Bruttoinlandsprodukt
13,2 Mrd. US-$ [2016]
Pro-Kopf-Einkommen
2.090 US-$
menschliche Entwicklung (HDI)
Rang 124 (von 188) [2016]
Anteil Armut
39,0 % (2014 FIDEG)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
82,8% (HDR 2016)

Wirtschaft

Grundlegende Probleme

Die Wirtschaft Nicaraguas ist aus dem tiefen Tal der 1990er Jahre heraus. Nach dem Krisenjahr 2009 hat sie ab 2010 ein kräftiges Wachstum mit 4-5% pro Jahr aufzuweisen gehabt. 2015 wuchs das BIP inflationsbereinigt um 4,9%, 2016 um 4,7%, und für 2017 wird mit 4,5% gerechnet. Inzwischen wird das Wachstum auch nicht mehr von der Bevölkerungszunahme aufgezehrt; das BIP pro Kopf wuchs 2015 um 6,2% und 2016 um 2,7%. Die Armutsindikatoren haben sich in den letzten Jahren zwar verbessert, aber Nicaragua bleibt dennoch eines der ärmsten Länder in Lateinamerika.

Die Erwirtschaftung des Bruttoinlandsproduktes teilt sich in folgende Wirtschaftssektoren auf: Landwirtschaft: 17%; Bergbau 3%; Handwerk und Industrie: 25%; Dienstleistung: 55%. Der Anteil der Landwirtschaft ist der höchste in Zentralamerika. Nicaragua ist seit der Kolonialzeit ein Agrarland, und das ist es bis heute geblieben. Die wichtigsten Exportprodukte sind: Rindfleisch, Kaffee, Milchprodukte, Zucker, Erdnüsse, Bohnen, Langusten und Krabben (Reihenfolge nach Höhe der Exporterlöse 2016). Eine Ausnahme macht nur die Ausfuhr von Gold, die wegen des hohen Weltmarktpreises 2013 erstmals den ersten Rang vor Rindfleisch und Kaffee einnahm, im Jahr 2016 aber wieder auf dem dritten Rang lag. Die ausgesprochen schwache industrielle Basis der Wirtschaft wird nur durch die dynamische Entwicklung der Freihandelszonen ergänzt, in denen vor allem Textilprodukte und Autoteile für den Export hergestellt werden. Diese Industrie basiert aber auf importierten Zwischenprodukten und ist mit der nationalen Wirtschaft lediglich durch die Inanspruchname billiger Arbeitskraft verbunden. Die Wirtschaft ist insgesamt zu wenig produktiv, und dies gilt besonders für den Agrarsektor. Die unzureichende Kapazität der Landwirtschaft macht z.B. immer wieder die Importe von Nahrungsmitteln notwendig. Im Hinblick auf die Arbeitsproduktivität nimmt Nicaragua mit weitem Abstand den letzten Platz unter den Ländern Zentralamerikas ein. 

Die gute Konjunktur der letzten Jahre ist auf die Ausweitung der Exporte (Erschließung neuer Märkte in den zentralamerikanischen Nachbarländern und in Venezuela) sowie auf die zeitweise hohen Weltmarktpreise für die Ausführgüter zurückzuführen. Auch ist ein erheblicher Zustrom von ausländischen Direktinvestitionen zu verzeichnen, die in den Kommunikations-, Tourismus- und Bergbausektor geflossen sind. Größere Projekte mit ausländischer Beteiligung stehen in der Energieerzeugung an. In gewissen Grenzen konnte auch die Binnennachfrage ausgeweitet werden, wozu die Ausweitung der Beschäftigung und die Sozialprogramme der Regierung beigetragen haben.

Die entscheidenden Strukturdefizite sind jedoch erhalten geblieben: Das riesige Loch in der Handelsbilanz (laut IMF 2015: -2,5 Mrd.US$, 2016: -2,6 Mrd.US$) kann nur mühsam durch die Geldüberweisungen der Migranten im Ausland, die Zuflüsse aus der externen Kooperation und die Einnahmen aus dem Tourismus ausgeglichen werden. Auch danach ist ein jährliches Leistungsbilanzdefizit in Höhe von 7-8% des BIP die Folge. Der Staatshaushalt ist defizitär und auf Schenkungen und Zuwendungen aus der FZ und EZ angewiesen. Die Unterfinanzierung des Staates bringt weiterhin dramatische Rückstände im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in der wirtschaftlichen Infrastruktur des Landes mit sich. Erhebliche Risiken für die zukünftige Entwicklung stellen die wachsenden Umweltschäden (Entwaldung, Raubbau an den natürlichen Ressourcen, Kontaminierung durch die Bergbaukonjunktur) und die spürbaren Auswirkungen des Klimawandels dar.

Angepasste Technologie im Transportwesen 2010. © WÜ

Daten und Fakten

Einen zusammenfassenden Überblick über die wirtschaftliche Situation Nicaraguas, inklusive Informationen zu Handel und Austausch mit der BRD, bietet die entsprechende Seite des Auswärtigen Amtes. Daten zu den Lebensbedingungen der Bevölkerung bietet auch die Nicaragua-Seite von UNICEF.

Die entsprechenden Seiten der Zentralbank von Nicaragua enthalten die relevanten Zahlenwerke zur volkswirtschaftlichen Situation, zu Exportprodukten und Importen, zu Dienstleistung, informeller Schattenwirtschaft und Agrarproduktion; hier kann man auch die Broschüre Nicaragua en Cifras (2016), das Statistische Jahrbuch 2016 und den Jahresbericht 2016 finden. Einen Überblick über die Zuwendungen aus der EZ und FZ gibt der Bericht zur offiziellen Kooperation 2016. Die Art.IV Konsultation des IMF vom Mai 2017 gibt eine Einschätzung der finanziellen und wirtschaftlichen Situation des Landes. Die Seiten des Wirtschaftsministeriums, der Devisenbörse, der Interamerikanischen Entwicklungsbank und der Weltbank sind ebenfalls hilfreich.

