Pakistans Jugend im Bazar
Anteil alphabetisierte Erwachsene
54,9 (2015)
Bedeutende Religion
Islam, ca. 95 %
Städtische Bevölkerung
38,3 (2015)
Lebenserwartung
66,2 (2015)
Gender Inequality Index
Rang 121 von 155 (2014)
Anzahl der Geburten
3,7 pro Frau (geschätzt, 2015)
Kindersterblichkeit
69 / 1000 Lebendgeburten

Bunte Gesellschaft

Eine fünftausendjährige Regionalgeschichte von unterschiedlichen Hochkulturen, Eroberungs- sowie Einwanderungswellen und damit einhergehenden geistigen und kulturellen Einflüssen hat die auf ca. 190 Millionen angewachsene Bevölkerung Pakistans zu einer hochkomplexen Gesellschaft geformt. Auf den ersten Blick erscheint Pakistan als ein bewegtes Kaleidoskop verwirrender kultureller und gesellschaftlicher Formen und Farben. Ein übersichtliches Bild der pakistanischen Gesellschaft zu zeichnen fällt zunächst nicht leicht. Wenn man sich allerdings längere Zeit mit Land und Leuten beschäftigt und in dieser vielfältigen Gesellschaft lebt, werden die sozialen und kulturellen Zusammenhänge und Strukturen sichtbarer und verständlicher.

Bildung

Gemäß des Global Education Monitoring Reports 2016 der UNESCO stellen sich die Bildungserfolge Pakistans relativ schwach dar. Die Einschulungs- und Alphabetisierungsrate Pakistans zählt zu den niedrigsten der Welt. Lediglich rund 60 Prozent der Bevölkerung (Frauen: 46%) können lesen und schreiben. Die Bedingungen für Mädchenbildung in den Provinzen Khyber Pakhtunkhwa und Baluchistan sind besonders besorgniserregend, die Alphabetisierungsratem für Frauen und Mädchen sind hier besonders niedrig. Diese Situation ist auf die chronische Unterfinanzierung des Bildungssektors, insbesondere der Grundbildung, in Pakistan zurückzuführen. Nur etwas über zwei Prozent des Bruttosozialprodukts werden in Bildung investiert. Die pakistanische Zivilgesellschaft fordert seit Jahren eine Verdoppelung des Haushalts für den Bildungssektor. Weiterhin bleiben große Diskrepanzen in der Alphabetisierungs- und Bildungspolitik zwischen Provinzen sowie zwischen ländlichen und städtischen Gebieten bestehen.

Mit der 18. Verfassungsänderung im April 2010 wurde die Zuständigkeit für den Bildungssektor auf die Provinzen übertragen. Das Ministry of Federal Education and Professional Training auf der Bundesebene koordiniert nicht nur die internationalen Geber, sondern bildet auch eine Plattform für Informationsaustausch und Synergie innerhalb der Provinzen. Nachdem der Bildungssektor dezentralisiert worden ist, konnte ein Anstieg der Ausgaben für den Bildungssektor seit dem Haushaltsjahr 2013/14 verzeichnet werden. In Khyber Pakhtunkhwa wurde der Haushalt für Bildung sogar verdoppelt.

Das pakistanische Bildungssystem spiegelt die anhaltende soziale Ungleichheit in der Gesellschaft wider. Es existieren drei Bildungsstränge, die sich an jeweils verschiedene soziale Schichten wenden. Das formale staatliche Schulwesen (1.-12. Klasse) zeichnet sich durch Qualitätsmängel aus und geographische Differenzen aus. Es wird von einem privaten Schulsystem in zumeist städtischen Gebieten ergänzt. Viele privaten Schulen stellen hochqualitative und international wettbewerbsfähige Bildung für die obere Mittelschicht und Oberschicht zu Verfügung. Oft schließen die Schüler/innen mit einem britischen Abschluss  (O- und A-Levels) ab. Zusätzlich existieren die sogenannten Madrassas (religiöse Schulen), welche den Bedarf der unteren sozialen Schichten für kostenfreie Bildung, oft mit freier Unterkunft und Verpflegung, abdecken. Diese Madrassas werden normalerweise von lokalen Gemeinschaften verwaltet und allein durch Spenden finanziert. Der Unterricht der Madrassas beschränkt sich überwiegend auf Lesen und Schreiben und religiöse Inhalte. Eine Regulierung der zahlreichen Madrassas (mehr als 13.000) und eine Angleichung der Lehrpläne an die staatlichen Standards wird seit Jahren diskutiert, stößt allerdings auf Widerstand seitens der zentralen Madrassaverwaltung. Diese Madrassareform ist allerdings unumgänglich und wird immer wieder zu einem Politikum in den medialen Diskursen um das Thema Terrorismus und Extremismus, weil einige Madrassas im Nordwesten Pakistans sowie im Südpunjab eine bedeutende Rolle in der radikal-islamischen Indoktrinierung und der Rekrutierung von Extremisten gespielt haben.

