Das Tor von Kano/Nigeria ©Shiraz Chakera (CC BY-SA 2.0)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
68% (2015)
Bedeutende Religionen
Islam (ca. 50 %) und Christentum (ca. 45 %)
Städtische Bevölkerung
47% (2016)
Lebenserwartung (w/m)
53,4 / 52,7 Jahre (geschätzt 2016)
Anzahl der Geburten
5,59 /pro Frau (geschätzt 2015)
Kindersterblichkeit
29 / 1000 (UNICEF 2018)

Makrosoziale Struktur

Ethnizität und Nationalbewusstsein

Nigeria ist ein Vielvölkerstaat. Mehr als 400 unterschiedliche Sprach- und Volksgruppen verteilen sich auf die verschiedenen Regionen des Landes. Die größten ethnischen Gruppen sind:

Die Minderheiten, "Minority Groups", umfassen u.a.:

  • die Kanuri (4 %) im Nordosten,
  • die Nupe (1,7 %) und Tiv (2,5 %) im Mittelgürtel "Middle Belt",
  • die Edo (3,4 %) im Südwesten sowie die Ijaw (10 %) 
  • die Ibibio (3,4 %) im Südosten.

Die ethnische Zugehörigkeit spielt in Nigeria eine große Rolle. Die meisten Nigerianer identifizieren sich eher mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit als mit ihrer Nationalität. Das nationale Bewusstsein der Nigerianer ist nur schwach ausgeprägt, ein Einheitsgefühl als "One Nigeria" ist kaum vorhanden. Stattdessen bestimmen die regionalen Interessen, die ethnische Verbundenheit und neuerdings auch der Wohlstand und die religiöse Zugehörigkeit das Bewusstsein der Menschen. Das Problem der Machtverteilung zwischen den Ethnien führt permanent zu Spannungen und Konflikten im Land, da die Minderheiten das politische Gewicht der großen Volksgruppen meist als Dominanz empfinden. Das gesellschaftliche Leben wird durch Machtkämpfe, "Stammesdenken" und religiös bedingte Konflikte beeinträchtigt.

Um dieses Problem anzugehen, hatte der damalige Präsident Goodluck Jonathan im März 2014 in der Hauptstadt Abuja eine Nationalkonferenz einberufen. Dort sollten fast 500 Vertreter aus Politik und Gesellschaft über die Zukunft des Landes beraten und über Themen wie z.B. die Frage der Nationaleinheit, die Machtverteilung zwischen den Ethnien und die bessere Verteilung des Wohlstandes diskutieren und Handlungsempfehlungen erarbeiten. Es bleibt abzuwarten, wie und ob die vorgebrachten Empfehlungen in die Praxis umgesetzt werden. Die vorangegangenen Nationalkonferenzen (1978, 1995 und 2005) blieben ohne sichtbare Erfolge.

Sprachen

Insgesamt werden in Nigeria über 400 Sprachen und weit über 1.000 Dialekte gesprochen. Die Amtssprache des Landes ist Englisch. Die wichtigsten Sprachgruppen und ihre regionale Verteilung sind:

  • Hausa-Fulani im Norden
  • Yoruba und Edo im Südwesten
  • Igbo und Ibibio im Südosten
  • Kanuri im Nordosten
  • Tiv und Nupe im Middle-Belt
  • Ijaw im Nigerdelta.

Als Verkehrssprachen gelten Hausa, Yoruba und Igbo, die Sprachen der drei Hauptvolksgruppen in den jeweiligen Regionen, sowie Naijá Pidgin, eine Mischsprache aus dem Englischen und verschiedenen Landessprachen in den Ballungszentren Nigerias.

Hausa-Frauen ©Prettydouglas (CC BY 2.0)
Frauen der Hausa ©Prettydouglas (CC BY 2.0)
Fulani-Frau ©Nathaniel Ajibola (CC BY-SA 4.0)
Fulani-Frau ©Nathaniel Ajibola (CC BY-SA 4.0)
Yoruba-Frauen ©Fhadekhemmy (CC BY-SA 4.0)
Frauen der Yoruba ©Fhadekhemmy (CC BY-SA 4.0)
Igbo-Frau ©Nathaniel Ajibola (CC BY-SA 4.0)
Igbo-Frau ©Nathaniel Ajibola (CC BY-SA 4.0)

