Anteil alphabetisierte Erwachsene
58,3% (2018)
Bedeutende Religion
Katholiken 97,6 %
Städtische Bevölkerung
30,2 % (2018)
Lebenserwartung (w/m)
71,1 / 67,4 (2018)
Gender Inequality Index
keine Angaben
Anzahl der Geburten
4,79 / Frau (2017, geschätzt)
Kindersterblichkeit
42,4 / 1000 (2018)

Osttimors Heterogenität: Kultur und soziale Strukturen

Liurai - traditionelle Herrscher in Osttimor
Liurai- traditionelle Herrscher © Henri Myrttinen
Frauen in Atauro
Frauen in Atauro © Maria Tschanz
Männer in Osttimor
Osttimors Männer © Walter Keller
Der Hahn - ein wertvolles Geschöpf
Der Hahn - ein wertvolles Geschöpf © Henri Myrttinen
Das Prinzip Frauengeber & Frauennehmer © Alexander Loch

Immer wieder erstaunen den Außenstehenden die ethnische und damit verbunden auch die sprachliche und kulturelle Vielfalt in Timor-Leste. Auch in Timor gilt: von der Kultur her erfahren wir unsere Identität (husi cultura ita hatene ita nia identidade). 

Im Zuge verschiedener Völkerwanderungen ab circa 40.000 v. Chr. scheinen sich auf Timor verschiedene Wege gekreuzt zu haben: neben malaiischen und melanesischen Einflüssen finden sich auch Papua-dominierte Völkergruppen und Einschläge der australischen Aborigines. Später kamen Einflüsse aus Portugal und seinen afrikanischen Kolonien hinzu. Auch arabische und chinesische Händler siedelten sich an.

Die gleiche Vielfalt spiegelt sich in der Linguistik wider. Forscher gehen von mehr als 40 ethno-linguistischen Gruppen allein in Timor-Leste aus. Das Land hat heute zwei Amtssprachen (Portugiesisch & Tetum) und zudem zwei Arbeitssprachen (Indonesisch & Englisch), 17 Regionalsprachen und etliche Dialekte.

Die Heterogenität zeigt sich auch in der Kultur und den einstigen traditionellen Stammesgesellschaften, die von kleinen Herrschaftsverbänden gekennzeichnet waren. Der traditionell politisch mächtigste Mann eines solchen Verbandes ist der Liurai; ihm kommt auch heute noch große Bedeutung bei. Durch die portugiesische Kolonialzeit und die indonesische Besatzungszeit ist manches der traditionellen Kultur genommen, vieles beeinflusst und verändert worden. Der im Westen bekannteste Teil der timoresischen Kultur war wohl das Ritual der Kopfjagd, das von den Portugiesen zu Anfang des 20. Jahrhunderts unterbunden wurde und heute einen 'Ersatz' im Hahnenkampf findet. Rituelle Körpermodifikationen dienen dazu, sich mit den Ahnen zu verbinden und sich übernatürlicher Kräfte zu bedienen.

Die soziale Struktur der Gesellschaften in Timor-Leste gründen auf verbindenden Werten und Überzeugungen um Verwandtschaft, Zeremonie, Spiritualität, Landwirtschaft, Medizin, Architektur, Musik und Weberei. Sowohl das Färben als auch das Weben von Stoffen (tais) sind soziale Prozesse, um kulturelle Praktiken zu teilen.

Familien sind in ein System aus "Frauengebern" (umane) und "Frauennehmern" (fetosaan) miteinander verbunden. Dies bildet die soziokulturelle Struktur, in der Zusammenarbeit und soziale Einheit durch gemeinsame Verpflichtungen und Werte gefördert wird. Man weiß, zu welchen Haus (uma) man in welcher Beziehung steht. Zur Festigung der Bindungen zwischen den Familien wechseln heiratsbegleitend ausgehandelte Güter den Besitzer. Die Familien kommen zusammen für die "Lebensangelegenheiten" (lia moris), wie Hochzeit oder Sakralhausbau, und die "Todesangelegenheiten" (lia mate), wie Gedenkfeiern und Begräbnisse. Diese verzweigten Allianzsysteme überlebten alle Fremdeinflüsse.  

