"Intore": Traditioneller Tanz der Krieger, Foto: J.Nshimyumukiza, Feb. 2016
Alphabetisierte Erwachsene
68,3% (HDR 2018)
Bedeutende Religionen
Christentum ca. 90 % (überw. rk.), Islam ca. 5 %
Städtische Bevölkerung
28,8 % (2018)
Lebenserwartung (w/m)
69,6 / 65,3 Jahre (HDR 2018)
Gender Inequality Index
0.381 (HDR 2018)
Anzahl der Geburten
4,1 / Frau (2015)
Kindersterblichkeit
29,2 / 1000 Lebendgeburten (HDR 2018)

Soziale Struktur

Ethnizität

Das Land wird von drei Bevölkerungsgruppen bewohnt. Den Bahutu, die Schätzungszahlen nach 80-90 % der Bevölkerung ausmachen, den Batutsi (ca. 10-20 %) und den Batwa mit circa 1 %. Die Bezeichnung "Ethnie" ist für die Charakterisierung der ruandischen Bevölkerungsgruppen wissenschaftlich nicht korrekt. Bei "Hutu" oder "Tutsi" handelt es sich auch nicht um verschiedene Stämme, wie es in zahlreicher Literatur zu lesen ist. Sie sprechen die gleiche Bantusprache, "Kinyarwanda", bilden eine gemeinsame Sozialstruktur und teilen religiöse Überzeugungen. Sie haben die gleiche Kultur und eine gemeinsame Geschichte. Auch eine bestimmte regionale Herkunft wird keiner der drei Gruppen zugeordnet. Alle wohnen auf den Hügeln Grundstück an Grundstück, Tür an Tür, Eheschließungen zwischen Hutu- und Tutsifamilien sind auch keine Seltenheit. Tatsächlich ist jedoch im Laufe der Geschichte ein "ethnisches" Bewusstsein und eine Identifikation mit einer der Gruppen entstanden.

Sprache

Muttersprache nahezu aller Ruander ist die Bantusprache Kinyarwanda. Die weit überwiegende Mehrheit der Einwohner beherrscht ausschließlich diese Sprache. Weitere offizielle Amtssprachen waren seit der belgischen Kolonialzeit Französisch und seit 1994 zunehmend Englisch. Französisch und Englisch wurden im Jahr 1994 gleich gestellt. Im Oktober 2008 hat, durch einen Regierungsbeschluss, Englisch die Oberhand als Amtssprache gewonnen und Französisch aus allen offiziellen Sprachbereichen verdrängt. Seitdem wird in staatlichen Schulen und Hochschulen nur noch Englisch als erste Fremdsprache gelehrt. Die ruandische Regierung begründet die Umstellung der offiziellen Landessprache von Französisch auf Englisch mit wirtschaftlichen Vorteilen. Die Integration des Landes in eine globalisierte Weltwirtschaft würde dadurch erleichtert. Insbesondere wird die Sprachumstellung als logische Folge des Beitritts Ruandas Mitte 2007 zur Ostafrikanischen Staatengemeinschaft (East African Community - EAC), deren ursprüngliche Mitglieder Uganda, Tansania und Kenia englischsprachig sind, angesehen. Ruanda, sowie das zweite Beitrittsland Burundi, hoffen als kleine, dichtbesiedelte Binnenstaaten, von einer EAC-Zollunion - einer geplanten politischen Föderation einschließlich eines gemeinsamen Marktes für die Region, mit einer Bevölkerung von ca. 135 Millionen Menschen -  zu profitieren.

Die praktische Umsetzung der Sprachumstellung bleibt jedoch mit Schwierigkeiten verbunden da die meisten Lehrkräfte traditionell frankophon sind. Ferner sehen sich viele - mehrheitlich in Ruanda ausgebildete - frankophone Ruander gegenüber einer kleineren, im englischsprachigen ugandischen Exil aufgewachsenen Elite, sowohl auf dem zunehmend englisch-dominierten privaten Arbeitsmarkt als auch im Wettbewerb um entscheidungsrelevante Posten im Staatsdienst benachteiligt.

