Zebu-Markt in Ambalavao, © deruneinholbare (CC BY-NC 2.0)
Geschätztes BIP
12,55 Mrd US-Dollar (2019; geschätzt)
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität)
929,9 US-$ (2018)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI, 2018)
Rang 162 (von 189), Wert: 0,521
Anteil Armut (unter 2 $ pro Tag)
70,7% (2017)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
42,7 (2012) (keine neueren Daten verfügbar)
Wirtschaftlicher Transformationsindex (BTI)
Rang 119 (von 137) (2020)

Wirtschaftslage und Wirtschaftssystem

Madagaskar zählt wirtschaftlich zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Konzentration auf die Landwirtschaft, mangelnde Infrastruktur, historische Nachteile durch Kolonialherrschaft und politische Unruhen nach der Unabhängigkeit, Energieprobleme, Korruption und Misswirtschaft kennzeichnen die ökonomische Realität der "großen Insel". Nach offizieller Datenlage leben auch heute noch über drei Viertel der Madagassen unterhalb der Armutsgrenze von 1,90 US-Dollar am Tag. Mit einem Brutto-Einkommen von ca. 400 US-Dollar pro Kopf liegt Madagaskar unter dem Durchschnitt vieler anderer afrikanischer Länder. Der HDI (Rang der menschlichen Entwicklung) liegt bei 0,521 (2018), damit belegt Madagaskar Rang 162 von 189 Ländern weltweit. Bei dem multidimensionalen Armutsindex (MPI) von 2008/9 (neuere Zahlen sind nicht verfügbar) rangierte das Land auf Rang 104 von 120 Staaten - diese Platzierung dürfte auch heute nicht sehr viel besser ausfallen. Dabei zeigt der MPI noch eine Aufschlüsselung: so waren 69% arm, 36% aber extrem arm.  

Vor den Unruhen 2009 galt Madagaskar noch als ein politisch stabiles und investorenfreundliches Land mit hohem wirtschaftlichem Entwicklungspotenzial. Die Krise hatte erhebliche ökonomische Konsequenzen, da der Einbruch der Wirtschaft und das Auftreten daran anknüpfender Probleme wie schwindendes Interesse ausländischer Investoren und Touristen, steigende Arbeitslosigkeit und zurückgehende Steuereinnahmen durch das Aussetzen von finanziell bedeutenden Programmen internationaler Geber überlagert wurde.

Beunruhigend ist die Tatsache, dass die hohe Armutsgefährdung der Bevölkerung über Jahrzehnte politisch unterschiedlicher Ausrichtung von Wirtschaft und Regierungsorientierung, scheinbar unberührt von Reformplänen und Versprechungen seitens der jeweils regierenden politischen Spitze sowie sozioökonomischen Bemühungen nationaler und internationaler Organisationen unverändert hoch geblieben ist. Die Gefahr der weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen besteht, da eine starke Exklusion großer Bevölkerungsschichten durch Armut vorhanden ist, die einen Teufelskreis initiiert, der durch mangelnde Bildungschancen, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Kriminalität usw. gekennzeichnet ist. Die große Armut war auch Gegenstand des Papstbesuches 2019, bei dem Papst Franziskus zur Selbsthilfe aufrief und die Korruption als einen der Hauptverursacher für Armut nannte. 

Seit der politischen Stabilisierung des Landes 2014 steigen die Wachstumsraten der Wirtschaft langsam wieder an. 2017 verzeichnete Madagaskar ein Wirtschaftswachstum (BIP) von etwa 4,1 Prozent (gegenüber dem Vorjahr). 2019 verzeichnete der Internationale Währungsfonds ein Wachstum von 5,2 Prozent. Das ist zwar makroökonomisch ein gutes Zeichen, kann aber über die insgesamt schlechte wirtschaftliche Lage nicht hinwegtäuschen. Die von der Landwirtschaft und der Fluktuation internationaler Preise abhängige Inflation schwankt in den letzten Jahren. 2018 war sie sehr hoch, nachdem sie 2014 einen sehr niedrigen Stand hatte. Während der politischen Krise 2009 und in den Jahren danach war sie aber deutlich höher, 2019 sank sie wieder. Parallel erhöhte sich die Staatsverschuldung gemessen am BIP und hatte 2017 den höchsten Wert seit 2007 (44% der BIP). Die Bürokratie arbeitet langsam: Madagaskar belegte beim Doing Business 2020 nur Platz 161 von 190 Ländern. Das Geschäftsrisiko für Investitionen liegt sehr hoch und ist daher nicht versicherbar (Coface Risk Assessment). Die Hoffnungen der Zukunft liegen in vor allem in geberfinanzierten Projekten, die hauptsächlich die Infrastruktur abdecken. Die kaufkräftige Mittel- und Oberschicht Madagaskars ist sehr klein und konzentriert sich im Wesentlichen auf die Hauptstadt Antananarivo. Das Corona-Virus und die weitgehende Lahmlegung der Wirtschaft hat die Situation in Madagaskar 2020 stark verschärft. Der Präsident versucht Mittel zu generieren, um die Wirtschaft zu unterstützen.