Die indigene Kultur ist die Stärke für Timor-Lestes Entwicklung. „Ich bin beeindruckt von dem Stolz der Timoresen auf ihr kulturelles Erbe und wie sich indigene Praktiken in wichtige Fortschritte beim Umweltschutz und der biologischen Vielfalt umgesetzt haben“, hob Victoria Tauli-Corpuz, UN Sonderberichterstatterin für die Rechte indigener Völker, bei ihrem Besuch im April 2019 hervor. "Die große Mehrheit des Landes teilt indigene Werte und spirituelle Überzeugungen, die in lokalen Institutionen, Gewohnheitsrecht und Landmanagement zum Ausdruck kommen. Im Gegensatz zu vielen anderen indigenen Völkern erlangten die Timoresen politische Selbstbestimmung." 

Sprache als Ausdruck von Identität

Ein gesellschaftliches Problem ist die Kommunikation. Denn mit der Unabhängigkeit gelten in Timor-Leste Portugiesisch und die lokale Sprache Tetum als offizielle Landessprachen, Indonesisch und Englisch sind in der Verfassung als Arbeitssprachen aufgeführt, die neben den offiziellen Sprachen gebraucht werden dürfen, solange dies als nötig erachtet wird.

Die Sprachenregelung ist in Timor-Leste politisch nicht unumstritten. Die Wahl des Portugiesischen ging von der alten Elite, der Generation 1974/75, aus, die Schlüsselpositionen in der Führung des Landes einnimmt. Portugiesisch war die Sprache des Widerstandes und mit der Entscheidung für diese Sprache sollte die kulturelle und historische Abgrenzung zur Nachbarwelt deutlich gemacht werden. Darüber hinaus fand Timor-Leste damit den Anschluss an die große Gemeinschaft der Portugiesisch sprechenden Länder weltweit. Für Osttimors Vater der Unabhängigkeit, Xanana Gusmão, ist diese Sprache Ausdruck der osttimoresischen Identität – einer Identität, die eben auch geprägt sei durch die portugiesische Kolonialherrschaft.

Timor-Leste ist ein junges Land. Eine eigene osttimoresische Identität hat sich vor allem infolge des Widerstands gegen die brutale Einverleibung durch Indonesien herausgebildet. Nachdem das Ziel – die Unabhängigkeit – erreicht war, ringt das Land heute mit der Aufgabe, seine Identität als Staat und Nation zu festigen. 

Portugiesisch, das in Osttimor eine identitätsstiftende Funktion übernehmen soll, wird bislang nur von einer Minderheit gesprochen und verstanden. Für das Gros der Bevölkerung, besonders für die junge Generation, die unter der Herrschaft Indonesiens aufgewachsen ist, ist Indonesisch die geläufige Sprache. Als Lingua franca hat sich die lokale Sprache Tetum – genauer deren kreolische Variante Tetum Praca, die viele Wörter aus dem Portugiesischen und dem Indonesischen aufgenommen hat – über die Jahrhunderte etabliert. Für gut 40% der Bevölkerung ist Tetum Muttersprache. Als Schriftsprache ist sie bislang jedoch nur mäßig standardisiert. Insgesamt gibt es im kleinen Timor-Leste mindestens 17 Sprachen, ungezählt der verschiedenen Dialekte. In der Verfassung erfahren sie neben Tetum als „andere nationale Sprachen“ Anerkennung und Wertschätzung. Bei der Volkszählung 2010 wurde die Bevölkerung nach ihrer jeweiligen Muttersprache erfasst. Die Erhebung erfasste 32 lokale Sprachen plus Portugiesisch, Indonesisch, Englisch, Malaiisch, Chinesisch und andere mehr. Die einzelnen lokalen Sprachen und Dialekte sind meist geografisch gebunden. Die Regionalsprachen sind fast alle austronesisch (z.B. Mambai, Kemak, Galoli), doch gibt es auch drei Papua-Sprachen in Osttimor (Makassae, Bunak, Fataluku). 

