Ausschnitt des Peace and Cultural Monuments in Freetown - Wandmalerei, Alltagsbilder
Anteil alphabetisierte Erwachsene
48,4 % (2015)
Bedeutende Religionen
Islam ca. 77 %, Christentum ca. 22 % (2015)
Städtische Bevölkerung
42 % (2017)
Lebenserwartung (w/m)
61/56 Jahre (2017, geschätzt)
Gender Inequality Index
150 von 160 (2017)
Anzahl der Geburten
4.73 / Frau (2017, geschätzt)
Kindersterblichkeit (unter 5 Jahre)
113 / 1.000 Lebendgeborenen (2016)

Ethnizität und Sprachen

Ethnische Gruppen
Ethnische Gruppen © daco-sl.org

In Sierra Leone leben circa 16 ethnische Gruppen, die ihre eigene Sprache und Kultur pflegen. Seit der Kolonialzeit gibt es Bemühungen, eine nationale Identität zu etablieren. Dennoch bleibt der wichtigste Bezugsrahmen für die meisten Sierra Leoner die Familie und die lokale Gesellschaftsordnung. 

Die größte ethnische Gruppe bilden in Sierra Leone die Temne mit 35%, dann folgen die Mende mit 31%, die Limba mit 8,5%, die Fullah mit 8%, die Mandingo mit 7%, die Krio mit 5%, und viele andere. Dabei wird der Norden des Landes von den Temne und der Süden von den Mende dominiert. Die Sprache der Krio, das Krio, gilt als die Lingua Franca des Landes. Aufgrund der geographischen Verbreitung wird im Norden im Alltag hauptsächlich die Sprache Temne und im Süden Mende als Verkehrssprache verwendet. Beide Sprachen gehören zu der Niger-Kongo-Sprachfamilie. Offizielle Amtssprache ist Englisch und wird überwiegend von Bevölkerungsgruppen mit einer formalen Schulbildung gesprochen. Zwei vorwiegend Handel betreibende, nicht aus Westafrika stammende Minderheiten sind die Inder und die Libanesen

In Sierra Leone gibt es kaum ernsthafte Auseinandersetzungen wegen ethnischer oder religiöser Zugehörigkeiten. Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien oder Religionen sind daher häufig. 

Der Krieg in Sierra Leone (1991-2002) beruhte nicht auf einem ethnischen Konflikt. Bevorzugungen nach ethnischer und oft damit verbundener parteilicher Zugehörigkeit in der Regierung, den Streitkräften und der Wirtschaft sind jedoch weit verbreitet.

Soziale Lagen

In Sierra Leone gibt es einen extremen Mangel an formaler Beschäftigung, wobei bisher keine verlässlichen statistischen Daten erhoben wurden. Die Mehrheit versucht mit Gelegenheitsjobs oder als Händler/in ein Auskommen zu erwirtschaften. Die Subsistenzwirtschaft wird in Familien oft parallel oder alternativ genutzt, um den Lebensunterhalt zu sichern.

Der Bürgerkrieg brachte die wirtschaftlichen Aktivitäten vollkommen zum Erliegen. Seitdem ist es noch nicht im notwendigen Umfang gelungen, einen beschäftigungswirksamen Aufschwung zu erzeugen. Hierbei spielen unter anderem eine schwache Privatwirtschaft sowie zu wenige gut ausgebildete Fachkräfte eine Rolle. Der informelle Sektor ist daher in Sierra Leone besonders wichtig. Die Einnahmen bleiben im informellen Sektor allerdings vergleichsweise niedrig, und der Zugang zu Krediten ist relativ schwierig.

Fischverkäuferinnen auf dem Markt in Bonthe
Fischverkäuferinnen in Bonthe © Juliane Westphal

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit stellt ein besonders gravierendes soziales Problem dar. Dabei gibt es einige, jedoch immer noch viel zu wenige Projekte, die versuchen, die Jugendlichen in die Gesellschaft zu integrieren. Die Jugendlichen bilden in ihrer aussichtslosen Lage Gruppen, die in der Zukunft zu einer Gefahr für die Sicherheit im Land werden können. Es gibt Projekte, die sich auf lokaler Ebene direkt an Kinder und Jugendliche wenden, die kein zu Hause haben und auf der Straße leben müssen.  