Soziale Lage und Klassen

Kinder und Jugendliche © E. Ede
Kinder und Jugendliche © E. Ede
Kinder und Jugendliche © E. Ede

Die Unterschiede zwischen Armen und Reichen in Nigeria sind nach wie vor sehr groß. Laut „World Poverty Clock“ von 2018 hat die extreme Armut in den letzten Jahren weiter zugenommen. Damit hat Nigeria heute Länder wie Indien und die D.R. Kongo in Sachen Armut überholt. Fast 50% der ca. 180 Millionen Nigerianer/innen leben heute unterhalb der Armutsgrenze - Tendenz steigend.

Die Arbeitslosigkeit ist hoch, bei den Jugendlichen wird sie auf über 20% geschätzt. Der Mangel an lohnabhängiger Beschäftigung führt dazu, dass immer mehr Nigerianer/innen in den Großstädten Überlebenschancen im informellen Wirtschaftssektor als "self-employed" suchen. Die Massenverelendung nimmt seit Jahren bedrohliche Ausmaße an.

Bedauerlicherweise führt die Armut häufig auch dazu, dass junge Mädchen, insbesondere aus den Bundesstaaten Edo und Delta, nach Europa gehen, in der Hoffnung, dort Geld für sich und ihre Familien zu verdienen. In der Realität landen diese Frauen jedoch meist im Prostitutionsgewerbe, wobei die Zuhälter den Verdienst abkassieren und kaum Geld für die Frauen, geschweige denn ihre Familien in Nigeria übrig lassen. Das Portal NAPTIP bietet ausführliche Informationen zu dieser Thematik.

Neben den vielen in Armut lebenden Menschen findet man in Nigeria auch einige sehr Reiche. So gilt der Nigerianer Aliko Dangote mit einem Vermögen in Höhe von 12,2 Mrd. US-Dollar 2017 als der reichste Mann Afrikas.

Stadt-Land-Verhältnis

Seit dem Ölboom in den 1970er Jahren ist die Zahl der Einwohner/innen in den Großstädten Nigerias sprunghaft angestiegen. Die Urbanisierungsrate beträgt 48,6 %. Immer mehr Menschen strömen auf der Suche nach besseren Verdienstmöglichkeiten in die Großstädte.

Trotz des von der Obasanjo-Administration (1999 - 2007) aufgelegten Reformprogramms zur Wiederbelebung der Landwirtschaft, ist die Armut in den ländlichen Gebieten nach wie vor größer als in den städtischen Ballungsgebieten. Insbesondere die jungen Menschen sehen in der Landwirtschaft weder ausreichende Verdienstmöglichkeiten noch Perspektiven. Außerdem wurde seit dem Ölboom fast ausschließlich in die Modernisierung der Großstädte investiert, während die ländlichen Gebiete vernachlässigt werden.

Geschlechterverhältnis

Obwohl die nigerianische Verfassung von 1999 die Gleichheit der Geschlechter garantiert, sieht die Wirklichkeit anders aus. Von dem - von der Obasanjo-Regierung in der "National Policy on Women" 2002 formulierten - Ziel, den Frauenanteil im Parlament um 30 % anzuheben, ist Nigeria auch heute noch weit entfernt. Bei den Parlamentswahlen 2015 wurden lediglich acht weibliche Senatorinnen von insgesamt 109 in das nigerianische Oberhaus, den Senat, gewählt. Zudem bot der neue Präsident Buhari nur sechs Frauen einen der 36 Ministerposten an. Damit ist Nigeria - auch im Vergleich mit anderen westafrikanischen Ländern - mit einem Anteil von nur 5,6% Frauen im Parlament in puncto Gleichberechtigung vergleichsweise schlecht aufgestellt. Laut Global Gender Gap Report von 2016 steht Nigeria auf Platz 118 von 144 untersuchten Ländern und schneidet damit vergleichsweise schlecht ab.

Innerhalb der ländlichen Bevölkerung ist das Geschlechterverhältnis eindeutig, da das Leben immer noch stark von traditionellen Gesetzen und Praktiken bestimmt wird. Allerdings gibt es - je nach ethnischer Zusammensetzung, religiöser Zugehörigkeit und Region - große Unterschiede. 

