Marktfrauen in Nicaragua, Foto: Paul Hofmann
Anteil alphabetisierte Erwachsene
82,8% (HDR 2016)
Religiöses Bekenntnis
Katholizismus 50%, Protestantismus 33%
Städtische Bevölkerung
59%
Lebenserwartung
75,8 Jahre
Gender Inequality Index (HDR)
0,456 (Rang 124 von 189) [2017]
Anzahl der Geburten
1,82 / Frau (S 2020)
Kindersterblichkeit
16,5/1000 Lebendgeburten (S 2020)

Bevölkerung und Sozialstruktur

Die Bevölkerungszahl wird für 2018 mit 6,47 Mio. angegeben. Das schnelle Wachstum der Bevölkerung, das 1979 noch bei 3,0% pro Jahr betrug, ist heute auf 1,3% im Jahr gesunken (2018), das World Factbook gibt nur noch 0,96% an (2020). Die zunehmende Verstädterung und der Wandel der sozialen Rolle der Frauen hat –wie auch in anderen Ländern Lateinamerikas- zu einem starken Rückgang der Geburtenrate geführt. Dieser Rückgang spiegelt sich in der Bevölkerungspyramide von 2020 (s.u.), denn die letzten vierundzwanzig Geburtenjahrgänge sind kleiner geworden. Aber immer noch sind 25,6% der Bevölkerung jünger als 15 Jahre, und nur 5,8% sind 65 Jahre oder älter. Allerdings muss sich diese Gesellschaft darauf einstellen, dass auch sie langsam älter wird. Die Lebenserwartung liegt heute bei 75,8 Jahren. Nach einer Hochrechnung der CEPAL wird Nicaragua im Jahre 2050 7,3 Mio. Einwohner haben, und 1,2 Mio. von ihnen werden älter als 65 Jahre sein.

Grafik: World Factbook

34% aller Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft. Auch wenn dieser Prozentsatz im internationalen Vergleich immer noch hoch ist, spiegelt er doch den Bedeutungsverlust der Agrarökonomie; 1950 waren es noch doppelt so viele (68%). Der Sekundärbereich (Industrie und Handwerk sowie Bauwirtschaft) beschäftigt heute 18% der erwerbstätigen Bevölkerung. Diese Zahl ist vergleichsweise gering im Vergleich zum Dienstleistungsbereich, in dem 47% arbeiten (Handel, Kommunikation, Gastronomie, soziale und persönliche Dienste). In diesem Bereich, der im Verhältnis zum produzierenden Gewerbe stark aufgebläht ist, sucht vor allem die große Zahl der Straßenverkäufer, Gelegenheitsarbeiter, Dienstmädchen usw. ein kaum erreichbares Auskommen unter prekären Bedingungen.

Die Modernisierung der Agrarökonomie zu Zeiten Somozas sowie die extreme Besitzkonzentration (1978 besaßen 5% der Landbesitzer über 50% des nutzbaren Bodens) haben die bäuerliche Landwirtschaft schwer beschädigt und viele Arbeitsplätze auf dem Land vernichtet. Die sandinistische Revolution hat mit einer groß angelegten Agrarreform versucht, diesen Trend umzukehren, doch der Erfolg ging mit der Wirtschaftskrise Ende der 80er Jahre und der politischen Kehrtwende ab 1991 weitgehend unter. Letztlich blieb großen Teilen der Landbevölkerung nur die Möglichkeit, in die Städte (vor allem in die schnell wachsende Millionenstadt Managua) abzuwandern. Aber die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes ist weiterhin sehr gering. Die einzige Neuerung von größerer Bedeutung ist der letzte Ausweg einer Migration ins Ausland.

Wer aus Deutschland nach Nicaragua kommt, ist oft von der enormen Vielfalt des Handwerks überrascht. Egal, ob in einem wohl-situierten oder in einem armen Wohnviertel, überall in der Nachbarschaft findet man Klempner, Tischler, Mechaniker, Schneiderinnen, Büglerinnen, Gärtner, Bäcker, Maurer, Matratzenmacher usw., die ihre Aufträge mit Fleiß und Geschick erledigen. Erst später bemerkt man, dass die meisten keine eigene Werkstatt haben und sich sogar ihr Werkzeug leihen müssen. Fast niemand von ihnen hat ein formalisiertes Arbeitsverhältnis. Diese Form der Gelegenheitsarbeit wird von der Statistik als „Arbeit auf eigene Rechnung“ erfasst (cuenta propia); so arbeiten 38% aller Beschäftigten, fast so viele wie in der Kategorie Angestellte und Arbeiter (46%). Die Entwicklung des Arbeitsmarktes hat die Zahl der „Arbeiter auf eigene Rechnung“ ständig wachsen lassen, während die Kategorie der „Unternehmer/Arbeitgeber“ (patrono), die 1950 noch 13,5% der erwerbstätigen Bevölkerung umfasste, jetzt auf 1,3% abgesunken ist. Dahinter verbirgt sich der Niedergang der Farmen, der Handwerksbetriebe und der etablierten Handelsgeschäfte, die ihrem Personal eine halbwegs abgesicherte Beschäftigung boten. Nur 37% der arbeitenden Bevölkerung hat heute ein formales Arbeitsverhältnis. Zwei Drittel ist auf den informellen Sektor der Ökonomie verwiesen.

Ein Volk von „Mestizen“

Die Bewohner Nicaraguas stammen überwiegend (69%) von den indianischen Ureinwohnern ab, die das Land vor der spanischen Eroberung bewohnten. Sie haben sich aber an die Kolonialkultur angepasst, vielfach mit den spanischen Einwanderern vermischt und sprechen heute nicaraguanisches Spanisch. Darum hat sich für sie die Bezeichnung „Mestizen“, also: Menschen gemischt indianisch-europäischer Abstammung, durchgesetzt. Es bleibt nur ein Anteil von 5% der Bevölkerung, der an der Atlantikküste lebt und als „indianisch“ im Sinne eigener Kultur und Sprache gilt. Der Anteil der angeblich „weißen“ Bevölkerung wird heute mit 17% angegeben, der Anteil der Afroamerikaner mit 9%. Diese Zahlenangaben entstammen dem „IndexMundi“ und sind (wie alle Statistiken zur ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung) mit Vorsicht zu genießen, denn sie vermischen biologische und ethnische Kategorisierungen auf schwer kontrollierbare Weise.

Die Gesellschaft ist bis heute vom indianischen Erbe durchdrungen. Es wird an vielen Stellen sichtbar, besonders deutlich in den kommunalen Traditionen vieler Dörfer und der kolonialzeitlichen Gemeinschaften von Monimbó (Stadtteil von Masaya) und Subtiava (Stadtteil von León). Es lebt in der Religiosität, in den Dorffesten und im Kunsthandwerk. Das nicaraguanische Spanisch enthält bis zu 30% indianische Wörter, die sich vorwiegend auf das Alltagsleben, die Familienbeziehungen und die Natur beziehen.

Noch vor hundert Jahren zählte die Volkszählung in Nicaragua etwa 50% „Indianer“. Doch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand diese Kategorie, und seither gelten alle Bewohner, die sich nicht als „Weiße“ oder „Schwarze“ verstehen, als „Mestizen“. 

Aus dem Schulbuch "Atlas Básico Ilustrado de Nicaragua y el Mundo"

Darin spiegelt sich ein Wandel des Selbstverständnisses, denn die Nationalkultur definiert sich seither als eine Mischkultur aus indianischen und spanischen Traditionen. Diese Harmonisierung völlig gegensätzlicher Elemente folgt dem Beispiel Mexikos und überdeckt viele Widersprüche. Sie übergeht den Rassismus der Weißen und die Wirklichkeit der Unterdrückung der Indianer, die heute langsam wieder zum Vorschein kommt; so haben sich in der Volkszählung von 2005 erstmals wieder über 100.000 Menschen auch auf der pazifischen Seite des Landes zu ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Subtiava, Chorotega, Cacopera usw. bekannt. Im Selbstverständnis als Volk der Mestizen kann man aber auch den Vorteil sehen, dass Nicaragua die Zuspitzung ethnischer Gegensätze erspart blieb, und damit auch die Gewalt und der extreme Rassismus, den z.B. die ethnisch zweigeteilte Gesellschaft in Guatemala kennzeichnet.

Die Atlantikküste, ein ethnisches Regionalproblem

Die Überlegungen zur Mestizengesellschaft beziehen sich nur auf den pazifischen Teil Nicaraguas. An der Atlantikküste liegen die Dinge anders; hier sind die ethnischen Widersprüche seit Jahrhunderten wirksam und sichtbar. Neben den spanischsprachigen "Mestizen de la Costa Caribe" (112.000) wohnen hier die indianischen Tieflandethnien Miskito (121.000), Mayangna (Sumu) (10.000) und Rama (4.000) außerdem die Creoles, aus Jamaika und anderen Teilen der Karibik zugewanderte Afroamerikaner, (20.000) und die Garifuna (3.000) (Angaben nach Censo 2005). Die vorherrschende Meinung, dass sich das ethnische Problem Nicaraguas auf die Region der Atlantikküste beschränkt, spiegelt sich auch in der Landkarte (unten) und in den Fotos (oben), die dem Schulbuch "Atlas Básico Ilustrado de Nicaragua y el Mundo" (Managua 1993) entnommen sind.