Stadt-Land-Verhältnis

Der Anteil der städtischen Bevölkerung beträgt circa 42%. Ein großer Unterschied zwischen Stadt und Land herrscht in Sierra Leone in allen Bereichen des Alltags. Die größte Stadt des Landes ist die Hauptstadt Freetown mit über einer Million Einwohnern. Während der Jahre des Bürgerkrieges suchten viele Menschen in Freetown wegen der relativen Sicherheit und der besseren Versorgung mit Hilfsgütern Schutz. Nachdem sich die Sicherheitslage verbesserte, konnten viele wieder in ihre Dörfer zurückkehren oder repatriiert werden. 

Weitere wichtige Zentren sind Koidu und Kenema im Osten, Bo im Süden und Makeni im Norden. In der Übersicht finden sich noch weitere ökonomisch relevante Zentren. 

Geschlechterverhältnisse

Kulturelle Vorstellungen, gesellschaftliche und religiöse Rahmenbedingungen prägen ganz entscheidend die Situation von Frauen in Sierra Leone. Viele Frauen mussten während des Krieges und in der Nachkriegszeit mit den begrenzten Möglichkeiten einkommenschaffender Aktivitäten, die ihnen zur Verfügung standen, für ihren Lebensunterhalt sorgen und für die Kinder, die bei ihnen lebten. 

Die Regierung und die Zivilgesellschaft unternehmen einige Anstrengungen, um die Situation der Frauen und ihre politische Repräsentation zu verbessern. So wurden im Jahr 2007 zu Erbfragen, Heirat und Scheidung Gesetze verabschiedet, die Frauen mehr Rechte zusprechen.

Dennoch besitzen Frauen mehrheitlich durch traditionell geprägte gesellschaftliche Strukturen nur begrenzte Verfügungsgewalt über Ressourcen, ihren Körper und ihr eigenes Handeln. 63% der Frauen (15-49 jährig) sind der Meinung, der Mann könne in bestimmten Fällen die Frau schlagen.

Problematisch sind auch die vielen Fälle von Ehen mit minderjährigen Mädchen, obwohl dies seit 2007 verboten ist. Etwa 39 % der Mädchen heiraten oder werden verheiratet bevor sie 18 Jahre alt werden, ca. 13 % sogar vor ihrem 15. Geburtstag. Die häufigen Schwangerschaften von Teenagerinnen - über 30 % der 18-jährigen haben schon ein Kind zur Welt gebracht - hängt nicht nur mit den frühen Ehen zusammen, sondern auch mit der extrem hohen Gefahr, als Mädchen oder junge Frau vergewaltigt zu werden.

Die weibliche Genitalbeschneidung (FGM/C) ist in Sierra Leone extrem weit verbreitet: so sind 85-90 Prozent aller Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten, was schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann und eine gravierende Menschenrechtsverletzung darstellt.

FGM/C gilt als erste Stufe der Initiation in die Geheimbünde der Frauen, die das soziale Leben der Frauen maßgeblich bestimmen, und ist damit Teil eines Übergangsrituals von der Kindheit zum Frau-Sein. Der soziale Druck der Zugehörigkeit ist in den Städten geringer, entsprechend sind auch die Zahlen der Mädchen, die beschnitten werden, niedriger als im ländlichen Raum. Unter den 15-19-jährigen sind 74 % direkt von FGM/C betroffen, was zeigt, dass die soziale Akzeptanz von Frauen langsam weniger davon abhängig gemacht wird.

Bildung

Schulunterricht
Schulunterricht © Christiane Braun

Die Analphabetismusquote wird bei erwachsenen Männern auf 59%, bei den Frauen auf 75% geschätzt (2013). Die Bevölkerung von Sierra Leone ist sehr jung. Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung können mehr junge Menschen lesen und schreiben, 57% von ihnen gelten als alphabetisiert. 