Um die vielfältige Problematik der wirtschaftlichen Realität Madagaskars zu verbessern, müsste es jedoch - neben unmittelbaren Hilfen für die Wirtschaft infolge Naturkatastrophen - kontinuierliche Wachstumsimpulse geben, die dann finanziell und strukturell durch transparente Institutionen und korruptfreie Organisationen in die notwendigen Richtungen gelenkt werden müssten. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die schwierigen Rahmenbedingungen Madagaskars auch bei politischem Reformwillen dazu führen, dass es zu Implementierungsdefiziten, Zeitverlusten und schließlich nicht zur Umsetzung von Verbesserungen kommt, ganz abgesehen davon, dass hierfür auch stabile politische Verhältnisse und eine am Gemeinwohl orientierte Wirtschaftspolitik über Jahre hinweg bestehen und eine Verankerung von strategischer Programmatik vorliegen müsste. Die Wirtschaftspolitik Madagaskars versucht erst seit kurzem, richtungsweisende Reformpläne der speziellen ökonomischen Zonen (ZES = Zones Économiques Spéciales) mit mehr Initiativen des Entrepreneurships zu verbinden, um Investoren für das Land zu interessieren. Ob das gelingt und nachhaltige Impulse v.a. für die Jugend bringt, bleibt abzuwarten, denn auch hier existiert Kritik an der Programmatik.

Wirtschaftszweige

Die Landwirtschaft 

Madagaskars Wirtschaft wird von der Landwirtschaft dominiert. Die häufig in Subsistenz wirtschaftenden Madagassen können Produktionssteigerungen aufgrund natürlicher Begrenzungsfaktoren wie Bodenerosion, abnehmende Bodenfruchtbarkeit und Folgen des Klimawandels schon lange nicht mehr erbringen. Heute können sogar Nahrungsmittelimporte größere Hungersnöte nicht verhindern. Reformpläne zur Verbesserung der Infrastruktur und zur Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft konnten bisher nicht oder nur unzureichend umgesetzt werden.  

Ca. 75% der Erwerbstätigen Madagaskars sind in der Landwirtschaft beschäftigt, aber nur ca. 25% des BIP wird durch den primären Sektor erwirtschaftet. Die Bruttowertschöpfung in der Agrarwirtschaft hat seit 2005 stetig abgenommen (2005: 25%, 2016: 21%). Die größte Fläche der Insel ist nicht kultivierbar, Gebirge, Regenwälder, aber auch die großflächige Laterisierung infolge unangepasster Landnutzungsmethoden und starker Bodenerosion erschweren die Landnutzung. In riesigen Plantagen werden hauptsächlich für den Export Sisal, Zuckerrohr, Tabak, Bananen und Baumwolle angebaut. Wichtigstes Produkt für den Export ist Vanille: Madagaskar ist weltweit der größte Produzent des Gewürzes. Daneben ist auch die Produktion von Nelken für den Weltmarkt bedeutend. 26% des Gesamtexportes wurde durch Vanille abgedeckt, immerhin noch 8,4% durch Gewürznelken. In geringem Maße sind auch Anbauflächen für Kaffee und Kakao sowie Litschis vorhanden. Die Litschi-Produktion hat in den letzten Jahren eine größere Bedeutung für die kleinbäuerliche Einkommensstruktur bekommen. Einen großen Flächen- und Wasserbedarf hat als wichtigstes landwirtschaftliches Produkt für den Binnenmarkt die Hauptnahrungsmittelpflanze Reis. Als wichtiger Reiskonsument kann Madagaskar allerdings mit der Produktion von 3,4 Mio. t auf 1,2 Mio. Hektar seinen Bedarf an Reis nicht eigenständig decken.
Wichtig für die Exportsteigerung bei landwirtschaftlichen Produkten ist die in den letzten Jahren stark angestiegene Garnelenzucht. Weltweit werden die Garnelen unter dem Siegel "Label rouge" verkauft, was einem Bio-Siegel gleichkommt und die Produktion unter Umweltauflagen garantieren soll. Doch inwieweit der Export der Garnelen ökologisch und sozioökonomisch sinnvoll ist, wird diskutiert. Madagaskar ist Mitglied der NEPAD (New Partnership for Africa´s Development) und hat 2013 einen neuen Plan "Comprehensive Africa Agriculture Development Programme" (CAADP) unterzeichnet, in dem der Ausbau eines fair-trade-Labels für Vanille und die Förderung der Fischerei wichtige Ziele sind. 