Die Atlantikküste (nach den Miskito auch „Mosquitia“ genannt) konnte von den Spaniern nie dauerhaft kontrolliert werden.  Sie hatten Nicaragua von der Pazifikküste aus erobert, und der dichte Regenwald und die Bergregion bildeten lange Zeit eine natürliche Grenze zum Atlantik hin. Hinzu kam, dass sich die wichtigste Ethnie der Miskito mit den Engländern verbündete, um die spanische Kolonialherrschaft fern zu halten. Großbritannien errichtete im 19. Jahrhundert ein Protektorat unter dem sogenannten Miskito-König und holte protestantische Missionare der Herrnhuter Brüdergemeine (heute: Moravian Church/Iglesia Morava) aus Deutschland an die Küste. Der nicaraguanische Nationalstaat hatte die Mosquitia immer beansprucht, aber erst, als sich die Engländer 1894 endgültig zurückzogen, konnte er die Herrschaft über die Atlantikregion effektiv übernehmen.

Die Eingliederung in den Nationalstaat erfolgte gegen den Willen der Küstenbevölkerung und hat seitdem zu einer langen Serie von Konflikten geführt. Die Mosquitia hat eine anglo-karibische Tradition und grenzt sich gegen die „Spanier“ von der Pazifikseite deutlich ab. Wegen der besonderen Bedeutung des Protestantismus kommt noch ein konfessioneller Gegensatz zum Katholizismus der Pazifikseite hinzu. Die Miskito, Mayangna (Sumu) und Creoles haben ihre eigenen Sprachen lebendig erhalten. Zudem war die Atlantikküste bis 1979 ein Teil der karibischen Enklavenökonomie in der Hand nordamerikanischer Bananen-, Bergbau- und Holzkonzerne und lebte auch wirtschaftlich ihr Eigenleben neben der Pazifikseite. Die Kombination ethnischer Gegensätze mit einem ausgeprägten Regionalbewusstsein hat immer wieder ihr explosives Potential gezeigt, denn lange wurden die Proteste und Forderungen nach regionaler Autonomie vom Nationalstaat als Sezessionswünsche interpretiert und scharf unterdrückt.

Quelle: Atlas Básico Ilustrado de Nicaragua y el Mundo

Die letzte große Konfrontation mit dem Zentralstaat geschah in den Jahren nach 1979. Die Revolutionsregierung wollte mit der nationalen Integration ernst machen und konzipierte eine Hispanisierungspolitik für die Atlantikküste. Gleichzeitig traten die indianischen Organisationen, die sich unter dem Namen MISURASATA zusammengeschlossen hatten, mit ethnischen Forderungen (Selbstbestimmung, Recht auf Land, Anerkennung der Regionalsprachen) im Sinne der internationalen Indigenenbewegung hervor. Die Destabilisierungspolitik der USA nutzte die Konflikte in ihrem Sinne aus und machte die Küste zu einem Schauplatz des Contra-Krieges gegen die FSLN-Regierung. Trotz der traumatischen Folgen des Krieges kam aber ein Lernprozess zustande. Die Artikel 89-91 der neuen Verfassung von 1987 erkannten zum ersten Mal an, dass Nicaragua eine multiethnische Nation ist. Es wurde ein regionales Autonomiestatut erarbeitet, das internationale Anerkennung gefunden hat. Die neuen Regionen Región Autónoma Costa Caribe Norte/RACCN (Hauptstadt Bilwi/Puerto Cabezas) und Región Autónoma Costa Caribe Sur/RACCS (Hauptstadt Bluefields) umfassen mit 60.000 km² etwa 50% des Landes, jedoch wohnen hier lediglich 620.000 Menschen (=10% der Gesamtbevölkerung). Sie haben jeweils eine eigene politische Vertretung und Regierung. Ein besonderes Wahlverfahren soll  sicherstellen, dass alle Ethnien durch eigene Vertreter repräsentiert sind.

30 Jahre nach dem Neuanfang in Form des Autonomiestatuts muss man allerdings feststellen, dass die autonomen Institutionen immer noch mit erheblichen Startschwierigkeiten kämpfen und die enormen Herausforderungen auch nicht ansatzweise bewältigt haben. Eine eingehende Analyse in der Zeitschrift ENVIO sieht die Hauptprobleme darin, dass sich die zentralistische Tradition des Nationalstaates fast ungebrochen fortgesetzt hat und die Ansätze zu autonomen Entscheidungsprozessen in der Atlantikregion mehr denn je ausbremst. Darin habe sich auch seit 2007 nichts geändert, als die FSLN wieder an die Regierung kam. Außerdem wird kritisiert, dass die Wirtschaftspolitik unverändert auf die extraktivistische Ausbeutung der Region ausgerichtet ist, was die Vergabe von staatlichen Konzessionen im Bergbau, die Genehmigung des Holzeinschlags durch ausländische Konzerne, die Ausrichtung der Fischerei auf den Export und auch die fortgesetzte Landnahme durch durch mestizische Zuwanderer von der Pazifikseite mit sich bringt. Die Autoren sehen im Autonomiestatut dennoch einen richtigen Ansatz, der aber einen grundlegenden Neustart und eine neue Struktur nötig hat. Da sie bei den politischen Parteien (einschließlich der Indianerpartei YATAMA) keine konstruktiven Ansaätze erkennen können, halten sie die Basisarbeit und insbesondere den Dialog mit der Jugendlichen an der Atlantikküste für die zentrale Aufgabe.

Dem wäre hinzuzfügen, dass die Stagnation der Autonomieinstitutionen nicht nur auf die mangelhafte Finanzierung der Institutionen und die parteitaktischen Interventionen von der Pazifikseite (insbesondere vor Wahlen) zurückzuführen ist. Es fehlt vor allem an der entsprechenden Akzeptanz der Probleme auf der Pazifikseite. Solange dort die Ignoranz und sogar der manifeste Rassismus gegenüber den „Costeños“ (=Atlantikküstenbewohnern) nicht verschwindet, kann die Nation kein ersprießliches Miteinander entwickeln. 

Das Hauptproblem ist jedoch, dass die Atlantikküste mit Abstand die ärmste und rückständigste Region Nicaraguas ist. Wirtschaftliche Perspektiven sind kaum in Sicht, und zu allem Überfluss ist die Region in den Sog des internationalen Drogenhandels geraten, dessen Transportrouten die karibische Küste streifen. Aus einer distanzierten Perspektive heraus kommentierte die "Prensa" die politischen und sozialen Probleme der Atlantikküste: "Landprobleme, 85% Arbeitslosigkeit, keine Krankenhäuser, schlechte Straßen, schlechte Bildungschancen, Armut - das sind nur einige der Nöte, die die Bevölkerung der Karibikküste heute bedrängen. Ihre politischen Führer sind immer noch dieselben wie vor 25 Jahren, und die Ablösung durch eine neue Generation ist nicht in Sicht."

Die Universität der Karibikküste Nicaraguas URACCAN ist mit der Idee ins Leben gerufen worden, einen wichtigen Kulturträger der Region zu schaffen. Sie leidet aber offensichtlich an einer dramatischen Unterfinanzierung. Eine bekannte Institution in der RACN ist der "Ältestenrat" der Miskito-Indianer; auf seiner Internetseite findet man Dokumente mit den grundlegenden ethnischen Forderungen. Es bleibt bis heute eine Herausforderung auch für Landeskenner, die politische und soziale Dynamik der Mosquitia zu verstehen. 

Die Indianerorganisation YATAMA, eine Nachfolgerin von MISURASATA, hat bis vor einigen Jahren mit der FSLN zusammengearbeitet. Ihr Führer Brooklyn Rivera, der Abgeordneter in der Asamblea Nacional ist, hat aber 2013 laute Kritik am Kanalprojekt der Regierung geäußert. Inzwischen ist der Bruch mit der FSLN endgültig. Nach dem angeblichen Sieg der FSLN bei den Regionalwahlen am 2.März 2014 hat Yatama den Vorwurf der Wahlfälschung erhoben und vergeblich Beschwerde bei der nationalen Wahlbehörde eingelegt. Eine eine dramatische Situation ergab sich vorübergehend in Bilwi (Puerto Cabezas) nach den nationalen Wahlen im November 2016. Als bekannt wurde, dass die indianische Partei YATAMA in der autonomen Region Costa Caribe Norte angeblich weniger Stimmen als die FSLN erhalten habe und der Kandidat Brooklyn Rivera keinen Parlamentssitz bekommen sollte, kam es zu heftigen Protesten und Vorwürfen der Wahlfälschung. Die Zusammenstöße führten zu harten Polizeieinsätzen und chaotischen Zuständen. Brooklyn Rivera, der unter zweifelhaften Bedingungen aus der letzten Asamblea ausgeschlossen wurde, kann nun doch sein Abgeordnetenmandat in der Asamblea antreten. Die chaotischen Szenen in Bilwi vom November 2016 wiederholten sich nach den Kommunalwahlen im November 2017. Die FSLN hat nach den offiziellen Zahlen der Wahlbehörde CSE in sieben von acht Gemeinden der RACCN die Wahlen gewonnen, darunter Bilwi, Waspám und Prinzapolka. Nur eine Gemeinde ging an die PLC, und Yatama ging ganz leer aus. Als die Zahlen, deren Zuverlässigkeit in Zweifel steht, bekannt wurden, kam es zu gewalttätigen Protesten in Bilwi.