Sprachenvielfalt in Osttimor: Portugiesisch, Bunak, Tetum, Fataluku.
Sprachenvielfalt in Osttimor: Portugiesisch, Bunak, Tetum, Fataluku. @ Joao Paulo T. Esperanca
Die Sprachen Timors, @ Jezeichnet von J. Patrick Fischer 2006, Wikipedia

Religion

Lebendiger Glaube © Monika Schlicher
Don Bosco Mission
Don Bosco Mission © Henri Myrttinen
Gottesdienst in der Kathedrale
Gottesdienst in der Kathedrale zum 10. Jahrestag der Unabhängigkeit 2012 © Jörg Meier
Heilige Häuser in den Bergen
Heilige Häuser in den Bergen © Henri Myrttinen
Mittler zur spitituellen Welt © Anna Voss
Messe zum 25. Jahrestag des Massakers vom Santa Cruz Friedhof am 12. November 2016 © Monika Schlicher
Moschee in Dili
Moschee in Dili © Monika Schlicher

97,6% der Osttimoresen bekennen sich zum katholischen Glauben. Die Kirche ist die einflussreichste Organisation in Timor-Leste. Zahlreiche Ordensgemeinschaften sind zum Teil schon über Jahrhunderte auf der Insel tätig. Zu den Bekanntesten zählen Salesianer, Jesuiten, Carmeliter und die Canossianer Ordensschwestern. Kirche und Orden haben ein Netzwerk an Sozialen Diensten, sie unterhalten Schulen und Ausbildungszentren, Gesundheitsstationen und Waisenhäuser. Sie engagieren sich bei der Überwindung von Gewaltstrukturen zum Aufbau einer friedensfähigen Gesellschaft. 

Während der portugiesischen Kolonialzeit war die katholische Kirche eine tragende Säule der Diktatur und lediglich 20-25% der Menschen konnte zu diesem Glauben bekehrt werden. Erst unter der indonesischen Besatzung entwickelte sich die katholische Kirche in Osttimor zum Zufluchtsort und Sprachrohr der Bevölkerung. Führer der katholischen Kirche war bis November 2002 Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo. Unermüdlich setzte er sich für Frieden und Gerechtigkeit ein.1996 erhielt er zusammen mit dem Diplomat José Ramos-Horta den Friedensnobelpreis. Gesundheitliche Probleme zwangen Bischof Belo dazu, sein Amt nach 19 Jahren niederzulegen. Sein Nachfolger in der Diözese Dili wurde Bischof Alberto Ricardo da Silva, der im April 2015 verstarb. Im Februar 2016 ernannte Papst Franziskus den Salesianer Priester Virgilio do Carmo da Silva zum Bischof. Das Bistum Baucau leitet seit 1996 Bischof Basilio Nascimento. 2010 entstand ein drittes Bistum in Maliana, im Westteil des Staates, geleitet von Bischof Norberto do Amaral (*1956). Die Kirche in Timor-Leste ist direkt dem Vatikan unterstellt. Im August 2015 feierte sie im Beisein von Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär des Vatikans, die Ankunft von christlichen Missionaren auf der Insel vor 500 Jahren. Der Vertreter des Vatikans unterzeichnete mit der Regierung von Timor-Leste ein Konkordat. "Der katholische Glaube und die portugiesische Sprachen sind zwei Elemente, die unsere Identität als Nation geprägt haben", betont der damalige Premierminister Rui de Araujo, der zur Ratifizierung des Abkommens über die Grundlagen der Beziehungen zwischen Timor-Leste und dem Heiligen Stuhl im März 2016 in Rom von Papst Franziskus empfangen wurde.

Parallel dazu haben sich viele nichtchristliche Glaubensvorstellungen, Mythen und Riten erhalten und mit dem neuen, katholischen Glauben verwoben. Sie werden in mündlicher Überlieferung weitergegeben. Timor wird auch das Land des schlafenden Krokodils genannt. Dieser Name geht zurück auf den Schöpfungsmythos: ein Krokodil wurde zur Insel Timor und hat den Menschen das Land gegeben. Da sich die tödlichen Übergriffe auf Menschen in den vergangenen Jahren häuften, möchte die Regierung mit einer Krokodilfarm die Gefahr eindämmen. Dies läuft dem tief verwurzelten Glauben entgegen. 

Viele Orte und Objekte gelten als lulik (sakral). Die Geister der Ahnen zählen gleichfalls zur Gemeinschaft und ihre Bedürfnisse sind zu berücksichtigen. Tieren, wie Büffeln und Hähnen, kommt in den Mythen eine besondere Rolle bei. Gelebten Ausdruck finden die Mythen und Riten durch Lieder und Tänze und werden so lebendig gehalten und weitergegeben. Die Geschichte des Widerstandes gegen die indonesische Fremdherrschaft hat ebenfalls Eingang in Lied und Schriftgut wie Gedichte und Romane gefunden.

