Lokomotive aus dem Jahr 1919, Linie Bosra - Deraa © N. Mattes
Geschätztes BIP
107,4 Mrd US$
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität)
4800 US$
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI)
116 unter 186
Anteil Armut (unter zwei $ pro Tag)
11 %
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
k.A.
Anteil alphabetisierte Erwachsene
80%

Syrische Kriegswirtschaft

Die syrische Wirtschaft hat sich innerhalb der letzten fünf Jahre zu einer Kriegswirtschaft entwickelt. Die vor dem Aufstand ohnehin schon weit verbreitete Korruption hat noch größere Ausmaße angenommen. Doch nicht nur das Regime profitiert von der Situation, auch die Milizen jeglicher Couleur zählen zu den Profiteuren. Der Schmuggel blüht, und Verhaftungen und Entführungen sind eine wichtige Säule der Ökonomie geworden.

Aktuelle Wirtschaftsdaten sind praktisch nicht verfügbar oder sehr mit Vorsicht zu genießen.

Die syrische Wirtschaft vor dem Aufstand

Alte Karawanserei in Damaskus © Larissa Bender

Syrien war lange Zeit eines der bedeutenden Länder im Mittelmeerraum. Von hier strömten nicht nur Waren, sondern auch Wissen weiter nicht zuletzt in Richtung Westen. Nachdem der Fernhandel nach Indien und China jedoch nahezu komplett von den Europäern übernommen worden war, wurde Syrien vom Zentrum an die Peripherie der Weltwirtschaft gedrängt und ist seit seiner Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich einer der Hauptleidtragenden des Nahost-Konflikts. Lange Zeit ein Selbstversorger, befindet sich das Land heute nicht nur in einer politischen, sondern auch in einer ökonomischen Krise. Die Situation wird noch dadurch verschärft, dass die Landwirtschaft unter einer jahrelangen Dürre litt und in vielen Regionen des Landes infolge des Krieges brachliegt. Die Krise war aber auch strukturell bedingt. So war seit Jahrzehnten das Öl zur hauptsächlichen Devisenquelle geworden. Dessen Vorräte aber gehen nicht nur zur Neige, vielmehr waren Ölexporte, wie der syrische Privatsektor, vollends seit 2011 von Sanktionen betroffen. In der Not wandte sich Syrien wirtschaftlich immer mehr dem Iran zu, mit dem es zuletzt, nach einem entsprechenden Abkommen mit Libanon, Türkei und Jordanien und der Teilnahme am GAFTA-Abkommen der Arabischen Liga, eine Freihandelszone einrichten wollte.

Andererseits hatte sich Syrien längst dem Washington Consensus geöffnet. Folge waren wachsender Konkurrenzdruck und eine rapide steigende Armutsquote - u.a. Gründe für den Ausbruch der Proteste gegen die Regierung im März 2011.

Syriens Volkswirtschaft belegte vor dem Aufstand im Weltvergleich einen mittleren Platz knapp hinter dem Nachbarn Irak, weit abgehängt jedoch von Ländern wie der Türkei oder Iran. Verschiedene Jahrbücher, Studien, Statistiken, Überblicksartikel und Veröffentlichungen bieten die Kerndaten zur syrischen Wirtschaft:

Wirtschaftssystem & seine Sektoren

Bewässerung von Feldern © Nicola Martin

Unter der Herrschaft der Baath-Partei wurden in Syrien die meisten größeren Betriebe verstaatlicht. In Landwirtschaft und Industrie sind jeweils ca. 16 Prozent aller Arbeiter tätig, ganze 65 Prozent entfallen auf den Dienstleistungssektor. Präsident Baschar al-Assad nahm seit seinem Amtsantritt insbesondere den Aufbau eines privaten oder teilprivatisierten Wirtschaftssektors in Angriff und erleichterte ausländische Einfuhren und Investitionen. Seitdem befindet sich Syrien offiziell im Stadium der "Transformation". Allerdings ist Syrien von einer "sozialen Marktwirtschaft" nach dem Vorbild des rheinischen Kapitalismus weit entfernt, und der Lebensstandard vieler Syrer ist in den letzten Jahren zunehmend gesunken.