Seit Oktober 2015 haben sich nicht nur die politischen Konflikte zwischen Yatama und der FSLN zugespitzt. Die Stimmung ist hier seit Jahren aufgeheizt, da die Landkonflikte zwischen den mestizischen Siedlern und den Indianergemeinden am Río Coco eskaliert sind. Die gesamte nördliche Atlantikküste erlebt immer wieder den Ausbruch bewaffneter Zusammenstöße zwischen Indianerdörfern und mestizischen Siedlern, die vom zentralen Bergland her immer weiter vordringen. Die nationale Politik ist alarmiert, aber Armee und Polizei schreiten nicht zum Schutz der indianischen Bewohner und ihrer Landrechte ein. Das Menschenrechtszentrum CENIDH hat immer wieder kritisiert, dass der Staat seine Pflicht zur Gewährleistung der Rechte der indigenen und afroamerikanischen Völker in der Mosquitia nicht wahrnimmt. Armeechef General Julio César Avilés erklärte im November 2015, die Konfliktparteien müssten sich "untereinander" verständigen. Diese Haltung hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte in einem Urteil vom September 2016 kritisiert. Er stellte fest, dass den indigenen Völkern "vorbeugende Schutzmaßnahmen" zustehen, und er ordnete an, dass der Staat "alle notwendigen Maßnahmen ergreifen müsse, um die Gewalt zu beenden und das Recht auf Leben, persönliche und territoriale Integrität sowie auf kulturelle Identität zu garantieren." Aber nach Presseberichten gleicht die Situation einem Pulverfass, und die Zahl der Überfälle auf Miskito- und Mayangna-Dörfer nimmt seit Jahren zu. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ende Januar 2020 überfielen wieder illegale Holzfäller ein Mayangna-Dorf, töteten mindestens sechs Dorfbewohner und zündeten 16 Wohnhäuser an. Die Polizei stritt das Verbrechen ab und reagierte zögerlich. Am 7. Februar trafen sich die Vertreter von 15 Kirchengemeinden aus der Diözese Siuna. In ihrer Abschlusserklärung heißt es zur aktuellen Situation: "Das Vorrücken der Siedlungsgrenze fügt dem Leben der Dörfer und der Natur schweren Schaden zu... Die Passivität der staatlichen Institutionen angesichts der Gesetzesverletzungen und der Konfliktlage hat zu einer Schwächung der Dorfinstitutionen geführt, die ihre Probleme nicht mehr angehen können, insbesondere das Problem des Landbesitzes." In einer aktuellen Forschungsarbeit unterstreicht Selmira Flores von der UCA diese Problematik. Nach ihren Worten hat die "Invasion und Landnahme in Naturschutzgebieten und indianischen Territorien die Siedlungsgrenze in ungeahntem Ausmaß wieder geöffnet. Die Landkarten des Umweltministeriums MARENA zeigen, wie der Wald in diesen Gebieten immer weiter verloren geht." Sie zieht eine Verbindung zwischen den Angriffen auf die indianische Bevölkerung und der Zuspitzung des nationalen Notstands in der Umwelt- und Entwicklungssituation.

Im Laufe der aktuellen Proteste seit April 2018 hat sich in der Mosquitia ein "Movimiento costeño de autoconvocados" gebildet, das mit der "Alianza Cívica" in Managua in Verbindung steht. Führer ist George Henríquez, ein Creole aus Bluefields, der schon früher an den Aktionen gegen das Kanalprojekt teilgenommen und sich der Indigenen-Partei YATAMA angeschlossen hat. Die "autoconvocados" der Costa haben Proteste gegen die nationale Regierung in Bilwi (Puerto Cabezas) und Bluefields durchgeführt und ordnen ihre Aktionen begreiflicherweise in den regionalen Kontext ein: Sie verstehen sie im Zusammenhang mit den Landkonflikten in der RACCN, den Unruhen nach den letzten National- und Regionalwahlen und den Protesten gegen den Kanalbau in der RACCS. Die "Costeños" sind in der Oppositionsbewegung auf nationaler Ebene aktiv, und die Partei YATAMA gehört zu den sieben Organisationen, die am 25. Februar 2020 das Gründungsdokument der "Coalición Nacional" unterzeichnet haben.

Familie

Die Familie und die Verwandtschaft spielen eine absolut zentrale Rolle in den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der Nicaraguaner. Das gilt um so mehr, als sich wenige andere Institutionen in dieser Gesellschaft (ob es nun um Banken, politische Parteien oder Kooperativen geht) als stabil und dauerhaft erwiesen haben. Wenn es um das Überleben in einer Gesellschaft geht, die bis auf den heutigen Tag immer wieder von Bürgerkriegen, Naturkatastrophen und wirtschaftlichen Krisen erschüttert wird, so vertrauen die Nicaraguaner in erster Linie auf die Familie und die Verwandtschaft. Eine Studie von UNDP 2011 hat gezeigt, dass die Familie von den Jugendlichen auch heute noch als der wichtigste Raum für Rückhalt und Förderung sehr hoch bewertet wird.

Natürlich bildet auch in Nicaragua die Kernfamilie (das Ehepaar bzw. die Lebensgefährten mit ihren Kindern) den Ausgangspunkt des familiären Zusammenlebens. Nach der Norm sollte das Paar verheiratet sein, aber viele können sich die Formalisierung der Beziehung und die Ausrichtung einer Hochzeit einfach nicht leisten. Die Zahl der Paare, die ohne Trauschein zusammenleben, ist genauso groß wie diejenige der Verheirateten. Die Familien in Nicaragua sind in der Regel größer als in Deutschland, und das Leben in der Kleinfamilie ist die absolute Ausnahme. Normalerweise leben im Haushalt noch andere Verwandte, z.B. die Großeltern und eine Tante; häufig sind weitere Personen aufgenommen, z.B. ein Waisenkind aus der Verwandtschaft oder ein mittelloses Patenkind; auch eine unverheiratete Tochter mit wiederum eigenen Kindern bleibt bei den Eltern wohnen.

Die Tendenz zur Großfamilie wird durch die wirtschaftliche Not verstärkt. Damit ist nicht nur die Knappheit von Wohnraum gemeint, die die Menschen zusammenrücken lässt. Viele Familien überleben nur durch eine komplizierte und erfindungsreiche Kombination von Einkommensquellen. Auch wenn der Vater ein regelmäßiges Einkommen hat (was eher die Ausnahme als die Regel ist), muss es meistens durch den Zuverdienst anderer Familienmitglieder ergänzt werden, z.B. durch Gelegenheitsjobs, durch die häusliche Produktion von Gütern, die auf der Straße verkauft werden, oder durch bezahlte Dienstleistungen wie Waschen und Bügeln. In einem Land, in dem nur 17% der erwerbstätigen Bevölkerung sozialversichert ist, haben alle Arten der familiären Versorgung eine existenzielle Bedeutung.

Viele Familien sind „unvollständig“ in dem Sinne, dass der Mann die Frau mit ihren Kindern allein gelassen hat. In 38,3% aller Familien ist eine Frau der Haushaltungsvorstand, in der Stadt in 46,3% aller Fälle. Von diesen Frauen wiederum sind 76% alleinstehend. Dieses Problem ist teilweise eine Folge der machistischen Verhaltensweisen der Männer, die ihre Verantwortung der Frau und den Kindern gegenüber nicht wahrnehmen. Da viele Paare nicht verheiratet sind, geht die Trennung zu Lasten der Frau, die mit den Kindern zurückbleibt. Es ist aber auch als eine Begleiterscheinung der weit verbreiteten Wander- und Gelegenheitsarbeit zu verstehen, denn die Not erzwingt eine enorme Mobilität hin zu den Verdienstmöglichkeiten (Kaffee-, Zuckerrohr- und Bananenernte, große Bauprojekte etc.). Heute ist es häufig eine Migration ins Ausland, bei der sich jeder nur alleine durchschlagen kann.

