Eine sehr üppige und goldene Statue vom Buddha in einem Tempel
Anteil alphabetisierte Erwachsene
92,9% (2018)
Bedeutende Religionen
Buddhismus (95%), Islam (4%), Animismus
Städtische Bevölkerung
49,0 % (2017)
Lebenserwartung w/m
79.3/71.8 (2018)
Gender Inequality Index
77 (von 159) (2019)
Anzahl der Geburten
1.5/Frau (2017)
Kindersterblichkeit (per 1000)
10.5 (2018)

Makrosoziale Struktur

Etwa 50 Frauen kampieren auf dem Boden des Arbeitsministeriums mit Essen, Alltagsgegenständen und Kindern. Wäsche hängt zum Trocknen auf.
Entlassene Arbeiterinnen der deutschen Firma Triumph protestieren für eine angemessene Abfindung (© Oliver Pye)

Die makrosoziale Struktur Thailands hat sich auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung stark gewandelt. Das Bild einer traditionellen Gesellschaft, in der die meisten Menschen auf dem Land und in feudalen Patron-Klienten-Beziehungen leben, trifft nicht mehr zu. So arbeiteten 2016 von knapp 39 Millionen Erwerbstätigen nur knapp 13 Millionen im primären Sektor, während 25 Millionen im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor beschäftigt waren. Zudem sind viele in der Landwirtschaft und im Fischereisektor Tätige keine Kleinbauern oder -fischer sondern auch Lohnabhängige (meist Migrant/innen). Es sind also zwei neue gesellschaftliche Großgruppen – eine Mittelschicht und eine Arbeiterklasse – entstanden. Auch innerhalb der herrschenden Eliten gab es einen grundlegenden Wandel. Waren früher die Militärs und 5-6 Familien, die den Reishandel und das Bankenwesen dominierten, in Wirtschaft und Politik tonangebend, sind durch die Globalisierung neue – sehr reiche und politisch einflussreiche - Unternehmergruppen entstanden (z.B. die Shinawatra-Familie).

Obgleich die wirtschaftliche Entwicklung sehr viel Reichtum erzeugt hat, verdienen Arbeiter/innen nur zwischen 5-10.000 Baht (125-250 Euro) im Monat. Von den UN wird eine “hartnäckige Ungleichheit” konstatiert: das oberste Fünftel der Bevölkerung verfügte 2008 über 55% des Einkommens, das unterste Fünftel über gerade mal 4%. Thailand ist nun offiziell das Land, das die größte Ungleichheit der Welt aufweist. Nach einem Bericht von Credit Suisse kontrolliert das reichste ein Prozent der Bevölkerung 2018 67% des Vermögens, fast zehn Prozent mehr als 2016. 70% der Thais verfügen über nur 5% des Vermögens des ganzen Landes. Ähnliche Ungleichheiten bestehen bei den Geschlechterverhältnissen. Obwohl es relativ viele Frauen in Führungspositionen gibt (bestes Beispiel die gestürzte Premierministerin Yingluck Shinawatra), werden Frauen in Thailand strukturell benachteiligt. Ein recht schlechtes Abschneiden beim Gender Inequality Index (0,377, Rang 77 von 159) kommt z.B. durch einen geringen Anteil an Parlamentsabgeordneten (6% nach dem Militärputsch) und deutlich weniger Frauen mit höherer Schulbildung als Männern zustande. Zu sozialen und geschlechtsspezifischen Ungleichheiten kommen regionale Unterschiede hinzu. So sind es vor allem junge Frauen aus dem ärmeren Norden und Nordosten Thailands, die mit Aussicht auf bessere Verdienstmöglichkeiten in die Prostitutionsindustrie gelockt werden.