Eine Vielzahl von Frauenorganisationen engagiert sich in Nigeria für die Gleichstellung der Geschlechter.

Ende 2016 lehnte der Sultan von Sokoto, das geistige Oberhaupt aller Muslime in Nigeria, einen Gesetzesentwurf zur Gleichstellung ab. Dieses zielte darauf ab, dass Männer und Frauen zukünftig im Erbrecht gleichgestellt sein sollten. Der Sultan von Sokoto begründete seine Ablehnung mit dem Hinweis, dass dieser Entwurf gegen das islamische Gesetz verstoße, nach dem den Männern beim Erbrecht der Vorzug gegeben werden sollte. 

43 % der nigerianischen Mädchen und Frauen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, 17 % bereits vor ihrem 15. Geburtstag. Die Kinderehe wird in der nigerianischen Öffentlichkeit zunehmend kritisch diskutiert. Zahlreiche Proteste formieren sich derzeit gegen die Verheiratung von Kindern, die noch weit verbreitet ist.

Homosexualität ist in Nigeria verboten und steht unter Strafe. 2014 unterzeichnete Präsident Goodluck Jonathan das "Same Sex Marriage Prohibition Act (SSMPA)." Diesem Gesetz zufolge können gleichgeschlechtliche Eheschließungen mit bis zu 14 Jahren Haft strafrechtlich verfolgt werden. Laut einem Bericht von Human Rights Watch, der im Oktober 2016 veröffentlicht wurde, hat das Gesetz zu einer weiteren Stigmatisierung von Lesben und Schwulen in Nigeria geführt. Diese werden oftmals von der Polizei schikaniert und misshandelt und von der Bevölkerung gemobbt und per Selbstjustiz verfolgt. Auch die anglikanische Kirche in Nigeria verurteilt öffentllich Homosexualität als "Gift für die Gesellschaft", die zum Verfall der gesellschaftlichen Werte und Kultur beitrage.

Rund 25 % der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind in Nigeria beschnitten. Am 05. Mai 2015 verabschiedete das nigerianische Oberhaus, der Senat, ein Gesetz zum Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung "Female genital mutilation (FGM)". Mit dem Gesetz, das im Juni 2015 in Kraft getreten ist, hat die nigerianische Regierung unter dem scheidenden Präsident Goodluck Jonathan den historischen Schritt zur Ächtung der Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung unternommen.

Bildung

Schüler einer Grundschule
Schüler einer Grundschule "Primary School" © Dolapo Falola (CC BY-SA 2.0)
Ahmadu Bello Universität in Zaria
Ahmadu Bello Universität in Zaria © Chippla Vandu (public domain), Wikimedia Commons

Das Bildungssystem in Nigeria orientiert sich am britischen Vorbild. Schulbildung wird von den Menschen als Voraussetzung für einen schnellen wirtschaftlichen Aufstieg angesehen.

Das Bildungssystem basiert auf dem so genannten 6-3-3-4-Prinzip: Für Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren besteht Schulpflicht. Der Schulbesuch für die Grundschule und die untere Sekundarschule (JSS) ist gebührenfrei.

Verantwortlich für die Bildung ist die nigerianische Regierung. Die weiterführenden Schulen sind kostenpflichtig, sodass viele Familien es sich nicht leisten können, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Zudem gibt es viele Schulen unter kirchlicher Trägerschaft, die ebenfalls kostenpflichtig sind. Im islamischen Norden gibt es darüber hinaus zahlreiche Koranschulen, in denen die Lehre des Korans bzw. das allgemeine Wissen über den Islam vermittelt wird. Für viele Familien im Norden des Landes sind die Koranschulen die einzige Möglichkeit, Zugang zu erschwinglichen Bildungsangeboten für ihre Kinder zu erhalten.

Neben den drei ältesten Universitäten - University of Ibadan (UI), University of Nigeria (UNN), Nsukka und Ahmadu Bello University (ABU), Zaria - verfügt Nigeria über zahlreiche staatliche, bundesstaatliche und private Universitäten. Zudem gibt es eine Vielzahl an Hoch- und Fachhochschulen, die sich überwiegend im Süden des Landes befinden. 

Das nigerianische Bildungssystem

In den 29 Jahren Militärherrschaft (1966-1979 und 1983-1999) wurde das Bildungssystem stark vernachlässigt. Dadurch entwickelten sich erhebliche Defizite.

