Maurische Utensilien
Anteil alphabetisierte Erwachsene
45,5% (2017)
bedeutendste Religion
Islam (Staatsreligion)
Städtische Bevölkerung
53,7% (2018)
Lebenserwartung (m/w)
63,1 / 66,3 (2018)
Gender Inequality Index
Rang 150 von 162 (2018)
Anzahl der Geburten
4,6 pro Frau (2015-2020)
Kindersterblichkeit
79/1000 Lebendgeburten)

Makrosoziale Struktur

Ethnische Struktur

Verbreitung des Hassania © Fobos92 CC_ BY-SA 3.0
Verbreitung des Hassania
© Fobos92 (CC BY-SA 3.0)

In Mauretanien leben arabische, berberische und schwarzafrikanische Völkergruppen zusammen. Zu den arabisch-berberischen Mauren, die Hassania einen arabischen Dialekt sprechen, gehören rund 70% der Bevölkerung. Eine kleine Minderheit bezeichnet sich als berberophon.

Zu den Bidhan oder Weiße Mauren gehören  etwa 30% der Bevölkerung. Sie bilden die beiden oberen Schichten der traditionell stark hierarchisch gegliederten mauretanischen Gesellschaft, die sich in Hassani (Kriegern) und Marabout (Islamgelehrten) gliedert. Haratin oder Schwarze Mauren stellen etwa 40% der Bevölkerung; ihre Vorfahren waren ehemalige Sklaven.

Die schwarzafrikanischen Ethnien, der Halpulaar, Soninke, Wolof und Bambara stellen die übrigen 30% der Bevölkerung; die Halpulaar (Deutsch: Fulbe, Englisch: Fulani, Französisch: Peul) sind die größte Gruppe und ihr Bevölkerungsanteil wird auf 20% geschätzt.

Offizielle belastbare Zahlen gibt es nicht; Bevölkerungszahlen sind ein Politikum und haben ein hohes Konfliktpotential. Eine im April 2011 begonnene Volkszählung wurde nach heftigen Protesten abgebrochen. Die Menschenrechtsorganisation "Touche pas à ma nationalité" ("Rühre meine Nationalität nicht an") und auch der Senatspräsident hatten sich für den Abbruch ausgesprochen.

Im Rahmen der Volkszählung sollten alle Personen unter 45, deren Eltern keinen Nachweis ihrer Staatsangehörigkeit erbringen können, nicht als mauretanische Bürger erfasst werden. Der Ausschluss von der Zählung und in der Folge die Verweigerung nationaler Ausweispapiere drohte auch, wenn von den Urgroßeltern keine Ausweispapiere oder Sterbeformulare vorgelegt werden konnten.

Die schwarzafrikanischen Ethnien erheben immer wieder den Vorwurf, dass die Weißen Mauren ihren Bevölkerungsanteil höher angeben und sie gleichzeitig die Zahlen der schwarzafrikanischen Bevölkerung nach unten korrigieren, um ihren Machtanspruch zu sichern. Zur Bevölkerungsentwicklung siehe auch die Projektionen der Vereinten Nationen bis 2100.

Die schwarzafrikanischen Ethnien bewohnen traditionell die südlichen Regionen (Trarza, Brakna, Gorgol, Guidimakha), während die Mauren, die früher überwiegend als nomadische Viehzüchter lebten, die mittleren und nördlichen Teile Mauretaniens besiedelten.

Die seit Ende der 1960er Jahren aufeinander folgenden Saheldürren hatten zur Folge, dass viele Menschen aus den ariden Gebieten in die letzten nutzbaren ökologischen Nischen (Wasser, Weiden, Ackerflächen) in den Süden Mauretaniens oder nach Nouakchott zogen.

