Familie in Antsirabe, © Eva Biele
Anteil alphabetisierte Erwachsene
74,8% (2018)
Bedeutende Religionen
Indigener Glauben (52 %), Christentum (41%)
Städtische Bevölkerung
36,4 % (2017)
Lebenserwartung (w/m)
64,4 (m), 67,4 (w) Jahre (2016), ges. 65,9 (2016)
Gender Inequality Index (GII)
keine Angabe (2018)
Anzahl der Geburten
4,13 pro Frau (2017)
Kindersterblichkeit
53,6 pro Tausend Lebendgeburten (2018)

Volksgruppen oder Ethnien

Verschiedene Volksgruppen in Madagaskar,© Lemurbaby (CC BY-SA 3.0)
Verschiedene Volksgruppen in Madagaskar,© Lemurbaby (CC BY-SA 3.0)
Älterer Bezanozano-Mann, © public domain
Älterer Bezanozano-Mann, © public domain

Trotz einer gemeinsamen Sprache – dem Madagassisch – ist die Bevölkerung Madagaskars als sehr heterogen zu bezeichnen. Hauptsächlich 18 Volksgruppen lassen sich unterscheiden. Diese indigenen Bevölkerungsgruppen oder Stämme mit mehrheitlich asiatischen Wurzeln haben ihre eigenen Traditionen entwickelt und bis heute bewahrt, was sich in Architektur, Tanz und Musik, Handwerk und sprachlichen Eigenheiten ausdrückt. Auch geographisch sind sie voneinander abzugrenzen. So lebt die wohl bedeutendste Gruppe – die Merina - mit mehr als 25% der Gesamtbevölkerung hauptsächlich im zentralen Hochland, während z.B. die Betsimisaraka (12-15% der Bevölkerung) an der Ostküste und die Sakalava (7% der Bevölkerung) an der Westküste leben. Die „Dornenmenschen“, die die Ethnie der Antandroy darstellen, sind im trockenen Süden als halbnomadische Rinderzüchter zu Hause. Die Gruppe der Chinesen stellt mittlerweile die zahlenmäßig größte Bevölkerungsgruppe der Minderheiten (ca. 70 000 – 100 000) dar. In letzter Zeit sind vermehrt anti-chinesische Ressentiments der Bevölkerung zu spüren. Aufgrund der Kolonialgeschichte Madagaskars gibt es auch noch einige Tausend Franzosen im Land, die teilweise bereits seit einigen Generationen – z.T. als Fremdenlegionäre in Rente – in Madagaskar leben.  

Das Hauptabgrenzungskriterium bei der Unterscheidung der Volksgruppen ist die räumliche Konzentration bzw. die regionale Verdichtung von einzelnen Gruppen mit gemeinsamer historischer Vergangenheit. Die große Varietät unter der madagassischen Bevölkerung lässt sich durch die unterschiedlichen Einwanderungswellen in verschiedenen Epochen und durch ihre differenten Herkunftsregionen erklären, wobei sich außerdem historisch voneinander abgegrenzte Königreiche gebildet haben. Auf Malagasy werden die verschiedenen Bevölkerungsgruppen "Foko" genannt. Neben den Großgruppen lassen sich noch Untergruppen voneinander abgrenzen, die zwar nicht als eigenständiger Foko anerkannt werden, sich aber trotzdem durch eine gemeinsame Lebensweise auszeichnen. Dazu gehören die Mikea, die Vezo (ein Fischervolk im südlichen Madagaskar) und die Zafimaniry.  

Als bedeutendste Bevölkerungsgruppe sind sicherlich die Merina zu nennen. Sie stammen von indonesisch-malaiischen Einwanderern ab und ähneln auch heute noch ihren asiatischen Vorfahren. Als Reisbauern des Hochlandes entwickelten sie schon früh eine Monarchie mit einem komplizierten Kastenwesen und bauten ein mächtiges Königreich auf.  

Die Betsileo können als ebenfalls zahlenmäßig größere Volksgruppe Madagaskars bezeichnet werden. Wie die Merina im Hochland ansässig und indonesisch-malaiischer Abstammung, werden jedoch innerhalb der Ethnie noch mehrere Untergruppen bzw. ehemalige untergeordnete Königreiche (Isandra im Westen, Lalangina im Osten, Arindrano im Süden und Manandriana im Norden) beschrieben, die in der Vergangenheit auch in kriegerische Konflikte untereinander verstrickt waren. Sie wurden im 17. und 18. Jahrhundert von den Merina unterworfen, die Besitzansprüche an die von den Betsileo bewohnten und kultivierten Regionen geltend machten. Das Zentrum der Betsileo ist bis heute die Stadt Fianarantsoa. 

Die Betsimisaraka mit ca. 12-15% der Gesamtbevölkerung Madagaskars besiedeln die Ost- und Südküste der Insel. Durch frühe Kontakte mit Europäern konnten sie sich technisch auch gegen die kriegerischen Merina zur Wehr setzen. Als heutige Einheit sind die Betsimisaraka ursprünglich aus vier Küstenstämmen hervorgegangen, die im 18. Jahrhundert durch Ratsimilaho (1694-1750), den Sohn der madagassischen Königin Antavaratra Rahena und eines Piraten, vereinigt wurden. Die Betsimisaraka haben sich den Franzosen von allen Bevölkerungsgruppen am heftigsten widersetzt, v.a. auch weil diese das Volk zum Eisenbahnbau zwangsrekrutiert hatten. 

Die Bara leben im südlichen Teil des Hochlandes mit der Stadt Ihosy als Zentrum und stammen wahrscheinlich von afrikanischen Bantu ab. Sie sind traditionelle Rinderzüchter und verehren das Zebu-Rind wie kein anderer Volksstamm in Madagaskar. 

In der Gegend von Tolagnaro leben die Antanosy als Viehzüchter und Reisbauern. Dieser kleine Volksstamm ist hauptsächlich islamischen Glaubens. Ihre Kenntnisse in Astrologie und Medizin verweist auf ihren wahrscheinlich arabischen Ursprung. 

Das Tsaratsanana-Gebirge im Norden Madagaskars ist die Heimat der Antankarana, einem kleinen Stamm von Hirten und Bauern, die sich möglicherweise im 16. Jh. von den Sakalava abgespalten haben. Die Antankarana sind muslimischen Glaubens, den sie aber über Jahrhunderte hinweg individuell abgewandelt und interpretiert haben. 

Bekannt sind die Sakalava für ihre reiche Kultur. Sie leben in einem weitläufigen Siedlungsgebiet an der Westküste zwischen Mahajanga und Morondava. Traditionell war ihr Gebiet in die beiden Königreiche Menabe und Boina geteilt. Die Sakalava standen lange Zeit im Krieg mit den Merina, ordneten sich schließlich aber dem Machtstreben des Königs Andrianampoinimerina unter. 

Die zahlenmäßig eher kleine Gruppe der Tanala lebt im östlichen Binnenland zwischen den Antaimoro und den Betsileo. Sie gelten als Flüchtlinge verschiedener Ethnien, die sich wahrscheinlich im Wald versteckt hatten und auch heute noch dort vom Honigsammeln sowie vom Kaffee- und Reisanbau leben. Ähnlich wie die Bezanozano und die Sihanaka betreiben sie Brandrodung. 

Die Sihanaka ("Leute aus dem Sumpf") scheinen aus versprengten Merina- und Betsimisaraka-Angehörigen entstanden zu sein und besiedeln die Region des Lac Alaotra, wo sie hauptsächlich Reisanbau betreiben.

Die Bezanozano als zahlenmäßig großer Volksstamm - verwandt mit den Betsimisaraka und den Sihanaka - sind in der Gegend um Moramanga zwischen der Küste und dem Hochland beheimatet. Sie gelten als einer der ersten ethnischen Gruppen in Madagaskar und werden mit den "vazimba" assoziiert.

Die Antaifasy sind nur eine kleine Gruppe, die an der südlichen Ostküste bei Farafangana lebt und deren Ursprung unklar ist. Offenbar grenzen sich die Antaifasy stark von anderen Ethnien ab und pflegen ein reiches Kulturgut, das stark von Tabus ("Fady") bestimmt wird.