Landwirschaft

Die Landwirtschaft ist traditionell die Stütze der syrischen Wirtschaft. Dabei ist lediglich ein Drittel des Landes landwirtschaftlich nutzbar. 90 Prozent der urbaren Fläche wurde Mitte der achtziger Jahre genutzt. Das Land befindet sich überwiegend in Privatbesitz. Staatliche Farmen bewirtschaften 20 Prozent der Fläche. Die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse werden zumeist staatlich kontrolliert. Die Anbaufläche durch umfangreiche Bewässerungsprojekte zu erweitern, scheiterte bereits in den fünfziger Jahren, genauso wie die Bodenreform in den Anfängen stecken blieb und das soziale Problem nicht nachhaltig gelöst wurde.

Schlaglicht: Landreform

Ziel der Landreformen von 1958, 1963 und 1966 war die Errichtung von Staatsfarmen. Landwirtschaftliche Produkte sollten nun auf rationale Weise angebaut und verteilt werden. 1972 hatten neun von 15 Farmen hohe Verluste zu verbuchen. Anfang der 1980er Jahre wurden 72.000 ha Staatsland an die Bauern verteilt. 1970 war die Landreform abgeschlossen. 1,5 Mio Hektar wurden verstaatlicht, hinzu kamen 443.000 ha, die an die Kleinbauern verteilt wurden. Beduinenscheichs, Oberhäupter der Euphratstämme, registrierten kollektives Land jedoch in ihrem Namen. Vor der Landreform waren 90 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens in der Hand von 40 Beduinenoberhäuptern und städtischen Notabeln. Zehn von ihnen besaßen 70 Prozent bewässertes Land am Euphrat.

Nach wie vor überwiegen in der Landwirtschaft vorindustrielle Produktionsverhältnisse, der Lebensstandard der Kleinbauern ist gering. Über die Nutzung des Euphratwassers ist zwischen der Türkei und Syrien sowie Irak noch keine Einigung erzielt worden. Eine bis heute nicht nachlassende Dürre hat der Landwirtschaft in den letzten Jahren schweren Schaden zugefügt. Der globale Klimawandel wird Syrien wahrscheinlich noch mehr in Mitleidenschaft ziehen. Galt das Land einst als Kornkammer, muss es heute auch Nahrungsmittel importieren. Nur noch 3 Prozent des Landes sind bewaldet. Dem sollen Aufforstungsprogramme entgegenwirken.

Bergbau, Öl, Gas

Created 1993 by CIA Atlas of the Middle East

Syrien ist  nicht reich gesegnet an Bodenschätzen, doch gibt es Vorkommen an fossilem Öl und Gas sowie Eisenerz und vor allem Phosphat, die auch abgebaut werden. Das Land ist weltweit der fünftgrößte Phosphat-Exporteur. Dieses Mineral wird auch vor Ort zu Dünger weiterverarbeitet. Begrenzter sind die Vorräte an Öl, bei denen der "Peak Oil" seit langem überschritten ist. Dennoch ist die Ölindustrie die wichtigste in Syrien, Öl und Gas erzielen drei Viertel aller Exporterlöse und ein Drittel des gesamten BSP. Weitere Bodenschätze sind natürlicher Asphalt, Salz, Chrom und Marmor. Syrien verfügt auch über Produktionen von Zement, Dolomit, Gips, Stickstoff, Phosphorsäure, Industriesand, Tuffgestein und Schwefel. Quarzsand zur Silikonherstellung ist ebenfalls reichlich vorhanden. Der Bergbau wird weitgehend vom Staat kontrolliert, doch sind an der Ölgesellschaft "Al Furat Petroleum Company" mit Royal Dutch Shell und Petro-Canada auch westliche Unternehmen beteiligt.

Sonstige Energie

In Syrien scheint etwa an 200 Tagen im Jahr die Sonne. Dennoch stammt der Großteil der Energie aus Mineralöl. Daher ist der Ausbau erneuerbarer Energien seit einigen Jahren erklärte Wirtschaftspolitik. Bei Homs gibt es bereits einen Windpark, und neben Geräten für die thermische Nutzung der Sonne, die bereits von über einem Dutzend privater Firmen hergestellt werden, ist gemeinsam mit einem ukrainischen Unternehmen an eine eigene Fertigung von Solarzellen gedacht.

Handwerk

Webstuhl für Brokat © Norbert Mattes

Immer noch exportiert das Land in kleinem Ausmaß Möbel. Doch die Bedeutung des Kunsthandwerks ist stetig zurückgegangen.