Vor diesem Hintergrund konzentriert sich der deutsche entwicklungspolitische Beitrag im Grundbildungssektor auf  Bildungsplanung, Entwicklung von Lehrplänen und Schulbüchern sowie Lehrerfortbildung, um sowohl eine Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen als auch eine Steigerung der Bildungsqualität zu erwirken.

Gesundheit

Pakistan steht in seiner sozialen Entwicklung inklusive des Gesundheitsbereiches vor zahlreichen Herausforderungen. Die gesundheitsrelevanten Millenniumsentwicklungsziele hat das Land bis Ende 2015 nicht erreichen können. Im Index der menschlichen Entwicklung (HDI 2015) belegt Pakistan Platz 147 von 188 Ländern und schneidet damit im regionalen Vergleich schlecht ab. Die allgemeine Lebenserwartung beträgt 66,2 Jahre (UNDP, Human Development Report 2015). Pakistan hat eine schnell wachsende Bevölkerung. Etwa 35 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt – viele junge Menschen haben keine Aussicht auf eine Arbeit. Eine weitere Folge des Bevölkerungswachstums ist die zu intensive Nutzung der knappen natürlichen Ressourcen, insbesondere der Agrarflächen und des Wassers. Herausforderungen bestehen insbesondere in den Bereichen Familienplanung, Kindersterblichkeit, Mutter-Kindgesundheit und Ernährungszustand; kombiniert mit sozialen Problemen wie z.B. der Stellung der Frau, Gewalt gegen Frauen in der pakistanischen Gesellschaft sowie dem Mangel an Bewusstsein für HIV/AIDS trägt diese Situation zu einer mangelhaften Gesundheitsversorgung besonders von Frauen und Kindern bei.Die offizielle HIV/AIDS-Quote von Erwachsenen zwischen 15 und 49 Jahren beträgt 0,1% (Worldbank 2014).

Zwar hat die aktuelle Regierung die staatlichen Ausgaben für Gesundheit deutlich gesteigert, doch sie sind weiterhin zu niedrig, um eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten. Die öffentlichen Gesundheitsausgaben in Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen 0,92% (Worldbank 2014). Qualität und Erreichbarkeit öffentlicher Gesundheitsdienstleistungen sind in Pakistan vergleichsweise gering. In der Folge erkranken immer noch viele Menschen an Krankheiten wie Polio, die anderswo nahezu ausgerottet sind. Der Anteil der einjähringen Kinder, die eine Impfung geben Diphterie, Keuchhusten oder Tetanus erhalten, beträgt 73% (Worlbank 2014).  Die Mütter- und Kindersterblichkeitsrate gehört zu den höchsten weltweit. Die Anzahl der Kinder, die vor dem fünften Lebensjahr versterben, beträgt pro 1.000 Lebendgeburten 81,1% (Worldbank 2015). Und auch die Anzahl der Mütter, die während der Schwangerschaft oder Geburt ihrer Kinder sterben, ist enorm hoch (pro 100.000 Lebendgeburten versterben 178 Frauen; Worldbank 2015). Der Anteil der Schwangeren, die medizinisch betreut werden, beträgt 73,1%. Alternative Angebote einer medizinischen Versorgung gibt es – wenn überhaupt – nur durch private Anbieter, die profitorientiert arbeiten und keiner staatlichen Kontrolle unterliegen. Zahlungskräftigen Patienten stehen Kliniken mit internationalem Standard zur Verfügung. Wie in anderen Entwicklungs-und Transformationsländern ist allerdings die Mehrheit der Bevölkerung medizinisch schlecht versorgt.