Viele islamische Elemente finden sich bei den an der Ostküste bei Manakara lebenden Antaimoro. Berühmt ist der relativ kleine Volksstamm für die Erfindung ihres eigenen Papiers, das bis heute in der Region von Ambalavo hergestellt wird und die Entwicklung einer eigenen Schrift, des Sorabe

Von den Sakalava haben sich im 17. Jh. die Antaisaka abgespalten, mit denen sie bis heute viele kulturelle Elemente teilen. Trotzdem sind sie als eigenständige Gruppe anzusehen, da sie eigene Traditionen herausgebildet haben, z.B. komplexe Heiratstabus. 

Als kleinste Ethnie Madagaskars gelten die Antambahoaka. Sie stammen wahrscheinlich von dem aus Mekka im 14. Jh. eingewanderten König Raminia Rabevahoaka ab und siedeln hauptsächlich an der Ostküste um den Ort Mananjary herum. 

Die als Dornenmenschen bezeichneten Antandroy sind ein in der heißen Dornensavanne von Madagaskars Süden lebender Stamm von Halbnomaden, die hauptsächlich von der Rinderzucht leben. Traditionell sind sie oft mit Speeren und Lendenschürzen bekleidet und scheinen wie aus einer anderen Epoche zu kommen. Allerdings sind sie auch für ihre Künste beim Kitesurfen bekannt. 

Das an der Südwestküste bei Ampanihy lebende Hirten- und Bauernvolk der Mahafaly ist bekannt für seine kunstvoll gestalteten Grabdenkmäler. Diese werden mit hölzernen Grabstangen ("Alo-Alo") geschmückt, die eine geschnitzte Skulptur tragen. Die Mahafaly pflegen ein eigenständiges Kulturgut, das auch die Verehrung von Fetischen mit einschließt. 

Der erste Präsident Madagaskars - Philibert Tsiranana - war ein Vertreter der Volksgruppe der in der zentralen Region der Nordprovinz beheimateten Tsimihety. Dieser recht große Foko lebt vom Reisanbau und der Viehzucht. 

Die Zafisoro sind wie die Antaifasy an der südlichen Ostküste zu Hause. Ihr Dialekt ähnelt noch sehr den in Borneo gesprochenen Barito-Sprachen.  

Ein Junge der Volksgruppe der Betsileo, © Heinonlein (CC BY-SA 4.0)
Ein Junge der Volksgruppe der Betsileo, © Heinonlein (CC BY-SA 4.0), unverändert
Mädchen des Merina-Volksstammes, © Saveoursmile (Hery Zo Rakotondramanana) (CC BY-SA 2.0)
Mädchen des Merina-Volksstammes, © Saveoursmile (Hery Zo Rakotondramanana) (CC BY-SA 2.0)
Traditionelle Kleidung der Antandroy,© Tojosoa Raherinirainy (CC BY-SA 4.0)
Traditionelle Kleidung der Antandroy © Tojosoa Raherinirainy (CC BY-SA 4.0), unverändert
Grabdenkmal der Mahafaly, © Zigomar (CC BY-SA 3.0)
Grabdenkmal der Mahafaly, © Zigomar (CC BY-SA 3.0)
Die Vezo - traditionelle Fischer in Madagaskar, © Heinonlein (CC BY-SA 4.0)
Die Vezo - traditionelle Fischer in Madagaskar, © Heinonlein (CC BY-SA 4.0), unverändert
Dorfversammlung in Ambararatabe, © Eva Biele
Dorfversammlung in Ambararatabe, © Eva Biele

Sprachen

Die Sorabe-Schrift,© Jagwar (CC BY-SA 3.0)
Die Sorabe-Schrift,© Jagwar (CC BY-SA 3.0)

Die offiziellen Sprachen (= Amtssprachen) in Madagaskar sind Malagasy (Deutsch: Madagassisch, Französisch: Malgache) und Französisch, wobei als Nationalsprache Malagasy gilt. Französisch wird nur von ca. 20% der Madagassen gesprochen, von einem größeren Bevölkerungsanteil wird Französisch aber verstanden. Zwischen 2007 und 2010 war Englisch ebenfalls Nationalsprache; seit dem Referendum von 2010 ist jedoch nur noch Malagasy als Nationalsprache aufgeführt. Schulsprache ist in der Grundschule zunächst Madagassisch, in den Sekundarschulen wird auf Französisch unterrichtet. Trotz allem bleibt Französisch eine Sprache der Eliten und viele Madagassen begegnen der Sprache mit einer gewissen Ambivalenz. Madagaskar ist Mitglied der internationalen Organisation der Frankophonie (Organisation Internationale de la Francophonie, OIF) mit Unterbrechung von 1970-1977. Die Treffen der OIF finden turnusgemäß alle 2 Jahre in Antananarivo statt, zuletzt 2016. Madagaskar braucht die ökonomischen Beziehungen zu frankophonen Ländern wie Frankreich zur Stabilisierung seiner wirtschaftlichen Struktur. 

Das Madagassische gehört zu der austronesischen Sprachfamilie und ähnelt stark der in Borneo gesprochenen Sprache der "Ma´anyan", was nahelegt, dass die Sprache zusammen mit Einwanderern aus Südostasien nach Madagaskar gelangte. Die vielen unterschiedlichen Volksgruppen in Madagaskar haben das Malagasy je nach ihrer Tradition zu Dialekten (wie z.B. das Antankarana Malagasy, das Bara Malagasy usw.) abgewandelt. Vertreter unterschiedlicher Ethnien können sich in Malagasy des Öfteren zwar nur schwer verständigen, doch insgesamt eint die Sprache die Madagassen, die dadurch mit einem gewissen Nationalstolz erfüllt werden. Das Malagasy ist insgesamt eine leicht zu lernende Sprache, allerdings ist die Aussprache oftmals schwierig. Zum einen werden nicht alle Buchstaben wie in der deutschen Sprache ausgesprochen. Das "o“ wird häufig wie ein „u“ ausgesprochen oder das „tr“ und das „dr“ werden zu „tsch“ und „dsch“. Häufig lässt man beim Sprechen auch den letzten Buchstaben weg, was das Verständnis erschwert. "Malagasy" wird dann zu "Malagas" oder nur "Gas" verkürzt. Die Madagassen schätzen es, wenn sie ein Fremder mit einigen Wörtern Madagassisch überraschen kann. Die Grußformel "Salama vaovao" wird überall in Madagaskar verstanden, ähnlich wie "Veloma" (Auf Wiedersehen) oder "Misaotra" (Danke, ausgesprochen wie "misautra"). Im Laufe seiner Sprachgeschichte hat das Malagasy Lehnwörter aus den Bantusprachen (z.B. Swahili, njia = Weg, Straße), dem Englischen (z. B. book→boky) und Französischen (savon→savony, du vin→ divai) übernommen.

Erst seit gut 100 Jahren kann die madagassische Sprache auch geschrieben werden. Davor wurden Ereignisse und Geschichten oral weitergegeben. Erst arabische Einwanderer, die sich an dem 11. Jahrhundert an der Ostküste niederließen (heutige Volksgruppe der Antaimoro), entwickelten dann aus dem Arabischen eine eigene Schrift, das "Sorabe"Englische Missionare und Lehrer übersetzten die Bibel in die lateinische Schrift und schufen so die ersten schriftlichen Grundlagen des Malagasy; das Sorabe geriet in Vergessenheit. Die Franzosen haben später Akzente eingeführt, um Wörter besser aussprechen zu können. Viele Wörter werden bis heute unterschiedlich geschrieben, so wird z.B. die Stadt Fort Dauphin (Französisch) im Madagassischen zu "Taolagnaro", "Taolanaro" oder "Tolanaro", die von den Franzosen Tuléar genannte Stadt kann in Malagasy manchmal "Toliara" oder "Toliary" sein. 

Soziale Klassen/Stadt-Land-Dualismus

Landleben, © Carlos Espejo (CC BY-SA 2.0)
Landleben, © Carlos Espejo (CC BY-SA 2.0)
Leben auf dem Land, © Eva Biele
Leben auf dem Land, © Eva Biele
Luxushotel am Wasser, © Carlos Espejo (CC BY-SA 2.0)
Luxushotel am Wasser, © Carlos Espejo (CC BY-SA 2.0)

Die Mehrheit der Madagasssen lebt auf dem Land, nur 36,4% sind in städtischen Räumen zu Hause. Der größte Agglomerationsraum ist die Hauptstadt Antananarivo mit ca. 1,8 Mio. Einwohnern. Die Bevölkerungsdichte ist hier am höchsten, gefolgt vom Hochland und der Ostküste sowie partiell im Norden, während im Westen und Süden nur sehr geringe Bevölkerungsdichten erreicht werden. 

