Zementfabrik in Duschanbe, © R.Eisener
Geschätztes BIP
7,85 Mrd. US-$ (2015)
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität)
2763 US-$ (2016)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI)
Rang 129 von 188 (2016)
Anteil Armut (unter 2,15 $ pro Tag)
31,3% (2015)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
30,8 (2014)
Wirtschaft Status-Index (BTI)
Rang 112 von 129 (2016)

Rückblick

Graphik Bruttoinlandsprodukt
Vergleichende Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, 1989=100 (Quelle: ADB, Falkingham 2000)

In den ersten Jahren der staatlichen Souveränität trat die Wirtschaft Tadschikistans eine rasante Talfahrt an. Bis Mitte der 1990er Jahre fiel die landwirtschaftliche und industrielle Produktion auf etwa ein Drittel des Niveaus von 1991. Etliche Industriezweige kamen gänzlich zum erliegen. Im gleichen Zuge setzte eine unkontrollierte Staatsverschuldung begleitet von einer Hyperinflation ein.

Die wesentlichen Ursachen für diesen Niedergang finden sich: 1) im Zusammenbruch der Sowjetunion – Wegfall von Subventionen in Höhe der Hälfte des tadschikischen Staatshaushalts; Verlust von innersowjetischen Märkten, auf die Tadschikistan einseitig planerisch ausgerichtet war, und 2) in Auswirkungen des Bürgerkriegs 1992-97, dem Zehntausende zum Opfer fielen, der Hunderttausende in die Flucht trieb, und der laut Regierungsangaben 7 Mrd. US$ Schaden verursachte.

Entwicklungszusammenarbeit sektoral 2008 (Quelle: Aid Coordination Unit)

Die allergröbsten Folgen dieser Misere wurden für die Bevölkerung zunächst einmal durch Nothilfeprogramme und -aktionen einschlägiger internationaler Organisationen aufgefangen. Erst mit Ende der 1990er Jahre konnte sich allmählich auch praktisch der Trend durchsetzen, von der humanitären Hilfe weg- und zu Projekten der Ernährungssicherung und EZ hinzukommen. Im gleichen Zeitraum begannen bzw. verstärkten sich Aktivitäten zum Wiederaufbau und zur Entwicklung Tadschikistan seitens großer multilateraler Geber wie der Weltbank (WB), dem Internationalen Währungsfond (IMF), der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), und der Europäischen Bank für Wiederaufbau (EBRD). Nicht zuletzt im Zuge dieses Engagements begannen die von außen kommenden Entwicklungsbemühungen klarere Konturen anzunehmen und in einer sektoral gegliederten Strategie nachdrücklicher verfolgt zu werden.

Wachstum versus Stagnation

Ein Blick auf Wirtschaftsdaten Tadschikistans kann nicht mehr als einer groben Orientierung dienen, da 1) ein erheblicher Anteil der tadschikischen Ökonomie sich in Grauzonen abspielt, 2) die Erhebung von Daten durch die nationale Statistikbehörde – eine wichtige Quelle, auch für die multilateralen Geber – noch auf relativ schwachen Beinen steht, und mithin 3) die Angaben häufig auf Fortschreibungen, Schätzungen und Hochrechnungen basieren und nur selten auf einem aktuellen Stand angeboten werden.

Die merkliche Verbesserung der Sicherheitslage im Land auf der einen Seite sowie Folgen des "11. September" 2001 auf der anderen Seite unterstützten, dass Tadschikistan mit der Jahrtausendwende gesamtwirtschaftlich gesehen in eine Phase des Wachstums eintrat.

Wirtschaftswachstum 1990-2010 (Quelle: Weltbank)
Grafik BIP
Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, 2010-2016

Das anhaltende, im Zuge der internationalen Finanzkrise lediglich vorübergehend gebremste Wirtschaftswachstum mag als Indikator einer gewissen Konsolidierung zu verstehen sein, entbehrt aber weitgehend einer soliden Grundlage. Es ist in erster Linie makroökonomisch begründet und basiert zu einem überaus hohen Prozentsatz auf Arbeitsmigration sowie zwei Exportgütern, die beide in bis heute staatseigenen bzw. -kontrollierten Betrieben hergestellt werden: Aluminium (sorgte lange Zeit für rund die Hälfte der Exporterlöse, wobei aber Tadschikistan selbst über keine abbauwürdigen Bauxitvorkommen verfügt, sondern lediglich über eine riesige Aluminiumschmelze aus sowjetischer Zeit), und Baumwolle (machte rd. 15% der Exporterlöse aus). Die Preise für diese Güter auf dem Weltmarkt sind unbeständig. Die einseitige Zusammensetzung der Exporte setzte sich über die Jahre fort (2015 machen Aluminum noch 30% und Baumwolle 9,8% aus), auch wenn in jüngster Zeit hier eine leichte Diversifizierung und statistisch ein zunehmender Anteil des Dienstleistungssektors am BIP zu konstatieren sind, welche aber hinsichtlich der makroökonomischen Stabilität offenbar keine rechte Wirkung zeigen.

Grafik Wachstum
Quellen des Wachstums, in % nach Sektoren gewichtet (Quelle: ADB)
Grafik Export
Quellen des Wachstums 2005-2013 (Quelle: Weltbank)

 

 

Graphik BIP sektoral
BIP sektoral 1990-2009 (Quelle: Weltbank)
Grafik BIP sektoral
BIP sektoral 2008-2013 (Quelle: Weltbank)
Grafik BIP sektoral
BIP sektoral 2014-2019 (Quelle: Weltbank)

