Anteil alphabetisierte Erwachsene
99% (offiz., 2011)
bedeutendste Religion
Islam, 97%
Städtische Bevölkerung
27% (2013)
Lebenserwartung (w/m)
72,8 / 65,9 Jahre (2010-2015)
Gender Inequality Index
Rang 65 von 188 (2015)
Anzahl der Geburten
3,6 / Frau (2010-2015)
Kindersterblichkeit
40 / 1000 Lebendgeburten (2010-2015)

Soziale Struktur

Gesellschaftlich betrachtet ist die Bevölkerung Tadschikistans ausgesprochen heterogen zusammengesetzt. Beim näheren Hinsehen – und das Bürgerkriegsgeschehen von 1992-1997 hat dies nur unterstrichen – sind eine ganze Reihe von mehr oder minder scharf ausgeprägten Bruchlinien entlang ethnischer, regionaler und lokaler Identitäten - aufsteigend patrilinearer Familienverbände (avlod), Clanwesen, Jahrgangsgruppen und Nachbarschaftsgemeinschaften zu erkennen. Diese Heterogenität ist nicht zuletzt historisch und topographisch begründet. Tadschikistan bildete durch seine Gebirgigkeit über Jahrtausende hinweg einen menschlichen Rückzugsraum (ein guter Indikator hierfür ist z.B., dass sich in einigen entlegenen Bergregionen noch Bevölkerungsreste finden, die ostiranische Sprachen sprechen). Großangelegte Umsiedlungsaktionen, Migrations- und Emigrationsprozesse trugen im 20. Jahrhundert noch ein Übriges zur Fragmentiertheit der Einwohnerschaft des Landes bei. Gegen diese Erscheinung vermochten Bemühungen um die Bildung einer einheitlichen Nation der Tadschiken, die rund 65 Jahre lang unter sowjetischer Herrschaft liefen und bis heute auf teilweise recht ähnliche Weise fortgesetzt werden, nur begrenzt etwas auszurichten.

Foto Melonenverkäufer 1911
Melonenverkäufer, 1911 (Quelle: Library of Congress; keine Urheberrechts beschränkungen bekannt)
Foto Melonenverkäufer 2011
Melonenverkäufer 2011 (Foto: Evgeni Zotov, CC BY-NC-ND 2.0)

Der Bürgerkrieg 1992-1997 hat dem fragilen Sozialgefüge Tadschikistans in vielerlei Hinsicht schweren Schaden zugefügt. Nicht nur, dass er die genannten gesellschaftlichen Bruchlinien aufriss sowie erhebliche Migrations- und Fluchtbewegungen auslöste, sondern er trug auch bedeutend dazu bei, dass erhebliche Teile der Bevölkerung in grobe Armut gestürzt sind.

Grafik Alterspyramide
Alterspyramide (Quelle: UNDP)

Das Bevölkerungswachstum wird derzeit auf um die 2% pro Jahr geschätzt; fast die Hälfte der Bevölkerung ist unter 20 Jahre alt; mehr als 70% leben auf dem Lande; die dort herrschenden niedrigen Einkommen und Beschäftigungslosigkeit sind der Hauptgrund für eine extrem hohe Arbeitsmigration. Letztere hat zwar zur Folge, dass durch die Geldtransfers der Migranten fehlende oder mangelhafte Sozialleistungen kompensiert werden, und mithin maßgeblich zum Sinken der Armutsrate beigetragen haben, aber die Arbeitsmigration zieht auch gesellschaftlich negative Auswirkungen nach sich. Da über 70% der Migranten verheiratet sind, ist nicht nur das Phänomen vieler allein von Frauen geführter Haushalte und eine Feminisierung der Landwirtschaft zu beobachten, sondern in den letzten Jahren hat auch die Anzahl zurückgelassener oder gar verlassener Frauen bedeutend zugenommen, die rechtlichen Problemen, Armut und sozialer Stigmatisierung ausgesetzt sind. Erste Schätzungen gehen von 2-300.000 solcher Problemfälle aus. Mithin liegt es auf der Hand, dass auch das Wohlergehen von Kindern unter der Migration leidet. Ein neuerlich hinzugekommenes Problem sind Migranten, die von russischen Behörden mit einem Wiedereinreiseverbot belegt worden sind und im Zuge dessen mit ihren Angehörigen in gravierende wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten.

