Denkmal gegen Kriegsverbrechen auf der Broad Street, Monrovia
Anteil alphabetisierte Erwachsene
48,3 % (2015, geschätzt)
Bedeutende Religionen
Christlich 85,6%, Muslimisch 12,2%
Städtische Bevölkerung
51,6 % (2019)
Lebenserwartung (w/m)
64/62 Jahre (2018)
Gender Inequality Index
Rang 155 von 162 (2018)
Anzahl der Geburten
4,3 / Frau (2019)
Kindersterblichkeit
74,7 / 1000 Lebendgeburten (2018)

Ethnizität und Sprache

Mindestens 95 Prozent der liberianischen Bevölkerung gehören zu den indigenen Gruppen, von denen die Mande-sprechenden Kpelle mit etwa 17 bis 20 Prozent der Liberianer die größte Gruppe darstellen. Zur selben Sprachgruppe gehören auch die Vai, Loma, Mano und Gio. Der Siedlungsschwerpunkt dieser Gruppen liegt im Norden und im Westen des Landes. Die zweite große Sprachgruppe bilden die Kru-Sprachen mit einem Schwerpunkt im Süden und Osten Liberias. Zu dieser Gruppe gehören die Volksgruppen der Bassa, Krahn, Kru und Grebo. Die Bassa stellen mit einem Anteil von ca. 14-15 Prozent an der Gesamtbevölkerung die zweitgrößte ethnische Gruppe. Eine dritte Sprachgruppe bilden die Gola und die Kissi an der Grenze zu Sierra Leone bzw. Guinea. Ihre Sprachen gehören zu den westatlantischen Sprachen. Eine besondere Rolle spielen die Mandinka (auch Mandingo, Malinke), die zwar ebenfalls eine Mande-Sprache sprechen, sich jedoch durch ihren muslimischen Glauben und ihre sozioökonomische Rolle als Händler und Geschäftsleute von den anderen indigenen Stämmen unterscheiden. Alle indigenen Gruppen in Liberia haben sprachliche und kulturelle Verbindungen zu verwandten ethnischen Gruppen in den Nachbarstaaten.

Die Americo-Liberianer machen zwischen 2 und 5 Prozent der Gesamtbevölkerung Liberias aus. Als einzige Gruppe sprechen sie liberianisches Englisch als Muttersprache. Trotzdem hat sich diese Sprache als Verkehrs- und Bildungssprache durchgesetzt. Ein liberianischer Schauspieler bietet einen Höreindruck. Einzige Amtssprache in Liberia ist Englisch.

Die meisten Americo-Liberianer leben in Monrovia, sie stellen auch einen bedeutenden Teil der liberianischen Diaspora (vor allem in Nordamerika) dar. Die wichtigste nicht-afrikanische Bevölkerungsgruppe in Liberia sind die Libanesen, deren Zahl auf zwischen 2.000 und 10.000 Personen geschätzt wird. Obwohl oftmals seit mehreren Generationen im Land, verwehrt ihnen die liberianische Verfassung die Staatsbürgerschaft (diese ist an eine afrikanische Abstammung geknüpft). Sie spielen eine dominante Rolle im liberianischen Handel und Gewerbe.

 

Thematische Landkarte: Bevölkerungsdichte und ethnische Gruppen
Bevölkerungsdichte und ethnische Gruppen, © CIA (public domain)

Soziale und ethnische Spannungen

Die makrosoziale Struktur Liberias wird durch eine Reihe von Faktoren geprägt, die einerseits das Ergebnis der Siedlungsgeschichte und andererseits der Kriegsfolgen sind. Die liberianische Gesellschaft ist daher ausgesprochen heterogen und spannungsgeladen:

  • In Liberia existieren mindestens 16 indigene Volksgruppen, die jeweils in eine Vielzahl von Untergruppen aufgeteilt sind. Der Bürgerkrieg mit seinen ethnisch-geprägten Milizen hat wesentlich zur Ausbildung eines ethnischen Bewusstseins beigetragen.
  • Die americo-liberianische Minderheit besetzt weiterhin Schlüsselpositionen in der Verwaltung und im Bildungswesen, während der politische Einfluss seit 1980 deutlich gesunken ist.
  • Eine einflussreiche Minderheit von Libanesen kontrolliert weite Teile des Handels und Gewerbes.
  • Über die Jahrhunderte sind Menschen aus anderen Teilen Westafrikas zugewandert (etwa die Fanti aus Ghana oder die Mandingo aus Guinea).
  • Das Nebeneinander von christlichen Kirchen und des Islam gestaltet sich nicht einfach. Die Mandingos (Mandinkas) sind die größte muslimische Gruppierung. Sie wurden seit Beginn des Bürgerkriegs mehrfach zum Opfer von Pogromen und Vertreibungen. Dies hat historische Ursachen, wurde aber auch dadurch hervorgerufen, das viele Mandingos Samuel Doe in den 80er Jahren unterstützten und den dementsprechenden Bürgerkriegsfraktionen in den 90er Jahren zugehörig waren.
  • Seit 2003 ist die Anzahl von internationalen Experten, Soldaten und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen stark gewachsen. Das führt – vor allem in Monrovia – zu Preissteigerungen bei Mieten und Lebensmitteln.

Zwischen Stadt- und Landbevölkerung sind die sozialen und ökonomischen Gegensätze erheblich.

Plakatwand: Warnung vor Gewaltanwendung
Warnung vor Gewaltanwendung © Jöran Altenberg

Soziale Lage und Arbeitsmarkt

Liberia gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Geschätzte 270.000 Menschen starben während des Bürgerkrieges (1989-2003), mehr als 464.000 Menschen wurden zu Binnenflüchtlingen und 350.000 Liberianer suchten Zuflucht in den Nachbarländern Guinea, Sierra Leone und der Elfenbeinküste. Zwar sind die meisten Vertriebenen mittlerweile in ihre Heimat zurückgekommen, aber das Land leidet weiter unter den Folgen des Krieges. Die physische und soziale Infrastruktur Liberias hat schweren Schaden genommen. Die meisten Einwohner des Landes haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, eine öffentliche Energieversorgung existiert nur in Teilen der Hauptstadt. Der Krieg hat die Ungleichheiten zwischen der Bevölkerung in Monrovia und der im Hinterland weiter verschärft, obwohl auch Monrovia stark unter dem Konflikt gelitten hat. Dieser Gegensatz gilt vor allem auch für den Arbeitsmarkt: während es in Monrovia eine gewisse Anzahl von Arbeitsplätzen im Regierungs- und Dienstleistungsbereich gibt, existieren im Hinterland kaum Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Subsistenzlandwirtschaft.

Besonders schwierig ist diese Situation für junge Leute, die oft keine Möglichkeit haben, eine Berufsausbildung zu absolvieren. Unter anderem, weil Jugendarbeitslosigkeit als Gefahrenpotenzial für Kriminalität, Konflikte und Gewalt gelten, haben Organisationen, z.B. die Welthungerhilfe, Beschäftigungsprogramme entwickelt.

Der Anteil der in absoluter Armut lebenden Menschen ist auf dem Land deutlich höher als in der Stadt, ca. 75 % der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Diese Situation erschwert die Bemühungen zur Verhinderung von Kinderarbeit. Der Anteil der Beschäftigten im formalen Sektor dürfte einen Anteil von ca. 30 % der arbeitsfähigen Bevölkerung nicht überschreiten. Gut die Hälfte der Liberianer lebt in Städten.

Mann verkauft auf der Straße herumgehend Tücher
Straßenverkäufer © Juliane Westphal

Geschlechterverhältnisse

Die liberianische Verfassung verbietet Diskriminierung im Allgemeinen, es gibt jedoch keine spezifischen Gesetze gegen Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts oder auf ethnischer Grundlage, obwohl beides offensichtlich existiert. Die Stellung der Frauen in Liberia variiert je nach Region und ethnischer Zugehörigkeit. Traditionelle Gesetze sind ein wichtiger Faktor für Ungleichheit: Frauen, die nach Gewohnheitsrecht verheiratet sind, werden auf dieser rechtlichen Ebene wie Minderjährige behandelt. Zivilrechtlich ist verankert, dass verheiratete Frauen Grundstücke und Immobilien ihrer Männer erben können, während nach Gewohnheitsrecht verheiratete Frauen nicht von ihrem Ehemann erben können.