In Sierra Leone gibt es staatliche sowie religiöse Schulen. Dies sind konfessionell gebundene katholische oder protestantische Schulen sowie Islamschulen. Muslime gehen allerdings auch auf christlich geprägte Schulen. Sierra Leone begann sehr früh ein formales Bildungswesen im westlichen Stil einzuführen. Die erste Universität Westafrikas, das Fourah Bay College in Freetown, wurde im Jahr 1847 gegründet, die ersten Gymnasien für Mädchen und Jungen zwischen den Jahren 1845 und 1849. Das Fourah Bay College ist heute neben der Njala Universität in Bo Teil der Universität von Sierra Leone. Eine tertiäre Ausbildung war jedoch nur einer Minderheit aus der gebildeten Mittel- und Oberschicht vorbehalten. Nur wenige Sierra Leoner hatten die Möglichkeit eine formale Schulbildung zu erlangen. Heute gibt es in den größeren Städten weiterführende Colleges und technische Institute, die jedoch keinen international anerkannten Hochschulabschluss anbieten können; dies ist der Universität von Sierra Leone vorbehalten. 

Das sierra leonische Schulsystem orientiert sich an dem Großbritanniens. Die Grundschulzeit beträgt sechs Jahre und wird mit der National Primary School Examination (NPSE) abgeschlossen. Daran schließt die Sekundarstufe an mit der Junior Secondary (3 Jahre) und der Senior Secondary School (3 Jahre), die mit der West African Senior School Certificate Examination (WASSCE) abschließt. Diese berechtigt zur Bewerbung an der Hochschule. Die WASSCE kann beliebig oft wiederholt werden, wenn die Noten beispielsweise nicht für den Hochschulzugang ausreichen. An der Hochschule müssen vor der Zulassung zum Wunschfach Prüfungen abgelegt werden. Die Hochschulausbildung dauert in der Regel vier Jahre und wird mit einem ersten Abschluss, einem Diplom oder einem Bachelor, abgeschlossen. Weitere Studienjahre können angeschlossen werden. Die Universität bietet auch weiterführende Studien an, die mit einem Master oder Doktorgrad abgeschlossen werden können.

Mädchen sind im Bildungssystem nach wie vor benachteiligt, obwohl die Regierung eine Initiative gestartet hat, die Mädchen und Jungen die Primarschulbildung ermöglichen soll. Insbesondere auf dem Land werden Mädchen schon sehr früh verheiratet und werden Mütter, und daher wird Bildung als nicht so wichtig erachtet.

Gesundheit

Krankenschwester mit Neugeborenem in einer Klinik
Neugeborenes in einer Klinik © Laura Lartigue - USAid

Die Gesundheitsversorgung in Sierra Leone wird zum Teil vom Staat, zum Teil von Nichtregierungsorganisationen geleistet. Während des Bürgerkrieges waren medizinische Behandlungen nur in wenigen Fällen möglich. Das Gesundheitswesen unter der Führung des Ministry of Health and Sanitation ist in den letzten Jahren reformiert worden.

2010 wurde mit der Unterstützung des Vereinigten Königreiches und der UN ein Programm zur kostenlosen Versorgung von schwangeren Frauen und Müttern mit Kindern unter fünf Jahren eingeführt, um die hohe Mütter- und Kindersterblichkeit zu reduzieren. Diese war bis 2008 die höchste im internationalen Vergleich. Neben der hohen Sterberate kann in Fällen von Komplikationen während der Geburt häufig nicht schnell genug ein Krankenhaus und die notwendige Hilfe erreicht werden. Aufgrund dieser unzureichenden Versorgung kann es zu tagelangen Geburtszeiten kommen, die zu Verletzungen und Fisteln führen. Diese wiederum sind oft mit Inkontinenz und daraus folgender gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden.

Die Situation der Frauen und Kleinkinder hat sich verbessert, auch wenn sie nach wie vor nicht befriedigend ist. Der Rest der Bevölkerung bleibt allerdings immer noch ohne ausreichenden Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung, zum einen, weil es an Geldern fehlt, zum anderen, weil Teile des Gesundheitssystems unter Korruption leiden. Insbesondere die ländlichen Gebiete sind äußerst unzureichend ausgestattet. Die Bevölkerung bezahlt dies mit einem insgesamt schlechten Gesundheitszustand und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 58 Jahren.

