Das serbische Nationalmuseum in Belgrad
Anteil alphabetisierte Erwachsene
97,8 %
bedeutendste Religion
serbisch-orthodox 85 %
Städtische Bevölkerung
56 % (2011)
Lebenserwartung
73,2 / 79,2 Jahre (m/w, 2019)
Gender Inequality Index
Rang 40 (von 160) (2017)
Anzahl der Geburten
1,48 / Frau (2017)
Kindersterblichkeit
5,6/ 1000 Lebendgeburten (2019)

Gesellschaftsstruktur

Laut Ergebnis der Volkszählung von 2011 hatte Serbien 7.120.666 Einwohner (ohne Kosovo). Serbiens Bevölkerungswachstum ist seit Jahren negativ. Mitte 2019 hatte Serbien daher nur noch eine Gesamtbevölkerung von 6.963.764. So hatte das Land 2011 einen Verlust von fast 380.000 Einwohnern gegenüber der Volkszählung von 2002 zu verzeichenen. 2017 betrug das Bevölkerungswachstum geschätzte -0,5 %. Mit 40,7 Jahren Durchschnittsalter laut letzter Volkszählung gehörte die serbische Bevölkerung zu den ältesten der Welt. 2017 waren 18,4 % über 65 Jahre alt, die durchschnittliche Lebensdauer beträgt 71 Jahre bei Männern und 76 Jahre bei Frauen. 2019 fand ein Pilot-Zensus zur Vorbereitung der Volkszählung in 2021 statt.

Der Urbanisierungsgrad in Serbien beträgt nach den letzten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2011 56 Prozent. Rund zwei Drittel davon lebt in der größten serbischen Stadt, der Hauptstadt Belgrad, in der rund 29 Prozent der Gesamtbevölkerung leben. Mit 44 Prozent weist Serbien im europäischen Vergleich einen eher hohen Anteil an ländlicher Bevölkerung auf.

Ethnische Zusammensetzung

Serbien ist trotz der Folgen der ethnischen Kriege der 1990er Jahre und des Verlust des mehrheitlich albanisch besiedelten Kosovo ein Vielvölkerstaat geblieben. Die Volkszählung von 2011 ergab folgende ethnische Struktur - 83,32 % der Bevölkerung bezeichneten sich als Serben. Der überwiegende Teil des Rests bezeichnet sich als zu einer der Minderheiten zugehörig, die zahlenmäßig größten darunter sind: Ungarn - 3,53 %, Bosniaken (v.a. in der Region Sandschak)- 2,02 %, Roma - 2,05 %, Jugoslawen - 1,08 %, Kroaten – 0,81%, Albaner (überwiegend: Südserbien) – 0,82 % (letzte verfügbare Zahl aus 2002, da die Mehrzahl der Albaner die Volkszählung 2011 boykotiert hatten). In der Provinz Vojvodina gibt es die größte Anzahl ethnischer Minderheiten, über 25. Sie machen rund ein Drittel der Bevölkerung aus. Die größten Gruppen sind: Ungarn – 13,00%, Slowaken – 2,60%, Kroaten – 2,43%, Montenegriner – 1,15%, Jugoslawen – 0,63%. Der serbische Staat garantiert gewisse Minderheitenrechte hinsichtlich der offiziellen Verwendung von Minderheitensprachen, der Gründung von Minderheitenräten als nationale Vertretung sowie der Aufhebung der Sperrklausel für ethnische Minderheitenparteien im serbischen Parlament.

Soziale Schichtung

Die serbische Gesellschaft hatte sich in der sozialistischen Phase der Modernisierung in eine moderne Industriegesellschaft entwickelt. Entstanden war eine breite sozialistische Mittelschicht, der Anteil an bäuerlicher Bevölkerung, an in der Landwirtschaft hauptberuflich Beschäftigen sank auf ein Westeuropa vergleichbar niedriges Niveau während der Anteil an Personen mit Fachausbildung und Hochschulabschluss insbesondere ab den 1960er Jahren kontinuierlich anstieg. Während der Herrschaft von Slobodan Milošević kam es zum einem radikalen Wandel der Gesellschaftsstruktur: die ehemalige Mittelschicht verschwand ökonomisch fast vollständig, eine drastische soziale Ausdifferenzierung zwischen 90% verarmter Bevölkerung und 10% Reichen (die zum Regime gehörenden Eliten) fand statt. Ein größerer Teil der Jugend emigrierte im Kriegsjahrzehnt, geschätzte 100.000 junge Männer flüchteten vor dem Militärdienst ins Ausland, viele, vor allem sehr gut ausgebildete folgten ihnen. Diese Gesellschaftsstruktur „normalisiert“ sich nur langsam seit dem letzten Jahrzehnt, noch immer gibt es einen starken Braindrain von jungen Leuten, weil die soziale Mobilität der jüngeren Generationen blockiert und die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch ist. Durch die Ereignisse der 1990er Jahre, in denen in Serbien Kriegsgewinnler und Kriegsverbrecher zu Vorbildern und Volkshelden aufstiegen, ist das bestehende Wertesystem zusammengebrochen bzw. wurde auf den Kopf gestellt. Zugleich ist es zu einer Retraditionalisierung in der serbischen Gesellschaft gekommen durch die enge Verflechtung von Politik und Religion, von serbisch-orthodoxer Kirche in den Kriegsjahren.

