Marokkos Stärke: Die Vielfalt (Copyright: Tarek Elias)
Alphabetisierte Erwachsene
Über 18 Jahre: Ca. 70% (m.80%/w.60%, UNESCO)
Bedeutende Religionen
Islam (99%) Christentum (< 0,1) Früher : Judentum
Städtische Bevölkerung
Ca. 65%
Lebenserwartung (w/m)
77,2 / 74,6 Jahre
Gender Inequality Index (UNDP)
Rang 119 von 160 (2017)
Anzahl der Geburten
2,5 / Frau
Kindersterblichkeit (unter fünf Jahren)
23,3/1000 Lebendgeburten (2018, UNICEF)

Die Bevölkerung im Überblick

Größe, Altersstruktur und Verteilung

Zurzeit leben in Marokko hochgerechnet rund 35 Millionen Menschen. Seit 1956 hat die Bevölkerung Marokko sich verdreifacht. Mehrere Jahre sank das Bevölkerungswachstum stark, aktuell steigt es wieder leicht an bzw. schwankt von Jahr zu Jahr um wenige Zehntelpunkte.

Die Marokkaner*innen sind im Durchschnitt relativ jung (29 Jahre, zum Vergleich das Durchschnittsalter in Deutschland: 47 Jahre). Die meisten marokkanischen Ehepaare bekommen aber immer weniger Kinder. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Der demographische Wandel und die zu erwartende Alterung sind bereits Gegenstand politischer Debatten.

In einem Haushalt lebten 2014 durchschnittlich 4,6 Personen, Tendenz sinkend (2004: 5,2 Personen)   

Laut dem Zensus des marokkanischen Planungsministeriums (Haut-Commissariat au Plan) wohnen rund 65 Prozent der marokkanischen Bevölkerung in urbanen Zentren, davon mehr als die Hälfte in den Großräumen Casablanca-Mohammedia, Rabat-Salé, Tanger, Marrakesch, Meknes, Fes und Oujda. Knapp zwei Fünftel leben in ländlichen Gebieten. Eine Analyse des Zensus in der Zeitschrift L'Usine hebt hervor, dass neben dem Großraum Casablanca-Settat vor allem Tanger starke Zuwanderung verzeichnet.

Noch in den 1960er Jahren war das Verhältnis Stadt-Land umgekehrt. Der Trend zur Landflucht hat sich verlangsamt, er ist aber nicht gestoppt. Extreme Trockenperioden, ungleiche Grundbesitzverhältnisse (größter einzelner Grundbesitzer ist der König), Armut, schlechte Bildungschancen und mangelnde medizinische Versorgung haben zu einem wahren Exodus in die marokkanischen Großstädte geführt. Alternativer Tourismus wird als eine Option gesehen, um Arbeitsplätze und Bleibeperspektiven auf dem Land zu schaffen.

Trotz der Verstädterung hegen viele Marokkaner nach wie vor eine innige Beziehung zum Dorf ihrer Familie, dem „Bled“. Die sogenannten Moussems, mehrtägige kirmesartige Volksfeste, die meist einem Lokalheiligen gewidmet sind,  werden besonders gern für einen Abstecher zu Verwandten auf dem Dorf genutzt.

Soziale Lage

Die Arbeitslosigkeit liegt in Marokko offiziell bei knapp zehn Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit ist mehr als doppelt so hoch. Arbeitslosenhilfe gibt es nicht. Aber auch für diejenigen, die Arbeit haben, ist die reale wirtschaftliche und soziale Lage oft sehr schwierig. Laut offiziellen Angaben ist die absolute Armut in Marokko verschwunden und die Zahl der in "Armut" lebenden Menschen (<1,9 Dollar/Tag laut UN) drastisch gesunken. Doch die Statistiken sind nur bedingt aussagekräftig. Fest steht: Nach wie vor können Millionen Marokkaner*innen von ihrer Arbeit nicht leben und sind von Armut bedroht, weil sie nicht einmal den kargen staatlich festgesetzten Mindestlohn von 5-6 Euro pro Tag verdienen. Sie haben vielleicht zu essen und ein Dach über dem Kopf, aber kein Geld, um notwendige Behandlungen beim Zahnarzt oder im Krankenhaus zu bezahlen. Ein Indiz für die soziale Krise sind die Überweisungen der im Ausland lebenden Marokkaner, die pro Jahr bei rund 6 Milliarden Euro liegen. Ein großer Teil dieses Geldes wird für Konsumgüter des täglichen Bedarfs ausgegeben.

Dem steht der immense Reichtum des Königshauses gegenüber. König Mohammed VI. ist laut Forbes einer der zehn reichsten Monarchen der Welt. Vom Königshaus dominierte Holdings wie SNI, SIGER und NAREVA kontrollieren Rohstoffe, Banken, Versicherungen, Lebensmittel- und Bauindustrie sowie den Sektor der erneuerbaren Energien. Marokko ist geprägt von wachsenden sozialen Gegensätzen, extrem ungleicher Einkommens- und Chancenverteilung sowie von einem politischen System, das Partizipation oder gar Kritik nur in sehr engen Grenzen zulässt. Feudale Denkweisen und Gesellschaftsstrukturen sind verbreitet und gewinnen im Licht neoliberaler Wirtschaftspolitiken eher noch an Bedeutung, trotz Kritik am maroden Bildungssystem, Arbeitslosigkeit, Armut und mangelnden Zukunftsperspektiven.

Ethnische Zugehörigkeit

Juden, Christen und Muslime; Phönizier, Römer, Vandalen, Andalusier, Europäer und die Nachkommen der Harratin (schwarze Sklaven aus Mauretanien): In Marokko haben viele Völker, Kulturen und Religionen ihre Spuren hinterlassen.

Schätzungsweise 30-35 Prozent der marokkanischen Bevölkerung haben arabischsprachige Vorfahren (Eroberer oder Einwanderer). Etwa 65-70 Prozent stammen aus Familien von Amazigh/Imazighen (Masiren, Berber). Sie gelten als die "Ureinwohner" Nordafrikas. Ihre Siedlungsgebiete erstreckten sich im Altertum von Ägypten bis auf die Kanarischen Inseln.

Die Berber selbst nennen sich Imazighen (auch: Masiren, auf Deutsch „freie Menschen“). Während der islamisch-arabischen Eroberung des heutigen marokkanischen Staatsgebietes  im 7./8. Jahrhundert nahmen viele Berberstämme zwar den Islam als neue Religion an, doch sie wehrten sich gegen das politische Diktat der wechselnden Machthaber im arabischen Osten sowie gegen die erzwungene Arabisierung. Zum Schutz vor Angriffen zogen die Berber sich teilweise in schwer zugängliche Bergregionen des Hohen und Mittleren Atlas zurück.

Der Gegensatz zwischen arabischer und masirischer Bevölkerung spielte in der marokkanischen Geschichte immer wieder eine Rolle. In letzter Instanz ging es jedoch meistens nicht um ethnische Fragen, sondern um Macht und Ressourcen. Die (arabischstämmige) Dynastie der Alawiten band die Berberstämme unter anderem durch Eheschließungen mit Töchtern einflussreicher Stammesführer ein, oder indem Kinder der Stämme an den Hof geholt wurden, die als eine Art Faustpfand dienten, um Verschwörungen zu verhindern.

Während des Protektorats (1912-1956) versuchte die Kolonialmacht Frankreich, berberische und arabische Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen - im Sinne des Divide et Impera, "Teile und Herrsche" (z.B. der "Dahir berbère" von 1930). Während der Herrschaft von Hassan II. (1962-1999) wurden die masirische Sprache und Kultur in der Öffentlichkeit marginalisiert. Tamazight durfte in der Schule weder benutzt noch unterrichtet werden, im staatlichen Fernsehen gab es lediglich ein winziges Zeitfenster mit Nachrichten in Tamazight. Gegen diese Ausblendung der masirischen Identität formierte sich Widerstand - die Berberorgansation AMREC wurde 1967 gegründet - doch das Thema war noch tabu. Erst unter dem Eindruck des "printemps kabyle" (Algerien 1980) erstarkte die masirische Kulturbewegung in Marokko. Im August 1991 erschien die "Charta von Agadir". Ein halbes Dutzend berberistische Organisationen und Individuen, darunter AMREC und Tamaynut forderten darin die Anerkennung der masirischen Sprache in Schule, Alltag und Medien. Im Jahr 1994 wurden einige marokkanische Berberisten verhaftet, als sie in dem Ort Goulmime Transparente mit Slogans in der masirischen Schrift Tifinagh hochhielten.