Problem Armut

Frühmorgens in Managua, Foto: Cordelia Dilg.

Nach Angaben der unabhängigen und angesehenen Stiftung FIDEG hat es von 2005 bis 2009 eine erste Reduzierung des Anteils der Armen und extrem Armen in Nicaragua gegeben. Danach ging der Anteil der Menschen in Armut von 48,3% (2005) auf 44,7% (2009) der Bevölkerung zurück, der Anteil von extrem Armen im selben Zeitraum sogar von 17,2% auf 9,7%. In weiteren Studien hat FIDEG festgestellt, dass sich der Rückgang der Armut seither fortgesetzt hat. Nach der letzten Veröffentlichung lag der Anteil der Armen 2015 bei 39,0%, der Anteil extrem Armer bei 7,6%. Auf dem Land ist das Problem schon immer dramatischer als in der Stadt gewesen und hier sehen die Zahlen entsprechend schlechter aus: 2015 waren von 100 Menschen auf dem Land 58,8 arm und 14,4 extrem arm.

Das staatliche Statistikinstitut INIDE hat unterdessen eigene Erhebungen durchgeführt und kommt zu anderen Ergebnissen als FIDEG. Danach ging die Armut von 42,5% (2009) auf 29,6% (2014) und 24,9% (2016) zurück. Der Prozentsatz der extrem Armen reduzierte sich gleichzeitig von 14,6% (2009) auf 8,3% (2014) und 6,9% (2016).

Obwohl FIDEG und INIDE denselben Ansatz bei der Erfassung der Armut haben (Messgrundlage: Kalorienkonsum und familiärer Verbrauch), fallen die Differenzen schon sehr ins Auge. Methodisch erklären sie sich u.a. daraus, dass FIDEG die Armutsgrenze bei 2,40$/Tag ansetzt, das INIDE aber erst von Armut spricht, wenn nicht mehr als 1,71$/Tag zur Verfügung stehen; dementsprechend gelangt es zu niedrigeren Zahlen. Die politische Brisanz der Armutszahlen liegt auf der Hand, und die Politik hat natürlich ein Interesse an niedrigen Zahlen. Das wurde am 3.August dieses Jahres deutlich, als FIDEG seine neuen Zahlen für 2016 bekannt geben wollte, die Präsentation seines Berichtes aber auf unbestimmte Zeit verschieben musste. Nach einem Bericht des Magazins "Confidencial" war der Hintergrund, dass FIDEG für 2016 einen Wiederanstieg der Armut bekanntgeben wollte und die Regierung massiv intervenierte, um das zu verhindern.  

Die unabhängigen Experten im Land haben den allmählichen Rückgang der Armut gegenüber den verheerenden Zahlen aus den 1990er Jahren anerkannt, und auch der IMF spricht einem "deutlichen Rückgang. Viele Beobachter haben aber immer wieder darauf hingewiesen, dass die Grundlagen der überwiegend positiven Entwicklung seit 2009 unsicher und teilweise konjunktureller Art sind (hohe Exportpreise; Zuwachs der "Remesas", die inzwischen 25% der Haushalte in Nicaragua erreichen; "demografischer Bonus" durch den Eintritt besonders vieler Jugendlicher ins Berufsleben etc.). Auch die Weltbank hat gerade noch einmal auf den Ernst der Lage hingewiesen. Selbst wenn die offizielle Zahl von 30% Armut stimmt und nicht in Wirklichkeit noch höher ist, heißt das, dass 1,7 Mio. Einwohner im Land dauerhaft schlimme Not leiden. In jedem Fall bleibt festzuhalten, dass die Verletztlichkeit der Bevölkerung sehr hoch geblieben ist. Das ist allein schon an dem weiterhin dramatischen Ausmaß der Armut auf dem Land zu erkennen.

Auf der Liste des Human Development Index HDI (2016) rangiert Nicaragua auf der miserablen Position 124 (von insgesamt 188 untersuchten Ländern) und landet im zentralamerikanischen Vergleich knapp vor Guatemala und Honduras. Nach Angaben von UNICEF leiden 22% aller nicaraguanischen Kinder unter chronischer Mangelernährung. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich nicht nur Hunger und Verzweiflung; man muss weiterhin von einer dramatischen Lähmung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung sprechen.

Ende der 90er Jahre, also nach zehn Jahren neoliberaler Transformation, wies Nicaragua eine extrem ungleiche Einkommensverteilung auf. Der Gini-Index wurde für 1998 mit 0,603 angegeben (Skala zwischen 0= Gleichverteilung und 1=größte denkbare Ungleichverteilung). Die Dramatik dieser Tendenz hat sich inzwischen aber abgeschwächt. Der Gini-Index für das Jahr 2014 beträgt jetzt 0,471 und hat damit ein Niveau, das mit den anderen Ländern der Region vergleichbar ist.

Finanzielle und wirtschaftliche Lage

Nicaragua hat an der internationalen Initiative für die besonders hochverschuldeten Länder (HIPC) teilgenommen, die 1996 von der Weltbank und den G7-Staaten in Gang gesetzt wurde. Die ehemalige Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul ergriff damals zusätzlich die Intiative, und die Bundesrepublik Deutschland leistete einen erheblichen Beitrag im internationalen Rahmen. Die damalige Regierung von Präsident Bolaños setzte viel daran, die zahlreichen Auflagen des HIPC-Prozesses zu erfüllen, und schließlich wurde dem Land 2004 die (für ein so kleines Land) riesige Summe von rund 2,5 Mrd. US-Dollar erlassen. Die HIPC-Initiative wurde von der Durchführung eines Armutsbekämpfungsprogramms abhängig gemacht. Heute kann man einen sichtbaren Rückgang der Armut feststellen, wobei offen bleibt, ob die Ursachen dieser erfreulichen Entwicklung struktureller oder nur konjunktureller Art sind (s.o. "Problem Armut).