Die thailändische Gesellschaft ist durch einen ungleichen rechtlichen Status entlang von ethnischen Zuschreibungen gekennzeichnet. So waren die sogenannten "Hilltribes" jahrelang marginalisiert und von der thailändischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Auch die malaiische Minderheit im Süden des Landes durfte bspw. jahrzehntelang die eigene Sprache nicht in den Schulen unterrichten und erfährt aufgrund der separatistischen Gewalt eine pauschale Repression seitens der Staatsgewalt. Noch schlechter geht es den burmesischen MigrantInnen, die als Geringverdiener für die Profitabilität des Textilsektors und der fischverarbeitenden Industrie sorgen. Investigative Recherchen deckten 2014 Praktiken der "modernen Sklaverei" auf Fischerbooten auf, die auch deutsche Unternehmen mit Shrimps beliefern.

Mikrosoziale Struktur

Ein Haus aus Holz und auf Stelzen mit einer grossen Veranda und Blechdach. Vom Dach hängen Muscheln, an den Wänden sind Poster von Popsängerinnen und Sportler zu sehen.
Ein Stelzenhaus im Isan - doch Einkommen und Alltag sind nicht mehr nur ländlich (© Oliver Pye)

Der gesellschaftliche Wandel macht auch vor der mikrosozialen Struktur nicht halt. Die früher dominante Großfamilie war eine sozial-ökonomische Einheit, deren Grundlage heute zerstört wird. Mit dem Rückgang kleinbäuerlicher Landwirtschaft, der Zunahme der Lohnarbeit, dem Eintritt der Frauen in das Erwerbsleben und der erwerbsbedingten Migration leben immer weniger Menschen aus der jüngeren Generation mit ihren Eltern zusammen. Zwar ist Respekt für und Versorgung der Eltern und der erweiterten Familie kulturell bedingt noch wichtig, doch im Alltag wird die Kleinfamilie immer mehr zur Norm. Gleichzeitig wächst auch die Scheidungsrate, die 2013 bei 36% angelangt ist. Lebensentwürfe werden diverser und mobiler. Ähnlich grundlegend sind die Veränderungen im thailändischen Dorf. Es wird immer noch als traditionelle Einheit verklärt, aber gleichzeitig auch als Ort gesehen, der in Globalisierungsprozesse eingebettet und von "politischen Bauern" bewohnt wird. Auch die starke Hierarchisierung der thailändischen Gesellschaft, meist als kulturelle Eigenart der Thais dargestellt, wird zunehmend in Frage gestellt.

Bildung

Das Bildungssystem in Thailand ist höchst widersprüchlich. Auf der einen Seite ist es gut ausgebaut und modern: flächendeckende Schulen und Schulpflicht bis zur neunten Klasse, fast 800 Universitäten, gar ein Regierungsprogramm, das Tablet PCs für jeden Schüler verspricht. Auf der anderen Seite sind die Erziehungsmethoden veraltet: Frontalunterricht, ein hierarchisches und bürokratisches Bildungsverständnis und eine hohe Anzahl von Prüfungen sind weit verbreitet. Es wird eine Bildungskrise festgestellt, die sich auch in schlechten PISA Werten niederschlägt (Rang 50 von 65). Seit Jahren werden immer wieder Bildungsreformen angekündigt, die aber den strukturell verankerten Konservatismus nicht antasten und deshalb wenig Innovation bewirken. In der Grundschule und Sekundarstufe müssen sowohl Schüler als auch Lehrer Uniformen tragen – auf Gehorsam wird großen Wert gelegt. In der Berufsbildung wird zunehmend versucht, sich an die Anforderungen in der Wirtschaft anzupassen. Thailand hat ein sehr gut ausgebautes Netz an Universitäten. Allerdings müssen die ca. zwei Millionen Studenten zwischen 15.000 und 145.000 Baht (300-3.600 Euro) Studiengebühren bezahlen – für viele Eltern, die normale Löhne verdienen, ist das unerschwinglich. So zementiert das Bildungssystem vorhandene Ungleichheiten. Bildungsreformen der Militärjunta zielen darauf ab, "thailändische Werte" in das Curriculum zu etablieren. Geschichte, die nicht der Nationbuilding dient, wird kaum unterrichtet, wie die faux-pas mit Hitlerbildern gezeigt haben. Die Schule wird auch als Ort von Mobbing und Bullying kritisiert.