Spannungen zwischen Mauren und den schwarzafrikanischen Ethnien führen 1989/90 zu schweren Auseinandersetzungen in deren Folge im Mai 1989 Mauretanien alle senegalesischen Staatsangehörigen sowie rund 70.000 schwarzafrikanische Mauretanier in den Senegal und nach Mali ausgewiesen hat; im Gegenzug verwies Senegal 230.000 Mauretanier des Landes. Die Rolle der mauretanischen Sicherheitskräfte bei den Deportationen und Übergriffen ist bis heute nicht aufgearbeitet.

Erst 2007 konnte ein Dreiparteienabkommen zwischen Mauretanien, dem Senegal und dem UNHCR geschlossen werden, das die Rückführung aller rückkehrwilligen mauretanischen Flüchtlinge aus dem Senegal ermöglichen soll. Problematisch ist weiterhin die Entschädigung der Rückkehrer.

Die Pogrome gegen die schwarzafrikanische Bevölkerung sind bis heute ein nationales Trauma und ein wichtiges innenpolitisches Tabuthema.

Sprachen und Sprachenpolitik

Offizielle Landessprache ist Arabisch; Nationalsprachen sind Arabisch, Pular, Soninké und Wolof. Französisch hat seinen Status als Nationalsprache bereits verloren und wird nur noch als Arbeitssprache angesehen; es verliert weiterhin an Einfluss.

Die gesellschaftlichen Spannungen zwischen Mauren und Schwarzafrikanern spiegeln sich auch in der Sprachenpolitik wider. Mauren bevorzugen die arabische Sprache, die schwarzafrikanischen Ethnien das Französische. Die fortschreitende Arabisierung führt immer wieder zu Konflikten und Protesten.

Soziale Lage

Autowäscherei © Jutta Mertes
Autowäscherei © Jutta Mertes
Kleine Boutique © Jutta Mertes
Kleine Boutique © Jutta Mertes

Ein großer Teil der mauretanischen Bevölkerung, insbesondere in ländlichen Gebieten, lebt unterhalb der Armutsgrenze und bestreitet ihren Lebensunterhalt weitestgehend durch Tätigkeiten in der Agrarwirtschaft und zunehmend auch im informellen Sektor. Nur 13,6% der Beschäftigung findet im formellen Sektor statt. 

Die Möglichkeiten, einen Arbeitsplatz im modernen Wirtschaftssektor (Industrie und Dienstleistungen) zu finden, beschränken sich weitgehend auf die Städte. Aufgrund der Schwäche des modernen Wirtschaftssektors und weiterer Zuwanderung aus dem ländlichen Raum stellt die Arbeitslosigkeit ein ernstes Problem dar. Die Erwerbsquote stagniert seit 2005 und liegt 2019 bei 45,9% (Männer 63,1% - Frauen 28,9%). Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) beziffern die Arbeitslosigkeit 2019 auf 9,6%; Frauen: 12,1%, Männer: 8,4%.

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit stellt ein gravierendes soziales Problem dar, das sich zunehmend negativ auf die Sicherheitslage auswirken kann. Es ist bekannt, dass islamistische Gruppen insbesondere die AQIM unter den Unzufriedenen gezielt nach Anhängern sucht. Die ILO bezifferte die Jugendarbeitslosigkeit 2017 auf 31%, die der 15-24-Jährigen auf 47%.

Von Arbeitslosigkeit betroffen sind auch Hochschulabsolventen. Eine Studie der Universität Nouakchott stellt fest, dass nur 6% der Hochschulabsolventen eine Arbeit haben, die ihrem Abschluss entspricht; 62% sind arbeitslos und 31% arbeiten unter ihrer Qualifikation. Siehe dazu auch das Programm der ILO zur Förderung der Beschäftigung für Jugendliche, das Projekt der GIZ zur  Förderung der Beschäftigung und beruflichen Eingliederung von Jugendlichen im ländlichen Raum und eine Studie der Weltbank zum Beitrag von Mikrokrediten zur Armutsminderung in Mauretanien.

