteht. Inzwischen - so sagen Beobachter in Nairobi - haben die potenziellen Förderfirmen ihr Personal wieder abgebaut, da nicht absehbar sei, ab wann sich die Erdölgewinnung in Kenia lohnen werde. Das wohl größte Windkraftwerk Afrikas soll dagegen Ende 2017 am Netz sein und Strom liefern.

Eine realistische Strategie, den jüngst entdeckten Wasserreichtum eines der trockensten Länder Afrikas zu fördern, lässt ebenfalls auf sich warten. Im dürregeplagten Turkana County im Norden sind gigantische Süßwasserreservoirs entdeckt worden, genug, um das ganze Land nachhaltig zu versorgen. Doch wie bei Öl und Strom dürfte neben eigentumsrechtlichen und anderen technischen Fragen der Leitungsbau eine Herausforderung sein. Außerdem sind die Funde offenbar nicht für den Konsum durch Menschen geeignet.

Pläne für Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur beinhalten bislang u.a. den Bau eines Überseehafens in Lamu sowie eine Bahnverbindung bis Juba im Südsudan, sowie Straßen, Flughäfen und Bildungseinrichtungen. Da sich die Hoffnungen auf Einnahmen aus dem Erdölgewinn bislang nicht erfüllt haben, finanziert das Land die Investitionen u.a. mit Krediten. Größter Gläubiger ist mittlerweile China, dessen Projektfinanzierung erfahrungsgemäß mit Aufträgen an chinesische Unternehmen verbunden ist, die wiederum Chinesen beschäftigen und damit dem kenianischen Arbeitsmarkt oft nur geringe Impulse geben.

Das auf einen Verkehrsinfarkt zusteuernde Nairobi setzt auf die Schiene und hat erste Pendlerzüge eingeweiht. Wie alle Zukunftsprojekte ist auch dies Teil der Vision 2030, Kenias Masterplan aus dem Jahr 2008 für den Weg in die Zukunft als middle income country. Der ehrgeizige und von Entwicklungspartnern hoch gelobte Plan scheint in Überarbeitung zu sein, denn als offizielles regierungsamtliches Dokument ist er derzeit nicht mehr verlinkbar.

Eine weitere wichtige Veränderung der jüngsten Zeit ist der Boom der Mobiltelephonie, der den Dienstleistungs- und Bankensektor geradezu revolutioniert. Bereits ca. ein Drittel des gesamten Bruttosozialprodukts des Landes wird per M'Pesa, also per Handy, transferiert, was plötzlich Menschen Zugang zu finanziellen Dienstleistungen verschafft, die darüber zuvor nie verfügen konnten. Die Banken haben teils mit regionaler Verbreitung und verbesserten Kundenangeboten reagiert.

Als Drittes ist der mehrfache Anschluss Kenias an die weltweiten Datenautobahnen über Unterseekabel hervorzuheben, der ein Potenzial für den Dienstleistungssektor enthalten könnte (u.a. Teams, Eassy, Lion1+2).

Generell basieren Wirtschaft und Überleben der breiten Masse auf der Landwirtschaft, die mit Blumen, Gemüse (Bohnen, Zuckerschoten, Babymais), Tee und Kaffee zu einem Viertel zum BIP beiträgt und rund zwei Drittel der Bevölkerung beschäftigt. Die Ökonomie hat entsprechend mit typischen Problemen eines afrikanischen Landes zu kämpfen: Bevölkerungsdruck, Korruption und klimatische Widrigkeiten verbinden sich mit einer strukturellen Benachteiligung im Welthandel, unvorhersehbaren Preisschwankungen und einer zu geringen Absorbtionsfähigkeit des Arbeitsmarktes. Folgende Quellen liefern Überblicksdaten:

Wirtschaftssystem und Wirtschaftssektoren

Kenia hat seit der Unabhängigkeit auf ein kapitalistisches Wirtschaftsmodell gesetzt, das jedoch starker staatlicher Steuerung unterworfen war. Insbesondere das System der so genannten parastatals, halbstaatlicher Unternehmen, die jedoch in Wirklichkeit Staatsunternehmen waren, sowie staatliche Importmonopole schufen Einfallstore für Misswirtschaft, Nepotismus und Korruption. Einen Überblick über die politische und wirtschaftliche Geschichte seit der Unabhängigkeit liefert Charles Hornsby in "Kenya. A History since Independence".