Deutsche Entwicklungszusammenarbeit im Gesundheitssektor

Bis 2020 unterstützt Deutschland Pakistan dabei, die medizinische Grundversorgung zu verbessern. Ziel des deutschen Engagements ist es, die medizinische Grundversorgung zu stärken und Qualitätsanforderungen für den kommerziellen Gesundheitssektor zu definieren. Darüber hinaus fördert Deutschland Programme zur Bekämpfung von Tuberkulose, zur reproduktiven Gesundheit und Familienplanung sowie zur Einrichtung eines landesweiten Systems sicherer Bluttransfusionen. Das deutsche Engagement umfasst unter anderem auch die Entwicklung und Einführung eines Krankenversicherungssystems, und die Aus- und Fortbildung von Gesundheitsmanagern und medizinischem Personal. Darüber hinaus fördert Deutschland Programme zur reproduktiven Gesundheit und Familienplanung sowie zur Bekämpfung der Kinderlähmung (Polio).

Anschläge auf Impfzentren

Mitte Januar 2016 wurden bei einem Selbstmordanschlag auf ein Impfzentrum in Quetta mindestens 15 Menschen getötet, darunter zwölf Polizisten. Anschläge gegen Impfteams sind seit vielen Jahren in Pakistan bekannt; in diesem Fall handelte es sich um Impfungen gegen Kinderlähmung. Islamisten und Taliban sehen in dem Impfprogramm Aktionen westlicher Geheimdienste und befürchten, dass es sich bei den Impfungen in Wahrheit um die Sterilisierung der Kinder handelt. Das Impfprogramm wurde bis auf weiteres eingestellt. Im Januar 2016 hatte Pakistan ebenfalls eine Polio-Impfkampagne für mehr als zwei Millionen Kinder unter fünf Jahren gestartet. 

Geschlechterverhältnis

Frauen unter sich ©Susanne Thiel
Männer unter sich ©Susanne Thiel

Die soziale Gliederung nach Alter, Schicht und Geschlecht findet sich in jeder Gesellschaft. Welche Werte und Rollenerwartungen allerdings den Geschlechtern zugeschrieben werden, ist vom soziokulturellen, ökonomischen und politischen Kontext der jeweiligen Gesellschaft abhängig. In der pakistanischen Gesellschaft variiert das Geschlechterverhältnis (und hierbei sprechen wir von mehr als zwei anerkannten Geschlechtern in Pakistan) zwischen den Regionen, den sozioökonomischen Schichten und innerhalb des Stadt-Land-Gefälles sehr stark.

Überraschend mag zunächst die Tatsache erscheinen, dass einfache Bauernfrauen im Punjab und Sindh eine höhere Stellung in ihrer sozialen Umgebung genießen, als die Frauen des unteren und mittleren Bürgertums der gleichen Region. Frauen im ländlichen Umfeld arbeiten tagtäglich auf den Feldern, sind mobil und tragen somit zum Einkommen der Familie bzw. des Haushalts bei. "Purdah" (wörtlich: Vorhang) ist ein stark verbreitetes soziales Konzept, dass die Teilung zwischen öffentlichem und privatem Raum vorgibt. Oft schränkt dies pakistanische Frauen der (unteren) Mittelschicht in ihrer physischen wie sozialen Mobilität ein.

Pakistan ist eine patriarchale Gesellschaft, in der entsprechende Werte Ausdruck in lokalen Traditionen, in der Religion und in der Kultur finden. Oft werden frauendiskriminierende Praktiken mit Hilfe von Religion und lokaler Stammestradition – vornehmlich von Männern (sei es auf Dorfebene oder durch islamistische Parteien im Parlament) - legitimiert. Gleichzeitig befindet sich die pakistanische Gesellschaft in einem rasanten Umbruchs- und Transformationsprozess. Die Urbanisierung und Medialisierung der pakistanischen Gesellschaft begleitet von wachsendem Bildungsbürgertum und dem Bewusstsein für die Gleichstellung von Mann und Frau bzw. von Geschlechtern führt zu einem sehr veränderten Bild von Frauen in den Städten.

