Mann bei seiner Herde (©Ayman Hussein)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
31,98% (2015)
bedeutende Religionen (ca.)
Christentum (60,5%), Animismus (32,9%), Islam (6%)
Städtische Bevölkerung
18,8% (2015)
Lebenserwartung (m / w)
54,73 / 56,68 Jahre (2014)
Gender Inequality Index (GII)
nicht verfügbar
Anzahl der Geburten (pro 1,000 Personen)
36,76 (2014)
Kindersterblichkeit (pro 1,000 Lebendgeburten)
92,6 (2015)

Soziale Struktur

Ethnizität, Tribalismus und Sprachen

Die südsudanesische Gesellschaft ist ethnisch divers und komplex. Laut OCHA, des Büros der Vereinten Nationen zur Koordination Humanitärer Angelegenheiten, leben über 60 ethnische Gruppen unterschiedlicher Größe und mit einer Vielzahl von Sprachen im Südsudan und teilweise über die Grenzen zu Nachbarstaaten hinweg. Die größte Gruppe bilden dabei die Dinka, gefolgt von den Nuer, Shilluk, Azande und anderen mit jeweils vielen Untergruppen. Auf dem Portal von Gurtong werden die unterschiedlichen Gruppen jeweils kurz mit ihrer Herkunft, Geschichte und Traditionen beschrieben.
Die Sprachen im Südsudan lassen sich in die Sprachgruppen der nilotischen Sprachen - dazu gehören Dinka, Nuer, Shilluk, Luo, Acholi u.a. -, der Mande Sprachen - Azande oder Zande, Bande, Murle u.a. - und der semitischen Sprachen, also Arabisch, einteilen. Obwohl Englisch als Amtssprache und Juba Arabic - eine Variante des gesprochenen Arabisch - als lingua franca häufig fungiert, entstehen wegen der hohen Anzahl der lokalen Sprachen häufig das Problem, dass viele Menschen, häufig in ländlichen Regionen, nicht erreicht werden können.

Die Geschichte der verschiedenen Gruppen ist teilweise äußerst komplex sowohl was ihre Herkunft als auch ihre Migrations- und Siedlungsgeschichte(n) angeht. Der Zugriff auf bzw. die Einbindung von peripheren Regionen durch staatliche Strukturen, sei es Fur-Sultanat, Zande-Reich, Kolonisation oder Mahdiya, wurde oft über Versklavung der Bevölkerung, Zwangsarbeit bzw. Einbindung in den Sklavenhandel betrieben und hatte große Vertreibungs- und Migrationsbewegungen zur Folge aber auch Assoziationen. Die ungeheure Komplexität der daraus entstehenden Gruppen und Beziehung wird von Edward Thomas, anhand des Beispiels der Kafia Kingi Enklave, exzellent beschrieben.

Neben Koexistenz, gegenseitiger Heirat und Assoziationen gab es auch immer wieder Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen. Dabei geht es meist um Ressourcen bzw. um Zugriff auf staatliche Ressourcen. In Ermangelung anderer Interessensgruppen bzw. Verteilungskanäle (außer den Gehaltslisten von Militär und öffentlichem Dienst) werden zu diesem Zweck ethnische Zugehörigkeiten angerufen. Der Tribalismus der südsudanesischen Gesellschaft wird von vielen als Entwicklungshindernis wahrgenommen und wurde von Präsident Salva Kiir bei seiner Antrittsrede als erster Präsident Südsudans angesprochen: "Ob ihr Zande, Kakwa, Lutugo, Nuer, Dinka oder Shilluk seid, denkt von euch selber an erster Stelle als Südsudanesen. Chancen und Möglichkeiten werden für alle gleich sein" [Übersetzung AM].

Trotzdem kam es, angesichts der Abwesenheit funktionierender staatlicher Verteilungsstrukturen, schon bald nach der Unabhängigkeit zu Verteilungskonflikten zwischen verschiedenen Gruppen um Land, Wasser, Vieh und politischen Einfluss, die durch die inzwischen weite Verbreitung von Kleinwaffen schnell tödlich werden. So kamen bei Konflikten zwischen Dinka, Nuer und Murle Gruppen in Jonglei State zwischen April 2011 und Januar 2012 mehr als 2000 Menschen ums Leben. Weder der Regierung noch den UNMISS Truppen gelang eine Eindämmung des Konfliktes.