Die Zurücksetzung der französischen Sprache wird auch als Konsequenz von eher schwierigen Beziehungen zwischen Frankreich und Ruanda nach 1994 angesehen, welche von der Rolle Frankreichs als Hauptverbündeter des früheren Regimes vor und während des Völkermords geprägt wurden. Mit dem Beitritt zum Commonwealth im Jahr 2009 hat Ruanda die Orientierung zur Staatengemeinschaft mit englischem Einfluss verstärkt.

In den Handelszentren wird auch das ebenfalls zu den Bantusprachen gehörende regional verbreitete Kiswahili gesprochen.

Gruppenidentität

Die Auseinandersetzung mit der Umgangssprache und Begriffen aus der ruandischen Sprache der Gegenwart verdeutlicht, dass zusätzlich zu den Gruppenbezeichnungen Hutu und Tutsi heute weitere Begriffe die soziale Identität widerspiegeln.

Die durch den Völkermord hervorgerufenen Flüchtlingsströme haben die Bildung neuer Solidargemeinschaften innerhalb der ruandischen Gesellschaft, entlang der bestehenden Ethnien, zur Folge. Ein gemeinsamer Leidensweg erweist sich dabei als Bindeglied innerhalb der jeweiligen Bevölkerungsgruppe. So unterscheidet man zwischen Alt- und Neuflüchtlingen, Rückkehrern und Daheimgebliebenen. Als Altflüchtlinge bezeichnet man die aus den Nachbarländern zurückgekehrten Langzeitflüchtlinge, überwiegend aus dem Jahr 1959 und danach. Diese sind zwar alle Tutsi-Rückkehrer, werden aber, nach Herkunftsgastland (Abasajja aus Uganda, Abajepe aus Burundi und Abadubai aus der DR Kongo), in drei Hauptuntergruppen gegliedert.

Bei den Neuflüchtlingen handelt es sich um Hutu-Flüchtlinge aus dem Jahr 1994. Besondere Aufmerksamkeit bekamen jene, die infolge des Einmarsches der ruandischen Armee ins damalige Zaire im Jahr 1996 aus dem Ost-Kongo zurückgeführt wurden. Diese relativ große – nicht homogene Gruppe – wurde unter der umgangssprachlichen Bezeichnung „Abatingitingi“ (genannt nach der geographischen Lage eines großen Flüchtlingslagers in Ost-Kongo) bekannt.

Die zahlenmäßig größte Bevölkerungsgruppe stellen Ruander, die nicht oder nur innerhalb des Landes vertrieben worden sind. Sie wurden, insbesondere in den ersten Jahren, unmittelbar nach dem Völkermord mit dem -umgangssprachlichen Begriff- „Abasopecya“ in Anlehnung an eine während des Massakers von April bis Juli 1994 wochenlang als einzige in Kigali noch funktionierende Tankstelle bezeichnet. Durch diese Benennung, die mit negativen Ressentiments behaftet ist, wurden Angehörige dieser Kategorie identifiziert und entsprechend mit Misstrauen bedacht, da sie pauschal mit einer Beteiligung am Völkermord in Verbindung gebracht wurden. 

Stadt-Land-Verhältnis

Die Bevölkerung lebt ungefähr zu 75 % in ländlichen Gebieten. Die städtische Bevölkerung, deren Zahl infolge der Landflucht kontinuierlich zunimmt, lebt häufig in einer ungesicherten Existenz. Nur der kleinere und gut ausgebildete Anteil findet einen festen Arbeitsplatz. Der Traum vom geregelten Einkommen und einer angemessenen Wohnsituation endet für viele in den einfachen Unterkünften der städtischen Randzonen.