Frauen und Arbeit in Pakistan

Frauen-Cricketteam
Pakistanische Frauenmanschaft im Cricket (Foto: paddynapper,CC BY-SA 2.0)
Sharmeen Obaid Chinoy
Dokumentarfilmemacherin und Oscarpreisträgerin, Sharmeen Obaid Chinoy (Foto: World Economic Forum, CC BY-SA 2.0)

Der weibliche Wirkungsbereich in der Öffentlichkeit und die Möglichkeit der Berufstätigkeit pakistanischer Frauen ist in hohem Maße abhängig von der Geschlechtertrennung ('Purdah'). Große Unterschiede bezüglich der beruflichen Möglichkeiten bestehen aber auch je nach Zugehörigkeit zur sozialen Schicht und entsprechend der Einkommensverhältnisse der gesamten Familie. Außerdem ist die Ausgangslage für Frauen bei der Stadt- im Gegensatz zur Landbevölkerung völlig unterschiedlich. In Beluchistan und Khyber Pakhtunkhwa gibt es aufgrund nur vereinzelt vorkommender städtischer Zentren eine niedrige industrielle Entwicklung und kaum Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen. Im Sindh und Punjab existieren Gesellschaftssysteme, die auf Landwirtschaft basieren. Durch die städtischen Zentren und die größte industrielle Entwicklung in diesen beiden Provinzen besteht jedoch für eine größere Anzahl von Frauen die Chance, schulische und berufliche Bildung zu erhalten. Aber auch die Zugehörigkeit zu den jeweiligen ethnischen Gruppen kann die beruflichen Aussichten einer Frau beeinflussen. Durch die stammesgesellschaftliche Orientierung der Belutchen und Pakhtunen spielen die Frauen in der Öffentlichkeit eine geringe Rolle und sind im Berufsleben spärlich vertreten.

Über den Beitrag von Frauen zur ökonomischen Produktion des Landes wird wenig berichtet und er wird nicht adäquat in den Statistiken berücksichtigt. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass die meisten Frauen im informellen Sektor oder im Agrarsektor beschäftigt sind. Aus diesem Grund hat u.a. die International Labour Organisation (ILO) ein Projekt initiiert, dass die Wahrnehmung von arbeitenden Frauen in den Medien verändern soll.

Der Erwerbstätigenanteil pakistanischer Frauen gehört zu den niedrigsten in der ganzen Welt und nur ein sehr kleiner Prozentsatz der berufstätigen Frauen hat Gelegenheit, in prestigebringenden Berufen, z.B. als Lehrerin oder Ärztin, zu arbeiten. Die Chance einen Beruf auszuüben, bietet sich ihnen meist am unteren und nur - zu einem sehr geringen Teil - am oberen Ende der sozioökonomischen Skala. Es stehen in Pakistan so unterschiedliche Bilder nebeneinander wie das der Straßenkehrerin, das der in Purdah lebenden Frau, die sich mit Heimarbeit auf das eigene Haus beschränkt, und das der Frauen aus bedeutenden Familien, die durch die Macht und das Ansehen ihres sozialen Umfelds in die Öffentlichkeit hinaustreten und berühmt werden konnten. Die bekanntesten Namen sind Begum Rana Liaquat Ali Khan, die Frau von Pakistans erstem Premierminister, die 1954 eine der ersten Botschafterinnen überhaupt war. Oder Mohtarma Fatima Jinnah, Schwester des Staatsgründers Muhammad Ali Jinnah, die 1965 als Präsidentschaftskandidatin aufgestellt wurde. Und auch Benazir Bhutto, ehemalige Führerin der Pakistans People Party (PPP) und zweimalige Premierministerin des Landes konnte diesen Erfolg nur als Zulfikar Ali Bhuttos Tochter erringen.