In Serbien ist Armut weiterhin ein relevantes soziales Problem. 2011 betrug der Anteil armer Menschen an der Gesamtbevölkerung 9,2 Prozent. Zwischen 2006 und 2016 ist er nur unwesentlich gesunken, und folgte weitestgehend dem Bevölkerungsrückgang. Armut ist vor allen in ländlichen Gebieten und vor allem im Süden und Osten Serbiens anzutreffen. Sie betrifft vor allem Haushalte, in dem die arbeitsfähigen Familienmitglieder über eine geringe oder gar keine Ausbildung verfügen bzw. arbeitslos sind. Besonders von Armut betroffen sind auch Kinder und Jugendliche. Ohne den privaten Lebensmittelanbau zur Eigenversorgung wär die Armut 2016 um 8,7 Prozent höher gewesen.

 

Geschlechterverhältnisse

Das hat sich vor allem auf die Geschlechterverhältnisse ausgewirkt. In der sozialistischen Industriegesellschaft Jugoslawiens waren Frauen von einem traditionellen sozialen Milieu rasch aufgestiegen zu gewisser Emanzipation, v.a. auch durch einen den Männern nahezu gleichen Beschäftigungsgrad - Berufstätigkeit wurde der Normalfall. Vom parallelen Prozess von wirtschaftlichen Zusammenbruch und Retraditionalisierung waren in den 1990er Jahren vorwiegend die Frauen betroffen. Während es Frauen waren, die als erstes die Arbeit verloren, drängte die Kirche gestützt von Staat und nationalistischer Ideologie stark in den öffentlichen Raum und propagierte die Rückkehr zum traditionellen Familienmodell mit der Frau als Mutter und Hausfrau. Während es real vielfach die Frauen waren, die die Familien in Zeiten zusammenhalten mussten, in denen Männer in den Kriegen teils im Militärdienst waren, waren und sind sie vermehrt Opfer von häuslicher Gewalt, eine Langzeitfolge der Kriegstraumatisierung der Soldatengeneration.  

Die EU stellt in einem 2012 veröffentlichten Country Profile zu Geschlechterdemokratie fest, dass Frauen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen struktureller Diskriminierung unterworfen sind, nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt. Die wichtigsten Daten zu den Geschlechterverhältnissen hat das Statistikamt Serbiens auf der Grundlage der Volksszählung 2011 ermittelt.

Seit 2016 erstellt die serbische Regierung den EU-internen Gender Equality Index für Serbien, und damit als einziges nicht-EU-Land. Im Dezember 2018 erschien der Index für das Jahr 2016. Trotz deutlicher Verbesserungen gegenüber 2014 blieb Serbien im europaweiten Vergleich auf Rang 22 bezüglich der Geschlechtergerechtigkeit. Die größten Fortschritte machte das Land in Bezug auf die Teilhabe von Frauen am politischen Leben. Relativ am Schlechtesten schneidet Serbien in Bezug auf die Beschäftigung von Frauen ab. Frauen verdienten in Serbien im Schnitt 16 Prozent weniger als Männer bei vergleichbarer Qualifikation und Arbeit.

Sprache

Karte der Sprachenverteilung in Serbien
Sprachenverteilung in Serbien (Quelle: © By Lilic - dokumentacione tabele Republickog zavoda za statistiku Srbije, CC BY-SA 3.0 rs)

Der multiethnische Charakter Serbiens prägt auch die Sprachlandschaft. Die Hauptamtssprache in Serbien ist Serbisch, das faktisch überall im Land gesprochen wird. In der nordserbischen Provinz Vojvodina sind neben Serbisch auch Ungarisch, Kroatisch, Russinisch, Slowakisch und Rumänisch als Amtssprachen anerkannt. In Teilen Südserbiens (Preševo-Tal) wird Albanisch gesprochen.

Nach der im November 2006 in Kraft getretenen Verfassung wird die serbische Sprache in Serbien offiziell in kyrillischer Schrift geschrieben, wobei in Medien und im Alltag parallel auch die lateinische Schrift verwendet wird – vor allem in Belgrad und in der Vojvodina, weniger in Zentralserbien und im Süden.

Bildung

Serbiens Bildungssystem besteht aus einer achtjährigen, verpflichtenden Grundschule; daran schließt sich die Sekundärstufe an - die allgemeinbildenden Sekundarschulen, Gymnasien, führen in vier Jahren zur allgemeinen Hochschulreife; verschiedene berufliche Mittelschulen dauern bis zu vier Jahren, und schließen mit unterschiedlichen Abschlüssen bzw. berechtigen zum Fachhochschustudium. Das Hochschulwesen umfasst staatliche und private Universitäten.

Serbien hatte im Sozialismus ein gutes Bildungssystem – ein gutes Schulsystem, entwickelte Hochschulen mit der Universität Belgrad als einer der ältesten Universitäten auf dem Balkan und einem im Sozialismus entwickelten Sektor für Erwachsenenbildung, mit dessen Hilfe die Mitte des 20. Jahrhunderts hohe Analphabetenrate erfolgreich bekämpft worden war. Infolge der politischen Ereignisse hat das Bildungssystem in den 90er Jahren einen Niedergang erlitten. Es war betroffen von wirtschaftlichem Niedergang, internationaler Isolation und Brain Drain und von einer ideologischen (nationalistischen) Indoktrinierung, die durch das Bildungswesen realisiert wurde.

Im vergangenen Jahrzehnt seit dem Regimewechsel ist eine Reform und Modernisierung des Bildungswesens eingeleitet worden. Die Ausgaben für Bildung, u.a. für Grund- und weiterbildende Schulen sind erhöht worden.

Ein besonderes Problem stellt der Zustand der berufsbildenden Schulen dar. Viele Bildungszweige sind veraltet und nicht angepasst auf die Bedingungen eines modernen Arbeitsmarktes. Zugleich ist die Ausbildung in vielen Berufsschulen zu theorielastig, der arbeitspraktische Teil ist unterentwickelt. Mit Hilfe internationaler Organisationen, allen voran der deutschen GIZ hat die serbische Regierung in den letzten Jahren begonnen mit der Modernisierung des Berufsbildungssystems.