Bekleidung und Lederwaren

Lediglich Textilien stellt Syrien industriell in bedeutendem Maßstab her. Mit der Entwicklung der Textilindustrie befassen sich nationale Forschungsreinrichtungen. Die zunehmende Privatisierung hat Zulieferfirmen für große multinationale Konzerne entstehen lassen. Auch Lederwaren und insbesondere Schuhe werden in Syrien produziert.

Chemie-, Pharma- und Elektroindustrie

Chemie und Pharmaka werden ebenfalls in Syrien hergestellt. Das Land kann sich nicht nur mit wichtigen Medikamenten selbst versorgen Elektrogeräte und andere Gebrauchs- und Konsumgüter werden ebenfalls überwiegend für den Eigenbedarf produziert.

Bauwirtschaft

Der Boom der Bauwirtschaft der letzten Jahre ist mehreren Faktoren geschuldet: Die Grundstückspreise sind nicht vom Staat festgelegt, bieten also Raum für Spekulationen. Umstritten ist daher vielfach die Tätigkeit mancher privater Baugesellschaften. Die Bevölkerung ist zudem in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Ebenso der Tourismus. Die Bauwirtschaft zieht zudem bevorzugt Kapital vom Golf an. So entstanden in den Metropolen große Bauprojekte.

Jeder Tropfen für die Landwirtschaft © Norbert Mattes

Bankwesen

Auch im Bankwesen haben die Petrodollar vom Golf Einzug gehalten. Eine der ersten Maßnahmen Präsident Baschar al-Assads war die Zulassung von Privatbanken. Seit 2001 dürfen ausländische Banken zum ersten Mal in Syrien operieren. Durch ein Dekret wurde 2003 auch der Besitz ausländischer Währung erlaubt. 2005 wurde staatseigenen und privaten Banken erlaubt, ausländisches Geld aufzunehmen zur Finanzierung der Importe. Im gleichen Jahr folgte ein Dekret, wonach die Gründung von islamischen Banken und private Versicherungsgesellschaften erlaubt werden. Seit 2006 gibt es eine private Versicherungsgesellschaft. 2007 haben sieben ausländische Banken, darunter zwei islamische, ihre Arbeit aufgenommen. 2009 wurde in Damaskus eine Börse eröffnet.

Telekommunikationsbranche

Syrien verfügt nach Auskunft der "International Telecommunication Union" über das fünftschwächste Telefonnetz im Nahen Osten. Bis 2013 erst soll das ganze Land vernetzt sein. Auch die Mobiltelefonie ist vergleichsweise schwach entwickelt. Über 50 Prozent Marktanteil fallen dabei allein auf den Anbieter Syriatel. Mitte 2004 sprach das Unternehmen von ca. 820.000 Kunden. Ende Juni 2007 waren es nach Firmenangaben bereits 2,8 Mio. Syriatel gehört dem Unternehmer Rami Makhlouf. Der zweite Mobilfunkanbieter ist Investcom. Diese gehörte dem heutigen libanesischen Ministerpräsidenten Najib Miqati. 2006 schloss sich Investcom mit der südafrikanischen MTN zusammen.

Das Internet wurde zunächst lediglich von einer staatlichen Firma angeboten, dem 1997 gegründeten Internet Service Provider ISP. Dem ging 1989 die Gründung der Syrian Computer Societyvoraus, die allgemein für die Entwicklung der IT-Technologie zuständig ist. Internet und die Telefonie werden vom Staat kontrolliert.

Viehmarkt bei Hama © Norbert Mattes

Transport

Die ersten Eisenbahnlinien wurden schon zu Zeiten des Osmanischen Reiches erbaut. Reise- und Güterverkehr per Bahn haben trotz Schließung und Zerstörung von Strecken in den letzten Jahren immer weiter zugenommen. Großen Anteil am Personenverkehr haben seit 1992 auch die privaten Minibusse. Zudem finden private Pkws immer größere Verbreitung. 2005 waren 278.866 Autos registriert, das ist ein Auto auf 65 Bürger. Seit 2009 wird in einem Joint Venture mit "Iran Khodro" bei Damaskus der Peugeot-Nachbau Samand hergestellt.