Bereits zu Beginn der 80-er Jahre vereinbarte Kenia mit der Weltbank als eines der ersten Länder ein Strukturanpassungsprogramm. Schneller noch als die politische Liberalisierung setzte noch in den 1990er Jahren die Regierung Moi auf Druck der Geberländer eine weitgehende wirtschaftliche Liberalisierung um. Staatliche Vermarktungsgesellschaften für landwirtschaftliche Produkte wurden teils aufgelöst, der kenianische Binnenmarkt für ausländische Waren geöffnet.

Nach anfänglichem Enthusiasmus in der Bevölkerung über neue Konsumangebote und die Auflösung korrupter Staatsfirmen zeigte sich, dass viele Menschen zu den 'Marktverlierern' gehörten. Trotz beachtlicher wirtschaftlicher Wachstumsraten von 5-6 Prozent geht auch in Kenia die Schere zwischen arm und reich weiter auseinander.

In der Wertschöpfung ist der Dienstleistungssektor mit dem Devisenbringer Tourismus mit einem Anteil von nahezu zwei Drittel am BIP führend. Doch rund zwei Drittel der Bevölkerung leben nach wie vor von der Landwirtschaft, die wichtige Exportgüter wie Tee, Blumen oder Gemüse hervorbringt, darunter French Beans, die aus kaum einem deutschen Supermarkt mehr wegzudenken sind. Die industrielle Produktion ist mit ca. 16 % der drittgrößte Sektor.

Wichtigste Handelspartner sind die afrikanischen Nachbarn, gefolgt von Europa. Die Strategie einer an ökonomischen Zielen ausgerichteten Diplomatie beinhaltet eine Intensivierung der regionalen Integration sowie die Positionierung Kenias als Standort für Direktinvestitionen. Seit der Jahrtausendwende hat insbesondere der Austausch mit China - vor allem im Bereich Bau und Verbrauchsgüter-Import - massiv an Bedeutung gewonnen, zum Nachteil der kenianischen Handelsbilanz. Kritisiert wird in dem Kontext, dass es offenbar zu auffälligen Begünstigungen chinesischer Auftragnehmer bei Ausschreibungen von Bauaufträgen gekommen sein soll, außerdem wurden gefälschte Importprodukte aus China moniert sowie deren mangelnde Qualität.

Der Acker als Lebensgrundlage: Land ist das Opium der Massen

Die Landwirtschaft ist Kenias wichtigster Wirtschaftszweig, da die meisten Kenianer von ihr leben. Das Land ist weltgrößter Exporteur von schwarzem Tee, Produzent hochwertiger Arabica-Kaffees oder auch Ananas. Außerdem ist Kenia einer der größten Prouzenten von Pyrethrum, das in Mückensprays verarbeitet wird. Der Bereich Horticulture, also Blumen und Gemüse, hat in den vergangenen 20 Jahren sehr an Bedeutung gewonnen und zeitweilig einen Exportgewinn von einer Milliarde US-Dollar generiert. Nahezu jede dritte Schnittrose in Europa kommt aus Kenia, und rund 80 Prozent der Bohnen und Erbsen aus Kenia finden Abnehmer in Europa.

Für Millionen von Subsistenzbauern ist ein kleiner Acker mit Mais die Überlebensgrundlage und oft genug auch für städtische Angestellte und Tagelöhner die einzige Form der Alterssicherung. Selbst in Nairobi hat nahezu jeder einen Acker "up country" oder hofft, einen solchen zu erwerben. Schon immer galt Land als "opium of the masses", und das beruht nicht zuletzt auf der Wirtschaftsstruktur und dem Mangel an sozialen Sicherungssystemen. Gleichzeitig sind ungeklärte Landbesitzverhältnisse in zunehmendem Maße ein Investitionshindernis.