Gesundheit und Sozialwesen

Neben der traditionellen Medizin hat Thailand als entwickeltes Land eine entsprechend hohe Gesundheitsversorgung. Allerdings hinkten die sozialen Sicherungssysteme wie Altersvorsorge, Krankenversicherung und soziale Absicherung dem Wirtschaftswachstum hinterher und wurden lange Zeit durch die Familie privat geregelt. Nur bestimmte Gruppen wie Beamte hatten eine staatliche Gesundheitsversicherung. Arbeitslosengeld ist bis heute nicht vorgesehen. Für die Armen, die sich keine private Krankenversicherung leisten konnten, war Krankheit daher ein großes Risiko, das schnell zu Verschuldung führen konnte. Dies änderte sich dann 2001, als die Thai-Rak-Thai-Regierung eine steuerfinanzierte, allgemeine Gesundheitsversorgung einführte, das sogenannte 30-Baht-Programm. Damit sollte jeder für umgerechnet 80 Cent jede notwendige Behandlung erhalten. Parallel zu dieser Grundversorgung entwickelte Thaksin aber auch den kommerziellen Gesundheitssektor. Thailand sollte mit hochmodernen Privatkrankenhäusern ein “medizinischer Hub” für die Region werden. Gesundheitstourismus (Zahnbehandlungen, Altenpflege, plastische Chirurgie) wurde zur boomenden Branche, was z.B. durch das Abwerben von Ärzten aus den öffentlichen Krankenhäusern für die Grundversorgung problematisch wurde. Ein besonderes Gesundheitsproblem ist HIV/AIDS, das in den 80er Jahren sehr schnell zur Massenepidemie wurde. Aber Thailand wurde auch für eine sehr erfolgreiche Aufklärungskampagne bekannt, durch die die Zahl der Neuinfektionen eindämmt werden konnte. Trotzdem sind heute über eine halbe Million Menschen infiziert, für die der Zugang zu anti-retroviralen Medikamenten überlebenswichtig ist. PLHA-Gruppen führten politische Auseinandersetzungen gegen die Patentierung von HIV-Medikamenten und konnten die staatliche Produktion von Generika erfolgreich durchsetzen. Nach dem Sturz Thaksins hat das Militärregime das 30-Baht-Programm in "Universal Coverage" unbenannt - es traut sich aber nicht, die Grundversorgung für alle anzutasten.

Kultur

Eine McDonaldsfigur in gelben Anzug und mit roten Haaren und Clownsbemalung drückt beide Hände zur thailändischen Begrüssung (den Wai) zusammen.
McDonaldisierung des Wai (Wikimedia Commons)

Thailands Kultur ist seit jeher von globalen Einflüssen geprägt – in der Vergangenheit vom indischen Hinduismus und Buddhismus, unter den reformorientierten Königen Mongkut und Chulalongkorn von der westlichen Moderne, heute von der globalisierten Konsumkultur. Gleichermaßen prägte die gesellschaftliche Entwicklung als unabhängiger Nationalstaat die Kulturentwicklung, u.a. durch die Konstruktion einer thailändischen Kultur auf Grundlage von König, Buddhismus und Nation. Daher ist bei den vielen webbasierten Hinweisen auf “typisch thai” etwas Vorsicht geboten, da sie oft eine statische, gender-stereotypische und essentialistische Kulturhaltung mit sich bringen. Trotzdem sollte man die gängigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten kennen, um sich als Farang (die thailändische Bezeichnung für westlichen Ausländer) höflich benehmen zu können. Hierzu gehört u.a., dass man den Wai (Begrüßungsform) richtig lernt, sich eher zurückhaltend und bescheiden verhält, sich vor älteren Menschen respektvoll zeigt oder auf ein anderes körperliches Verständnis (u.a. besondere Bedeutung von Kopf und Füßen) Rücksicht nimmt.