Und tragischerweise wurde trotz aller Beteuerungen der ursprünglich politische Konflikt zwischen Salva Kiir und seinem Vize Riek Machar von beiden Seiten schnell ethnisiert und hat den Südsudan nur anderthalb Jahre nach seiner Unabhängigkeit erneut in einen blutigen Konflikt getrieben.

Die vielen Konflikte der letzten Jahrzehnte haben zudem zu einer Militarisierung der Gesellschaft und einer weiten Verbreitung von Waffen geführt, die in vielen südsudanesischen Haushalten präsent sind. Konflikte werden dadurch schnell blutig und eskalieren immer weiter. Allianzen und Bündnisse werden dabei auf lokaler Ebene ebenso leicht geschlossen wie wieder aufgekündigt und variieren mit den Interessen der verschiedenen Gruppen, wie dieser Report aus Jonglei verdeutlicht.

Soziale Lage und soziale Klassen

Der weitaus überwiegende Teil der südsudanesischen Bevölkerung (ca. 83 %) lebt auf dem Land und dort von Subsistenzlandwirtschaft, sei es Ackerbau oder Viehzucht, siehe dazu z.B. den Bericht des Overseas Development Institutes. Die meisten Menschen in den städtischen Zentren gehen informellen Tätigkeiten nach. Nur ein verschwindend kleiner Teil steht in einem geregelten Beschäftigungsverhältnis, meist Staatsangestellte, v.a. im aufgeblähten Verwaltungsapparat.

Die Gesellschaft spaltet sich zunehmend in jene, die entweder durch ihre Posten, ihre Nähe zur Regierung oder durch ihre wirtschaftlichen Investitionsmöglichkeiten an den Geldströmen und Verbesserungen der Lebensbedingungen teilhaben, und andere, die weitgehend davon ausgeschlossen bleiben. Südsudan hat einen der aufgeblähtesten Staatsapparate der Welt, laut Sudd-Institute gibt es hier mehr Parlamentsmitglieder pro Einwohner als irgendwo sonst. Ähnliches gilt für Ministerien. Dabei darf nicht vergessen werden, dass an jeder Person, die ein Einkommen erzielt, bis zu mehrere Dutzend andere Menschen hängen, die dadurch mitversorgt werden: durch Geldzuweisungen, aber evtl. auch mit weiteren Posten oder allgemein mit Zugang zu Macht und Ressourcen.

Die Verteilung staatlichen Wohlstandes verläuft somit eher über diese klientelistischen Strukturen als über öffentliche Investitionen oder Versorgungsleistungen.

Die Eliten im Südsudan nutzen zudem die Loyalität ihrer Angehörigen der jeweiligen - teils konstruierten - ethnischen Gruppe. Sie sind teilweise sehr geschickt darin, auf lokaler Ebene Konflikte auszulösen, die in ihrem Interesse sind. Ein prominentes Beispiel ist u.a. der Konflikt zwischen der Ethnie Dinka-Bor und der bari-sprechenden Gruppe im Juba County.

Stadt-Land-Verhältnis

Die Städte im Südsudan, allen voran Juba, wachsen rapide, es gibt jedoch keine gesicherten Daten. Laut eines Berichtes über Urbanisierung im Südsudan wuchs die Bevölkerung Jubas von 56.000 im Jahr 1973 um 450 % auf ca. 250.000 Einwohner bei Unterzeichnung des Friedensvertrages 2005. Für 2010 gehen die Schätzungen weit auseinander, eine Studie von JICA kommt zu einer Schätzung von 406.000 Menschen mit einer Wachstumsrate von 12,5 % pro Jahr, während das Ministerium für Infrastruktur mit Zahlen zwischen 500.000-600.000 Einwohnern rechnet.

Das Wachstum wird großteils ausgemacht von Neuankömmlingen, seien es RückkehrerInnen, Flüchtlinge oder WirtschaftsmigrantInnen. Viele der ungefähr 2 Mio. RückkehrerInnen seit 2005 planen zunächst einen kurzen Aufenthalt in Juba auf der Reise in ihre Herkunftsgegend, woraus dann ein immer längerer Zeitraum wird. Trotz der sehr auch in Juba schlechten Versorgungslage scheint vielen allein die Präsenz eines guten Krankenhauses oder des Regierungssitzes auszureichen, um die Versorgung hier als besser einzuschätzen als in den ländlichen Gebieten. In den letzten Jahren kommen besonders viele junge Männer, die als Flüchtlinge in urbanen Zentren aufgewachsen sind und denen die Eingliederung in ländliche Gemeinden schwerfällt, auf der Suche nach Arbeit und einem urbanen Lebensstil nach Juba.