Einkommensunterschiede

Die Einkommensunterschiede in Mauretanien sind hoch. Die gängigen, im Human Development Report ausgewiesenen Ungleichheitskoeffizienten haben trotzdem keine auffälligen Werte: der Gini-Koeffizient liegt bei 32,6 (0=völlige Gleichheit – 100= völlige Ungleichheit und die Palma Ratio (Einkommen der 10% Reichsten/Einkommen der 40% Ärmsten) bei 1,3. 

 

Das Global Finance Magazine weist in seinem Bericht „Wealth Distribution and Income Inequality“ für Mauretanien einen Einkommens-GINI von 30,3 und einen Wohlstands-GINI von 62,3 aus.

Beim „Commitment to reducing Inequality Index (CRII) 2018”, der die Maßnahmen der Regierung zur Überwindung der Kluft zwischen Arm und Reich misst, liegt Mauretanien global auf Rang 103 von 157 Ländern. Mauretanien gehört damit zu den 10 afrikanischen Ländern, die sich am meisten engagieren. Der HDR konstatiert, dass in Mauretanien die Ungleichheit erheblich vermindert wurde. Die Steigerung des Einkommens der 40% Ärmsten war 2018 um 21% höher als die durchschnittliche Steigerung in den Jahren 1995-2015.

Stadt-Land-Verhältnis

Iwik im Banc d'Aguin © Michael Wahl
Iwik im Banc d'Aguin © Michael Wahl
Hütten in Nouakchott © Jutta Mertes
Hütten in Nouakchott © Jutta Mertes

In Mauretanien hat sich nach der Unabhängigkeit ein grundlegender Wandel vollzogen. Waren 1960 noch 90% der Bevölkerung Nomaden, so leben heute 53,7% in Städten. 46,3% der Mauretanier leben auf dem Lande und 5% davon weiterhin nomadisch. Der wichtigste Auslöser der immensen Landflucht waren die Saheldürren seit dem Ende der 60er Jahre.

Die Hauptstadt Nouakchott, geplant für 20.000 Einwohner hat inzwischen die Eine-Million-Marke überschritten.

Die Armut in Mauretanien ist auch ein ländliches Problem Auf dem Lande leben 44,4% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze in den Städten sind es 16,7%.

Siehe dazu auch den Multi-Dimensional Poverty Index (MPI) der Universität Oxford.

Generell ist die Versorgung der Landbevölkerung mit Bildungseinrichtungen, medizinischen Versorgung und sauberem Trinkwasser schlechter. Daran hat auch die Dezentralisierungspolitik bisher wenig geändert. Die Regionen Brakna (43,3%), Tangant (49%), Guidimaka (49,1% und l'Assaba (43,5%) sind die Hotspots der Armut mit einer Armutsquote von mehr als 40%. Hohe Werte werden auch für Hodh El Gharbi (39%), Gorgol (38%), Adrar (37%) et Trarza ermittelt. Unter prekären Bedingungen leben aber auch die Fischer im Nationalpark Banc d’Arguin.

Geschlechterverhältnis

Mauretanische Frauen genießen mehr politische und gesellschaftliche Freiheiten als in anderen islamischen Staaten. Die Gründe dafür liegen in der nomadischen Tradition und in einem liberalen Islamverständnis. Vor allem in der maurischen Bevölkerung sind sie wirtschaftlich und im Familienleben weitgehend unabhängig.

In den Gemeinderäten sind ein Drittel der Mandatsträger Frauen, in der Nationalversammlung 20,3 Prozent. Seit 2006 gibt es in Mauretanien eine Quote, die vorschreibt, dass 20 Prozent der Stellen in der Verwaltung von Frauen besetzt werden sollen. 20% der Sitze in der Nationalversammlung sind ebenfalls für Frauen reserviert. Die politische Partizipation von Frauen bleibt ein wichtiges Thema.

In den ärmeren Bevölkerungsschichten ist der Freiraum weniger stark ausgeprägt. Die starke Stellung der Frau in der maurischen Gesellschaft, insbesondere der Elite, hat lange Zeit ein Bewusstsein für Frauendiskriminierung verhindert.