In Sierra Leone kommen immer wieder Epidemien von Gelbfieber, Cholera, Lassa-Fieber und Meningitis vor. Malaria ist eine weit verbreitete Gefahr für Kinder und Erwachsene.

Eine ganz neue Bedrohung für Westafrika ist der Ausbruch einer Ebola-Epidemie in Westafrika, von der auch Sierra Leone betroffen ist. Bis zum 16. Januar 2016 gab es mehr als 11 315 Todesfälle in Guinea, Liberia und Sierra Leone, 3955 davon in Sierra Leone.

HIV/Aids

Banner einer Werbekampagne für Kondome
Werbekampagne für Kondome © Laura Lartigue - USAid

Sierra Leone hat eine HIV/AIDS-Infektionsrate von 1,5%. Damit liegt es etwas über dem internationalen Durchschnitt von einem Prozent und gehört damit (noch) nicht zu den Hochprävalenzländern. Die Prävalenz von HIV/AIDS wird vom National HIV/AIDS Secretariat statistisch erfasst, und es werden verschiedene Präventionsprogramme koordiniert. Die Durchführung der Programme liegt bei Nichtregierungsorganisationen. Sierra Leone erhielt für seine bisherigen Bemühungen, das sechste Millennium Development Goal, eine weitere Verbreitung von HIV aufzuhalten, im Jahr 2010 eine Auszeichnung.

Traditionelle Medizin

Magisches Denken ist in Sierra Leone weitverbreitet und häufig schließt die Zugehörigkeit zum Islam oder Christentum eine gleichzeitige Zugehörigkeit zu einer Geheimgesellschaft (Secret Society) nicht aus. Auch die Civil Defence Force oder Kamajors ließen sich durch ihre Heiler nach eigener Vorstellung unverwundbar machen. Diese haben jedoch auch über die Wirkung von Heilpflanzen ein traditionelles Wissen. Ihre Dienste werden daher gerne in Anspruch genommen, zumal es in fast jedem Dorf einen Heiler gibt. 

Während der Ebola-Epidemie waren die traditionellen Heiler erst einmal an der Verbreitung des Virus beteiligt, weil viele Menschen, die kein Vertrauen in das staatliche Gesundheitssystem hatten, sich an sie wandten. Im Zuge des Ebola-Ausbruchs wurde aber auch die Notwendigkeit offensichtlich, die traditionelle Medizin stärker in das Gesundheitssystem einzubinden. Dafür setzt sich jetzt unter anderem der Verband der traditionellen Heiler ein.

Kultur

Eine einzige kulturelle Identität gibt es in Sierra Leone nicht: Obwohl sich die meisten Menschen zu Sierra Leone als Nation bekennen, identifizieren sie sich zugleich mit ihrer Ethnie, ohne dies als einen Widerspruch zu verstehen.

Ethnienübergreifend bilden die Geheimgesellschaften und Geheimbünde in Sierra Leone eine weitere kulturelle Identitätsfläche für Sierra Leoner_innen. Es gibt verschiedene Geheimbünde für unterschiedliche Aktivitäten. Die wichtigsten Bünde sind die Poro Society für Männer und die Bundo Society für Frauen. Bevor das formale westliche Schulsystem eingeführt wurde, dienten sie der traditionellen Wissensvermittlung zwischen den Generationen. Die Geheimbünde stehen aufgrund menschenrechtsverletzender Praktiken wie der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM) in der Kritik von Menschenrechtsgruppen

Besprechung in einem Dorf
Besprechung in einem Dorf / © Christiane Braun

In den letzten Jahren hat sich das Interesse an Sierra Leones kulturellem Erbe stark entwickelt. Die Webseite SierraLeoneHeritage.org dokumentiert historische Orte und enthält eine Sammlung von Videos, die Theater-, Tanz- und Musikvorstellungen, sowie traditionelles Handwerk und Spiele zeigen. Die ehemalige Sklavenfestung Bunce Island wird restauriert und zunehmend von Touristen aus aller Welt, aber vor allem aus Amerika besucht. Im Oktober 2014 ist eine Denkmalskommission eingerichtet worden.