Die Praxis der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM/C) ist weit verbreitet. Im Rahmen der traditionellen Initiation in die Frauengeheimbünde werden fast die Hälfte aller Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 beschnitten.

Inzwischen ist das gesetzliche Mindestalter für eine Heirat auf 18 Jahre bei Frauen und 21 Jahre bei Männern festgelegt. Ehen mit minderjährigen Mädchen sind in ländlichen Gebieten trotzdem noch sehr üblich. 36 % der Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet oder heiraten und 9 % vor ihrem 15. Geburtstag (UNICEF, 2013). Liberias Zivilrecht verbietet die Polygamie, aber das Gewohnheitsrecht ermöglicht Männern, mehrere Frauen zu haben. 

Die Frauen in Liberia haben während des Bürgerkrieges sehr gelitten: Schätzungsweise wurden zwei Drittel der Frauen vergewaltigt. Sexuelle Gewalt sei im Krieg als Waffe eingesetzt worden, heißt es im Bericht der liberianischen Wahrheits- und Versöhnungskommission. Auch nach dem Krieg gehören Vergewaltigungen zu den häufigsten Verbrechen. Die Mehrheit der Täter wird nicht bestraft, obwohl 2009 ein Sonderdezernat für sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt geschaffen wurde.

Demonstration in Sinoe am 8. März 2019, Internationaler Frauentag
8. März 2019, Internationaler Frauentag in Sinoe © Juliane Westphal

Eine Bewegung christlicher und muslimischer Frauen hat sich 2003, nach mehr als 15 Jahren grausamen und blutigen Bürgerkrieges in Liberia, sehr aktiv mit Protestmärschen, Sit-ins und Gesprächen für den Frieden eingesetzt. Sie sammelten sich vor dem Präsidentenpalast in Monrovia und protestierten schweigend in weißen T-Shirts gegen die Kriegsgewalt. Sie schafften es, Präsident Charles Taylor und andere Warlords an den Verhandlungstisch zu bringen. Angeführt von Leymah Gbowee, umzingelten sie 2003 das Haus der verhandelnden Männer in Accra (Ghana) und drohten, sie nicht mehr herauszulassen, bis sie ein Friedensabkommen erreicht hätten. Das war faktisch das Ende des Krieges.

Ellen Johnson-Sirleaf, die ehemalige Präsidentin Liberias, bemühte sich um ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis in den Ministerien, dem Obersten Gerichtshof und in den Kommunalverwaltungen. Die Teilhabe von Frauen am öffentlichen Leben nimmt zu. In der Politik ist der Anteil an Frauen unter der jetzigen Regierung wieder gesunken. In Polizei und Militär ist die Zahl der weiblichen Rekruten seit Ende des Krieges stetig gestiegen.

Für ihr Engagement erhielten Leymah Gbowee und Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf 2011 den Friedensnobelpreis, zusammen mit Tawakul Karman, einer Menschenrechtsaktivistin aus dem Jemen. 

Bildung

Mehr als 70 Prozent aller Schulen wurden im Krieg zerstört. Obwohl sich Regierung und internationale Gebergemeinschaft um den Wiederaufbau und Ausbau des Bildungssektors bemühen, fehlt es weiterhin an genügend Räumlichkeiten und Schulmaterialien. Bis zu zwei Drittel aller Lehrerinnen und Lehrer verfügt über keine ausreichenden Qualifikationen, Arbeitsmoral und Bezahlung sind ausgesprochen schlecht. Dies zeigte sich 2013 daran, dass 100 % der Prüflinge die Aufnahmeprüfung der Universität nicht bestanden. Seit 2004 existiert eine Grundschulpflicht für Kinder zwischen 6 und 11 Jahren, trotzdem besucht mindestens ein Viertel aller Kinder gar keine Schule. Weiterführende Schulen werden von ca. 25 % der Jugendlichen besucht. Ein wesentlicher Faktor für diese niedrigen Zahlen liegt in den relativ hohen Kosten für den Schulbesuch. Die Regierung hat im Rahmen des Free and Compulsory Education Programs Schulgebühren im Primarbereich abgeschafft, aber die Kosten für Schuluniformen und Bücher sind beträchtlich. Viele Schulen erheben nach Regierungsangaben weiterhin illegale Gebühren. Trotzdem konnte das Land die Schülerzahlen seit Kriegsende um 40 Prozent erhöhen. Die Ausbildung von Mädchen und Frauen wird besonders berücksichtigt.