Frauen

Kulturzentrum der Frauenorganisation "Grupo Venancia" in Matagalpa. © WÜ

Nicaraguanische Frauen sind stark von den traditionellen Rollen betroffen, die den Männern ein unabhängiges und vorherrschendes Verhalten zuweisen, den Frauen aber Gehorsam und Treue abverlangen. Die Folgen des „Machismo“ sind besonders auf dem Gebiet der Reproduktion fatal, denn die Männer möchten ihre Männlichkeit und Potenz immer noch mit zahlreicher Nachkommenschaft beweisen, und die Frauen ordnen sich dem unter, weil sie sich verpflichtet fühlen und es nicht anders kennen. Traditionell rechnet Nicaragua (neben Guatemala, Honduras und Haiti) zu den Ländern in Lateinamerika, in denen die Diskriminierung der Frauen besonders dramatische Züge aufweist. Dazu gehört, dass ungewollte Schwangerschaften bei Teenagern ein soziales Problem ersten Ranges sind. Viele dieser Schwangerschaften sind die Folgen häuslicher Gewalt. Trotz allgemein sinkender Geburtenraten wurden in Nicaragua im Jahr 2017 noch 86,9 Kinder pro 1000 Mädchen im Alter von 15-19 Jahren zur Welt gebracht. Diese Zahl ist seit 2005 zwar gesunken, als es noch 108,1 Kinder waren. Die Zahl von 2017 ist aber immer noch die höchste jugendliche Schwangerschaftsrate in Lateinamerika und wird in der ganzen Welt nur von den armen Ländern Afrikas übertroffen.

Ein traditionelles, weit verbreitetes Problem ist der Alkoholkonsum der Männer. Bei festlichen Gelegenheiten werden sie schnell unkontrolliert und aggressiv, und was in nachbarlicher Runde noch als Hahnenkampf zu allgemeiner Belustigung führen mag, bekommt auf privater Ebene schnell dramatische Züge. Es gibt viele Fälle von innerfamiliärer Gewalt. Missbrauch der eigenen Kinder und Vergewaltigung innerhalb der Familie werden häufig von Nachbarn und Familienmitgliedern gedeckt. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisationen im Bereich der Kinder- und Jugendlichenbetreuung werden 61% aller Sexualvergehen zuhause in der Familie begangen. Der Jahresbericht 2016 des Menschenrechtszentrums CENIDH analysiert die gewaltsamen Übergriffe gegen Frauen und Kinder auf der Grundlage eigener Fallbetreuung und gerichtsmedizinischer Daten. Die nationale Polizei meldet für das Jahr 2017 eine besorgniserregende Zunahme der gewaltsamen Todesfälle von Frauen. Erstmals werden 25 Frauenmorde ("femicidios") in der Kriminalstatistik gesondert ausgewiesen. Die Zeitung El Nuevo Diario berichtet im September 2019 unter Berufung auf die Frauenbewegung Movimiento Autónomo de Mujeres (MAM), dass in den letzten 10 Jahren in Nicaragua 630 Frauenmorde passiert sind. Nach MAM werden diese Verbrechen häufig nicht öffentlich gemacht, und die Täter bleiben oft straflos.

Die Frauenorganisationen in Nicaragua sind sehr aktiv und versuchen auf den verschiedensten Ebenen (Beratung, Bildungsmaßnahmen und politische Arbeit), die Situation der Frau zu verbessern. Bekannte Organisationen mit unterschiedlicher Orientierung sind z.B. Puntos de Encuentro, Movimiento Autónomo de Mujeres (MAM) und die Grupo Venancia in Matagalpa mit ihrem Kulturzentrum "Guanuca". Vertreterinnen dieser Bewegungen haben in der aktuellen Krise aktiv an den Sitzungen des nationalen Dialogs teilgenommen und sich der "Alianza Cívica" angeschlossen.

Women at work. Bild: Julia Breckenreid (https://breckenreid.com/); Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

Es ist unverkennbar, dass die sandinistische Revolution wichtige Entwicklungen im Sinne der Frauenemanzipation in Gang gesetzt hat. Zwar wurde das Wahlrecht für Frauen schon 1955 eingeführt, aber erst in den achtziger Jahren übernahmen viele Frauen eine aktive Rolle im politischen und sozialen Leben. Besonders augenfällig war das z.B. in der Polizei. Zudem verbesserten sich die Bildungschancen für Mädchen. Nach langen Debatten wurde auch der private Bereich zum politischen Thema. Eine Gesetzesreform stärkte die Rechte der Frau gegen männliche Gewalt in der Ehe, und die Abtreibungspraxis wurde liberalisiert. Langfristig wirkt sich seit 1979 der stetige Anstieg der Berufstätigkeit der Frauen aus. Der Wirtschaftsaufschwung der letzten 10 Jahre wäre ohne die wesentliche Beteiligung der Frauen im Land undenkbar. Im Hinblick auf die Bildung ihrer Kinder setzen sich heute die Eltern für Mädchen und Jungen die gleichen Ziele, und die Zahl der Mädchen, die im Sekundar- und Universitätsbereich eingeschrieben sind, übertrifft sogar die der Jungen.  

Um so unverständlicher ist der Rückwärtsgang, den Präsident Ortega und die FSLN auf dem Gebiet der Frauenrechte eingelegt haben. Kurz vor der Wahl 2006 wurde mit den Stimmen der FSLN ein Gesetz verabschiedet, das alle Formen der Schwangerschaftsunterbrechung, auch in Notfällen (medizinische Indikation), unter Strafe stellt. Damit ist eine Regelung, die bereits vor hundert Jahren unter Präsident Zelaya eingeführt wurde, aufgehoben. Als klar wurde, dass die Behörden seitdem unerbittlich die Strafverfolgung betroffener Frauen und beteiligter Ärzte betreiben, machte sich in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit Entsetzen breit. Die Proteste im Land dauern an, und der Konflikt zwischen der Regierung und den unabhängigen Frauenorganisationen ist ständig erbitterter geworden. 2008 wurden die Büroräume des Movimiento Autónomo de Mujeres polizeilich durchsucht, und ihre Sprecherinnen werden bis heute öffentlich verleumdet und schikaniert. Amnesty International hat immer wieder große Besorgnis wegen der Menschenrechtsverstöße gegen Frauen und Mädchen und wegen der Politik der FSLN-Regierung geäußert.

Von vielen Beobachtern wurde Ortegas Haltung in der Abtreibungsfrage mit dem „Pacto“ und seinen guten Beziehungen zu Kardinal Obando y Bravo erklärt. Eine genauere Betrachtung der Dinge zeigt jedoch den größeren Zusammenhang. Die Reden des Präsidentenehepaars sind von Bekenntnissen zur „Liebe“ und zum „Leben“ durchdrungen. Außerdem ist in Nicaragua eine breite Wirkung der Kampagnen zu verzeichnen, die konservative Abtreibungsgegner von den USA aus auf dem ganzen amerikanischen Kontinent durchführen. Wenn man dann noch den Einfluss der katholischen Kirche und der fundamentalistischen Protestanten hinzurechnet, so zeigt sich, dass Ortegas Haltung mehr ist als ein taktisches Spiel. Er sucht auf diese Weise politische Unterstützung im rechten politischen Lager.

Bildung

Auf dem Campus der Nationalen Universität, Foto: UNAN

Das nicaraguanische Schulsystem gliedert sich in die Vorschule (Preescolar), die sechsjährige Grundschule (Primaria) und eine fünfjährige Sekundarstufe (Secundaria); nach 11 Schuljahren kann man die Abiturprüfung (Bachillerato) ablegen. Ein großer Teil der Schulen, besonders im Sekundarbereich sind Privatschulen, für die Schulgeld bezahlt werden muss; sie werden von ca. 19% der Schüler besucht. Zu den renommierten privaten Gymnasien (Colegios) gehören das Instituto Pedagógico La Salle, das Colegio Centroamérica, die Deutsche Schule und das Colegio Calasanz. Als Beispiel für eine pädagogisch engagierte Kinderbetreuung sei hier der Montessori Kindergarten in Managua genannt.

Im Hochschulbereich sind vor allem zwei große Institutionen wichtig: Die staatliche „Universidad Autónoma de Nicaragua“ (UNAN) und die katholische „Universidad Centroamericana“ (UCA). Zu nennen ist auch die Technische Universität in Managua (UPOLI). An der Atlantikküste gibt es zwei Universitäten: Die "Bluefields Indian and Carribbean University" (BICU) im Süden (gegründet 1991) und die „Universidad de las Regiones Autónomas de la Costa Caribe de Nicaragua“ URACCAN mit Sitz in Bilwi (Puerto Cabezas), Bluefields, Las Minas und Nueva Guinea, gegründet 1995. Darüber hinaus haben sich im ganzen Land nach der Liberalisierung der Hochschulgesetzgebung 1990 ca. 50 private Universitäten etabliert, deren akademisches Niveau teilweise als dürftig zu bezeichnen ist. 

Gebäude der BICU in Bonanza. © WÜ

Die Verfassung Nicaraguas sieht vor, dass 6% des Staatshaushaltes für den universitären Bildungsbereich vorbehalten sind. Über die Finanzierung und Subventionierung der Universitäten hat es schon seit vielen Jahren regelmäßig scharfe Auseinandersetzungen gegeben. Es überrascht daher nicht, dass nach der militanten Rolle der Studenten in der Protestbewegung des vergangenen Jahres 2018 auch auf diesem Gebiet scharf geschossen wird. Im Dezember 2018 forderte der regierungstreue Studentenverband UNEN, dass der Katholischen Universität UCA ihr gesetzlicher Anteil an der staatlichen Finanzierung gestrichen werden sollte. Die Studenten der UCA hatten den Anfang der Proteste im April 2018 gemacht. Tatsächlich wurde die staatliche Subvention der UCA für 2019 um 26,7% gekürzt, während die anderen Universitäten nur Streichungen in Höhe von 0,2 bis 1,4% hinnehmen mussten. Pater José Idiáquez, Rektor der UCA, erklärte der Presse, das sei eine Bestrafung dafür, dass die UCA ihre Studenten zu kritischem Denken erziehe. Der Nationale Rat der Universitäten CNU, der über die Verteilung der Gelder beschließt, wird von Ramona Rodríguez M.A., der FSLN-treuen Rektorin der UNAN geleitet. Sie rechtfertigte die Kürzungen damit, dass die Zerstörungen des vergangenen Jahres in ihrer eigenen Universität und in der technischen Universität UPOLI so groß seien, dass dort der Wiederaufbau Priorität habe.