Im Juli 2001 hielt König Mohammed VI. eine wegweisende Thronrede, in der er die masirische Kultur und Sprache als wesentlichen Bestandteil der marokkanischen Identität anerkannte und ankündigte, dass Tamazight in Zukunft Unterrichtsfach an marokkanischen Schulen sein würde. Im Herbst desselben Jahres wurde durch ein königliches Dekret das königliche Institut für Berberstudien IRCAM gegründet. An einem Teil der marokkanischen Schulen wird gegenwärtig Tamazight unterrichtet. Der staatliche Rundfunk SNRT betreibt einen eigenen TV-Kanal und Radioprogramme auf Tamazight. Die Verbreitung vollzieht sich aber nur sehr langsam.

Der marokkanische Staat wirbt mittlerweile mit der berberischen Identität auch um Touristen. Einige berberisch dominierte Regionen haben aber nach wie vor besonders mit Armut und schwacher Infrastruktur zu kämpfen, berichtet der ARD-Korrespondent Alexander Goebel in einer fesselnden Radioreportage für den Deutschlandfunk.

Das öffentliche Zeigen berberischer Symbole ist heute nicht mehr durchgängig verboten, bei zahlreichen Demonstrationen und öffentlichen Anlässen ist die blau-grün-gelbe masirische Flagge mit dem roten Buchstaben "aza" (Z) zu sehen. Hunderttausende in Marokko feiern das masirische Neujahr "Yennayer" am 12. Januar. Verschiedene Parteien und Gruppen fordern, den 12. Januar zu einem arbeitsfreien offiziellen Feiertag zu machen. Dies lehnt die marokkanische Regierung bislang ab.

Filmisches Porträt eines Gerbers in Fès 
Fès: Die Stadt der Frommen, der Poeten und der Handwerker. Viele sehen in ihr eine Art Paradies. Doch wie fühlt es sich an, hier zu leben? Die ARTE-Reportage führt die Zuschauenden mitten hinein in den oft herausfordernden Alltag der Königsstadt am Mittleren Atlas. Sehr sehenswert!

Sprachen

Herausforderung Vielsprachigkeit

Die Sprachen Marokkos verdienen ein eigenes Kapitel. Durchschnittliche marokkanische Kinder wachsen heute mit mindestens drei Sprachen auf: Arabisch, Französisch, Darija. Schätzungsweise 40% der Marokkaner wachsen zusätzlich mit einer der Berbersprachen als Muttersprache auf.  Dazu kommt in einigen Regionen noch Spanisch. Marokkos Vielsprachigkeit ist ein immenser kultureller Reichtum, aber auch eine Herausforderung, sowohl für Bildungspolitiker als auch für Eltern. Sie stehen zunehmend vor der Frage, ob ihre Kinder nun Tamazight lernen sollen oder doch lieber Englisch oder beides. Die folgenden Ausführungen basieren teilweise auf dem Buch "Le drame linguistique marocain" von dem marokkanischen Literaturwissenschaftler Fouad Laroui. Es bietet eine zugleich strukturierte und detailreiche Einführung in die Thematik.

Gemäß der Verfassung ist Arabisch die offizielle Staatssprache Marokkos. Französisch hat diesen offiziellen Status nicht. Es ist aber faktisch ebenso wichtig wie Arabisch, wenn auch in anderen Bereichen. Französisch ist in Marokko unabdingbar, wenn man eine gute Position in der Wirtschaft oder in der Verwaltung erlangen möchte.

Für den sozialen Aufstieg weniger relevant ist das Masirische (Tamazight, Amazigh, Berberisch). Es wird in der neuen Verfassung als EINE offizielle Sprache bezeichnet.

Modernes Standardarabisch (Fussha)

Das moderne Standardarabisch basiert auf der Sprache des Korans. Seit dem 19. Jahrhundert wurde die arabische Hochsprache von arabischen Gelehrten vor allem aus dem Libanon und Ägypten modernisiert. In Marokko wird Hocharabisch heute in der Schule, in der Administration, in religiösen Kontexten und teilweise in den Medien und in der Literatur benutzt. Da Arabisch aus Sicht der Muslime die Sprache der Offenbarung ist, besitzt die arabische Hochsprache einen sehr hohen Stellenwert. Dennoch haben viele Marokkaner in der Praxis eher durchschnittliche Kenntnisse des Hocharabischen.

Marokkanisches Umgangsarabisch (Darija)

Die Umgangssprache nahezu aller MarokkanerInnen ist das sogenannte Maghrebarabisch, das auch Darija genannt wird und das in verschiedenen Dialekten auch in Libyen, Tunesien und Algerien gesprochen wird. Darija beruht auf einer arabischen Grundstruktur, mit lexikalischen und grammatischen Entlehnungen aus dem Masirischen und mit vielen Lehnwörtern aus dem Französischen und Spanischen (simana = Woche; cusina = Küche; plasa = Sitzplatz im Bus).  Darija ist keine Schriftsprache. Es wird aber in der Werbung gelegentlich sowohl in arabischer als auch in lateinischer Umschrift genutzt.

Tamazight (Berberisch)

Marokko ist in Nordafrika gegenwärtig der Staat mit der größten berberophonen Bevölkerung. Nach einer Schätzung des Pariser Forschungsinstitutes INALCO sprechen oder verstehen über 40 Prozent der Marokkaner/innen neben der marokkanisch-arabischen Umgangssprache einen der Dialekte des Tamazight. Die Sprachkompetenz variiert allerdings erheblich; immer mehr Marokkaner können die Sprache der Eltern und Großeltern zwar verstehen, aber selbst nicht sprechen. Das erklärt, warum manche Statistiken die Zahl der berberophonen Marokkaner eher bei rund 35 Prozent veranschlagen. Eine offizielle Erhebung des staatlichen Ministeriums für Planung (HCP) kam im Jahr 2014/2015 sogar nur auf 27 Prozent - worauf berberische Aktivist'innen und Sprachwissenschaftler*innen heftig protestierten und die Methoden der statistischen Erhebung in Frage stellten.

Im Vergleich zu anderen Ländern Nordafrikas ist der Anteil berberophoner Menschen in Marokko hoch. Die arabische Umgangssprache Darija ist besonders stark vom berberischen Substrat geprägt, was sich in der Phonetik, im Wortschatz und sogar in grammatischen Strukturen bemerkbar macht.

Die masirischen Dialekte in Marokko unterscheiden sich regional. Man unterscheidet drei Sprachräume: Im Südwesten sprechen die Menschen Tachelhit, im Hohen und mittleren Atlas Tamazight  und im Rif-Gebirge, das „Rif-Amazigh“ oder Tarifit.

Um Tamazight an Schulen unterrichten zu können, haben marokkanische Sprachwissenschaftler eine Standardversion entwickelt, die Elemente der drei Sprachräume aufnimmt, wobei das Tamazight des Mittleren Atlas und der Region um Marrakesch maßgeblich ist. Seit einigen Jahren ist Tamazight in Marokko theoretisch ein Schulfach. Die Sprache ist jedoch nicht obligatorisch und das Unterrichtsangebot bei weitem nicht flächendeckend. Zudem gibt es starke Kritik an den Methoden und an der Ausbildung der Sprachlehre.