Auch viele Menschen aus den Nachbarländern suchen (und finden) Arbeitsmöglichkeiten in Juba, trotz der sehr hohen Arbeitslosigkeit unter SüdsudanesInnen.

Geschlechterverhältnis

Frauen holen Holz (© Ayman Hussein)
Frauen holen Holz (© Ayman Hussein)

Das Geschlechterverhältnis im Südsudan ist von Gleichheit zwischen den Geschlechtern, die in der Interimsverfassung proklamiert wird, weit entfernt. Laut einer Studie von Human Rights Watch sind 48% der Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren bereits verheiratet. Der Grund für die frühe Verheiratung von Töchtern ist oft die Mitgift und die Erwartung, dass der zukünftige Ehemann bei der Versorgung der anderen Familienmitglieder hilft. Mädchen, die sich weigern zu heiraten, sind oft massiver Gewalt ausgesetzt.

Weiter schreibt Human Rights Watch, dass von Frauen und Mädchen über 15 Jahren nur 16 % lesen und schreiben können, bei Männern liegt der Wert bei 40%. Auch die Daten für 2011 zeigen dass nur 39% der GrundschülerInnen und 30 % der SchülerInnen in weiterführenden Schulen Mädchen sind.

Während Frauen oft den überwiegenden Teil der Arbeit, v.a. in der Landwirtschaft, leisten, haben sie kaum ein Mitspracherecht bei der Verwaltung des Geldes und wofür es ausgegeben wird. Polygynie ist weit verbreitet.

Auf die erschreckendste Weise wird die Situation von Frauen in einem Vergleich deutlich: Laut UNESCO ist für Mädchen und Frauen im Südsudan die Wahrscheinlichkeit an Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt zu sterben dreimal so hoch wie die Wahrscheinlichkeit die achte Klasse zu besuchen.

Die Müttersterblichkeit im Südsudan ist eine der höchsten der Welt, laut dem Genfer Thinktank Small Arms Survey könnten bis zu einer von sieben Frauen durch Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt sterben. Neben der kaum existenten medizinischen Versorgung ist ein weiterer Grund für die hohe Sterblichkeitsrate die weite Verbreitung von Kinderehen.

Frauen sind nicht nur häufig Opfer von konkreter Gewalt, sondern sie werden konsequent auch aus Entscheidungen zur Sicherheit bzw., wie solche erlangt werden soll, ausgeschlossen. In einem Staat wie dem Südsudan, in dem Unsicherheit - sowohl in Form von Gewalt aber auch in anderen Formen - die Regel anstelle der Ausnahme darstellt, sind Frauen demnach von Gewalt in mehreren Dimensionen betroffen.

Human Rights Watch zu Kinderehen im Südsudan


Überhaupt ist physische Gewalt gegen Frauen weit verbreitet und gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Laut einer Studie des Conflict und Health Journals stimmten 68 % der befragten Frauen und 63 % der befragten Männer zu, dass "Frauen es manchmal verdient haben geschlagen zu werden".

Aufklärung von Frauen und ihrer Gemeinschaften über ihre Grundrechte ist daher ein wichtiges Arbeitsfeld z.B. für das südsudanesische Frauenrechtsnetzwerk SSWEN. Eine große Herausforderung bildet dabei das Nebeneinander von staatlichem Recht und traditionellen Rechtssystemen, die im staatlichem Recht zum Teil anerkannt werden, was besonders Frauen den Zugang zu ihren in der Verfassung verbrieften Rechten sehr erschwert.

Die konsensuale Ausrichtung traditioneller Rechtssysteme, wo die Schlichtung zwischen und Zufriedenheit von den beteiligten Familien und Gemeinschaften oft mehr im Vordergrund steht als das physische und psychische Wohlergehen von Individuen, verwehrt Frauen oft den Schutz und die Unterstützung die sie bräuchten, um z.B. gewalttätige Ehen zu beenden. Außerdem muss bei einer Scheidung der Brautpreis zurückgezahlt werden, was die Familie sich eventuell nicht leisten kann oder will.

Frauen haben bisher keine Rechtsgrundlage, um Sexualverbrechen zu ahnden oder eine Scheidung bzw. ein Sorgerecht für ihre Kinder einzufordern. Laut Ajur Agui Magot, die bei einer Gruppe südsudanesischer Anwältinnen engagiert ist, fallen 90 % der Strafrechts- und Zivildelikte unter Gewohnheitsrecht, also unter die traditionelle Rechtsprechung. Mit internationalen Menschenrechten lässt sich das kaum in Einklang bringen.