Seit der Rückkehr zur Demokratie 1999 haben die Regierungen Obasanjo (1999-2007), Yar `Adua (2007-2010), Jonathan (2010-2015) und Buhari versprochen, sich für die Verbesserung der Bildung in Nigeria einzusetzen, aber nur wenig umgesetzt. Folge: Die Bildungsangebote auf den drei Ebenen des nigerianischen Bildungswesens (primär, sekundär und tertiär) sind qualitativ unzureichend. Nicht nur, dass sich die Ausstattung der Schulen landesweit in einem katastrophalen Zustand befindet, in vielen Schulen mangelt es sogar an Unterrichtsräumen. Vor diesem Hintergrund haben die Privatschulen im Land einen hohen Zulauf. Diese können sich allerdings nur wohlhabende Familien leisten.

Ein Großteil der staatlichen und bundesstaatlichen Universitäten befindet sich ebenfalls seit Jahrzehnten in einem prekären Zustand. Die fehlende Finanzierung der Infrastruktur und des Personals haben zu einem steten Niedergang der weiterführenden Bildungsinstitutionen geführt. Die mangelnde Infrastruktur und die schlechte Bezahlung des Lehrpersonals sind wiederum Ursache für häufige Streiks der Hochschullehrer/innen, die durch ihre Streiks auf die prekäre Situation aufmerksam machen möchten und sich für eine bessere Bezahlung des Lehrpersonals sowie bessere Studienbedingungen einsetzen. Die Streiks führen oft zu wochenlangen bzw. monatelangen Ausfällen der Lehrveranstaltungen und wirken sich damit zusätzlich negativ auf die Qualität der Hochschulbildung in Nigeria aus.

Ein Bericht von World Education Services macht in ihrer ausführlichen Bestandsaufnahme auf den prekären Zustand der Bildung in Nigeria aufmerksam.

Gesundheit

Gesundheitsversorgung

Insgesamt kann die Gesundheitsversorgung in Nigeria als "mangelhaft" bezeichnet werden. Wer kein Geld hat, bekommt keine medizinische Behandlung. Zwischen Arm und Reich sowie zwischen Nord und Süd besteht ein erhebliches Gefälle: Im Norden des Landes ist die Gesundheitsversorgung besonders prekär. Auf dem Land sind die Verhältnisse noch schlechter als in der Stadt.

Mit 29 Todesfällen pro 1.000 Neugeborenen hat Nigeria - laut einem UNICEF -Bericht (2018) - weltweit die elfthöchste Todesrate bei Neugeborenen. Damit gilt das Land in Afrika südlich der Sahara als "einer der acht gefährlichsten Orte", um geboren zu werden.

Die medizinischen Einrichtungen werden in der Regel vom Staat unterhalten. Nur wenige Einrichtungen werden von den Kirchen oder von privaten Trägern finanziert. Da die Kosten für eine medizinische Behandlung in den privaten Einrichtungen hoch sind, können sie nur von den wenigen wohlhabenden Nigerianern in Anspruch genommen werden.  

Der Glaube an die Heilungskräfte der traditionellen Medizin ist bei den Nigerianern nach wie vor sehr lebendig. Bei bestimmten Krankheiten werden eher die traditionellen Heiler als die Schulmediziner nach westlichem Vorbild konsultiert.

Krankheiten

Die am häufigsten in Nigeria anzutreffenden Krankheiten sind Malaria, Hepatitis, Durchfallerkrankungen, Cholera, Typhus, Tuberkulose, Polio, Meningitis, Bilharziose (Schistosomiasis), die durch Süßwasserparasiten übertragen wird, Flussblindheit ("River blindness") sowie die Schlafkrankheit, die von Tsetsefliegen übertragen wird.

In den letzten Jahren wurden mehrere Massenimpfungen gegen Polio und Meningitis durchgeführt. Ende 2016 kam es zu einem akuten Meningitis-Ausbruch, bei dem 745 Menschen gestorben sind und mehr als 8.000 Verdachtsfälle registriert wurden. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind die Hälfte der erkrankten Kinder im Alter zwischen fünf und 14 Jahren. Besonders betroffen sind die Bundesstaaten im Norden des Landes. 