Kunst

Ein Tempel mit reich verzierten Wänden und Dämonen, Elephanten und Drachen ist ganz in strahlend silber-weißer Farbe
Der "weiße Tempel” Wat Rong Khun in Chiang Rai (© Oliver Pye)

Die Künste Thailands sind durch dynamische Verhältnisse zwischen traditionellen und modernen Formen geprägt. Von offizieller Seite werden jedes Jahr "nationale Künstler" vom Bildungsministerium kuriert. Der erste Preisträger war König Bhumibol.

Architektur

Neben den traditionellen Haus- und Tempelanlagen kann man heute in der Architektur futuristische Bauten bewundern. Auch wenn die moderne Architektur meist nicht von den traditionellen Bauweisen beeinflusst wird, entdecken ökologischere Ansätze Formen und Prinzipien der alten Baukultur heute wieder.

Literatur

In der Literatur entwickelte sich explizit gegen die alten Klassiker wie zum Beispiel Phra Aphai Mani  im 20 Jahrhundert eine moderne thailändische Literatur, die den Wandel der Gesellschaft thematisierte und zum Teil sozialkritisch ausgerichtet war (die “Literatur für das Leben”). Bekannte Romane sind u.a. Geister (1953) von Seni Saowaphong, Das Urteil (1982) von Chart Korbjitti, Schlangen (1984) von Wimon Sainimnuan und Weißer Schatten (1986) von Saneh Sangsuk. Zeitgenössische Autoren in einer lebendigen Literaturszene fokussieren mehr auf die Widersprüche des urbanen Lebens im modernen Thailand.

Kunst

Neben dem berühmten Kunsthandwerk ist auch die zeitgenössische Kunst in Thailand sehr produktiv und interessant. Bekannte Künstler sind u.a. Charlemchai Kositpipat, der mit seinem neo-buddhistischen Stil (und seinem “weißen Tempel” Wat Rong Khun, siehe Bild) erfolgreich geworden ist, die Maler Vasan Sittiket, Therdkiat Wangwatcharakul und Jirapat Tatsanasomboon, der für seine Kunstinstallationen bekannte Rirkrit Tiravanija oder die Bildhauerin Rattana Salee. Junge Künstler machen immer wieder von sich reden, und Bangkok hat viele Museen und Kunstausstellungen zu bieten. Staatlich geförderte Kulturzentren, die oft monarchistisch ideologisiert sind, sind z.B. das Bangkok Art and Culture Centre, BACC, und das Thailand Creative & Design Centre, TCDC. Die Hauptstadt hat aber auch eine vibrierende Kunstszene, die sich in Bars, Galerien oder in der alternativen und politischen Kunstszene trifft. Vieles kommt in der Bangkok Art Biennale zusammen. In den letzten Jahren wird auch die bildende Kunst politischer, z.B. im Gedenken an das Massaker vom 6. Oktober 1976, oder in Ausstellungen, die sich kritisch mit den Entwicklungen der letzten Jahre auseinandersetzen.