Religionen und Religiosität

Religionszugehörigkeit

Nahezu die gesamte Wohnbevölkerung gehört dem sunnitischen Islam an. Etwa 0,01 Prozent sind jüdischen Glaubens (ca. 3000 Menschen, Schätzung basierend auf Bericht von Della Pergola). Rund 0,1 Prozent gehören christlichen Konfessionen an. Die meisten Menschen bezeichnen sich als praktizierende Muslime und als gläubig, wobei die Art der Ausübung sehr unterschiedlich ist. Eine kleine Minderheit bezeichnet sich selbst offen als nicht gläubig oder als atheistisch. Wie stark dieser Trend tatsächlich ist, lässt sich nicht abschätzen, da viele nichtreligiöse Menschen in Marokko sich scheuen, ihre Meinung offen zu sagen.

Islam

Über 99 Prozent der Marokkanerinnen und Marokkaner sind sunnitische Muslime. Marokko folgt offiziell der malekitischen Rechtsschule, was vor allem Konsequenzen für die Ausgestaltung des konfessionell gespaltenen Personenstandsrechts (Familienrechts) hat. Das neue marokkanische Personenstands- und Familienrecht von 2004 basiert jedoch nicht ausschließlich auf der malikitischen Rechtsauffassung, sondern integriert auch Elemente anderer Rechtsschulen, die als liberaler gelten, wie die hanafitische Rechtsschule. Trotz der nahezu einheitlichen sunnitischen Ausrichtung ist der marokkanische Islam sehr vielfältig. Eine wichtige Rolle in der Gesellschaft und zunehmend auch in der Politik spielen die Bruderschaften, darunter die Tijania, die Boutchitchiya und die Darkaouiya.

Religiöse Institutionen

In Marokko sind Staat und Religion nicht getrennt. Der König ist laut Verfassung "Amir Al-Mu'minin" (Befehlshaber der Gläubigen) und damit höchste religiöse Autorität. Der religiöse Sektor stellt ein zentrales politisches Handlungsfeld dar.

Das Ministerium für religiöse Stiftungen (Habous, auch: Awqaaf) und islamische Angelegenheiten beaufsichtigt unter anderem die Moscheen und die staatlichen religiösen Bildungseinrichtungen.

Das kodifizierte islamische Recht (Personenstandsrecht) und allgemeine Religionswissenschaften werden an staatlichen Hochschulen (z.B. Marrakesch) unterrichtet. Für die Ausbildung islamischer Theolog/innen und Rechtswissenschaftler (´Aalim, pl. ´Ulamaa) sorgt unter anderem die staatliche religiöse Hochschule Dar Al Hadith Al Hassaniya (Rabat, im Vorort Hay Riyad). 

Frauen können in Marokko als Familienrichterinnen arbeiten. Seit Anfang 2018 können sie aufgrund eines königlichen Dekretes auch die Funktion eines Adoul ausüben, d.h. sie können Heiratsverträge, Heiratsurkunden und Scheidungsurkunden ausstellen.  

Religion und Identität

Der Islam ist in Marokko seit jeher ein wichtiger Bestandteil der Identität. Seit einigen Jahren ist bei Akademikerinnen und gebildeten Frauen der Mittelschicht eine bewusste Hinwendung zum Islam und eine weibliche Neuinterpretation religiöser Inhalte zu beobachten.

Volksreligion und Mystik

In Marokko wird unter anderem der islamische Feiertag "Aschura" sehr ausgiebt gefeiert, was in nichtmuslimischen Kontexten eher eine Rarität ist.

Volksreligion, Mystik und der Glaube an magische Kräfte sind in Marokko sehr ausgeprägt. Laut Umfragen glauben zwei Drittel aller 16- bis 29-Jährigen an die Existenz von Geistern. Eine zentrale Vorstellung ist die "Baraka", der göttliche Segen. Menschen können "Baraka" haben, aber auch Gegenstände, Pflanzen, Tiere, oder bestimmte Substanzen.  Viele Marokkaner gehen bei körperlichen oder seelischen Beschwerden nicht zum Arzt, sondern zu einem Heiler („Fkih“) oder einer Heilerin („Shaouafa“). Diesen wird neben den heilenden Kräften auch die Fähigkeit zugeschrieben, in die Zukunft sehen zu können. Pülverchen, Koranverse und Beschwörungsformeln auf Papierröllchen sowie alle Arten von Talismanen sollen gegen Liebeskummer, Kopfschmerzen und Prüfungsangst helfen. Bei Besessenheit oder Attacken durch sogenannten „bösen Blick“ befragen die Heiler ihren „Dschinn“. Das ist ihr persönlicher Geist, den sie in Trance kontaktieren und der ihnen aus der anderen Welt mitteilt, wie die Anliegen der Klienten zu lösen sind.

Judentum

Die Zahl der Marokkaner*innen jüdischen Glaubens ist von knapp 200.000 im Jahr 1956 (Unabhängigkeit Marokkos) auf schätzungsweise 2500-3000 im Jahr 2018 gesunken. Die massenhafte Abwanderung der marokkanischen Juden war nicht primär das Ergebnis von Antisemitismus. Zwar hatten Juden und Christen in Marokko weniger Rechte als die muslimische Mehrheit. Sie waren quasi Bürger zweiter Klasse. Doch wesentliche Auslöser für die Massenauswanderung der Juden aus Marokko waren der Palästinakonflikt - Juden überall in der arabischen Welt wurden ab 1948 für die Vertreibung der Palästinenser aus deren Heimat mitverantwortlich gemacht - und die allgemeine politische Instabilität in Marokko nach dem Ende des zweiten Weltkrieges.

Die jüdische Gemeinde ist in Marokko heute klein, aber im öffentlichen Leben sehr präsent. Viele Mitglieder zählen zur wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Elite des Landes. Eheschließungen und Erbangelegenheiten können rein jüdische Ehepaare und Familien in Marokko nach jüdischem Recht (Halacha) regeln. Jüdisch-muslimische Verbindungen unterliegen islamischem Recht.

Die Siedlungsgeschichte der Juden in Marokko beginnt bereits zur Zeit der Römer, im zweiten Jahrhundert vor Christus. Nach der Vertreibung aus Al-Andalus im Jahr 1492 kamen schätzungsweise 200.000 Juden aus Spanien nach Nordafrika. In Marokko hatten die Sepharden, wie die Flüchtlinge in Anlehnung an die hebräische Bezeichnung für die iberische Halbinsel genannt wurden, den Status der Dhimma inne. Sie galten als Schutzbefohlene des Sultans. Als solche waren sie zwar weder gleichberechtigt noch frei, aber sie konnten ihre Religion ausüben, solange sie bestimmte Bedingungen erfüllten. Dazu gehörte die Festlegung des Wohnortes: Die Juden lebten in jüdischen Vierteln, den so genannten Mellahs. In Fes zeugt heute der imposante und gut erhaltene jüdische Friedhof von Zeiten friedlicher Koexistenz.

Während des zweiten Weltkrieges weigerte sich der damalige Sultan und spätere König Mohammed V., die marokkanischen Juden an die Nazis auszuliefern. Er wurde dafür posthum vom Staat Israel als ein "Gerechter" gewürdigt.

2003 verübten Extremisten in Casablanca insgesamt fünf Bombenattentate, unter anderem gezielt gegen jüdische Einrichtungen. König Mohammad VI. bekräftigte damals die historische Pflicht des marokkanischen Königshauses, die Juden zu schützen.

Gegenwärtig befindet sich die größte jüdische Gemeinde Marokkos in Casablanca. Die Mitglieder unterhalten eigene Schulen, Buchhandlungen, koschere Supermärkte und Restaurants, von denen sich viele im zentralen Stadtviertel „Gauthier“ befinden. In ganz Marokko soll es gegenwärtig etwa 30 Synagogen geben.

Das Musee du Judaisme Marocain in Casablanca enthält zahlreiche wertvolle Artefakte, die das jüdische Leben in Marokkos Geschichte und Gegenwart eindrücklich dokumentieren.Gegründet wurde das Museum von dem verstorbenen Simon Lévy. Neben einer Dauerausstellung ist das Museum auch ein Ort der Begegnung.

Einige prominente marokkanische Juden nehmen bzw. nahmen gegenüber Israel eine kritische Haltung ein, z.B. der verstorbene Abraham al-Serfaty.