Daneben gibt es eine kleine Gemeinschaft von Moslems, Protestanten (auch Evangelikale), Buddhisten und Hindus. Timor-Leste ist ein säkularer Staat und achtet im Großen und Ganzen die Religionsfreiheit.

Bildung

Zu Zeiten der portugiesischen Kolonialherrschaft war das Bildungswesen in Osttimor ein gänzlich vernachlässigter Bereich. Die Analphabetenrate lag bei 95-98%. Während der indonesischen Herrschaft wurde das Land mit Grundschulen überzogen, das schulische Niveau blieb jedoch, auch im Vergleich zu anderen „Provinzen“ Indonesiens, äußerst niedrig. Die Lehrer waren mehrheitlich Indonesier (rund 75%). 1999 konnten rund 49% der Bevölkerung nicht lesen und schreiben, wobei die Analphabetenrate bei Mädchen und Frauen deutlich höher lag.  Nach dem Votum für die Unabhängigkeit zerstörten Milizen mit Unterstützung des indonesischen Militärs nahezu alle Schulen im Land.

Erst Mitte 2001 konnte der Schulbetrieb in Osttimor wieder aufgenommen werden. Das Bildungswesen musste komplett neu aufgebaut werden: Nicht nur Schulen mussten gebaut und ausgestattet werden, sondern es galt, Lehrinhalte zu entwickeln und vor allem Lehrer auszubilden. Dem nicht genug, stellte die Umstellung auf die neue Unterrichtssprache Portugiesisch Lehrer wie Schüler vor größte Herausforderungen. Portugal und die portugiesischsprachigen Länder fördern die Lehrerausbildung und haben Lehrer nach Timor-Leste geschickt, gleichwohl engagieren sich zahlreiche nichtstaatliche Organisationen und Staaten in der Förderung des Bildungswesen. Die katholische Kirche und Ordensgemeinschaften unterhalten zahlreiche Schulen, mehr als 15% aller Schulen werden von den Salesianern Don Boscos geleitet. Jesuiten und Maristen engagieren sich auch in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern, die Einrichtungen der Salesianer zur Berufsbildung genießen sehr hohes Ansehen.

Der Unterricht wird vielerorts noch mehr schlecht als recht auf Portugiesisch abgehalten; zu Hause und im Alltag sprechen die Kinder Tetum oder eine der anderen Sprachen. Trotz vielem, was im Bildungsbereich seither geleistet wurde, sanken das Niveau und die Qualität. Nur die Hälfte aller Schulgänger beendet die Grundschule.

Vor einigen Jahren ging man deshalb dazu über, es den Schulen frei zu stellen, die Kinder in den ersten Klassen auf Tetum zu unterrichten. Doch das Niveau blieb weiterhin bescheiden. Durchschnittlich brauchen die Kinder 11,2 Jahre, um die 6. Klasse abzuschließen, so der Strategic Plan for Education 2011 – 2030 des Bildungsministeriums. Über 70% der Schülerinnen und Schüler beenden die Schule vor der 9. Klasse, die höchsten Abgangsraten verzeichnen die ersten beiden Klassen. Die Kinder haben Schwierigkeiten, den Stoff zu erfassen und verlieren das Interesse am Lernen, da sie in einer Sprache unterrichtet werden, der sie nicht mächtig sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Erhebung, die von einem timoresischen Team von Experten mit Hilfe der NGO BELUN durchgeführt wurde. Eine ihrer wesentlichen Empfehlungen lautet daher, die Kinder in den ersten Jahren in ihrer Muttersprache zu unterrichten. Das berge für die Kinder die besten Voraussetzungen und würde es auch den Eltern ermöglichen, ihre Kinder zu Anfang auf dem schulischen Weg besser zu begleiten. Tetum und Portugiesisch sollen als 2. und 3. Sprache gelernt werden.

Im April 2010 hat der Nationale Bildungsrat daher eine Task Force gebildet und die Empfehlung aufgegriffen. Ein Netzwerk für die Förderung von multilingualer Bildung, dem neben dem Ministerium und der Nationalen Kommission der UNESCO auch zahlreiche lokale und internationale NGOs angehören, wurde gebildet. In 12 ausgewählten Schulen in drei Distrikten wurde das neue Konzept als Pilotprojekt ausprobiert. Das Vorhaben sorgte für heftige Kontroversen. Es löste in der Bevölkerung die Angst aus, die Einheit und Identität des Landes zu gefährden. Das Ergebnis ist jedoch sehr vielversprechend. Die Schülerinnen und Schüler schneiden im Vergleich zu denen der regulären Schulen deutlich besser ab. 