Großfamilie und Gemeinschaft

Weiler im Südsudan (© Ayman Hussein)
Weiler im Südsudan (© Ayman Hussein)

Wichtige Sozialstrukturen der südsudanesischen Gesellschaft sind die Großfamilien ('extended family'), die wiederum in Clans oder Gemeinschaften organisiert sind. Verwandtschaftsverhältnisse werden gepflegt auch zu weit entfernten oder sogar angeheirateten Familienmitgliedern und bringen eine Vielzahl sozialer und finanzieller Verpflichtungen mit sich, denen der einzelne Mensch sich nur schwer entziehen kann. Dörfer bestehen oft ganz aus Angehörigen einer Großfamilie. Eine Loslösung aus dem Großfamilienverband bedeutet nicht nur soziale Isolierung sondern auch Aufgabe sozialer und ökonomischer Sicherheiten.

Der Rat oder auch die Entscheidung der Familienältesten bei Heirat, Scheidung und anderen wichtigen Fragen ist nicht nur wichtig sondern oft bindend. Bei familiären Konflikten, wie z.B. Ehekonflikten, sind es oft die Familienältesten beider Parteien, die miteinander eine Lösung aushandeln, unter mehr oder weniger Beteiligung der Eheleute. Auch traditionelle Gerichte binden die Ältesten oft mit ein in dem Versuch eine konsensuale Rechtsprechung zu erlangen - oft zum Nachteil von Frauen, da ihre physische und psychische Unversehrtheit meist zweitrangig ist gegenüber der Wahrung des Friedens zwischen den Familien.

Die Großfamilien sind nach strengen Hierarchien bezüglich Alter, Geschlecht und sozialem Status gegliedert. Gegessen wird meist in Gruppen, die diese Gliederung spiegeln.

Ehe und eine zahlreiche Nachkommenschaft sind nicht zuletzt Statussymbole und bedeuten auch eine Absicherung vor Altersarmut. Neben der hohen Geburtenrate ist dies auch auf die geringe Lebenserwartung zurückzuführen. Laut Zensus sind 72 % der Bevölkerung unter 30 Jahre, 51 % sind unter 18 Jahre und 30 % sind unter 10 Jahre alt.

Die lange Periode gewalttätiger Konflikte hat jedoch diese Sozialstrukturen vielfach zerstört. Organisationen wie Save the Children warnen vor einer wachsenden Zahl von Straßenkindern und der weiten Verbreitung von Kinderarbeit. Die ILO kooperiert mit dem Südsudan zur Eliminierung von Kinderarbeit.

In den Städten fühlen sich Jugendliche und junge Erwachsenen als erste Generation freier SüdsudanesInnen einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt. Gleichzeitig wird öffentlich der Mangel der jungen Generation an moralischen Werten bemängelt - die Debatten um den nationalen Charakter des jungen Staates und das Verhältnis zwischen den Generationen sind eng miteinander verwoben und ein wichtiges Thema.

"Traditionelle" Autoritäten

Über die Großfamilie hinaus ist die Bevölkerung, besonders in den ländlichen Gebieten entlang von ethnisch-kulturellen Gemeinschaften, manchmal Clan oder 'community' genannt, gegliedert, die wiederum, je nach Gemeinschaft, von einem Chief oder lokalen König verwaltet werden.

Sehr aufschlussreich legt Cherry Leonardi die Entstehung und Institutionalisierung dieser Chiefs dar. Deren Installation und ihre Ausstattung mit Macht und Ressourcen sowie Einbindung in die lokale Verwaltung ist eng verwoben mit der Kolonialzeit und dem Versuch der Kolonialherren, möglichst effiziente Strukturen mit geringem Aufwand zu schaffen. Während es vorher durchaus eine Tradition von Führungsrollen gab, wurden diese erst durch die Briten in hohem Maße institutionalisiert. Was als traditionell gilt, ist oft Produkt dieser Epoche, jedoch haben sich die neuen Strukturen auch nach Ende der Kolonialzeit behauptet und sind auch heute wieder wichtige Teile der lokalen Verwaltung.