Grafik zur Unterernährung
Unterernährung

Die Analphabetismusrate – bezogen auf Grundfertigkeiten im Lesen und Schreiben – wird offiziell mit unter 1% angegeben und liegt damit erstaunlich niedrig. Die Armut auf der einen Seite und die Mängel im Gesundheitswesen auf der anderen schlagen sich in erhöhter Kindersterblichkeit (seit 1995 laut Statistik von 120 bis zum Alter von 5 Jahren auf 1000 Geburten kontinuierlich auf 40 gesunken) und verminderter Lebenserwartung (derzeit durchschnittlich ca. 69 Jahre, 73 für Frauen und 66 für Männer) nieder. – Eine erste breitangelegte Bestandsaufnahme der sozio-ökonomischen Lage Tadschikistans ist 2005 unter der Ägide der Weltbank fertiggestellt worden. Die letzte offizielle Datenerhebung erfolgte 2007 im eingeschränkten Rahmen eines Survey des Lebensstandards und einer Nachfolgeuntersuchung dazu von 2009. Eine 2015-16 durchgeführte monatliche Haushaltsbefragung seitens der Weltbank beschäftigte sich mit der aktuellen Situation der Bevölkerung.

Geschlechterverhältnis
Im Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums rangiert Tadschikistan 2007 auf Platz 79 unter 128 Staaten und im Global Gender Gap Report für 2016 auf Platz 93 von 144 – also im Grunde seit Jahren wenig verändert mit etwas Abstand vor Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, aber auch mit einigem Abstand hinter anderen ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. Dieses Ergebnis deckt sich mit Befunden, dass in Tadschikistan seit den 1990er Jahren eine Rückkehr der Frau in althergebrachte Rollenmuster unter patriarchaler Dominanz zu beobachten ist, die in letzter Zeit zusätzlich auch noch von der Regierung bei ihrer Suche nach schlagkräftigen "nationalen Werten" propagiert worden ist. Für diese Entwicklung lassen sich wenigstens zwei begünstigende Faktoren benennen: das Bürgerkriegsgeschehen 1992-97 und die hohe Armutsrate. Die damit verbundenen allgemeinen und spezifischen Probleme haben auch die Aufmerksamkeit der UN-Frauenorganisation und des USAID auf sich gezogen – sinkende Partizipation von Frauen am gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben; geringeres Einkommen für gleiche Arbeit; mangelhafter Schutz vor Gewalt, insbesondere auch häuslicher; Früh- und Zwangsverheiratung, Polygamie (mittlerweile soll jeder 10. Mann mehrere Frauen haben)...

Zu spezifischen Schwierigkeiten in Tadschikistan gehören der fühlbare Anteil an Haushalten, die notgedrungenermaßen allein von Frauen geführt werden; stark erschwerter Landerwerb für Frauen (Frauen stellen 70% der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, aber nur 1% sind Landeigentümerinnen); sinkender Frauenanteil in Politik und Verwaltung (4% bzw. 11%; gegen diesen Trend hat sich Mai 2011 eine parteiübergreifende Gruppe von Politikerinnen formiert); fehlender (gesetzlicher) Schutz bei nicht staatlich registrierten (rein religiösen) Eheschließungen und für (laut Gesetzgebung) illegale Zweit- und Drittfrauen. In einer 2016 vorgelegten, erneuten Studie der ADB zur Frage der Geschlechtergleichstellung in Tadschikistan findet sich u.a. festgehalten, dass zwar an der diesbezüglichen Gesetzeslage positive Änderungen vorgenommen worden seien, aber sich wenig an der Praxis geändert habe. So lag 2015 der Anteil von Frauen im Parlament bei 19%, in der Verwaltung bei 23,5%, in Führungspositionen bei 17%, und nur 45% der Frauen seien erwerbstätig (mit durchschnittlich 63,3% des Verdienstes von Männern in gleicher Position) gegenüber einst, zu Zeiten der UdSSR erreichten 74% Erwerbstätigkeit von Frauen.