Video zum intensiven Reisanbau in Madagaskar (Französisch, ca. 15 Minuten)

Reisanbau im Hochland Madagaskars © Eva Biele
Reisanbau im Hochland Madagaskars © Eva Biele

Die meisten Madagassen sind durch die Subsistenzwirtschaft in persistenter Mangel- und Misswirtschaft gebunden. Für den Eigenbedarf werden Reis, Maniok, Süßkartoffeln, Bohnen und Mais angebaut, nur der Überschuss wird gegebenenfalls auf kleineren ländlichen Märkten verkauft. 

Probleme der Landwirtschaft betreffen sowohl die Export- als auch die substanzielle Landwirtschaft:

  • Große Flächen Madagaskars sind landwirtschaftlich nicht oder nur schwierig kultivierbar: die natürliche Topographie verhindert ein intensives und nachhaltiges Wirtschaften großer Areale.
  • Durch die kontinuierliche Überbeanspruchung von Böden, fehlende Schutzmaßnahmen und die hohe Bodenerodibilität infolge des Klimas (Starkregen, ausgeprägte Trockenzeiten im Süden) haben Erosionsschäden ein beunruhigendes Ausmaß angenommen. Riesige Flächen, v.a. im Hochland und im Süden Madagaskars, sind durch Versteppung und Lavaka (= tiefe Erosionsschluchten; Lavaka ist ein madagassischer Ausdruck für das Phänomen, der in der Wissenschaft Einzug gehalten hat) irreversibel geschädigt.
  • Die häufig praktizierte, besonders umweltschädigende Brandrodung, bei der die Bauern Wald roden, kurzfristig Ackerbau betreiben, bis Erosion oder Bodenfruchtbarkeitsverlust eine weitere Kultivierung verhindern, und dann wiederum wertvolle Primärwaldbestände abholzen.
  • Die fehlende und häufig nur mangelhaft instand gehaltene Infrastruktur, die zudem durch Klimaereignisse wie Zyklone häufig beschädigt wird, verhindert bzw. erschwert eine wirtschaftliche Dynamik des primären Sektors innerhalb des Landes.
  • Die Aufsplittung der noch nutzbaren Kulturflächen durch ein hohes Bevölkerungswachstum; fast die Hälfte aller Landwirte verfügt nur über 1 Morgen (1 Morgen = ca. 4047 m²) Nutzfläche oder darunter.
  • Wassermangel, kaum Rücklagen für die Reinvestition von Saatgut oder den Kauf von Bewirtschaftungsgeräten.
  • Die Kinderarbeit im primären Sektor, die erhebliche Auswirkungen auf das Bildungsniveau der Bevölkerung, verstärkte Perspektivlosigkeit usw. hat, ganz abgesehen von unmenschlicher Ausbeutung der Schwächsten der Gesellschaft.
  • Die unzureichenden Konservierungsmöglichkeiten der Ernte in ländlichen Gebieten.
  • Der für die Ausdehnung von Dürrezeiten und das verstärkte und vermehrte Auftreten von Zyklonen mit hoher Überschwemmungsgefahr und einem beachtlichen Zerstörungspotenzial verantwortliche Klimawandel, dem kaum Maßnahmen entgegengesetzt werden können.
  • Die kaum diversifizierte Landwirtschaft Madagaskars, mit den Hauptexportprodukten Vanille und Gewürznelken, fördert die Abhängigkeit von globalen Weltmarktpreissystemen und deren Direktiven, so dass eine ökonomische Abfederung bei Preisschwankungen kaum möglich ist. Gleichzeitig fehlt zum Großteil die Verarbeitung der agraren Rohstoffe im Land selbst, was die Wertschöpfung extrem senkt und damit das Land zu verstärkter Produktion zwingt, um gewinnbringende Exporte zu erwirtschaften. 