Frauen aus der intellektuellen städtischen Mittel- und Oberschicht haben die günstigsten Ausbildungs- und Berufsaussichten. Ihre Lebensumstände gleichen sich in allen Landesteilen mehr, als die Lebensumstände von Frauen aus ärmeren Schichten oder den ländlichen Gebieten der gleichen Provinz. Bei der Mittel- und Oberschicht findet sich am ehesten innovatives Verhalten hinsichtlich weiblicher Schulbildung. Die Art der Erziehung und Beschäftigung der Familienmitglieder vermehrt das Ansehen der Familie und hebt ihren Status. Frauen aus diesen privilegierten Schichten haben Zugang zu Universitätsbildung und können meistens einen Beruf ihrer Wahl ergreifen. Auf dieser Ebene der sozioökonomischen Skala hat ein großer Zuwachs in den lehrenden und medizinischen Berufen stattgefunden. Ungefähr ein Drittel aller Lehrer und ein Fünftel aller Ärzte sind Frauen. Der Bedarf an Lehrerinnen und Ärztinnen erklärt sich aus der Geschlechtertrennung der pakistanischen Gesellschaft. Auch in der extrem konservativen Provinz Khyber Pakhtunkhwa sind die meisten Frauen auf medizinische oder lehrende Berufe beschränkt, aber immerhin gibt es einige praktizierende Rechtsanwältinnen.

Wirtschaftliche Notwendigkeit öffnet die „Purdah-Tür“ einen Spalt: Nach einer Schätzung sind in den städtischen Zentren Frauen aus wirtschaftlich schwächeren Schichten zu 25 Prozent im Dienstleistungsgewerbe tätig. Die meisten von ihnen als Kehrerinnen in Krankenhäusern, Büros und auf den Straßen; als Bedienstete in Schulen, Hotels und Krankenhäusern sowie als Personal in den verschiedenen häuslichen Tätigkeitsbereichen. Die Zahl der Fabrikarbeiterinnen ist ansteigend, vor allem in den Bereichen Textilienproduktion, Pharmazeutika-Herstellung und der Packerei, in Karachi auch in der Fischindustrie. Diese Beschäftigungen lassen sich zwar alle in die traditionellen Tätigkeiten für Frauen einreihen, sind aber mit wenig Prestige verbunden, weil sie außerhalb des eigenen Hauses für fremde Menschen ausgeführt werden und bei deren Ausübung die Trennung von männlichen Arbeitnehmern nicht beibehalten werden kann. Diese berufstätigen Frauen haben nicht die Möglichkeit, sich die Beschäftigung nach dem Grad des damit verbundenen Ansehens auszusuchen, sie müssen den Beruf aus wirtschaftlicher Notwendigkeit ausüben. Der ökonomische Druck ist stärker als die kulturellen Restriktionen, die Frauen in ihre eigenen Häuslichkeiten verweisen und Männern die Pflicht auferlegen, allein für ihre Familien zu sorgen. Hohe Haushaltskosten, auch bedingt durch die große Kinderzahl, müssen durch zusätzliches Einkommen der Frauen und teilweise auch der Kinder abgedeckt werden.

Mit der Liberalisierung der Medien finden vermehrt Frauen Jobs im Mediensektor, obgleich dieser männerdominiert ist und die Bedingungen nicht unbedingt positiv sind (geringe Bezahlung, unregelmäßig Arbeitszeiten, Bedrohung kritischer Medienvertreter durch konservative Kräfte, usw.). Trotzdem erhöht sich die Zahl der im Mediensektor arbeitenden Frauen,. Viele möchten dazu beitragen, dass z.B. zu Themen wie Gewalt gegen Frauen oder Frauen in Konfliktzonen berichtet und ihrer Meinung Stimme verliehen wird. Um sich gegenseitig zu unterstützen, vernetzen sich pakistanische Journalistinnen auch mit ihren Kolleginnen in den Nachbarländern.

In den Großstädten Pakistans sind Frauen in den verschiedensten Sektoren tätig, zu denen Medien- und Dienstleistungsbereiche, Gesundheits.- und Bildungsinstitutionen gehören, aber auch Kunst, Kultur, Fashion, und Sport bis hin zu neuerdings der pakistanischen Luftwaffe. Auch sind es viele Frauenaktivistinnen insbesondere in den Großstädten, die sich um die sozialen und politischen Belange von Frauen kümmern.

Sozialstrukturen

Soziale Gliederungsprinzipien in Pakistan beruhen auf Regionalität und Lokalität, auf Ethnizität, Verwandtschaft und Sprache, auf Religion und Weltanschauung, Zugang zu knappen Ressourcen, und schließlich auf Bildungsstand, Beruf, Erwerbszweigen und Kontrolle von Produktionsmitteln. Die soziale Identität des Menschen wird von einer Vielzahl solcher Kriterien gleichzeitig geprägt und wird je nach Lebenssituation unterschiedlich aktiviert.