Ein Wachstumsfaktor, der seit 2004 unversehens zu erheblicher Bedeutung aufgestiegen ist, sind die Rücktransfers tadschikischer Arbeitsmigranten. Aus der Not der Bevölkerung geboren, hat das Phänomen Arbeitsmigration im Lauf der Jahre gewaltige Dimensionen angenommen. 2008 wurde geschätzt, dass von gut 1,5 Mio Arbeitsmigranten (98% davon nach Russland) an die 2,5 Mrd. US$ (praktisch die Hälfte des BIP) nach Tadschikistan und dort zu einem guten Teil in privaten Konsum, aber auch kleinere Privatinvestitionen geflossen sind. An diesen Verhältnissen hat sich in den darauf folgenden Jahren zunächst wenig geändert. Für 2011 wurde Tadschikistan mit einem Anteil von 47% am BIP in dieser Relation mit weitem Abstand auf Platz 1 derjenigen Länder der Welt gelistet, die Rücktransfers von Arbeitsmigranten empfangen, und dies mit leicht steigender Tendenz wie jüngere Berechnungen ergaben. Mit 2015 hat sich diese Situation jedoch spürbar gewandelt, da Russland einerseits verschärfte Einreisebestimmungen für tadschikische Arbeitsmigranten eingeführt hat (u.a Visumspflicht, Sprachtest, Gesundheitscheck) und andererseits durch die Ukrainekrise mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, was sich bereits im letzten Quartal 2014 für Tadschikistan bemerkbar gemacht hat: erste Berechnungen der ADB ergaben, dass die Rücktransfers um 8,3% gesunken waren. Für das 1. Halbjahr 2015 meldete die Russische Zentralbank, dass die Überweisungen tadschikischer Arbeitsmigranten um 58,6% gesunken seien, wohingegen die Tadschikische Nationalbank von einem Rückgang von 32% sprach; und schließlich gelangte die Russische Zentralbank zu der Feststellung, dass die Rücktransfers im Gesamtjahr 2015 um 67%, auf 1,2 Mrd. US$ gefallen seien. Dahingegen geht die Weltbank für 2015 von einem Rückgang auf 28,8% des BIP aus, also ein Sinken der Transfers auf 2,26 Mrd. US$, und für 2016 auf 26,9%. Laut einem Vertreter der Russischen Regierung soll sich 2016 die Summe der Transfers auf 1,9 Mrd. US$ belaufen haben, was mit einer Schätzung der Weltbank von 1,8 Mrd. korelliert.

Grafik Rücktransfers
Rücktransfers der Arbeitsmigranten (Quelle: IWF)
Grafik Rücktransfers
Rücktransfers 2010-2014 (Quelle: Weltbank)

Auch jenseits der aktuell sich abzeichnenden Krise ist die tadschikische Arbeitsmigration langfristig eher als ein wirtschaftlicher Risikofaktor einzustufen (Abhängigkeit vom russischen Markt; hohe soziale Kosten; fehlender (qualifizierter) lokaler Arbeitsmarkt gepaart mit mangelnden Reformen im Privatsektor machen Tadschikistan für Direktinvestoren unattraktiv...). Weitere Risiken bergen die seit 2005 wieder gestiegenen Außenschulden (haben sich seit Mitte 2011 auf rund 2 Mrd. US$ eingependelt), die zunehmend negative Handelsbilanz (dreifach höheres Import- als Exportvolumen), und dass sich staatliche Investitionen fast ausschließlich aus Entwicklungshilfe finanzieren. Nach Angaben des IWF hat Tadschikistan z.B. 2011 rd. 11 Mio US$ ausländische Direktinvestitionen angezogen, aber einen Zufluss von ca. 200 Mio US$ Entwicklungshilfe und von gut 3 Mrd. US$ Rücktransfers gehabt; 2014 beliefen sich die Direktinvestitionen (eine im Verlauf der Jahre stark volatile Finanzquelle) auf 305 Mio US$, die offizielle Entwicklungshilfe auf 356 Mio US$ und die Rücktransfers auf 3,64 Mrd. US$.

Der Weg Tadschikistans zu hinreichender wirtschaftlicher Eigenständigkeit und Stabilität ist noch weit, zumal sich an der binnenwirtschaftlichen Basis nach wie vor wenig substantielle Veränderungen ergeben haben. Bis 2015, als es in die Gruppe der Länder mit "niederem mittleren Einkommen" hochgestuft wurde, galt es als ein Niedriglohnland mit gebietsweise tiefer Armut. Das durchschnittliche Monatsgehalt wurde seitens der Regierung für Anfang 2008 mit 44 US$ angegeben, der minimale Warenkorb damals mit 62 US$ bewertet; aktuell wird der Durchschnittsverdienst mit um die 146 US$ angegeben. Nach einer Erhebung der Weltbank lebten 1999 rd. 80% der Bevölkerung unter dem Existenzminimum, darunter ca. 17% in extremer Armut. Aktuellere Schätzungen (von 2009) geben den Bevölkerungsanteil unterhalb der Armutslinie von 41 US$ pro Monat mit 53% an, wobei sich bedenkenswerterweise der Prozentsatz der Bevölkerung in extremer Armut, insbesondere auf dem Land, praktisch fast nicht verändert haben soll. Die dennoch bemerkenswert starke Verminderung der Armutsrate – 2012 soll sie bei 36% und 2016 bei 30,3% gelegen haben – ist in hohem Maße auf die Rücktransfers von Arbeitsmigranten und gestiegene Löhne zurückzuführen, nicht aber auf nachhaltiges Wachstum und neue Arbeitsplätze.

Tadschikistans mangelhafte und überalterte Infrastruktur ist, was die Verkehrswege angeht, trotz einiger Reparatur- und Verbesserungsprojekte an den Hauptverbindungen in jüngerer Zeit nach wie vor von Verfallserscheinungen gezeichnet. So wird z.B. innerhalb einer Studie der ADB von 2011 zum Transportsektor Tadschikistans festgestellt, dass 80% der rund 14.000 km (Haupt)Straßen mehr als reparaturbedürftig sind. Aktuelleren Angaben zufolge warten – trotz erheblicher Anstrengungen hinsichtlich des Ausbaus einiger Hauptrouten im Rahmen des CAREC-Programms – noch an die 70% der Straßen auf Instandsetzung und Ausbau. – Das staatliche Bildungs- und Gesundheitswesen leidet, schon länger laufenden Reformbemühungen zum Trotz, unter groben Mängeln. Abhilfe für diese und andere infrastrukturelle Schwächen versprechen sich internationale Geber durch die Einrichtung von Public Private Partnerships, wozu jedoch Tadschikistan laut einer UNECE-Studie von 2013 weitgehend der nötigen Grundlagen entbehrt.

Grafik zur Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit 2012 nach Regionen (Quelle: NBT)

Es herrscht hohe Arbeitslosigkeit (offiziell im Allgemeinen zwar mit lediglich um die 2,5% angegeben, laut Weltbank und Arbeitsministerium betrug sie jedoch 2008 33% und nach inoffiziellen Schätzungen bis zu 40%; die Jugendarbeitslosigkeit soll, besonders in den ländlichen Gebieten, bei teilweise über 60% liegen). Jüngere Angaben zur Arbeitslosigkeit fallen weniger krass aus, gehen jedoch von einer wenigstens 4-fach höheren Rate aus, als dies offizielle Zahlen erkennen lassen. Eine 2017 von der Weltbank vorgelegte Arbeitsmarktstudie weist insbesondere auf den Umstand hin, dass die tadschikische Wirtschaft nicht genügend neue Jobs für das ständig wachsende Arbeitskräftepotenzial schafft (in den Jahren 2000-2015 ist der Anteil der Bevölkerung im Arbeitsalter (15-64 Jahre) von 3,31 Mio auf 5,23 Mio gewachsen). Als Gründe für den Mangel an Arbeitsplätzen werden hervorgehoben: das Ausbleiben eines notwendigen Strukturwandels und die Unterentwickeltheit des (formellen) Privatsektors bei einer geringen Zahl von Firmenneugründungen.