Die Lage der meisten Frauen ist extrem schwierig. Der Anteil der Mauretanier, die unterhalb der Armutsgrenze leben müssen, hat sich in den letzten Jahren verringert. Diese Entwicklung hat sich auch auf den Anteil der mauretanischen Frauen, die in Armut leben ausgewirkt; er liegt bei 27,4%. Frauen haben keinen Zugang zu Krediten und sind in allen Bereichen der Gesellschaft diskriminiert. So leben besonders Haratin-Frauen und Mädchen in sklavenähnlichen Verhältnissen. Zur Frage der Geschlechterungleichheit siehe auch eine Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank.

Der Gender Gap Report 2020  listet Mauretanien auf Platz 141 von 153 Ländern.

Einer Gleichstellung der Frauen steht der Scharia-Vorbehalt in der Verfassung entgegen, dem alle Gesetze Mauretaniens unterliegen. Trotzdem hat Mauretanien die VN-Konvention gegen Frauendiskriminierung (unter Vorbehalt gegen Bestimmungen, die der Scharia widersprechen) ratifiziert.

Weit verbreitet ist die weibliche Genitalverstümmelung. Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und Nichtregierungsorganisationen engagieren sich  mit Unterstützung der mauretanischen Regierung und islamischer Geistlicher dagegen. Islamische Geistliche verfassten 2010 eine Fatwa, die diese Tradition verbietet. Neuere Daten zeigen einen sinkenden Anteil beschnittener Frauen. 67% der 15-49-Jährigen und 51% der 0-14-Jährigen sind beschnitten. Unterschiede gibt es bezüglich des Wohnortes und der sozialen Lage. 79% der beschnittenen Frauen leben auf dem Land und 92% sind arm. Die regionalen Unterschiede sind groß; im Südosten sind mehr als 80%, im Nordwesten 10-25% und im Landesinneren 26-50% der Frauen beschnitten.

Auch die Zwangsfütterung (Gavage) von Mädchen ist weiterhin weit verbreitet, auch wenn inzwischen das Gesundheitsbewusstsein wächst. Stark übergewichtige Frauen entsprechen aber weiterhin dem mauretanischen Schönheitsideal. Siehe dazu auch France Info.

Problematisch ist auch die weite Verbreitung von Kinderehen. Daten der UNICEF zeigen, dass 37% der 20-24-jährigen Mauretanierinnen bereits vor ihrem 18. Geburtstag und 18% vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet waren. Auch waren der 22% der 20-24-Jährigen bereits Mutter ehe sie 18 Jahre alt waren. Mauretanien hat außerdem eine sehr hohe Anzahl von Kinderschwangerschaften; man verzeichnet 8 Geburten pro 1000 Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren.   

Siehe auch World Fertiliy and Family Planning 2020 mit Projektionen.

Mauretanien hat eine der höchsten Scheidungsraten weltweit. Aufeinanderfolgende Ehen sind die Regel.

In Mauretanien sind 68% der Frauen Opfer von Gewalt aufgrund ihres Geschlechts. Im Mai 2020 verabschiedet die Regierung erneut einen Gesetzentwurf, der Gewalt -auch sexuelle Gewalt- gegen Frauen unter Strafe stellt. Ältere Entwürfe wurden vom Parlament seit 2018 blockiert, was Proteste von Frauenorganisationen auslöste. Frauen, die eine Verwaltigung anzeigen, laufen in Mauretanien Gefahr, wegen ausehelichen Geschlechtsverkehrs bestraft zu werden. Siehe Artikel in französischer und englischer Sprache.

Sexuelle Orientierung und Geschlechtervielfalt/LGBTQI*

Mauretanien gehört zu den 11 Ländern weltweit, die homosexuelle Handlungen mit der Todesstrafe belegen. Artikel 308 „[TAT GEGEN DIE NATUR]" des Strafgesetzbuches von 1984 sieht für homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen muslimischen Männern die Todesstrafe durch öffentliche Steinigung vor. Wenn es sich um zwei Frauen handelt, wird gemäß Artikel 306 Absatz 1 eine Haftstrafe von drei Monaten bis zwei Jahren eine Geldstrafe angedroht.