Die Kenia-Seiten der FAO geben einen guten Überblick über die klimatischen und strukturellen Bedingungen. Das Frühwarnsystem fewsnet mit Sitz in Nairobi schlägt frühzeitig Alarm, wenn Missernten drohen. Es belegt, dass leider der Großteil des Landes nicht mehr als food secure gelten kann. Auch in der sonst so fruchtbaren und hoch gelegenen Central Region finden sich hungernde Familien, denen der halbe acre Acker (= ca. 100 mal 50 Meter) nicht mehr zum Überleben reicht. Selbst wenn Mais- oder Bohnenreserven im Land vorhanden sind, können viele Menschen sie sich nicht kaufen. Urban Farming ist unter diesen Umständen kein Lifestyle, sondern Notwendigkeit:  Angesichts der Lebensmittelpreise greifen auch Stadtbewohner zur Hacke und verwandeln z.B. den Grünstreifen in der Mitte der Stadtautobahn zum Maisfeld. Doch die Nomaden in den nördlichen und südlichen Dürregebieten haben diese Möglichkeit nicht; ihre Lebensform gilt als bedroht, der Wandel nomadischer zu sesshaften Gruppen und die klimabedingte Landflucht der Viehzüchter ist bereits im Gange. 

Seit der Unabhängigkeit hat sich die Bevölkerung auf derzeit rund 44 Millionen Einwohner mehr als verfünffacht. Jedes Jahr kommt bei einer Geburtenrate von ca. 2 % eine Million Kenianer hinzu. Das heißt, dass sich das Land nur bei steigender Produktivität im Agrarsektor selbst ernähren kann. Da die Menge an Anbauflächen kaum wachsen wird, zudem die Mechanisierung - etwa bei der wichtigen  Teeernte - im Agrarbereich Einzug gehalten hat, werden die Kenianer selbst bei wachsender Produktivität der Landwirtschaft zunehmend auf andere Sektoren zum Einkommenserwerb angewiesen sein.

Trockengestelle für Kaffeebohnen
Trockengestelle der Baragwa-Coffee-Cooperation in Central. Größter Kunde: Tchibo. © Ehlert
Sisalplantage bei Kilifi
Sisalplantage bei Kilifi an der Küste © Ehlert
Teefelder bei Limuru
Teefelder in Limuru © Ehlert
Bild Teeplantage
Festus Kerino, Teebauer, ist glücklich über eine neue Straße zur Teefabrik ©Ehlert

Ein sensibles Geschäft: Tourismus

Der Tourismus ist in guten Zeiten ein bedeutender Devisenbringer. Kenia steht nicht erst seit der Verfilmung von Karen Blixens 'Jenseits von Afrika' als Synonym für einen bestimmten Traum. Dutzende Hotelanlagen an der Küste locken mit Stränden, die viele für die schönsten der Welt halten, und auch All-Inclusive Angebote gibt es. Doch besteht auch die Möglichkeit, in Laikipia in naturnahen Lodges unterzukommen, in der Massai Mara in Zelten die Safarinächte zu verbringen oder auf Lamu ein Familienhaus zu mieten. Wie wenige Länder Afrikas ist Kenia auf Reisende eingestellt und professionell organisiert.

Der Tourismus ist jedoch auch einer der verwundbarsten Wirtschaftszweige, der darüber hinaus stetige Investitionen in eine keineswegs gewisse Zukunft erfordert. Der Bombenanschlag von 1998 auf die US-Botschaft mitten im Zentrum von Nairobi mit mehr als 220 Toten und mehr als 4000 Verletzten schockierte die ganze Welt. In der Folge galt Kenia als unsicheres Land und die Buchungszahlen gingen rapide zurück. Kaum hatten sie sich erholt, griffen Terroristen 2002 ein von Israelis frequentiertes Hotel bei Mombasa an und versuchten, einen israelischen Passagierjet abzuschießen. Die Gewalteskalation nach den letzten Wahlen 2007/08 führte zu einem erneuten Einbruch des Sektors, der sich inzwischen zunehmend über Gäste aus Schwellenländern und Ostasien freut. Ein Linienflug aus Südkorea wurde 2012 etabliert; chinesische Reisende sind ebenfalls anzutreffen, sodass sich die Zahl der Kenia-Besucher wieder auf 1,245.000 im Jahr erholt hatte. Die Wahlen 2013 verliefen diesmal ohne Schaden für den Tourismus, doch statt punktueller Attacken hat Kenia nun ein chronisches Terrorproblem, sodass Safari-Reisende versucht sein könnten, nach Namibia, Tansania oder Sambia auszuweichen.