Video zur Vanilleproduktion in Madagaskar (Deutsch, ca. 29 Minuten)

Bourbon-Vanille, © Eva Biele
Bourbon-Vanille, © Eva Biele

Bestes Beispiel für die sprunghafte Wertsteigerung auf dem globalen Weltmarkt für Vanille war die Zerstörungswut der Zyklone "Enawo" 2016 in Madagaskar, die die Vanilleernte stark beeinträchtigte. 20-30% der Ernte waren vernichtet. Plötzlich war Vanille mit 600 Dollar pro Kilo (2013: 20 Dollar/Kilo) extrem teuer, die Bauern bekamen jedoch nur einen Bruchteil davon ausbezahlt. Der Markt wird sich zwar wieder entspannen, aber es wird deutlich, wie hoch die Dependenz Madagaskars vom Hauptexportprodukt ist. Die Preisexplosion betraf 2016/2017 durch die Zyklone auch den bedeutenden Reisanbau in Madagaskar: da die Bevölkerung auch kulturell extreme Dependenzen vom Reis zeigt, hat der Anstieg des Preises der ohnehin von extremer Armut betroffenen Bevölkerung bei vielen zu einer Katastrophe bei der Nahrungsmittelversorgung geführt. Auch 2019 blieb der Preis für Vanille hoch

Die Industrie

Die Industrie ist Madagaskars schwächstes Wirtschaftssegment. Nur ca. 9% der Erwerbstätigen arbeiten im sekundären Sektor und erwirtschaften um die 26% des BIP. Bis 2009 setzte das Land stark auf die Förderung der industriellen Produktion, doch die politische Krise hat auch hier viele Reformpläne gestoppt oder verlangsamt. Mittlerweile erholt sich die Industrie wieder; Hoffnungen werden auf neue internationale Investitionen gelegt. Eine eigentliche Großindustrie wie diese in Europa, Nordamerika und im Fernen Osten zu finden ist, existiert in Madagaskar jedoch traditionell nicht.  

Madagaskar hat bedeutende Bodenschätze wie Chrom, Titan, Graphit, Nickel und (Halb-) Edelsteine. Berühmt ist die Insel für seinen Reichtum an Quarzen, vielfarbigen Turmalinen und Saphiren. Die Edelsteine können durch die besondere geologische Geschichte der Insel vielfach im Tagebau gewonnen werden. Auch Gold ist in beträchtlicher Menge vorhanden. Neben den bekannten Erdölvorkommen werden weitere Lagerstätten in der Straße von Mosambik vermutet. Der Bergbau gilt als besonders korruptionsanfällig und intransparent und illegale Geschäfte sind häufig. Offiziell sind die durch den Bergbau erwirtschafteten Einnahmen verhältnismäßig gering. Beunruhigend ist die Tatsache, dass im Edelsteinabbau immer noch ein großer Prozentsatz von Kinderarbeit vorherrscht. 

Neue Investitionen können vermutlich dafür sorgen, dass Madagaskar im Bereich des Bergbaus zukünftig mehr wirtschaftliche Einnahmen zu verbuchen hat. Die Ambatovy Nickel-Kobaltmine in der Nähe von Moramanga wurde durch ein gigantisches Investitionsvolumen gefördert und soll mehrere Tausend Arbeitsplätze schaffen. Es ist eines der größten Industrieprojekte der Geschichte Madagaskars und verfolgt ehrgeizige Ziele: das local business sowie "small, medium und micro-enterprises" (SMME) sollen verstärkt in das Mega-Projekt integriert werden. Das Unternehmen ist ein Joint-Venture zwischen der kanadischen Sherritt International, der japanischen Sumitomo Group und der Korea Resources Corporation. Die Internationale Finanzkooperation (IFC - Weltbank) unterstützt die Kontakte und Aktivitäten im Privatsektor in Madagaskar als Motor der Wachstumsentwicklung.