Kinderarbeit rückte in den 2000er Jahren zu einem Phänomen von Bedeutung auf. Schätzungen sprechen von 10.000den Kindern, die auf diese Weise zum Überleben ihrer Familien beitragen. In jüngerer Zeit hierzu erstellte Studien zeigen, dass regierungsseitige Verbote von Kinderarbeit zunächst einmal im Grundsatz nicht viel bewirkt haben. Im Bereich von Schüler- und Studentenarbeit bei der Baumwollernte (von 2010) führte das Verbot zwar behördlicherseits weitgehend dazu, keine Kinder mehr zwangsweise auf die Felder zu schicken, aber arme Haushalte konnten zunächst offenbar auf eine solche Aufbesserung ihres Einkommens schlecht verzichten, wie eine 2012 erschienene Nachfolgeuntersuchung zeigt. 2013 betrug der Anteil von Kinderarbeit bei der Baumwollernte noch etwa 7% und soll bis 2015 schließlich auf eine vernachlässigbare Größe gesunken sein. – Zu guter Letzt ist hinsichtlich der eigenen Möglichkeiten Tadschikistans noch generell daran zu erinnern, dass eine gravierend hohe Zahl an Fachkräften und gut ausgebildeten Spezialisten bereits in den 1990er Jahren das Land verlassen hat und bis heute nicht angemessen ersetzt werden konnte, zumal nach wie vor – nicht zuletzt auch aus politischen Gründen – einen Trend zur Abwanderung von qualifizierten Kräften zu beobachten ist. Zweifelsohne erschwert dieses Phänomen die Umsetzung von Modernisierungsvorhaben.

Schattenwirtschaft
Zwei problematische Wirtschaftsfaktoren von unbestimmter Größe stellen seit Jahren Korruption und Drogenhandel vor. 2007 wurden rund 5,2 Tonnen Rauschgift, darunter 2,5 Tonnen Opium und 1,5 Tonnen Heroin konfisziert, 2010 waren es 4 t Rauschgift, darunter 1 t Heroin, und 2013 wurden nach Angaben der Drogenkontrollagentur Tadschikistans 6,6 t beschlagnahmt und 2016 3,5 t. Dies wird auf einen nur geringen Anteil an derjenigen Menge von Drogen geschätzt, die das Land im Transit von Afghanistan her passieren. So wird in einer vom UNODC 2012 vorgelegten Studie angenommen, dass 2010 75-80 Tonnen Heroin und 18-20 t Opium ihren Weg über Tadschikistan genommen haben. Eine andere, 2014 angefertigte Studie bestätigt diese Ergebnisse und hält zudem fest, dass die Einnahmen aus Drogenhandel sich auf mindestens 30% des BIP belaufen und Tadschikistan hinsichtlich seiner registrierten Drogenkriminalität die niedrigste Rate in Zentralasien aufweist. – Transparency International listet Tadschikistan im Corruption Perceptions Index für 2016 auf Platz 151 von 176. Eine 2007 vom UNDP veröffentlichte Studie zur Schattenwirtschaft beziffert den informellen Sektor für 2005 auf 60,93% des BIP (32,98% Steuerhinterziehungen, 14,74% Eigenproduktion und -konsum von Nahrungsmitteln, 13,21% Schwarzarbeit und Tauschgeschäfte), wobei Einkünfte aus kriminellen Aktivitäten bei dieser Studie nicht berücksichtigt wurden. Nach neueren Schätzungen des IWF belief sich 2012 das Volumen der Schattenwirtschaft auf rd. 30% des BIP, also etwa 2 Mrd. US$; allerdings war dann für 2013 schon wieder von über 50% die Rede. Bei der Bewertung des Risikos von Geldwäsche durch den Basel AML Index für 2017 ist Tadschikistan auf Platz 4, also mit an der Spitze unter den dort gelisteten 146 Ländern zu finden. Zur Frage der Korruption im Land hat das Strategische Forschungszentrum unter dem Präsidenten 2006 einen eigenen Survey der öffentlichen Meinung vorgelegt und 2010 dazu eine Nachfolgeuntersuchung durchgeführt. Aus letzterer geht hervor, dass seit 2006 der Anteil korrupter Dienstleistungen von 60% auf 83% gestiegen ist, das Risiko in eine Bestechungssituation zu geraten von 31% auf 46%, und Forderungen nach Bestechung sind von 25% auf 40% gewachsen. Als korrupteste Strukturen gelten: die Verkehrspolizei (32,3%), medizinische Einrichtungen (30,6%), Institutionen für Höhere Bildung (23,9%) und die Antikorruptionsbehörde (21,4%). In den letzten Jahren wurde seitens der Tadschikischen Regierung zumindest formal einiges gegen Korruption unternommen. Valide Hinweise auf eine grundlegende Veränderung der Situation liegen aber nicht vor, wie z.B. auch ein OECD-Bericht von 2014 zum Stand der Anti-Korruptionsreformen in Tadschikistan und ein Update dazu von 2016 erkennen lassen. Zwar sind angemahnte Veränderungen an der Gesetzeslage vorgenommen worden, aber der Frühjahr 2017 losgetretene Skandal um die Antikorruptionsbehörde wirft etliche praktische Fragen auf.

Investitionsklima
Die von der Tadschikischen Regierung nach außenhin signalisierte Reformbereitschaft ist aufs engste mit der Werbung von Gebern und Investoren verbunden. Wegen schlechter Regierungsführung und mangelhaften Investitionsklimas herrscht auf jener Seite jedoch merkliche Zurückhaltung. Private ausländische Direktinvestitionen stagnieren seit Jahren auf dem sehr niedrigen Niveau von unter 5% des BIP. Im Index of Economic Freedom rangiert Tadschikistan 2017 auf Platz 109 unter 180 Ländern. Der Doing Business Report der Weltbank stuft das Land für 2017 hinsichtlich seiner Geschäftsfreundlichkeit auf Platz 128 von 190 Staaten ein, wobei es sich gegenüber 2016 in den Rubriken "Aufnahme eines Geschäfts" deutlich verschlechtert und bei "Steuern" verbessert hat, aber bei "Baugenehmigungsverfahren" und "Bezug von Elektrizität" immer noch weit hinten liegt. Zur Frage des dementsprechend schwach ausgebildeten Sektors der Kleinen und Mittleren Unternehmen (KMU), des schlechten Investitionsklimas und der mangelnden strukturellen Reformen nahm 2006 die International Finance Corporation der Weltbankgruppe ausführlich Stellung. Eine Nachfolgeuntersuchung von 2009 zeigt, dass sich an der Schwäche des KMU-Sektors im gegebenen Zeitraum grundlegend kaum etwas geändert hat, auch wenn mittlerweile dort 50% aller Erwerbstätigen im Lande beschäftigt sein sollen und im Lauf der letzten 10 Jahre eine Vielzahl an Mikrofinanz-Einrichtungen aktiv geworden ist.