Mit Unterstützung des World Food Programmes hat das Bildungsministerium an allen Schulen im Land kostenlose Schulspeisungen eingeführt. Diese dienen der vollwertigen Nahrungsversorgung der Schülerinnen und Schülern. Sie sollen Unterernährung entgegen wirken, die Lernfähigkeit verbessern und auch die lokale Nahrungsproduktion in Timor-Leste fördern. Wie Evaluierungen zeigen, wirkt sich die Schulspeisung positiv auf die Anwesenheitsrate der Schulkinder aus.

Das Programm der Regierung (2015-2017) sieht die Einrichtung von mindestens 250 Vorschulen vor, um den Kindern einen guten Start und eine bessere Chance zu geben, erfolgreich die Schule zu durchlaufen. Die Initiative der Regierung “Eskola Foun” ("Neue Schule", kinderfreundliche Schulen) wird in Zusammenarbeit mit UNICEF durchgeführt. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen unterstützt den Bau von Vorschulen, die Ausstattung und die Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen. In der Ausbildung von Fachkräften für frühkindliche Erziehung sind die lokalen Organisationen Alola und Ba Futuru aktiv.

Das Land verfügt über 14 Universitäten, die internationalen Qualitätsstandards noch nicht entsprechen. Die wichtigste ist die staatliche Universidade Nacional de Timor-Leste (UNTL). In Gemeinden richtet die Regierung Bildungszentren ein, die sich mit ihren Programmen an Menschen richten, die unzureichend lesen und schreiben können. Auch lokale Organisationen, wie Fundação Lafaek Diak (Das gute Krokodil) fördern die Lesefähigkeit der Generation 45+ durch die Verteilung von Lesebrillen. 

Speziell an Kinder aus Bauernfamilien der ländlichen Regionen richtet sich das Angebot des Kunstzentrums Berliku Fanu Rai. Durch musikalische Weiterbildung erfahren die Schüler*innen des Berliku Lian Orchester eine persönliche Entwicklung.   

Die Regierung stellte 2017 lediglich 7,9% (2015: 2,7%) des Staatshaushaltes für Bildung zur Verfügung. Auskunft zu Aufgaben und Zielen im Bildungsbereich gibt das Programm der 6. Regierung von Timor Leste 2015-2017. Der von UN Population Fund, UNICEF und der Regierung Timor-Lestes 2018 gemeinsam herausgegebene Bericht zum Bildungsstand der Bevölkerung zeigt, dass zunehmend mehr Kinder Zugang zu einer schulischen Ausbildung erhalten: Die Anzahl der Menschen ohne Bildungsabschluss hat sich seit der Volkszählung 2004 fast halbiert, von ursprünglich 49 Prozent der Bevölkerung auf aktuell 26 Prozent. Weiterhin bestehen bleibt eines der Hauptprobleme, dass Schüler oft das empfohlene Alter für ihren Bildungsgrad überschreiten. Eine frühzeitige Förderung der schulischen Laufbahn und ein gleichberechtigter Zugang zur Bildung, wie es sich die Regierung Timor-Lestes durch die Agenda 2030 zum Ziel gesetzt hat, sind noch nicht erreicht. Große Defizite gibt es auch bei benachteiligten Personengruppen, was sich dort an der geringen Alphabetisierungsrate zeigt.

Eine Lehrerin unterrichtet Kindern in der Grundschule
In der Grundschule Credit: GPE/Tara E. O'Connell, creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/
Wieder Lesen können mit neuen Brillen © Fundação Lafaek Diak

Geschlechterverhältnis und geschlechterspezifische Gewalt

Amelia de Jesus, Polizistin bei der Vulnerable Person's Unit setzt sich ein gegen häusliche Gewalt
Amelia de Jesus, Polizistin bei der Vulnerable Person's Unit, 2014 ausgezeichnet mit dem Gender Equality Advocate Award des Secretary of State for the Promotion of Equality in Timor-Leste © UN Women

Mit wenigen Ausnahmen sind die Kulturen in Timor-Leste patrilinear, und dies spiegelt sich in einer patriarchalischen Sozialstruktur wider: der Mann steht im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses, Frauen gelten als wenig wichtig und ihr Raum ist im Privaten angesiedelt. Sie gehen, oftmals nach Zahlung eines Brautpreises, in die Familie des Mannes über und haben traditionell kein Recht auf Landbesitz. Es ist der Verdienst von Frauen, die engagiert für ihre Rechte eintreten, dass in der Gesetzesvorlage zu Landrechten das Prinzip der Gleichheit der Rechte von Männern und Frauen auf Grundbesitz aufgenommen wurde.