Die Sendereihe "Die gefährlichsten Schulwege der Welt"  hat eine Reportage in Nicaragua produziert (ARTE 2015). Das 15-minütige Video wurde an der Atlantikküste gedreht und zeigt eindrucksvoll, unter welch schweren Bedingungen viele Kinder in Nicaragua zur Schule gehen. Zusätzlich ist das nicaraguanische Bildungswesen ausgesprochen leistungsschwach und unterfinanziert. Der Schulbesuch aller Nicaraguaner beschränkt sich im Durchschnitt immer noch auf sechs Jahre Grundschule. Diese Zahl erreicht kaum den unteren Rand internationaler Standards. Das unabhängige Forschungs- und Aktionszentrum CIASES hat kürzlich auf einen "enormen Rückstand" im Bildungswesen hingewiesen und u.a. festgestellt, dass die Schüler aus Nicaragua in den Leistungstests der UNESCO, an denen das Land zusammen mit den anderen Staaten Lateinamerikas seit 2006 teilnimmt, regelmäßig auf den hinteren Plätzen landen. Während sich im Leseverständnis die Ergebnisse etwas verbessert haben, sind die Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften weiterhin völlig unzureichend. Die Lehrer haben ein viel zu geringes soziales Ansehen und eine schlechte Ausbildung. Nach Angaben des Erziehungsministeriums sind 24% der Lehrer im Grund- und Sekundarschulbereich auch formal unzureichend qualifiziert. Die Lehrergehälter sind die schlechtesten in Mittelamerika. Ein Grundschullehrerin erhält ein Gehalt von ungefähr 250 US-$/Monat. Wenn sie nach San José/Costa Rica geht, kann sie mit etwas Glück als Haushaltshilfe mehr verdienen.

Schule auf dem Lande Foto: CENIDH

Als die Regierung Ortega 2007 ihr Amt antrat, hat sie eine große Bildungsoffensive angekündigt und wichtige Maßnahmen ergriffen: Sie hat die Schulautonomie aufgehoben und den Besuch öffentlicher Schulen wieder kostenlos gemacht. 2011 waren wieder 93,2% der Kinder in einer Grundschule und 45,8% in einer Sekundarschule eingeschrieben. Die hohen Schulabbrecherquoten in den Grundschulen und Sekundarschulen wurden nach offiziellen Angaben bis 2016 auf 3,3% bzw. 9,8% gesenkt. Diese Werte zählen im zentralamerikanischen Vergleich aber immer noch zu den schlechtesten. Außerdem hat es die Regierung zu ihrem Ziel erklärt, den Analphabetismus in kürzester Zeit abzuschaffen. Dazu wird die kubanische Methode „Yo, sí puedo“ angewandt. Die Alphabetisierungsstellen wurden in den Häusern der freiwilligen Helfer eingerichtet, die den Lerngruppen beim Verstehen der Lehrvideos helfen. Diese Kampagne scheint erfolgreich zu sein, denn der Analphabetismus ist zurückgegangen. Das World Factbook des CIA gibt die Zahl der alphabetisierten Erwachsenen (15 Jahre und älter) mit 82,8% an, was einer Analphabetenrate von 17,2% entspricht.

Die Erfolge der neuen Bildungspolitik müssen bisher als bescheiden bezeichnet werden. Die neuen Verhältnisse haben vielerorts zu einem Ansturm auf die viel zu kleinen und schlecht ausgestatteten Schulhäuser geführt. Allein die Verbesserung des Personals und der Gebäude würde ungeheure Investitionen erfordern, die seit 2007 nicht erfolgt sind. Die letzte Statistikübersicht der Zentralbank zeigt wohl, dass die öffentliche Bildungsfinanzierung seit 2011 (367 Mio. US-$) bis 2017 heraufgefahren wurde (604 Mio. US-$). Die Ausgaben für das Bildungssystem gingen 2007 nicht über 2,6% des BIP hinaus. Dieser Anteil wurde bis 2016 auf 3,37% gesteigert, bleibt aber damit noch meilenweit unter der Zielmarke von 6%, die die Agenda 2030 für eine umfassende Entwicklung der Volksbildung anvisiert hat. Der Länderbericht des IMF 2016 spricht z.B. von "gravierenden Versäumnissen" in der Schulbildung. Das Zentrum CIASES zeigt im regionalen Vergleich, dass der Staat in Costa Rica durchschnittlich 700 US-$ pro Person/Jahr für die Erziehung aufwendet, während Honduras und Guatemala 100 US-$ ausgeben und Nicaragua mit nicht mehr als 70 US-$ auf dem letzten Platz landet.

Gesundheit

Krankenhaus in Managua. © WÜ

Im öffentlichen System hat lange der absolute Mangel geherrscht. Die Regierungen Alemán und Bolanos investierten nicht mehr in das Gesundheitswesen. Wer in einer Ambulanz des öffentlichen Gesundheitssystems behandelt werden wollte, musste selbst Zwirn zum Nähen einer Wunde, Blutplasma, Mull oder Medikamente mitbringen. Die Ärzte waren dauernd überlastet und mussten sich durch einen langen Streik 2005 den Anschluss an das zentralamerikanische Gehaltsniveau erkämpfen. Der wichtige Bereich der Prävention, Aufklärung und Beratung kam fast ganz zum Erliegen.

Bei seiner Rückkehr an die Regierung 2007 hat Daniel Ortega versprochen, das Gesundheitssystem zu reformieren und wieder für alle kostenfrei anzubieten. Sicher ist es unter seiner Regierung auch gelungen, die Ambulanzen und Krankenhäuser wiederzubeleben und zu stärken. Unter die sichtbaren Erfolge ist der deutliche Rückgang der Kinder- und Müttersterblichkeit zu rechnen. Die Sterblichkeit der Kinder ist von 67 (1990) auf 40 (2000) und 22 (2015) -pro 1000 Lebendgeburten- zurückgegangen. Die Sterblichkeit der Mütter, die 1990 noch bei 160 -pro 100.000 Geburten- lag, sank von 76 (2007) auf 44,7 (2015). Leider kann man dennoch nicht von einem großen Neuanfang im Gesundheitswesen sprechen. Die staatlichen Ausgaben auf diesem Gebiet sind zwar gestiegen (von 252 Mio. US-$ 2009 auf 471,8 Mio. US-$ 2017, neuere Zahlen nicht verfügbar), aber die Ausgaben pro Kopf der Bevölkerung betrugen 2017 nicht mehr als 192 US$. Nicaragua ist damit das Schlusslicht im regionalen Vergleich (Costa Rica: 869, El Salvador: 282).

Die Weltbank hat 2013 eine Studie zur Umwelthygiene in Nicaragua veröffentlicht. Auf den untersuchten Gebieten Trinkwasserqualität und Abwasserhygiene, innerhäusliche Rauchverschmutzung auf dem Lande und atmosphärische Luftverschmutzung in den Städten wurden schwere Missstände dokumentiert. Mehr als 1 Million Fälle von Diarrhöe treten jährlich bei Kindern unter 5 Jahren auf. Die Studie schätzt, dass die Folgekosten das Land mit ca. 2,6% des BIP belasten. Für das Jahr 2017 wird eine besorgniserregende Zunahme der Malariafälle gemeldet. Nicaragua gehört zusammen mit Panama, Peru und Venezuela zu den vier lateinamerikanischen Ländern, in denen eine massive Rückkehr der Krankheit droht.

In Nicaragua arbeitet die Organización Panamericana de Salud/WHO, die eine statistische Übersicht zum Thema Gesundheit dieses Landes bietet. Zu erwähnen ist auch das Gesundheitsinformationszentrum CISAS und das Nationale Forschungszentrum zu Gesundheit CIES in der Nationalen Universität.

Etwa 0,2% der erwachsenen Bevölkerung in Nicaragua ist HIV-positiv. Diese Rate liegt unter der der Nachbarländer El Salvador und Honduras (jeweils 0,5). Zur Situation in Nicaragua informiert UNAIDS.