Gegen ein solch abträgliches Image versucht naturgemäß die Regierung anzuwirken, z.B. indem 2007 das "Aid Coordination Unit beim Präsidenten" in ein Staatskomitee für Investment und Staatseigentumsmanagement umgewandelt wurde, das neben der Wahrnehmung seiner ursprünglichen Aufgaben nun auf einer speziellen Website mit Investitionsmöglichkeiten in Tadschikistan wirbt. Zeitgleich erweiterte sich der Präsidentenapparat um ein eigenes Beratungsorgan für Investmentfragen, das dann z.B. 2014 einen Aktionsplan verabschiedete, gezielt die Kennzahlen Tadschikistans im Doing Business Report der Weltbank zu verbessern. Auch die Handelskammer lädt mit einem speziellen Business Guide zu Investitionen ein. Gezielt um deutsche Investoren wirbt eine tadschikische Handelsvertretung. Eine andere Form der Investorenwerbung bildet die Einrichtung "Freier Wirtschaftszonen", die sich im Aufbau befinden, am weitesten fortgeschritten im Fall der Zone "Sughd". – Zu den investitionspolitischen Bemühungen der Tadschikischen Regierung hat die UNCTAD 2016 einen Bericht vorgelegt, der sich mit ihren Schwächen und Stärken beschäftigt und insbesondere in der Förderung von KMUs in den Bereichen Agrobusiness, Tourismus und Textil- und Modebranche ein hohes Potenzial erblickt.

Industrie und Landwirtschaft

Zementfabrik
Zementfabrik in Duschanbe (Foto: © R.Eisener)
Kartoffelernte
Kartoffelernte im Rascht-Tal (Foto: © R.Eisener)

Wirtschaftsziele
Gemessen an den mangelhaften Rahmenbedingungen erscheinen die Pläne der Regierung zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes äußerst hochfliegend. Die Planer setzen auf eine regionale und internationale Vermarktung natürlicher Ressourcen (Wasser und Hydroenergie, Gold, Silber, Kohle, Zink, seltene Metalle, Edelsteine) und hochwertiger Landwirtschaftserzeugnisse bzw. deren Weiterverarbeitung (Baumwolle, Textilien, Obst, Gemüse). Durchaus Unterstützung fanden so gerichtete Vorstellungen in der Strategie der Weltbank für die Jahre 2006-2009. Deren wesentliche Eckpunkte liefen hinaus auf: 1) die Möglichkeiten für die Entfaltung unternehmerischer Tätigkeiten auf dem Lande und in der Stadt zu verbessern, 2) die Qualität des Humankapitals zu erhalten und zu verbessern, und 3) das Wasserkraftpotential zu nutzen. Hieran hatte die Weltbank in ihrer Strategie für 2010-2013 nur insofern etwas geändert, als sie überdies entschieden für eine Abkehr vom Baumwollanbau zugunsten eigener Nahrungsmittelproduktion eintrat. Mit ihrer jüngsten Partnerschaftsstrategie (2015-2018) scheint die Weltbank nun angesichts erneut hochgesteckter Regierungsziele – bis 2020 das BIP zu verdoppeln, die Armutsrate um 20% zu reduzieren und die gesellschaftliche Mittelschicht nachhaltig auszuweiten – eine gewisse Wende anzumahnen. Tadschikistan müsse sein konsumgetriebenes Wachstumsmodell fundamental in ein solches verändern, das auf privaten Direktinvestitionen und Exporten basiere. In die gleiche Richtung zielt die ADB mit ihrem jüngsten Country Knowledge Plan für 2016-2018 sowie mit einer ergänzenden diagnostischen Studie, in der als Hauptursachen für den Mangel an Privatinvestitionen und Arbeitsplatzschaffung benannt werden: 1) eingeschränkte Finanzierungsmöglichkeiten und deren hohe Kosten; 2) unzuverlässige Stromversorgung; 3) unzureichende Transportinfrastruktur und Logistik; 4) schlechte Kontrolle über Korruption und schwache Rechtsstaatlichkeit; 5) Marktversagen durch einseitige Exportkonzentration; und schließlich wird auf Defizite im Gesundheits- und Bildungswesen sowie bei der sozialen Sicherung als hinderliche Erscheinung hingewiesen.

Wasserkraftpotential
Karte Wasserkraftwerke
Wasserkraftwerke (ca. 2006; Quelle: Tadschikisches Außenministerium)

Energiewirtschaft
Neben Wiederbelebungsmaßnahmen für einst sowjetische Großprojekte wie dem Staudammbau in Roghun (3600 Megawatt, erfordert Investionen in Milliardenhöhe; dem russischen Großinvestor RusAl wurde September 2007 von der Tadschikischen Regierung der Vertrag gekündigt) und Sangtuda I (700 Megawatt; dieses Projekt konnte Sommer 2009 mithilfe einer 75%-igen russischen Beteiligung abgeschlossen werden; der tadschikischen Eigenanteil ist nicht bezahlt) bewegen sich die Planungen bei ganzen Kaskaden von Staudämmen und Kraftwerken an den Flüssen Tadschikistans. Dem Ausbau des Energiesektors räumt die Tadschikische Regierung hohe Priorität ein. Hierbei geht es weniger darum, die eigene, mangelhafte Energieversorgung sicherzustellen, als vielmehr darum, zu einem Stromexporteur großen Stiles zu werden. Um mit dem Projekt in Roghun weiterzukommen, hatte die Regierung Ende 2009 die Bevölkerung dazu aufgerufen, Anteilsscheine an diesem Projekt zu kaufen. Im Zuge dieser Aktion konnten bis Sommer 2010 über 180 Mio US$ eingenommen werden. Allerdings soll dabei der Anteilskauf – insbesondere bei Staatsbediensteten – teilweise unter Zwang erfolgt sein. Der IWF hatte daraufhin diese Form der Projektfinanzierung unter Hinweis auf negative Folgen für das Wachstum und die Sozialindikatoren kritisiert, und schließlich vermochte die Weltbank nicht nur dieser Aktion ein Ende zu setzten, die ihrer Meinung nach zu einer Erhöhung der Armutsrate um 2% geführt hatte, sondern konnte auch einen vorübergehenden Baustop in Roghun erwirken. Im Gegenzug hatte die Weltbank zunächst versprochen, sich um die Finanzierungsfrage zu kümmern, vorausgesetzt, dass zwei in Auftrag gegebene Gutachten positiv ausfallen: 1) zu den technisch-wirtschaftlichen Aspekten des Staudammprojekts, und 2) zu seinen sozialen und ökologischen Auswirkungen. Die ökologische Einschätzung zielt insbesondere auf Einwände Usbekistans gegen das Projekt, und der soziale Aspekt betrifft u.a. den Anteilsscheinverkauf, aber z.B. auch den bereits angegangenen  Plan der tadschikischen Regierung, über 40.000 Menschen aus dem Überflutungsgebiet der Talsperre in den Süden des Landes umzusiedeln (bereits in sowjetischer Zeit war es mehrfach zu großangelegten Umsiedlungsaktionen aus der Region Garm in den Süden gekommen, was dann eine der blutigen Konfliktlinien im Bürgerkrieg 1992-1997 bildete). 2012 ging die Weltbank hinsichtlich eines möglichen finanziellen Engagements für das Roghun-Projekt öffentlich auf Distanz und betonte wiederholt, dass unabhängig vom Ausgang des Begutachtungsprozesses, dessen Ergebnis keine Entscheidung darüber wäre, ob der Damm gebaut werden würde oder nicht.