HIV/Aids

HIV/AIDS hat sich in den letzten Jahren in Nigeria sehr schnell ausgebreitet. Gründe für die rasante Ausbreitung sind Faktoren wie Promiskuität, die nach wie vor seltene Verwendung von Kondomen, ländliche und städtische Armut, die niedrige Alphabetisierungsrate und schlechte Bildung, der insgesamt schlechte Gesundheitszustand, der niedrige gesellschaftliche Status von Frauen sowie die Stigmatisierung von Erkrankten.

Zur Bekämpfung der weiteren Ausbreitung von HIV-Aids wurde 2002 von Seiten der Regierung die National Agency for the Contrl of HIV/AIDS" (NACA) gegründet. Die internationale Organisation AVERT führt vielfältige Kampagnen zur Steigerung der öffentlichen Aufmerksamkeit, Aufklärung und Prävention durch.

Ebola

2014 hat sich in Westafrika - insbesondere in den Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone - eine Ebola-Epidemie ausgebreitet. Bis September 2014 haben sich laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) insgesamt 5833 Personen infiziert, 2833 Menschen sind bereits an dem Virus verstorben. 

Im Vergleich zu den anderen westafrikanischen Ländern hat sich Ebola in Nigeria nur begrenzt ausgebreitet. Insgesamt gibt es 20 bestätigte Ebola-Fälle, 8 davon verliefen tödlich. Präsident Goodluck Jonathan erklärte in der UN-Vollversammlung vom 25.09.2014: "Wir können heute getrost sagen, dass Nigeria Ebola-frei ist." Damit hat Nigeria - ebenso wie Senegal - bewiesen, dass das Ebola-Virus kontrollierbar ist. Am 20. Oktober 2014 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Nigeria offiziell für Ebola-frei. Nigeria gilt somit als Vorbild für die Bekämpfung der Ausbreitung von Ebola in Westafrika.

Kultur

Traditionelle Musik in Nigeria © E. Ede
Traditionelle Musik in Nigeria © E. Ede

Kulturelle Vielfalt

Die Vielfalt der in Nigeria lebenden Ethnien impliziert einen großen Reichtum an unterschiedlichen Traditionen, Bräuchen und Sprachen. Insbesondere in den ländlichen Gebieten lebt das kulturelle Erbe in zahlreichen Festen, Tänzen, der Musik und der bildenden Kunst bis heute fort.

Den kulturellen Reichtum Nigerias kann man sich zudem auch in zahlreichen Museen und Galerien, die im ganzen Land verteilt sind, ansehen. Die bekanntesten unter ihnen sind das Nationalmuseum in Lagos, das Gidan Makama Museum in Kano und das Nationalmuseum in Benin City.

Unabhängig von der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit gibt es zentrale, übergreifende kulturelle Werte, Normen und Verhaltensweisen der nigerianischen Bevöllkerung, die sich auch im Alltagsleben manifestieren. Wer interkulturell erfolgreich in Nigeria unterwegs sein möchte, sollte Verständnis und Respekt für die kulturellen Werte, Normen und Verhaltensweisen der Menschen mitbringen.

Kunst

Die traditionellen Kulturen und ihre künstlerischen Erzeugnisse sind weltberühmt. Dazu zählen u.a. die NOK-Terrakotten (bis zu 3000 Jahre alt), Metallgüsse aus Ife, Benin-Bronzen, Zeugnisse der Sao-Kultur vom Tschadsee, Bronzen aus Igbo-Ukwu, Terrakotten aus Owo, die Masken vieler Völker, Batiken, Färberei-Produkte, Töpferwaren und Weberzeugnisse.

In der modernen zeitgenössischen Kunst hat Nigeria eine ganze Reihe von anerkannten Künstler/innen hervorgebracht. Künstler wie Twins Seven Seven, Chief Muraina Oyelami, Obiora Udechukwu, Uche Okeke, Jimoh Buraimoh sowie der Fotograf J.D. 'Okhai Ojeikere u.a. haben sich dabei weltweit einen Namen gemacht. 