Tourismus

Im Jahr 2002 hatte Syrien geschätzte 3,2 Mio. Besucher aus arabischen Ländern, die meisten aus dem Libanon, ferner aus Jordanien, Saudi-Arabien und Irak. Aus anderen Ländern, so auch den westlichen, kamen im Jahr 2002 1,1 Mio. Besucher nach Syrien. Mit im Jahr 2000 geschätzten sechs Prozent Anteil am syrischen Wirtschaftsaufkommen galt der Tourismus als bedeutende und leicht auszubauende Devisenquelle.

Seit Beginn der Aufstände im März 2011 und insbesondere seit der Militarisierung der Revolution ist der Tourismus allerdings komplett zu Erliegen gekommen, das Auswärtige Amt warnt zudem deutlich vor Reisen nach Syrien.

Wirtschaftspolitik und Bodenreform

Landwirtschaft am Euphrat © Norbert Mattes

Zu Zeiten der gerade einmal drei Jahre lang bestehenden Vereinigten Arabischen Republik (dem Zusammenschluss Ägyptens und Syriens zwischen 1958-1961) und unter der Herrschaft der Baath-Partei wurden die meisten Privatunternehmen verstaatlicht, so auch alle Banken. Das war die Zeit der großen Bewässerungsprojekte, mit denen die Landwirtschaft ausgebaut werden sollte, verbunden mit einer Bodenreform. Beides glückte jedoch nicht wie geplant. Der Assad-Staudamm kann bis heute nicht zur Bewässerung verwendet werden, Kanalbauten erwiesen sich aufgrund der Bodenbeschaffenheit als schwierig. Zwar gelang es, die Kluft zwischen Arm und Reich nicht allzu weit aufklaffen zu lassen. Kooperativen, deren Einrichtung in der Folge der Bodenreform vorgesehen war, wurden aber von der Landbevölkerung nicht angenommen. Ein großer Teil des Bodens befindet sich nach wie vor in Privatbesitz, lediglich 20 Prozent werden von staatlichen Farmen bewirtschaftet.

Schlaglicht: Der Alltag in einem Dorf

1972 porträtierte der 2010 verstorbene syrische Dokumentarfilmer Omar Amiralay den "Alltag in einem syrischen Dorf". Dieser lange Zeit verbotene Film führte vielen Syrern erstmals eine kaum bekannte Realität vor: dass nämlich viele ländliche Gegenden im Landesinnern kaum entwickelt sind, dass dort Bildung und Gesundheitsversorgung nur begrenzt zur Verfügung stehen und nicht zuletzt ein kurz vor der gewaltsamen Eskalation stehender Konflikt zwischen einfachen Bauern und Großgrundbesitzern entbrannt ist. Damals unterstützten die einfachen Bauern die Baath-Partei. Sie sahen in ihr einen Verbündeten im Kampf gegen die Großgrundbesitzer. Das erklärt, warum die syrische Regierung bei ihrer brutalen Niederschlagung des Aufstandes der Muslimbrüder Anfang der 80-er Jahre diese Kleinbauern hinter sich wusste. Der syrische Historiker und Soziologe Abdallah Hannah hat hierzu umfangreiche Studien vorgelegt. Heute aber haben sich die Sympathien umgekehrt. Die einfache Bevölkerung unterstützt das Establishment nicht mehr, in dem es vor allem Gewinnler der Privatisierungen erkennt. Das ist auch der Grund, warum der "Arabische Frühling" in Syrien an der Peripherie begann. In ihnen sind die sozialen Probleme, die einst die Bodenreform und die großen Bewässerungsprojekte mildern, wenn nicht beseitigen sollten, nach wie vor ungelöst, ja durch die "Transformation" unter Präsident Baschar al-Assad sogar verschärft worden.

Bei Weizen und Gerste gelang es nicht, dem Bedarf auf Dauer zu genügen, hier ist Syrien, wie die meisten arabischen Länder, sogar zum Importland geworden. Dass die Preise für landwirtschaftliche Produkte staatlich festgesetzt wurden, begünstigte mitunter den Schmuggel.

Produkte und Produktionsweisen

In der Antike wurden aus der römischen Provinz Syria Olivenöl, Wein, Zedernholz, purpurverzierte Stoffe, Möbel mit Elfenbein-Einlagen und Glaserzeugnisse nach Rom exportiert, ferner kamen von hier Gewürze und Seide indischen und chinesischen Ursprungs. Der sogenannte "Damast" wird seit dem Hochmittelalter nach Europa geliefert. Lediglich die Oliven und die Textilien haben ihre Bedeutung halten können.