Generell leidet in ganz Afrika der Tourismussektor unter der Ebola-Katastrophe in Westafrika, darunter auch der in Kenia, obwohl das Land von den Ebola-Zentren weiter entfernt liegt als Frankfurt am Main. Die Folgen für den Arbeitsmarkt und die soziale Lage der Beschäftigten im kenianischen Tourismussektor sind desaströs - an manchen Stellen ist das Geschäft so stark eingebrochen, dass einstmals blühende Hotels sind zu Ruinen verfallen. Es kursieren Gerüchte in der Branche, dass politisch einflussreiche Financiers die Krise nutzen bzw. nicht ausreichend gegensteuern, um Grundstücke und Immobilien an der Küste günstiger aufkaufen zu können.

Gehobener Massentourismus in Diani Reef (l.) und eine Hängematte für Individualreisende in Mbuyu Beach, Msambweni © Ehlert

Tusker, Kikoi, Kenpoly - Industrie für die Region

Pumpstation der Magadi Soda Fabrik
Magadi Soda: Pipelines zur Fabrik. © Ehlert
Werbung für heimische Textilien auf Nairobis Craft Fair. © Ehlert

Der industrielle Sektor Kenias ist im Vergleich der afrikanischen Länder südlich der Sahara groß, spielt jedoch international kaum eine Rolle. Die Vorkommen an Bodenschätzen sind recht gering. Allein für natürliches Soda  ist Kenia mit der Magadi Soda Company (heute Teil des indischen Tata Konzerns) einer der weltweit führenden Lieferanten. Für die Global Players ökonomisch interessant wird Kenia inzwischen durch die schon gesicherten und noch vermuteten Erdölvorkommen. Wie im Sudan will China auch in Kenia langfristig bei der Rohstoffgwinnung seine Position sichern, doch anders als Uganda will Kenia westliche Unternehmen beteiligen und eine pauschale Abtretung der eigenen Rechte vermeiden.

In der verarbeitenden Industrie spielen regional die Raffinerien sowie die Kunststoffindustrie (bspw. Kenpoly) eine Rolle. Darüberhinaus vor allem die Lebensmittelindustrie, die sowohl innerhalb Afrikas als auch nach Europa und in den Nahen Osten exportiert. Kenias früher unabhängige Textilbranche hoffte auf eine Erholung als Zulieferer, spielt jedoch für die Bevölkerung kaum eine Rolle. Der lokale Textilmarkt basiert auf Mitumba, Gebrauchttextilien aus Kleidersammlungen - zum großen Teil aus Deutschland. Ohne diese günstige Einkaufsmöglichkeit hätten viele Bürger Probleme, sich adäquate Kleidung zu beschaffen; außerdem schafft die Second-Hand-Kette Arbeit und Einkommen.

Rollende Disco, leider oft mit technischen Mängeln: Ein Matatu-Sammeltaxi. © Ehlert

Der Dienstleistungssektor im engeren Sinne konzentriert sich auf das Geschäftszentrum in Nairobi und die Touristenhochburgen an der Küste. Ansonsten gibt es Hunderttausende von Frauen, die im Bereich "haushaltsnahe Dienstleistungen" arbeiten, nämlich als Hausmädchen. Selbst bei Kleinbauern auf dem Lande findet sich oft eine mittellose Verwandte, die von früh bis spät im Einsatz ist. Für Männer ist es bei der steigenden Kriminalität eine Option, als Wachmann anzuheuern. Die Sicherheitsfirmen gehören zusammengenommen zu den größten Arbeitgebern des Landes.