Auch nachdem die Sommer 2014 abgeschlossene Begutachtung positiv ausgefallen ist und das Projekt prinzipiell für durchführbar gehalten wird, bleibt die Weltbank insofern bei ihrer Zurückhaltung, als sie seine Umsetzung an die Erfüllung einiger Voraussetzungen knüpft: Finanzierung und Durchführung im Rahmen regionaler und internationaler Kooperation, und was Tadschikistan angeht, so müsse es Transparenz im öffentlichen Sektor und hinsichtlich seiner Finanzen herstellen, für Energieeffizienz im eigenen Land sorgen (inkl. bei der Aluminiumschmelze, die derzeit allein 40% des im Lande erzeugten Stroms verbraucht) und den staatlichen Energiemonopolisten Barki Tojik neu aufstellen (ein 2013 veröffentlichtes Arbeitspapier hält u.a. fest, dass bei Barki Tojik 20% der gesamten Staatsschulden aufgelaufen sind, 2012 die Einnahmen 27% unter den laufenden Betriebskosten lagen und ein Audit wegen undurchsichtiger Buchführung nicht möglich sei). Ungeachtet dieser Fragestellung hat die tadschikische Regierung Sommer 2016 einen Rahmenvertrag mit dem italienischen Baukonzern Salini Impregilo über den Bau des Roghun Staudamms abgeschlossen, wobei die Finanzierung der auf 3,9 Mrd. US$ angesetzten Baukosten noch nicht recht gesichert ist (kürzlich ist es der Tadschikischen Regierung offenbar gelungen, fürs erste eine Staatsanleihe über 500 Mio US$ am Markt zu platzieren; weitere Kosten sollen dadurch bestritten werden, dass 2 erste von ingesamt 6 geplanten Turbinen 2018 in Betrieb gehen sollen). Ungeachtet der noch ziemlich offenen Finanzierungsfrage sind Ende Oktober 2016 die Bauarbeiten offiziell aufgenommen worden.

Landwirtschaft
Aktuellen Angaben zufolge beläuft sich die landwirtschaftliche Nutzfläche Tadschikistans auf etwas über 5% seines Territoriums, weitere 1-2% sind durch Erosion und Versalzung der Nutzung entzogen. Nach vorbehaltlich zu nehmenden, 2012 publizierten Aussagen des Ministeriums für Landwirtschaft sollen 97% des nutzbaren Landes in den letzten 15 Jahren stetig an Qualität eingebüßt haben. Die Nutzfläche sei in diesem Zeitraum um das 6-fache gesunken – dies hieße mit anderen Worten: jährlich hätte Tadschikistan rd. 50.000 ha landwirtschaftliche Flächen verloren. Ackerbauflächen machen ca. 20% des nutzbaren Landes aus und sind zu 85% bewässert bzw. bewässerbar (laut EuropeAid werden 50% der Pumpstationen und 65% der Drainagen als nicht-funktionstüchtig eingeschätzt). Ein großangelegtes Projekt der Weltbank zur Instandsetzung der im Lauf der Jahre verkommenen Bewässerungsanlagen in Südtadschikistan ist 2014 in seine Implementierungsphase eingetreten. Bedenkenswert ist hierbei, dass laut einer Weltbankstudie von 2017 bei 54% der aktuell bewässerten Flächen Pumpen zum Einsatz kommen, deren Energiekosten pro Hektar (2013 waren sie mit 19% der drittgrößte Stromverbraucher im Land) real (also ohne Subventionierung) höher als der landwirtschaftliche pro-Hektar-Ertrag dieser Flächen liegen.

Die Viehwirtschaft ruht hauptsächlich auf Futteranbau und Nutzung lokaler Weideflächen, aber nur zu einem geringen Teil auf den 3,3 Mio ha permanenten Weidelands. Die Produktivität beider Sektoren, Ackerbau und Viehwirtschaft, ist relativ gering, auch im Vergleich zu anderen zentralasiatischen Staaten.

Die schon vor rund 10 Jahren in Gang gesetzte Landreform realisierte sich lange Zeit nur schleppend, zunächst vorrangig auf dem Papier. Offiziell waren 2004 bereits 578 der ehemals 612 Staatsfarmen in 22.285 private, sog. Dehqon-Farmen (von dehqon = Bauer) umgewandelt worden. Auf der anderen Seite aber blieben z.B. 86,3% der in der Landwirtschaft Tätigen als Arbeiter bei Großbetrieben angestellt und jene wiederum operierten noch weitgehend in einem Gefüge alter kommando-administrativer Strukturen. Besonders augenscheinlich ist dies im Baumwollsektor (nimmt 40% der Anbaufläche ein), der real in staatlicher bzw. staatsnaher privater Hand verblieb und lange Zeit im Grunde noch planwirtschaftlich agierte, da die Entscheidungen über Anbau und Ernte weiterhin einer Staatskontrolle unterlagen und zu einem gewissen Anteil noch bis heute unterliegen. Bei den Baumwollbauern häufte sich auf der unteren Ebene durch Unrentabilität des Anbaus ein gewaltiger Schuldenberg an, dessen Ausmaße Oktober 2008 bei 700 Mio US$ lagen und dabei in etwa den Gewinnen entsprachen, die auf der oberen Ebene erzielt worden waren. Im Frühjahr 2007 war mit Unterstützung der Weltbank von der Regierung ein Reformprogramm im Baumwollsektor aufgenommen worden und die ADB hatte sich im Bereich Landwirtschaft für 2008-10 ganz auf eine Lösung des Baumwollschuldenproblems konzentriert. Mai 2009 fiel die Entscheidung, insgesamt 550 Mio US$ Schulden der Baumwollbauern abzuschreiben und 154 Mio US$ von den Investoren im Baumwollsektor an die Nationalbank zurückzahlen zu lassen. Zur gleichen Zeit setzte ein Prozess ein, Landbesitztitel tatsächlich an selbständige Einzelbauern auszugeben und diesen eine Freiheit des Wirtschaftens zuzugestehen – in höheren Lagen des Landes erfolgreicher als im Tiefland.