Im Hochschulsektor hat im Rahmen des Bologna-Prozesses hat die Modernisierung des Hochschulbereichs eingesetzt, der vom Niedergang des Bildungssektors besonders stark betroffen gewesenen war. In Serbien gibt es fünf staatliche Universitäten – in Belgrad, Novi Sad, Niš, Kragujevac und Novi Pazar-, daneben existieren eine Reihe von Fachhochschulen. Außerdem hat sich im zurückliegenden Jahrzehnt ein paralleler privater Hochschulsektor entwickelt mit mittlerweile 12 privaten Universitäten.

Im Schuljahr 2016/17 besuchten insgesamt 1.270.542 Kinder und Jugendliche eine Bildungseinrichtung in Serbien – davon besuchte 17% eine Vorschule, 43% Grundschulen, 19% Sekundärschulen und 21% Tertiärschulen. 98,6% der schulpflichtigen Kinder besuchten die Grundschule, während der Anteil in der Sekundärschule noch immer bei 90% lag.

Ein besonderes Problem stellt das weitgehende Verschwinden von Grund- und Weiterbildungsprogrammen für Erwachsene dar.

Die Zusammenarbeit zwischen serbischen und deutschen Hochschulen fördert der DAAD.

Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen ist wie der Rest der Sozialsysteme in Serbien seit den 1909er Jahren stark unter ökonomischen Druck geraten. Serbien hatte von Jugoslawien ein staatliches Gesundheitswesen übernommen, in dem alle Arbeiter und Angestellte sowie ein Großteil der Selbstständigen eine fixen Anteil ihres Lohns (12,3%) in den staatlichen Gesundheitsversicherungsfonds einzahlten, aus dem die kostenlose Bereitstellung medizinischer Versorgung für die Bevölkerung finanziert wurde. Infolge des wirtschaftlichen Niedergangs wurde das System instabil, mit 2 Millionen Beitragszahlern und 7 Millionen Versicherten. Der Gesundheitsfond häufte ein großes Defizit an, die nicht aufrecht zu erhaltende Finanzierung kostenloser Dienste wurde zunehmend ergänzt durch unmittelbare Bezahlung von Leistungen durch die Versicherten. Gehälter im Gesundheitswesen fielen drastisch, Investitionen blieben aus, Mangel an Medikamenten und medizinischen Artikeln verbreitete sich, Bestechung und Korruption wurden systemisch und es kam zu einer Verlagerung von Patienten und medizinischer Ausrüstung in einen wachsenden, unkontrollierten und von der Versicherung nicht abgedeckt privaten medizinischen Sektor.

In der ersten Hälfte des zurückliegenden Jahrzehnts hat die serbische Regierung mithilfe der Weltbank eine Reform des Gesundheitswesens in Angriff genommen. So wurde die Transparenz im Gesundheitssystem, insbesondere im privaten Sektor wesentlich erhöht. Die Ausgaben des Versicherungsfonds konnten stabilisiert werden. Ein modernes Medizinkonzept, das den Schwerpunkt auf Vorsorge und Präventivmedizin setzt, wurde eingeführt. Die Strukturprobleme des serbischen Gesundheitswesens sind allerdings geblieben. Das bezieht sich v.a. auf die steigende Finanzierungslücke durch das öffentliche Krankenversicherungssystem, das zurückgeht auf eine alternde Bevölkerung und eine niedrigen Beschäftigungsgrad.

In Serbien waren 2016 2.700 HIV-Infizierte registriert. Weitere relevante Infektionskrankheiten in Serbien sind Tetanus, Diphterie und Hepatits A und B.

LGBT

Die serbische Gesellschaft weist starke konservative Züge auf, welche durch die nationalistische Kriegspolitik der 1990er Jahr noch erheblich verstärkt wurden. Ein besonderer Ausdruck dieser Verhältnisse ist die bis zum heutigen Tag prekäre gesellschaftliche Stellung sexueller Minderheiten. Zwar hat sich der rechtliche Schutz in den letzten Jahren deutlich gebessert, insbesondere durch ein 2009 verabschiedetes Anti-Diskriminierungsgesetz, und auch der Umgang der Medien mit den Angehörigen der LGBT-Community hat sich gebessert. Dennoch sehen sich die sexuellen Minderheiten auch weiterhin Diskriminierungen ausgesetzt, während der verbesserte gesetzliche Schutz in der Praxis bis heute kaum umgesetzt wird. Organisierter Widerstand kommt v.a. von rechtsextremistischen serbischen Gruppierungen wie „Dveri“, „Naši“ und „1389“ – aber auch von der Serbisch-orthodoxen Kirche. Prominentester Ausdruck dieses Selbstbehauptungskampfes um Minderheitenrechte ist das alljährliche Ringen um die Gay Parade. Nach 2001 gelang es erst im Jahr 2010 wieder, in Belgrad eine Gay-Parade abzuhalten. Rund tausend Teilnehmer wurden von 5.000 Sicherheitskräften vor mehreren tausend Angehörigen rechtsextremistischer Gruppierungen und Fußballhooligans geschützt. In den darauffolgenden drei Jahren, zuletzt im September 2013 untersagte das Innenministerium die Belgrader Gay Parade aus „Sicherheitsgründen“ – trotz massivem Druck von Seiten der EU.