Bildung

Grafik zur Primarbildung
Primarbildung (Quelle: UNDP)

Anfang 2012 wurde im Zuge einer Regierungsumbildung u.a. der Bildungsminister entlassen. Der Präsident bezichtigte ihn erfolgloser Bemühungen gegen Korruption, Lehrermangel und den niedrigen Wissensstand von Absolventen der Bildungseinrichtungen. Wie immer auch diese Schelte des Präsidenten im einzelnen zu nehmen ist, feststellen lässt sich, dass obwohl schon seit über einem Jahrzehnt das Bildungswesen zu einem prioritären Ziel entwicklungspolitischer Maßnahmen geworden ist, erscheint die Lage in diesem einst, zu sowjetischer Zeit gut ausgebauten Sektor nach wie vor bedenklich. Angesichts der Tatsache, dass aktuell das Bildungsniveau der 20-30Jährigen erheblich niedriger liegt als jenes der über 40Jährigen, läuft Tadschikistan Gefahr, seines "Humankapitals" verlustig zu gehen und eine verlorene Generation zu erzeugen:

  • die Teilnahme schulpflichtiger Kinder an der Grundbildung war bis zum Jahr 2000 auf unter 85% gesunken; der Mädchenanteil in der Sekundarstufe war von 49% in 1991 auf 38% in 2001 zurückgegangen; um 2005 herum besuchten mehr als 20% der 13-17-Jährigen keine Schule (darunter 8% mehr Mädchen als Jungen); auf der anderen Seite betrug im Jahr 2000 der Anteil von Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahre an der Gesamtbevölkerung 50%; von den über 1 Mio Kindern im Vorschulalter besuchten nur noch ca. 6% Vorschuleinrichtungen, deren Qualität wiederum seit Anfang der 1990er Jahre rapide nachgelassen hatte;
  • an den voranstehend geschilderten Verhältnissen hat sich in der Zwischenzeit wenig geändert: der Anteil vorzeitiger Schulabgänger lag 2011 in den Klassenstufen 1-9 bei 2,2-3,7%, und der von Vorschulkindern wurde auf 9% beziffert (überwiegend aus städtischen und wohlhabenden Familien); 2014 besuchten 12% der Kinder eine Vorschule, wobei die Anzahl der Vorschuleinrichtungen im Zeitraum 1991-2010 von 944 auf 488 gesunken ist;
  • die materielle und finanzielle Ausstattung der Schulen ist vielerorts erbärmlich zu nennen (fehlende oder veraltete Lernmaterialien; kaputtes Mobiliar, defekte Heizungs- und Sanitärsysteme, was u.a. zu den hohen Fehlzeiten unter Schülern beiträgt); 2007 galten 80% der Schulen als reparaturbedürftig und 2014 wird der Anteil an Schulen, die noch grundlegende Instandsetzung benötigen, auf 36% geschätzt;
  • es herrscht Lehrermangel (offiziell fehlen rd. 9000), die Qualifikation des Personals ist deutlich gesunken (40% sind ohne einen Hochschulabschluss, nur 29% sollen für ihren Beruf überhaupt qualifiziert sein);
  • der Lehrermangel und ihre fehlende Qualifikation hängen nicht zuletzt auch mit den niedrigen Gehältern im Bildungsbereich zusammen (nach mehrfachen Erhöhungen in jüngerer Zeit aktuell wohl um die 150-200 US$ im Monat, wobei allerdings 2007 die bis dahin geleisteten Zusatzvergütungen wie freie Gesundheitsfürsorge, Büchergeld u.a. weggefallen sind);
  • die Ansätze und Vorgehensweisen in der Bildungspolitik und -verwaltung gelten als veraltet, der Bildungsetat des Landes als erheblich zu niedrig (mittlerweile sollen viele Schulen dazu übergegangen sein inoffiziell Gebühren zu erheben, um sich ausstatten und Lehrer bezahlen zu können).

Ähnlich problematisch stellt sich die Lage in den übrigen Zweigen des Bildungssystems dar. Bei der Höheren Bildung hat sich zwar die Anzahl der Institutionen seit 1991 verdreifacht, aber geringe finanzielle Ressourcen, veraltete Curricula, Lernmittel und Austattung sowie Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal und dessen Überalterung prägen das Bild in den überwiegend staatlichen Hochschulen. Dem verbreiteten Phänomen "informeller Zahlungen" zur Erlangung eines Studienplatzes und damit verbundenen Ungerechtigkeiten und Mängeln soll nun durch die Einführung einer allgemeinen Aufnahmeprüfung in die Hochschulen gegengesteuert werden. – Ein weiteres Problemfeld stellt der Sektor der Berufs- und Erwachsenenbildung dar, der im Lauf der Jahre zu einer Art staatlichen Wohlfahrtseinrichtung degenerierte und weit am Bedarf des heutigen flexibilisierten Arbeitsmarkts vorbeiwirkt. Extern geförderte Reformbemühungen im Bereich der Berufsbildung sehen sich nach wie vor großen Schwierigkeiten gegenübergestellt, sei es wegen des Mangels an qualifiziertem Personal, sei es wegen der stetig wachsenden Arbeitskraftressourcen bei einem gleichzeitigen Sinken des Beschäftigungsanteils (in den Jahren bis 2014 kamen jährlich rd. 85-90.000 Jugendliche ohne Berufsausbildung frisch auf den Arbeitsmarkt).