Campus des Booker Washington Institute, weiterführende Schule in Kakata
Booker Washington Institute, weiterführende Schule in Kakata © Juliane Westphal

In Liberia existieren verschiedene Universitäten und Fachhochschulen, darunter die bereits 1863 gegründete University of Liberia in Monrovia sowie die kirchlichen Universitäten Cuttington University (Gründungsjahr 1889) in Suakoko (Bong County) und die A.M.E. Zion University in Monrovia. Daneben gibt es drei Lehrerausbildungsstätten (Rural Teachers Training Institutes) in Kakata, Zorzor und Webbo, sowie verschiedene private Hochschulen in Monrovia.

Nach einer 7-monatigen Schließung wegen der Ebola-Epidemie haben die Bildungseinrichtungen Mitte Februar 2015 ihre Türen wieder geöffnet, allerdings erst einmal mit Sicherheitsauflagen. Die SchülerInnen mussten sich regelmäßig Fieber messen lassen und ihre Hände desinfizieren. Zudem sollten die Schülerzahlen in den zumeist überfüllten Klassenräumen von ca. 100 auf 45-50 SchülerInnen pro Klasse reduziert werden, um eine Ansteckungsgefahr zu vermindern.

Die Analphabetenrate unter der erwachsenen Bevölkerung liegt zwischen 37 und 55 Prozent, wobei es deutliche Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung sowie zwischen den Geschlechtern gibt. So können in ländlichen Regionen knapp zwei Drittel der männlichen Bevölkerung über 15 Jahren Lesen und Schreiben, aber nur ein Drittel der weiblichen. Regierung und internationale Organisationen bemühen sich durch Erwachsenenbildungsprogramme die Alphabetisierungsrate zu erhöhen.

Campus der Universität Liberia
Campus der Universität Liberia © Juliane Westphal

Gesundheitswesen

Vor allem in ländlichen Gebieten ist der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen aufgrund der schlechten Transportinfrastruktur weiterhin sehr schwierig. Auch fehlt es überall im liberianischen Gesundheitssystem an qualifiziertem Personal, Medikamenten und medizinischem Gerät. Die Bevölkerung bezahlt dies mit einem insgesamt schlechten Gesundheitszustand und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 63 Jahren. Malaria ist die häufigste Todesursache, gefolgt von Durchfallerkrankungen und Atemwegsinfektionen.

Die HIV-Rate liegt bei geschätzten 1,9 Prozent (2019). Damit liegt sie über dem internationalen Durchschnitt von ca. einem Prozent, aber Liberia gehört damit nicht zu den Hochprävalenzländern. Im Alltag leiden HIV-infizierte Menschen unter starker Stigmatisierung und der Zugang zu HIV-spezifischer Gesundheitsversorgung wird durch weite Wege und durch Korruption im Gesundheitswesen erschwert.

Die Säuglingssterblichkeitsrate liegt deutlich über den vergleichbaren Zahlen aus anderen afrikanischen Staaten, mehr als 15 % sterben vor Ende des ersten Lebensjahres. Die Sterberate für Kleinkinder unter fünf Jahren liegt um die 7 %. Ein spezifisches Problem von Nachkriegsgesellschaften sind die körperlichen und psychologischen Folgen der Kriegsereignisse. Dazu gehört auch eine weiterhin hohe Anzahl von Vergewaltigungen sowie andere Formen von häuslicher Gewalt.