Wie in vielen afrikanischen Staaten korreliert auch in Madagaskar ein städtischer Wohnplatz häufiger mit mehr Wohlstand als ein ländlicher Lebensraum. Die Gesellschaft weist dabei große wirtschaftliche Disparitäten auf. Die Slums um Antananarivo zeigen eine Parallelwelt zu den reichen Luxusvillen der in der Hauptstadt vorhandenen Oberschicht, der madagassischen Elite, die über gute Gehälter verfügt und zum Shoppen nach Paris fliegt. Bettelnde Kinder, Prostitution und prekäre Lebensverhältnisse sind das Resultat vieler ineinander greifender Missstände einer Gesellschaft, die eine breite Basis von extremer Armut, eine sehr kleine Oberschicht und eine fast völlig fehlende Mittelschicht zeigt. Viele Menschen versuchen der ländlichen Armut zu entkommen, indem sie entweder in den Ballungsräumen nach Arbeit suchen oder im informellen Sektor tätig werden. Die Einwohnerzahl der Städte - allen voran Antananarivo - wächst stetig. 

In anderen größeren Städten bietet sich ein ähnliches Bild. Je größer jedoch die Entfernung von den Zentren wird, desto mehr wird deutlich, dass die Menschen in den ländlichen Gebieten heute wie früher relativ autark von der Landwirtschaft leben und über eine nur geringe Technisierung verfügen. Die sozialen Strukturen sind hier größtenteils noch stabil. Die Madagassen im ländlichen Raum können dennoch wirtschaftlich als arm eingestuft werden. Bauern im Süden sind häufig von existenzieller Armut betroffen; dagegen sind die für den Reisanbau kultivierbaren Hochlandflächen im zentralen Teil Madagaskars für ein besseres Auskommen verantwortlich. Doch auch hier sind die Landwirte nicht vor externen Schocks wie Zyklonen mit Wirbelstürmen und Überschwemmungen für heimische Anbaukulturen sowie globalen Preisschwankungen für agrarische Exportprodukte sicher. Und die nutzbare Fläche nimmt ab - die Bevölkerung wächst, aber die Bodenerosion nimmt gravierende Züge an und die Politik fördert die Landokkupation für größere Agrobusinessbetriebe, um die Dynamik für den Export anzukurbeln. Nur etwa ein Zehntel der Bevölkerung wird von einem über Steuern und Abgaben finanzierten Sozialversicherungssystem bei Risiken und Armut sowie im Alter aufgefangen. Für den formellen Sektor gibt es zwar eine Pensionskasse (C.Na.P.S.), aber die Auszahlungsbeträge fallen äußerst gering aus und kommen zum anderen nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zugute, da die meisten Menschen in der Landwirtschaft oder im informellen Sektor ohne Absicherung arbeiten.  

Die regionale Heterogenität wird neben der Abgrenzung verschiedener Ethnien auch durch die Verstärkung der Armut auf dem Land infolge soziologischer Traditionen erklärbar. Eine starke Hierarchisierung der ländlichen Bevölkerung, Aberglauben, Hexerei, Fetischkult sowie andere religiöse sowie animistische Verhaltensweisen können die Entwicklung bzw. Dynamisierung der Gesellschaft abbremsen sowie innerethnische Konflikte verstärken. Die Rivalität zwischen den Merina und den Küstenvolksgruppen wie beispielsweise den Tsimihety schwelt seit langem. Das hat zum einen historische Gründe durch die Übermacht der Merina-Königreiche vor der Kolonialzeit, aber auch Abstammungsunterschiede sind für Konflikte verantwortlich, da die Hochland-Madagassen mehrheitlich asiatische, die Küstenbewohner afrikanische Vorfahren haben. Auch ist die Koexistenz mit Vazahas - den Weißen - und anderen Minderheiten wie Chinesen oder Indern nicht immer harmonisch. Viele der in der Stadt bzw. dem Agglomerationsraum Antananarivo lebenden Madagassen lehnen stark traditionsbehaftete Verhaltensweisen kategorisch ab und begrenzen so stark ihre eigene Schicht. Das ist im Gesamten problematisch, wenn es um Wahlen oder andere nationale Themen geht, denn die Spaltung der Gesellschaft ist groß und wird offenbar immer größer. Dabei hängen trotz der im Gesetz festgelegten Chancengleichheit für alle Bewohner Madagaskars auch heute noch gesellschaftliche Reputation und individuelle Bewegungsfreiheit von der viele Generationen zurückreichenden Herkunft ab. Diese soziale Pyramide in Privilegierte und Unterprivilegierte bietet kaum Durchlässigkeit bzw. Aufstiegschancen. Beispielsweise ist eine Heirat zwischen einem Mitglied der "andriana" - der adligen Schicht - und einer Frau niedrigerer Herkunft für den höher gestellten Partner, wenn überhaupt, nur unter Verlust der Familienbande, der "fihavanana" möglich. Diese ist für den sozialen Zusammenhalt der madagassischen Gesellschaft von immenser Bedeutung

Altersstruktur

Familie im Hochland, © Eva Biele
Familie im Hochland, © Eva Biele
Oberschichtfamilie in Antsiranana, © Rakotomalala Omila
Oberschichtfamilie in Antsiranana, © Rakotomalala Omila

Über 60% der Einwohner Madagaskars sind unter 24 Jahre alt, über 65 Jahre alt werden nur knapp 3% der Madagassen. Damit zeigt Madagaskar die typische Altersstruktur vieler afrikanischer Länder mit nur geringer Entwicklung. Gründe für die hohe Kinderzahl sind neben Unkenntnissen zur Familienplanung und kaum Zugang zu Gesundheitszentren bekannter Weise mangelhafte Sozialsysteme, die die Einwohner im Alter finanziell nicht abzusichern vermögen. Die Struktur des Altersaufbaus hat weitreichende Folgen für den sozioökonomischen Sektor, hauptsächlich im Bildungs- und Gesundheitsbereich, aber auch für die im Beschäftigungssektor aktiven Madagassen: während der Schulbereich mit einer großen Anzahl von Schülerinnen und Schülern, einer unzureichenden Qualifikation des Lehrpersonals und maroden oder inexistenten Schulgebäuden zu kämpfen hat, sind im Hauptbeschäftigungssektor - der Landwirtschaft - nur knapp ein Drittel der Bevölkerung (die Madagassen im Alter zwischen 24 und 65 Jahren) offiziell verfügbar. Die Schattenseite des Kinderreichtums wird damit erklärbar: die Kinderarbeit ist immer noch ein großes Problem in Madagaskar. Rund ein Fünftel der Kinder zwischen 5 und 14 Jahren (ca. 2 Millionen Kinder) gehen einer mehr oder weniger körperlich anstrengenden Arbeit nach. Die Einsatzgebiete reichen von der Haushaltshilfe über die oftmals notwendige Hilfe in der familiären Landwirtschaft bis zu schwerer Arbeit auf Plantagen oder in den Steinbrüchen, Gold-, Saphir- oder Salzminen des industriellen Bergbaus. Dass dieser Zustand beendet werden muss, ist ein moralisches Gebot, aber vor dem Hintergrund der extremen Armut vieler Madagassen keine in Zukunft absehbare möglich erscheinende Realität.

Senioren werden in Madagaskar stets höflich und mit großem Respekt behandelt. Doch es kommt vor, dass im städtischen Bereich, in dem stabile familiäre Verhältnisse heute manchmal fehlen, ältere Menschen zunehmend auch ausgegrenzt werden. Die als "zokiolona" bezeichneten älteren Madagassen gehören insgesamt neben Kindern zu den Schwächsten der Gesellschaft und sind auf familiäre Unterstützung angewiesen. 