Die öffentliche Auslandsschuld stellte sich 2016 nach Angaben der Zentralbank auf 5,0 Mrd. US$. Das entsprach 38,2% des BIP. Der jährliche Schuldendienst an ausländische Gläubiger lag bei 3,8% des Exportwertes. Er hat sich damit auf ein erträgliches Niveau reduziert, wobei allerdings weiterhin sehr hohe Aufwendungen für die interne Verschuldung des Staates zu Buche schlagen. Die finanzielle Konsolidierung hat auch insofern eine Anerkennung erfahren, als die Ratingagentur Moody´s die Bonität der nicaraguanischen Staatsanleihen von B3 auf B2 heraufgestuft hat.

Die hohe Weltmarktabhängigkeit Nicaraguas sowohl auf der Export- als auch auf der Importseite bringt erhebliche Risiken mit sich. Die Wirtschaftskonjunktur der letzten Jahre wurde durch günstige Faktoren ermöglicht, die sich inzwischen verschlechtert haben. So hat sich der Fall der Weltmarktpreise für Ausfuhrgüter 2015 bereits im Rückgang der Exporterlöse niedergeschlagen, und diese Tendenz hat sich 2016 fortgesetzt. Mit der Staats- und Wirtschaftskrise in Venezuela werden die wichtigen Finanzhilfen und Sonderzuwendungen aus diesem Land weiter zurückgehen oder ganz ausbleiben. Außerdem ist die Bedeutung Venezuelas als Markt für nicaraguanische Nahrungsmittel in Frage gestellt. Eine konjunkturelle Entlastung hat zwei Jahre lang der Fall des internationalen Ölpreises bedeutet. Die Ausgaben für den Import von Erdöl und Treibstoffen reduzierten sich von 1,1 Mrd. (2014) auf 775 Mio.US$ (2015) und noch einmal auf 690 Mio.US$ (2016). Diese Tendenz dürfte sich jetzt umkehren, denn im 2.Halbjahr 2016 begann der Ölpreis wieder nach oben zu gehen. Um die Erdölrechnung dauerhaft zu reduzieren, soll der Einsatz von Wasser- und Windkraft sowie Geothermie in der Energieerzeugung ausgebaut werden.

Die Nicaraguaner sind traditionell an eine Geldentwertung von 5-10% im Jahr gewöhnt. Die jährliche Inflationrate lag 2015 aber bei 3,05% und nahm 2016 nur geringfügig auf 3,13% zu. Der augenblickliche Tiefstand ist auf die bekannten Sonderbedingungen auf dem internationalen Kapitalmarkt sowie auf den Verfall des Ölpreises zurückzuführen. Der Anstieg der Preise vollzieht sich also in einem kontrollierten und einigermaßen erträglichen Rahmen, wobei allerdings Nahrungsmittel für den nationalen Konsum durch Dürreperioden und Produktionskrisen in den letzten Jahren empfindlich teurer geworden sind.

CAFTA und ALBA

Im Oktober 2005 verabschiedete das Parlament in Managua mit 49 zu 37 Stimmen den CAFTA-Vertrag, der 2006 in Kraft trat. Nach nur einem Jahr Verhandlungen war der Vertrag mit den USA und den anderen mittelamerikanischen Staaten zur Bildung einer Freihandelszone CAFTA nach dem Vorbild des NAFTA (Freihandelsabkommen zwischen Mexiko, USA und Kanada) zustandegekommen. Ende 2004 wurde die Dominikanische Republik in das Abkommen integriert.

CAFTA steht nicht nur für den Abbau von Zöllen, Einfuhrsteuern und anderen Handelshemmnissen. CAFTA sichert die Geschäfte der multinationalen Konzerne rechtlich ab und bedroht alle Produktionsbereiche in Nicaragua, die international nicht konkurrenzfähig sind, insbesondere die Agrarproduktion für den Binnenmarkt. CAFTA zielt auf die weitere Privatisierung profitabler Wirtschaftssektoren und wird auch den Zugriff auf das öffentliche Beschaffungswesen erlauben. In der Auseinandersetzung um die Privatisierung öffentlicher Güter (Wasser, Strom, Gesundheit, Bildung) macht CAFTA z.B. die internationale Ausschreibung von Dienstleistungen verpflichtend. Die Konsequenzen eines solchen Globalisierungsschubes mussten erhebliche Besorgnisse auslösen.

Die grundsätzliche Kritik ließ nicht auf sich warten. Die Zeitschrift Envío veröffentlichte z.B. Einschätzungen aus nicaraguanischer Sicht. Dennoch blieben die öffentlichen Proteste in Nicaragua weitgehend aus, ganz im Gegensatz zum Nachbarland Costa Rica, wo eine breite Protestbewegung die Durchführung eines Volksentscheids erzwang (2007) und den Beitritt zu CAFTA beinahe verhindert hätte. In Nicaragua war auffällig, dass sich die FSLN bei diesem Thema zurückhielt. Die sandinistischen Parlamentsabgeordneten (damals in der Opposition) stimmten zwar nicht für den Vertrag, ermöglichten mit ihrer Enthaltung aber dessen Annahme auf indirektem Wege. Diese Zurückhaltung hat Präsident Ortega nach seinem Amtsantritt fortgesetzt. Die laufende Umsetzung von CAFTA wird nicht behindert und nicht kommentiert.