Zur Steuerung des Urbanisierungsprozesses formuliert die ruandische Regierung ihre Pläne in der “National Urban Housing Policy“, welche derzeit konsequent umgesetzt wird. Informelle Siedlungen sind in Ruanda, im Gegensatz zu vielen Großstädten in den Nachbarstaaten, nicht weit verbreitet. Einfachste Häuser bestehen in der Regel aus luftgetrockneten Lehmziegelwänden und Wellblechdach. Auch bei der relativ schnellen Stadtvergrößerung spielen Slumviertel eine eher untergeordnete Rolle. Strenge Maßnahmen gegen die Verbreitung neuer informeller Siedlungen sind an der Tagesordnung, bereits bestehende werden sogar teilweise abgerissen. Neue Baugebiete werden eher von modernen Wohnsiedlungen, und nicht selten auch Villenvierteln, dominiert.

Der ruandische Arbeitsmarkt wird von der Landwirtschaft dominiert. Darin sind 73 % aller Beschäftigten tätig. Zahlen zur Arbeitslosigkeit haben in einem nach wie vor großen nicht-monetären Produktionsbereich (informeller Sektor) keine bedeutende Aussagekraft. Von der gesamten Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (d.h. im Alter von 16 Jahren und älter) sind - laut offiziellen Daten aus der letzten Volkszählung (August 2012)- 74 % erwerbstätig. Die Arbeitslosigkeit wird eher als ein städtisches Phänomen gesehen. In städtischen Gebieten liegt sie bei 7,7 %, und somit doppelt so hoch wie auf nationaler Ebene (3,4 %). Im ländlichen Raum geht das Nationale Institut für Statistiken in Kigali von einer Arbeitslosenrate von 2,6 % aus. Junge Menschen (16-35 Jahre) sind am meisten betroffen. Um den Kontakt zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitgebern zu erleichtern, wurde das KESC (Kigali Employment Service Center) gegründet. Das von der Stadt Kigali, in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Ministerium für Öffentliche Dienste und für Arbeit initiierte Zentrum bietet den Arbeitssuchenden zusätzliche Hilfestellung in Form von Beratung und Training. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) begleitet das Vorhaben als Entwicklungspartner.

Familie und Frauen

Baby wird von der Schwester auf dem Rücken getragen
Baby wird von der Schwester auf dem Rücken getragen © C. Nkulikiyinka

Im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens steht immer noch die Großfamilie mit ihren traditionellen Solidarstrukturen, die für die ärmeren Bevölkerungsschichten einen Schutz vor Verelendung und Hunger bilden.

Eine ruandische Familie hat im Durchschnitt fünf Kinder. Kinder gelten traditionell als Segen und Glück und tragen zum Ansehen der Frau in der Gesellschaft bei. Sie sind unerlässliche Arbeitshilfe im Haushalt und in der Landwirtschaft, werden aber auch als Altersvorsorge verstanden. Die generell extrem große Bevölkerungsdichte des Landes sowie die damit verbundene Familienplanungspolitik der Regierung führen jedoch zunehmend zu einem Umdenken in der Gesellschaft. So lässt sich im Laufe der letzten Jahre ein nennenswerter Rückgang bei der Geburtenrate beobachten.

Männer, Frauen und Kinder teilen sich die Arbeit im bäuerlichen Familienbetrieb. Der größte Anteil der Arbeit in Haus und Hof entfällt dabei auf die Frauen. Sie müssen Nahrungsmittel erwirtschaften und sind für die Kindererziehung zuständig.

Frauen traten in der traditionellen Gesellschaft Ruandas in der Öffentlichkeit nicht hervor. Bis auf Ausnahmefälle war die ruandische Frau ihrem Mann oder Vater unterstellt und durfte sich in Anwesenheit von Männern nicht zu Wort melden. Ihr Einflussbereich und ihre Macht lagen in der Familie. Heute ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft nicht mehr so stark von Traditionen geprägt.