Literatur

Wole Soyinka © Chidi Anthony Opara, CC-BY-SA 2.0
Wole Soyinka © Chidi Anthony Opara, CC-BY-SA 2.0
Chimamanda Adichie © Ivara Esege
Chimamanda Adichie © Ivara Esege

Die zeitgenössische Literatur Nigerias hat mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Wole Soyinka (1985) ihren offiziellen Einzug in die Weltliteratur erhalten. Auch die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2002 an den im März 2013 verstorbenen Chinua Achebe brachte vor allem dem deutschen Publikum die nigerianische Literaturwelt nahe. 2007 wurde Achebe mit dem Man Booker Prize, dem bedeutendsten Literaturpreis im englischen Sprachgebiet, geehrt. Unter den Schriftstellerinnen mit internationaler Anerkennung befinden sich auch die verstorbene Flora Nwapa und Buchi Emecheta. Zu den neueren weiblichen Stimmen des Landes zählt die junge Chimamanda Ngozi Adichie, die bereits vier ihrer preisgekrönten Romane in renommierten deutschen Verlagen veröffentlicht hat. Eine Übersicht über die berühmten nigerianischen Schriftsteller/innen bietet Ranker.

Besonders bei den Volksgruppen der Igbo und Yoruba im Süden des Landes steht die orale Tradition als wichtigste Kunstform in hohem Ansehen. Die Erzählungen sind reich an Sprichwörtern und Lebensweisheiten und erfüllen in der Gesellschaft verschiedene Funktionen.   

Musik

Femi Kuti © Tom Beetz, CC-BY 2.0
Femi Kuti © Tom Beetz, CC-BY 2.0

In der Musikszene genießt die nigerianische Musik internationale Anerkennung. Die Afro-Beat-Tradition des 1997 verstorbenen Fela Kuti wird heute von seinem Sohn Femi Kuti fortgesetzt. Der King of Juju Music Sunny Ade begeistert das Publikum weltweit mit seiner "Juju-Musik". Chief Stephen Osita Osadebe gehörte zu den besten Highlife-Musikern Westafrikas. Im Bereich der Hip-Hop- und Soulmusik sind junge weibliche Sängerinnen wie Nneka und Asa derzeit in der internationalen Musikszene `en vogue´. Darüber hinaus begeistern junge Musiker/innen - wie z.B. Wizkid, Davido, Tiwa Savage, Femi Alade - mit ihren Afrobeat-Songs ihr Publikum und sind über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Der weltweite Aufstieg der nigerianischen Afrobeats-Musik könnte dazu beitragen, die Probleme der lokalen Musikindustrie zu lösen.

Film

Nigeria beherbergt die drittgrößte Filmindustrie der Welt. Jedes Jahr werden rund 2.000 Filme und Videos gedreht, das Geschäft boomt. Die nigerianische Filmindustrie Nollywood produziert Filme und Videos in englischer Sprache, ebenso wie in den Landessprechen Igbo, Yoruba, Hausa und Pidgin-English. Die Nollywood-Filme orientieren sich am nigerianischen Alltagsgeschehen und thematisieren Phänomene wie Neid, Missgunst, Eifersucht, Armut und Reichtum in der Gesellschaft, AIDS, Korruption, Prostitution, Gewalt sowie interreligiöse Familiengeschichten. Traditionelle Aspekte wie Zauberei und Magie werden dabei ebenfalls selbstverständlich in die Filmhandlungen integriert.

Mit Half of a Yellow Sun kam 2013 ein Stück nigerianischer Geschichte in die internationalen Kinos. Der Film handelt vom Schicksal einer Familie während des nigerianischen Bürgerkrieges (1967 - 1970). Vorlage war der gleichnamige Bestseller von Chimamanda Ngozi Adichie "Die Hälfte der Sonne." 

Kleidung

Nigerianer/innen sind in Westafrika für ihre farbenprächtige und kunstvoll bestickte Kleidung bekannt, die auch zunehmend von der internationalen Modebranche wahrgenommen wird.

Da Nigeria ein Vielvölkerstaat ist, hat jede ethnische Gruppe ihre traditionelle Kleidung. In ländlichen Gebieten werden diese auch heute noch im Alltag getragen. Die Männer tragen den "statusgebundenen Chieftaincy", den "Jumper" die sog. "Agbada" und den "Baba Rija". Die nigerianischen Frauen auf dem Land tragen das "Buba" mit dem traditionellen Wickelrock, der "Wrapper" genannt wird.