Musik

Neben traditionelleren Formen populärer Musik entwickeln thailändische MusikerInnen immer wieder neue Musikformen, die oft in Interaktion mit ausländischen Musikströmungen entstehen. Die verschiedenen Richtungen der thailändischen Musik sind eng mit sozialer Herkunft und Fragen der Identität und der politischen Ausrichtung verknüpft. Thailand hat eine sehr aktive Musikszene, die ständig neue Bands hervorruft. Bei der Oberschicht sind Traditionen des früheren höfischen Musikdarbietungen wichtig, sowie die eher mittelmäßigen Kompositionen des verstorbenen Königs Bhumibol. Die Arbeiterklasse und die Bauern hören hingegen gerne Lukthung und Molam. Letzere ist eine traditionelle Musikrichtung aus dem Nordosten, bei der die Khen - eine Bambusmundharmonika - eine wichtige Rolle spielt. Molam wird gerne live in den Dörfern und bei Feiern im Isan gespielt, schafft es aber auch, sich immer wieder neu zu erfinden. Lukthung thematisiert gerne die Erfahrungen der MigrantInnen aus dem Isan, wie soziale Ungerechtigkeit oder Heimweh in der Ferne. Es ist die Musikrichtung, die am engsten mit der Rothemdbewegung assoziert wird. Sehr bekannt sind auch die Lieder fürs Leben (Plaeng Phuea Chiwit), eine Musikrichtung, die in den 70er Jahre als eine Art Thairock der Protestkultur entstanden ist. Bekannte Musiker wie Ed Carabao oder Caravan verbinden Rockmusik mit thailändischen Klängen und sozialkritischem Inhalt. Die politische Polarisierung zwischen Rot- und Gelbhemden hat auch die Musik erfasst. Thailändische Rap Musik hat zum Teil auch eine politische Ausrichtung. Allen voran die „Rap Against Dictatorship“, die mit ihrem 2018 veröffentlichten Song „Prathet Ku Mi“ (Mein Land) einen Internethit landete. Das Musikvideo, das das Militärregime frontal kritisiert und eine Verbindung zum Massaker an der Thammasatuniversität 1976 herstellt, wurde in der ersten Woche nach Veröffentlichung über 17 Millionen Mal angeklickt. Nach knapp einem Jahr haben es 72 Millionen Menschen auf Youtube angeschaut. Die Politisierung der jüngeren Musikszene geht jetzt weiter mit der Gruppe "Metal against Dictatorship". Berühmtheit erlangte auch die Band Faiyen ("kaltes Feuer"), die wegen monarchiekritischen Lieder wie "112 Royal Pizza" ins Exil mussten. Nach einigen Morden an ExilaktivistInnen in Laos fürchteten sie sich um ihr Leben. Glücklicherweise erhielten sie 2019 Asyl in Frankreich. Die Band agiert weiterhin aus dem Ausland, um mit ihrer Musik für die Demokratie zu streiten.

Film

Man sieht einen thailändischen Mann und neben ihm eine Frau, die durchsichtig erscheint
Der Geist von Uncle Boonmees Ehefrau kommt zum Abendessen (© Apichatpong Weerasethakul)

In der darstellenden Kunst hat Thailand neben den traditionellen Tänzen und dem im Süden populären Schattentheater eine boomende Filmindustrie. Die thailändische Filmindustrie erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Nach der Asienkrise sind viele in Thailand produzierte Filme zu Kassenschlager geworden. Ein populäres Genre sind Historienfilme wie der von Königin Sirikit finanzierte Suriyothai oder König Naresuan, die Siam und seinen Kampf gegen Burma verherrlichen. Besonders die Kampfkunstfilme Ong Bak 1-3, Tom Yam Gung 1-2 oder Born to Fight sind über Thailand hinaus erfolgreich gewesen. Diese stellen ein romantisches Bild eines ursprünglichen, ländlichen Thailands dar, das sich vermittelt über bescheidene Muai Thai Kämpfer, die sich erfolgreich gegen ausländische, korrumpierende Einflüsse wehren. Die stark stereotypischen Genderrollen, die in den Muai-Thai-Filmen transportiert werden, werden durch Filme wie Beautiful Boxer, der die emotionale Reise eines Transgender Boxers nachzeichnet, aber auch in Frage gestellt. Ebenfalls erfolgreich sind Filme des Independent Cinema, allen voran Werke von Apichatpong Weerasethakul, Pen-Ek Ratanaruang, Aditya Assarat und Thunska Pansittivorakul. Filme wie Tropical Malady, Wonderful Town, Happy Berry oder Ploy haben viele internationale Preise erhalten, obwohl kritische Filme im eigenen Land zunehmend zensiert werden. Im Film „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben", der es auf die BBC Liste der besten Filme des 21. Jahrhunderts geschafft hat, nutzt die Normalität von Geistern im Alltagsverständnis vieler Thais, um über den Tod allgemein, aber auch das Verschwinden vieler jungen Aktivisten durch das Militär in den 70er Jahren zu reflektieren. Pen-Ek Ratanaruangs neuer Film Paradoxocracy und Ing K and Manit Sriwanichpooms Shakespeare Must Die setzten sich explizit mit den jüngsten politischen Ereignissen des Landes auseinander. Geisterfilme wie Nang Nak sind im thailändischen Mainstream Kino nach wie vor erfolgreich.