Zurzeit werden noch drei Viertel aller medizinischen Einrichtungen von – zumeist  ausländischen – Nichtregierungsorganisationen betrieben, aber dieser Anteil wird in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach deutlich sinken. Die liberianische Regierung ist daher bemüht, mehr Fachkräfte für den Gesundheitssektor auszubilden. Das hat noch einmal an Bedeutung gewonnen, nachdem sich während des Ebolaausbruchs 2014/15 mehr als 200 Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger mit dem Ebola-Virus infiziert haben und ca. 100 davon gestorben sind. Selbst vor dieser Krise gab es in Liberia nur einen Arzt für 10 000 Menschen.

Reparatur eines Brunnens. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist in Liberia nicht selbstverständlich.
Reparatur eines Brunnens. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist in Liberia nicht selbstverständlich. Foto: Juliane Westphal

Traditionelle Kultur

Geschichte, Religion und Ethnizität spielen eine wichtige Rolle im kulturellen Leben Liberias. Die ausgesprochen heterogene Gesellschaft des Landes hat sehr unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen hervorgebracht. Dabei prägen die kulturellen Wertvorstellungen der Minderheit der Americo-Liberianer mit ihrer starken Verwurzelung im christlichen Glauben und der besonderen Verbindung zu den Vereinigten Staaten von Amerika immer noch das Bild des offiziellen Liberia. Hierzu gehört auch das Zelebrieren des liberianischen Gründungsmythos vom "Land der Freien".

Vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs standen die öffentlichen Auftritte von Maskentänzern bei den indigenen Ethnien im Nordwesten im Vordergrund, während im Süden und Osten Kriegstänze eine wichtige Rolle spielten. In diesen Kontext gehören auch die traditionellen Geheimgesellschaften der Poro (männlich) und Sande (weiblich), die vor allem im Nordwesten und im Zentrum des Landes unter der indigenen Bevölkerung des Landes verwurzelt sind. Diese traditionellen Gesellschaften spielten bis zum Ausbruch des Kriegs eine zentrale Rolle in der Initiation von Jungen und Mädchen, aber auch bei religiösen Praktiken und im Rahmen der lokalen Politik. Beleg für die Bedeutung der Bünde bis in die späten Jahre des 20. Jahrhunderts ist die Tatsache, dass die liberianische Regierung seit den vierziger Jahren gezielt versuchte, auf diese Strukturen Einfluss zu gewinnen. So ließen sich die letzten beiden Präsidenten aus den Reihen der Americo-Liberianer, William Tubman und William Tolbert, zu Würdenträgern der Poro ernennen. Welche Rolle die Poro und Sande seit Kriegsende spielen, und wie stark mit der Rückkehr der Flüchtlinge eine Restauration dieser Praktiken stattgefunden hat, ist nicht einschätzbar. Auf Grund der menschenrechtsverletzenden Praxis der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM) stehen die Geheimgesellschaften in der Kritik von Menschenrechtsgruppen.

Zeitgenössische Kultur

Vincent Odum und WilsonOho, Gründer der Art Masters Gallery stehen vor der Galerie.
Vincent Odum und Wilson Oho, Gründer der Art Masters Gallery. Foto: Ute Klissenbauer

Das National Museum in Monrovia, das historische und ethnographische Objekte und Dokumente ausstellt sowie liberianische Malerei aus dem 20. Jahrhundert, hat fast alle Exponate während des Bürgerkriegs durch Plünderungen und einen Brand verloren. Heute sind dort unter anderem Exponate zu sehen, die den Bürgerkrieg selbst darstellen.

2008 hat eine Galerie, die "Art Masters Gallery" im Zentrum Monrovias (Broadstreet) eröffnet. Eine weitere, die "Art of the Heart Gallery", wurde ein Jahr später von Leslie Lumeh eröffnet, ein Jahr später gründete er die "Liberia Visual Arts Academy", eine Kunstschule für Kinder und Jugendliche.