Der Genozid im Jahr 1994 hinterließ hunderttausende von Witwen und Waisenkindern. Das hat die Rolle der Frauen in der ruandischen Gesellschaft nachhaltig verändert. Viele Frauen mussten, da ihre Männer und Väter getötet worden waren oder im Gefängnis saßen, plötzlich die Aufgaben des Familienoberhauptes übernehmen. Frauen konnten früher nicht erben oder Familienoberhaupt werden. Diese Regelung wurde mittlerweile durch die neue Gesetzgebung aufgehoben. Auch in anderen Bereichen ist der Staat seitdem bemüht, den Frauen gleiche Rechte wie Männer einzuräumen. Die neue Verfassung aus dem Jahr 2003 weist deutlich frauenfreundliche Züge auf. Mindestens 30 % aller Posten in Entscheidungsgremien müssen an Frauen vergeben werden. So beträgt heute beispielsweise der Frauenanteil im Parlament 64 %, womit Ruanda weltweit an der ersten Stelle steht. Auch in der Wirtschaft ist die Bedeutung der Frauen entsprechend gewachsen.

Viele Frauen leiden jedoch - infolge des Völkermordes - bis heute unter extrem schweren posttraumatischen Belastungen.

Bildungswesen

gestappelte Schulbücher in einer Sekundarschule. . Foto: J.Nshimyumukiza, 2013
Schulbücher in einer Sekundarschule. Foto: J.Nshimyumukiza, 2013
Englisch-Schulbuch. Foto: J. Nshimyumukiza, 2013
Englisch lernen in einer Sekundarschule. Foto: J. Nshimyumukiza, 2013
Stundenplan auf eine Schwarztafel in einer Sekundarschule. Foto: J.Nshimyumukiza, 2013
Stundenplan in einer Sekundarschule. Foto: J.Nshimyumukiza, 2013
Ein englisches u. ein französisches Wortberbuch nebeneinander. Foto: Jacques Nshimyumukiza, 2013
Englisch und Französisch parallel im Schulunterricht. Foto: Jacques Nshimyumukiza

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde unter dem Einfluss der überwiegend katholischen Missionare ein Schulsystem aufgebaut, das sich noch bis in die 70er Jahre am europäischen Schulwesen orientierte. Lernziele und Unterrichtsmethoden basierten auf dem belgischen Schulsystem. Mit der 1979 durchgeführten Schulreform hat prinzipiell der Staat die Schulhoheit übernommen und, zumindest theoretisch, die allgemeine Schulpflicht für alle Kinder zwischen 7 und 12 Jahren eingeführt. Bildungsträger blieben jedoch großenteils kirchliche Einrichtungen.

Das ruandische Bildungswesen gliedert sich seitdem in eine eher rudimentäre Vorschulerziehung, eine verpflichtende Primarschulbildung, auf der das, für einen kleinen Anteil von Bewerbern vorbehaltene, Sekundarschulwesen und schließlich die Hochschulbildung aufbauen.

Seit der Zeit des Völkermords im Jahr 1994 hat es auch im Bildungsbereich inzwischen weitreichende Veränderungen gegeben. Insbesondere im Zuge des Beschlusses der mittelfristigen nationalen Entwicklungsstrategie (Vision 2020) wurde der Bildung eine Schlüsselrolle für die Entwicklung des Landes zugeordnet. Dabei setzt die Regierung auf eine grundlegende Transformation von einer agrargeprägten zu einer wissensbasierten Gesellschaft. So zählt die Einführung der "Nine Years basic education" (9YBE) im Jahr 2009 - eine verpflichtende 9-jährige Grundbildung, welche mittelfristig auf 12 Jahre (12YBE) erweitert werden soll -  zu den wichtigsten Reformen der letzten Zeit. Das aktuelle Bildungssystem weist einige Neuerungen auf, wie die 2008 stattgefundene Umstellung der Haupt-Unterrichtssprache von Französisch auf Englisch, das - ebenfalls im Jahr 2008 gegründete - "WDA"; eine eigenständige Behörde zur Intensivierung von Berufsausbildung, sowie der im Jahr 2013 durchgeführte Zusammenschluss aller staatlichen Hochschulen.