Im Handwerk leisten die vielen Kleinstbetriebe mit oft minimalen Mitteln Erstaunliches. "Ikea? Bau ich nach", sagt so mancher Tischler am Straßenrand, wenn ihm die Kunden entsprechende Kataloge zeigen. In jeder größeren Siedlung gibt es eine ganze Reihe von sogenannten jua kali (jua kali = "heiße Sonne", weil die meisten Handwerker unter freiem Himmel arbeiten). Millionen sind auf diese Weise im so genannten informellen Sektor tätig, ohne soziale Absicherung, aber auch ohne offizielle Steuerlast, doch deswegen oft genug Schikanen durch Behördenvertreter ausgesetzt.

Der Handel in Kenia wurde lange von den sogenannten Asians dominiert, den Nachfahren der Arbeitskräfte und Händler vom indischen Subkontinent, die vor über hundert Jahren zum Bau der Eisenbahn nach Kenia gebracht wurden. Ihr Status als erfolgreiche Händlerminorität, gepaart mit einem negativen Image als Arbeitgeber, machte sie häufig zum Ziel von Angriffen und "Ausländer raus"-Parolen. Konkurrenz ist den asiatisch stämmigen Kenianern durch die ethnischen Somali erwachsen, die einen Teil des Großhandels dominieren und mit Eastleigh einen ganzen Stadtteil zu "Little Mogadishu" umgewandelt haben.

Produkte der jua-kali-Handwerker: ein Sofa, Grabsteine.
Vom Sofaset bis zum Grabstein - Sonderanfertigung am Straßenrand? Kein Problem. Die jua-kali-Handwerker machen es möglich. © Ehlert

Lebensadern Ostafrikas - Transport von KQ bis Mkokoteni

Mkokoteni-Handkarren © Ehlert
Historische Lok © Ehlert
Überladener Lkw © Ehlert
Traffic & Transport: Ein Mkokoteni im Verkehr, eine historische Lok, die zu den stärksten der Welt zählte und ein überladener Lkw © Ehlert

Wenn Kenia hustet, bekommt Uganda Lungenentzündung, heißt ein Sprichwort in der Region. Es bezieht sich vor allem auf Kenias führende Rolle als Transitland für den Güter- und Personenverkehr von Mombasa bis Kisangani im Ostkongo.

Die seit mehr als 100 Jahren betriebene Eisenbahn wird derzeit überholt und um eine Breitspurbahn nach europäischem Vorbild erweitert, was sehr umstritten ist. Die Bahn ist insbesondere für den Ferngütertransport wichtig, der darüber hinaus von zahlreichen Speditionen bewältigt wird und auf den Steigungen des Mombasa-Highways in Richtung Nairobi endlose Lkw-Schlangen schuf und selbst im Zentrum Nairobis zum Verkehrsinfarkt beitrug. Das Zauberwort dagegen heißt Bypass, Umgehungsstraße. Nach Jahrzehnten werden entsprechende Pläne derzeit verwirklicht. Doch da Nairobis Mittelstand zunehmend das Auto für sich entdeckt, sind zu Spitzenzeiten im Berufsverkehr auch für kurze Strecken lange Zeitspannen einzukalkulieren.

Der Personentransport im Fern- wie Nahverkehr wird von Bussen dominiert, darunter Tausende Sammelbusse, Matatus, die regelmäßig im Clinch mit den Behörden liegen. Sie sind als Rückgrat des Nahverkehrs ähnlich wie in Kairo kaum wegzudenken. Die eingesetzten Nissan-Bullis gelten aber als wenig verkehrstüchtig und unfallträchtig. Die 2004 durchgesetzten Tempomate scheinen außer Betrieb zu sein; an die zulässige Zahl von 14 Passagieren scheinen sich die touts, die Schaffner, aber zumindest in Nairobi oft zu halten.

An der Küste konkurrieren Tuktuks, offene Motorrikschas, mit den Taxis; in Malindi haben sich diese flexiblen und im Vergleich erschwinglicheren Verkehrsmittel durchgesetzt. Im Güternahverkehr sind vielerorts wie seit Jahrzehnten die von einem Mann gezogenen Handkarren üblich, die Mkokotenis. Sie transportieren Gemüse, Schrott oder Wasser und werden - anders als Radfahrer - von den motorisierten Verkehrsteilnehmern offenbar respektiert. 