In der aktuellen Coronakrise sind die Vorgänge im Gesundheitswesen ins Zentrum der politischen Öffentlichkeit gerückt. Führende Mediziner kritisieren die Untätigkeit der Regierung angesichts der inzwischen exponentiell ansteigenden Zahl der Infektionen und Todesopfer. Aus den Hospitälern gibt es zahlreiche Berichte, die die hohe Zahl von Infektionen beim medizinischen Personal und den Mangel an Schutzausrüstung anprangern. Die Regierung hat Anfang Juni mehr als 10 Ärzte aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst entlassen, weil sie öffentlich Kritik geäußert haben. Fünf ehemalige GesundheitsminsterInnen, die in der Zeit von 1980 bis 2006 im Amt waren, haben sich in einem öffentlichen Brief an die Weltgesundheitsorganisation WHO gewandt. Sie schreiben darin, sie seien "besorgt über das, was in unserem Land passiert, wegen des Ausmaßes, das die Pandemie erreicht, und wegen ihrer drohenden Verschärfung, da geeignete Maßnahmen ausbleiben."

Religion

Heiligenfigur in der Kirche San Francisco, León. Foto: Nicaraguaportal

Die Religion in Nicaragua hat eine sehr große Bedeutung in der Kultur und Politik des Landes. Religionsfreiheit und Toleranz sind verfassungsmäßig abgesichert. Die wichtigste Institution ist die katholische Kirche, die seit der Kolonialzeit eine herausgehobene Stellung hat. Obwohl Staat und Kirche seit den liberalen Reformen des 19. Jahrhunderts formal getrennt sind und nach der Verfassung Religionsfreiheit herrscht, ist das katholische Christentum ein Teil der nationalen Identität geblieben. Die Kirche trägt wichtige Staatsakte mit, und die Bischöfe geben regelmäßig vielbeachtete Stellungnahmen zu nationalen Fragen ab. Gute Schulen und ein Teil der universitären Ausbildung sind in der Hand katholischer Orden, und damit hat die Kirche einen großen Einfluss auf die Erziehung der Mittel- und Oberschicht behalten. Alle Ortschaften, vom kleinsten Dorf bis zur Hauptstadt, feiern die Feste ihrer Ortsheiligen mit Messen und großen Prozessionen; sie geben der Religion damit eine zentrale Bedeutung in ihrem sozialen Leben.

Dennoch wird der Einfluss der Amtskirche auf den Alltag der Nicaraguaner häufig überschätzt. Die Institution ging aus den liberalen Reformen finanziell und personell geschwächt hervor, und der große Priestermangel bewirkte, dass ihre Präsenz im 20. Jahrhundert im wesentlichen auf die Städte und die wohlhabenden Schichten beschränkt blieb. Die Volksreligiosität, in der indianische und afrikanische Elemente fortleben, entwickelte sich zum großen Teil außerhalb der Kirche. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute katholisch, aber nicht kirchlich im strengen Sinne; viele begnügen sich damit, die Taufe und die Beerdigungsriten in Anspruch zu nehmen, bewahren aber im übrigen eine deutliche Distanz zum Klerus. Außerdem erhielt die katholische Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine starke Konkurrenz in Form der protestantischen Missionen, die schnell in den Unterschichten Fuß fassen konnten.

Papst Franziskus mit Kardinal Leopoldo Brenes, Erzbischof von Managua. Foto: Webseite Erzdiözese Managua

Die Amtskirche ist traditionell konservativ, antiliberal und antikommunistisch eingestellt. Das kirchliche Leben geriet in den 60er Jahren aber stark in Bewegung, denn Priester aus Spanien, USA und anderen Ländern kamen nach Nicaragua. Sie bauten die kirchliche Basisarbeit in den Armenvierteln und auf dem Lande neu auf. Sie konnten auf neue Weise an die Volksreligiosität anknüpfen. Da sich viele von ihnen nach links entwickelten und zu Parteigängern der Theologie der Befreiung wurden, wuchs damit ein enormes innerkirchliches Konfliktpotential, das bis heute spürbar ist. Bekanntermaßen engagierten sich prominente Priester wie die Brüder Fernando und Ernesto Cardenal in der sandinistischen Revolutionsregierung der 80er Jahre, sahen sich deshalb aber mit scharfer Kritik aus dem Vatikan konfrontiert. Die neue Basisbewegung verschob die politischen Kräfteverhältnisse und bewirkte, dass sich die Amtskirche wenigstens um eine vermittelnde Rolle in den sozialen und politischen Konflikten bemühte. Das wirkte sich positiv im Friedensprozess am Ende der 80er Jahre aus, der ein Ende der Bürgerkriege in Zentralamerika brachte und nicht umsonst in Esquipulas/Guatemala, der zentralen Wallfahrt Zentralamerikas, beschlossen wurde. In Nicaragua beteiligte sich die Kirche im Zeichen der „nationalen Versöhnung“ an den Projekten zur Wiedereingliederung der Flüchtlinge und „Contra“-Kämpfer. Diese Entwicklung zeigt sich auch heute. Die katholische Kirche war maßgeblich am Zustandekommen des "nationalen Dialogs" beteiligt und tritt als Vermittler zwischen der Regierung Ortega und der Protestbewegung auf.

Die Internetseiten der Erzdiözese Managua und der Bischofskonferenz von Nicaragua ermöglichen Einblicke in das Leben der Amtskirche. Eine interessante Studie zeigt, dass die Stärken und Schwächen der kirchlichen Arbeit je nach Region sehr unterschiedlich zu beurteilen sind.

Iglesia Morava in Bonanza. © WÜ

Der Protestantismus in Nicaragua hat schon eine längere Geschichte in Form der Herrnhuter Brüdergemeine (Iglesia Morava/Moravian Church) an der Atlantikküste und der Baptisten. In den 60er Jahren erfuhren die protestantischen Kirchen in Nicaragua (wie in ganz Lateinamerika) eine enorme Ausbreitung auf die Mittel- und Unterschichten, woran die evangelikalen und pfingstkirchlichen Richtungen den größten Anteil hatten, da sie missions- und konversionsorientiert arbeiteten und große Unterstützung aus den USA erhielten. Eine anerkannte Institution ist das Baptistische Krankenhaus in Managua (gegründet 1928). Vom wachsenden sozialen Engagement der Protestanten zeugt die Organisation CEPAD, die als Hilfsorganisation bereits nach dem großen Erdbeben in Managua 1972 gegründet wurde; sie ist heute ein anerkannter Partner der EZ, u.a. der Entwicklungsorganisationen der evangelischen Kirche in Deutschland. 

Der Protestantismus, der früher einmal das Bekenntnis einer kleinen, am Ausland orientierten Randgruppe war, ist heute zu einer ernstzunehmenden, vielfältigen Kraft in der Gesellschaft geworden. Nach der Volkszählung 2005 gehören über 20% der Bevölkerung einer der Kirchen und Sekten an. Die große Wachstumsphase der Zeit von 1960 bis 1990 scheint vorbei zu sein, aber die Protestanten bauen ihre Institutionen aus, haben eigene Radiosender, Seminare und Universitäten gegründet und werden politisch aktiv, und zwar keineswegs nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums.

Im Übrigen ist anzumerken, dass auch in Nicaragua die Zahl der Menschen zunimmt, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. 1995 gaben 7,5% aller Befragten an, dass sie nicht religiös sind; 2005 war ihre Zahl auf 15,7% gewachsen (Angaben nach Censo 2005).

Literatur

Eine schöne Einladung nach Nicaragua ist das Buch des argentinischen Schriftstellers Julio Cortazar, Nicaragua, tan violentamente dulce. Viele Intellektuelle und Dichter sind wie er zur Zeit der sandinistischen Revolution nach Managua gekommen, und ihre Publikationen haben unser Bild von Nicaragua mitgeprägt. Hier seien nur einige Namen genannt: Antonio Skármeta, Eduardo Galeano, Günther Wallraff, Franz Xaver Kroetz, Erich Fried, Dorothee Sölle oder Salman Rushdie (Das Lächeln des Jaguars. Ein Reise durch Nicaragua, München 1998).

In Granada findet alljährlich das Dichter-Festival statt, ein Ereignis von kontinentaler Bedeutung. Das Festival sollte auch im Februar 2019 wieder stattfinden, aber wegen der nationalen Krise wurde es zunächst ausgesetzt. Gioconda Belli erklärte die Gründe so: "Die Dichtung trägt Trauer. Sie kann in einem Moment nicht feiern, in dem das Land in einer Welle der staatlichen Gewalt ertrinkt. Als Vorwand dafür wird angegeben, dass es einen Staatsstreich gegeben hat; in Wirklichkeit hat eine Volksrebellion stattgefunden." Inzwischen fiel die Entscheidung, das Festival in Form von virtuellen Dichterlesungen fortzusetzen und damit "notwendigen Raum für die Poesie in Zeiten der Krise zu schaffen." 