Die Einschulungsrate liegt inzwischen bei über 95 %. Aufgrund der hohen Geburtenrate laufen die Schulbaumaßnahmen jedoch ständig der Bevölkerungsentwicklung hinterher, was häufig zu völlig überfüllten Klassenräumen führt. Als Lösungsansatz setzt die Regierung bei neuen Schulbaumaßnahmen auf Bürgerbeteiligung in Form von unbezahlter Eigenleistung von Gemeindemitgliedern, während von staatlicher Seite lediglich Baumaterial zur Verfügung gestellt wird. Ferner bleiben unzureichende Unterrichtsmittel sowie insbesondere die geringe Qualifikation des Lehrpersonals herausfordernd und sind Hauptursachen für schwache Schulabschlüsse bzw. das allgemein niedrige Bildungsniveau.

Klassenraum einer Sekundarschule © J. Nshimyumukiza
Klassenraum einer Sekundarschule © J. Nshimyumukiza

Im Hochschulsektor sind sowohl staatliche als auch private Bildungsinstitute zu finden. Im Jahr 2013 hat die Regierung einen Zusammenschluss aller öffentlichen Hochschulen bekannt gegeben. Dies hat zu einer einzigen staatlichen Hochschule, der University of Rwanda, bestehend aus sechs Colleges mit etwas mehr als 31000 Studenten (Stand 2016), geführt. Zuvor war die "Université Nationale du Rwanda" in Huye (früher Butare) die größte Hochschule mit einem breiteren Spektrum an Fachbereichen. Weitere wichtige staatliche Hochschulen waren die technische Hochschule, Kigali Institut of Science and Technology (KIST), und die für das Lehramt zuständige Hochschule, das Kigali Institut of Education (KIE). 

Einige (18 - Stand 2016) private Hochschulen ergänzen das Angebot im Bereich der Hochschulbildung. Die meisten davon sind in den letzten Jahren mit minimaler Ausstattung gegründet worden. Nahezu alle studienberechtigten Ruander streben einen Hochschulabschluss an. So bieten die ausgebuchten privaten Hochschulen den Unterrichtsbetrieb in zwei Schichten an, sodass zahlreiche Berufstätige einem Hochschulstudium während ihrer Freizeit nachgehen. Die Bildungsqualität leidet insbesondere unter unzureichend qualifizierten Lehrkräften.

Gesundheitswesen

Referenz-Krankenhaus von Butare im Süden Ruandas, Foto: J.Nshimyumukiza, Sept. 2012
Referenz-Krankenhaus von Butare im Süden Ruandas, Foto: J.Nshimyumukiza, Sept. 2012
Referenz-Krankenhaus von Butare (CHUB) im Süden Ruandas, Foto: J.Nshimyumukiza, Sept. 2012
CHUB, Innenhof, Foto: J.Nshimyumukiza
CHUB, Einrichtungen, Foto: J.Nshimyumukiza
CHUB, Einrichtungen, Foto: J.Nshimyumukiza
CHUB, Einrichtungen, Foto: J.Nshimyumukiza
CHUB, Einrichtungen, Foto: J.Nshimyumukiza
CHUB, Patientenwarteraum, Foto: J.Nshimyumukiza
CHUB, Patienten-Warteraum, Foto: J.Nshimyumukiza