Im Herbst 2014 fand, erneut unter starkem Druck aus der EU, zum ersten Mal wieder eine Gay Parade in Belgrad statt. Ein massives Polizeiaufgebot verhinderte ernsthafte Zwischenfälle während der Parade. An dem Marsch, an dem sich geschätzte 1.000 bis 1.500 Teilnehmende beteiligten sich auch Minister der serbischen Regierung, von Oppositionspolitiker und westlichen Diplomaten. Am Tag davor hatten einige Tausend Rechtsradikale gegen die Parade demonstriert.

Allerdings gab es zwei Wochen zuvor einen Angriff auf einen deutsche LGBT-Aktivisten, der an einer Konferenz in Belgrad teilgenommen hatte, und der bei der Attacke lebensbedrohlich verletzt wurde.

Demgegenüber verliefen die Gay Parade 2015, die Gay Parade 2016 sowie die Gay Parade 2017 ohne größere Zwischenfälle, und ebenso in den vergangenen zwei Jahren.

Einen Einschnitt für die Geschichte der LGBT Community in Serbien bedeutete die Nominierung der bisherigen Ministerin für öffentliche Verwaltung, Ana Brnabić zur neuen Ministerpräsidentin Serbiens durch den neugewählten Präsidenten Vučić im Juni 2017. Sie wurde so die erste lesbische Ministerpräsidentin Serbiens. Diese setzte dann im September mit ihrer Teilnahme an der Gay Parade 2017 ein erstes politisches Zeichen. Die Entscheidung wurde in der serbischen Öffentlichkeit unterschiedlich aufgenommen: Serbische LGBT-Aktivisten begrüßten die Ernennung grundsätzlich. Teile der parlamentarischen Opposition relativierten den historischen Schritt durch die ihrer Meinung nach dahinter stehenden politischen Absicht des Staatspräsidenten. Einige kleinere, extrem konservative Koalitionspartner der Regierungspartei SNS kündigten die Verweigerung der Unterstützung für die designierte Ministerpräsidentin mit Verweis auf das traditionelle Geschlechter- und Familienbild an.

Wie schon im Vorjahr nahm Serbiens erste lesbische Ministerpräsidentin 2018 zum zweiten Mal an der Gay Parade statt. Unter den LGBT-Aktivist_innen war der zweite Auftritt der Ministerpräsidentin allerdings umstritten. Diese hatte im Vorjahr Ankündigungen zur Verbesserung der Situation von Schwulen und Lesben gemacht. Zahlreiche Aktivist_innen, die die Teilnahme der Ministerpräsidentin verhindern wollten, beklagten, dass keine der Versprechungen umgesetzt worden sei. Die Kritik wurde bei der Gay Parade 2019 erneuert. 2019 wurde die Ministerpräsidentin Mutter, nachdem ihre Partnerin ein Kind geboren hatte – ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der LGBT Community in Serbien.

Migration: europäische Flüchtlingskrise und die Balkanroute

Seit 2014 wurde das Thema Flucht und Migration zunehmend bedeutender in der serbischen Gesellschaft, zunächst durch zunehmende Migration vom Westbalkan in die EU, schließlich wurde Serbien zu einem der Schlüsselländer der europäischen Flüchtlingskrise 2015, als infolge des Zusammenbruchs der EU-Außengrenze und des europäischen Asylsystems Hunderttausende den Weg über die sogenannte Balkanroute in die Europäisch Union nahmen.

Serbien nahm in beiden Migrationswellen die Rolle eines Transitlandes, und nicht eines Ziellandes von Migration ein, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist das Land aufgrund seiner sozio-ökonomischen und sozialen Verhältnisse weitgehend unattraktiv für Asylsuchende und andere Migranten. Zweitens hat Serbien ein schlecht funktionierendes Asylsystem, das Asylsuchende zusätzlich motiviert, weiter gen EU zu ziehen.

Die erste Migrationswelle war die von Kosovo-Albaner über Serbien und Ungarn weiter nach Westen (Deutschland, Österreich, Schweiz) Ende 2014, Anfang 2015. Zehntausende Kosovaren nutzten aus Verzweiflung über die politische und ökonomische Lage in ihrem Heimatland die Möglichkeit legaler Einreise nach Serbien, um im Norden in der Provinz Vojvodina über die grüne Grenze nach Ungarn die EU zu erreichen. Diese Migrationswelle kam im Spätfrühjahr 2015 weitestgehend zum Erliegen, nachdem die betroffen EU-Länder in Kooperation mit dem Kosovo zahlreiche Maßnahmen eingeleitet hatten, v.a. die Erklärung des Kosovos zum sicheren Herkunftsland.

Doch dann begann im Sommer 2015 die europäische Flüchtlingskrise, in der die Balkanstaaten eine zentrale Rolle zukam. Die Abdrängung der illegalen Flüchtlingsbewegungen nach Europa zum kurzen Seeweg in der Ägäis von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln brachte innerhalb kürzester Zeit die Außengrenze der EU und das seit langem dysfunktionale Dublin-Asylsystem zum Einsturz. Im Laufe des Jahres überquerten 850.000 Menschen, v.a. aus Syrien, Irak und Afghanistan, aber auch aus Afrika und Asien die Ägäis. Von dort durchquerten teils bis zu 5-6.000 täglich den Balkan in die EU – zunächst über Mazedonien und Serbien nach Ungarn, und nach der ungarischen Grenzschließung am 15. September 2015 von Serbien über Kroatien und Slowenien nach Österreich.