Mauretanien wird immer wieder aufgefordert, die Kriminalisierung  gleichgeschlechtlicher sexueller Beziehungen zu beseitigen und die Todesstrafe vom gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten abzukoppeln. Bisher hat Mauretanien nur die Frage der Todesstrafe angesprochen und darauf verwiesen, dass seit 28 Jahren "ein De-facto-Moratorium“ eingehalten und die Todesstrafe nicht mehr ausgeführt wurde.

Rechte von LGBTI-Personen werden nicht anerkannt und daher werden sie auch nicht durch Gesetze vor Diskriminierung geschützt. Im Januar 2020 wurden acht Männer wegen "unsittlichen Verhaltens" und "Anstachelung zu Ausschweifungen" zu jeweils zwei Jahren Haft verurteilt. In den sozialen Medien kursierte ein Video mit Männern in Frauenkleidern. Die Behauptung es handle sich um die erste gleichgeschlechtliche Hochzeit in Mauretanien wurde sogar von der Polizei zurückgewiesen.

 

Eine öffentliche LGBT-Community existiert nicht und die Tabuisierung hoch.

Die Nichtregierungsorganisation Nouakchott Solidarité Association setzt sich für Menschenrechte und besonders die Rechte der LGBT Gemeinschaft ein.

Eine Nische finden homosexuelle Männer in der Gemeinschaft der Griot.

Kinder und Jugendliche

Mauretanien hat 2001 die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert, die damit Teil des mauretanischen Rechtssystems ist. Auch sie unterliegt dem Shariavorbehalt.

Lange Zeit war es üblich, dass Kinder in Schulen geschlagen wurden. Ein Rechtsgutachten religiöser islamischer Führer hat 2011 festgestellt, dass die Gewalt gegen Kinder dem Koran widerspricht und die herrschende Praxis mit einer Fatwa belegt. Save the Children stellte im Februar 2018 eine Studie über die Situation von Straßenkindern vor.

Der Anteil der registrierten Geburten unter 5 Jahren liegt in Mauretanien bei 66% und ist eine Ursache von Benachteiligung. Der Zugang zu Bildung und Gesundheitsdiensten wird verweigert, der Erwerb von Eigentum ist begrenzt und legale Arbeitsmöglichkeiten sind eingeschränkt.

Kinderarbeit ist rückläufig, trotzdem liegt der Anteil der 5-14-Jährigen, die arbeiten laut UNICEF bei 12,5%. Seit 2015 hat Mauretanien einen „Plan National d’Elimination du Travail des Enfants“ (PANETE-RIM). Zur Situation der Kinder siehe State of the World’s Children 2019.

Bildung

Die Einschulungsquote in den letzten Jahren stetig erhöht. Die Nettoeinschulungsquote in die Primarschule ist von 76,7% (2014) auf 79,6% im Jahre 2018 angestiegen. Problematisch bleibt die Nettoeinschulungsquote in die Sekundarschule, obwohl sie von 23,7% (2014) auf 31% (2018) gestiegen ist. In der Primar- und der Sekundarschule ist die Einschulungsquote von Mädchen höher als von Jungen. Die Alphabetisierungsquote bei den über 15-jährigen betrug 2017 53%; sie lag 2011 noch bei 58,8%. Bei Frauen ist die Quote niedriger als bei Männern. 