Die Schlagzeilen beherrschte lange dagegen ALBA, die erklärte Alternative zu CAFTA. ALBA ist eine „Bolivarianische Allianz“, die zunächst von Venezuela und Kuba gegründet wurde. Inzwischen sind ihr Bolivien, Nicaragua, Honduras, Ecuador und eine ganze Reihe von Karibikstaaten beigetreten. Die Allianz ALBA verbindet mit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit auch politische und soziale Ziele und möchte ein "alternatives Integrationsmodell" für ganz Lateinamerika in Gang setzen. Sie will „nicht nur Märkte, sondern Völker verbinden“. In jedem Falle wurden weittragende Hoffnungen mit ALBA verbunden, die sich nur zum geringen Teil realisiert haben. Das liegt u.a. am Ölpreisverfall und der Wirtschaftskrise in Venezuela seit 2014. Da die Allianz fest mit dem Chavismus und der Maduro-Regierung identifiziert ist, stellt sich darüber hinaus die Frage, ob ALBA die momentane politische Krise in Venezuela überhaupt überleben wird.

Freihandelszonen ("Maquila")

Näherei in einer Maquila-Fabrik, Foto: Asamblea Nacional <asamblea.gob.ni>

Der Sektor der Weltmarktfabriken in Nicaragua (sogenannte „Maquilas“) hat in den letzten Jahren eine dynamische Entwicklung genommen. Heute sind  hier 176 Firmen in besonderen Industrieparks tätig, die inzwischen 112.000 Menschen beschäftigen und 2016 Waren und Dienstleistungen im Wert von 2,61 Mrd.US$ exportierten (2015: 2,48 Mio.US$). Der Wert der Ausfuhren aus der Maquila überstieg damit zum ersten Mal den regulären nationalen Export. In den Fabriken, die in Nicaragua liegen, aber nicht zum nationalen Zollgebiet gehören, arbeiten zu 52% Frauen. Die Regierungen Alemán und Bolaños haben viele Jahre lang auf die Maquila-Produktion gesetzt und ideale Bedingungen für die Bekleidungsindustrie aus Asien und USA geschaffen. Die Dynamik hat sich unter der Präsidentschaft Ortegas fortgesetzt. Hier werden hauptsächlich Textilien für den Markt in den USA gefertigt; nach und nach sind Autozubehör (für die Industrie in Mexiko), Tabak, Fischprodukte und Kartonagen hinzugekommen.

Minimale Steuerbelastung, diktatoriale Arbeitsregimes und billige Arbeitslöhne zeichnen den Sektor aus. Zwar entstehen der Regierung keine Steuereinkünfte über die Produktion oder Ausfuhr von Waren, sie profitiert aber indirekt von der steigenden Anzahl von Arbeitsplätzen und den Gehältern der Arbeiterinnen. Die staatliche Corporación de Zonas Francas de Nicaragua ist verantwortlich für das Funktionieren der Freihandelszonen und für steuer- und arbeitsrechtliche Fragen. Die Organisation der Arbeitskräfte geschieht unter erschwerten Verhältnissen, ist aber in den letzten Jahren durchaus vorangekommen. In der Wirtschaftskrise von 2008/2009 ist der befürchtete Verlust von Arbeitsplätzen ausgeblieben. Stattdessen wurde eine Form von Tarifpartnerschaft zwischen Gewerkschaften, Unternehmen und Regierung begründet ("dialogo tripartito"). Die Vertreter der offiziellen Gewerkschaften (CST=Central Sandinista de Trabajo und FNT=Frente Nacional de los Trabajadores) behaupten, dass seitdem Fortschritte bei der Einführung des Mindestlohns, beim Arbeitsschutz und in der Versicherung der ArbeiterInnen erzielt wurden.

Migration

Logo/Fotos der Organisation NicasMigrante auf <nicasmigrante.jimdo.com>.

Nicaragua ist seit den 1980er Jahren ein Auswanderungsland in großem Stile geworden. Zielländer der Migration sind vor allem Costa Rica und die USA. Die Zahl der Nicaraguaner, die dauerhaft in Costa Rica leben, wird auf ca. 500.000 geschätzt. Es besteht kein Zweifel, dass die große Mehrheit von ihnen aus wirtschaftlicher Not ihr Land verlassen. Die Frauen arbeiten häufig als Hausangestellte, die Männer in den Bananenplantagen, auf dem Bau oder im Dienstleistungsbereich. Das große Kontingent derer, die jedes Jahr mit einer Sondererlaubnis zur Kaffeeernte die Grenze überschreiten und als Pflücker arbeiten, ist in diese Zahl noch nicht eingerechnet. Obwohl sich die Akzeptanz der „nicas“ in Costa Rica in den letzten Jahren verbessert hat, sind sie im Nachbarland weiterhin vielen Formen von Diskriminierung ausgesetzt.

Die Zahl der Nicaraguaner, die legal und dauerhaft in den USA leben, wird mit 350.000 angegeben. Zusammen mit den Migranten ohne Dokumente liegt ihre Zahl aber eher bei 500.000. Die meisten von ihnen leben in den Staaten Florida und Kalifornien. Weitere wichtige Auswanderungsziele sind Spanien und seit den letzten Jahren auch Panama.

Nach Angaben der Internation Organization for Migration (IOM) leben aktuell 683.000 Nicaraguaner im Ausland. Das entspricht 9,5% der Bevölkerung. Tatsächlich dürfte der Prozentsatz höher liegen. Nach Angaben der Organisation "Red de Emigrantes" haben zwischen 1,2 und 1,5 Mio. Nicaraguaner ihr Land verlassen. In jedem Falle ist die Auswanderung ein soziales Thema von größter Bedeutung geworden. Nach einer Umfrage von "M&R Consultores" im April 2013 würden nicht weniger als 54% aller Nicaraguaner auswandern, wenn sie könnten. Die Geldüberweisungen ihrer Verwandten im Ausland erreichen inzwischen 25% aller nicaraguanischen Haushalte (2015). Eine neue Studie der Organisation "NicasMigrante" hat die große Bedeutung der Geldsendungen aus dem Ausland wieder nachgewiesen. Einerseits sind viele auf diese Überweisungen angewiesen, andererseits werden viele Familien auf unabsehbare Zeit auseinandergerissen. Besonders dramatisch ist das Schicksal der kleinen Kinder, die von ihren Müttern notgedrungen zurückgelassen werden, häufig in der Obhut der Großmutter. Im Oktober 2015 wurde vom Servicio Jesuita de Migrantes eine Studie vorgestellt, die die Auswanderung von Nicaraguanern aus bestimmten Dörfern auf die lokalen Auswirkungen des Klimawandels zurückführt.