Gesetzlich ist die Gleichstellung der Geschlechter in der Verfassung festgeschrieben, die Aufgabe besteht nun darin, diese mit den sehr starken Gewohnheitsrechten und den sozialen Lebenswelten in Einklang zu bringen.

Das völkerrechtliche bedeutendste Menschenrechtsinstrument für Frauen ist das Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW). Der Fachausschuss der Vereinten Nationen für die Überwachung der Umsetzung hat in seiner 62. Sitzung im Oktober/November 2015 den 2. und 3. Periodischen Bericht von Timor-Leste behandelt und umfangreiche Empfehlungen zur Verbesserung der Gleichstellung und zur Beseitigung von Diskriminierungen von Frauen ausgesprochen.

Timor-Leste unterhält ein Secretary of State for the Support and Socio-Economic Promotion of Women. Gemeinsam mit UN Women ist es aktiv in der Förderung von Frauenrechten und Gleichberechtigung. Als dritter Staat in Asien, nach den Philippinen und Indonesien, hat Timor-Leste im April 2016 einen Nationalen Aktionsplan für Frauen, Frieden und Sicherheit, basierend auf der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats verabschiedet. 2017 hat das Land einen zweiten, überarbeiteten Nationalen Plan (2017 - 2021) vorgelegt. Er gibt der Regierung Anleitung in ihrem Handeln zur Prävention und Bekämpfung von geschlechterbasierter Gewalt. Im Dezember 2018 hat die Regierung gemeinsam mit der Asia Foundation die innovative mobile Anwendung und Website Hamahon ("Schutz geben") für Frauen und Kinder, die von Gewalt betroffen sind, eingeführt. Betroffene sollen damit leichter Zugang zu Unterstützungsdiensten erhalten.

Im regionalen und internationalen Vergleich haben Frauen in Timor-Leste relativ guten Zugang zu politischen Ämtern. Dank eines Quotensystems – jede dritte Kandidatin auf jeder Liste muss weiblich sein – hat Osttimors Parlament einen Frauenanteil von 38 Prozent. Auch leiten Frauen mehrere Ministerien. Ganz anders sieht das Bild auf Gemeinde- und Dorfebene aus, wo die Traditionen noch sehr stark sind: Von den 442 Dörfern (Suco, kleinste administrative Einheit) und 2.225 Dorfgemeinschaften (Aldeias) werden nur 2 % von Frauen geführt. Ein neues Gesetz, verabschiedet im Juli 2016, verlangt bei Suco- und Aldeiawahlen nun je eine weibliche Kandidatin. Bei der Sucowahl im Oktober 2016 traten bereits 319 Frauen an, ihnen standen 1.752 Männer gegenüber. „Ich habe Selbstvertrauen, um in der Wahl zu kandidieren, weil ich fühle, dass ich es kann“, so Otilia Lemos Ximenes. Sie ist eine der 54 Kandidatinnen, die von der Alola Foundation auf ihr Aufgaben vorbereitet wurde. Das Training bezog auch die Familien der Frauen mit ein, damit die Frauen die nötige Unterstützung erhalten. Zahlreiche Organisationen engagierten sich im Aufbau von Führungskompetenzen und Schlüsselqualifikationen für die Kandidatinnen. 21 Frauen wurden 2016 zu Chefe de Suco gewählt.