Salzgewinnung in Morondava, © Franck Vervial (CC BY-NC-ND 2.0)
Salzgewinnung in Morondava, © Franck Vervial (CC BY-NC-ND 2.0)
Markt in Tolagnaro, © Eva Biele
Markt in Tolagnaro, © Eva Biele

Weitere wichtige Industriezweige sind die Textilindustrie und die Lebensmittelverarbeitung. Die Produktion von Textilien beschäftigt ca. 400.000 Arbeiter und ist damit einer der größten Arbeitgeber im industriellen Sektor Madagaskars. Der größte Teil der Textilien wird exportiert. Bedeutsam im Zusammenhang mit der Förderung von Arbeitsmarktstrukturen in der Textilbranche war die Schaffung von industriellen Freihandelszonen ("zones franches"), in denen u.a. zur Belebung des Investitionsklimas die Einkommenssteuer deutlich gesenkt wurde. Die Produktion innerhalb der AGOA (African Growth and Opportunity Act; Handelsabkommen mit den USA seit 2000) hat die Textilindustrie vor 2009 belebt. Durch Ausschluss während der politischen Krise 2009 sank die Produktion deutlich, bevor sie heute - nach erneuter Aufnahme in AGOA - wieder langsam wächst. Doch Probleme bleiben: 75% der verarbeiteten Baumwolle muss importiert werden, da die einheimische Ware nicht den hohen internationalen Qualitätsstandards entspricht; Fachkräftemangel verlangsamt die Produktionsdynamik; logistische Hemmnisse entstehen durch Transportprobleme infolge der schwachen Infrastruktur; Energieprobleme bleiben, die Konkurrenz aus Asien ist groß. Außerdem existiert in Madagaskar kaum traditionelles Unternehmertum. Einzelne Persönlichkeiten wie Andry Rajoelina oder Marc Ravalomanana, die als Unternehmer politisch aktiv wurden, sind die Ausnahme. Aktuelle Strategien, das Entrepreneurship in Madagaskar nachhaltig zu entwickeln, werden erst seit kurzem umgesetzt.

Die Weiterverarbeitung von Agrarprodukten in Agrobusiness-Unternehmen verstärkt sich erst langsam, sie betreffen hauptsächlich Kakao, Pfeffer, Zucker und Baumwolle.

An der Westküste besteht eine althergebrachte Schiffsbautradition, die aber kaum eine wirtschaftliche Bedeutung hat. 

Traditionell wird an den Küsten in großen Becken Salz aus dem Meerwasser gewonnen, v.a. im trockenen Süden. Dieser Industriezweig verzeichnet zwar keine große Dynamik, ist aber wenigstens nicht umweltschädigend und erfordert nur geringe Investitionen.   

Saphire in Madagaskar in der Nähe von Ambatondrazaka, © Rosey Perkins (CC BY-SA 4.0)
Saphire in Madagaskar in der Nähe von Ambatondrazaka, © Rosey Perkins (CC BY-SA 4.0), unverändert

Der Dienstleistungssektor

Im Dienstleistungssektor hat Madagaskar seit ca. 2004 große Fortschritte gemacht, die Wertschöpfung hat sich seit 2004 mehr als verdoppelt. 16,5% der Beschäftigten arbeiteten 2017 im Dienstleistungsbereich und erwirtschaften dabei ca. die Hälfte der Bruttowertschöpfung Madagaskars. Der Online-Sektor wächst stetig. Über die Hälfte des BIP werden durch Handel, Tourismus, Bankensektor und Transport erwirtschaftet. Im öffentlichen Bereich sind Infrastrukturinvestitionen geplant, die zum einen quantitative als auch qualitative Verbesserungen mit sich bringen sollen. Finanziert werden sollen diese Reformpläne durch die Erhöhung von staatlichen Steuereinnahmen und durch externe Finanzzuwendungen, hauptsächlich durch Projektfinanzierung von internationaler Seite. Zusätzliche Subventionen der madagassischen Regierung erhielt die 2017 durch die Zyklone Enawa in Mitleidenschaft gezogene staatliche Strom- und Wassergesellschaft Jirama. Diese wird außerdem einer Teilprivatisierung unterzogen, um die Organisations- und Finanzstruktur zu optimieren. 

Der Tourismus spielt für Madagaskar eine bedeutende sozioökonomische Rolle. In den letzten Jahren - mit Ausnahme der Zeit nach der politischen Krise 2009 - hat sich die Branche wirtschaftlich etabliert. Madagaskar besitzt ein außerordentliches Potenzial für den Ausbau der touristischen Entwicklung. Dieses erfolgreich zu nutzen und die Fehler anderer touristischer Destinationen zu vermeiden, z.B. die Zerstörung der eigenen Kultur und Artenvielfalt, sollen durch die Förderung von Öko-Tourismus Priorität haben. Die meisten Touristen kamen 2017 aus Frankreich, eine große Anzahl aber auch aus den USA und Deutschland. 