Christentum

In Marokko leben schätzungsweise 30 000 Christen (0,1 % der Wohnbevölkerung). 24.000 römisch katholische Christen sind in rund 40 Gemeinden organisiert, die zu den Erzbistümern Rabat und Tanger gehören. Die Zahl der Marokkaner*innen, die zum Christentum übertreten, ist nicht bekannt.

Geschlechterverhältnisse

In Sachen Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen hat Marokko im weltweiten Vergleich Nachholbedarf. Beim Gender-Ranking des Weltwirtschaftsforums von Davos bildet Marokko regelmäßig das Schlusslicht (aktuell Platz 137 von 149). Maßgeblich für die schlechte Platzierung sind die rechtliche Diskriminierung marokkanischer Mädchen und Frauen sowie die geringe Partizipation am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft. Im Landesdurchschnitt sind nur 22 Prozent der Frauen im erwerbstätigen Alter berufstätig: In den Städten sind es noch weniger.  Ein Bericht des nationalen Menschenrechtsinstitutes CNDH aus dem Jahr 2015 bestätigt diese Trends.

Aber es gibt auch positive Entwicklungen. 2018 wurde ein Gesetz zum Schutz von Frauen vor sexualisierter Gewalt und Belästigung verabschiedet. Die Zahl der Frauen, die sich trauen, Vergewaltigungen und Übergriffe bei der Polizei anzuzeigen, ist rapide gestiegen. Dass sich die Genderrollen in der jungen Generation  verändern, belegen unter anderem ein 2017 veröffentlichter Bericht der UN-Organisation "UN Women" über Männlichkeitsvorstellungen in der MENA-Region, sowie eine genderspezifische Analyse der Protestbewegung "20. Februar" (gegründet in 2011).

Mit der neuen Verfassung vom Juli 2011 ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen zum Staatsziel erhoben worden. Seit 2007 liegt eine nationale Gender-Strategie vor, die Form eines Gender-Aktionsplans laufend fortgeschrieben wird. 2009 beschlossen einige politische Parteien eine Ethik-Charta, die die Festlegung von Frauenquoten auf Parteiebene beinhaltet.

Für die Zusammensetzung der nationalen Volksvertretung gilt seit 2007 eine Frauenquote. Die Zahl der Frauen im marokkanischen Parlament ist dadurch von ehemals zwei auf mittlerweile über 80 gestiegen, d.h. gut 20 Prozent. Auf der kommunalen Ebene beträgt der Anteil sogar 30 Prozent. Bei der jüngsten Kommunalwahl in 2015 wurden doppelt soviele Frauen in Stadträte gewählt wie zuvor (mehr als 6600). Weitere wichtige Schritte auf dem Weg zur formalen Gleichberechtigung waren die Aufhebung aller Vorbehalte in Bezug auf die Konvention zur Elimination aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen und die Annahme des optionalen Protokolls der Anti-Diskriminierungskonvention der UN (CEDAW). Marokko war das erste Land der MENA-Region, das sich zu diesem Schritt entschloss. Hervorzuheben sind auch die Bemühungen des marokkanischen Staates bei der Bekämpfung genderbasierter Gewalt.

Mehr Rechte auf dem Papier

Das Frauen und Mädchen stark diskriminierende marokkanische Familienrecht (mudawwana) hatte in seiner alten Form seit dem Jahr 1956/1957 gegolten. Seit Ende der 1950er Jahre hatten linke und säkulare politische Kräfte immer wieder nach einer Abschaffung der mudawwana bzw. nach Reformen gerufen. König Hassan II. (1962-1999) hatte jedoch nur winzige kosmetische Änderungen zugelassen. Seit Ende der 1990er Jahre und vor allem seit dem Jahr 2000 machte die marokkanische Frauenbewegung zunehmend Druck gegen die frauenfeindlichen Gesetze. Die Reform des Personenstandsrechts (Familienrechtsreform) im Jahr 2004 hat die rechtliche Situation von Mädchen und Frauen zumindest auf dem Papier verbessert, besonders in folgenden Punkten:

  1. Abschaffung des Prinzips: "Gehorsam im Tausch gegen Versorgung", statt dessen sind Frauen und Männer gleichberechtigt für die Familie verantwortlich
  2. Einführung der gerichtlichen Ehescheidung
  3. Abschaffung der einseitigen Verstoßung für den Ehemann, Einführung des Zerrüttungsprinzips, relativ weitgehende Gleichstellung von Männern und Frauen im Scheidungsrecht.
  4. Abschaffung des Zwangs zur ehelichen Vormundschaft. Eine Frau im ehefähigen Alter kann den Ehevertrag selbst unterzeichnen, sofern sie das wünscht. Die Option, einen männlichen Vormund (wali) einzuschalten, bleibt aber bestehen.

Von einer wirklichen rechtlichen und sozialen Gleichstellung sind Frauen und Männer in Marokko aber noch weit entfernt. In der marokkanischen Gesellschaft dominieren weiterhin patriarchale Einstellungen und diskriminierende Verhaltensweisen. Viele der ehrgeizigen Gesetzesreformen werden bislang nur partiell umgesetzt. Dies zeigt auch eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine "Dauerbaustelle" ist das islamisch geprägte Erbrecht, das Frauen und Mädchen stark benachteiligt - wobei vielen Frauen schon geholfen wäre, wenn sie zumindest ihre religiös begründeten Rechte durchsetzen könnten. Teilweise herrscht die Praxis, Frauen und Mädchen komplett vom Erbe auszuschließen. Allerdings lassen Frauen sich das nicht mehr durchgängig gefallen und sie erringen Teilerfolge, wie im Sommer 2018.

Frauenrechte und zivile Gesellschaft

Seit Mitte der 1980er Jahre sind in Marokko immer mehr Nichtregierungsorganisationen entstanden, die sich gleichzeitig für Demokratie und für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einsetzen. Die bekanntesten dieser NRO sind aus den Frauengruppen linker Parteien hervorgegangen. Diese ehemaligen Parteigruppen haben im Lauf der Jahrzehnte durchweg ein eigenes, feministisches Profil gewonnen. Die politisch einflussreichsten dieser NRO sind die Association Democratique des Femmes Marocaines (ADFM), die Federation de la Ligue Democratique pour la Défense des Droits des Femmes (FLDDF), die AMDF (Association Marocaine des Droits des Femmes) und die 1987 gegründete UAF (Union de L'Action Féminine), die im ganzen Land mehr als 30 Ortsgruppen hat. Neben den politisch verankerten Frauenrechte-NRO gibt es zahlreiche parteiübergreifende, thematisch arbeitende Fraueninitiativen, die sich punktuell zu Aktionsgruppen oder längerfristig zu Netzwerken zusammengeschlossen haben, so zum Beispiel die Beratungsstelle für weibliche Opfer sexistischer Gewalt in Casablanca sowie verschiedene Koalitionen und Initiativen gegen genderbasierte Gewalt.

Mehrere Frauen- und Kinderrechtsorganisationen haben sich in der Kampagne Printemps de la Dignité zusammengetan, um gemeinsam für Gesetzes gegen genderbasierte Gewalt zu kämpfen. Eine feministische Zeitschrift gibt es in Marokko zur Zeit nicht. Das Hochglanzmagazin Femmes du Maroc berichtet allerdings neben Mode auch engagiert über Frauenemanzipation in Wirtschaft und Gesellschaft.

Ehe und Familie

Die Familie ist in Marokko nach wie vor Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens. Man verbringt viel Zeit zuhause und man rückt gern nah zusammen, vor allem beim gemeinsamen Essen am runden Tisch und beim abendlichen Fernsehen. Mittelklassefamilien haben neben dem repräsentativen Salon oft noch einen kleineren Raum mit niedrigem Esstisch und Kanapees, wo man es sich bei Minztee zum Klönen und Fernsehen gemütlich macht. Mit der "Familie" assoziiert man in Marokko emotionale Geborgenheit, ein Gefühl der Zugehörigkeit und ökonomische Sicherheit.