  • Syrien gilt als eines der Ursprungsländer der Olivenkultur. Immer noch ist die Ausfuhr bedeutend, weltweit ist das Land der sechstgrößte Produzent von Olivenöl. Lagerung und Weiterverarbeitung erfolgen meist noch mit Hilfe veralteter Methoden unter denen die Qualität leidet. In Zusammenarbeit mit der EU wird versucht, die Produktionsbedingungen zu verbessern. Die Entsorgung der Rückstände bei der Olivenpressungist problematisch. Aufgrund der katastrophalen humanitären Situation im Land während des Winters 2012/2013 wurden Unmengen von Olivenbäumen abgeholzt und zum Heizen verwendet.
  • Dass Syrien historisch eine der Wiegen des Weinanbaus war, ist fast vergessen, denn dieser spielt in dem heute überwiegend muslimischen Land keine nennenswerte Rolle mehr. Trauben werden aber auch wieder überwiegend an der Mittelmeerküste und um die großen Städte Aleppo, Homs und Damaskus herum angebaut, um zu Trockenfrüchten und Saft verarbeitet zu werden.
  • Weiteres Obst, das aus Syrien zum Export gelangt, stellen Äpfel und Granatäpfel.
  • Eine neue, aber industriell weiterverarbeitete Nutzpflanze ist die Tomate, die überwiegend konserviert exportiert wird.
Tabak wird getrocknet in der Nähe von Lattakia © Norbert Mattes
  • Berühmt unter Pfeifenrauchern ist der dunkle, geräucherte Latakia-Tabak, der immer noch ausgeführt wird. Ebenfalls aus Syrien oder von der naheliegenden Insel Zypern stammte der strenge schwarze Tabak, der einst die französischen Gauloises-Zigaretten berüchtigt machte. Immer noch wird Tabak für französische Firmen angebaut.
  • Ein neues Produkt sind Zuckerrüben. Bislang kann Syrien sich nicht selbst mit Zucker versorgen. 2010 ging die erste private Raffinerie bei Homs in Betrieb. Versorgt mit Rohzucker aus Brasilien, soll sie bald den syrischen Markt abdecken, aber auch Exporte vor allem in den Irak ermöglichen. 
  • Drei Fünftel der Schafe und Ziegen, die den größten Teil der Nutztierzucht bilden, werden von den Nomaden des Landes gehalten, die restlichen bieten Bauern einen Zuverdienst. Trotz einer Verdoppelung insbesondere bei der Zahl der Schafe ist das Land bis heute auf Fleischimporte angewiesen. Die Schafe decken auch einen hohen Anteil der Milchproduktion. Lediglich beim Geflügel und bei Hühnereiern ist Syrien Selbstversorger.
  • Berühmt ist Syrien auch für seine Möbel mit Gravuren und Einlegearbeiten aus Perlmutt, Elfenbein, Knochen oder Holz. Solche werden auch immer noch hergestellt, neben moderneren Formen. Allerdings ist die Möbeltischlerei wirtschaftlich kaum mehr von Bedeutung. Hier macht sich das Fehlen eines nationalen Instituts für Design, wie es etwa Indien eingerichtet hat, schmerzlich bemerkbar.
  • Ähnlich steht es um das Glas, dessen Verarbeitung in Syrien einen ihrer Ursprünge hat und von hier zuerst nach Rom gelangt sein soll.
  • Auch die Natursteinverarbeitung spielt trotz ihrer langen Tradition nach wie vor wirtschaftlich kaum mehr eine große  Rolle.
  • In Syrien traditionell stark ist die Herstellung von Baumwolle, früher auch Seide, sowie die Textilindustrie. Berühmt ist seit dem Hochmittelalter der nach der Stadt Damaskus benannte Damast. Auch Brokate und andere Stoffe werden in Syrien hergestellt. Die Textilindustrie ist überwiegend in staatlicher Hand, allerdings gibt es in jüngster Zeit auch private Firmen, die den großen internationalen Marken zuliefern.
  • Seit 2009 werden von privater Seite Anstrengungen unternommen, in den lukrativen Markt von Schnittblumen einzusteigen.
  • Damaszener Stahl wird seit Jahrhunderten nicht mehr hergestellt.
  • Elektrogeräte werden in Syrien selbst produziert: Kühlschränke, Fernsehgeräte, Radios, Waschmaschinen. 2010 wurde in Zusammenarbeit mit einer ukrainischen Firma auch eine Produktion eigener optoelektronischer Solarzellen begonnen. Thermosolare Heizungen werden ebenfalls selbst hergestellt. Auch ist an eine eigene Fabrikation von Windrädern gedacht.
  • 2009 rollten in Syrien auch die ersten Autos vom Band. In der Nähe von Damaskus wird in einem syrisch-iranischen Joint Venture das Modell Samand von "Iran Khodro", dem größten Autoproduzenten der Region, hergestellt.
  • Obwohl Syrien Öl exportiert, muss es dennoch aufgrund der Beschaffenheit desselben (leichtes schwefelarmes Öl ist selten) und mangelnder Kapazitäten in Raffinerien auch Mineralölprodukte importieren. Da die Ölvorräte zur Neige gehen, setzt Syrien vermehrt auf die Gewinnung von Erdgas.
  • Phosphat wird roh exportiert, aber auch selbst zu Dünger verarbeitet.