Grafik zum Aufbau des Bildungssystems
Das Bildungssystem Tadschikistans (Quelle: Weltbank, 2013)

2006 legte das Bildungsministerium (unter Mitwirkung von Weltbank, ADB und UNICEF erstellt) ein Strategiepapier zur Modernisierung des Bildungswesens bis 2015 vor. Dieses wurde dann seitens der Geber als "überehrgeizig" charakterisiert. Deren Hauptbedenken galt einer mangelhaften Implementierungsfähigkeit durch das Bildungsministerium und andere Behörden. Hierbei mag der Umstand eine Rolle gespielt haben, dass das fragliche Strategiepapier lediglich vom Bildungsministerium, nicht aber von der gesamten Regierung gebilligt worden war. Dies verhält sich bei der 2012 vorgelegten neuen Nationalen Strategie für die Bildungsentwicklung bis 2020 anders. Jedoch auch dieser Plan einer kompletten Modernisierung und partiellen Neugestaltung des Bildungswesens wird von den Entwicklungspartnern als überehrgeizig eingestuft. Sie bemängeln daran u.a. das Fehlen einer Prioritätensetzung angesichts der begrenzten finanziellen Kapazität Tadschikistans, und dass so manches an den Planungen einer soliden analytischen Grundlage entbehre.

Diesseits von Plänen stellen sich bei der Rehabilitation und Modernisierung des Bildungswesens Erfolge nur sehr zögerlich ein. Die Vielzahl von laufenden oder bereits abgeschlossenen (Pilot)projekten externer Geber erwies sich bislang eher nur punktuell wirksam. So ist z.B. seit vielen Jahren die Agha Khan Stiftung auch im Bildungsbereich engagiert, die sich dort unter anderem durch die Gründung einer länderübergreifenden Zentralasiatischen Universität für die entlegenen Bergregionen hervorgetan hat. Einige der staatlichen Hochschulen partizipieren u.a. am Tempus-Programm der EU. Diesseits von solchen Maßnahmen für die Höheren Bildung – wozu auch ein 2016 angelaufenes Higher Education Project der Weltbank zur Qualitätserhöhung in diesem Sektor gehört – ist jedoch der überwiegende Teil der externen Förderung auf die Grundbildung ausgerichtet. So flossen etwa über 24 Mio US$ in ein 2003 in 5 ausgewählten Distrikten angelaufenes, bis 2013 verlängertes Modernisierungsprojekt der Weltbank, das sich zum moderaten Ziel genommen hatte, einen weiteren Abstieg des Bildungswesens zu vermeiden. Mittlerweile abgeschlossen ist ein gleichfalls 2003 in 5 Distrikten aufgenommenes Reformprojekt, für das die ADB 9,5 Mio US$ bereitstellte.