Die öffentlichen Bildungsausgaben entsprachen 2016 2,6% des BIP; 2013 waren es noch 2,9%. Der Anteil am Staatshaushalt betrug 9,3%. Die Regierung investiert in das Bildungssystem um vor allem die Situation in den ländlichen Regionen zu verbessern. Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Das mauretanische Bildungssystem war bis 1999 in einen dominierenden arabischsprachigen und einen kleineren französischsprachigen Zweig aufgeteilt. Diese Trennung wurde aufgehoben. Der gesamte Unterricht findet ab dem ersten Grundschuljahr auf Arabisch statt, aber Französischunterricht wurde für alle Schüler verbindlich. Die Zweisprachigkeit soll die Integration der schwarzen Mauretanier erleichtern, deren Muttersprache nicht Arabisch ist. Nach Angaben des Statistischen Amtes sind fast 65% der Lehrer arabophon, 25% frankophon und nur 10% bilingual.

Staatliche Schulen sind schlecht ausgestattet, es gibt große Defizite bei der Lehrerausbildung und die Bezahlung ist sehr schlecht. Die Anzahl der Privatschulen wächst stetig. Die Anzahl der Schüler in Privatschulen ist innerhalb der vergangenen 16 Jahre von % auf 16% angestiegen.

Die Privatisierung des mauretanischen Bildungssystem durch die Regierung gefördert. Mangelnde Regulierung und Überwachung der privaten Akteure haben den Prozess beschleunigt.

Nur die wohlhabendsten Menschen in Mauretanien können ihre Kinder in Privatschulen von guter Qualität einschreiben. Die Schulgebühren für sogenannte "Low Cost"-Schulen sind für die Mehrheit der Bevölkerung ein Hindernis für den Zugang zu diesen Schulen.

Die Bedeutung Koranschulen hat durch den Ausbau des staatlichen Bildungswesens weniger abgenommen als man annehmen könnte. Nach offiziellen Angaben besuchen 31,9% (2017) der über 6-jährigen eine Koran- oder Mahadra-Schule.

Koranschüler in Mauretanien @ Ferdinand Reus CC BY-SA 2.0
Koranschüler in Mauretanien @ Ferdinand Reus (CC BY-SA 2.0)

Gesundheit

Die mauretanische Regierung engagiert sich stark im Gesundheitsbereich. Die Gesundheitsausgaben pro Kopf steigen von 29,6$ (2017) auf 38,3$ (2020). Das Budget des Gesundheitsministeriums 2015 entspricht einem Anteil von 4,6% am Haushalt und verfehlt die Zielgröße des nationalen Entwicklungsplans (PNDS - Plan national de développement sanitaire) von 8,5% beträchtlich. Interessant auch die Strategie 2018-2020 der Weltgesundheitsorganisation.

Trotz großer Anstrengungen werden die Fortschritte nur sehr langsam sichtbar. Immerhin nahm die Lebenserwartung bei der Geburt von 47 Jahren im Jahre 1984 auf bereits 57 Jahre im Jahre 2000 und 64,7 Jahre 2018 zu. Frauen haben eine leicht höhere Lebenserwartung (2018: 66,3 Jahre) als Männer (2018: 63,1 Jahre).

Ermöglicht wurde dieser Fortschritt durch Investitionen in die medizinische Infrastruktur und die Ausbildung des medizinischen Personals. 2013 gab es für 80,1 % der Bewohner Mauretaniens eine Gesundheitsstation in einem Umkreis von höchstens 5 km. Doch die Verteilung ist extrem ungleich: in Nouakchott haben 99,1% diesen Zugang in Hodh-Gharbi nur 60,8% der Bevölkerung.

Siehe auch die Studie zur Verfügbarkeit von medizinischen Diensten und Kapazitäten sowie Daten zum Gesundheitswesen des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) und der Primary Health Care Performance Initiative (PHPCI).

Anlass zur Besorgnis geben jedoch nach wie vor die hohe Müttersterblichkeit sowie die Säuglingssterblichkeit. 2017 lag die Müttersterblichkeit bei 602 von 100.000 Geburten, sowie die Säuglingssterblichkeit (unter 1 Jahre) bei 53,3 von 1000 und Kindersterblichkeit (1-5 Jahre) bei 79/1000. Der Weltmütterbericht 2015 listet Mauretanien auf Rang 150 von 178 Ländern. Laut UNICEF-Weltkinderbericht 2019 gehört Mauretanien zu den Ländern mit der höchsten Sterblichkeitsrate von Kindern unter 5 Jahren. Das Thema Kindergesundheit ist ein sehr ernstes Problemfeld und braucht dringend Fortschritte. Das Gesundheitssystem Mauretaniens bleibt unzureichend.