Entwicklung und Entwicklungspolitik

Trotz aller Fortschritte, die Syrien in seiner Entwicklung in den letzten Jahrzehnten vorweisen konnte, bleibt es doch weiterhin ein "Entwicklungs-" oder zumindest ein "Schwellenland". Einem relativ reichen Stadtleben im Westen steht dabei ein trotz aller Großprojekte weitgehend immer noch unterentwickeltes Land gegenüber. Zwar waren Alphabetisierungskampagnen vergleichsweise erfolgreich. Dennoch hat das Land in allen entscheidenden Bereichen Defizite aufzuweisen: in Bildung und Forschung genauso wie in Gesundheit und Infrastruktur. Der Ostblock half Syrien wesentlich bei der Umsetzung der großen Projekte wie dem Bau des Assad-Staudamms, der jedoch nicht die erwarteten Fortschritte bei Bewässerung und Energiegewinnung brachte.

Wasserrad in Hama © N. Mattes

Heute setzt man zur weiteren Entwicklung unter den Zauberworten der "sozialen Marktwirtschaft" auf Privatisierung und ausländische Investitionen. Nach der Klärung einer Altschuldenfrage ist Deutschland zu einem wichtigen Partner in der Entwicklungszusammenarbeit geworden.

Die Entwicklungspolitik mit Syrien wurde auf Anweisung von Bundesminister Dirk Niebel wegen der Unruhen im Land jedoch im Mai 2011 weitgehend ausgesetzt. Bereits Ende April 2011 haben alle deutschen Experten Syrien verlassen.

Millennium Development Goals: Armut, Armutsbekämpfung, etc.

Im September 2000 fand in New York die "Millenium-Konferenz" statt, auf der sich Vertreter von mehr als 180 Ländern darauf verpflichteten, bis zum Jahr 2015 acht Ziele zu erreichen:

  1. extreme Armut und Hunger zu beseitigen
  2. eine umfassende Schulpflicht durchzusetzen
  3. die Rolle der Frauen zu stärken und Gleichberechtigung zu erreichen
  4. die Kindersterblichkeit zu minimieren
  5. die Gesundheitsvorsorge und -fürsorge für Mütter zu verbessern
  6. die weitere Ausbreitung von AIDS, Malaria und anderen gefährlichen Krankheiten zu verhindern
  7. nachhaltiges Wirtschaften
  8. in internationaler Zusammenarbeit und unter Einbeziehung des Privatsektors auch die Verbreitung von Wissen und Technologie zur allgemeinen Entwicklung zu fördern.

Auch Syrien hat sich auf dieses Programm verpflichtet, es zur nationalen Politik erklärt und 2003 und 2005 Rechenschaft über die erreichten Fortschritte abgelegt. 

Dennoch gibt es Kinder- und Wanderarbeit, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, Analphabetismus vor allem bei Frauen, mangelnde Ausbildung von pädagogischem Personal, eine ungenügende Ausstattung der Schulen, zweifelhafte Inhalte und Erfolge bei der Bildung, kaum Sozialversicherung, Benachteiligung von Frauen und eine unvollständige medizinische Grundversorgung.