Die traditionelle Kunst ist in Sierra Leone unmittelbar ins Alltagsleben integriert. Kultur wird in Form von Maskenumzügen oder öffentlichen Musik- und Tanzveranstaltungen auf die Straße gebracht. Kunstgegenstände haben meistens ursprünglich religiöse Bedeutung.

Masken werden für kulturelle Feste sowie für Feiern der Geheimbünde verwendet. Sie sind dabei nicht nur Kunstwerke, sondern werden für Rituale verwendet und haben einen sakralen Wert. Die Geheimbünde veranstalten öffentliche Umzüge zu unterschiedlichsten Anlässen. Zum Antritt des Präsidenten Ernest Bai Koroma waren mehrere Geheimbundvereinigungen anwesend.

Zu diesen Anlässen werden traditionelle Lieder gesungen und rituelle Tänze getanzt. Bei Feiern der Geheimbünde finden oft Umzüge durch die Straßen statt, die am heiligen Ort des Geheimbunds enden. Die Umzüge werden von Menschen gemieden, die nicht der jeweiligen Geheimgesellschaft angehören, da immer wieder von Verschleppungen berichtet wird.

Die verschiedenen Ethnien besitzen für sie charakteristische Tänze, Lieder und Musikinstrumente. Der Eintritt ins Erwachsenenalter wird beispielsweise mit traditionellen Liedern thematisiert. Jeder Geheimbund hat seine eigenen rituellen Lieder und Tänze, die zu Festtagen aufgeführt werden. Trommeln untermalen dabei die Lieder, auch werden rhythmische Sprechchöre eingesetzt.

Tanz der Bundo Society
Öffentlicher Auftritt der Bundo Society © Sonja Hohenbild

Literatur

Es gibt eine reiche Tradition von Gedichten und Erzählungen, die meisten in den lokalen Sprachen oder in Krio. Einige Künstler dichten aber auch in englischer Sprache.

Die bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller sind Ishmael Beah, Syl Cheney-Coker und Aminatta Forna. Cheney-Coker thematisiert in seinen Büchern und Gedichten seine Erfahrungen im Exil und die Außensicht auf Sierra Leone als Exilant mit Fokus auf die Korruption und die Probleme eines Intellektuellen in Sierra Leone. Beah beschreibt in seiner Biografie den Bürgerkrieg aus der Sicht eines Kindersoldaten, der für die Sierra Leone Army kämpfen musste. Es ist eine der bewegendsten und zugleich verstörendsten Geschichten über den Krieg. Sein zweites Buch, "Radiance of Tomorrow" handelt von der Nachkriegszeit in einem sierraleonischen Dorf, dessen soziale Struktur sich durch den Bergbau extrem wandelt. Forna widmete ihre Lebenserinnerung "The Devil that danced on the Water" der Lebensgeschichte ihres Vaters. In ihrem Roman "Ancestor Stones" erzählt sie vom traditionellen Leben vierer Frauen im ländlichen Westafrika und ihren Versuchen, sich daraus zu befreien. Ein weiterer Roman, "Memory of Love", spielt in der Nachkriegszeit.

Musik

In Bars treten immer wieder bekannte Musiker_innen auf. Die international bekannten Refugee All Stars, die sich in einem Flüchtlingslager in Guinea formierten, spielen heute Live-Musik auf internationalen Festivals und in sierra-leonischen Clubs. Vor einigen Jahren wurde ein Film über sie gedreht. Es werden auch Konzerte in Kooperation mit der Ballanta Academy of Arts, einer Musikakademie in Freetown, organisiert.