Statusgebundene Chieftaincy © E. Ede
Statusgebundene Chieftaincy © E. Ede
Jumper © E. Ede
Jumper © E. Ede
Buba mit Wrapper © E. Ede
Buba mit Wrapper © E. Ede
Baba Rija © E. Ede
Baba Rija © E. Ede

Jüngst wurde in Nigeria eine schwarze Barbie-Puppe entwickelt, die mit Kleidung nach afrikanischem Design ausgestattet wurde. Damit wurde der Versuch unternommen, eine Alternative zu der weißen Barbie-Puppe, mit der Kinder in aller Welt spielen, anzubieten und dem globalisierten "weißen Schönheitsideal "ein "schwarzes Schönheitsideal" entgegenzusetzen. Auf diese Weise soll die Identifikation der Kinder Nigerias mit ihrem traditionellen Hintergrund gestärkt werden.

Religion

Die nigerianische Verfassung garantiert zwar die Religionsfreiheit, die Umsetzung dieser gestaltet sich in der Praxis aufgrund der religiösen Spannungen aber schwierig. So ist das Land von drei unterschiedlichen Religionen geprägt: dem Islam, der durch den Transsahara-Handel im 11. Jahrhundert nach Nigeria gelangte; dem Christentum, eingeführt von europäischen Missionaren ab 1842, und den indigenen Religionen. Fast 50 % der Bevölkerung sind Moslems, ca. 45 % sind Christen und der Rest der Bevölkerung gehört den indigenen Glaubensrichtungen an. Im Norden des Landes überwiegt der muslimische Anteil der Bevölkerung und im Südosten der christliche, während es im sogenannten Middle Belt und im Südwesten eine eher ausgewogene Verteilung gibt.

Der Islam

Aus den Marktzentren des Transsaharahandels am Tschadsee entwickelte sich im 9. Jahrhundert das Reich Kanem-Bornu im Nordosten Nigerias. Hier begann die Islamisierung des Nordens Nigerias, denn die Herrscher dieses Reiches waren die ersten, die im 11. Jahrhundert zum Islam übertraten. Zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert breitete sich durch den Transsaharahandel der Islam in die benachbarten Hausa-Staaten (Kano, Katsina, Zaria) aus. Eine völlige Islamisierung des Hausa-Gebietes setzte 1804 mit dem Jihad unter der Führung des Islamgelehrten Usman Dan Fodio ein, der mit der Gründung des Kalifats Sokoto und dem Vordringen bis nach Ilorin im nördlichen Yoruba-Land die Stellung des Islam endgültig festigte.

Im Norden Nigerias sind zwei Strömungen des Islam vertreten: die Bruderschaft der Qadiriyya in Sokoto und der Tijaniyya, der alteingesessenen Hausa in Kano. Beide sind Varianten des sunnitischen Islam. Seit der nigerianischen Unabhängigkeit sind viele islamische Gemeinschaften entstanden, d.h. wie bei den Christen auch, passte sich der Islam den afrikanischen Traditionen u.a. mit der Entstehung neuer islamischer Sekten an.

Eine der bekanntesten islamischen Sekten ist die 2002 gegründete Boko Haram, deren Name  "Westliche Bildung ist Sünde" bedeutet. Diese verübt seit 2009 regelmäßig terroristische Anschläge im Norden des Landes. Sie verfolgt das Ziel, einen islamischen Gottesstaat in Nigeria auszurufen. Seit 2009 sind der islamistischen Terrorgruppe ca. 17.000 Menschen zum Opfer gefallen.

Zentralmoschee in Kano © E. Ede
Zentralmoschee in Kano © E. Ede

Das Christentum

Abgesehen von Niederlassungen einzelner Missionare in den großen Sklavenumschlagplätzen (Badagry, Calabar, Lagos) begann eine systematische christliche Missionierung erst um 1842, ausgehend vom "Fourah Bay College" in Freetown/Sierra Leone, wo Großbritannien befreite Sklaven angesiedelt hatte. So stammte auch der erste Bischof Nigers (Westafrika), Samuel Ajayi Crowther, von dort. Den Anfang der Christianisierung machten die anglikanischen Missionare aus England. In den Folgejahren breitete sich das Christentum im Süden Nigerias nach und nach aus. Das Zentrum der Missionierung war die Stadt Abeokuta im Südwesten Nigerias. Die erste Missionsstation im wurde erst 1885 in Onitsha gegründet.