Im Flugverkehr steht Kenya Airways für eine der afrikanischen Erfolgsgeschichten. KQ ist Afrikas fünftgrößte Airline. Im Verbund mit KLM und Air France trotzte die Gesellschaft lange allen Krisen. Sie fliegt mehr afrikanische Ziele an als jede andere Airline auf dem Kontinent. Gestiegene Kerosinpreise, Flughafensteuern und der Konkurenzdruck machen KQ derzeit wohl zu schaffen, doch entspricht der Carrier in jeder Weise internationalem Standard und hat weiterhin gute Wachstumsperspektiven, da dem Luftverkehr in Afrika Zuwächse im zweistelligen Bereich vorhergesagt sind.

KQ machte aus Nairobi den Hub Ostafrikas. Die Bedeutung des Jomo Kenyatta International Airport als Drehkreuz zwischen Westafrika und Ostasien ist kaum zu überschätzen. Er wird derzeit ausgebaut und u.a. für den A380 fit gemacht.

Chefsache Infrastruktur - die Wirtschafts-und Finanzpolitik

Eine kohärente Wirtschaftspolitik umzusetzen war in Kenia schon aus Gründen der politischen Struktur schwierig. In seiner Präsidialdemokratie ist die Wirtschaftspolitik einerseits 'Chefsache' des Präsidenten, andererseits existieren eine ganze Reihe von Ministerien, die mit wirtschaftlichen Entscheidungen zu tun haben, deren Kompetenzen jedoch möglicherweise nicht klar abgegrenzt sind. Auch in der Gesundheitspolitik und in besonderem Maße in der Umweltpolitik war der Wildwuchs der Zuständigkeiten lange Zeit so groß, dass zielführende Absprachen kaum möglich waren und nur der übergeordneten Instanz, dem Präsidenten, wirkliche Entscheidungsbefugnis zufiel.

Nach der gewonnen Wahl von 2002 war die Regierung unter Präsident Kibaki mit einem dezidiert wirtschaftspolitisch orientierten Programm angetreten. Neben der Bekämpfung der Korruption stand vor allem eine Politik auf der Agenda, die weiten Bevölkerungskreisen eine größere Teilhabe am wirtschaftlichen Wachstum ermöglichen sollte. Dazu zählte eine Verringerung der Armutsquote - Uganda hatte es vorgemacht - sowie bessere Steuereinnahmen und  jedes Jahr 500.000 zusätzliche Jobs. Die Ziele der Economic Recovery Strategy for Wealth and Employment Creation konnten aber nicht erreicht werden, gleichwohl weist Kenia - mit klima- oder krisenbedingten Ausnahmen - kontinuierlich Wachstum auf, das auch für die kommenden Jahre auf 5 bis 6 Prozent geschätzt wird.

Raila Odinga, der seit 2008 als Premier viele exekutive Funktionen an sich gebunden hatte gab auf die Frage nach seinem Programm immer dieselbe Antwort: "Infrastructure, infrastructure, infrastrucure". In Kenias Masterplan für die künftige Entwicklung, Vision 2030, hat Odinga sein Konzept durchgesetzt. Es sieht Milliardeninvestitionen in die Verkehrsinfrastruktur vor, die mit Hilfe der Geber, Partner, Kreditgeber und Öleinnahmen verwirklicht werden und das Land mittelfristig auf das Niveau eines Schwellenlandes heben sollen.

Auch Nachbar Uganda verfolgt dieses Ziel. Den politischen Größen der Region ist durchaus bewusst, dass die regionale Integration ein Bestandteil ihrer Wachstumsstrategie sein könnnte, doch klaffen große Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Von der Einführung einer gemeinsamen Währung, die 2012 kommen sollte, ist man noch ebenso weit entfernt wie von der angestrebten politischen Union. Trotz Zollunion und trotz des gemeinsamen Marktes lahmt der Binnenexport. Ende 2013 versuchten die Staatschefs der Ostafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft, der regionalen Integration neue Impulse zu geben. Nach dem Vorbild der Europäischen Union soll es bis 2023 eine gemeinsame Währung geben, den Ostafrikanischen Shilling. Schon 2014 sollte die Zollunion kommen, kündigten die Staatschefs in Ugandas Hauptstadt Kampala medienwirksam an. Leider wurde nichts darüber bekannt, wie weit sich Uganda und Kenia in der drängenden Frage der notwendigen gemeinsamen Infrastrukturprojekte und des Erdöltransports annähern konnten.  