Familie und Frauen

Braut mit Brautvater und Bruder, © Eva Biele
Braut mit Brautvater und Bruder, © Eva Biele

In Madagaskar ist für die Belange von Familien, Kindern und Frauen das Familienministerium (Ministère de la Population, de la Protection Sociale et de la Promotion de la Femme = MPPSPF) zuständig. Dazu gehören auch Gesetze zum Schutz von Kindern, von Frauen und der Familie. Diese Gesetze und Rechte werden in der Realität allerdings häufig nicht befolgt - sei es aus Ignoranz oder aus gesellschaftlich-ökonomischen Gründen. 

Frauen sind traditionell dem Mann unterstellt. Das zeigen viele Sitten und Gebräuche des alltäglichen Lebens, beispielsweise dass der Mann beim Essen zuerst bedient wird. Daher ist die Frau im privaten Bereich nicht gleichberechtigt, obwohl die Verfassung dies vorsieht. Frauen übernehmen in den ländlichen Gebieten normalerweise den größten Teil der täglichen Arbeit, kümmern sich um die Kinder und den Haushalt, helfen in der Landwirtschaft mit und unterstützen häufig auch ältere Familienmitglieder. Die Familienhierarchie ist meist starr; Mobilität in der Rangfolge bedarf der Erlaubnis der Familie, aber im Hinblick auf die heutigen Bildungsmöglichkeiten können auch Ausnahmen gemacht werden, wenn z.B. ein Mädchen zur Schule gehen möchte. Bei der Gleichberechtigung von Frauen und Männern gibt es in Madagaskar noch viel zu tun: Gesetze zur Gleichberechtigung sind durchaus vorhanden, doch werden diese in der Realität noch immer zu wenig umgesetzt. Seit Jahren gibt es keine Angaben zum GII (Gender Inequality Index) Madagaskars. Der GDI (Gender Development Index) zeigt einen Wert von 0,946 für 2018. Damit liegt Madagaskar auf Rang 162 von 189 Ländern. 

Die Familie hat in Madagaskar generell einen hohen Stellenwert. Auch wenn die Moderne in die madagassische Gesellschaft Einzug gehalten hat und viele Faktoren dazu führen, dass unterschiedliche Lebensformen nebeneinander existieren wie ländliche traditionelle Familien, alleinstehende Frauen in städtischen Gebieten, Obdachlose, Bettler, junge Angestellte mit gutem Gehalt usw., sind die Menschen in der "fianakaviana" verankert, der Großfamilie oder dem Klan. Dazu zählen alle Nachkommen eines mit Namen bekannten männlichen Vorfahren. Die Ahnen ("Razana") bestimmen nach wie vor in starkem Maße die Familienstrukturen, die Hierarchie, das generelle Verhalten der Familienmitglieder untereinander und in ihrem Umfeld. Die Ahnen sind allgegenwärtig. Zwar tot, aber eigentlich unsterblich, wachen sie sozusagen mit den ihnen zugeschriebenen Gesetzen, den "fady" - Regeln und Verboten (Tabus) mit genauen Anweisungen zu deren Bedeutung und Gebrauch - über die Familie. Abgesehen von den "fady" wird die Ehrung der Ahnen am eindrucksvollsten durch die in regelmäßigen Abständen stattfindende Totenumbettung oder Leichenwende (famadihana) deutlich. Da hier ein großer Aufwand betrieben wird und das Ritual immer wiederkehrt, hat es auch häufig negative wirtschaftliche Konsequenzen hohen Ausmaßes, weil sich Familien durch die Bewirtung der Gäste hoch verschulden.

Der Gemeinschaftssinn - "fihavanana" - spielt auch eine wichtige Rolle: die Familien besuchen sich zu allen erdenklichen Anlässen untereinander und stärken so das soziale Miteinander. Die Fürsorgepflicht ("Ray aman-dreny") der Eheleute gegenüber den ihnen anvertrauten Kindern wird ebenfalls sehr ernst genommen und durchzieht auch politisch-soziale Beziehungen. So wird das Bild des Landesvaters und seinen Kindern vielfach von Präsidenten seit König Andrianampoinimerina zur Durchsetzung politischer Interessen manipuliert, was sich auch in Demonstrationen zur Verfechtung der Demokratie ausdrückt. 

Die madagassische Frau bekommt im Durchschnitt rund vier Kinder (4,13 im Jahr 2017), davon kommen die meisten zu Hause zur Welt. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Familienplanungsangeboten oder ausgebildeten Geburtshelfern. Jungen werden generell willkommener geheißen als Mädchen, aber eine strikte Ablehnung von Mädchen findet nicht statt. Schwangerschaft und Geburt sind mit zahlreichen "fady" verbunden, an die sich die Schwangere halten muss. So darf die Schwangere keinen Ingwer essen, den ersten rituellen Haarschnitt des Babys darf nur ein Mann vornehmen, dessen Eltern noch leben usw. Bewundernde Äußerungen dem Kind gegenüber sind nicht erwünscht, da man glaubt, die Ahnen könnten sonst eifersüchtig werden und dem Kind Schlechtes antun. Die Geburt von Zwillingen ist in Madagaskar ein schlechtes Omen, das soweit geht, dass die Babys auch heute noch ausgesetzt oder gar getötet werden. Häufig werden Kinder nach der Geburt nicht offiziell registriert, weil es den Eltern unnötig erscheint oder weil Wege zu weit sind. Das hat weitreichende Folgen für die Bildungs- und Sozialpolitik. Unfruchtbarkeit bedeutet in Madagaskar eine große Schmach für ein Paar, zu dessen Behebung vielfach Wahrsager (ombiasy), Astrologen (mpanandro) oder Fetische eingeschaltet werden. Auf der anderen Seite sind Schwangerschaften unter Minderjährigen häufig. Außereheliche Beziehungen waren in Madagaskar vor der Ankunft der Europäer weit normaler und häufiger als in Europa. Die Missionare schoben dem einen Riegel vor, doch allzu streng scheint man die Regel von Treue und Monogamie nicht zu nehmen. Polygamie ist zwar gesetzlich verboten, sie wird jedoch in einigen Regionen weiter praktiziert. Heute suchen sich junge Menschen ihre Ehepartner individuell aus, aber unterschiedliche Religionszugehörigkeit oder Standesunterschiede können immer noch ein Hinderungsgrund für die Verbindung darstellen. 

Die Zahl der Verheiratungen von Kindern bzw. Mädchen ist in Madagaskar außerordentlich hoch. Das traditionelle Heiratsalter von Mädchen liegt bei 15 bis 16 Jahren, obwohl Frauen wie Männer laut Gesetz frühestens mit 18 Jahren heiraten dürfen. Obwohl bei allen ethnischen Gruppen die Familiengründung offiziell erst mit der Heirat beginnt, waren und sind voreheliche Geburten nicht tabuisiert. Moderne Empfängnisverhütungsmaßnahmen sind nur für einen kleinen Teil der Frauen verfügbar (28% der Frauen auf dem Land und 36% der Frauen im städtischen Umfeld), Kondome werden relativ selten benutzt.   

Gewalt ist für die Mehrheit der Frauen immer noch allgegenwärtig. Über die Hälfte aller Frauen in Madagaskar sind unterschiedlichen Arten von Gewalt ausgesetzt, auch innereheliche Gewalt kommt offenbar häufig vor. Vielfach wehren sie sich kaum, da sie traditionell dem Mann unterstellt sind. Viele NGOs versuchen durch Programme oder Projekte das Schweigen der Frauen zu brechen und ihnen ihre Rechte aufzuzeigen. 

Die Arbeitsbedingungen für viele Madagassen gehen an der offiziellen Norm von Arbeitsgesetzen vorbei, vor allem Frauen und Kinder müssen häufig schwer arbeiten. Dass Frauen nicht generell unterdrückt werden, zeigt die Vormachtstellung der Königinnen in der Vergangenheit, die mächtig und häufig auch ohne Skrupel regiert haben. 