Die detaillierte Struktur des ruandischen Verwaltungsaufbaus ist gleichzeitig Grundlage des Aufbaus des Gesundheitswesens. An der Spitze stehen vier Provinzen sowie die eigenständig verwaltete Hauptstadt Kigali. Diese fünf übergeordneten Gebiete werden bis in die untersten Verwaltungseinheiten in 30 Distrikte, 416 Sektoren, 2.148 Zellen und 14.980 Gemeinden, auch Umudugudu genannt (Mehrzahl: Imidugudu), unterteilt. Dem angepasst standen im Jahr 2015 (einige neue Einrichtungen sind in der Bauphase), für die gesundheitliche Grundversorgung der Bevölkerung landesweit 5 Referenz- u. 42 Distriktkrankenhäuser sowie etwa 525 Gesundheitszentren zur Verfügung. Zusätzlich ist ein Netzwerk aus etwa 60.000 Gesundheits- und SozialarbeiterInnen unterstützend tätig. Jeder Distrikt verfügt demzufolge mindestens über ein regionales Krankenhaus, deren Einzugsbereich ca. 300.000 Einwohner umfasst. Heute bestehen in fast jedem Sektor ein bis zwei Gesundheitszentren, die ca. 20.000 Menschen versorgen müssen.

Der Mangel an qualifiziertem Personal stellt das wichtigste Handicap dar; für ca. 15.000 Menschen stehen im Schnitt nur ein/e Arzt/Ärztin und 12 Pflegekräfte zur Verfügung. Weitere Grundprobleme des ruandischen Gesundheitswesens sind die nicht ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser sowie die durch Mangel- und Fehlernährung bedingten Krankheiten. Infektions- und parasitäre Krankheiten treten in erheblichem Umfang auf und verursachen die meisten Sterbefälle. 

Staatliche Bemühungen der letzten Jahre haben landesweit zu verbesserten Bedingungen geführt. Insbesondere im Hinblick auf die Senkung hoher Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit werden bemerkenswerte Erfolge beobachtet. In diesem Bereich hat Ruanda - aus Sicht des UNDP - die Millennium-Entwicklungsziele erreicht. Auch im Bereich der Bekämpfung von Malaria sind Erfolge zu verzeichnen. Malaria ist zwar noch weit verbreitet, rangiert jedoch inzwischen - im Hinblick auf Häufigkeit und Ursache von Sterbefällen - hinter Grippe, Masern, Erkrankungen der Atemwege, Hautinfektionen sowie Magen- und Darmerkrankungen.

Die HIV-Prävalenz an der Gesamtbevölkerung wird mit dem Durchschnittswert von 3 % angegeben; sie liegt bei der städtischen Bevölkerung höher als in ländlichen Gebieten.

Musik, Literatur und Kunst

Traditioneller Paartanz, dargestellt vom Nationalballett
Traditioneller Paartanz, dargestellt vom Nationalballett © ORTPN

Zu den traditionellen Kunstformen in Ruanda gehören Musik, Tanz und Poesie in der einheimischen Sprache Kinyarwanda. Sie sind integraler Bestandteil der ruandischen Gesellschaft bei Zeremonien, Festivals sowie unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenkünften. Auch hier verlieren traditionelle Kunstformen zu Gunsten von zeitgenössischen Einflüssen zunehmend an Bedeutung. Während der Tanz traditionell bei allen Anlässen spontan und von Emotionen geleitet von allen ausgeführt wurde, wird heute traditioneller Tanz, begleitet von Gesang, Klatschen, Trommeln und Schellen, bei Familienfeiern und feierlichen offiziellen Anlässen von Tanzgruppen vorgeführt.

Regionale Besonderheiten sowie traditionelle gesellschaftliche Prägungen (populär oder königlich bzw. mit Einflüssen von Ackerbauern, Jägern oder Rinderhirten) bieten eine gute Diversität der Darbietungen. Zu den häufig vorgeführten Choreographien zählen diverse Musik- und Tanzdarbietungen. Diese bestehen u.a. aus dem Umushagiriro, einem von Frauen vorgeführten langsamen eleganten Tanz, welcher traditionell von einem Lobgesang auf Kühe begleitet wird. Wichtige Bestandteile einer traditionellen kulturellen Vorführung sind außerdem Volkstänze, bestehend aus hochkomplexen Tanzchoreographien wie dem schnelleren, von Männer vorgeführten Ikinimba, welcher Themen des Alltags darstellt sowie aus diversen harmonischen rhythmischen Paartänzen. Den Höhepunkt der Choreographien stellt der temperamentvolle Männertanz der Krieger "Intore" sowie das unverwechselbare, ebenfalls traditionell von Männer-Ensemblen durchgeführte Trommel-Spektakel (Ingoma) dar. 