Das Christentum unterteilt sich in Nigeria in Katholiken (13 %), Protestanten (15 %) und synkretistische afrikanische Kirchengemeinschaften (17 %) - einer Vermischung von traditionellen Religionen und Freievangelisten, meistens Mitglieder evangelikaler und pentekostaler Kirchen. Über tausend dieser neuen afrikanischen Kirchengemeinden mit mehreren Millionen Mitgliedern gibt es bereits in Nigeria, Tendenz steigend. Dabei sind die meisten dieser Kirchen stark profitorientiert. Das Geschäft mit dem Glauben boomt und die Prediger werden von den Gläubigen wie die Stars aus der nigerianischen Filmbranche Nollywood verehrt und gefeiert. Sie führen meist einen extravaganten Lebensstil und fliegen in Privatjets durch das Land. Die Prediger vermitteln den Menschen die Hoffnung durch den Glauben reich zu werden. Darüber hinaus haben sie angeblich die Gabe, die Menschen von Krankheiten zu heilen. "Church is business", ist in Nigeria ein geflügeltes Wort. 

Als Dachverband verschiedener christlicher Kirchen und Organisationen in Nigeria fungiert die 1976 gegründete Christian Association of Nigeria

Die Naturreligionen

Die traditionellen Religionen haben sich trotz der Anfeindungen durch die großen Religionen bis heute behaupten können. Sie erleben derzeit eine Art Renaissance. Je nach Volksgruppe glaubt man an Erdgeister, Wassergötter, Ahnengeister, Gottheiten, Magie und Zauberei. Ausgeprägt bei den Volksgruppen im Süden Nigerias ist der "Juju-Glaube", in dessen Zentrum "Juju" als magische Zauberkraft steht. Erscheinungsformen sind Juju-Wälder, Juju-Flüsse, Juju-Pflanzen, Juju-Bäume oder auch Gegenstände wie Amulette und Talismane.

Trotz der Akzeptanz von Christentum und Islam sucht die breite Mehrheit der nigerianischen Bevölkerung im Juju Schutz vor fremden Mächten. Die nominelle Zugehörigkeit zu einer etablierten Religion bedeutet für viele Nigerianer/innen keineswegs die Aufgabe ihrer traditionellen Religion.

Naturreligion Oshogbo-Tempel © E. Ede
Naturreligion Oshogbo-Tempel © E. Ede
National Church of Nigeria, Abuja © Chippla Vandu, Wiikimedia Public Domain
National Church of Nigeria, Abuja © Chippla Vandu, Wiikimedia Public Domain

Religiös bedingte Konflikte

Das Verhältnis zwischen den Anhängern der beiden großen Religionen, den Muslimen und den Christen, ist äußerst angespannt. Oft genügt ein geringer Anlass, um blutige Unruhen auszulösen. Ein auch nur annähernd religiös bedingter Vorfall im christlichen Süden gegen Muslime wird sofort Reaktionen im Norden hervorrufen, die immer wieder zum Tod von sog. Nichtgläubigen führen (Pogrome). Diese gehören mittlerweile zum Alltagsgeschehen in Nigeria. Seit dem Jahr 2000 sprechen die offiziellen Zahlen von über 11.500 Toten (Christen) aufgrund von religiösen Unruhen. Die tatsächlichen Zahlen dürften um ein Vielfaches höher liegen.

Lesenswert dazu ist die Einschätzung der Globalsecurity. Mit der Einführung der Scharia in den 12 nördlichen Bundesstaaten und der Terror durch Boko Haram in den drei Nordostbundsstaaten haben sich die Spannungen weiter verschärft, sodass der Norden Nigerias auf dem Weltverfolgungsindex 2018 bereits Rang 14 von 50 Positionen insgesamt einnimmt.

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2018 aktualisiert.

Autor

Dr. Emmanuel I. Ede
Dr. Emmanuel I. Ede

Dr. Emmanuel I. Ede ist gebürtiger Nigerianer und lebt seit 1971 in Deutschland. Er ist promovierter Architekt mit internationalen Bauvorhaben. Zudem ist er als Trainer für Interkulturelle Handlungskompetenz und in der Auslandsvorbereitung von Fachkräften, Unternehmen und staatlichen Institutionen sowie als Gutachter in der (entwicklungs-) politischen Erwachsenenbildung tätig.

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