Der Umgang Serbiens mit dieser unerwarteten Krise glich weitgehend dem aller anderen betroffenen Staaten. Die Behörden zeigten sich zunächst vollkommen unvorbereitet und mit hoffnungslos unzureichenden Kapazitäten. Die überforderte Polizei reagierte auf die massenhafte illegale Einreise mit Gewalt gegen Flüchtlinge und mit Korruption. Für die Versorgung der Flüchtlinge organisierte sich wie überall die Zivilgesellschaft, unterstützt durch internationale Flüchtlingshilfswerke und Migrationsorganisationen wie UNHCR, IOM, Ärzte ohne Grenzen u.a. Im Laufe des Herbstes gelang es der serbischen Regierung, den Flüchtlingsstrom in geordnete Bahnen zu lenken durch die Errichtung von Registrierungs- und Transitzentren an der mazedonischen und der ungarischen bzw. später der kroatischen Grenze sowie durch die Bereitstellung von Transportmitteln zur Durchreise durch Serbien.

Dazu trug nicht zuletzt die Verbesserung der Zusammenarbeit mit den anderen betroffenen Staaten auf der Balkanroute bei. Im September hatte die Schließung der ungarisch-serbischen Grenze noch zu einem kurzen Handelskrieg inklusiver Grenzschließung zwischen Serbien und Kroatien geführt. Dieser wich dann aber einer zunehmend besseren Koordinierung des Transits der Flüchtlinge und Migranten entlang der Balkanroute.

Diese verbesserte Kooperation wurde über den Winter zunehmend zur schrittweisen Schließung der Balkanroute genutzt, eine Reaktion der Länder der Region auf die restriktiver werdende Flüchtlings- und Asylpolitik der hauptbetroffenen EU-Staaten. So beschlossen die Länder auf der Balkanroute am 18. November, nur noch Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan durchzulassen. Nach der Einführung von Grenzkontrollen durch Schweden und Dänemark und die Verkündung von Flüchtlingsobergrenzen durch Österreich im Januar 2016 folgten weitere Einschränkungen. Am 8. März, unmittelbar nach Beendigung des EU-Türkei-Gipfels, erfolgte schließlich die komplette Schießung der Balkanroute in Mazedonien, wo der Staat einen Grenzzaun zu Griechenland hatte errichten lassen und die mazedonischen Behörden von Grenzpolizei aus Serbien und diversen EU-Mitgliedsstaaten bei der Grenzsicherung unterstützt wurden.

Die Schließung der Balkanroute stand in unmittelbarem Zusammenhang mit dem am 18. März zwischen der EU und der Türkei verabredeten Flüchtlingsabkommen. Es sieht u.a. die Rückführung aller auf den griechischen Inseln ankommenden Flüchtlinge und Migranten in die Türkei vor. Mit dem dadurch erwirkten Versiegen des Flüchtlingsstroms endete zunächst einmal auch die Balkanroute. Allerding kommen seit März vermehrt Flüchtlinge über Bulgarien nach Serbien, wenngleich in wesentlich geringerer Zahl. Insbesondere seit dem Sommer 2016 stieg die Zahl der Flüchtlinge und Migranten, die über Schmuggelrouten Serbien erreichen - über die griechisch-mazedonische Grenze und v.a. über Bulgarien – erneut an. Weil Ungarn und Kroatien die Grenzen für die Weiterreise in die EU mehr oder weniger hermetisch geschlossen halten, ist Serbien zum Land Nr. 1 geworden, in dem die Flüchtenden auf der Balkanroute stranden. Nach UNHCR-Angaben beläuft sich ihre Zahl zum Jahresende auf ca. 8.000, nach Angaben der serbischen Zivilgesellschaft gar auf 10.000. Mitte 2017 reduzierte sich die Zahl der in Serbien gestrandeten Migranten auf unter 5.000. Im Frühjahr 2018 hat sich die Balkanroute nach Bosnien-Herzegowina als Übergang in die EU, d.i. nach Kroatien verlagert. Als Folge ist die Zahl der Migranten in Serbien auf unter 4.000 gesunken. Ende Dezember 2018 war die Zahl der Migranten in Serbien wieder leicht auf 4.400 gestiegen. Infolge der winterlichen Wetterverhältnisse blieben tausende Migranten in Bosnien-Herzegowina stecken. Da in Serbien die Qualität der Unterkünfte besser ist als die in Bosnien, ist eine beschränkte Zahl an Migranten zum Überwintern von Bosnien nach Serbien zurückgekehrt, was zu dem winterlichen Anstieg beigetragen hatte. Im Laufe des Jahres 2019 nahm die Abwanderung der Migranten nach Bosnien-Herzegowina wieder zu und sank infolgedessen die Zahl der in Serbien befindlichen Migranten auf knapp unter 3.000 Ende August.

Mit der Migrationswelle aus Nahost verstärkte sich auch der Migrationsdruck aus den Westbalkanländern in Richtung EU wieder. So waren Serbien neben Albanien und dem Kosovo 2015 unter den top ten der Herkunftsländer von Asylsuchenden. In Deutschland belegte Serbien mit 26.000 Asylanträgen den 6. Platz. Deutschland und andere betroffene EU-Staaten reagierten mit beschleunigten Rückführungen und Informationskampagnen in den Herkunftsländern sowie der Erweiterung ihrer Listen an sicheren Herkunftsländern. In Deutschland war Serbien bereits im November 2014 zum sicheren Herkunftsland erklärt worden. Zugleich öffnete die Bundesregierung Wege für qualifizierte Arbeitsmigration vom Westbalkan.

Kultur

Die Kultur Serbiens gilt als eine der vielfältigsten der slawischen Völker, die im 6. / 7. Jahrhundert auf die Balkanhalbinsel kamen. Sie entwickelte sich zunächst unter dem Einfluss der byzantinischen Kultur. Die ersten Zeugnisse der serbischen Literatur gehen auf die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts zurück und sind mit der Tätigkeit der Brüder Kyrill und Method und ihren Schülern eng verbunden, die die kyrillische Schrift entwickelten und in die Gebiete des heutige Serbien brachten.