Religion

Eine goldene Buddhastatue in klassischer Lotusstellung
Eine Statue des Buddha (© Oliver Pye)

Die Ausübung von Religion ist in Thailand grundsätzlich ziemlich frei. Der Buddhismus ist die dominante Religion Thailands. Islam spielt vor allem im Süden eine Rolle. Ca. 90% der Bevölkerung sind offiziell Buddhisten und es gibt ca. 200.000 Mönche. Buddhistische Tempel (Wat) sind in fast jedem Dorf zu finden. Seit dem Königreich Sukhothai (13.-15. Jahrhundert) ist der Theravada-Buddhismus Staatsreligion. Der Sangha (Gemeinschaft der Mönche) untersteht dem König, der den „Supreme Patriarch“ (Sangharaja) ernennt. Der langjährige Patriarch Somdet Phra Yanasangwon ist 2013 mit 100 Jahren gestorben, sein Nachfolger ist nun Phra Somdej Maha Muneewong geworden.
Der Sangha besteht aus zwei Hauptorden, dem Mahanikaya-Orden und dem Thammayut-Orden. Buddhismus diente traditionell den absolutistischen Herrschern und der Aristokratie Thailands, indem ihre höhere soziale Stellung als Ergebnis von Karma erklärt wurde. Hierfür wurden Brahmanische Vorstellungen integriert, die den König als Teil der göttlichen kosmischen Ordnung darstellten. Die Zentralisierung eines territorialen Siams durch die reformorientierten Könige Mongkut (Rama IV.) und Chulalongkorn (Rama V.) war begleitet von entsprechenden Zentralisierungsversuchen der Religion. Mongkut gründete den reformierten Thammayut Orden im 19. Jahrhundert, um den metaphysischen und animistischen Einflüssen des Volksbuddhismus im Mahanikay Orden entgegen zu wirken. Durch die Kontrolle über den Sangha versuchte man seitdem, eine herrschaftsstabilisierende und royalistische Interpretation des Buddhismus durchzusetzen. Der Sangha war zwar zentralisiert, aber nie einheitlich. Reformorientierte Mönche (z.B. Phra Phimontham, Sulak Sivaraksa) lehnten die autoritäre Struktur immer wieder ab und argumentierten, Buddhismus entspreche eher einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Neuere Reformbewegungen sind u.a. die Waldmönche wie zum Beispiel Buddhadasa Bhikkhu oder auch Prajak Khuttajitto, der gegen Abholzung und Zwangsumsiedlungen mobilisierte, sowie die Santi-Asoke-Sekte, die eine asketischere Praxis propagiert. Im Alltag wird von den meisten Thais eine synkretistische Form des Buddhismus praktiziert, wobei Aberglaube, Glaube an Magie, Geister und Astrologie in Alltagsritualen eingebaut werden. Hierzu gehören z.B. die Praxis der Geisterhäuser und auch eine unmittelbarere Vorstellung von Karma, die sich im „tham bun“ („gutes tun“) niederschlägt. Durch Spenden an den Wat oder andere gute Taten erhofft man, Glück im jetzigen Leben zu bekommen.