Madagaskar möchte seinen Energiesektor fördern, wichtiger Pfeiler einer nachhaltigen und dynamischen Wirtschaftsentwicklung. Nur 15% der Madagassen haben z.B. Zugang zu elektrischem Strom. Auf dem Land ist Holz und Holzkohle wichtigster Energieträger, für dessen Gewinnung jährlich Tausende Hektar Wald gerodet werden. Beim Ausbau des Stromnetzes zählt die Regierung auf internationale Investoren: so hat beispielsweise 2017 Siemens mit der Installation von Turbinen eine Unterstützung der Elektrifizierung angestoßen. Auch die erneuerbare Energiegewinnung ist eine Möglichkeit, die Abhängigkeit von natürlichen und fossilen Brennstoffen künftig zu reduzieren. 

Tourismus in Madagaskar, © Stefanie Wacker
Tourismus in Madagaskar, © Stefanie Wacker
Hôtel des Thermes in Antsirabe (© Hardscarf CC BY-SA 3.0)
Hôtel des Thermes in Antsirabe © Hardscarf (CC BY-SA 3.0)
Stoffe aus Madagaskar, © Lemurbaby (CC BY-SA 2.0)
Stoffe aus Madagaskar, © Lemurbaby (CC BY-SA 2.0)
Schreinerwerkstatt, © Nathalie Sautier-Anders
Schreinerwerkstatt, © Nathalie Sautier-Anders

Regionaler und globaler Handel

Die seit den 1990er Jahren kontinuierlich verlaufenden Ex- und Importraten und die dadurch entstehende Handelsbilanz konnte sich seit 2015 deutlich verbessern. Zwar ist die Importrate immer noch höher als die Exportrate, doch ist insgesamt ein Aufschwung zu verzeichnen, zumindest was die Handelsdynamik angeht. Betrachtet man die Handelsbilanz allgemein seit der Unabhängigkeit im Jahr 1962, zeigt sich jedoch, dass die Handelsbilanz in den 1970/80er Jahren positiv war, um ab 2005 deutlich negativ zu verlaufen. Deutschland importiert deutlich mehr Waren (v.a. Vanille und Bekleidung) aus Madagaskar als es in den Inselstaat exportiert.

Madagaskar exportiert Waren hauptsächlich nach Frankreich (20%) und in die USA (20%) sowie Deutschland (7,35 Prozent). Importiert werden verarbeitete Waren vornehmlich aus China (22%), aus Frankreich (7,8%) und aus Indien (67,7%). Dabei wird China als Handelspartner, aber auch als Investor, immer bedeutender. Der Economic Complexity Index (ECI) versucht, das in einem Land vorhandene Know-How oder Humankapital in Beziehung zur industriellen Präsentation zu bringen und in Rankings global zu bewerten. Dabei schneidet Madagaskar mit Rang 83 von 124 Ländern relativ schlecht ab, besser aber als beispielsweise Mosambik.

Die Exportpalette Madagaskars bleibt wenig diversifiziert: nur wenige Produkte machen 50% des Exportes aus: Nickel/Kobalt mit 12%, Gewürznelken mit 8,4%, Textilien mit 5,4% % und Vanille mit beachtlichen 26% (2017).

Wirtschaftspolitisch möchte sich Madagaskar neben internationaler Orientierung auch wieder mehr regional engagieren (z.B. mit MayotteLa Réunion oder den Seychellen). Die Commission de l'Océan Indien (COI) ermöglicht Vereinfachungen in Wirtschaftsabkommen zwischen den Inseln des Indischen Ozeans. Madagaskar ist ein aktives Mitglied, was v.a. die Landwirtschaft betrifft.  

Madagaskar zeichnet sich durch eine regional unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung aus. Während in und um Antananarivo als Metropole die wirtschaftliche Dynamik groß ist, sind große Teile des Hochlandes, des Westens und vor allem des Südens praktisch vom ökonomischen Nabel abgeschnitten. 