Die mittelalterliche Literatur trug, vergleichbar jener in anderen Teilen Europas, überwiegend religiösen und didaktischen Charakter. Zu den herausragenden Werken dieser Zeit zählen das Miroslav-Evangelium aus dem 12. Jahrhundert sowie die Werke des Heiligen Sava von Serbien, der neben Heiligenviten auch das erste serbische Gesetzbuch verfasste. Einen wichtigen Platz in der mittelalterlichen Literatur nahmen heroische Werke ein, die entweder die Herrscher dieser Epoche glorifizierten und/oder über die Kämpfe gegen die Osmanen berichteten. Die osmanische Eroberung Serbiens 1459 bildete die zentrale Zäsur im Kulturschaffen des Landes. Während nach der osmanischen Eroberung ältere literarische Formen die serbische Literatur dominierten, kam es im 18. Jahrhundert zur so genannten Wiedergeburt des literarischen Schaffens.

Bild des serbische Sprachreformers Vuk Stefanovic Karadzic
Vuk St. Karadžić (gemeinfrei)

Ein großer Aufklärer dieser Zeit war Dositej Obradović (um 1739-1811), dessen Tätigkeit wegweisend für die künftige Entwicklung war. Auf zahlreichen Reisen erwarb sich Obradović eine europäische Bildung und konnte so seinem Volk ein neues weltlich-bürgerliches Bildungsideal und -programm vermitteln. Er war Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Volksaufklärer und Gründer der Universität Belgrad. Er gehörte zu den beachtenswertesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der serbischen Kultur im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelten sich durch den Einfluss Europas zahlreiche literarische Strömungen in Serbien (Klassizismus, Empfindsamkeit, Realismus), am bedeutendsten war jedoch die Romantik, in der die Ideen und das Wirken von Vuk Stefanović Karadžić (1787 - 1864) einerseits und der Befreiungskampf gegen die Osmanen andererseits prägend waren. Vuk Karadžić war ein serbischer Philologe, Sprachreformer der serbischen Schriftsprache, Ethnologe, Dichter und Übersetzer. Die Serbischen Aufstände zu Beginn des 19. Jahrhunderts brachten Serbien schrittweise seine Eigenständigkeit zurück. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte sich eine Rückkehr zum Realismus, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch modernistische Tendenzen ersetzt wurde (Symbolismus, Expressionismus, Surrealismus).

Photo des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić
Ivo Andrić (Quelle: Regierung der Republik Serbien, gemeinfrei)

Während der Nachkriegszeit folgte ein Teil der Schriftsteller den Forderungen des Kritischen Realismus, andere hingegen entwickelten ihre individuelle Note in der Literatur, wie zum Beispiel Miodrag Pavlović (*1928). Einen herausragenden Beitrag leistete der Romancier, Erzähler, Dichter und Essayist Ivo Andrić (1892 - 1975), der ein jugoslawischer Schriftsteller, Diplomat und Politiker war. Für seine literarischen Verdienste erhielt Andrić zahlreiche Ehrungen durch den jugoslawischen Staat. Andrić wurde 1961 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Heute wird er sowohl von Serbien als auch von Bosnien und Herzegowina (Geburtsland) und Kroatien gewürdigt, obwohl sein politisches Wirken beziehungsweise die politische Instrumentalisierung seines Werks nicht immer unumstritten ist.

Zu den bedeutendsten serbischen Gegenwartsautoren (bekannt auch im deutschsprachigen Raum) zählen: Miloš Crnjanski (1893–1977), Danilo Kiš (1934–1989), Bogdan Bogdanović (1922–2010), Sreten Ugričić (*1961), László Végel (*1941) und Biljana Srbljanović (*1970).

Alljährlich im Januar wird die prominenteste Literaturauszeichnung, der  sog. NIN-Preis (Ninova nagrada) vergeben. 1954 wurde dieser vom Belgrader Wochenmagazin NIN etabliert. Eine aus prominenten Autoren zusammengesetzte Jury vergibt den Preis an den als besten im Vorjahr veröffentlichten serbischen Roman.

Ebenfalls jährlich findet die Belgrader Buchmesse statt, eine der ältesten und bedeutendsten Buchmessen der Region. In den Hallen der Belgrader Messe präsentieren auf 30.000 qm Verlag aus Serbien und den Nachbarländern ihre neuesten Veröffentlichungen. Für Aufregung sorgte im August 2018 die Entscheidung der Messeleitung, den traditionellen Platz für den Stand eines rennomierten Buchverlags dem Verlags "Großserbien" des ultranationalistischen Politikers und verurteilten Kregsverbrechers Vojislav Šešelj, der ausschließlich Schriften von Šešelj publiziert, zu überlassen. Kritiker sahen die Entscheidung als Teil einer Tendenz hin zur Provinzialisierung der Buchmesse unter der der Regierungspartei SNS nahestehenden Messeleitung.

Serbien verfügt über eine lange und reiche Theater-Tradition mit zahlreichen On- und Off-Theatern in Belgrad und anderen Städten. Zu den prominentesten und ältesten Schauspielhäusern in Serbien und der weiteren Region zählt das Serbische Nationaltheater, das im Jahr 1861 begründet wurde. Auf zahlreichen Festivals präsentiert sich das serbische und internationale Theater.

Das prominenteste unter ihnen, das Belgrade International Theatre Festival (BITEF) wurde bereits im Jahr 1967 begründet. Es gehört damit zu den ältesten Festivals weltweit und hat sich über die Jahre zu einem der bedeutendsten und größten Theaterfestivals in Europa entwickelt. Diesen September feierte das BITEF sein 50-jähriges Bestehen. Es bleibt auch nach fünf Jahrzehnten seiner Tradition verpflichtet, kontroverse politische Themen in den Mittelpunkt des Festivals zu stellen. Dieses Jahr sind das vor allem die europäische Flüchtlingskrise und die Krise der EU. Eine noch längere Tradition hat das seit 1956 in Novi Sad jährlich stattfindende Theaterfestival Sterijino pozorje.