Weitere Informationen zum Gesundheitswesen Mauretaniens findet man auf den Internetseiten des Regionalbüros Afrika der Weltgesundheitsorganisation.

Mauretanien hat eine der niedrigsten AIDS-Raten in Afrika; sie ist aber ansteigend. 2018 waren 0,2% der 15- bis 49-jährigen MauretanierInnen HIV positiv. Es gibt viele Vorurteile über die Krankheit und Aufklärungsarbeit ist daher dringend notwendig. Die mauretanische Regierung hat Maßnahmen gegen die Ausbreitung von AIDS getroffen.

Die in Mauretanien verbreiteten Krankheiten sind Malaria, Tuberkulose, Parasitose, Hepatitis sowie Atemwegs- und Durchfallerkrankungen. Trotz großer Anstrengungen ist die Impfrate bei Kindern immer noch niedrig.

Kultur

Henna-Tattoos
Henna-Tattoos © Michael Wahl

Mauretanien hat zahlreiche Einwanderungswellen erlebt und vereint auf seinem Territorium ganz unterschiedliche Kulturen. Die dominante Kultur ist die arabisch-berberische oder maurische Kultur; die schwarzafrikanischen Ethnien pflegen weiter ihre Kulturen. Die kulturelle Identität ist gleichbedeutend mit der ethnischen Identität. Als verbindendes Element zwischen den ethnischen Identitäten steht der sunnitische Islam.

Ein interessanter Artikel beschäftigt sich mit festen und respektierten Verhaltenmustern "Sahwas", die über Generationen weitergegeben wurden. 

Die mauretanische Kultur ist von der nomadischen Lebensweise geprägt. Die  Khaima (maurisches Zelt) ist weiterhin ein beliebter Platz. Viele Mauren verbringen das Wochenende in Khaimas, nur wenige Kilometer vom Zentrum Nouakchotts entfernt, in den Dünen. Khaimas findet man häufig aufgebaut in den Gärten mauretanischer Häuser.

Die kunsthandwerkliche Tradition ist hochentwickelt. Gold- und Silberschmuck gehört ebenso dazu wie „Transportkisten“ aus Holz oder Kamelleder.

Die Bekleidung der Frauen ist traditionell sehr farbenfroh. Das gilt sowohl für die Malafas der maurischen Frauen als auch für die Gewänder der Schwarzafrikanerinnen. Das Gewand der Männer heißt Boubou. 

Die Kochkultur ist wenig entwickelt; Ernährungsgrundlage in der Wüste sind Kamelmilch und Datteln.

Das bekannteste Gericht ist das Mechoui, ein im Ganzen gebratenes Lamm mit Couscous. Nationalgetränk ist ein grüner Tee mit frischer Minze und viel Zucker. Die Teezeremonie ist ein fester Bestandteil des Tagesablaufs. Es werden jeweils drei Ausgüsse serviert. Ein mauretanisches Sprichwort besagt dazu:

"Das erste Glas ist bitter wie das Leben, das zweite stark wie die Liebe und das dritte sanft wie der Tod".

Maurische Griots spielen ist ein Saiteninstrument, das der Kora sehr ähnlich ist. Obwohl es nur wenige weibliche maurische Griots gibt, sind die wichtigsten Repräsentanten maurischer Musik zwei Frauen: die bereits verstorbene  Dimi Mint Abba und Malouma. Siehe auch den französischsprachigen Artikel mit Musikvideos zu Dimi Mint Abba. Beide Musikerinnen entstammen alten maurischen Griot-Familien und erlernten schon als Kinder das Instrument. Malouma wurde 2007 in den mauretanischen Senat gewählt.