Bildung

Formale Bildung genießt im Südsudan bereits seit der Kolonialzeit einen extrem hohen Stellenwert, und dies ist bis heute so geblieben. Eine politische Karriere ohne akademischen Grad ist kaum denkbar. Seit der Kolonialzeit wurden Politiker und Verwaltungsbeamte aus dem kleinen Zirkel der gut ausgebildeten Elite rekrutiert, die sich sozial stark von den lokalen Gesellschaften unterschied und oft bewusst abgrenzte.

Heute werden die Kinder der politischen Elite meist im Ausland ausgebildet und qualifizieren sich damit wiederum für die Übernahme von Posten. SchülerInnen und Studierende (bis in die heutige Zeit hinein allerdings hauptsächlich männlich) waren und sind im politischen Geschehen angesichts ihrer geringen Zahl unverhältnismäßig sichtbar. Besonders Studenten sind in zahlreichen (Lobby-) Gruppen, meist entlang ethnischer, regionaler und politischer Interessen organisiert.

Dies alles vor dem Hintergrund, dass Südsudan, was Grundschulbildung angeht, im globalen Vergleich weit hinten liegt: Laut UNESCO (s.o.) besuchen nur ungefähr die Hälfte, also ca. 1,3 Mio. aller Kinder im Grundschulalter die Schule, bei Mädchen sind es nur 37 %. Es gibt nicht annähernd genug Räume und Bücher, und auf eineN LehrerIn kommen 117 SchülerInnen. Die meisten LehrerInnen haben selber nur die Grundschule besucht und nur 12 % der LehrerInnen sind weiblich. Die Bezahlung von LehrerInnen ist so gering, dass viele von dieser Arbeit allein nicht leben können, sondern zusätzlich Landwirtschaft oder Handel betreiben müssen. In letzter Zeit ist es außerdem oft zu einer Verzögerung der Bezahlung gekommen. In den Letters from Isoke werden die Zustände und Umstände des Lernens im ländlichen Südsudan auf anschauliche Weise beschrieben.

Von 10 Kindern beendet nur eines die Grundschule und nur 4 % aller Kinder eines Jahrgangs werden eine weiterführende Schule besuchen. Für Mädchen sehen diese Zahlen noch schlechter aus. Für Mädchen ist es dreimal wahrscheinlicher an Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt zu sterben als die achte Klasse abzuschließen. Die Zahlen variieren jedoch je nach Bundesstaat sehr stark. Angesichts dieser Zahlen wurde von der Regierung GESS (Girls' Education South Sudan) ins Leben gerufen, ein Programm, das speziell den Zugang von Mädchen zu Bildung verbessern soll. 

Zu Beginn des Friedensprozesses gab es enorme Verbesserungen: die Zahl der Kinder, die die Grundschule besuchen, hat sich zwischen 2005 und 2012 vervierfacht. Der erneute Bürgerkrieg hat jedoch einen Großteil dieser Fortschritte wieder zunichte gemacht. Laut UNICEF gehen 400.000 GrundschülerInnen wegen der Konflikte nicht mehr zur Schule.

Hochschulen

Staatlicherseits gibt es sechs Universitäten in den größeren Städten des Landes, jedoch eröffneten in den letzten Jahren immer mehr kleinere private Colleges und Universitäten, die im Mai 2012 jedoch überraschend von der Regierung geschlossen wurden. Die Vorzeige-Universität des Landes ist die Juba-Universität, die während der Übergangsjahre nach Khartum migriert war und jetzt seit 2011 wieder in Juba unterrichtet. Die politische Instabilität stellt jedoch auch für die Lehre eine große Herausforderung dar, wie z.B. durch häufige Schließungen bei politischen Unruhen.

Da Englisch zur einzigen Amtssprache erhoben wurde, musste auch der Lehrbetrieb von Arabisch auf Englisch umgestellt werden. Die große Mehrzahl der StudentInnen hat jedoch weitgehend auf Arabisch studiert und ist sprachlich im Englischen weiterhin fremd. Als die Abschlussexamen zum ersten Mal allein auf Englisch abgelegt werden sollten, kam es daher zu großen Studentenprotesten.

Gesundheitswesen

Die Gesundheitsversorgung im Südsudan variiert je nach Gegend, ist jedoch überall katastrophal. Im ganzen Land gibt es 120 registrierte ÄrztInnen, etwa 100 KrankenhelferInnen und um die 150 registrierte Hebammen. In abgelegenen Gegenden gibt es praktisch keinen Zugang zu schulmedizinischer Versorgung. Der überwiegende Teil medizinischer Leistungen wird von internationalen Hilfsorganisationen erbracht, u.a. der Weltgesundheitsorganisation WHO und Ärzte ohne Grenzen.