Einer neueren Studie zur Situation im Agrarsektor zufolge, lassen sich derzeit 4 Typen von Betrieben ausmachen: 1) "Haushaltsland", 2) Individual- und Familienbetriebe (sog. Dehkan-Farmen), 3) kollektive Dehkan-Betriebe (machen 5% des Gesamtbestandes aus, kontrollieren aber mehr als ein Drittel des bewirtschaftbaren Landes), und 4) Staatsbetriebe. Solcherart sind insgesamt 750.000 Betriebe entstanden, von denen allerdings 70% in der Hand von "zufälligen" Bauern sind, weitgehend ohne professionelle Kenntnisse. Als eine Art Gegenmaßnahme auf höherer Ebene mag die Einrichtung eines Internetportals mit landwirtschaftlichen Marktinformationen zu verstehen sein, und beim Einzelbauern ansetzend die Einrichtung landwirtschaftlicher Beratungsdienste im Rahmen der Privatsektorentwicklung. Neuerlich ist – insbesondere im Norden – eine Kürzung der Baumwollanbauflächen zugunsten von Nahrungsmittelanbau zu beobachten (Tadschikistan importiert mehr als die Hälfte seiner Nahrungsmittel). Der in jüngster Zeit erkennbare Trend zur Ausweitung des eigenen Nahrungsmittelanbaus wird z.B. von der EBRD mit einem speziellen Finanzierungsprogramm unterstützt. In ähnliche Richtung zielt ein 2014 von der Weltbank aufgelegtes Kommerzialisierungsprojekt für die Landwirtschaft, mit dem zukünftig an ausgewählten Punkten insbesondere kleine Produzenten gefördert werden sollen. Andere Wege beschreibt die Regierung in einem Reformprogramm 2012-2020, wonach durch eine umfassende Änderung von Rahmenbedingungen die bislang unrentable Landwirtschaft in einen exportorientierten Sektor mit hohem Lohnniveau und nachhaltigen Beschäftigungsmöglichkeiten umgestaltet werden soll.

Finanzkrise(n)

Als die internationale Finanzkrise Ende 2008 hereinbrach, war Tadschikistan schon in zweierlei Hinsicht von Krisen betroffen:
1) Im Winter 2007/08 mussten infolge von extremer Kälte, Energie- und Nahrungsmittelknappheit schließlich internationale Hilfsmaßnahmen ergriffen werden. Die Ernte 2008 fiel um 30-40% geringer aus als die von 2007 und überdies war für 2008 aufgrund globaler Entwicklungen ein scharfer Preisanstieg bei Importwaren (insbesondere auch für Brot und anderen Waren des Grundbedarfs) zu verzeichnen.
2) Anfang 2008 sah sich der IWF genötigt, mehr als 47 Mio US$ (gestundet bis Februar 2009) zurückzufordern, weil die tadschikische Nationalbank falsche Angaben zur Finanzlage des Landes gemacht hatte. Die infolgedessen eingeleitete externe Wirtschaftsprüfung bei der Nationalbank erbrachte neben weiterem Prüfungsbedarf – insbesondere auch bei den großen staatseigenen Betrieben, deren Finanztransaktionen als intransparent gelten – weitere Ungereimtheiten. Jene betrafen nicht zuletzt die Finanzierung des Bauwollsektors, wo seit 1997 Gelder ausländischer Geber im großen Maßstab umgelenkt worden waren und z.B. hunderte von Millionen an den Büchern vorbei als Garantien an die Firma KreditInvest gingen, welche sich im Besitz der Familie des langjährigen Nationalbankchefs befindet. Letzterer wiederum wurde entlassen und bekleidete anschließend das Amt eines der Stellvertretenden Premierminister, betraut mit dem Landwirtschaftssektor...

Die Frage des problematischen Umgangs mit Geldern und Gebern seitens der tadschikischen Führung verblasste dann hinter der internationalen Finanzkrise 2008/09, deren Folgen für Tadschikistan sich milder ausnahmen als zunächst angenommen. Die großen multilateralen Geber sahen die Hauptgefahr von sinkenden Exporterlösen für Aluminium und Baumwolle sowie vom Rückgang der Transfers der Arbeitsmigranten ausgehen. So setzten sie sich für 2009 als Hauptziel, die finanzielle und makroökonomische Stabilität des Landes zu erhalten. In diesem Zuge erhielt der tadschikische Haushalt (zweckgebunden in den Strukturen der Armutsbekämpfung) einige kräftige Finanzspritzen (20 Mio US$ von der Weltbank, 38,7 Mio vom IWF, 40 Mio von der ADB). Gleichzeitig wurde der Wechselkurs des Somoni flexibel gehalten (fiel bis Ende 2009 um fast 50%) und die Regierung griff zu Steuerminderungen und Haushaltskürzungen (nicht im Gesundheits- und Sozialbereich). In einem Kurzresümee von November 2009 gab sich der IWF zwar von einem glimpflichen Ausgang relativ überzeugt (geringes Wachstum für 2009 und Normalisierung für 2010 erwartet), musste aber auch zugeben, dass die Krise vorrangig Haushalte mit Niedrigeinkommen hart getroffen hatte (Preiserhöhungen, vermehrte Arbeitslosigkeit...). Nach ersten Zahlen der ADB sank 2009 das Wirtschaftswachstum von 7,9% auf 3,4%, maßgeblich verursacht durch den Fall der Rücktransfers um ca. ein Drittel sowie Einbußen bei Produktion und Export von Baumwolle (-28%) und Aluminium (-46%). 2010 trat in allen Bereichen eine Erholung ein (was sich in einer Wachstumsrate von wieder über 6% ausdrückte). Bis heute problematisch bleibt der Bankensektor, auf dem eine übergroße Zahl an Problemkrediten lastet. Der Anteil unbedienter Kredite soll bis Ende 2014 auf 28,25% bei den 6 größten Banken gestiegen sein, von denen zwei im Prinzip als insolvent galten und mittlerweile (Februar 2017) von der Nationalbank rekapitalisiert werden mussten; zugleich wurden zwei kleineren Banken die Lizenzen entzogen. Die für ihren Bailout vorgesehenen 66 Mio US$ wurden von der Regierung kurzerhand dem Bauprojekt Roghun-Staudamm zur Verfügung gestellt.