Seit einigen Jahren findet im Februar das „Festival de Musique Nomade“ in Nouakchott statt. Beachtung findet auch das "Festival des Anciennes Villes" sowie die "Festival des Dattes" in Atar und Tidjikja.

Anleitung zum Binden einer Malafa (0:52 Min.) 

Religion

Saudische Moschee in Nouakchott
Saudische Moschee in Nouakchott
© François COLIN (CC BY-SA 2.5)

Die Bevölkerung Mauretaniens bekennt sich zu 99% zum sunnitischen Islam.

Der Islam bildet die die säkulare Basis für das Zusammenleben der berberischen, arabischen und schwarzafrikanischen Bevölkerungsgruppen Mauretaniens. Der Staatsname „Islamische Republik Mauretanien“ geht auf diese Situation zurück. Angesichts der heutigen Ausbreitung des modernen politisierten Islamismus ist diese Name eher missverständlich.

Die Geschichte des jungen Staates ist von einem wachsenden Einfluss des Islam gekennzeichnet. Besonders die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu arabischen und islamischen Staaten haben den Einfluss des Islam gestärkt. Sichtbarstes Zeichen war eine Veränderung des Regierungssystems. Es wurde ein (fünfköpfiger) Hoher Islamischer Rat eingerichtet, den der Präsident der Republik zur eigenen Beratung in allen Fragen, die den Islam und die islamische Kultur betreffen, ernennt. Auch wurde der Verkauf und der Konsum von Alkohol verboten.

Seit dieser Zeit gibt es in Mauretanien auch Islamisten, die ihre Anhängerschaft besonders in den von unterprivilegierten Haratin bewohnten Bezirken von Nouakchott und Nouadhibou rekrutieren. Ihre Zahl wird auf einige Tausend geschätzt. Sie gelten überwiegend als nicht gewaltbereit und streben nicht unbedingt nach politischer Macht.

Am 30. Juni 2003 verabschiedete der Ministerrat ein Gesetz, das Moscheen zu öffentlichen Einrichtungen erklärt, um die staatlichen Kontrollmöglichkeiten zu stärken. Es verpflichtet die Imame zur ausschließlichen Berücksichtigung der malikitischen Rechtsschule und sieht Sanktionen gegen alle vor, „die eine Moschee zu politischen oder sektiererischen Zwecken oder zu einem mit ‚Stille und Respekt‘ nicht zu vereinbarenden Zweck benutzen“.

Der wachsenden Bedeutung des Islams kommt die Regierung nach, in dem sie einen islamischen Radiosender und eine islamische Partei erlaubte. Interessant ein deutschsprachiger und ein englischsprachiger Artikel zum Umgang Mauretaniens mit religiösem Extremismus. 

Eine christliche Minderheit von rund 4500 Menschen hat Kirchen in Nouakchott, Atar, Zouérate, Nouadhibou und Rosso. Es besteht das Bistum Nouakchott. Ihre Religionsfreiheit ist garantiert, aber es ist verboten Muslime zu missionieren. Siehe dazu auch den International Religious Freedom Report der amerikanischen Regierung.

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Die Beiträge im Länderinformationsportal (LIPortal) wurden bis Dezember 2020 von ausgewiesenen Landesexpertinnen und Landesexperten betreut, um eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern zu geben. Das LIPortal bot damit eine Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb - viele Verweise sind auch weiterhin aktuell.

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2020 aktualisiert.

Über die Autorin

Jutta Mertes, M.A. studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Öffentliches Recht. Arbeitet als selbstständige Information Researcherin und lebte von 2011 bis 2014 in Nouakchott. Seit 2014 Landestrainerin für Mauretanien an der Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ).

Die Autorin freut sich auf Ihre Anmerkungen.

Literaturhinweis

Ghislaine Lydon: Die saharischen Schulen in der Geschichte Mauretaniens in: inamo, H. 61, Jg 2010, S. 34-38

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Rolf Sackenheim
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

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