Unter den verschiedenen Museen in Serbien bietet das Nationalmuseum in Belgrad die beiweitem umfangreichste und bedeutendste Sammlung. Diese umfasst die gesamte Kunstgeschichte von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Die etwa 400.000 Exponate umfassen die bedeutendsten Maler und Bildhauer Serbiens, aber auch Werke bedeutender europäischer Maler wie Renoir, Monet, Toulouse-Lautrec oder Picasso. Nach 15-jähriger Renovierung fand erst im Juni 2018 die Wiedereröffnung des Museums statt. Ebenfalls nach Schließung zwecks Renovierung eröffnete im Herbst 2017 nach zehn Jahren wieder das Museum für Gegenwartskunst. Mit über 8.000 Exponaten beherbergt es die weltweit größte Sammlung jugoslawischer Kunst.

Bild des traditionellen serbische Streichinstruments Gusle
serbische Streichinstrument Gusle (Quelle: © ninam, CC BY-SA 3.0)

Die Musik in Serbien kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken. Die ältesten musikalische Zeugnisse gehen auf rituelle Lieder und Tanzmelodien der Slawen zurück, die im 7. Jahrhundert auf den Balkan kamen. Seit dem 10. Jahrhundert prosperierte die geistliche Musik, die überwiegend durch die byzantinische Kunst beeinflusst wurde. Im Hochmittelalter verbreitete sich die epische Dichtung, die von umherreisenden Minnesängern an fürstlichen Höfen dargebracht wurde. Die klassische Musik entstand in Serbien im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt Dank der Tätigkeit des Komponisten Stevan Stojanović Mokranjac (1856-1914), der die europäischen Traditionen mit kirchlicher Musik und Volksmelodien vereinte. Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte ein Umschwung in Richtung Modernismus mit den jungen Komponisten Petar Konjović (1883-1970) und Stevan Hristić (1885-1958). In Serbien gibt es eine lange Folklore-Tradition, die besonders in der Form der Blasmusik unter dem Namen Balkan Brass (auch: Gypsy Brass) international bekannt geworden ist und deutliche Einflüsse der jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich zeigt. Balkan Brass entstand im 19. Jahrhundert vor allem aus österreichischer und türkischer Militärmusik sowie serbischer und Roma-Volksmusik. Häufig werden auch Einflüsse anderer Musikrichtungen, wie z. B. Klezmer integriert. Diese Einflüsse sind auch im Turbo Folk hörbar, der in Serbien und anderen Gebieten des ehemaligen Jugoslawien die Populärmusik mitbestimmt. In traditionalistischer serbischer Musik findet v. a. das Akkordeon Verwendung. Für die traditionelle, insbesondere rurale Musik werden hauptsächlich Nationalinstrumente wie z.B. die Gusle verwendet.

In Serbien hat sich eine reichhaltige Independent-Musikszene entwickelt, die an die Jugendszenen im ehemaligen Jugoslawien anknüpfen kann, welche zur Zeit des Miliošević-Regimes zurückgedrängt worden waren. Darunter befinden sich Electronica-Acts wie Darkwood Dub oder Indierock-Combos wie die Partibrejkers. Die größten jährlich stattfindenden Musikfestivals in Serbien sind das Trompeten-Festival „Dragačevski sabor trubača“ in Guča und das „Pop-Festival Exit“ in Novi Sad. 2007 belegte Serbien den 1. Platz bei dem Eurovision Song Contest mit dem Lied „Molitva“ (Das Gebet) von Marija Šerifović. Einen Erfolg mit 2. Platz erzielte schon der Einheitsstaat Serbien und Montenegro im Jahr 2004 in diesem Wettbewerb mit dem Lied „Lane moje“ (Mein Lämmchen) von Željko Joksimović. Bekannte serbische Sänger und Sängerinnen sind unter anderem Đorđe Balašević, Lepa Brena, Željko Joksimović und Ceca.

Die Architektur in Serbien spiegelt die vielfältige Geschichte des Landes wider. Bedeutend ist die byzantinische Baukunst, vor allem in den zahlreichen serbischen Klöstern, von denen einige in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen wurden. Als wichtigsten Mäzenen der Architektur traten insbesondere die Mitglieder der mittelalterlichen Nemanjiden Herrscherdynastie auf. Seit der Errichtung der Grabeskirche des dynastischen Gründers Stefan Nemanja im Kloster Studenica wirkten alle weiteren serbischen Könige als Förderer der Künste und insbesondere der religiösen Architektur. Ein großer Teil der serbischen Klöster wurde im Mittelalter erbaut. Neben religiösen Bauwerken ragen zahlreiche Wehrbauten heraus, die mit den Festungen Golubac und Smederevo, der Stadtmauer von Kotor und der Festung von Belgrad zu den herausragenden Wehrbauten der Zeit zählen. Weitere vorherrschende Baustile in Serbien sind der Barock im Norden des Landes und der orientalische Baustil in Sandschak. Vor allem in der Hauptstadt Belgrad finden sich auch zahlreiche Bauten der Zwischenkriegszeit im Stile der Moderne, insbesondere des Art Deco.