Die Rücktransfers von Arbeitsmigranten kletterten zunächst wieder auf alte Höhen und erreichten regelmäßig an die 50% des BIP. Somit fiel der Ausblick auf die wirtschaftliche Lage und Zukunft Tadschikistans, etwa seitens der Weltbank, 2012 noch verhalten optimistisch aus. Aus ihrer Sicht hing und hängt das zukünftige Wachstum 1) akut von der Höhe der Rücktransfers ab, und 2) von einer Steigerung der wirtschaftlichen Effizienz sowie einer Zunahme von Privatinvestitionen. Allerdings sah sich die Weltbank angesichts von Folgen der Ukrainekrise sowie stark gesunkenen Rohstoffpreisen für Aluminium und Baumwolle Ende 2014 veranlasst, an ihrer Wachstumsprognose erste Abstriche vorzunehmen und Frühjahr 2015 weitere. Mit Herbst 2015 lag ihre Prognose bei nun 4,2% Wachstum verbunden mit weitgehend positiven Aussichten, aber zugleich Risiken wegen der Rezession in Russland und den Wachstumsrückgängen bei weiteren Haupthandelspartnern von Tadschikistan: China, Kazachstan und der Türkei. Die Hauptbetroffenen des begrenzten Wachstums in Tadschikistan seien die privaten Haushalte durch das Sinken der Rücktransfers von Arbeitsmigranten (laut Daten der Weltbank in 2015 um 32,5% gefallen), mangelnde Schaffung von Arbeitsplätzen und steigende Konsumgüterpreise. Die jüngsten Prognosen der ADB gehen für 2016 und 2017 von einem weiterhin geminderten Wachstum von 3,8% aus. Dahingegen hat die Weltbank ihre Zahlen nach oben korrigiert: 6.9% Wachstum für 2016 (verursacht durch erhebliche ausländische Direktinvestitionen) und 5,5% für 2017.

Entwicklungspolitische Landesaktivitäten

Gemessen mit den Kriterien des Human Development Index findet sich Tadschikistan 2016 an 129. Stelle unter 188 Ländern wieder und liegt damit im Feld der "mittel entwickelten Staaten". Umfänglich Auskunft zu Fragen der menschlichen Entwicklung in Tadschikistan gibt der nationale Human Development Report 2003 des UNDP, und mit den World Development Indicators bietet die Weltbank aktuelles Zahlenmaterial an. Das UNDP hat Mai 2005 auch ein MDG Needs Assessment für Tadschikistan vorgelegt und Ende 2010 einen Fortschrittsbericht zur Frage der Erreichung der MDGs. Mehr von ökonomischen Erwägungen geleitet richtete der August 2006 veröffentlichte zweite Entwurf einer nationalen Entwicklungsstrategie bis 2015 einen Blick in die Zukunft des Landes. Die jüngsten, 2010, 2012 und 2013 vorgelegten nationalen Human Development Reports des UNDP sind den Themen Arbeit, der Rolle der Verwaltung im Entwicklungsprozess und Armut im Kontext des Klimawandels gewidmet. Ein weiterer nationaler Bericht von 2014 beschäftigt sich mit Tadschikistans Entwicklungsmöglichkeiten. Das UNDP konzentrierte gemäß seinem Country Program Action Plan 2010-2015 seine Arbeit auf fünf Bereiche: 1) Armutsreduzierung (Erreichung der MDGs), 2) Bekämpfung von AIDS, Malaria und TBC, 3) gute Regierungsführung, 4) Krisenprävention und Wiederaufbau, und 5) Umwelt und nachhaltige Entwicklung.  Nach Angaben der Vereinten Nationen sind allein seit 2003 bis Oktober 2007 insgesamt 1.726.064.202,00 US$ internationale Hilfe an Tadschikistan geflossen, die ADB rechnet für den Zeitraum 1998-2011 mit insgesamt 4 Mrd. US$. Der größte bilaterale Geber sind die USA mit 1,8 Mrd. US$ an Hilfsgeldern seit 1992. Die Aktivitäten der zahlreichen EZ-Akteure im Land besser zu koordinieren, ist u.a. Aufgabe des United Nations Coordination Unit in Tajikistan, seit 2010 in Form eines dort angesiedelten Development Coordination Council.

Graphik Entwicklung
Entwickeltheit für 2006 (erstellt 2007, Quelle: Weltbank)
Grafik Entwicklung
Entwickeltheit für 2012 (erstellt 2014, Quelle: Weltbank)

Armutsbekämpfung

Grafik zur Armutsentwicklung
Entwicklung der Armut (Quelle: UNDP)

Im Juni 2002 hatte die Tadschikische Regierung – nicht zuletzt auf internationalen Druck hin – ein Strategiepapier zur Armutsbekämpfung, kurz: PRSP vorgelegt. Darin wurden im wesentlichen drei Ziele benannt: 1) nachhaltig hohes Wirtschaftswachstum, 2) verbesserte Regierungsführung, und 3) verbesserter Zugang zu Sozialeinrichtungen und deren Ausrichtung auf die Betroffenen. Das April 2007 verabschiedete PRSP-2 für die Jahre 2007-2009 gibt zu erkennen, dass bei der Erreichung der drei genannten Ziele bis dahin nur sehr begrenzte Erfolge zu verbuchen waren. Lediglich das Wirtschaftswachstum war anhaltend, allerdings nach wie vor weitgehend makroökonomisch basiert. Das 2010 veröffentlichte PRSP-3 für 2010-2012 zielte noch immer auf Unterstützung politischer Reformen, nachhaltigen Wirtschaftswachstums und Entwicklung des Humankapitals. Zum Zwecke einer Effizienzsteigerung durch Kooperation bei der Armutsbekämpfung gemäß PRS-3 einigten sich große Geber und Entwicklungsorganisationen Ende 2009 auf eine Joint Country Partnership Strategy für 2010-12. Innerhalb dieses Zeitraums gewährten die 26 Mitglieder dieses Zusammenschlusses insgesamt 1,3 Mrd. US$ finanzielle Unterstützung, wovon 288 Mio US$ in den tadschikischen Staatshaushalt zur Deckung von Sozialausgaben geflossen sind. Während eine kritische Evaluierung des PRS-Prozesses noch aussteht – er scheint tendenziell eher an der Gesellschaft vorbei und geberorientiert verlaufen zu sein – hat die Regierung für 2013-15 eine Strategie zur Verbesserung des Lebensstandards vorgelegt. Darin wird ein umfängliches Bündel von häufig schon aus dem PRS-Prozess bekannten Maßnahmen und Vorhaben benannt, nunmehr verbunden mit dem ausgesprochen ambitioniert wirkenden Ziel, von Armut betroffene Bevölkerungsteile in eine stabile Mittelschicht emporzuheben.