Die Idealvorstellungen von Ehe und Familie sind in Marokko konservativ geprägt. Faktisch erlebt die Familie als Institution jedoch einen tiefgreifenden Wandel. Großfamilien mit dem Vater als Hauptverdiener findet man immer seltener. Die Zahl kinderreicher Familien ist insgesamt spürbar gesunken. Das durchschnittliche Heiratsalter ist stark gestiegen (Frauen ca. 27 Jahre, Männer ca. 30 Jahre). Die Zahl der Geburten pro Frau hat sich seit Beginn der 1970er Jahre im nationalen Durchschnitt halbiert. Vor allem in den Großstädten setzt sich immer stärker die Kleinfamilie mit zwei Kindern durch. Damit einher geht ein Wandel der Rollenbilder. Die traditionelle Rollenverteilung, bei der Mann den Lebensunterhalt verdient und die Frau gehorcht, wird zwar von vielen immer noch zum Ideal stilisiert und religiös verbrämt. Doch die Tatsache, dass Frauen teilweise mehr zum Familienunterhalt beitragen als die Männer, führt zu einer Aushöhlung der überkommenen Rollenbilder.

Eine Besonderheit Marokkos ist die hohe Zahl der unverheirateten Mütter. Sehr selten steckt dahinter die bewusste Entscheidung, ein Kind ohne den Vater aufzuziehen. Die meisten außerehelichen Schwangerschaften in Marokko haben mit mangelnder sexueller Aufklärung, mit sexueller Ausbeutung und mit Doppelmoral zu tun. Für die Rechte der unverheirateten Mütter und ihrer Kinder engagieren sich in Casablanca die unabhängigen Nichtregierungsorganisationen INSAF und Solidarité Féminine. Beide Organisationen bieten den betroffenen Frauen und Kindern auch Unterstützungsprogramme an. Eine informative wissenschaftliche Studie über ledige Mütter in Marokko hat die Berliner Ethnologin Elke Duße verfasst.

Schwangerschaftsabbrüche sollen in Marokko künftig leichter möglich sein. Bis 2015 durften Frauen in Marokko nur bei akuter Lebensgefahr abtreiben. Seit 2015 ist ein Abbruch auch bei Gefahr für die Gesundheit der Mutter, bei einer schweren Schädigung des Kindes oder bei Vergewaltigung bzw. Inzest möglich.

Auch nichteheliche Kinder haben ein Recht auf die eigene Mutter: Kinderbetreuung bei der Frauenorganisation Solidarité Féminine in Casablanca (Bild: Martina Sabra)
Auch nichteheliche Kinder haben ein Recht auf die eigene Mutter: Kinderbetreuung bei der Frauenorganisation Solidarité Féminine in Casablanca (Bild: Martina Sabra)

LGBTQ

In den vergangenen Jahren haben sich mehrere prominente Kulturschaffende aus Marokko öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannt, unter anderem die Schriftsteller Abdellah Taia und Hicham Tahir sowie Rachid O. In marokkanischen Medien wird mittlerweile über das Thema berichtet. Doch nach wie sind Menschen mit von der heterosexuellen Norm abweichender Orientierung auf vielfache Weise bedroht. Homosexualität ist weiterhin bei Strafe verboten. Menschen mit lesbischer, gay, bisexueller Orientierung bzw. transgender und intersexuelle Menschen leiden in Marokko sowohl unter repressiven Rechtsvorschriften als auch unter sozialer Ächtung aufgrund rückständiger, homophober Mentalitäten. In den vergangenen Jahren haben sich Gewaltakte vor allem gegen männliche Homosexuelle vervielfacht, die Stimmungsmache gegen Menschen mit abweichender sexueller Orientierung z.B. in den sozialen Medien hat sich verschärft. Schwule und Lesben werden gegen ihren Willen z.B. in sozialen Medien "geoutet" und damit quasi an den Pranger gestellt. Oftmals müssen sie in der Folge ihren Wohnort wechseln, teilweise auch die Arbeit oder den ganzen Freundeskreis. Während außereheliche heterosexuelle Beziehungen zunehmend entkriminalisiert wurden, erhöhte der marokkanische Gesetzgeber das Strafmaß für Schwule und Lesben. Zivilgesellschaftliche Gruppen wie z.B. Aswat, die sich für die Menschenrechte von Schwulen, Lesben und BTI einsetzen, müssen mit Strafverfolgung rechnen und halten sich daher sehr bedeckt in der Öffentlichkeit. Internationale Unterstützung muss wohlüberlegt sein.

Bildung und Bildungssystem

Schreiben lernen in nonformeller Schule (Bild: Martina Sabra)
Schreiben lernen in nonformeller Schule (Bild: Martina Sabra)

Das marokkanische Schulwesen

Politisch verantwortlich für Schulen und Hochschulen ist das Ministerium für Bildung, Ausbildung, Forschung und Hochschulen (ENSSUP).

Das marokkanische Schulwesen ist in drei Zweige unterteilt:

  1. Moderne Bildung, nach französischem Vorbild
  2. Technische und berufliche Bildung
  3. Religiöse Bildung (Enseignement Originel)

Im Jahr 1963 wurde in Marokko die allgemeine Schulpflicht für Kinder von 7 bis 13 Jahren eingeführt. Im Rahmen der "Dekade für Bildung" (1999-2009) und auf Basis der´"Charte Nationale de l'Education et de la Formation" wurde die Schulpflicht im Jahr 2002 erweitert und gilt nun offiziell von 6 bis 15 Jahre (6 Jahre Grundschule, 3 Jahre Collège).

Die Analphabetenrate sinkt, aber....

30 Prozent der marokkanischen Bevölkerung über 15 Jahre sind laut UNESCO Analphabeten (20 Prozent der Männer, 40 Prozent der Frauen). Bei der Jugend sehen die Zahlen besser aus (9 Prozent im Schnitt), aber auch hier ist der weibliche Anteil benachteiligt: 13 Prozent der Mädchen bis einschließlich 15 Jahre können weder lesen noch schreiben.

In der frühkindlichen Bildung spielt der marokkanische Staat kaum eine Rolle. Zwar besuchen landesweit rund zwei Drittel der Kinder in Marokko eine Vorschule oder einen Kindergarten, doch dabei handelt es sich zum größten Teil um religiöse Koranschulen oder um private Einrichtungen, die ohne ausreichende Qualitätssicherung arbeiten. Nur ein kleiner Teil arbeitet nach internationalen Standards. In ländlichen Gebieten gehen nur 40 Prozent der Jungen zur Vorschule und 20 Prozent der Mädchen.

Zwar werden fast 100 Prozent aller Kinder eingeschult und die meisten schließen die Grundschule ab. Doch den Übergang aufs Collège (Mittelschule) nach der 6. Klasse schaffen landesweit nur 89 Prozent der Kinder. Besonders benachteiligt sind Kinder auf dem Land. Dort wechseln nur 69 Prozent auf die Mittelschule, viele brechen vorzeitig ab Die Voraussetzungen für den Übergang in die Oberstufe (Fachoberschule oder Gymnasium) schaffen auf dem Land nur 30 Prozent der Jungen und 20 Prozent der Mädchen. Maximal 15 Prozent eines Jahrgangs bestehen landesweit das Abitur (vgl. Deutschland: über 50 Prozent).

Neben der hohen Abbrecherrate leidet das öffentliche Bildungssystem an mangelnder Qualität. Ein Großteil der Kinder an öffentlichen Schulen kann in der vierten Klasse weder adäquat lesen noch mathematische Aufgaben lösen.

König Mohammed VI. hat im Jahr 2015 angekündigt, dass die Reformen im Bildungssektor Priorität haben sollen, unter anderem durch Wiedereinführung der französischen Sprache ab Klasse 1. Kritiker*innen wenden ein, dass nicht die Sprache das Hauptproblem sei, sondern die mangelnde Qualifikation des Personals in den Schulen, vor allem in pädagogischen Fragen. Außerdem genössen Tätigkeiten im marokkanischen Schulsystem in Marokko kein hohes Ansehen. Daher würden kompetente Arbeitskräfte in anderen Sektoren arbeiten.

Die bildungspolitischen Ziele hat die marokkanische Regierung im Strategieplan 2015-2030 formuliert.