Es überrascht immer wieder, dass sich die Regierungen Zentralamerikas mit der Massenmigration aus ihren Ländern abgefunden haben. Sie kümmern sich zwar auf diplomatischer Ebene um die Situation der Auswanderer in den Zielländern, aber sie entwickeln keine Perspektiven, um die Abwanderung zu stoppen oder gar die Rückkehr ihrer Landsleute zu ermöglichen. Die Regierung Ortega macht hier keine Ausnahme.

Eine Erklärung dafür ist die überragende Bedeutung der Geldüberweisungen („remesas“) aus dem Ausland für die Volkswirtschaft. Nach Angaben der Zentralbank beliefen sich die Remesas im Jahre 2016 auf insgesamt 1264,1 Mio.US$. Das entspricht einer Steigerung von 5,9% gegenüber dem Vorjahr. Laut einer Pressemitteilung der Zentralbank dürften die Überweisungen im Jahr 2017 sogar noch stärker zunehmen (1.Halbjahr: + 9,1%). Seit 2011 (911 Mio.US$) sind die Überweisungen kontinuierlich angestiegen. Der größte Teil stammt aus den USA (56%), der zweitwichtigste Teil aus Costa Rica (21%); von wachsender Bedeutung sind auch Spanien (8%) und Panama (6%). Die „remesas“ sind ein unverzichtbarer Beitrag zum Ausgleich der defizitären Leistungsbilanz von Nicaragua. Man kann darum sagen, dass die Arbeitskraft der Migranten ein besonders wertvolles Exportgut des Landes ist.

Tourismus

Im Hafen von San Juan del Sur, Foto: Paul Hofmann

Im Vergleich zu den großen Reiseströmen nach Costa Rica und Guatemala steckt der Tourismus in Nicaragua noch in den Anfängen. Er hat aber bedeutende Fortschritte gemacht, und die früher sehr bescheidene Infrastruktur hat sich verbessert. Die Städte Granada, Masaya und León, die Hafenstadt San Juan del Sur und die Insel Ometepe im Großen Nicaraguasee sind heute beliebte Reiseziele. In Bezug auf Sicherheit und Lebensqualität erhält Nicaraga regelmäßig Bestnoten in den internationalen Umfragen und Medien.

Im Jahr 2016 wurden in Nicaragua 1,59 Mio. ausländische Besucher registriert (Statistik INTUR). Die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus beliefen sich auf 642,1 Mio. US$, was gegenüber dem Vorjahr 2015 (528,6 Mio.) eine Steigerung um 21,5% bedeutete. Seit dem leichten Einbruch im Jahre 2010 hat sich der Tourismus sehr dynamisch entwickelt. Trotz der insgesamt guten Zahlen bleibt aber festzuhalten, dass Nicaragua im Hinblick auf die Einnahmen das Schlusslicht unter den Ländern der Region bildet, nur das kleine Belice hat geringere Erlöse. Das Potential dieses Wirtschaftszweiges ist jedenfalls noch lange nicht ausgeschöpft, und die volkswirtschaftliche Bedeutung ist nach einer Übersicht der Zentralbank erheblich.

Die meisten Ferntouristen kamen 2016 aus Nordamerika (23,0%). Aus Europa kamen 6,7% aller Besucher, wobei die Herkunftsländer Deutschland (18.000), Großbritannien (17.000) und Spanien (13.000) besonders hervorzuheben sind.

Man kann allerdings nur hoffen, dass Projekte des sanften Tourismus in Abstimmung mit dem Naturschutz entwickelt werden. Die Zerstörung der Strände und Landschaften durch Großprojekte hat bereits begonnen. Vielfältige Initiativen im NRO-Bereich versuchen, die Entwicklung von nachhaltigen und kommunitären Tourismusprojekten zu fördern, z.B. Venive (Spanien).

Die üblichen Informationen bietet die Internetseite von INTUR. Mit dem Lied "Nicaragua Mía" präsentiert sich das Land von seiner Schokoladenseite. Offizielle Tourismuswerbung finden Sie auf der Besucherseite "Visita Nicaragua" und eine Galerie schöner Fotos im Nicaraguaportal.

Umweltfragen/Biodiversität

Baumfällarbeiten. Foto: CENIDH

Nicaragua liegt auf dem Isthmus zwischen Nord- und Südamerika und ist darum seit Urzeiten ein Ort der Begegnung vieler Pflanzen- und Tierarten aus dem Norden und dem Süden. Die Biodiversität im Land ist -selbst im Vergleich zu anderen mittelamerikanischen Ländern- sehr hoch. Die ökologischen und sozialen Veränderungen in Nicaragua bringen aber eine dramatische Verschlechterung der Umweltsituation mit sich. Nur noch 26 % des Landes sind formal als Wald ausgewiesen. Nach Zahlen des MARENA und des Centro Humboldt ist die Waldfläche bereits von 7,23 Mio.ha (1980) auf 2,20 Mio.ha (2011) zurückgegangen. Nachdem das Voranschreiten der Siedlungsgrenze von der Pazifikseite her den Wald im zentralen Bergland hat verschwinden lassen, nimmt der Raubbau am Regenwald in der Atlantikregion weiter seinen Lauf.