Gesundheit

Ähnlich wie im Bildungsbereich haben zu niedrige Gehälter und ein geringer Haushaltsetat im staatlich geführten Gesundheitssektor zu einer erheblichen Erosion geführt: Missmanagement, Personalmangel, sinkende Qualifikation, fehlende technische Ausstattung, Zerfall bestehender Einrichtungen und hohe Korruption (nach Angaben im zweiten Armutsstrategiepapier (von 2007) sollen 70% der finanziellen Ausstattung des Gesundheitsbereichs aus "inoffiziellen Privatzahlungen" resultieren; EuropeAid geht 2014 noch von 62,5% aus). Besonders stark vom Verfall betroffen ist die medizinische Grundversorgung im ländlichen Raum. Diese Umstände tragen zweifelsohne zu der erhöhten Kindersterblichkeit (u.a. wohl die Folge einer überproportional hohen Anzahl von Hausgeburten) und gesunkenen Lebenserwartung bei, ebenso wie zu einer verstärkten Gefahr der Ausbreitung von Seuchen und Infektionskrankheiten (AIDS ist in Tadschikistan noch kein Faktor von gravierender Bedeutung; bedenklich stimmt allerdings, dass sich die Infizierungsrate in den letzten Jahren vervielfacht hat, wohl nicht zuletzt aufgrund des gewachsenen lokalen Drogenkonsums). Schon seit 1992 ist die WHO vor Ort vertreten und verfolgt in ihrer Zusammenarbeit mit der Regierung gesundheitspolitische Grundfragen wie Stärkung der Kernfunktionen des Gesundheitssystems, Mutter-Kindschutz, Bekämpfung und Prävention von chronischen und Infektionskrankheiten. Auch wenn derzeit sich über 100 Geber in einer Vielzahl von Projekten engagieren, so ist eine grundlegende Gesundheitsreform noch nicht erfolgt. Wie eine Studie des Gesundheitssystems von 2010 zeigt, befand sich eine übergreifende Strategie 2009 noch in Vorbereitung, ein Gesetz zur Pflichtversicherung ist erst 2010 verabschiedet worden (dazu hält ein Survey der Weltbank von 2012 fest, dass nur 0,8% der Bevölkerung in eine Krankenversicherung einzahlen und lediglich 2,5% der über 15-Jährigen über ein Bankkonto verfügen). Der Gesundheitssektor leidet weiterhin unter chronischer Unterfinanzierung, schlechter Qualität und geringer Nutzung. Die Ergebnisse eines 2012 durchgeführten Surveys zur Demographie und Gesundheit lassen kaum, allenfalls geringfügige Verbesserungen des Systems erkennen – ebenso eine Nachfolgeuntersuchung der WHO von 2016. Gegen die medizinische Unterversorgung im ländlichen Raum hatte die WHO 2011 ein Programm zur Entwicklung eines Hausärztewesens aufgelegt, das aber nur sehr langsam voranschreitet. Für eine nach wie vor problematische Situation im Gesundheitswesen sprechen auch Ergebnisse von Beratungen mit Projektträgern und Bevölkerungsvertretern über die Vorgehensweise nach Ablauf der Millenium Development Goals-Kampagne 2015. Hierbei schälten sich mit Abstand als prioritär empfunden eine Fortsetzung von Maßnahmen im Rahmen der Sustainable Development Goals 2030 zur Entwicklung der Sektoren Bildung und Gesundheit heraus.

Ebenso wie das Gesundheitssystem befindet sich auch die Sozial- und Alterssicherung schon seit langem in einem Prozess fundamentaler Reformen, ohne dass bislang durchschlagende Erfolge zu verzeichnen wären. Etwa in der Frage der Renten, die sich im Übrigen auf einem extrem niedrigen Niveau bewegen (2014 um die 2-3 US$ im Monat), wurde zu deren Sicherung das System einer staatlichen Sozialversicherung eingerichtet. In diese zahlen aber nur wenige Arbeitnehmer und -geber ein, da über 50% der Erwerbstätigen im informellen Sektor beschäftigt sind und die 100.000de von Arbeitsmigranten ebenfalls keine Beitragszahlungen leisten. Auch im Bereich Behinderung und Rehabilitation liegt trotz erster Verbesserungen der Lage noch vieles im Argen, insbesondere auf dem Lande.

Religion und Gesellschaft

Nicht zuletzt aufgrund der schwierigen äußeren Bedingungen, aber auch durch den Wegfall des sowjetischen Systemdrucks sind inner-gesellschaftliche Wertvorstellungen und Fragen der Weltanschauung in Tadschikistan seit den 1990er Jahren verschiedentlich ins Rutschen geraten.

Foto frommer Pilger, 1995
frommer Pilger, 1995 (Foto: © R.Eisener)
Foto Parlamentarierin, 2000
Parlamentsabgeordnete, um 2000 (Quelle: Madschlisi Oli)
Foto Ikat-Stoff
gewebter Seidenstoff (Ikat), 19. Jh. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Was westlichen Betrachtern an Tadschikistan als gewachsen orientalisch-islamisch mit irgendwie aufgesetzten Kennzeichen von Modernität erscheinen mag und sie demgemäß handeln lässt, ist dortiger Selbstwahrnehmung entsprechend – zumindest teilweise – eine Fehleinschätzung: "Der Westen soll uns [ehemalige zentralasiatische Sowjetrepubliken] als europäische Staaten anerkennen, aber mit muslimischen Kulturen" (Zitat eines Beraters des tadschikischen Präsidenten). Diese Aussage mag auf eine Ausfluchtsmöglichkeit gegenüber unliebsamen Begehren des Westens deuten, darf aber auch als ein Hinweis darauf verstanden werden, dass die Abfolge mehrerer, sowjetisch geprägter Generationen zu einer Herausbildung "neuer" Traditionen geführt hat, die nun gleichberechtigt oder vielleicht nur gleichermaßen neben "alten" und hinzukommenden, anderen "neuen" bestehen.