Historischer Abriss, nationale Entwicklungsanstrengungen

Vor und während des französischen Protektorats (1912-1956) hatten die meisten marokkanischen Kinder nur die Möglichkeit eine Koranschule zu besuchen (Kouttab, Msid/Fkih). 1912 soll die Zahl der Kinder, die solche Schulen besuchten, rund 150.000 betragen haben. Der Zugang zum modernen französischen Bildungssystem war für marokkanische Kinder weitgehend versperrt. Sie durften jahrzehntelang - wenn überhaupt - nur die Grundschule besuchen. Erst ab 1944 durften marokkanische Kinder in größerer Zahl auf französische Schulen gehen und das Abitur machen. Als Folge der Diskriminierung war die Zahl der Analphabeten sehr hoch, Mädchen und Frauen waren doppelt so stark betroffen wie Männer.

Nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956 erhielten alle Kinder theoretisch das Recht auf kostenlose öffentliche Schulbildung. 1963 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Parallel begann die Arabisierung des Bildungssystems. Geisteswissenschaftliche Fächer wurden auf Arabisch erteilt, Mathematik und Naturwissenschaften auf Französisch. Um den Mangel an einheimischen Lehrkräften zu kompensieren, warb die marokkanische Regierung Lehrer aus Rumänien, Bulgarien, Frankreich und Ägypten an. In wichtigen Teilen des Bildungssektors blieb Französisch als Unterrichtssprache erhalten, u.a. in den Ingenieurswissenschaften. 

Trotz umfangreicher Investitionen und mannigfacher Anstrengungen blieb das Bildungssystem wenig effizient. Ende der 1990er Jahre waren rund 50 Prozent der gesamten Bevölkerung immer noch Analphabeten.  Unmittelbar nach seinem Machtantritt im Jahr 1999 lancierte König Mohammed VI. eine nationale Bildungsdekade (1999-2009). Im Oktober 1999 stellte er in einer Thronrede die "Nationale Charta für Bildung und Ausbildung" vor. Darin forderte er grundlegende Reformen und Modernisierungen des Bildungssystems und des Schulwesens. Im Zuge der Dezentralisierung wurden regionale Akademien für die Lehrerfortbildung eingerichtet. 2002 wurde die Schulpflicht per Gesetz auf 9 Jahre ausgedehnt. 2003 wurde das Berberische als Unterrichtsfach eingeführt. Von 2009-2012 liefen das nationale Projekt "Najah" (Erfolg) und der sogenannte "Plan d'Urgence". Aktuell wird der Plan d'Urgence als "Mittelfristplan" weitergeführt. Schwerpunkte sind die Qualität der Bildung, Governance und Chancengleichheit. Finanzielle Unterstützung, technische Hilfe und Beratung leisten unter anderem die Afrikanische Entwicklungsbank, die Europäische Entwicklungsbank, die Europäische Union, die Agence Francaise de Developpement, die spanische AECID, die Weltbank, die UNESCO und USAID.

Vorschule (Préscolaire)

Laut der Nationalen Bildungs-Charta von 1999 sollte die Vorschule in Marokko ab vier Jahren obligatorisch und für alle Kinder der Altersgruppe erreichbar werden. Bislang ist man davon noch weit entfernt. Laut offiziellen Zahlen besucht nur gut die Hälfte eines Jahrgangs die Vorschule. Von diesen 60% besuchen rund 80% religiöse Vorschulen. Öffentlich finanzierte Vorschulen und Bildungsstandards sind rar. Bei der überwiegenden Mehrheit der Einrichtungen handelt es sich um Koranschulen (Kouttab, Msid/Fkih) in ländlichen Gebieten. Traditionell lernen marokkanische Kinder in diesen Schulen den Koran auswendig und erwerben dabei auch Grundfertigkeiten in Lesen, Schreiben, Rechnen und Allgemeinbildung. Die Msid stehen unter Aufsicht des Ministeriums für Religion.

Grundschule, Collège, Lycée, Berufliche Bildung

Das staatliche marokkanische Schulsystem ist dreigliedrig: Die Grundschule umfasst sechs Jahre und schließt mit einer Prüfung ab (CEP, Certificat d’Etudes Primaires). Danach folgt das dreijährige Collège (BEC, Brevet d’Enseignement Collégial). Je nach Abschlussnoten und Neigung können die Schüler/innen sich anschließend entscheiden, ob sie an einem Lycée das Abitur machen (Baccalauréat, kurz BAC) oder ob sie eine Schule für Berufsbildung besuchen möchten. Beim BAC haben die Schüler/innen die Wahl zwischen drei Zweigen: mathematisch-naturwissenschaftlich; naturwissenschaftlich-experimentell; literarisch-philosophisch-sprachlich. Diese Zweige sind jeweils noch einmal unterteilt. Die Schulen für Berufsbildung bieten u.a. Abschlüsse und Weiterbildung in Handwerksberufen und in Buchhaltung an, sowie neuerdings auch für das Berufsfeld erneuerbare Energien.

Im Schnitt sind rund 4 Millionen marokkanische Kinder an Grundschulen angemeldet; etwa 1,6 Millionen Kinder lernen an Mittelschulen; rund 1 Mio. Jugendliche besuchen Gymnasien.

Das marokkanische Hochschulwesen

Marokkos Bildungslandschaft ist im Rahmen der Globalisierung und Privatisierung stark im Umbruch begriffen. Die erste marokkanische Universität (Universität Mohammed V. in Rabat) wurde 1957 gegründet. Die meisten Studierenden in Marokko besuchen entweder eine staatliche Universität oder eine der "Grandes Écoles", an denen z.B. Ingenieur/innen, Betriebswirt/innen und Verwaltungsführungskräfte ausgebildet werden. Zugangsvoraussetzung ist sowohl an den Unis als auch an den Elitefachschulen das Abitur mit den entsprechenden Noten und der passenden Schwerpunktsetzung. An den Grandes Écoles kommt in der Regel noch eine Eingangsprüfung hinzu. An den Universitäten gibt es strenge Zugangsbeschränkungen für die Fächer Medizin, Pharmazie, Ingenieurwesen und Architektur. 

Die meisten staatlichen Universitäten sind nicht sehr prestigeträchtig. Karrierebewusste junge Leute bewerben sich vorrangig an den "Grandes Écoles" um ein Studium, wie z.B. an der Ingenieurschule École Mohammadia in Rabat-Agdal, oder an der halbprivaten Akhawayn-Universität.

Trends: Privatisierung, nonformelle Bildung

Privatschulen sind in Marokko im Trend. In sämtlichen Bildungsstufen - von der Grundschule bis zur Universität - hat sich die Zahl der privaten Einrichtungen binnen 10 Jahren mehr als verdoppelt, während die Zahl der öffentlichen Schulen und Hochschulen im gleichen Zeitraum nur gering zunahm. 2018 besuchten rund 15 Prozent aller marokkanischen Grundschüler Privatschulen - dreimal so viele wie im Jahr 2000.
Ein weiterer Trend sind sogenannte "nonformelle" Bildungsangebote. Angesichts der hohen Zahl von Sitzenbleibern und Schulabbrechern versuchen private Initiativen wie die Stiftung Zakoura Education, den betroffenen Kindern und Jugendlichen einen Wiedereinstieg in die Bildungskarriere zu ermöglichen. 

Beim Bildungsangebot in Marokko besteht ein starkes Gefälle zwischen Stadt und Land. In einigen Regionen versuchen private Initiativen, die Situation zu verbessern, wie dieser Film aus der Schweiz zeigt. 