Die "Reserva de la Biosfera Bosawás" an der Atlantikküste ist mit 20.000 km² das größte Naturschutzgebiet Zentralamerikas. Doch auch hier schreitet die Waldzerstörung und die illegale Ausbeute von Edelhölzern schnell voran. Die Korruption der militärischen und zivilen Behörden wird von den Dörfern der Mayagna-Indianer vergeblich angeprangert. Kürzlich wurde bekannt, dass auch die Firma "ALBA Forestal" (Teil der Albanisa-Gesellschaft, die die Regierung mit den venezolanischen Hilfsgeldern betreibt) in den lukrativen Holzraub verwickelt ist. Mitte Juli dieses Jahres zeichneten Umweltexperten auf einer Konferenz in der Katholischen Universität UCA ein düsteres Bild von der Lage in Bosawás. Demnach ist der Wald in der Kernzone bereits zu 30%, im Umland sogar zu 70% zerstört. Der bekannte Geograph Jaime Incer schätzte, dass "Bosowás in 15 Jahren, wenn nicht schon eher, ganz verschwunden sein wird", und mit ihm das einzigartige und für Zentralamerika so wichtige Ökosystem.

Der natürliche Wasserreichtum des Landes verhindert nicht die jahreszeitlich bedingte Knappheit von Wasser für Mensch und Landwirtschaft. Die Verschmutzung der Oberflächengewässer ist kaum aufzuhalten, und jetzt muss sogar Alarm für den Großen Nicaraguasee geschlagen werden. Die Pläne der Regierung für den Bau des Großen Kanals haben Umweltschützer alarmiert. Sie sprechen davon, dass für den Nicaraguasee und die Ökosysteme der Atlantikküste die schlimmsten Folgen zu befürchten sind.

Nicaragua ist ein Agrarland, und die Gesellschaft ist von der Tradition des Landbaus und der Viehwirtschaft geprägt. Aus der unten abgebildeten Karte der FAO geht allerdings hervor, dass beinahe die gesamte Agrarfläche von einer „gravierenden Verschlechterung“ der Bodenqualität betroffen ist. Diese alarmierende Entwicklung geht auf die Intensivierung der Exportproduktion, die Entwaldung und den verbreiteten Raubbau zurück. Es ist zu befürchten, dass sich die Situation in der Folge des Freihandelsabkommens CAFTA verschärfen wird, denn der Exportdruck wird zunehmen, und der kleinbäuerliche, eher umweltfreundliche Anbau von Grundnahrungsmitteln wird durch die ausländische Konkurrenz weiter unter Druck geraten.

Die Verschlechterung der Böden, eine Folge der intensiven Landwirtschaft und der Entwaldung, hat in Nicaragua alarmierende Ausmaße angenommen. Quelle: FAO

Die Politik in Nicaragua bekennt sich offiziell zum Ziel der Nachhaltigkeit, und eine Fläche von 21% des Landes ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Die Tatsachen sprechen aber eine andere Sprache. Der Umweltexperte Victor Campos vom Centro Humboldt (Managua) kritisierte kürzlich in der Fernsehsendung "Esta Noche", dass die Regierung von Nicaragua das Pariser Klimaschutzabkommen nicht unterzeichnet hat. Sie habe sich damit diplomatisch isoliert und befinde sich in der merkwürdigen Gesellschaft der Kritiker des Abkommens wie Syriens Staatschef Assad und US-Präsident Donald Trump. Sie werde darüber hinaus weder moralisch noch politisch in der Lage sein, Gelder aus dem neu aufgelegten Fonds für die Anpassung an den Klimawandel ab 2020 in Anspruch zu nehmen. In diesem Zusammenhang kritisierte Campos auch, dass die Entwaldung in Nicaragua im Rhythmus von 6% im Jahr fortschreite und dass die Anstrengungen, den Urwald von Bosawás noch zu retten, völlig unzureichend seien. Der Experte Salvador Montenegro wies außerdem auf die zunehmende Wasserknappheit im Land hin. Die Wassermenge, die pro Kopf rechnerisch zur Verfügung stehe, habe wegen der Umweltdegradation und wegen des Klimawandels in den vergangenen 22 Jahren um 30% abgenommen.

Informationen über Umweltprojekte geben die Interamerikanischen Enwicklungsbank und die UN-Organisation für nachhaltige Entwicklung. Von dem Schwung, mit dem 1997 der „Mesoamerikanische Biologische Korridor“ gegründet wurde, ist heute nichts übriggeblieben. Gerade in dem traumhaft schönen Naturschutzgebiet „Reserva Indio Maíz“ am Río San Juan, einem zentralen Teilstück des Korridors, geht die Umweltzerstörung weiter, und es spielt sich ein dramatisches Ringen um die Formen der Nutzung ab. Für seine Intitiativen auf dem Gebiet nachhaltiger Energien (thermische Wärmenutzung und Windkraft) ist Nicaragua dagegen kürzlich vom World Wildlife Fund hervorgehoben und unter die "Green Energy Leaders" aufgenommen worden.

Entwicklungszusammenarbeit (EZ) und Solidarität

Nicaragua ist stark von der Entwicklungszusammenarbeit der internationalen Gemeinschaft abhängig. Besonders wichtige Geber sind traditionell die Weltbank, die Interamerikanische Entwicklungsbank und USAID. Von einer Vielzahl internationaler Organsiationen und Institutionen, die in Nicaragua präsent sind, seien hier folgende genannt: Das World Food Programme, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP, die Food and Agriculture Organization FAO und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.