Beginnend mit Friedenskonzerten z.B. der "Paradise Family", hat sich nach dem Krieg eine sehr lebendige Musikszene etabliert. Eine wichtige Rolle haben die Musiker in den zwei Jahren vor den Wahlen 2007 gespielt, indem sie mit ihren Texten die schwierige Lage der Jugend, soziale Ungerechtigkeit und Korruption an den Pranger gestellt haben. "Bobor Belle" (übersetzt: "Männer mit Bäuchen"), war das bekannteste Lied, das selbst von den Politikern zitiert wurde, von denen es handelte, und was an jeder Straßenecke zu hören war. Daddy Saj fragte sich in dem Lied "Sorriest Part" (das Traurigste), ob vom nächsten Präsident, wer es auch werden wird, Besseres zu erwarten ist. Während dieser Jahre war in den Radios und Diskotheken vorwiegend sierra-leonische Musik zu hören.

Mittlerweile wird wieder mehr nigerianische und internationale Popmusik gespielt, unter anderem, weil die neuen sierra-leonischen Copyright-Gesetze streng sind, und die regulär kopierten CDs mit einheimischer Musik doppelt so teuer sind, wie die illegal produzierten CDs mit Hits aus anderen Ländern. Eine sierra-leonische Musikszene gibt es trotzdem, nach wie vor mit sozialen Songtexten und Liebesliedern, mitunter sogar Liebeserklärungen an das eigene Land, wie "Tay go - pass ar die" (endlos, bis zum Tod).

Film

Plakat für das Filmfestival "Opin Yu Yi"
Plakat für das Filmfestival "Opin Yu Yi" © Juliane Westphal

2012 und 2013 fand das Sierra Leone International Film Festival statt, auf dem 2/3 lokale und 1/3 internationale Filme gezeigt wurden. Zur Förderung der lokalen Filmszene gingen Workshops und Trainings mit dem Festival einher. Seit 2012 gibt es außerdem "Opin Yu Yi" (Öffne Deine Augen), ein Filmfestival in Freetown mit Fokus auf Menschenrechten, das jährlich stattfindet.

Überall in Land gibt es kleine "Kinos", die mit Fernsehern oder Beamern hauptsächlich Übertragungen von Fußballspielen der großen Ligen zeigen, oder "Nollywood" Filme aus Nigeria - Low Budget-Produktionen, die oft in nur wenigen Tagen gedreht werden. Angelehnt an diese Filmkultur, gibt es erste in Sierra Leone produzierte "Sollywood" Filme, zum Beispiel "For the Love of Money" von dem prominentesten Musik- und Filmproduzenten Jimmy B mit seinen "Paradise Studios".

Tanz und Theater

Tanzgruppe in Kissy Tong
Tanzgruppe in Kissy Tong © Sonja Hohenbild

Ein herausragendes Merkmal des kulturellen Lebens in Sierra Leone ist der Tanz. Neben dem traditionell eingebetteten Tanz gibt es auch Tanzgruppen, die auf Bühnen in Sierra Leone und im Ausland auftreten. Die prominenteste ist die 1963 gegründete National Dance Troupe.

Eine untypische Tänzerin ist Michaela De Prince, eine der besten Nachwuchsballerinen der Welt. 1995 in Sierra Leone geboren, wurde sie mit fünf Jahren als Waisenkind von einer amerikanischen Familie adoptiert.

Es gibt sehr viele Theatergruppen im ganzen Land verteilt. Neben Unterhaltung und traditionellen Inhalten beschäftigen sie sich auch mit der Vermittlung von Wissen, mit Gesundheitsaufklärung und mit der Friedenssicherung. Besonders bekannt sind die Freetong Players.

Auch von Schauspielern produziert werden die sehr beliebten Folgen von 'Atunda Ayenda', Radio Soaps, die regelmäßig soziale Probleme und die Lebensumstände von jungen Leuten aufgreifen.

Lions Art - Studio für Kunst, Tanz und Theater in Freetown
Lions Art - Studio für Kunst, Tanz und Theater in Freetown © Minnette Fonnah

Ausstellungen

Das Nationalmuseum befindet sich im Zentrum von Freetown neben dem berühmten Cotton Tree (Kapokbaum). Mit archäologischen und ethnografischen Ausstellungsstücken bietet es einen Einblick in die Geschichte des Landes. Es hat eine kleine, aber faszinierende Sammlung von "juju" Schmuckstücken und historischen Artefakten, darunter die Trommel, Kleidung und Schwert des Temne-Herrschers und Kriegsherren Bai Bureh. Moderne bildende Kunst wird ebenfalls dort ausgestellt.