Familientreffen, © Eva Biele
Familientreffen, © Eva Biele

Die Jugend

Madagaskar ist ein sehr kinderreiches Land, in dem Kinder einen hohen Stellenwert für die Familie haben und als Geschenk Gottes angesehen werden. Sie werden schon früh in das Arbeitsleben der Eltern mit einbezogen, aber körperliche Züchtigung ist "fady". Jedes Ehepaar wünscht sich mindestens einen Jungen. Der Brauch der Beschneidung für Jungen ist von den Ahnen befohlen und bedeutend, weil ein unbeschnittener Junge bzw. Mann kein Mitglied der Gesellschaft sein kann. Die Beschneidungszeremonie beispielsweise bei den Antambahoaka ist ein großes Fest, was jedoch nur alle sieben Jahre stattfindet. Alle Schritte der Beschneidung folgen landesweit festen - regional leicht abgewandelten - Regeln, von der Haarfrisur der Mutter über die traditionellen Gesänge bis zum Tragen des traditionellen Hemdes des beschnittenen Jungen nach der Operation. Mädchen werden dagegen nicht beschnitten.  

Eine recht flächendeckende Anzahl von Schulen und Schülerinnen bzw. Schülern kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bildungssituation in Madagaskar unzureichend ist. Kinder sind ganz allgemein vielfältiger Gewalt ausgesetzt, sei es im familiärem Umfeld, in der Schule oder bei der Arbeit. Extreme Armut und schlechte Bildungsmöglichkeiten fördern daneben leider auch das Phänomen der Straßenkinder. In den größeren Städten sind sie kaum noch aus dem Straßenbild wegzudenken und ihre Zahl nimmt zu. Im Dschungel der Städte gehört Kleinkriminalität und Kinderprostitution zum Alltag der Straßenkinder. Es gibt viele Hilfsprojekte, doch das Problem ist komplex und sozioökonomische Realitäten als Gründe für das Problem von Straßenkindern nicht ohne weiteres veränderbar. Auf dem Land ist die weit verbreitete Kinderarbeit ebenfalls ein großes Problem. Abgesehen von bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Folgen sind die persönlichen Konsequenzen für Kinder neben körperlicher auch psychologischer Natur. Perspektivlosigkeit und Fatalismus sind dafür verantwortlich, dass Jugendliche häufig neben der Arbeitslosigkeit auch z.B. von Alkoholkonsum betroffen sind. Dieser nimmt unter Jugendlichen zu, ebenso wie der Konsum von Cannabis. Der Zugang zu gesundheitlichen Einrichtungen für Jugendliche ist unzureichend, vor allem junge Mädchen müssen hier mehr unterstützt werden. Die HIV/AIDS-Rate ist zwar insgesamt relativ niedrig, doch sind hauptsächlich Jugendliche von der Infektion betroffen. Programme zum Schutz von Jugendlichen existieren zwar und werden auch als notwendig erachtet, aber ihre Umsetzung ist oftmals schwierig, da verschiedene Bereiche wie die Bildungs-, Gesundheits- oder Armutssituation tangiert werden und deren Verbesserung an viele Grenzen stößt.

Freunde, © Eva Biele
Freunde, © Eva Biele
Die Jugend in Antananarivo, © Eva Biele
Die Jugend in Antananarivo, © Eva Biele
Kinder auf dem Markt, © Nathalie Sautier-Anders
Kinder auf dem Markt, © Nathalie Sautier-Anders

Geschlechtervielfalt/LGBTQI/Homosexualität

In der Verfassung Madagaskars (Artikel 6) sind alle Menschen unabhängig von ihrer Sexualität, Religion, Bildung usw. gleichgestellt. Homosexuelle Aktivitäten oder ein gemeinsames Leben ist ab 21 Jahren legal, gleichgeschlechtliche Ehen jedoch nicht. Nur heterosexuelle Paare dürfen Kinder adoptieren. Auch wenn das Gesetz eindeutig ist, ist Homosexualität gesellschaftlich nicht akzeptiert, wird stigmatisiert und bleibt ein Tabuthema. Gewalt oder Diskriminierung gegenüber LGBTQI wird nicht strafrechtlich verfolgt. Vor allem homosexuelle Prostituierte sind Anfeindungen, Beleidigungen oder sogar Gewalt ausgesetzt. 

Bildung

Grundschule in Amborompotsy, © Eva Biele
Grundschule in Amborompotsy, © Eva Biele
Studenten der Universität Antananarivo, © Rakotomalala Omila
Studenten der Universität Antananarivo, © Rakotomalala Omila

Die Schule in Madagaskar wurde zunächst in der Vorkolonialzeit von britischen Lehrern eingeführt. Während und auch in den Jahren nach der französischen Kolonialzeit dehnte sich die Dominanz Frankreichs auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Bereiche in Madagaskar aus und die Bildungspolitik im Schulbereich widmete sich ganz der Vermittlung der französischen Sprache, aber auch der Kultur Frankreichs ("civilisation française"). Französische Lehrbücher vermittelten den Schülern gar, dass ihre Vorfahren Gallier gewesen seien, d.h. das Lehrprogramm wurde keineswegs an die madagassische Identität oder bestehende Lebensverhältnisse angepasst.

1972 gingen nur die Hälfte aller schulpflichtigen Kinder zur Schule, nur knapp 3% schafften es auf eine Sekundarschule, die meisten Lehrer waren französischer Nationalität, Plätze an Gymnasien waren rar. Bildung war ein Privileg für die Eliten. Es kam zu Demonstrationen, um eine Umkehr zur madagassischen Kultur und Sprache zu erzwingen (malgachisation). Die Folge war, dass die Schülerinnen und Schüler der 1980er Jahre kaum noch französisch sprachen und ihnen dadurch dann im Erwachsenenalter der Zugang zu offiziellen Arbeitsstellen verwehrt blieb, wo Französisch nach wie vor Amtssprache war.

Marc Ravalomanana wollte das Bildungssystem reformieren, indem er Anreize zum Schulbesuch schuf, Schulen besser ausstatten und das Qualifikationsniveau der Lehrer anheben wollte ("education pour tous"). Doch durch den Putsch 2009 wurden seine Bemühungen gestoppt. Rajoelina hatte in darauffolgenden Jahren Mühe, den Status quo des Bildungssystems aufrechtzuerhalten bzw. schaffte es nicht, eine ausreichende Finanzierung dafür zu finden.

Heute legt man wieder Wert auf die Vermittlung beider Nationalsprachen, doch bleiben viele Probleme. Die neben den staatlichen Schulen vielfach neu gegründeten Privatschulen, deren Personalstruktur qualifizierter ist und die damit per se schon qualitativ besseren Unterricht anbieten können, sind teuer. In den ländlichen Gebieten Madagaskars können die Eltern kaum den Schulbesuch auf den staatlichen Schulen bezahlen. Obwohl die Grundschule offiziell kostenlos ist, müssen trotzdem Schulmaterialien und Schulkleidung bezahlt werden. Da sich der Staat kaum die Lehrergehälter leisten kann, wurde die Initiative FRAM (Fikambanan’ny ray aman-drenin’ny mpianatra = Vereinigung der Eltern)  ins Leben gerufen - Lehrer, die neben den angestellten Lehrern von den Eltern bezahlt werden und unterrichten. Sie haben oft kein ausreichendes Qualifikationsniveau und keine dauerhafte Stellung. Noch schwieriger ist es für viele Eltern, ihre Kinder in eine weiterführende Schule zu schicken. 60% der Gymnasiasten Madagaskars gehen auf eine Privatschule. Ein Hindernis, neben der finanziellen Seite für die Umsetzung der bildungspolitischen Vorhaben, ist jedoch auch das fehlende Verständnis der hauptsächlich armen Landbevölkerung für die Notwendigkeit von Schule und Bildung im Allgemeinen.

Nur etwa 4% eines Schülerjahrgangs studieren. Von den sieben Universitäten in Madagaskar ist die Université d´Antananarivo die Wichtigste. Wissenschaftliche Untersuchungen finden kaum statt, das Niveau der Hochschulabgänger ist generell niedrig. 

2010 lag die Alphabetisierungsrate bei den 15 bis 24-jährigen bei 71,9%, was eine Verbesserung der Verhältnisse von 2004 darstellt (59,2%). Allerdings fiel sie 2015 wieder auf 64,66%. 2018 hat sich die Rate auf 74,8% (Erwachsene, ab 15 Jahre) verbessert, was als gutes Zeichen gewertet wird.