Vor dem Ausbruch des letztens Bürgerkrieges kamen lediglich 1,5 ÄrztInnen und PflegerInnen auf 100.000 SüdsudanesInnen. Der Minimalstandard laut der Weltgesundheitsorganisation sollte aber bei mindestens 250 liegen. Weiter haben weniger als 50 % der SüdsudanesInnen Zugang zur medizinischen Versorgung. Es dürfte anzunehmen sein, dass sich durch den erneuten Bürgerkrieg diese Werte weiter verschlechtert haben.

Weltgesundheitsorganisation im Südsudan

Die Ausbildung von ÄrztInnen, KrankenhelferInnen und Hebammen wird Jahre in Anspruch nehmen. Ein Ansatz, um die medizinische Versorgung bis dahin und auch in abgelegenen Gegenden zu verbessern, ist die Schulung von lokalen Gesundheitsarbeitern aus den Gemeinschaften. Dieser Ansatz wird sowohl von der Regierung als auch von Hilfsorganisationen wie dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) vermehrt verfolgt. Vom ICRC wird auch das einzige Rehabilitationszentrum des Landes für Menschen mit Behinderungen - v.a. Amputationen in Folge von Krieg - betrieben.

Das Gesundheitsministerium hat, zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation WHO, ein "Health Cluster" zur Koordination aller Akteure im Gesundheitswesen ins Leben gerufen.

Zu den gravierendsten Infektionskrankheiten im Südsudan gehören Malaria, Hepatitis, Typhus, Cholera, Meningitis, Kala Azar und andere. Die Impfkampagnen erreichen bisher nur ungefähr 37 % der Kinder. Die Rate von HIV/Aids liegt offiziell bei nur 3,1 %. Besonders hoch ist das Krankheitsrisiko für Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Sudan, v.a. Darfur und Südkordofan, die in Camps entlang der Grenze leben.

Für Frauen ist das größte Gesundheits- und Lebensrisiko Schwangerschaft und Geburt. Südsudan ist das Land mit der höchsten Müttersterblichkeit. In den letzten Jahren haben drei Zentren zur Ausbildung von Hebammen eröffnet, die die Versorgung sowohl in Städten wie auch ländlichen Gebieten verbessern sollen. 

Geburtshilfe wurde und wird im Südsudan bisher hauptsächlich von traditionellen Geburtshelferinnen geleistet, meist älteren Frauen der Gemeinschaft, die über lange Jahre Praxiserfahrung verfügen. Während ihre Unterstützung unersetzlich ist, fehlt Ihnen jedoch teilweise das Wissen und die Materialien, um auch bei Komplikationen zu helfen. Eine Überweisung ins Krankenhaus ist jedoch einerseits auf Grund der Distanzen zu einem späten Zeitpunkt kaum noch möglich, andererseits werden die Fähigkeiten der traditionellen Helferinnen vom schulmedizinischen Personal oft nicht anerkannt, weshalb diese nur ungern mit Krankenhäusern kooperieren. Neue Projekte versuchen, diese Vertrauenslücken zu schließen und traditionelle Geburtshelferinnen mit einzubinden.

Da es bisher kein Sozialsystem gibt, ist Kinderarbeit zur Unterstützung der Familie weit verbreitet. Alte Menschen werden von den jüngeren Familienangehörigen mitversorgt.

Minen

Durch die jahrzehntelangen Konflikte im Südsudan ist die Verbreitung von Minen eine ständige, tödliche Gefahr. Es wird geschätzt, dass zwischen 500.000 bis 2 Millionen Landminen im Südsudan verstreut sind; das Verlassen von befestigten Straßen und Wege kann tödlich enden. Durch die teils sehr kräftigen Regenfälle in der Regenzeit werden Minen zudem weggespült, das wiederum die Arbeit von Organisationen erschwert, die solche auffinden und entfernen wollen.

Arbeit von UNMAS im Südsudan

Kulturelle und nationale Identitäten

Im Südsudan gibt es eine Vielzahl von kulturellen Identitäten, die von Faktoren wie Region, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Vertreibungsgeschichte und anderem mehr beeinflusst werden.

Vielen kulturellen Gemeinschaften gemeinsam ist die starke orale Tradition mit einem großen Reichtum an Mythen und Geschichten. Auch werden die wichtigen Lebenspassagen - Geburt, Beschneidung, Pubertät, Ehe, Tod - mit Ritualen und Zeremonien von der Gemeinschaft begangen.