In der Finanzpolitik ist das Land ins Schlingern geraten, nachdem es viele Jahren gute Noten erhalten hatte, u.a. von der Weltbank, weil es seine Kredite bedient, seinen Haushalt zu 90 Prozent selbst finanziert und gute Jahre zum Schuldenabbau genutzt hatte. Die makroökonomischen Voraussetzungen für die Bewältigung der Entwicklungsprobleme seien in Kenia gegeben, schrieb 2012 der damalige Finanzexperte der Weltbank in Nairobi, Wolfgang Fengler (Süddeutsche Zeitung, 31.07.2012), doch vier Jahre später hat sich das Bild gewandelt, u.a. weil der Tourismus im Vergleich zu 2011 fast 40 Prozent weniger an Einnahmen schuf, die Staatsausgaben aber u.a wegen höherer Gehälter steigen, während Währung und Börse schwächeln.

Leuchttürme in der Dürrezone: Entwicklungszusammenarbeit

Übersicht zu den staatlichen Leistungen der wichtigsten bilateralen Partner
Übersicht zu den staatlichen Leistungen der wichtigsten bilateralen Partner © OECD: Aid at a glance charts by recipient

"Kenia neigt zu Desastern", stellte das UN-Entwicklungsprogramm UNDP vor Jahren lapidar fest und entschuldigte damit die Tatsache, dass Ostafrikas Powerhouse, das im Gegensatz zu den meisten seiner Nachbarn noch nie einen Bürgerkrieg überstehen musste, einige Millenniumsziele der Vereinten Nationen bis 2015 trotz beachtlichen Wachstums nicht erreicht hat. Als wichtigstes Entwicklungshindernis müssen in dem Agrarstaat die häufigen Dürren gelten, die rund 70 Prozent der Landesfläche erfassen und dazu geführt haben, dass mehr als 3 Millionen Kenianer regelmäßig auf Hilfe zum Überleben angewiesen sind. Doch auch Überschwemmungen, gewaltsame Auseinandersetzungen, Krankheiten, ausgelaugte Böden, Überbevölkerung und drückende Armut tragen dazu bei, dass die unter dem Obertitel "Halbierung der Armut" zusammengefassten Entwicklungsziele verfehlt werden.

Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass wichtige Fortschritte gemacht wurden. So hat sich die Kindersterblichkeit bis 5 Jahre auf 72 je 1000 Geburten massiv verringert (u.a. wegen der Verbreitung von Moskitonetzen), außerdem liegen die Einschulungs- und Alphabetisierungsquoten erfreulich hoch, auch der Zugang zu Wasser soll sich mancherorts verbessert haben. Doch der Mangel an sozialen Sicherungssystemen, fehlende Krankenversicherung und ein allgemein niedriges Durchschnittseinkommen von ca. 800 bis 900 US-Dollar im Jahr führen dazu, dass Kenia nicht auf Entwicklungsprojekte verzichten kann und viele Kenianer nicht ohne Nothilfe überleben können.

Die offizielle Entwicklungshilfe (ODA) beläuft sich nach Informationen der Weltbank auf rund 3,3 Milliarden US-Dollar in den Jahren 2011 bis 2015. Hinzu kommen dürften Entlastungen insbesondere im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, die nicht unter die ODA fallen. Außerdem gibt es weltweit eine Unzahl an privaten Hilfsinitiativen für Schulen, Kliniken, einzelne Familien sowie die Überweisungen der Auslandskenianer in geschätzter Milliardenhöhe, die aus den Statistiken herausfallen.