Université_d'Antananarivo, © Falimalala (CC BY-SA 4.0)
Université_d'Antananarivo, © Falimalala (CC BY-SA 4.0), unverändert

Religion, Bräuche, Glaube

Religion

Religion, Glaube, Gott und die Ahnen sind für die Madagassen sehr wichtig und stets miteinander verwoben. Etwa 40% der Einwohner Madagaskars haben einen christlichen Glauben, die andere Hälfte sind animistischen Glaubens und damit Vertreter von Naturreligionen. 23% der Madagassen sind katholisch, 18% Protestanten. Der Islam hat sich in Madagaskar nicht durchsetzen können (7% sind Muslime). Doch sind für nahezu alle Madagassen strenge und häufig starre Sitten und Gebräuche, Regeln und Verbote ein fester Bestandteil des gesamten Lebensweges. Christliche und traditionelle Überzeugungen haben sich durch die historische Entwicklung Madagaskars vermischt. So existieren häufig christliche Überzeugungen neben traditionellen Überlieferungen und werden nicht als Widerspruch empfunden. Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit. Generell kann man in Madagaskar ein tolerantes Mit- und Nebeneinander verschiedener Glaubensrichtungen beobachten. Die christlichen Kirchen haben auch politisches Mitspracherecht, so beispielsweise die reformierte protestantische Kirche FJKM, deren Vizepräsident Marc Ravalomanana war. Der lutherischen Kirche Madagaskars (FLM) gehören heute ca. 2,2 Mio. Mitglieder an, die Katholiken sind in der FKAR (Fiangonana Katolika Apostolika Romanina) organisiert. Die katholische Kirche wurde in der Kolonialzeit von Frankreich unterstützt und hat bis heute beispielsweise mit ihren Hochburgen in den Küstenstädten Toliara und Toamaisna sowie in Fianarantsoa einen erheblichen Einfluss. Die Jesuiten engagierten sich besonders in Lehre und Forschung. Kleinere religiöse Gemeinschaften stellen die Zeugen Jehovas, Adventisten, Mormonen, Baptisten und die Juden dar. 

"Fady"

Fady sind Regeln bzw. meistens Verbote oder Tabus, die die Madagassen zeitlebens begleiten, einengen, aber auch positiv beeinflussen und Harmonie und Lebensfreude herstellen können. Unzählige Handlungen, Gedanken, Eigenschaften, Beziehungen und Nahrungsmittel können von "fady" (Tabus, Verboten) betroffen sein. Dieser Verhaltenskodex ist einmalig für Madagaskar. Durch das Befolgen der fady-Regeln wird Harmonie mit dem Schicksal hergestellt. Einige "fady" gelten nur für eine kleine ethnische Gruppe, andere Regeln betreffen größere Volksgruppen und Regionen und können Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Einige Forscher gehen sogar davon aus, dass das Befolgen der zahlreichen "fady" dem wirtschaftlichen Aufschwung Madagaskars so sehr im Wege steht, dass mit "normaler" Politik bzw. Programmatik eine langfristige wirtschaftliche Entwicklung unmöglich wird. So gibt es beispielsweise den "fady", Dienstag und Donnerstag nicht auf den Reisfeldern zu arbeiten. Viele Pflanzen und Tiere sind "fady", manchmal aus nicht ersichtlichen Gründen: Hunde gelten bei den Muslimen und den Antaimoro als unrein, bei anderen Volksgruppen jedoch nicht; zumindest werden sie hier als Wach-, Jagd- oder Hütehunde gehalten. Wildtiere, die "fady" sind und damit nicht gejagt werden dürfen, können dadurch häufig besser geschützt werden als durch Nationalparks. 

Zusammen mit "fady" sind die Auswirkungen von Regelverletzungen und die Begriffe Schuld, Sühne und Schicksal wichtig in Madagaskar. Der Verstoß gegen ein "fady" - "ota fady" und die Schuld gegenüber dem Übernatürlichen (= "heloka") zieht die Strafe (="voina") nach sich, die sich nicht in der Bestrafung von real existierenden Menschen, sondern in Form von Krankheit, Missernten oder langsamem Tod zeigt. Dagegen hilft nur die Sühne in Form eines Tieropfers oder einer Trance-Zeremonie. Nur wer sich von "heloka" befreit hat, kann wieder in die Familiengemeinschaft (="fihavanana") aufgenommen werden. Wenn die Madagassen selbst über einige "fady" lachen können, so ist es jedoch ausgeschlossen, sich über die Ahnen, den Tod oder die Bestattungsfeiern sowie Grabmäler lustig zu machen. Viele Europäer, auch die französischen Kolonialherren, machen oder machten den Fehler, den traditionsverbundenen Glauben an "fady" mit mangelnder Intelligenz der Madagassen gleichzusetzen. Es gebietet die Höflichkeit, sich bei Besuchen unbekannter Regionen oder Dörfer über die dort bestehenden "fady" zu informieren. Die Madagassen glauben weiterhin an eine Vorherbestimmung (= vintana), der man nicht entgehen kann. So ist es z.B. eine gute "vintana", bei Sonnenaufgang, eine schlechte "vintana" jedoch um Mitternacht geboren worden zu sein. Glaube, "fady", Schuld und Sühne sind kompliziert miteinander verwoben und machen es im Alltag schwierig, "richtig" zu handeln. So ist bei den Merina der Freitag mit der Farbe Rot verknüpft und der beste Tag für Bestattungen. Allerdings gilt an Freitagen "fady" für rote Lebensmittel. Kommt an diesem Tag ein Baby zur Welt, für das ein rotes Huhn an seinem "vintana"-Tag als Opfer gebracht werden muss, sollte die Feier auf Sonntag verschoben werden; dem Sonntag ist die Farbe Weiß zugeordnet, so dass ein weißes Huhn geschlachtet werden kann. Im Unterschied zu "fady", die hauptsächlich Verbote beinhalten, sind "fomba" kulturelle Gebräuche zu bestimmten Anlässen, z.B. dass man der Braut bei der Hochzeit als Brautgeschenk eine Ziege mitbringt.  

"Tody" und "Tsiny" sind weitere Begriffe, die die Moral und das Bewusstsein für das eigenverantwortliche Handeln formen sollen. "Tody" steht dabei für das Handeln eines Individuums und die Verantwortung, die man mit einer gewissen Handlung innehat. Man soll sich also vor einer Reaktion oder Tat überlegen, ob man Mitmenschen mit "Tody" verärgert, schlecht behandelt oder belügt. "Tsiny" ist dagegen mit Schuld oder Sühne zu übersetzen und tritt dann ein, wenn man die Ahnen bzw. deren "fady" nicht beachtet. Dieses Netz aus Schuld und Sühne ist komplex und vom Europäer kaum nachzuvollziehen. 

Hexerei, Zauber, Aberglaube

Die überwiegende Mehrheit der Madagassen glaubt an die Wirkung von Hexen, Zauberkräften und ist sehr abergläubisch. Mit Fetischen, Räucherwerk und beschwörenden Worten werden Geister vertrieben, man glaubt an die Macht der Hexen, auch Menschen töten zu können. Schamanen oder Heilkundige ("ombiasy" und "mpimasy") sollen bei allerlei Problemen helfen, die "mpamorika" können auf der anderen Seite aber auch Böses tun. Wahrsager oder Orakelkundige ("mpisikidy") werden auch von Politikern aufgesucht, um mit einer speziellen Methode (sikidy) die Zukunft vorherzusagen. Tief verwurzelt in der madagassischen Kultur ist auch der Glaube an Geister und unheimliche Wesen, Meerjungfrauen, Elfen und Kobolde sowie der Aberglaube, dass etwas Bestimmtes passiert, wenn man etwas tut oder unterlässt (Beispiel: Die Hühner bleiben gesund, wenn eine Schildkröte im Haus ist, oder: Ein Mann darf auf keinen Fall den Boden fegen, die Matten zusammenrollen oder mit Netzen fischen, oder: Es bringt Unglück, sich an ein und demselben Tag die Haare, die Fingernägel und die Fußnägel zu schneiden).