Bis heute weit verbreitet ist auch die Tradition der Gesichtsnarben, wobei je nach Zugehörigkeit verschiedenförmige Narben als Gesichtsschmuck, meist auf der Stirn, angebracht werden.

Eine zentrale Rolle für viele Gesellschaften im Sudan spielen Kühe. So verstehen sich sowohl Dinka als auch Nuer, die beiden größten ethnischen Gemeinschaften, traditionell als Hirten, obwohl sie saisonal auch Ackerbau betreiben. Sowohl Männer als auch Frauen nehmen die Namen ihrer Lieblingskühe an und Kindern werden Namen gegeben, die auf besondere Eigenschaften von Kühen verweisen. Kühe sind ein wichtiger Bestandteil der traditionellen Religionen, spielen aber auch eine ganz materielle Rolle, da z.B. Reichtum in Kühen gemessen und Brautpreise in Kühen bezahlt werden.

Film über die Nuer

Nationale Identität

Die Herausbildung einer nationalen Identität ist nach der Unabhängigkeit eines der großen Themen der südsudanesischen Gesellschaft. Während früher der Kampf gegen den gemeinsamen Feind im Norden die wichtigste Gemeinsamkeit darstellte, stellt sich nun die Frage, was an diese Stelle rücken kann. Eine zentrale Frage ist dabei wie starke ethnische Identitäten mit einer übergreifenden nationalen Identität in Einklang gebracht werden können. Die Hauptlager der Debatte verlaufen dabei zwischen jenen, die nur eine einheitliche Identität als Garant für Stabilität sehen und jenen, die gerade in diesem Szenario Potenzial für weitere Konflikte ausmachen und eher eine "Einheit in Vielfalt" propagieren.

Eine wichtige Rolle kommt dabei auch dem Aufbau von Institutionen zu, in denen kulturelle Identität(en) und Diversität zugänglich gemacht werden. Ein Nationalarchiv und ein Nationalmuseum, die noch im Aufbau begriffen sind, sollen erste Schritte in diese Richtung sein.

Kunst und Kultur

Musik und Tanz

Musik und Tanz spielen eine wichtige Rolle in der südsudanesischen Populärkultur sowie als traditioneller Teil von gemeinschaftlichen Festen und Zeremonien. Fast jede Gemeinschaft hat ihre spezifischen Tanzformen, Rhythmen und Melodien entwickelt.

Besonders unter jungen SüdsudanesInnen gibt es eine ausgeprägte Populärmusikkultur. Die südsudanesische Musikszene ist stark beeinflusst von den Nachbarstaaten, da die meisten Künstler zumindest temporär im Exil waren. Populär sind unter anderem Hip Hop, Afrobeat, Reggae, R&B und Zouk, zu den bekanntesten südsudanesischen MusikkünstlerInnen zählen Emmanuel Kembe, Yaba Angelosi, Dynamiq, Queen Zee und Emmanuel Jal, der mit seinen sozial engagierten Hip Hop-Liedern auch internationalen Erfolg hat.

Musikvideo "Celebrate" von Emmanuel Kembe

Theater und Literatur

Ähnlich wie Tanz ist auch Theater als physische Ausdrucksform sehr populär. Noch in der Diaspora in Khartum wurde in den 1990er Jahren die Theatergruppe Kwoto gegründet, die es zu großem Erfolg nicht nur unter SüdsudanesInnen brachte sondern auch unter der liberaleren sudanesischen Bevölkerung. Ihre Inszenierung von Shakespear auf Juba Arabisch wurde sogar nach London eingeladen. Aus ihr ging nach der Sezession die South Sudan Theatre Company hervor.

Der Schauspieler Jumaa Ben (© Ayman Hussein)
Der Schauspieler Jumaa Ben (© Ayman Hussein)

Verschriftlichte südsudanesische Prosa und Lyrik ist bisher nur wenig verbreitet und kaum veröffentlicht. Zu den wenigen Schriftstellern, die auch international bekannt geworden sind gehören Francis M. Deng - der später auch Sonderbeauftragter für die Vereinten Nationen wurde - und der im Südsudan geborene und in Uganda aufgewachsene Taban Lo-Lyong. Beide wurden jedoch leider nicht ins Deutsche übersetzt.

Als Künstlerin gilt im Südsudan auch das Supermodel Alek Wek, die in den 1990er Jahren mit ihrer Familie nach Großbritannien floh und dort Karriere machte.