Die ruandische Popmusik verbindet gerne traditionelle mit modernen Musikelementen. Bedeutende Vertreter dieser Musikrichtung, wie beispielsweise Cecile Kayirebwa, Muyango oder Masamba, weisen langjährige erfolgreiche Karrieren auf, sie haben jedoch den internationalen Durchbruch nur zum Teil geschafft. Außerhalb der eigenen Diaspora sind sie kaum bekannt. Dieselbe Musikrichtung erfreut sich vielversprechender Talente, unter denen u.a. die Künstlerin Diane Teta, eine prominente Rolle spielt.  

Kizito Mihigo, der ursprünglich aus dem Bereich der Kirchenmusik kommt, ist einer der wenigen professionellen ruandischen Künstler mit entsprechender akademischer Ausbildung. Bekannt ist er auch u.a. aus seiner Beteiligung am Arrangement der ruandischen Nationalhymne.

Gospel ist in Ruanda eine weitere beliebte Musikrichtung. Dabei verfügt jede Kirchen- und Schulgemeinde über einen eigenen Chor. Einige wenige Chöre wie Ambassadors of Christ haben es geschafft sich landesweit, und teilweise sogar über die Landesgrenzen hinaus, einen Namen zu machen. Zu den vielseitigen ruandischen Musikern zählt der Sänger und Gitarrist Mihigo Chouchou.

Eine bedeutende dynamische Popmusikszene, welche die modernen amerikanischen bzw. Welt-Popstars als Vorbilder hat, schafft es auf nationaler Ebene, mit ihrem Talent und Kreativität ein großes meist jüngeres Publikum zu begeistern. Zu dieser, sich schnell verändernde Szene, zählen u.a. James Ruhumuriza alias King JamesMeddy, sowie die letzte Gewinnerin des bedeutendsten jährlich stattfindenden Musikshow-Nationalwettbewerbs Guma Guma Super Star (PGGSS), Butera Jean d'Arc alias Knowless.

Ferner genießt "Afrobeats" hohe Beliebtheit. Zu den bekanntesten Verfechtern dieser Musikrichtung zählt das Trio Urban boys. Durch Koproduktionen in Zusammenarbeit mit renommierten Musikern wie dem nigerianischen Popstar Timaya oder dessen Landsmann Iyanya schaffen sie es, einen erheblichen Anteil des jungen Publikums zu begeistern.

Der wohl bekannteste Schriftsteller Ruandas ist das 1981 verstorbene Multitalent Alexis Kagame. Als Historiker, Ethnologe, Dichter und Philosoph hat er den Ruandern in vieler Hinsicht eine lange Liste wertvoller Werke hinterlassen. Seine literarische Umsetzung der mündlichen Überlieferungen der Geschichte bleibt eines der wichtigsten Schriftwerke Ruandas. Auch seine wissenschaftliche Analyse in "La Philosophie Bantu rwandaise de l'être" über Religion, Kultur und Weltanschauung der alten Ruander ist von unschätzbarem Wert.

Handgeflochtene Körbe als landestypische Kunsthandwerke
Handgeflochtene Körbe als landestypische Kunsthandwerke © ORTPN

Theater und bildende Künste sind traditionell weniger ausgeprägt. An Kunsthandwerk sind zum Teil sehr fein ausgearbeitete Flechtarbeiten typisch. Eine bedeutende Sammlung dazu bietet unter anderem das Nationalmuseum in Butare an. In jüngerer Zeit werden auch Werke von Malern verbreitet.