Nationale Entwicklungsanstrengungen

Die nationale Entwicklungsstrategie steht eng in Verbindung mit den "Millenium Development Goals", die mit den Fünfjahresplänen von 2006 und 2011 auch offizielle Politik wurden. Doch ein Ziel steht noch höher: der Aufbau einer Wasserwirtschaft, die alle Bürger mit sauberem und gesundem Trinkwasser versorgt. Bis zum Ausbruch des Krieges hatten nur ca. 90 Prozent der Bevölkerung einen entsprechenden Zugang, wobei die Rate seit 1990 trotz des Bevölkerungswachstums und des Zuzugs vieler Flüchtlinge aus dem benachbarten Irak deutlich gestiegen war. Bei der Sanierung der Wasserwirtschaft arbeitete Syrien eng mit der GIZ zusammen. Auch gründete das Land 2001 im Anschluss an die UN-Milleniums-Konferenz das Syrian Development Research Center, das die weitere Entwicklung des Landes vorantreiben sollte.

Römische Mühle am Orontes, in Betrieb bis in die 50er Jahre © Norbert Mattes

Ausländische Entwicklungsanstrengungen

Syrien nahm am Entwicklungsprogramm der UN Industrial Development Organization (UNIDO) teil.

2006 wurde nach zehnjähriger Zusammenarbeit mit der EU das Syrian Enterprise and Business Center (SEBC) gegründet.

Eine ähnliche Einrichtung wurde 2010 dann auch mit Deutschland gegründet, das Syrian-German Business Council (SGBC).

Nach der Regelung der Altschuldenfrage nahm Deutschland seit 2001 wieder eine Schlüsselstellung in der Entwicklungszusammenarbeit mit Syrien ein, wobei die GIZ das Land vor allem bei der Sanierung der Wasserwirtschaft und beim Übergang von einer staatlich gelenkten Planwirtschaft zu einer sozialen Marktwirtschaft unterstützte. Weitere Projekte wurden im Bildungssektor und dem Aufbau einer modernen Hochschulbildung, bei der nachhaltigen Stadtentwicklung und bei der Einführung erneuerbarer Energien durchgeführt. Außerdem leistete die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Hilfe beim Aufbau eines Bankwesens mit Mikrokrediten. 2009 und 2010 wurden 26 Millionen Euro für die finanzielle und zwölf Millionen Euro für die technische Zusammenarbeit gewährt. Nach Beginn der Protestbewegung im März aber wurden alle deutschen Programme gestoppt und alle Mitarbeiter abberufen. Auch die Goethe-Institute in Damaskus und Aleppo wurden geschlossen.

Deutsche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit wurde aufgrund der sich zuspitzenden Menschenrechtssituation in Syrien im Mai 2011 eingestellt. Das BMZ wies alle deutschen Experten der Entwicklungszusammenarbeit im April 2011 an, das Land zu verlassen.

Die deutschen Institutionen sind mittlerweile alle geschlossen.

2012 hat die Bundesregierung allerdings ca. 103 Millionen Euro Hilfe für Syrien geleistet. 53 Millionen Euro davon flossen in humanitäre Hilfsmaßnahmen in Syrien und in den Nachbarländern und etwa 50 Millionen Euro für entwicklungsorientierte Übergangshilfe und bilaterale Entwicklungszusammenarbeit.

Auf der internationalen Geberkonferenz für die notleidende Bevölkerung, die am 30. Januar 2013 in Kuweit stattfand, stellte die Bundesregierung weitere zehn Millionen Euro für Hilfsmaßnahmen zur Verfügung.

Einige Adressen:

Deutsche Botschaft in Damaskus (bis auf Weiteres geschlossen)

Goethe-Institut (bis auf Weiteres geschlossen)

Deutscher Akademischer Austauschdienst (bis auf Weiteres geschlossen)

CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung)

Syrian German Business Council

Deutsch-Arabische Handelskammer (Ghorfa)

Verzeichnis der nationalen und internationalen Entwicklungsorganisationen in Syrien

devex - International Devolpment

 

 

 

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde im März 2016 aktualisiert.

Die Autoren

Norbert Mattes ist Chefredakteur der Zeitschrift inamo (Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten) und Tutor für Syrien bei der Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) der GIZ GmbH.

Larissa Bender ist Journalistin mit Schwerpunkt Syrien, Arabischübersetzerin, Arabischdozentin, Syrientutorin bei der AIZ und hat zwei Bücher über Syrien herausgegeben.

Kommentare und Anregungen

Weiterführende Literatur

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