Militärs gegen Mönche

Eine Reihe Mönche in ihren Saffranroben stehen einer Reihe Soldaten in Tarnuniformen im Morgengrauen gegenüber
Mönche der Dhammakaya Bewegung versuchen Soldaten den Zugang zu ihrem Tempel zu versperren (©Winyat Chatmontree)

Im Februar 2017 kam es zu einer wochenlangen Belagerung des Wat Dhammakaya Tempels durch Polizei und Militärs. Vordergründig ging es um die Festnahme des wegen Korruption gesuchten Oberhaupts des Tempels, Phra Dhammajayo, der sich auf dem Gelände versteckt haben sollte. Im Hintergrund schwelt aber eine längere Auseinandersetzung um eine Zentralisierung und Säuberung der buddhistischen Sangha. Die Dhammakaya-Bewegung ist eine der einflussreichsten buddhistischen Sekten in Thailand, die in ihrem Hauptquartier Massenveranstaltungen mit Hunderttausenden von Teilnehmern abhält. Sie ist außerordentlich gut vernetzt und ihr werden Verbindungen zum abgesetzten Premierminister Thaksin Shinawatra nachgesagt. Nach dem Tod des letzten Patriarchs der Sangha, Phra Somdet Yanasangwon, wurde zunächst Phra Somdej Maha Ratcha Mungkalajarn vom Sangharat als dienstältester Mönch für die Position vorgeschlagen. Doch weil dieser enge Verbindungen zu Dhammakaya hatte, hat die Militärjunta seine Ernennung blockiert. Das Sanghagesetz wurde vor kurzem dahingehend verändert, dass der König, und nicht der Sangharat den Patriarchen ernennt. Nun hat König Vajiralongkorn einen ihm genehmen Abt, Phra Somdej Maha Muneewong, zum Sangha Raja ernannt. Kritiker sehen die Verfolgung von Phra Dhammajayo als Versuch, den Einfluss der Dhammakayabewegung zu brechen und die Sangha nach den ideologischen Erfordernissen des Militärregimes und der Monarchie neu auszurichten. Die vom Militär eingesetzte "Nationale gesetzgebende Versammlung" hat 2018 ein neues "Mönchgesetz" einstimmig verabschiedet, das dem König die Macht zurückgibt, Mönche der Sanghaversammlung zu ernennen oder zu entlassen. Dies ist eine Rückkehr zu der Zeit der absolutistischen Herrschaft, bevor die Sangha demokratisiert wurde. 

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2020 aktualisiert.

Der Autor

Bild des Autors

Dr. Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Südostasienwissenschaft an der Universität Bonn. Er forscht seit 1995 zu Thailand und promovierte 2003 über thailändische Forstpolitik. Seine Schwerpunkte sind gesellschaftliche Naturverhältnisse, Globalisierung, soziale Bewegungen und die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Rot- und Gelbhemden.

Lesetipps

Barang, Marcel (2009): The twenty best novels of Thailand. An anthology. Ebook: Modern Thai Classics.

Jackson, Peter (1989): Buddhism, Legitimation, and Conflict. The Political Functions of Urban Thai Buddhism. Singapore: ISEAS.

Kislenko, Arne (2004): Culture and Customs of Thailand. Westport &London: Greenwood Press.

Phillips, Herbert P. (1987): Modern Thai Literature. Honolulu: University Hawaii Press.

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ gestaltet Lernangebote für die internationale Zusammenarbeit. Wir führen mehr als 2000 Fort- und Weiterbildungen durch und entwickeln innovative, wirksame und nachhaltige Lernkonzepte. Und das weltweit.

> Angebote aus dem Weiterbildungskatalog

Bei allen Fragen rund um das Fort- und Weiterbildungsprogramm der Akademie helfen wir Ihnen gerne weiter.

> Wir freuen uns über Ihre Anfragen!

Kontakt

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Kommentare zu diesem Länderbeitrag oder zum LIPortal insgesamt. Richten Sie Ihre Anfrage an:

Thorsten Hölzer
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

+49 (0)228 4460 2036

Zum Kontaktformular

Download