Religion

Geschmückter Altar einer kath. Kirche
Die Bevölkerung Ruandas ist mehrheitlich katholisch. Sonntagsgottesdienste sind gut besucht © C. Nkulikiyinka

Eine Religionszugehörigkeit ist quasi-universell in Ruanda. Schon seit der deutschen, vor allem aber seit der belgischen Kolonisation nach dem Ersten Weltkrieg, wurde das Land systematisch christlich missioniert. Erste Missionare gehörten der Kongregation "Afrikamissionare Weisse Väter" an, was zu einer Dominanz des in Belgien vorherrschenden Katholizismus führte, dem kurz vor dem Völkermord (1994) etwa zwei Drittel der Bevölkerung angehörten. Wegen ihrer umstrittenen Rolle während des Völkermordes wird die römisch-katholische Kirche bis heute stark kritisiert. Zu deren Anhängern werden nur noch ca. 45 % der Bevölkerung gezählt. Evangelische Glaubensgemeinschaften sind mit rund 35 % durch verschiedene Kirchen wie Presbyterianer, Methodisten und Baptisten vertreten. Zu den weiteren christlichen Gemeinschaften zählen Adventisten mit ca. 10 %, sowie ein bescheidener Anteil an Anglikanern. Zum Islam bekennen sich ca. 5 % der RuanderInnen, hauptsächlich aus städtischer Bevölkerung. Aufgrund seines vorbildlichen solidarischen Verhaltens während des Genozids genießt der Islam mehr Ansehen in der Gesellschaft als vor 1994. Dem ursprünglichen religiösen Kult gehören heute weniger als 1 % der Bevölkerung an.

Betende Gläubige einer Freikirche auf dem Land
Zusammenkünfte von Gläubigen einer Freikirche finden auch in improvisierten Hallen statt © J. Nshimyumukiza
Lokale Ordensgemeinschaft in Ruhango - Rwanda Foto: J. Nshimyumukiza, 2014
Lokale Ordensgemeinschaft in Ruhango - Rwanda Foto: J. Nshimyumukiza, 2014

Auch charismatische Gruppen und neue Freikirchen (Wiedergeborene Christen und Erweckungskirchen) konnten sich - seit der Zeit um das Jahr 2000 - schnell ausbreiten. Die "Restoration Church" konnte beispielsweise mehr als 3000 Anhänger innerhalb der zehn ersten Jahre ihrer Existenz bekehren. Zu "Zion Temple", eine der bekanntesten lokalen Freikirchen, zählen - nach eigenen Angaben - mehr als 7000 Anhänger in Ruanda. Deren charismatischer Anführer Paul Gitwaza schaffte es inzwischen, sogar Anhänger außerhalb des Landes zu gewinnen.

Ursprünglich herrschte der Ahnenkult. Es handelt sich dabei um eine monotheistische Religion mit einem Schöpfergott - Imana - und einer großen Persönlichkeit - Ryangombe-, der, ähnlich wie beim Christentum, irdischer Repräsentant Gottes war und die Mittlerrolle übernahm. Wegen dieser Analogie waren die Ruander verhältnismäßig leicht für den christlichen Glauben zu gewinnen. Heute tritt der traditionelle Ahnenkult öffentlich kaum mehr in Erscheinung.

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im September 2017 aktualisiert.

Der Autor

Jacques Nshimyumukiza

ist Architekt und in seinem Fachgebiet, Umwelt- und Raumplanung, als Consultant tätig. Nebenberuflich organisiert und leitet er vereinzelte Projekt- und Studienreisen nach Ruanda, hauptsächlich im Rahmen der langjährigen Länderpartnerschaft zwischen Ruanda und dem Bundesland Rheinland-Pfalz. Seit 2002 ist er als Landestrainer für Ruanda und Burundi bei der Akademie für Internationale Zusammenarbeit tätig und arbeitet als Trainer (DGIKT-Zertifikat) für Interkulturelle Kompetenz.

Literaturhinweise

Weiterführende Literatur zu den Themen:

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