Man sagt, jeder Nicaraguaner sei ein Poet. In normalen Zeiten wird die schöne Literatur in diesem Land ganz besonders geschätzt und gepflegt. In welchem anderen Land der Welt würden sogar die hübschen Kandidatinnen der nationalen "Miss"-Wahlen dem Schriftstellerverband einen Besuch abstatten, geschehen in Managua im Februar 2014? Das zeigt u.a. die Geschichte der nicaraguanischen Literatur von Sergio Ramírez. Es ist kaum ein Zufall, dass zwei der bedeutendsten Dichter spanischer Sprache aus Nicaragua stammen:

Rubén Darío (1867-1916). Foto: Nicaraguaportal

Zunächst ist hier Rubén Darío (1867-1916) zu nennen. Dieser Dichter verbrachte zwar den größten Teil seines Lebens im Ausland, aber er hat stark nach Nicaragua zurückgewirkt und ist heute ein regelrechter Nationalheld. Das von den Nicaraguanern geliebte Bonmot "Si la patria es pequeña, uno grande la sueña" stammt von ihm. Die Bedeutung von Darío liegt darin, dass er den Abschied von der bislang herrschenden höfischen Dichtung Spaniens einleitete. Zu seiner Wirkung schreibt Hermann Schulz: „Kein Bürgerhaus, kaum eine Hütte, in der nicht ein Bild des Dichters oder eine meist zerfledderte Ausgabe seiner Werke zu finden ist… Es ist vor allem der Glaube an die Bedeutung der Poesie für die Verankerung des Lebens, die mich so beeindruckt hat; man kann auch sagen: für die Identität als Mensch, als Nicaraguaner, als Weltbürger. Denn der Poesie Nicaraguas haftet –trotz alle Beschäftigung mit sich selbst- etwas Weltläufiges an.“

Ernesto Cardenal (*1925). Foto: Nicaraguaportal

Die zweite Ausnahmeerscheinung ist der Dichter und Mystiker Ernesto Cardenal. Er war Trappistenmönch in den USA und hat eine berühmte Basisgemeinde und klosterähnliche Gemeinschaft auf der Insel Solentiname im Nicaragua-See begründet; er war ein prominenter Unterstützer der sandinistischen Revolution und wurde Kulturminister in den achtziger Jahren. 1980 erhielt Cardenal den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Er zählte aber seit Mitte der neunziger Jahre zur sandinistischen Dissidenz. 2014 feierte er seinen 90. Geburtstag und protestierte noch im November desselben Jahres in einem öffentlichen Aufruf gegen das Kanalprojekt und die drohende Zerstörung des Nicaragua-Sees. Die juristischen Schikanen gegen diesen unbequemen Dichter rissen in den letzten Jahren nicht ab. Auf dem Festival von Granada sprach er davon, dass er vom Präsidentenehepaar "persönlich verfolgt" werde. Im August 2018 stellte sich Cardenal öffentlich auf die Seite der demonstrierenden Studenten und Oppositionellen. Er verurteilte das Vorgehen der Regierung und sprach von "Staatsterrorismus". Noch im Dezember 2019 sagte er, "die Ablösung einer Diktatur zu fordern, ist kein Extremismus."

Cardenals Dichtung („Gebet für Marilyn Monroe“, „Nicaragua Stunde Null“, „Psalmen“, "Cantico Cósmico") sucht einen ganz eigenen Weg zwischen Weltabgewandtheit und politischem Engagement, zwischen Innerlichkeit und modernem Alltag („Exteriorismus“). Cardenal erwarb Weltruhm und galt mehrfach als Nobelpreiskandidat. In Deutschland hat er durch die im Peter Hammer Verlag erschienenen Übersetzungen schon seit den 1970er Jahren eine große und begeisterte Leserschaft gefunden. Ende 2016 hat Cardenal sein persönliches Archiv der Universität Texas in Austin übergeben, wo es zusammen mit dem Nachlass von García Márquez, Cortázar, Borges u.a. geordnet und aufbewahrt werden soll.

Die Liste der Ausnahmebegabungen und Berühmtheiten endet nicht mit Darío und Cardenal, sondern fängt mit ihnen erst an. Hier sei noch Sergio Ramírez genannt, dessen großer Ruhm u.a. durch die Verleihung des Premio Cervantes in Spanien gekrönt wurde. Die Dichterin, Autorin und Publizistin Gioconda Belli ist ebenfalls international bekannt und eine Erfolgsautorin auch in Deutschland. Das literarische Leben in Nicaragua ist reich und vielfältig. Weitere Informationen finden Sie beim Centro Nicaraguense de Escritores und beim Schriftstellerinnenverband Asociación Nicaraguense des Escritoras.

Letzte Nachricht: Nicaragua trauert um Ernesto Cardenal. Am 1. März 2020 starb Ernesto Cardenal im Alter von 95 Jahren in Managua. Präsident Ortega ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Freunde,  Weggefährten und Mitglieder seiner Lesergemeinde in aller Welt reagierten mit Bestürzung. Gioconda Belli, die ihn noch unmittelbar vor seinem Tod besuchen konnte, erklärte: "Unser großer Poet ist soeben ... gestorben, nach einem Leben gewidmet der Poesie und dem Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit." Papst Johannes Paul II. hatte 1985 Cardenal die Ausübung seines Priesteramtes verboten, weil er ein Ministeramt in der Revolutionsregierung übernommen hatte. Cardenal konnte noch erleben, dass diese Sanktion von Papst Franziskus erst 2019 wieder aufgehoben wurde. Der Trauergottesdienst in der Kathedrale von Managua wurde vom päpstlichen Nuntius für Nicaragua persönlich geleitet. Die Feier wurde von rot-schwarz gekleideten Jugendlichen aus den Reihen der FSLN gestört, sie riefen "Verräter" und beschimpften die anwesenden Freunde des Dichters. Cardenals Sarg wurde auf der Hauptinsel des Solentiname-Archipels beigesetzt.

Feste, Musik und Film

Feste und Sport

Fest Palo de Mayo in Bluefields. Foto: Revista CIDCA-BICU

Nicaragua ist reich an traditionellen Festen, sei es auf kommunaler oder nationaler Ebene. Es gibt eine erfreulich hohe Zahl von gesetzlichen Feiertagen, und gerne werden die jeweils angrenzenden Werktage vor und nach einem Feiertag ebenfalls frei gemacht; das ergibt dann eine „Brücke“ (puente). Praktisch alle Feste haben einen religiösen Hintergrund - einige rühren von der katholischen Religion her, die die spanischen Eroberer der Bevölkerung aufzwangen, andere beruhen auf Riten und Zeremonien, die die indigene Bevölkerung vor der Ankunft der Spanier pflegten. Eine besondere Berühmtheit ist der Palo de Mayo (Fernsehbericht und Aufführung) das ist ein Tanz, ein Fest und eine Musikrichtung der Bevölkerung in der Atlantikregion, der aus einem englischen Brauch und afrikanischen Traditionen hervorgegangen ist.

Aufführung des "Güegüense" in den Straßen von Diriamba. Foto: Jorge Mejía Peralta, posted unter Creative Commons

Die wohl größte Prozession ist das Fest des Santo Domingo, des Stadtheiligen von Managua. Die Gritería und das Fest der "Purísima", die am 8. Dezember in León gefeiert werden, ist eine ekstatische Form des Marienkults mit vielen traditionellen, lokalen Elementen. Eine richtig populäre Fiesta mit Bombenstimmung ist die Prozession des San Jerónimo am 30.September. Da geht es nicht so feierlich zu wie bei den Prozessionen in Antigua/Guatemala; hier wird die kleine Heiligenfigur durch die Straßen von Masaya getragen und unter dem Gejohle der Menge heftig geschwenkt und geschüttelt. Die Semana Santa, die Karwoche oder Osterwoche, wird überall im Land mit großen Prozessionen und Feiern begangen. Außerdem sind dies die wichtigsten Ferien, denn die Hitze wird im März/April, also am Ende der langen Trockenzeit, in den Städten schwer erträglich. Wer es sich irgendwie leisten kann, verbringt dann ein oder zwei Wochen am Strand. Der Tag der nationalen Unabhängigkeit wird am 15.September mit großen Umzügen und Festen gefeiert.

Jenseits der Tradition hat die Jugend heute ihre eigene Kultur und Freizeit.

Baseballstar Dennis Martínez 1980. Foto: Wikipedia

In Nicaragua spielt der Sport eine sehr große Rolle. Im Fernsehen und in den Zeitungen gibt es ausführliche Sportberichte. Während die Nachbarländer Costa Rica und Honduras eindeutig dem Fußball anhängen, ist der Volkssport Nicaraguas der amerikanische Baseball. Das bekannteste Idol aus diesem Sport ist Dennis Martínez, der in den Jahren 1985-1998 ein berühmter Star in der American League (USA) und der National League (Kanada) war.

Fußball mag es auch geben, aber das ist eher nebenbei. Der andere populäre Sport ist das Boxen. Der berühmteste Boxer ist der mehrfache Weltmeister Alexis Argüello (1952-2009). Der populäre Argüello (Bilder) wurde noch im November 2008 für die FSLN zum Bürgermeister von Managua gewählt, schied aber im Juli 2009 durch Selbstmord aus dem Leben. Ob das aus rein privaten Gründen geschah oder wegen eines politischen Zerwürfnisses mit dem Präsidentenpaar, ist Gegenstand heftiger Debatten. Im Sommer 2010 wurde von der Regierung Ortega ein Denkmal für Arguello auf der Carretera Masaya errichtet und feierlich eingeweiht, obwohl die Umstände seines Todes weiterhin ungeklärt bleiben. Das Denkmal wird heute von der Zeitung "La Prensa" auf der Liste "häßlicher Bauwerke in Managua" eingestuft.