Während der Besatzung durch Indonesien 1975 – 1999 wurden unzählige Frauen und Mädchen Opfer sexualisierter Kriegsgewalt. Eine juristische Aufarbeitung ist bislang nicht erfolgt. Mit einer öffentlichen Anhörung hat die nationale Wahrheitskommission den Frauen eine Stimme und Anerkennung gegeben, gleichwohl für das Thema Bewusstsein geschaffen. Doch weiterhin erfahren die Opfer soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung und haben nur sehr begrenzt Zugang zu medizinischen, psychologischen, reproduktiven und psychiatrischen Diensten oder Behandlung, wie u.a. CEDAW, der Fachausschuss der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, mit Besorgnis anmahnt. Mit partizipativen Methoden hat die Asosiasaun Chega! ba ita (ACbit) zusammen mit der National Victims’ Association (NVA) und der Frauenrechtsorganisation Fokupers mit Frauen, die geschlechterspezifische Gewalt erleben mussten - sowohl während der Besatzung als auch im heutigen Timor-Leste - gearbeitet. Die Frauen haben dadurch Stärkung erfahren. Sie konnten Ursachen für die Gewalt herausarbeiten und gesellschaftliche Hindernisse zur Überwindung sowie ihre Bedarfe nach Unterstützung benennen.  Gemeinsam mit anderen NGOs lud ACbit zum 7. Dezember 2018 in Baucau zu einen Gedenkmarsch mit Überlebenden von sexualisierter Kriegsgewalt ein im Rahmen der 16-tägigen Kampagne gegen geschlechterspezifische Gewalt. Während des historischen Stadtrundgangs lernten die rund 100 Beteiligten aus der Geschichte und den Erfahrungen der Frauen. Wenn es zwischen dem Militär und den Widerstandskämpfern in den Bergen schlecht lief, wurden oft die Frauen bestraft. Viele der Überlebenden wurden vom indonesischen Militär gefoltert und vergewaltigt. "Warum wertet die Regierung unseren Kampf nicht? Wir hatten keine Waffe in der Hand, aber wir gaben Körper und Geist, um unsere Nation zu verteidigen ", sagte Maria Da Gloria Lemos, eine Überlebende auf der Tour. 

Hoffnungen auf Gleichstellung der Geschlechter mit Erreichen der Unabhängigkeit haben sich für Frauen nicht erfüllt: Im Gegenteil, sie wurden wieder „unsichtbar“, ihr Beitrag im Widerstand fand kaum Erwähnung und Anerkennung. Sie müssen erneut für ihre Rechte kämpfen und eintreten.

Seit 1999 ist häusliche und geschlechterspezifische Gewalt ein Thema von hoher gesellschaftlicher Brisanz. Häusliche Gewalt ist in Timor-Leste kein neues Phänomen, doch erst mit der Unabhängigkeit wurde das Ausmaß sichtbar. Noch immer nehmen weite Teile der Gesellschaft – Frauen wie Männer – es nicht unbedingt als Gewalt wahr: Männer sehen es als ihr Recht an, Frauen mit Gewaltanwendung zu erziehen, Frauen betrachten es als einen zu akzeptierenden Bestandteil ihres Ehelebens und auch gegenüber Kindern ist Gewalt das Erziehungsmittel. Werte und Traditionen haben sich über die Jahrhunderte und durch Fremdbestimmung langsam zum Negativen verändert. Die patriarchalisch geprägte Kultur wurde von der portugiesischen Kolonialmacht und der katholischen Kirche noch verfestigt. Während der indonesischen Besatzung war Gewalt alltäglich. Gewaltanwendung ist heute Teil einer normalisierten Männlichkeitsstruktur.

2010 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das häusliche Gewalt unter Strafe stellt. Ein großer Verdienst liegt bei NGOs, die sich dafür stark gemacht haben (das Frauennetzwerk Rede Feto, die Frauenorganisation Fokupers, die Rechtsorganisation JSMP u.a.). Die UN und zahlreiche internationale Organisationen leisten technische Hilfe, fördern mit Programmen Geschlechtergerechtigkeit und unterstützen Kampagnen gegen Gewalt lokaler Akteure. Einen innovativen Ansatz bietet das Projekt Futuru Di'ak (Gute Zukunft), das Frauen, die Opfern von häuslicher Gewalt wurden, wirtschaftlich handlungsfähig macht. Die NGO Ba Futuro nutzt u.a. das Medium Film, um Einstellungen und Verhalten bei jungen Menschen zu verändern: Die Unterhaltungsserie Domin Nakloke behandelt Themen wie häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung, Schwangerschaft bei Teenagern, Geschlechtergleichheit und gesunde Beziehungen.

Das Wissen und Bewusstsein, dass Gewalt in der Familie keineswegs normal ist, nimmt zu. Obgleich Fälle von sexueller Gewalt von den Gerichten in Timor-Leste noch unzureichend verhandelt werden, so hat die Justiz in den vergangenen Jahren durchaus Fortschritte gemacht. Der Prozess der Veränderung hat erst begonnen.