Zu den größten Gebern zählen die USA, die Weltbank, Japan, Frankreich, die Europäische Union und Großbritannien, das als ehemalige Kolonialmacht noch immer der wichtigste Handelspartner ist. Großbritanniens Partnerschaft mit Kenia ist jedoch wegen wiederholter Korruptionskandale auf der kenianischen Seite besonderen Spannungen ausgesetzt. Der damalige britische Botschafter Sir Edward Clay hat 2004 einmal vorgerechnet, dass die Korruption in Kenia im Jahr in etwa so viel Geld verschlingt wie die Geber an Hilfe leisten. Lokale Medien verheimlichen den Bürgern nicht, dass ihr Land als das korrupteste in ganz Afrika gelte, noch vor Nigeria, doch entspricht die Angabe nicht dem Corruption Perception Index von Transparency International, wonach Kenia auf Platz 139 von 168 verglichenen Ländern liegt, noch vor Libyen, Angola, Sudan, der DR Kongo und Somalia.

Gleichwohl ist Kenia als aufstrebende Volkswirtschaft und verlässlich zahlender Schuldner für das Geschäft der Entwicklungshilfe ein attraktiver Partner. Es dürfte einfacher sein aufzuzählen, welche Regierung und welche Hilfsorganisation nicht in Nairobi mit EZ vertreten ist als umgekehrt. Vermutlich gibt es keine. Kenia hat mit seinem Masterplan Vision 2030 einen brauchbaren Anknüpfungspunkt für entwicklungspolitische Programme der Partner geschaffen, die sich über die Federführung bei einzelnen Schwerpunkten so verständigt haben, dass es für die kenianische Seite besser zu bewältigen ist.

Deutschland leistet 2013 -2016 einen Beitrag von 138 Millionen Euro. So wurde signalisiert, dass Deutschland ein großes Interesse an Entwicklung und Stabilität in Kenia hat. Schwerpunkte der Zusammenarbeit sind die Landwirtschaft mit einem Fokus auf Ernährungssicherheit und Widerstandsfähigkeit gegenüber Dürre, die Entwicklung des Wasser- und Sanitärsektors und die Unterstützung des Gesundheitssektors. Besonderen Wert legt Deutschland zudem auf die Unterstützung guter Regierungsführung – insbesondere durch Korruptionsbekämpfung und die Verbesserung von Transparenz und Rechenschaftspflicht.

Im Einzelnen geht es um die Reform des Wassersektors, um die Förderung der reproduktiven Gesundheit, insbesondere die Senkung der verheerenden Müttersterblichkeit sowie um eine bessere Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte. Auch Dialog- und Konfliktmanagement stehen auf der Agenda, u.a. durch den Zivilen Friedensdienst ZFD der GIZ. Als Leuchtturmprojekt wird das Wasserwerk von Nyeri hervorgehoben. Es wird seit Jahrzehnten von der deutschen EZ bedacht und ist als einziges Projekt in der Region voll kostendeckend. Es gilt als gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit von KfW und GIZ unter der Steuerung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die KfW ist mit mehreren Hundert Millionen Euro in Kenia engagiert und hat zahlreiche Pilotprojekte auf die Beine gestellt. Erfolgreich verlief etwa die Einführung von Krankenhausgutscheinen für werdende Mütter. 70.000 Frauen kauften die Scheine für umgerechnet 2 €; nicht alle lösten sie ein, doch wären sie im Fall von Komplikationen versorgt gewesen - ein Beitrag gegen die Müttersterblichkeit. Inzwischen erwägen deutsche und kenianische Partner die Einführung einer Krankenversicherung im größeren Stile. Einen ersten Einblick in die deutschen entwicklungspolitischen Bestrebungen in Kenia liefern u.a. folgende Websites:

Finanziert vom BMZ arbeiten auch parteinahe, deutsche politische Stiftungen in Kenia. Sie erstellen u.a. Analyen und Hintergrundberichte, die für Kenia-Interessierte hilfreich sein können:

Das Länderinformationsportal

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Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im September 2016 aktualisiert.

Der Autor

Stefan Ehlert ist Historiker und Journalist und hat von 2001 bis 2007 als freier Afrika-Korrespondent in Kenia gelebt und u.a. eine Biografie der kenianischen Umweltaktivistin Wangari Maathai geschrieben.

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Literaturhinweise

Weiterführende Literatur zu den Themen:

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