Musik und Film

Die traditionelle Musik Nicaraguas ist im ganzen Land populär, wenn auch in den städtischen Milieus der Jugendlichen natürlich andere Musik gehört wird. Das geht dann von Punk und Hard Rock über die bekannten tropischen Salsa-Rhythmen oder eigenwilligen Liedermachern bis hin zur kommerziellen Popmusik aus der westlichen Welt. Aus den zahlreichen Kneipen hört man meistens die mexikanischen „Rancheras“.

Marimba-Gruppe. © WÜ

Ein typisch nicaraguanisches Instrument ist die Marimba (eine Art tropisches Xylophon), die in Monimbó (Indianerviertel von Masaya) zuhause ist. Im Gegensatz zu den großen Instrumenten in Mexiko und Guatemala ist hier eine Form der Bauernmarimba gebräuchlich (Marimba de arco), die man auf der Schulter tragen kann. Wenn dann noch als Begleitung ein „Cuatro“ (einfache Gitarre mit 4 Saiten), ein Schlagzeug oder ein paar „Maracas“ zur Hand sind, kann das Spiel beginnen. Alle Lieder sind ursprünglich Tanzstücke. In fast allen Kapellen ist das Akkordeon sehr beliebt. Auf Festen und Demonstrationen hört man oft die „Chicheros“, eine traditionelle Band mit Blechblasinstrumenten.

Carlos und Luis Enrique Mejía Godoy. Bild: www.geotoursnicaragua.com

Die Brüder Mejía Godoy zählen zu den bekanntesten Musikern des Landes: Luis Enrique und sein Bruder Carlos. Beide pflegen keineswegs nur die Nostalgie der Revolutionsjahre, in denen sie eine wirklich überragende Rolle gespielt haben. Viele erinnern sich an die berühmte Aufführung des Liedes "Nicaragua, Nicaraguita" 1983. Sie sind innovative Musiker geblieben und führen ihr politisches und soziales Engagement auch in schwierigen Zeiten fort. Carlos hat bei der Präsidentschaftswahl 2006 für das Amt des Vizepräsidenten auf der Liste des MRS (Movimiento de Renovación Sandinista) kandidiert, was ihm erbitterte Anfeindungen aus der Regierungsriege eingetragen hat. Da er sich außerdem klar für die Protestbewegung seit April 2018 ausgesprochen hat, musste er inzwischen ins Exil nach Costa Rica gehen. Das bekannte Musiklokal der Brüder Mejía Godoy in Managua ist leider bis auf Weiteres geschlossen, da sich die Künstler im Exil befinden.

Eine beliebte Tanzkapelle ist Dimension Costeña. Diese populäre Gruppe aus Bluefields hat viel dazu beigetragen, dass die Atlantikküste auch im Zentrum Nicaraguas mehr ins Bewusstsein gerückt ist. Die Band Perro Zompopo ist international bekannt und schon in Deutschland aufgetreten. Natürlich ist auch die Rockmusik vertreten. Dazu kann man z.B. eine Reportage über die Band "Malos Habitos" ansehen.

Filmplakat von 2009

Nach der Revolution von 1979 wurde in Nicaragua das Nationale Filminstitut INCINE gegründet, und in den folgenden zehn Jahren gab es einige Filmproduktionen mit interessanten Ansätzen. Der kulturelle Kahlschlag der 1990er Jahre ließ diese Ansätze ins Leere laufen. Heute gibt es eine kleine nationale Cinemathek, die nach eigenen Angaben an den Vorgaben der Regierung ausgerichtet ist und sich die Arbeit an der nationalen Identität zum Ziel gesetzt hat.

Im Jahre 2009 ist mit "La Yuma-Die Rebellin" seit langem wieder ein Kinofilm in Nicaragua entstanden. Darin erzählt Florence Jaugey die Geschichte eines Mädchens, das sich als Boxerin einen Weg aus dem Elend und der Bandenkriminalität ihrer Herkunft freikämpfen möchte. Der ungeschönte Sozialrealismus des Films, der ganz auf eine heroische Überhöhung seiner Figur verzichtet, hat in der internationalen Kritik viel Anerkennung gefunden. Die Hauptdarstellerin Alma Blanco gilt als Entdeckung.

Erwähnung verdient auch der Film "La Sirena y el Buzo" (Mexiko/Spanien/Nicaragua 2009). Der Film der Regisseurin Mercedes Moncada Rodríguez wurde an der Atlantikküste Nicaraguas gedreht und erzählt die Wiedergeburt des ertrunkenen Tauchers Sindbad bei den Menschen und seine erneute Rückkehr zur Meerjungfrau. Im Trailer ist zu erkennen, dass die Lebenswelt und Mythologie der Miskito-Indianer dokumentiert wird.

Nicaraguanische Küche

Gallo Pinto mit Kochbanane, Rührei und Toast. Bild: wikipedia.org

Den Nicaraguaner/innen geht, wenn man so sagen darf, nichts über ihre eigene Küche. Ob in Los Angeles, in Berlin, Miami oder in San José: Überall gibt es die Fritanga und das Nacatamal, den Indio Viejo, Tarjadas, Quesillo, Vigorón, Chicharrón, die wunderbare Guirilla, den Baho. Allen voran aber steht des Nicas Leibgericht, das „Gallo Pinto“ (Reis und Bohnen), möglichst noch mit Tortilla; das gibt es zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen.

Mais bestimmt die nationale Küche, und der Einfallsreichtum in der Zubereitung der verschiedensten Gerichte - Süßspeisen, Getränke, Alkoholika, Eintöpfe, Gemüse, etc - ist beeindruckend. Besonders gesund ist die tägliche Kost nicht, denn Vieles ist fettig und kommt aus der Pfanne. Wer es sich leisten kann, isst auch viel Fleisch und Käse. Ein Blick auf die Rezepte zeigt, dass die meisten Gerichte sehr kalorienreich sind (wie ehedem auf dem Land, als man noch hart auf dem Feld arbeiten musste), aber eben auch lecker. Neben den bekannten Standards wie Bistec encebollado (Rindersteak mit Zwiebeln), Maduro (Kochbanane) und Crema (saurer Sahne) gibt es auch ausgesprochene Highlights wie Parilla (Rindfleisch vom Grill), Brocheta (Fleischspieß), Chuleta Caribeña (Kotelett mit Ananas), Meeresfisch, Garnelen in Knoblauchsoße, Ceviche, geschmorten Kürbis mit Hackfleisch usw.  

El Indio Viejo. Gericht aus Maisbrei, Rindfleisch und Gewürzen. Foto: La Voz del Sandinismo. Qué comemos en Nicaragua.

Wer nicht zu Hause isst, besucht gerne eines der Restaurants, die von Touristen besucht werden. Die schönsten muss man aber selbst finden, oder sich empfehlen lassen. Für das tägliche Mittagessen in der Arbeitspause kann man auch in einen „Comedor“ gehen; das ist eine Art Kantine, wo das Essen nur halb so viel kostet und meistens gut und liebevoll gekocht wird. Auch in den Straßenküchen (Fritangas) und im Markt kann man gut essen. Hier finden sich alle tropischen Leckereien, Früchte und Gemüse zu billigen Preisen. Ein kritischer Blick hinter die Kulissen ist aber angebracht, denn manchmal besteht Infektionsgefahr, weil unsauberes Wasser verwendet wird.

Letzteres Risiko gilt natürlich besonders für Getränke, die man auf der Straße kauft. Die Vielfalt der tropischen Obstsorten ist beeindruckend, und aus allen werden Säfte zubereitet (leider in der Regel mit Unmengen Zucker), meist als „Fresco“ bezeichnet. Typisch ist auch der „Raspado“, ein eingedickter Fruchtsaft, der mit zerstoßenem Eis und Wasser aufgefüllt wird. Das Traditionsgetränk der Nicaraguaner, der „Tiste“ (eine Mischung aus Kakao und Süßmais, mit Wasser in einer Kalebasse angerichtet) ist fast verschwunden. Wenn die Geldbörse es erlaubt, wird meistens einfach ein Bier oder eine Cola bestellt.

In jedem Falle muss der nicaraguanische Rum (Flor de Caña) gerühmt werden. Wenn man abends auf der Terasse oder vor der Haustür mit den Nachbarn plaudert und die Tageshitze nachgelassen hat, schmeckt er mit Limone, Eis und evtl. Cola (oder im Cocktail) einfach gut. 

Das Länderinformationsportal

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im September 2020 aktualisiert.

Autor

Volker Wünderich, Privatdozent am Historischen Seminar der Leibniz-Universität Hannover, ist seit langem mit Nicaragua und Zentralamerika eng verbunden.

Publikationen: Sandino, Eine politische Biographie (Peter Hammer Verlag 1995; Spanisch Managua, 2.Aufl.2010); Mitherausgeber/Autor von: Mosquitia, die andere Hälfte Nicaraguas (Junius Verlag 1987); Zentralamerika heute (Vervuert Verlag 2008); Kaffeewelten. Historische Perspektiven auf eine globale Ware im 20.Jahrhundert (V&R unipress 2015).

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