Tuschezeichnung von Kämpfern im Krieg auf einem Lastwagen mit der Aufschrift "No Mercy" (keine Gnade).
Tuschezeichnung von Kämpfern im Krieg / © Wilson Oho, 2003

Jahrelang wurde in Liberia viel Musik aus den Nachbarländern gespielt. Momentan ist es gerade umgekehrt, dank Hipco, dem relativ neuen Sound aus Liberia: US Rap-Styles verbunden mit dem Slang von den Straßen Monrovias. Der L.I.B. Hipco & Funk Mix by DJ ANT bietet eine Hörprobe.

Im September 2013 hat nach einem 5-wöchigen Filmworkshop das erste Filmfestival in Monrovia stattgefunden. Gezeigt wurden die Ergebnisse des Workshops, Kurzfilme über in Liberia wichtige soziale Themen wie Korruption, Gesundheitsversorgung und sexuelle Ausbeutung von Frauen. Die Filmtrainings wurden weitergeführt und im Februar 2014 gab es schon ein weiteres Festival. So entwickelt sich langsam eine eigenständige liberianische Filmkultur.

Abgesehen von der americo-liberianischen Kultur ist ein großer Teil der Literatur traditionell mündlich weitergegeben worden. Die bekanntesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts waren Wilton Sankawulo und Bai T. Moore, dessen bekanntester Kurzroman "Murder in the Cassava Patch" (Mord im Maniokbeet) Standardliteratur in liberianischen Schulen ist. Es gibt eine Reihe von AutorInnen in Liberia und in der US-amerikanischen Diaspora, zum Beispiel Wayétu MooreJabbeh Wesley und Helene Cooper. Die beiden Friedensnobelpreisträgerinnen, Ellen Johnson-Sirleaf und Leymah Gbowee, haben Autobiografien veröffentlicht.

Religion

Obwohl sich Liberia offiziell als christlich-geprägtes Land versteht, herrscht eine relativ große Heterogenität von Glaubensvorstellungen. Die Angaben über die religiösen Zugehörigkeiten der liberianischen Bevölkerung schwanken stark. Laut Zensus von 2008 gehören 85,6 Prozent der Liberianer christlichen (vor allem protestantischen) Kirchen an, der Anteil der Muslime (vor allem Mandingo und Vai) beträgt 12,2 Prozent. und 0,6 Prozent der Bevölkerung gehören ausschließlich traditionellen Glaubensgemeinschaften an. Eine klare Trennung zwischen der Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche und dem Festhalten an traditionellen Religionspraktiken (etwa im Rahmen von Poro oder Sande) ist oftmals nicht möglich.

Kirche in Monrovia
Kirche in Monrovia © Juliane Westphal

Traditionell herrscht eine relativ große religiöse Toleranz in Liberia, Christen und Muslime leben zusammen und feiern ihre Feste gemeinsam. Allerdings kam es nach dem Krieg wiederholt zu Konflikten zwischen muslimischen Mandingos und anderen ethnischen Gruppen, in deren Rahmen auch Kirchen und Moscheen angezündet wurden. Hierbei scheint die Religion vielfach den sozioökonomischen Kern der Konflikte zu verschleiern. Hinzu kommt, dass die Mandingos während des Krieges klar jeweils einer der Fraktionen (ULIMO und LURD) zugeordnet werden konnten, was sich in der Wahrnehmung vieler Liberianer mit der Religionszugehörigkeit verwoben hat. Von Seiten des Staates wird religiöse Toleranz gefördert, trotzdem wird seit drei Jahren öffentlich debattiert, ob Liberia zu einem christlichen Staat deklariert werden sollte oder nicht.

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Juni 2020 aktualisiert.

Die Autorin

Juliane Westphal, Mediatorin M.A., interkulturelle Trainerin (dgikt), Open Space Begleiterin und Beraterin für Development Communication. Seit 2010  auch Landestrainerin für Sierra Leone und Liberia bei der Akademie für internationale Zusammenarbeit (AIZ) der GIZ. Von 2005 bis 2007 zuständig für die öffentliche Aufklärung über die Arbeit und die Ergebnisse der beiden Wahrheits- und Versöhnungskommissionen (TRC) in Sierra Leone und Liberia.  

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