Vier große und zahlreiche kleine und kleinste ethnische Gruppen finden sich in Pakistan. Zu den großen gehören die Punjabis, Sindhis, Baluchis und Paschtunen (in den frühen ethnographischen Aufzeichnungen der britischen Kolonialbeamten wurden sie Pathanen genannt). Eine fünfte Gruppe wird oft nciht explizit genannt, weil sie über das Land verteilt lebt und daher kartographisch schwer zu fassen ist: die Mohajir (spr. "mohadschir"), das sind die Muslime aus Indien, die bei der Teilung des Subkontinents 1947 teils freiwillig, teils als Flüchtlinge nach Pakistan gekommen sind. Auch ihre Nachkommen werden heute noch so bezeichnet, oft in abfälliger Konnotation. Die politisch korrekte Bezeichnung ist "Urdu-speaking community". Bei näherem Hinsehen stellt man auch fest, dass sich ein Begriff wie "die Punjabis" doch eher auf eine regionale und sprachliche Einheit bezieht, die sich ihrerseits in zahlreiche ethnische Berufsgruppen, wie z. B. Gujar (spr. "Gudschar"), Awan etc. untergliedert. Die begriffliche Grenze zwischen ethnischer Gruppe, Kaste, Clan und Lokalgruppe ist nur schwer zu ziehen.

Detaillierte Informationen über sprachliche und ethnische Hintergründen finden sich in der ausführlichen Liste von etwa 66 Sprachen und entsprechenden ethnischen Gruppen in Pakistan in Ethnologue: Languages of the World. 

Soziale Beziehungen und Gruppierungen sind in Pakistan stark vertikal, also hierarchisch orientiert. Das Über- und Untereinander ist meist wichtiger als das Neben- und Miteinander. Das gilt für das Familienleben ebenso wie für die Verhältnisse im Dorf, in der städtischen Nachbarschaft oder in Betrieb und Büro. Echte Teamarbeit im Projekt zu entwickeln kann daher eine Herausforderung bedeuten.

Typisch für das hierarchische Prinzip in südasiatischen Gesellschaften ist auch das Kastensystem.  Nach der islamischen Staatsdoktrin Pakistans wurden Kasten zwar abgeschafft, ihre alte Struktur ist in der Gesellschaft aber noch nachzuweisen. Dazu gehört das Phänomen der Bildung von endogamen hochspezialisierten Berufsgruppen, in die man hineingeboren wird, die zu verlassen schwierig ist, und die als "höher" oder "niedriger" bzw. "rein" und "unrein" eingestuft werden. Die Zugehörigkeit zu diesen Berufsgruppen ist in Pakistan noch weit verbreitet.

Besonders bei den Paschtunen in Khyber Pakhtunkhwa und den Baluchen in Baluchistan, aber auch in den Provinzen Sind und Punjab, finden sich Stammesstrukturen, die zwar in sich auf einem egalitären sozialen Gliederungsprinzip auf genealogischer Grundlage fußen, aber durch Überlagerung auch zu hierarchischen Verhältnissen führen können. Die Analysen "Tribes and Society in Pakistan" geben Aufschluss über diese gesellschaftlichen Gliederungsprinzipien. 

Der Islam als Staatsreligion

Islamische Architektur © Susanne Thiel
Gleich ruft der Muezzin © Susanne Thiel
Freizeit nach dem Freitagsgebet © Susanne Thiel
Heiligengräber in Multan © Susanne Thiel

Der Islam ist Pakistans Staatsreligion, nur ca. 5 % der Bevölkerung gehören Gruppen von Christen, Hindus, Sikhs oder Parsen an. Die Religion bestimmt große Teile des gesellschaftlichen Lebens, wirkt aber auch immer wieder stark in politische Bereiche hinein. Neben den islamischen Grundlagen und den fünf Grundpfeilern der Religion stellt sich der Islam in Pakistan äußerst vielfältig dar, wobei zwischen den orthodoxen Rechtsschulen der Sunna und Shia einerseits und einer Vielzahl von heterodoxen, volksreligiösen und mystischen Richtungen andererseits unterschieden werden muss.