Seit 2008 ist das Verhältnis zwischen der Regierung Ortega und der internationalen Gebergemeinschaft mit grundsätzlichen Konflikten belastet. Die Gründe dafür liegen vor allem darin, dass die Mittelvergabe in der EZ an die Prinzipien der Demokratie und guten Regierungsführung gebunden ist, und der Umgang der Regierung mit der zivilen Opposition, die parteiliche Durchführung von Wahlen, die Verletzung der Gewaltenteilung etc. hat immer wieder Anlass zur Kritik gegeben. Spürbare Belastungen ergaben sich naturgemäß aus der zweimaligen Wiederwahl von Präsident Ortega 2011 und 2016. Die FSLN verletzte damit die Verfassung, die Rechte der Opposition und die Unabhängigkeit der Justiz. Inzwischen haben eine Reihe von Geldgebern, darunter Dänemark, Schweden, Großbritannien und Finnland, die bilaterale EZ ganz eingestellt.

Die Regierung Ortega hat sich davon wenig beeindrucken lassen. Sie hat ein insgesamt gutes Verhältnis zu den multilateralen Geldgebern aufrechterhalten und konnte lange Verluste in der Kooperation einzelner Länder mit den hohen Finanzzuflüssen aus Venezuela ausgleichen. Das Ende der Sonderrolle Venezuelas ist aber jetzt an ihr Ende gekommen, und es wird für Nicaragua eng werden. Trumps Pläne, die US-Entwicklungshilfe drastisch zu kürzen, dürften sich auch Managua auswirken. In Washington droht außerdem die Verabschiedung des sogenannten NICA-Act. Danach wird die Gewährung bi- und multilateraler Entwicklungsgelder an die Beachtung der Menschenrechte, Korruptionsbekämpfung und demokratischer Standards gebunden. Die Gesetzesinitiative, die sowohl von republikanischen als auch demokratischen Politikern ausgeht, wurde jetzt vom Subkommitee für hemisphärischen Angelegenheiten des Repräsentantenhauses verabschiedet und nimmt ihren Weg im Kongress. Sie wird von Managua aus mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt.

Nach Angaben der Zentralbank erhielt Nicaragua 2016 Zuwendungen aus der externen Entwicklungszusammenarbeit in einer Gesamthöhe von 903,5 Mio.US$. Das bedeutet einen Rückgang um 19% gegenüber dem Vorjahr (2015: 1,11 Mrd. US$). Von den Zuwendungen gingen 570,1 Mio.US$ (=63%) in den öffentlichen und 333,4 Mio. (=37%) in den privaten Sektor. Der traditionell hohe Anteil von Schenkungen holte gegenüber der Kreditvergabe wieder auf. Außerdem gingen die Zuwendungen aus der bilateralen EZ weiter zurück, was das relative Gewicht der multilateralen EZ weiter verstärkte. Die Zuflüsse aus Venezuela, die 2012 bei 766 Mio.US$ und 2015 noch bei 381 Mio.US$ gelegen hatten, erreichten 2016 nur noch den Tiefststand von 92,8 Mio.US$. Der Beitrag der Europäischen Union zur offiziellen EZ belief sich auf insgesamt 52,6 Mio.US$. Die bilaterale EZ der USA betrug nicht mehr als 41,2 Mio.US$.

Deutsche Entwicklungszusammenarbeit

Neusiedler-Projekt La Palmerita. Foto: Medico International (2008)

Die Bundesregierung kann zurecht behaupten, dass Deutschland an der Entschuldung im Rahmen der HIPC-Initiative 2004 mit einem bedeutenden Beitrag beteiligt war. Es hat Nicaragua Schulden und Rückstände in Höhe von 492 Mio.Euro erlassen. In diesem Betrag steckten u.a. Schuldverpflichtungen, die Nicaragua vor 1990 gegenüber der DDR eingegangen war.

Bis 2011 war Nicaragua noch Schwerpunkt der deutschen EZ, und die Bundesregierung legte Wert darauf, unter Einbeziehung aller bi- und multilateralen Leistungen einer der größten Geber überhaupt zu sein. Sie hatte 2007 zunächst die Stabilisierung der Regierung Ortega abgewartet und dann die Zusammenarbeit fortgesetzt. Bei den Verhandlungen 2012 wurden noch einmal 12 Mio. Euro zugesagt, davon 11 Mio. für den Wassersektor.

Mit dem umstrittenen Ergebnis der Wahlen im November 2011 war das positive Engagement der deutschen Bundesregierung in Frage gestellt. In einer Pressemitteilung gab der ehemalige Bundesminister Niebel am 17.Januar 2012 bekannt, dass die Kooperation in den Schwerpunkten "Stärkung demokratischer Strukturen" und "Umweltpolitik" im Jahr 2013 ausläuft und nur die Zusammenarbeit im Schwerpunkt "Trinkwasser und Abwasser" fortgeführt werden soll. Dahinter verbergen sich der Bau einer Kläranlage für den Managua-See umd mehrere Projekte im Trinkwasser- und Abwasserbereich. Neue Zusagen würden nicht mehr gegeben. Das bedeutete eine Wende in der deutsch-nicaraguanischen EZ, denn die monierten Verstöße gegen die "gute Regierungsführung", allen voran die zweite Amtszeit von Ortega, waren auf Seiten der Regierung von Nicaragua natürlich nicht verhandelbar.

Die EZ wurde aber nicht eingestellt, sondern auf reduzierter Basis fortgeführt. Die Leistungen der offiziellen EZ aus Deutschland betrugen 2016 insgesamt noch 21,2 Mio.US$. Die Schwerpunkte der EZ sind eingepasst in das Regionalkonzept des BMZ für Lateinamerika. Das Papier zur neuen Lateinamerikapolitik des BMZ vom März 2015 nennt Nicaragua als eines der Länder, "mit denen wir regional oder thematisch fokussiert zusammenarbeiten."