Wirtschaftspolitik und Entwicklungspotenzial

Bei anhaltendem Bevölkerungswachstum von derzeit ca. 2,7%, persistierenden Strukturen und nur geringer Investitionsdynamik ist es wahrscheinlich, dass sich der gravierend niedrige Lebensstandard der Bevölkerung Madagaskars weiter verschlechtern, der Raubbau an der Natur zunehmen und politische Unruhen wahrscheinlich werden. Um der Abwärtsspirale ökonomisch, sozial und umweltverträglich entgegenzuwirken, hat Madagaskar in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen und durch verschiedene Kooperationen mit internationalen Finanzgebern Gelder generiert sowie Investoren gewinnen können. Eine wie in den 1990er Jahren noch starke restriktive und nach innen orientierte Handels- und Wechselkurspolitik möchte die Regierung unbedingt vermeiden. Das ökonomische Entwicklungsgremium Madagaskars (Economic Development Board of Madagaskar - EDBM) ist für die Entwicklung und Pflege wirtschaftlicher Beziehungen zuständig. Die EU ist ein wichtiger Partner. Das Economic Partnership Agreement (EPA) mit der EU - unterzeichnet 2009 - soll z.B. Madagaskar auf die Herausforderungen der Globalisierung besser vorbereiten, in dem es die regionale Integration und die Diversifizierung der Exportpalette fördert. Dazu gehört auch das speziell auf die Inseln des Indischen Ozeans (Komoren, Madagaskar, Mauritius, Seychellen) ausgerichtete ESA-Programm.
Mit der SADC verbindet Madagaskar eine wechselvolle Geschichte, 2014 hat die Organisation das Land nach einer Suspension 2009 wieder aufgenommen. Einen gemeinsamen Markt zu entwickeln ist auch das Ziel der COMESA (Beitritt Madagaskars 1981), zu der Madagaskar enge Beziehungen hat. Überschneidungen gibt es hier zu der SADC. Die wichtigsten bilateralen Partner sind Frankreich und die USA (USAID). Madagaskar ist seit 1995 ebenfalls Mitglied der WTO. Die wirtschaftlichen Aktivitäten Chinas in Madagaskar und deren Konsequenzen werden immer wieder kontrovers diskutiert.

Konkurrierende Wirtschaftsakteure in Madagaskar (Video)

2006 qualifizierte sich das Madagaskar als erstes Land für den US-amerikanischen Millennium Challenge Account (MCA). MCA als ehrgeiziger Entwicklungsplan sollte dem Land helfen, Armut und Instabilität zu reduzieren, indem v.a. der Übergang von der Subsistenz- zur Marktwirtschaft als vorrangiges Ziel definiert wurde. Fehlende Landrechte der Bevölkerung sowie der mangelnde Zugang zu Finanzdienstleistungen im ländlichen Raum wurden dabei als entscheidendes Hindernis für Investitionen im Landwirtschaftssektor angesehen. Die Millennium Challenge Cooperation (MCC), eigens zur Verwaltung der Mittel von MCA gegründet, beendete 2009 die Unterstützung Madagaskars im Zuge der politischen Krise. Die Erwartungen von MCA scheinen sich nicht in dem Maße erfüllt zu haben, die ihm zugemessen worden sind. Genaue Ergebnisse sind nicht einsehbar. Die USA sind heute wieder der größte bilaterale Partner Madagaskars, nachdem die direkte Unterstützung 2009 ausgesetzt worden war. Die Weltbank hat größere Projekte in Madagaskar, auch unter der neuen Regierung Rajoelina unterstützt sie das Land in in erheblichem Maße. Der International Development Fund (IDA), der African Development Fund (ADF, Teil der African Development Bank Group) sind weitere unmittelbare Finanzgeber vor Frankreich und Deutschland. 

Die Millennium Development Goals (MDGs) wurden in Madagaskar zum größten Teil erreicht, wobei jedoch einige Ziele nur teilweise umgesetzt wurden und andere sich noch auf dem Weg befinden. Nicht erreicht worden sind wichtige Ziele wie die Reduzierung der Mütter- und Kindersterblichkeit, die Bereitstellung von flächendeckender Grundschulbildung und die Armuts- und Hungerreduzierung. Auch bei MDG 7 sind nur Teilziele implementiert worden, andere Bereiche wie der Zugang zu sauberem Trinkwasser oder sanitären Anlagen und die Vergrößerung von Forstflächen wurden gar auf 2023/2025 verschoben.