Der mystische Islam, auch Volksislam genannt, hat sich zu Sufi-Orden, den tariqah organisiert und spielt neben den orthodoxen islamistischen Parteien und Gruppierungen eine wesentliche soziale und politische Rolle in Staat und Gesellschaft. Die beiden größten Sufi-Orden sind der Qadiriyah- und der Naqshbandiyah- Orden. Ein auch für Besucher deutlich sichtbarer Ausdruck von Mystik und Volksfrömmigkeit sind die Heiligenverehrung an den Tausenden von Schreinen im ganzen Land und die bunten, meist ekstatisch fröhlichen Heiligenfeste, urs (wörtlich „Hochzeit"), die einmal im Jahr an fast jedem dieser Schreine stattfinden. Auch wenn manche Frömmler und Eiferer öffentlich gegen diesen facettenreichen und unkontrollierbaren Volksislam wettern, so sehen die meisten Pakistanis zwischen Orthodoxie und Heterodoxie keinen Widerspruch, sondern verstehen beide als Aspekte einer umfassenden und vielseitigen Religion.

Der Staatsgründer  Mohammad Ali Jinnah, selbst Angehöriger der muslimischen konfessionellen Minderheit der Ismaeliten, sah Pakistan nicht als einen islamischen Staat, sondern als einen Staat der Muslime und der Anhänger aller anderen Religionen, die hier friedlich und gleichberechtigt zusammenleben sollten.  Jedes pakistanische Schulkind lernt diesen Grundsatz Jinnahs, der die Staatsform prgäen sollte, aber die rechtliche und soziale Wirklichkeit in Pakistan ist davon noch recht weit entfernt.  

Die größte muslimische konfessionelle Minderheit sind die sogenannten Zwölfer Schiiten oder Imamiten  (15-20 % der Gesamtbevölkerung). Leider werden von politischen Akteuren angebliche konfessionelle Differenzen immer wieder dazu missbraucht, Hass und Gewalt zwischen unaufgeklärten Bevölkerungsgruppen zu säen.  Damit beschäftigt sich auch der BBC-Artikel  Pakistan's Sunni-Shia  Divide.

Eine Untergruppe der Schiiten, die Ismaeliten, auch Siebener Schiiten, oder Agha Khani genannt, leben in einigen nordpakistanischen Bergtälern, z. B. in Hunza, als arme Bergbauern, viele sind aber auch  in den Großstädten als tüchtige  Händler, Unternehmer, Rechtsanwälte zu  Ansehen und Wohlstand gelangt.

Die muslimische Gemeinschaft der Ahmadis (in Pakistan oft als "Qadianis" bezeichnet), die erst im 19. Jh. entstanden ist, hat in Pakistan vielfach unter Verfolgungen und  Diskriminierungen zu leiden, weil orthodoxe Populisten immer wieder gegen sie Hetzkampagnen entfachen, um in der wenig aufgeklärten Mehrheitsbevölkerung politische Pluspunkte zu gewinnen.  Auf der offiziellen Ahmadiya-Webseite, die es auch in deutscher Sprache gibt, wehren sie sich u. a. gegen  den Vorwurf der Apostasie (Abfall vom "einzig wahren" Glauben).

Die meisten pakistanischen Christen gehören eher zu den unterprivilegierten Gruppen der Bevölkerung; sie sind in Südasien seit frühchristlicher Zeit nachgewiesen.  Die Christen betreiben einen eigenen Nachrichtendienst, die Christian Post, der Pakistan Christian Congress will für alle Christen des Landes sprechen.

Auch die pakistanischen Hindus, von denen viele in abgelegenen Teilen des Sindh leben, gehören zum wirtschaftlich benachteiligsten Segment der Bevölkerung.

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im November 2016 aktualisiert.

Über die Autorin

Susanne Thiel ist seit den 1990er Jahren im Rahmen der Internationalen Zusammenarbeit tätig. Sie hat mehrere Jahre in Pakistan und Afghanistan gelebt und gearbeitet. Zu ihren Spezialgebieten gehören Themen wie Frieden und Sicherheit, Entwicklungszusammenarbeit in fragilen Kontexten und islamischen Ländern, Bildung und Gender. Zurzeit ist sie als freie Gutachterin und Autorin von Fachpublikationen tätig. Seit 2004 arbeitet sie für die AIZ als Landesanalyse-Tutorin, interkulturelle Trainerin und Länderredakteurin.  

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