Religion

Die wichtigsten Religionen im Südsudan sind traditionelle Religionen, Christentum und Islam; Mischungen besonders zwischen traditionellen Religionen und Christentum, aber auch Islam, sind sehr häufig zu finden. In einer Familie Angehörige unterschiedlicher Religionen zu finden ist keine Seltenheit, und teilweise wechseln Menschen zwischen verschiedenen Religionen.

Über die genaue Verteilung der Religionen gibt es keine gesicherten Zahlen - der Zensus von 2008 ließ diese Frage aus - und die Angaben variieren je nach Quelle extrem. Sicher kann man jedoch davon ausgehen, dass der Islam den geringsten Anteil ausmacht, laut Pew Institut sind es 6 %. Ein großer Teil der Muslime sind Konvertiten. Im wörtlichen Sinne über Nacht wurden die Muslime im Südsudan von einer Mehrheit und Staatsreligion zu einer Minderheit. Welche Auswirkungen das auf die Gemeinde haben wird und wie die Integration in den neuen Staat verlaufen wird, bleibt abzuwarten.

Über 30 % der Bevölkerung folgen traditionellen animistischen Religionen. Obwohl diese je nach ethnischer Gemeinschaft sehr unterschiedlich sind, ist ihnen der Glaube an ein höheres göttliches Wesen sowie an eine Welt der Geister, die zwischen der irdischen Welt und ihren Bewohnern und dem göttlichen Wesen vermitteln, gemeinsam.

Christen machen mit über 60 % den größten Teil der Bevölkerung aus. Das Christentum wurde hier ab Mitte des 19. Jahrhunderts von europäischen Missionaren mit Erlaubnis, wenn nicht Unterstützung der Engländer verbreitet. Die größten Strömungen sind römisch-katholisch, Presbyterianer, Evangelikale und Pfingstler, hinzu kommen dutzende unabhängige afrikanische Kirchen, meist Abspaltungen von den Evangelikalen.

Die Debatte über die Rolle der Religionen im neuen Staat ist in vollem Gang. Auf der einen Seite proklamiert die Interimsverfassung einen säkularen Staat und Gleichheit für alle Religionen. Auf der anderen Seite ist Religion durch den jahrzehntelangen Krieg mit dem Norden, in dem religiöse und politische Identitäten komplex miteinander vermischt wurden, ein stark politisiertes Thema.

Auf der Suche nach nationaler Einheit wird das Christentum von einigen Staatsbeamten favorisiert und eine christliche Ausrichtung des Staates und seiner Institutionen propagiert. Während es bisher üblich war (und teilweise noch ist), Bibelverse und Koranzitate bei öffentlichen Anlässen zu verlesen, werden Radiosendungen nun mit christlicher Segnung eröffnet.

Laut Bericht des United States Department of State kommt es bisher zu keiner Diskriminierung aufgrund von Religion, besonders einige Muslime sprechen jedoch in letzter Zeit immer mehr darüber, sich als BürgerInnen zweiter Klasse zu fühlen.

Auch angesichts globaler Entwicklungen wird die Politisierung und Radikalisierung von Religion immer mehr zu einem weiteren Schreckensszenario, dass ein friedliches Miteinander gefährdet. Die Regierung hofft durch Schaffung von Institutionen wie dem Büro für religiöse Angelegenheiten den Dialog zwischen den Religionen aufrecht zu erhalten und Konflikten vorzubeugen.

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im April 2017 aktualisiert.

Der Autor

Tobias Simon schreibt seit 2010 journalistisch für deutsche und internationale Medien mit Schwerpunkt Ost- und Horn von Afrika. Er ist Landestrainer für Somalia, Sudan und Südsudan bei der AIZ und freier interkultureller Trainer. Er reist regelmäßig nach Afrika und in die arabische Welt.

Lesetipps

Cherry Leonardo, "Dealing with Government in South Sudan. Histories of Chiefship, Community and State". Eine historische Untersuchung der Genealogie der "traditionellen" Autoritäten und lokaler Verwaltungsstrukturen und ihrer Verhältnisse zu den sukzessiven staatlichen Systemen.

Ellen Ismail, "Sudaniya. Frauen aus dem Sudan". Gespräche mit und Hintergrund über Frauen und deren Stellung und Rechte in der Gesellschaft. Zwar noch aus der Zeit des ehemaligen vereinigten Sudans, jedoch weiterhin aktuell und interessant.

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