Gesundheit und Sozialwesen, HIV Aids

Gesundheitswesen

Politisch verantwortlich für die medizinische Versorgung ist das Gesundheitsministerium. Das marokkanische Gesundheitssystem wurde in den letzten Jahren ausgebaut, eine Versicherungspflicht für Beschäftigte eingeführt.  Doch nach wie vor müssen die meisten Marokkaner für ihre Gesundheit allein vorsorgen. Wer einen formellen Arbeitsvertrag hat, ist zwar offiziell  krankenversichert, aber viele Leistungen müssen trotzdem aus eigener Tasche bezahlt werden. Patienten mit geringem Einkommen haben seit 2002 die Möglichkeit, sich im Rahmen der öffentlichen Assurance Maladies Obligatoire (AMO) oder des Gesundheitssystems Régime d'Assistance Médicale (RAMED) behandeln zu lassen. Die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen sind allerdings häufig überlaufen und es gibt immer wieder Berichte, dass das Pflegepersonal oder die Ärzte zusätzlich kassieren. Wer es sich leisten kann, nimmt private Ärzte und Kliniken in Anspruch. Manche engagierte Ärzte spenden einen Teil ihrer Arbeitszeit und bieten kostenlose Sprechstunden oder Behandlungen für Arme an. Viele Moscheegemeinden leisten auf diese Weise nicht nur karitative Arbeit, sondern rekrutieren auch neue Mitglieder.

Das Budget des marokkanischen Gesundheitsministeriums betrug 2018 rund 6 Prozent des Staatshaushaltes. Es gibt insgesamt rund 140 öffentliche Krankenhäuser und rund 2600 Gesundheitszentren (Basisgesundheitsdienste). In einigen Bereichen konnte Marokko in den vergangenen Jahrzehnten Verbesserungen erzielen. So wurden durch spezielle Mutter-Kindprogramme mehr Kinder geimpft und Polio sowie Pocken nahezu ausgerottet. Die Mütter- und Kindersterblichkeit sind gesunken. Insgesamt wird das medizinische Versorgungsangebot dem Bedarf der Bevölkerung aber bei weitem nicht gerecht. Jahr für Jahr sterben in Marokko zehntausende Menschen an Krankheiten, von denen sie mit wenig Geld geheilt werden könnten. Doch den Armen fehlt das Geld für die Beratung und die Medikamente.

HIV Aids

Rund 30.000 Menschen in Marokko waren 2018 mit HIV infiziert. Die meisten Infizierten leben in Marrakesch bzw. Agadir und Umgebung. Knapp 50 Prozent der Infizierten sind weiblich. Schätzungsweise 2 % der Prostituierten sind HIV-positiv. Damit hat Marokko in der MENA-Region eine Spitzenposition inne.

Die engagierte Ärztin und Menschenrechtsaktivistin Hakima Himmich gründete bereits Anfang der 1990er Jahre eine unabhängige Organisation zur Bekämpfung von HIV Aids. Die ALCS betreibt aktive Prävention (u.a. durch die Verteilung von Kondomen) und sie leistet wichtige Unterstützung für Aids-Kranke, indem sie Gelder für Medikamente und Forschung sammelt. Zudem gilt die ALCS als eine wichtige Akteurin für Menschenrechte und Demokratisierung in Marokko.

Migration und Flucht

Marokkanerinnen und Marokkaner im Ausland

Marokko ist zugleich Einwanderungs- und  Auswanderungsland. Zahlreiche junge Leute würden das Land gern verlassen, zumindest auf Zeit. Die Abschottungspolitik Europas sorgt vielfach für Frustration und Kritik. In den vergangenen Jahren hat die marokkanische Regierung auf Druck der EU ihre Maßnahmen zur Verhinderung illegaler Migration verstärkt. Dabei setzt die marokkanische Polizei Schusswaffen ein, mehrere illegale Migrant*innen wurden verletzt oder sogar getötet.

Rund 10-15% der marokkanischen Bevölkerung leben in der Emigration. Das politische und wirtschaftliche Potential der Auslandsmarokkaner („Les MRE“, Marocains Résidant à l’Étranger) wird von der marokkanischen Regierung als bedeutsam eingeschätzt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass gleich mehrere staatliche und quasi-staatliche Institutionen mit Angelegenheiten der Auslandsmarokkaner befasst sind, wobei die Arbeitsteilung nicht immer klar ist und manche Akteure diese Institutionen tendenziell als Instrumente der Kontrolle und Zensur wahrnehmen. Neben dem Ministerium für Auslandsmarokkaner und Migrationsangelegenheiten gibt es eine Stiftung unter dem Namen des verstorbenen Königs Hassan II. und - seit 2007 - den Rat für Auslandsmarokkaner CCME, der direkt der Aufsicht von König Mohammed VI. untersteht. Die Rolle des CCME ist umstritten. Die Rücküberweisungen (engl. Remittances) der Auslandsmarokkaner liegen laut Informationen des Emigrationsministeriums bei rund 6 Milliarden Euro pro Jahr und bilden eine Säule der marokkanischen Wirtschaft.

2018 lebten llaut IOM-Schätzungen rund 3-4 Millionen Migrant*innen mit marokkanischem Hintergrund in der Emigration, davon rund 85% in Westeuropa. Während früher die meisten Marokkaner*innen nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande auswanderten, ist seit den 1990er Jahren auch Spanien ein wichtiges Zielland geworden. Dort erhielten in den 2000er Jahren insgesamt mehr als eine Dreiviertel Million Einwanderer aus Marokko legale Aufenthaltstitel oder die Staatsbürgerschaft. Im außereuropäischen Ausland hat sich vor allem das frankophone Kanada zu einer Destination entwickelt. Dort leben mittlerweile mindestens 60.000 Migrant*innen mit marokkanischem Hintergrund.

Genaue Angaben über die Zahl der MRE in den Staaten der EU sind schwierig, da die verfügbaren Statistiken nicht immer exakt angeben, ob sie von Marokkanern mit EU-Aufenthaltsberechtigung sprechen oder von Marokkanern, die eine EU-Staatsbürgerschaft angenommen haben. Nach Schätzungen von 2018 ist die Verteilung wie folgt:

  • · Frankreich 1,1 Mio.
  • · Spanien 1.000.000
  • · Niederlande 300.000
  • · Belgien 400.000
  • · Italien 350.000
  • · Deutschland 140.000
  • · Großbritannien 30.000

Laut einer Studie des französischen Meinungsforschungsinstitutes BVA aus dem Jahr 2009 stehen die meisten Auslandsmarokkaner*innen in Europa in engem Kontakt mit ihrer Heimat, sehen ihre Zukunft aber eher in Europa. Am stärksten integriert sind die Marokkaner in Deutschland.

Geflüchtete in Marokko

Die Zahl der in Marokko lebenden Migrant*innen bzw Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara hat in den letzten Jahren nur leicht zugenommen. Konkrete Unterstützung finden sie unter anderem bei der Caritas Marokko, bei der Fondation Orient Occident und bei den nationalen Vertretungen ausländischer Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne GrenzenEinige tausend Migrant*innen sind aus beruflichen Gründen oder zum Studieren im Land, doch die meisten sind Flüchtlinge ohne Papiere. Ihre Zahl wird auf bis zu 50.000 geschätzt. Zwar hat Marokko die Flüchtlingskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet. Bislang gibt es aber noch kein Asyl- oder Flüchtlingsgesetz. Asylbewerber müssen einen Antrag über den UNHCR stellen, der in Rabat seinen Sitz hat. Die vom UNHCR anerkannten Flüchtlinge wurden in Marokko lange Zeit nur geduldet. Sie bekamen keine Arbeitserlaubnis, keine staatliche Unterstützung, durften keine öffentlichen Universitäten oder Krankenhäuser aufsuchen. Mitte 2013 vereinbarte Marokko mit der EU eine sogenannte Mobilitätspartnerschaft. Im November desselben Jahres kündigte König Mohammed in einer Thronrede eine neue Migrations- und Asylpolitik an. Darauf folgte vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2014 eine auf ein Jahr begrenzte Legalisierungsaktion. Bis Ende 2014 erhielten gut 16.000, bis Anfang Februar 2015 rund 17.000 Ausländer*innen in Marokko einen vorläufigen Aufenthaltstitel. Die meisten von ihnen stammten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara: Rund 30% allein aus dem Senegal. Knapp 20 Prozent stammten aus Syrien. Dank der Legalisierung erhielt ein Teil der Flüchtlinge nun zumindest theoretisch Zugang zur Basisgesundheitsversorgung im Rahmen von RAMED, und die Chancen eines Teils der Flüchtlinge auf legale Arbeit sowie bezahlbaren Wohnraum verbesserten sich. Internationale und nationale Menschenrechtsorganisationen wie GADEM und die FIDH bewerten die neue marokkanische Flüchtlingspolitik allerdings skeptisch und fordern weitergehende Maßnahmen.