Das Haus als Symbol des Lebens

Das Haus als Wohn- und Lebensort hat bei den Madagassen eine besondere Bedeutung. Regeln beim Hausbau sind wichtig, damit das Haus zu einem Heim wird, das Schutz und Wohlbefinden bietet. So sollte der Baubeginn an bestimmten Tagen im Monat stattfinden (der 1. Tag des dritten Monats z.B.) und die geografische Ausrichtung des Hauses ist auf eine Nord-Süd-Richtung ausgelegt. Diese Achse symbolisiert Macht, die Ost-West-Ausrichtung wird dagegen mit Unheil assoziiert. Auch die Lage zum Familiengrab ist wichtig, denn wenn eine Tür auf den Eingang eines Grabes ausgerichtet ist, würde das den Tod ins Haus locken. Auch im Inneren des Hauses sind die Himmelsrichtungen für verschiedene Zimmer bedeutend. Das Haus selbst wird im Einklang mit "vintana", dem Schicksal, nach Monaten, Tagen und auch Stunden unterteilt und jedes Individuum hat sich an die Regeln der Bewegungsrichtung zu halten, wenn man sich im Haus bewegt. 

Die sehr individuellen Feste, Bräuche und Traditionen in Madagaskar sowie die starke Bindung, die viele Madagassen ihnen gegenüber zeigen, mögen dem Europäer seltsam erscheinen. Die kulturelle Identität zu respektieren und gleichzeitig offen für einen Wandel in der Gesellschaft zu sein, die immer stärker von der Moderne diktiert wird, muss jedoch für den Madagassen kein Widerspruch sein. Allerdings sollten die persönliche Entfaltung des Individuums einschränkenden Familienverpflichtungen sowie negative wirtschaftliche Auswirkungen der Sitten und Gebräuche verändert werden. 

Gesundheit

Krankenwagen, © Ando Lafafatra Mahay
Krankenwagen, © Ando Lafafatra Mahay

Das Gesundheitssystem Madagaskars ist hauptsächlich nach dem französischen Vorbild gestaltet und bietet verschiedene Gesundheitseinrichtungen auf unterschiedlichem Niveau an. So existieren in ländlichen Gebieten die "Centres de Santé de Base (CSB I), größere Dörfer besitzen die CSB II und in Städten sind "Centres Hospitaliers de District de Niveau I und II (CHD I und CHD II) vorhanden. In Antananarivo gibt es die besten Krankenhäuser (Centres Hospitaliers de Référence = CHR und die Centres Hospitaliers Universitaires =CHU) mit großer Bettenanzahl und relativ gut ausgebildetem Ärztepersonal. Obwohl das Gesundheitsministerium regelmäßig Verbesserungen durch neue Programme verspricht, ist das Gesundheitssystem Madagaskars schlecht organisiert, finanziell und personell unterversorgt und nicht für alle Bürger frei zugänglich. Erhebliche medizinische Versorgungslücken bestehen vor allem in ländlichen und abgelegenen Gebieten. Die Kindersterblichkeit ist zwar zurückgegangen, liegt aber noch bei 53,6/1000 Geburten 2018 (Deutschland: 4/1000), ebenso verhält es sich mit der Müttersterblichkeit (2017: 335/100.000 Geburten, Deutschland: 3,3/100.000 Geburten). Die Lebenserwartung liegt durchschnittlich bei 65,9 Jahren, ein relativ hoher Wert für ein Land Subsaharas. Die Ärztedichte ist aufgrund fehlender finanzieller Mittel zurückgegangen, ebenso wurden die Gesundheitsausgaben gekürzt (ca. 3% des BIP, 2014). Infrastruktureller Mangel, Armut und fehlende Ärzte sind dafür verantwortlich, dass sich viele Kranke eher der traditionellen Medizin anvertrauen. Eine Krankenversicherung existiert nicht. 

Global in den Schlagzeilen war Madagaskar in letzter Zeit durch das Aufflammen der Lungenpest. Seit dem 19. Jahrhundert kommt es in regelmäßigen Abständen zu Pestausbrüchen (hier aber eher die Beulenpest, die weniger infektiös ist als die Lungenpest). Offenbar wurde der Erreger durch Handelsschiffe aus Indien eingeschleppt. Mangelnde Hygiene, Unwissenheit über die Infektionswege, fehlende Isolation der Kranken und Panik der Infizierten können zu einem epidemischen Ausbreiten der Krankheit führen, zuletzt war das Ende 2017 der Fall. Die Lungenpest wird durch Tröpfcheninfektion übertragen und ist daher besonders infektiös. Sie ist durch Antibiotika relativ leicht behandelbar; umso erschreckender ist die Tatsache, dass 2017 mehr als 200 Madagassen an der Krankheit starben, bevor Entwarnung gegeben werden konnte. 

Ein hohes Malariarisiko der vorherrschenden, durch "Plasmodium falciparum" ausgelösten gerfährlicheren Form (Malaria tropica) besteht ganzjährig in allen Landesteilen, einschließlich den Städten und in den Küstengebieten. Chloroquinresistenz wurde gemeldet. Durch Sensibilisierung und Aufklärung der Bevölkerung waren die Malariafälle von 2000 - 2009 zurückgegangen, stiegen danach jedoch wieder an. Die politische Krise, der Klimawandel mit höheren Niederschlägen und das Auftreten neuer Vektoren (Malaria-Überträger) scheinen dafür verantwortlich zu sein. 

Landesweit besteht eine erhöhte Infektionsgefahr für diverse Infektionskrankheiten wie Hepatitis A ,B, C und E, Typhus oder Polio (Kinderlähmung). Eigentlich schon besiegt, ist die Kinderlähmung 2015 wieder aufgetreten, wahrscheinlich auch durch die Tatsache, dass die Mediziner mehr Wert auf die Eindämmung von Pest gelegt und den Kampf gegen Polio vernachlässigt haben. Den Verdauungstrakt betreffend sind Bakterienruhr, Amöbenruhr, Lambliasis und Wurmerkrankungen häufig, auch Bilharziose kommt vor. Die nur mangelnde Gesundheitsversorgung, Armut und unzureichende Aufklärung ist auch dafür verantwortlich, dass gegen Kinderkrankheiten wie die Masern nur wenig geimpft wird. Folge war z.B. im März 2019 der Ausbruch einer Masernepidemie, bei der mindestens 1000 Menschen - zumeist Kinder - gestorben sind. 

Mit dem Einsetzen der Regenzeit im November besteht die Gefahr von Dengue- und Chikungunya-Fieber. Diese Viruserkrankungen wird von Mücken übertragen und sind hauptsächlich für Kinder gefährlich. 

Madagaskar hat eine insgesamt niedrige HIV/AIDS-Rate. Die Zahl der Infizierten steigt zwar an, lag 2018 aber insgesamt bei 0,3%. Dies lässt sich zum einen durch die Insellage Madagaskars erklären, die eine Ausbreitung wie in anderen Ländern Afrikas verhindert hat. Außerdem war auch durch die frühe Initiierung von Aufklärungskampagnen das epidemische Ausbreiten von HIV/AIDS bereits im Anfangsstadium eingedämmt worden. 

Wie weltweit ist auch Madagaskar nicht von der Corona-Krise 2020 verschont geblieben. Als eines der ersten afrikanischen Länder schloss die Regierung die Grenzen und setzte alle regionalen und internationalen Flüge ab dem 20. März 2020 aus. Deutsche Touristen waren von einer verzögerten Rückholaktion nach Deutschland betroffen. Weltweit macht Präsident Rajoelina auf sich aufmerksam, weil er ein Heilmittel gegen das Corona-Covid19-Virus gefunden haben will: einen Kräutertee, im dem die gegen Malaria wirksame Pflanze Beifuß enthalten ist. Unterstützung erhält er von der katholischen Kirche. Andere afrikanische Staaten zeigen sich interessiert. Die WHO zweifelt die Wirksamkeit an und mahnt, alle Afrikaner sollten auch in klinischen Tests bewiesene, gegen Covid19 wirksame Medikamente - wenn sie denn auf den Markt kommen - erhalten. Rajoelina wehrt sich gegen Kritik und wirft der WHO vor, die Wirksamkeit des Mittels nicht anzuerkennen, da es aus einem armen afrikanischen Land käme. Er geht sogar so weit, andere Länder aufzufordern, aus der WHO auszutreten - ein Donnerschlag für die globalen Gesundheitsbemühungengegen Covid 19.