Kunst und Kunsthandwerk findet man auf vielen Märkten, die größten sind der "Big Market" in der Innenstadt und das "Tambakula Arts and Crafts Center" in Aberdeen. Ansonsten gibt es kleine Kunstzentren oder Ateliers einzelner Künstler_innen. "Art Haus Sierra Leone" ist eine Online-Plattform für Kunst, die ästhetisch und thematisch mit Sierra Leone verbunden ist.

Viele Künstler_innen zeichnen und malen auch für Firmen zu Werbezwecken oder für gemeinnützige Organisationen und staatliche Stellen.

Eine Skulptur von unbekannter Künstler_in steht am Strand zum Verkauf
Skulptur von unbekannter Künstler_in am Strand zum Verkauf © Juliane Westphal

Religion

Laut Volkszählung (2015) sind 77 % der Bevölkerung Muslime und 21,9 % Christen (Protestanten, Katholiken, Angehörige pentekostaler und afrikanischer Freikirchen). Gleichzeitig gibt es einige Gläubige traditioneller afrikanischer oder anderer Religionen. Sierra Leoner sind auf das friedliche und respektvolle Zusammenleben der Religionen in ihrem Land sehr stolz.

Eine strikte Trennung und reine Befolgung einer religiösen Lehre findet jedoch kaum statt. Vielmehr werden im Alltag der Islam und das Christentum mit weiteren Religionen und religiösen Traditionen vermischt. Magische Elemente mischten sich in die Praxis des lokalen Islams, sodass einige Islamgelehrte magische Fetische in ihre Lehre integriert haben.

Insgesamt steigt die monotheistische Religiosität der Menschen. Neben dem Islam bekennen sich immer mehr Menschen zu pfingstlichen und evangelikalen Kirchen. Im Norden lebten lange Zeit mehrheitlich Muslime, während die Christen vorwiegend vom Süden und der Küste aus missioniert worden waren. Inzwischen ist dieses Muster weniger eindeutig, und in Freetown finden sich sowieso alle genannten Glaubensrichtungen nebeneinander.

Anhänger traditionell afrikanischer Religionen glauben oft auch an weitere höhere Wesen. Es existieren in diesem Verständnis neben Gott noch weitere Geister. Dies sind zum einen die Ahnen, zum anderen Naturgeister mit verschiedenen Bestimmungen. Die Geister können zu Hilfe kommen oder Schaden zufügen, hierfür erwarten sie jedoch manchmal Opfergaben.

Sehr populär sind Zauberei und Magie, offen wird hierüber aber nicht gesprochen. Menschen muslimischen oder christlichen Glaubens gehen trotz ihres Glaubens zu Heiler/innen, welche ihnen zum Beispiel einen magischen Fetisch herstellen, um Probleme zu lösen oder Krankheiten zu heilen. Fast alle Sierra Leoner_innen verfügen über ein allgemeines Wissen über Hexerei und deren Formen und Symbolik. Es kommt immer wieder vor, dass Kinder oder Frauen der Hexerei beschuldigt werden und aus der Familie ausgeschlossen werden. 

Kirche in Lunsar
Kirche in Lunsar © Christiane Braun
Moschee in Kabala
Moschee in Kabala © Christiane Braun

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2018 aktualisiert.

Die Autorin

Porträt der Autorin

Juliane Westphal, Mediatorin M.A., interkulturelle Trainerin (dgikt), Open Space Begleiterin und Beraterin für Development Communication. Seit 2010 auch Landestrainerin für Sierra Leone und Liberia bei der Akademie für internationale Zusammenarbeit (AIZ) der GIZ. Von 2005 bis 2007 zuständig für die öffentliche Aufklärung über die Arbeit und die Ergebnisse der beiden Wahrheits- und Versöhnungskommissionen (TRC) in Sierra Leone und Liberia. 

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