Zwangsmigration, Menschenhandel

Über Jahrhunderte wurden Menschen als Sklav/innen nach Marokko verkauft, hauptsächlich aus Afrika, aber teilweise auch aus Europa. Da jüdische Familien keine muslimischen Sklav/innen besitzen durften, kauften sie Menschen christlichen Glaubens, die von Piraten geraubt wurden (z.b. in Sale, das heute zu Rabat gehört). Marrakesch war ein bedeutender Umschlagplatz für Sklav/innen. 1920 fand dort der letzte Sklavenmarkt statt. Im Jahr 1922 wurde die Sklaverei in Marokko offiziell abgeschafft. 

Kultur und Künste

In den vergangenen Jahren haben in Marokko mehrere neue Museen ihre Tore geöffnet, unter anderem das Musée Yves Saint Laurent in Marrakesch.

 

Vom 15. Oktober 2014 bis zum 1. März 2015 präsentierte das Institut du Monde Arabe unter der Schirmherrschaft von Staatspräsident François Hollande und König Mohammed VI. die bislang umfassendste Ausstellung über Kunst und Kultur des modernen Marokko. In Zusammenarbeit mit der Fondation Nationale des Musées du Royaume du Maroc wurden genreübergreifend Arbeiten aus den Bereichen Bildhauerei Architektur, Design, Comic, Kino, Musik, Tanz, Theater, Literatur, Kunsthandwerk und Lebenskunst präsentiert – Werke von insgesamt 80 lebenden Künstlerinnen und Künstlern aus Marokko. Der Louvre erwies parallel dem mittelalterlichen Marokko Ehre: Unter dem Titel „Das mittelalterliche Marokko: Ein Reich von Afrika bis Spanien“ zeigte das Pariser Nationalmuseum rund 300 Ausstellungsstücke.

Literatur

Viele erstklassige Literaten aus Marokko sind ins Deutsche übersetzt. Zu den profiliertesten Romanautoren zählen Mahi Binebine und Youssouf Amine Elalamy, die in ihren Büchern brisante aktuelle Themen wie den Islamismus und die klandestine Migration verarbeiten.

Als Kandidat für den Literaturnobelpreis gilt der Romancier Tahar Ben Jelloun (*1944), der unter anderem die Romane  „Zurückkehren“, (Berlin 2010) und „Mit gesenktem Blick“ (Reinbek 1994) verfasst hat. Weitere Klassiker sind Driss Chraibi (1926-2007) Autor von amüsanten Krimis wie „Inspektor Ali im Trinity College“ (Zürich 2002) und der arabischsprachige Schriftsteller Mohammed Choukri (1935-2003), Autor von „Das nackte Brot“ (München 1996). Die jüngere marokkanische Geschichte und den Umgang mit Homosexualität in Marokko bearbeitet der schwule marokkanische Romancier Abdellah Taia. Sein Roman „Le Jour du Roi“ (Paris 2010) ist 2012 bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen.
Die kulturelle Vielfalt und die besondere Spiritualität Marokkos haben auch Generationen ausländischer Literaten inspiriert. Einen ausgezeichneten Einstieg bietet der legendäre Sammelband „Tanger-Telegramm“, herausgegeben von Florian Vetsch und Boris Kerenski (Bilgerverlag, Zürich 2005).
Zum Themenfeld Frauen, Islam und Moderne hat die Soziologin Fatima Mernissi (*1940) ebenso informative wie unterhaltsame Essays verfasst. „Geschlecht, Ideologie, Islam“ (München 1998) und „Der Harem in uns“ (Autobiografie, Freiburg 2005) sind zudem Standardwerke der Gender-Forschung.
Über ein wenig bekanntes, aber ungeheuer spannendes Kapitel der deutsch-maghrebinischen Nachkriegsgeschichte informiert das Buch „Flaneur zwischen Orient und Okzident“ (Mainz 2002) Der deutsche Journalist Mourad Kusserow erzählt darin, wie er in den 1950er Jahren von Nordmarokko bei einem Rückholdienst für deutsche Fremdenlegionäre aus Algerien mitarbeitete.

Musik

Marokko verfügt über eine sehr reiche, vielfältige Musikszene, die sich aus arabischen, afrikanischen und berberischen Traditionen speist und die sich gleichzeitig an der globalen Musikszene orientiert. Fast täglich finden irgendwo im Land Konzerte oder Festivals statt. Das Gnawa-Festival in Essaouira, das Festival der sakralen Musiken in Fes;  der Boulevard des Jeunes Musiciens und das Jazz-Festival in Tanger haben sich in den vergangenen Jahren zu festen Größen in der internationalen Musikszene entwickelt und dazu beigetragen, dass marokkanische MusikerInnen über die Landesgrenzen hinaus international bekannt wurden. Teilweise umstritten ist das ambitionierte Festival Mawazine - wegen des vielfach kritisierten Festivalpräsidenten und Königsberaters Mounir Al Majidi, wegen der hohen Kosten für den marokkanischen Staat und wegen der teuren Eintrittskarten.

Aus Marokko stammen zahlreiche Musiker von Weltniveau: Die Sängerin und Gesamtkünstlerin Sapho aus Marrakesch lebt zwar seit über 40 Jahren in Frankreich, ist Marokko und der arabischen Welt aber immer treu geblieben. Der Gnawa-Gitarrist und Sänger Majid Bekkas hat unter anderem mit Klaus Doldinger und Joachim Kühn gespielt.

Die marokkanische Fusion-Sängerin Oum (copyright: LOF Music)
Die marokkanische Fusion-Sängerin Oum (copyright: LOF Music)
Die Weltmusikerin Sapho (Frankreich) wurde in Marrakesch geboren und lebte bis zu ihrem 16. Lebensjahr in Marokko (Bild: copyright Sapho)
Die Weltmusikerin Sapho (Frankreich) wurde in Marrakesch geboren und lebte bis zu ihrem 16. Lebensjahr in Marokko (Bild: copyright Sapho)

Das Länderinformationsportal

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Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zuletzt im August 2019 aktualisiert.

Die Autorin

(Bild: privat)
(Bild: privat)

Martina Sabra ist freie Journalistin mit regionalem Fokus auf Nordafrika und Nahost. Ihre Länderschwerpunkte sind Marokko & Jordanien; in beiden Ländern hat sie gelebt und gearbeitet. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin und Redakteurin unterrichtet sie an der Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) der GIZ GmbH Landesanalyse und Interkulturelle Kompetenz.

Proteste in Nordmarokko

Die Hirak-Proteste in Nordmarokko wurden im Herbst 2016 ausgelöst, durch den gewaltsamen Tod eines Fischhändlers. Im Juli 2017 wurde die Bewegung niedergeschlagen. Viele führende Mitglieder wurden verhaftet und teilweise zu extrem hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Amnesty International dokumentiert den Fall eines jungen Imams und fordert die Freilassung von gewaltlosen politischen Gefangenen in Nordmarokko.

Marokkos Frauen gegen sexualisierte Gewalt

Das Magazin Fluter berichtet über den Kampf marokkanischer Frauen gegen sexualisierte Gewalt.

Grenzen im Sand oder in den Köpfen?

Das Magazin "Perspektiven" der Heinrich-Böll-Stiftung befasst sich mit dem Thema Migration. Die Publikation, die als pdf kostenlos zum Download bereit steht, enthält unter anderem Beiträge der Wissenschaftler Mehdi Alioua und Khaled Mouna aus Marokko.

Sozialforschung in Marokko

Auf dem Portal "SociologieS" informiert ein wissenschaftlicher Aufsatz über Geschichte und Perspektiven der Sozialforschung in Marokko.

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ gestaltet Lernangebote für die internationale Zusammenarbeit. Wir führen mehr als 2000 Fort- und Weiterbildungen durch und entwickeln innovative, wirksame und nachhaltige Lernkonzepte. Und das weltweit.

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