Krankenhaus. © Stefanie Wacker
Krankenhaus. © Stefanie Wacker

Video zur Rückkehr der Pest in Madagaskar 2018 (Deutsch, ca. 24 Minuten)

Kultur, Musik und Kunst

Die Valiha, bekanntes Saiteninstrument Madagaskars, © Rob Hooft (CC BY-SA 3.0)
Die Valiha, bekanntes Saiteninstrument Madagaskars, © Rob Hooft (CC BY-SA 3.0)

Kultur

Abgesehen von den Gebräuchen, Sitten und Traditionen können zwar kulturelle Verhaltensformen und Denkweisen in Madagaskar nicht generalisiert, doch Tendenzen herausgestellt werden. So ist "Mora mora" (= "Schön langsam!") nicht nur ein Ausspruch, sondern steht für ein Lebensgefühl bzw. die Bedeutung von Zeit. Eile und Ungeduld ist den meisten Madagassen fremd. Dabei spielt jedoch auch der Glaube an Schicksalsfügung eine Rolle, die Zuversicht, dass alles gut werden wird - getragen von der Auffassung, die durch Harmoniestreben und Konfliktvermeidung geprägt ist. Verwechseln darf man Mora-Mora, also Ruhe und Gelassenheit, jedoch nicht mit Unzuverlässigkeit, Unbeständigkeit oder gar Faulheit. Überhaupt sind für die Madagassen Höflichkeit, leise Reaktionen und freundliches Verhalten bedeutsam. Für Unterhaltungen typisch ist die meist indirekte Kommunikation bzw. das Vermeiden von direkter Kritik. Persönliche Probleme werden ebenfalls nicht jedem und immer erzählt. Berühmt ist Madagaskar für seine Gastfreundschaft und die Freundlichkeit, mit der sie fast jedem begegnen.

Durch die Vielfalt der Volksgruppen in Madagaskar zeigt das Land einen außergewöhnlich hohen kulturellen Reichtum, der sich in unterschiedlichen Traditionen und Gebräuchen zeigt. Ausdruck kultureller Einstellungen sind auch in der Erzählkunst, in der Literatur, in Musik und Tanz, beim Theater, in Handwerkskunst und in der Architektur zu finden.

Literatur

Die oral überlieferte Kultur finden in der Erzählkunst (Hainteny), in der Kunst der Ansprache (Kabary), in Sprichwörtern (Onabolana) und in Märchen (Angano) ihren Ausdruck. Erst im 20. Jahrhundert hat sich auch die schriftliche Form der Sprache als Literatur herausgebildet. Die Madagassen sind stolz auf ihren individuellen Literaturstil, der sich erheblich von den literarischen Traditionen der französischen Kolonialmacht, aber auch von anderen afrikanischen Vorbildern unterscheidet. Bekanntere moderne Autoren sind z.B. Raharimanana oder Johary Ravaloson.  

Musik und Tanz

Das traditionelle Musikinstrument des madagassischen Hochlandes ist die Valiha, eine Bambusstange, die mit Saiten bespannt ist und ähnlich wie eine Gitarre klingt. Andere Musikinstrumente sind die Mandoline, die Ukulele und verschiedene Trommeln. Musik und Tänze in Madagaskar sind je nach Volksgruppe recht unterschiedlich, orientieren sich jedoch häufig an traditionellen Ausdrucksweisen. Aber auch moderne Musikrichtungen etablieren sich, durch die vor allem die Jugend ihre Gefühle und auch politischen Ansichten vermitteln kann. 

Eine Musikveranstaltung in Toliara, © Ando Lafafatra Mahay
Eine Musikveranstaltung in Toliara, © Ando Lafafatra Mahay

Theater und Kino

Sind die ersten Theaterensembles bereits im 19. Jahrhundert gegründet worden, hat die Bedeutung des Theaters im heutigen Madagaskar stark abgenommen. Das traditionelle Straßentheater (Hira gasy) ist aber nach wie vor sehr lebendig und wird von folkloristischen Gruppen auf Märkten und Straßen gespielt. Zum ersten Mal seit 1990 hat in Antananarivo ein Kino seine Pforten wieder geöffnet.  

Malerei

Ausgeprägt ist die Malerei in Madagaskar zwar nicht, aber einige Künstler sind trotzdem bekannt geworden. Dazu gehören z.B. James Rainimaharosoa (1860-1926), Henri Ratovo (1881-1929) oder Joseph Ramanakamonjy.  

Kunst: Graffiti an einer Hauswand in Antananarivo, © Eva Biele
Kunst: Graffiti an einer Hauswand in Antananarivo, © Eva Biele

Handwerkskunst

Die Herstellung von Mohairteppichen hat in Madagaskar Tradition, ebenso wie die Fabrikation von Korbflechtwaren, Silberschmuck und Holzschnitzereien. Die Holzschnitzereien der Zafimaniry gehören zum immateriellen Weltkulturerbe. Vor allem die Stadt Ambositra ist für ihre Holzschnitzkunst berühmt.

Architektur

So unterschiedlich die Menschen aus Madagaskar sind, so verschieden ist auch ihre Siedlungsweise und Architektur. Häufig ähnelt die Architektur südostasiatischen Bauweisen. Der Ahnenkult spielt auch bei der Siedlungsweise der Madagassen eine große Rolle. Zum Hausbau werden zwar unterschiedliche Baumaterialien aus der Natur verwendet, erst zum Ende des 19. Jahrhunderts jedoch auch Steine. Sie waren vorher ausschließlich als Grabsteine verwendet worden. Der Hausbau selbst folgt festgelegten Regeln des Ahnenkults. Die Bauweise selbst richtet sich dagegen häufig nach vorhandenen Baumaterialien und dem Klima; im Hochland wird kompakter gebaut, im heißeren Osten dagegen leichter. Wohlhabende Einwohner Madagaskars leben gerne in sogenannten Pankenhäusern aus Holz, für den Touristen sehr pittoresk anzusehen. Zweigeschossige Lehmziegelhäuser sind typisch für das Hochland, während man in den Küstenregionen häufig Pfahlbauten sehen kann, deren Dach traditionell aus Palmenblättern und deren Grundkonstruktion aus Bambus besteht. Im städtischen Umfeld findet man moderne Häuser im Ziegelbau neben Villen im Kolonialstil und Häusern aus Beton mit eigenwilliger Architektur.

Haus der Betsimisaraka, © Heinonlein <a href=https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/>(CC BY-SA 4.0)</a>, unverändert
Haus der Betsimisaraka, © Heinonlein (CC BY-SA 4.0), unverändert

Sport

Der Sport spielt in Madagaskar eine bedeutende Rolle, zumindest in den Bevölkerungsschichten, die dazu die nötige Zeit und auch das Geld aufbringen können. Der Fußball begeistert viele, auch die ärmeren Madagassen können es sich leisten, mit einem selbst gebastelten Fußball aus Plastiktüten auf der Zebu-Weide Fußball zu spielen. 2019 zog Madagaskar überraschend im Afrika-Cup ins Viertelfinale ein. Viele der anderen Sportarten wie Leichtathletik, Rugby, Boxen, Tennis, Volley- und Basketball bleiben jedoch den Vermögenderen vorbehalten. Internationale Erfolge sind spärlich: 2011 gewann die Tennisspielerin Zarah Razafimahatratra zwar die afrikanischen Juniorenmeisterschaften im Tennis. Bei Olympischen Spielen (Teilnahme seit 1964) konnten die Athleten allerdings noch nie eine Medaille gewinnen. Die Sportart, für die Madagaskar bekannt ist, ist das Moraingy (Malagasy) oder Moringue (Französisch), eine traditionelle Kampfsportart. Beliebt ist auch das Pétanque-Spiel, eine Erbe der französischen Kolonialzeit.

Moraingy - beliebter Kampfsport in Madagaskar, © Hery Zo Rakotondramanana (CC BY-SA 2.0)
Moraingy - beliebter Kampfsport in Madagaskar, © Hery Zo Rakotondramanana (CC BY-SA 2.0)

Das Länderinformationsportal

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im November 2020 aktualisiert.  

Autorin

Dr. Eva Biele hat in Geographie promoviert und viele Jahre in West- und Ostafrika gearbeitet, darunter auch in Madagaskar beim Office National pour l´Environnement (ONE) und in La Réunion beim Office National des Forêts (ONF). Seit 2009 ist sie als Consultant in Deutschland tätig, arbeitet als interkulturelle Trainerin sowie als Sprachdozentin und leitet verschiedene Landesanalysen zu Ostafrika bei der GIZ.

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