Zu den Entwicklungspotenzialen Madagaskars gehören die kommerziell mögliche Förderung bzw. der Abbau einer breiten Palette von Bodenschätzen, die Schiffsverbindung an den internationalen Fährverkehr, die für den Ausbau des Tourismus einzigartige biologische Vielfalt der Insel und die Einbindung in internationale Wirtschaftskooperationen. Nach wie vor sind aber Risiken einer nachhaltigen Entwicklung dafür verantwortlich, dass sich der Aufschwung nur zögerlich zeigt: die insgesamt schlechte Infrastruktur im Land, die langsame Bürokratie und hohe Korruption, ein nur geringer Bildungsstand der Bevölkerung, ein politisches Unruhepotenzial und eine immer noch recht instabile Regierung mit mangelhafter Rechtsstaatlichkeit sowie das Fehlen langfristiger Perspektiven. Die für Privatinvestitionen zudem notwendigen weiteren Bedingungen wie vorhersehbares Verwaltungshandeln oder Zugang zu Krediten sind vielfach nicht im ausreichenden Maße gegeben. Die Schuldenerlasse von 2004 oder 2010 haben dem Land auch durch den fiskalen Neustart keinen veritablen Entwicklungsimpuls geben können. 

Madagaskar kann insgesamt auf externe Schocks wie Dürren und/oder Auswirkungen von Zyklonen nur langsam bis gar nicht reagieren und hat kaum finanzielle Rücklagen, um ökonomische Einbrüche abzufedern. Gründe sind z.B. die niedrigen Steuereinnahmen und die Tatsache, dass international eine gewisse Zurückhaltung gegenüber der Regierung besteht. Das galt für Rajaonarimampianina, der extrem unter Druck stand, überzeugende Lösungen für die immer noch gewaltigen Probleme des Landes zu entwickeln und umzusetzen. Das gilt jedoch noch mehr für den aktuellen Präsidenten, der es "besser machen soll als früher".  

Übersicht zu den staatlichen Leistungen der wichtigsten internationalen Partner

Entwicklungszusammenarbeit mit Deutschland

Die Beziehungen zu Deutschland konzentrieren sich v.a. auf Kooperationen in Bereichen des Umwelt- und Ressourcenschutzes, der erneuerbaren Energien und der Landwirtschaft sowie in Projekten zur Anpassung an den Klimawandel. Die GIZ engagiert sich seit 1962 mit Unterbrechungen in Madagaskar. Nach dem Putsch 2009 stellte Deutschland die Entwicklungszusammenarbeit auf Regierungsebene ein. 2014 wurde die bilaterale Zusammenarbeit wieder aufgenommen und 2016 erstmals seit 2008 wieder formelle Regierungsgespräche geführt. Dabei sagte Deutschland dem Partnerland Mittel in Höhe von 59,6 Millionen Euro zu, das meiste davon fließt in den Umweltschutz. Außerdem verspricht man sich Verbesserungen der bürgernahen Entwicklung in Madagaskar durch eine armutsorientierte Kommunalentwicklung mit dem Schwerpunkt der Schaffung von Dezentralisierungsmaßnahmen. Auch die KfW engagiert sich in Madagaskar mit verschiedenen Projekten. Die Friedrich-Ebert-Stiftung engagiert sich in Madagaskar vor allem im Bereich der Stärkung von demokratischem Handeln und der Einbindung von relevanten Gesellschaftsgruppen in den politischen Prozess. Schwerpunkte der Welthungerhilfe in Madagaskar liegen im Bereich der Ernährungssicherung und der Müllvermeidung/Müllentsorgung. Die Förderung der Hochschulkooperation und die Unterstützung der Hochschulbildung sind Ziele des DAAD in Madagaskar.

Ein erklärtes Ziel des ehemaligen Präsidenten Rajaonarimampianina war es, konkrete Projekte zur Gewinnung von Solarenergie in Madagaskar durch die Unterstützung Deutschlands anzustoßen. Auch die Förderung und Verbesserung von Elektrifizierungsmaßnahmen und von erneuerbaren Energien (Fonds National de l´Energie Durable) für die ländlichen Gebiete (in Zusammenarbeit  mit der ländlichen Elektrifizierungsbehörde ADER) war ein Ziel. Inwieweit Präsident Rajoelina in diesen Bereichen die Kooperation fortsetzt, bleibt abzuwarten. 

Das Länderinformationsportal

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Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im November 2020 aktualisiert.  

Autorin

Dr. Eva Biele hat in Geographie promoviert und viele Jahre in West- und Ostafrika gearbeitet, darunter auch in Madagaskar beim Office National pour l´Environnement (ONE) und in La Réunion beim Office National des Forêts (ONF). Seit 2009 ist sie als Consultant in Deutschland tätig, arbeitet als interkulturelle Trainerin sowie als Sprachdozentin und leitet verschiedene Landesanalysen zu Ostafrika bei der GIZ.

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Rolf Sackenheim
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

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