Im Juli 2017 wurden die Ergebnisse eines Projektes zur Sanierung des Managua-Sees vorgestellt. Es wurde von der KfW mit 25,5 Mio.Euro finanziert und hatte eine achtjährige Laufzeit. Die positive Bilanz ergab, dass heute 75% der Kanalisation von Managua an die Kläranlage angeschlossen ist und dass  täglich 150.000 Kubikmeter Abwasser geklärt werden können. Die Gesundung des Sees ist damit nähergerückt, nur werden über die offenen Regenkanäle immer noch große Mengen an Schmutz und Müll in den See geschwemmt.

Die GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), die wichtigste Institution der EZ und TZ in Nicaragua, führt Programme und Projekte auf den Gebieten Nachhaltige Infrastruktur, soziale Entwicklung, Staat und Demokratie sowie Umwelt- und Klimaschutz durch. Andere Organisationen sind z.B.: KfW, daad und CIM. Die deutsche Botschaft in Managua gibt eine Liste der Nichtregierungsorganisationen aus Deutschland, die in Nicaragua tätig sind. Folgende politische Stiftungen arbeiten in Nicaragua: 

Friedrich-Ebert-Stiftung (Büros in Costa Rica und Managua)

Friedrich-Naumann-Stiftung (Büro in Mexiko)

Konrad-Adenauer-Stiftung  (Büro in Guatemala)

Heinrich-Böll-Stiftung (Büros in Mexiko und San Salvador)  

Rosa Luxemburg-Stiftung (Büro in Mexiko)

Internationale Solidaritätsbewegung

Der deutsch-nicaraguanische Bücherbus, der mit Spenden aus Deutschland finanziert wird. Foto: Nicaraguaportal

Die sandinistische Revolution hatte schon weltweit Freunde und Freundinnen gewonnen, bevor sie 1979 siegreich war. Sie löste eine Welle der politischen Solidarität, des Engagements und der Hilfsbereitschaft aus, die ihresgleichen sucht. Man schätzt, dass es in den 80er Jahren in beiden Teilen Deutschlands - im Westen natürlich ganz anders als im Osten – zwei- bis dreihundert Komitees, Aktionsgruppen, Studiengemeinschaften usw. gab. Das politische Spektrum reichte von der marxistischen Linken und Gewerkschaftsgruppen über die Sozialdemokratie bis in kirchliche Kreise.

Viele politische Hoffnungen erfüllten sich nicht, aber die Solidaritätsbewegung schuf neue Verbindungen zwischen den Völkern, die bis heute nachwirken. Man hat heute den Begriff „informelle internationale Beziehungen“ für dieses Phänomen, das auch stark auf das entwicklungspolitische Engagement Deutschlands zurückgewirkt hat.

Mit der Wahlniederlage der FSLN 1990 erlebte die Solidarität eine bittere Enttäuschung. Die Bewegung wurde schlagartig auf einen Bruchteil der großen Anhängerschaft reduziert. Allerdings verschwand sie keineswegs. Einige Gruppen und Organisationen haben sich stabilisiert und professionalisiert und sind selbst zu NGOs geworden. Die Erfahrung und die Expertise, die sich dort im Laufe der Zeit angesammelt hat, sind nicht zu unterschätzen, was sich z.B. in der politischen Begleitung der Entschuldungsinitiative und des Schuldenerlasses durch die Bundesregierung nach 2000 gezeigt hat.

Von Anfang an hatte das Informationsbüro Nicaragua eine wichtige Koordinationsfunktion. Hier seien nur einige Organisationen und Initiativen genannt, die u.a. die Breite des politischen und regionalen Spektrums zeigen: Nicaragua-Verein Hamburg, Hessenkoordination der Nicaraguagruppen, Ökumenisches Büro für Frieden und Gerechtigkeit, Christliche Initiative Romero CIR, medico international, Nicaragua-Forum Heidelberg und viele andere. Die Solidaritätsarbeit der DDR findet heute im INKOTA-Netzwerk ihre Fortführung in neuer Form. Eine originelle Initiative ist die Kulturarbeit des Vereins Pan y Arte. Eine bleibende Bedeutung haben auch die zahlreichen Städtepartnerschaften behalten, z.B. Hamburg-León, Frankfurt-Granada oder Herford-Condega. Der Verein Berlin-Kreuzberg-San Rafael del Sur hat z.B. eine schöne Darstellung seiner Partnerregion auf seiner Webseite. Unter den vielen Aktivitäten gibt es auch ein Pilotprojekt zur nachhaltigen Kommunalentwicklung. Zu den Zielen zählen konkrete Maßnahmen zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Auf Intiative des Vereins wurde das Gemeindezentrum bereits zum ersten barrierefreien Gebäude Nicaraguas umgebaut. Für solche Intiativen können Freiwillige über das Programm "Weltwärts" entsandt werden. Kommunen, die sich entwicklungspolitisch engagieren, können Mittel für Partnerschaftsprojekte beim BMZ beantragen. Weitere Initiativen sind in einer Zusammenstellung des Nicaraguaportals aufgeführt.

Auch im Ausland gibt es natürlich Organisationen der Nicaragua-Solidarität, z.B.:  Nicaragua Network (USA) oder Nicaragua Solidarity Campaign (UK).

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Juni 2017 aktualisiert.

Autor

Volker Wünderich, Privatdozent am Historischen Seminar der Leibniz-Universität Hannover, ist seit langem mit Nicaragua und Zentralamerika eng verbunden.

Publikationen: Sandino, Eine politische Biographie (Peter Hammer Verlag 1995; Spanisch Managua, 2.Aufl.2010); Mitherausgeber/Autor von: Mosquitia, die andere Hälfte Nicaraguas (Junius Verlag 1987); Zentralamerika heute (Vervuert Verlag 2008); Kaffeewelten. Historische Perspektiven auf eine globale Ware im 20.Jahrhundert (V&R unipress 2015).

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