Internationale Entwicklungszusammenarbeit

Grafiken zur ODA 2014-15
Daten zur Öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit 2014-15 (Quelle: OECD- DAC)

Auf die Rahmenbedingungen und die strategische Ausrichtung der Entwicklung Tadschikistans haben die großen multilateralen Geber seit den späten 1990er Jahren maßgeblichen Einfluss gewonnen – dies gilt insbesondere für die Weltbank, den Internationalen Währungsfond, die Asiatische Entwicklungsbank und in geringerem Umfang auch für die Europäische Bank für Wiederaufbau. Die jüngste (2015-2018) Strategie der EBRD ist auf 1) Wirtschaftswachstum durch Unterstützung privaten Unternehmertums, insbesondere KMU, 2) Verbesserung der kommunalen Dienstleistungen durch Kommerzialisierung, und 3) Förderung regionaler Konnektivität und wirtschaftlicher Integration. Als ein weiterer multilateraler Akteur trat in den letzten Jahren langsam auch die Europäische Union mit Projekten vor Ort auf den Plan. In ihrem 2014 beschlossenen Multiannual Indicative Programme für Tadschikistan hat die EU weitere rd. 250 Mio Euro für 2014-2020 eingeplant, die zuvörderst in den Gesundheitssektor, Bildung und ländliche Entwicklung fließen sollen. Die amerikanischen Aktivitäten sind nach Angaben des USAID  (im Gefolge des "11. September") finanziell bedeutend aufgestockt und seit 2006 wieder etwas zurückgefahren worden. An weiteren, gewichtigeren bilateralen Kooperationspartnern sind Japan und Großbritannien zu nennen. Mit am längsten im Lande aktiv ist die Agha Khan Stiftung, deren ausgefeilte Projekte besonderer Hervorhebung wert sind.

Der letzte umfassende Aufruf der UN an die Geber erging 2006 und bezifferte sich auf einen Gesamtbedarf von rd. 51,3 Mio US$. Zum geplanten Vorgehen in 2010-2015 legte das UN Country Team 2009 ein Papier mit einem Finanzbedarf von 281 Mio US$ vor und anschließend für den Zeitraum 2016-2020 einen Bedarf von 363 Mio US$, der hauptsächlich aus folgenden Bereichen erwächst: 1) demokratische Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte; 2) nachhaltige und gerechte Wirtschaftsentwicklung; 3) soziale Entwicklung, Inklusion und Empowerment; 4) Resilienz und ökologische Nachhaltigkeit. Tadschikistan zählt zu den 189 Ländern, die sich im Jahr 2000 den Millennium Development Goals verpflichtet hatten, dann auch am Beratungsprozess über die Entwicklungsagenda nach 2015 teilgenommen haben und sich mithin nun an den Sustainable Development Goals 2030 orientieren.

Deutsche Entwicklungszusammenarbeit

In Tadschikistan sind schon des längeren auch deutsche (Entwicklungs)Organisationen aktiv. So lassen sich der Einsatz der Welthungerhilfe (DWHH, seit 1994 im Land), ein zunehmend umfangreicheres Portefolio der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ; bis 2011 vertreten durch InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung, die GTZ – Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und den DED – Deutscher Entwicklungsdienst), und z.B. das Engagement des Centrum für Internationale Migration und Entwicklung (CIM), der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD), des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (dvv international) oder auch politischer Stiftungen wie der Friedrich Ebert Stiftung (FES), der Konrad Adenauer Stiftung (KAS), der Hans Seidel Stiftung (HSS) und der Friedrich-Naumann-Stiftung verzeichnen.

Die bilaterale deutsche Zusammenarbeit beschränkte sich anfänglich (1992-1997) auf kleinere Projekte in den Bereichen Gesundheitsvorsorge, Beratung des Finanzministeriums, Verbesserung der Trinkwasserversorgung und der Saatgutqualität. Nach einer 5-jährigen Pause wurde 2002 die bilaterale Zusammenarbeit wieder verstärkt aufgenommen (Abschluß eines befristeten Partnerschaftsabkommens; August 2004 erfolgte ein Rahmenabkommen über Technische Zusammenarbeit). Dabei standen zunächst im Zentrum Projekte im Bereich der Wirtschaftsreformen (u.a. die Förderung von KMU). Von 2006 an konzentrierte sich die finanzielle Zusammenarbeit (FZ) auf den Gesundheitssektor und einen weiteren Schwerpunkt bildete die Zusammenarbeit bei der Aus- und Fortbildung von Lehrern. Die größte Fördersumme (20 Mio Euro bei einer Gesamtsumme der FZ 2002-04 von 35,1 Mio) floss in eine Erneuerung der Umspannstation des Wasserkraftwerks Nurek. Das Volumen der 2002-2011 von der Bundesregierung bilateral zur Verfügung gestellten Mittel für Entwicklungsprojekte in Tadschikistan belief sich auf rd. 173 Mio Euro. Im Zuge der Regierungsverhandlungen von Ende 2012 wurden erneut Mittel für die Schwerpunkte "nachhaltige Wirtschaftsentwicklung" (u.a. Föderung von KMUs, Mikrofinanzierung, Berufsbildung) und "Gesundheitswesen" bereitgestellt (28 Mio für FZ, 10 Mio für TZ und rd. 10,5 Mio für den Schutz tadschikischer Wälder), und 2014 in Weiterverfolgung dieser Schwerpunkte zwei Abkommen über weitere 40,68 Mio Euro unterzeichnet. Bei den jüngsten Regierungsverhandlungen von Dezember 2016 wurde an der bislang geübten Ausrichtung der EZ festgehalten, für die 2016-2017 durch das BMZ Mittel in Höhe von 33,5 Mio Euro bereitgestellt wurden.

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im September 2017 aktualisiert.

Über den Autor

Reinhard Eisener
Dr. phil., geb. 1956, Studium der Islamkunde, Iranistik und Geschichte. Seit den 1970er Jahren kontinuierlich Reisen und Forschungsaufenthalte im Nahen und Mittleren Osten, Russland und Zentralasien; zahlreiche Fachpublikationen.

Über Kommentare und Anregungen freue ich mich stets.

Literaturhinweise

Literatur zu Wirtschaft und Entwicklung Tadschikistans

Olcott, Martha Brill: Tajikistan's Difficult Development Path. Washington 2012.

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