Das "Alte" hat sich über die sowjetische Zeit äußerlich sichtbar im Gewand sogenannter nationaler Traditionen gehalten, jedoch auch starke Einbußen erlitten, z.B. durch einen Wechsel von der arabischen zur lateinischen (um 1930) und dann zur kyrillischen Schrift (um 1940) oder durch scharfe Verfolgungen religiöser Erscheinungen. Seit Ende der 1980er Jahre setzte ein rapides Wiederaufleben der Religion im öffentlichen Raum ein, das sich zunächst einmal hauptsächlich auf eine freie Glaubensausübung der Muslime konzentrierte, aber auch von einem steigenden Interesse am "politischen Islam" begleitet war. Der Verlauf des Bürgerkriegs 1992-97 setzte solchen politisch ausgerichteten Interessen einen merklichen Dämpfer auf. Jenseits dessen ist ein klarer gesellschaftlicher Trend zum "friedlichen Islam" zu beobachten, der einerseits auf endemische Strukturen aufsetzt, die sich schon zu sowjetischer Zeit im Untergrund gehalten oder ausgebildet haben, und andererseits – etwa auf der Suche nach Unterweisung – eine gewisse Offenheit äußeren Einflüssen gegenüber beinhaltet.

Für die meisten Tadschiken ist der Islam zumindest als eine Facette ihrer Kultur und im Bereich zentraler Ereignisse des Lebens (Geburt, Hochzeit, Tod) wichtig. Darüber hinaus ist der Anteil derjenigen, die für sich angeben regelmäßig zu beten, eine Moschee zu besuchen oder das Fasten im Ramadan einzuhalten, signifikant gestiegen. Unter Jugendlichen lässt sich heutzutage bemerken, dass der Islam als Wertegeber, in spiritueller Hinsicht und als individuelle innere Erfahrung eine erheblich größere Rolle spielt als zuvor. In der religiösen Praxis ("Volksislam") verbreitet sind esoterische Vorstellungen, das Erleben des Göttlichen (in Träumen), Amulettwesen, Wahrsagerei und Heiligenkult. Außerdem bilden mit dem Islam assoziierte Vorstellungen seit jeher ein bedeutendes Fundament für zahlreiche Aspekte der gesellschaftlichen Moral und Normen. Dieser Bedeutung der Religion im Alltag hat etwa die Regierung, mit ihrem betont säkularen Anspruch, angesichts des allgemeinen Verfalls und schlechter Lebensbedingungen wertemäßig wenig entgegenzusetzen, zumal sie sich bis dato gegenüber öffentlichen Formen der Religionsausübung restriktiv verhält und schon beim geringsten Verdacht auf Extremismus – ob zutreffend oder nicht – hart durchgreift. Zuletzt wurden 2009 das Wirken von Vertretern der Salafiya und 2015 die Partei der Islamischen Wiedergeburt Tadschikistans als terroristische Organisation verboten. Unter strikter Kontrolle stehen Einrichtungen des offiziösen Islam – staatlich zugelassene Moscheen, die 19 Madrasas (islamische Hochschulen) und ein "Islamisches Institut". Dafür sorgt u.a. ein Mai 2010 bei der Regierung eingerichtetes Komitee für Religionsangelegenheiten und ein Islam-Zentrum der Republik Tadschikistan. Neben diesen offiziösen Einrichtungen existiert in einer Grauzone das weitverbreitete Phänomen privater religiöser Unterweisung – offiziell verboten und neuerdings auch unter Strafe gestellt (für Unterweisung bis zu 12 Jahre, für Teilnahme bis zu 8 Jahre Gefängnis), aber offenbar dennoch unter der Bevölkerung geschätzt. Ein in jüngerer Zeit verabschiedetes neues Gesetz schreibt vor, dass Jugendliche unter 18 Jahren nicht in Moscheen oder Kirchen beten dürfen und eine säkulare Schule besuchen müssen. Gepaart mit Phänomenen wie der hohen Jugendarbeitslosigkeit geben derlei Maßnahmen zu Befürchtungen Anlass, dass sie zu einer Erhöhung des Radikalisierungspotentials unter Jugendlichen beitragen könnten.