Gedenken an den 1. Weltkrieg

Ein wichtiges Thema in der serbischen Kulturszene stelle 2014 der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des ersten Weltkriegs wie des auslösenden Attentats von Sarajevo dar. Dabei spiegelten die kulturellen Verarbeitungen des historischen Ereignisses das nationalistische Erbe der jüngsten Geschichte und die daraus resultierende Spaltung des historischen Erinnerns zwischen nationaler Geschichtsschreibung und kritischer Erinnerung wider. So gedachte am Jahrestag des Attentats, dem 28. Juni die Führung Serbiens und der Republika Srpska im Ostbosnischen Visegrad dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, getrennt von den internationalen Feierlichkeiten in Sarajevo. Ort der serbisch-national gefärbten Gedenkveranstaltung war Andrićgrad - eine vom politisch kontroversen Regisseur Emir Kusturica konzipierte Nachbildung der mittelalterlichen Stadt Višegrad entsprechend dem Roman Die Brücke über die Drina von Ivo Andrić. Der muslimische Regisseur Kusturica war infolge der Balkankriege zum serbisch-orthodoxen Glauben übergetreten und ist zu einer Ikone der nationalistischen serbischen Kulturszene aufgestiegen.

Im Kontrast zum nation-verkitschten Andrićgrad hat die serbische Schriftstellerin und Dramaturgin zusammen mit dem Sarajevoer Theaterregisseur Dino Mustafić das Theaterstück "Mali je ovaj grob" (Dieses Grab ist klein) auf die Bühne gebracht, welches sich kritisch mit der Generation der jungen serbischen Attentäter von Sarajevo auseinandersetzt.

Küche

Die serbische Küche wird zur so genannten Balkanküche gezählt. Das markanteste Merkmal dieser zum großen Teil ländlich geprägten Küche ist die große Auswahl von Grill- und anderen Fleischgerichten. Wesentlich beeinflusst wurde die serbische Küche von der griechischen, türkischen, österreichischen, ungarischen und italienischen Küche. Gerichte wie die Serbische Bohnensuppe (serb. Pasulj Čorba) bzw. Bohnen (Pasulj), Sarma (gefüllte Krautrouladen), das serbische Reisfleisch (serbisch: Đuveč), das Spanferkel (serb. Pečeno Prase) oder Ćevapčići sind zwar im ganzen Balkan in vielen Varianten anzutreffen, vor allem im deutschsprachigen Raum werden sie jedoch vereinfacht als Teil einer serbischen Kochkultur anerkannt.

Es gibt zahlreiche serbische Biere und Weine. Besonders groß ist die Vielfalt bei Schnäpsen und anderen hochprozentigen Getränken.

Religion

Die überwiegende Mehrheit der Einwohner Serbiens sind Christen. Etwa 6,3 Millionen (ca. 84%) der Einwohner bekennen sich zur serbisch-orthodoxen Kirche, ferner gibt es noch religiöse Minderheiten, insbesondere Katholiken, Protestanten und einige wenige neuapostolische Christen. Etwa 3 % der Einwohner sind Muslime. Sie leben im südserbischen Sandschak, wo sie eine knappe Mehrheit bilden.

Der serbisch-orthodoxen Kirche kommt eine besondere Rolle in der Nationalgeschichte Serbiens zu. Nachdem das Gebiet des Königreichs Serbien mit seinem Zentrum im Kosovo im 14. Jahrhundert für mehrere Jahrhunderte unter die osmanische Herrschaft fiel, waren es die Autonomen genießenden orthodoxen Gemeinden mit ihrem geistigen Zentrum, dem Patriarchat von Peć, welche zum Bewahrer serbischer Kultur und volkstümlicher Erzählung wurden. Daraus bildete sich im 19. Jahrhundert in der aufkommenden Nationalbewegung und nationalen Geschichtschreibung eine enge Verknüpfung von Nation und Religion, von nationalen Bewegungen und orthodoxer Kirche. Im ethnisierenden Zerfall Jugoslawiens, die die Befreiung der Kirchen von den kommunistischen Gängelung und Reglementierung bedeutete, ging die orthodoxe Kirche eine unheivolle Allianz mit dem serbischen Nationalismus der 1990er Jahre ein. Dies führte die Kirche, größere Teile ihrer Würdenträger bis hin zur Legitimierung ethnischer Kriegsführung und Gewalt. Zugleich wurde die Kirche die führende Kraft einer konservativen Re-Traditionalisierung der serbischen Gesellschaft. In den letzten Jahren hat sich der politische Einfluss der Kirche relativiert, diese konzentriert sich wieder stärker auf ihre traditionelle gesellschaftliche Rolle.

Im Allgemeinen herrscht in Serbien Religionsfreiheit. Die serbische Verfassung und Gesetze erkennen allerdings nur 7 „traditionelle“ Konfessionen an, woraus eine gewisse Diskriminierung anderer religiöser Gruppen und ihrer Angehöriger resultiert, etwa bei der Registrierung von Religionsgruppen – ein Bereich, in dem es jüngst Fortschritte gegeben hat. Zugleich genießt die Serbisch-Orthodoxe Kirche eine klare Bevorzugung gegenüber anderen Konfessionen.

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Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im September 2019 aktualisiert.

Über die Autorin

Dr. Azra Dzajic-Weber

studierte und promovierte in Germanistik und Slawistik an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie war an verschiedenen Universitäten in der Lehre tätig. Danach war sie viele Jahre in der Entwicklungsarbeit zu Südosteuropa, Osteuropa und dem Kaukasus für die Heinrich-Böll-Stiftung tätig, unter anderem als Leiterin der Regionalbüros Südosteuropa in Sarajevo. Zur Zeit arbeitet sie als Trainerin für Interkulturelles, Diversitymanagement und Landeskunde sowie als Beraterin für Projektentwicklung. Bei der GIZ ist sie als Landestrainerin tätig. Sie lebt in Berlin.

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