"Liebt die Familie - stoppt häusliche Gewalt" Kampagnenmaterial der Frauenrechtsorganisation FOKUPERS
"Liebt die Familie - stoppt häusliche Gewalt" Kampagnenmaterial der Frauenrechtsorganisation FOKUPERS © Fokupers
"Stoppt die Gewalt",  Kampagnenmaterial der Organisation Ba Futuru, unterstützt vom  Auswärtigen Amt und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)
"Stoppt die Gewalt", Kampagnenmaterial der Organisation Ba Futuru, unterstützt vom Auswärtigen Amt und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) © Foto Monika Schlicher

Geschlechtervielfalt/LGBTQI*/Homosexualität

Osttimors erste Pride Parade, Juni 2017 © Clementino Amaral

Gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung kämpfen transidente Menschen (Transgender) und Homosexuelle an. Rund 500 Menschen nahmen Ende Juni 2017 an der ersten LGBT Pride Parade in der Hauptstadt Dili teil. Unterstützung bekamen sie von Premierminister de Araujo: In einer Videobotschaft forderte er die Bevölkerung auf, eine integrative Nation zu schaffen und Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Geschlechteridentitäten zu akzeptieren. Für die Aktivist*innen war die Parade ein Meilenstein in ihrem Ringen um Anerkennung.

Mit dem Film „The Road to Acceptance“, erschienen 2018 mit Unterstützung der Produktionsfirma PixelAsia, hat die Jugendorganisation Hatutan Youth verschiedene LGBTI-Personen dokumentiert. Der Film ist ein Zeugnis der Fortschritte im Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen, die schwul, lesbisch oder bisexuell sind, die sich im falschen Körper fühlen oder die sich keinem eindeutigen Geschlecht zuweisen möchten. 

Asiens jüngste Nation setzt ein Zeichen der Hoffnung für eine Region, in der die Rechte von LGBTI in vielen Staaten erheblich in Frage gestellt sind. 

Das Länderinformationsportal

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Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Mai 2019 aktualisiert.

Die Autorin

Monika Schlicher kennt das Land noch aus der Zeit, als es völkerrechtswidrig von Indonesien besetzt war. Sie studierte Geschichte und Politik Südostasiens an der Universität Heidelberg und promovierte 1995 über die portugiesische Kolonialpolitik in Osttimor. Bei Watch Indonesia! e.V. arbeitete sie von 1997 bis 2012. Heute leitet sie die Stiftung Asienhaus. Seit 2001 bereitet sie Fachkräfte bei der Akademie für internationale Zusammenarbeit der GIZ auf das junge Land vor.

Lesetipps und weiterführende Literatur

Gesellschaft, Kultur & Religion

  • Demetrio do Amaral de Carvalho (Ed.): Local Knowledge of Timor Leste!, UNESCO 2011
  • Josh Trindade: Lulik: The Core of Timorese Values, 2012
  • Land and Life in Timor-Leste: Ethnographic Essays, Edited by Andrew McWilliam and Elizabeth G. Traube, 2011, ANU E Press

Bildung und Sprache

Gender

  • Lesenswert zum Thema Gender und Gesellschaft sind die Beiträge "Frauen und Landrechte" , "Häusliche Gewalt ist nicht Teil unserer Tradition!" und die Interviews zu Entwicklung und Wandel in dem politischen Lesebuch "Die Freiheit für die wir kämpfen...", Osttimor in der Unabhängigkeit. Herausgegeben von H. Myrttinen, M. Schlicher und M. Tschanz, Berlin 2011
  • Eine sehr gute Übersicht bietet das Nabilan Programm der Asia Foundation
  • GIZ: Gesichter und Geschichten:Timor-Leste: Jacinta de Sousa Pereira, „Superwoman“
  • Das Schweigen ist gebrochen: Geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen in Timor-Leste, Blickwechsel, Stiftung Asienhaus, Jan. 2017
  • Rede Feto and ASEAN SOGIE Caucus: A Research Report on the Lives of Lesbian and Bisexual Women and Transgender Men in Timor-Leste, 2017
  • This is me!, Identities of Timor-Leste,  Tiago Rodrigues da Costa, Ethos Magazin, Jan 2019

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