Welche Rolle das Phänomen von weit über 1000 Islamstudenten im muslimischen Ausland bei den Entwicklungen im Lande spielt, liegt weitgehend im Dunkeln, auch wenn gegen Ende 2010 der Präsident die fraglichen Auslandsstudenten mit dem Argument zur Rückkehr aufgefordert hat, dass sie an ihren Studienorten (z.B. der renommierten al-Azhar in Kairo) auf die Bahn des islamistischen Extremismus gebracht würden. Im vorläufigen Ergebnis dieser präsidialen Kampagne, sollen über 1500 Auslandsstudenten zurückgekehrt, nun aber ohne Arbeit sein... An der in Politik und Medien verbreiteten Tendenz, in Zentralasien und Tadschikistan die Gefahr einer islamistischen Radikalisierung zu sehen, wird nur selten bedenkenswerte Kritik geübt.

Kunst und Kultur

Foto Suzani 19. Jh.
Stickerei (Suzani), 19. Jh. (Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Wie in der Gesellschaft und Alltagskultur so ist auch bei den Künsten und in der Architektur ein Nebeneinanderher, Verschmelzung und wechselseitige Beeinflussung von traditionellen und westlichen Techniken, Formen und Genres zu verzeichnen – eine Folge der rd. 70 Jahre Sowjetherrschaft und der unter ihr favorisierten streng akademischen (westlichen) künstlerischen Ausbildung. Trotz eines starken Wegzugs, insbesondere auch von talentierten Künstlern, die seit den 1990er Jahren vorzugsweise ihr Glück im Ausland und auf dem internationalen Markt suchen, hat Tadschikistan noch immer Beachtenswertes zu bieten. Auch hierbei spielen einmal mehr externe Akteure ein gewisse Rolle. So hat z.B. der französische Entwicklungsdienst ACTED 2001 in Duschanbe das Kulturzentrum Bactria eingerichtet, um der Marginalisierung von Kunstschaffenden entgegenzuwirken.

Zu einem Eindruck vom alten und dem - immer noch bemerkenswerten - neuen Kunst- und Kulturschaffen verhilft z.B. Tajik Artists . Als Ausbildungsstätte bietet sich das Staatliche Institut für Kunst an. Mit der nötigen Geduld bzw. mit einer hinreichend schnellen Verbindung lässt sich z.B. auch diverse tadschikische Musik, Musikvideos oder speziell Musik der Pamiri aus dem Internet herunterladen oder anhören. Unter den in Tadschikistan selbst beheimateten Anbietern ist derzeit das Musikportal TopStar am populärsten. Bei der Literatur wird in Tadschikistan zum einen das Erbe der persischen Klassik gepflegt und auf der anderen Seite hielten im 20.Jahrhundert auch moderne (westliche) Genres Einzug.

Zuvörderst von aktuelleren Erwägungen geleitet und von einst sowjetischen Vorstellungen eines nationalen Erbes geprägt dürfte sein, dass Tadschikistan eine ganze Reihe von archäologischen Stätten, Kultur- und Naturdenkmälern auf die Anwärterliste zum UNESCO-Weltkulturerbe gesetzt hat.

Bild Ausstellungsplakat
Ausstellungsplakat von Künstlerinnen in Tadschikistan, 2003
Bild Panneau
Panneau, Zentraltadschikistan, Anfang 20.Jahrhundert

Das Länderinformationsportal

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im September 2017 aktualisiert.

Über den Autor

Reinhard Eisener
Dr. phil., geb. 1956, Studium der Islamkunde, Iranistik und Geschichte. Seit den 1970er Jahren kontinuierlich Reisen und Forschungsaufenthalte im Nahen und Mittleren Osten, Russland und Zentralasien; zahlreiche Fachpublikationen.

Über Kommentare und Anregungen freue ich mich stets.

Weiterführende Links

Literaturhinweise

Literatur zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in Tajikistan

Stephan, Manja: Das Bedürfnis nach Ausgewogenheit Moralerziehung, Islam und Muslimsein in Tadschikistan zwischen Säkularisierung und religiöser Rückbesinnung. Würzburg 2010

Schmitz, Andrea: Islam in Tadschikistan. Akteure, Diskurse, Konflikte. Berlin 2015 (SWP Studie).

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