Istanbul Modern, Foto: André, CC BY 2.0  via Wikimedia Commons
Alphabetisierte Erwachsene
95,7% (2015)
Bedeutende Religionen
Islam: 98% Muslime (80% Sunniten, 20% Aleviten)
Städtische Bevölkerung
74,3%
Lebenserwartung (w/m)
80 / 75 Jahre (2017)
Gender Inequality Index
Rang 69 von 160 (2017)
Anzahl der Geburten
2,05 / Frau (2016)
Kindersterblichkeit
12,7 / 1000 Lebendgeburten (2016)

Gesellschaft

Ethnische Gruppen und Minderheiten

Symbol der Yeziden, Foto, Malak Taus, public domain
Der Pfau als Symbol der Yeziden, Foto, Malak Taus, public domain
Das Siedlungsgebiet der Lasen,  copyright free use
Das Siedlungsgebiet der Lasen, copyright free use

Zu den Hauptbevölkerungsgruppen in der Türkei zählen Türken, Kurden und Araber. Minderheiten sind Armenier, Griechen, Juden, Bosnier, Zaza, Lasen, Tscherkessen, Turkmenen,  Jesiden, Roma und zahlreiche weitere Ethnien, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung  gering ist. Türkisch ist Nationalsprache, als ehemaliger Vielvölkerstaat existieren insgesamt 36 weitere Sprachen, die innerhalb der unterschiedlichen Volksgruppen gesprochen werden.

Während im Osmanischen Reich die nichtmuslimischen Minderheiten und ethnischen Gruppen in Millets (Religionsgruppen) meist konfliktfrei nebeneinander lebten (eigene Gerichtsbarkeit, Kopfsteuer-Pflichtabgaben an den Sultan, kulturelle Freiheit) begann durch Homogenisierungstendenzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Prozess der Türkisierung. In dessen Folge verschmolz  das Volk der Türken mit dem sunnitischen Islam.

Die größte ethnische Minderheit ist die Gruppe der Kurden. Ihre Heimatregion ist der Südosten, bislang ein Armenhaus, das an der Prosperität des Westens noch nicht teilhaben konnte. Die Kurdenfrage, d.h. die Anerkennung ihrer kulturellen Rechte, spaltet die Nation eit Jahrzehnten. Ein Ende der Konflikte ist noch nicht in Sicht, doch die Zeichen standen im Sommer 2015  nicht schlecht,  Frieden und Gleichberechtigung auf die politische Tagesordnung zu setzen. Der positive Trend ist momentan abgekühlt, die Waffen sprechen wieder auf beiden Seiten. Im Zuge der aufgeflammten Auseinandersetzungen wurden 2015/2016 500 000 Menschen aus der Region Diyarbakir vertrieben. Auch auf einer politischen Ebene hat der Konflikt seine Fortsetzung erfahren, viele der kurdischen Abgeordneten, die der HDP angehören sind verhaftet bzw. mussten ihre Immunität aufgeben.

Seit 2015 ist die Bevölkerung der Türkei um 4 Millionen Menschen gewachsen. Neben  3,6 Mio. Syrern und Syrerinnen, die ihr Land im Zuge des Bürgerkriegs verlassen haben, zählt die Türkei nun auch 170 00 afghanische und 142 000 irakische Migrantinnen und Migranten zu ihren Bewohnern.

 

 

Kurdisches Neujahrsfest, Foto: Bertil Videt, CC BY 2.5
Kurdisches Neujahrsfest, Foto: Bertil Videt, CC BY 2.5
Kurdische Familie, Foto:  <br>&copy; Regine Reim
Kurdische Familie, Foto:
© Regine Reim

Unterschiedliche Lebenswelten

Der neue türkische Mittelstand

Seit dem Erstarken der AKP hat sich der bislang säkular orientierte Mittelstand um eine Dimension erweitert. Dr. Heinz Kramer sieht hier vier Kategorien entlang der Linien „religiös – laizistisch“ und „modern – traditionell“.

Zum laizistischen Lager gehören in erster Linie Angehörige des Staatsapparats, d.h. Beamte, Militärs, Lehrer, Hochschul- und Medienvertreter, die geprägt sind von einem staatszentrierten Denken und aus dieser Perspektive urteilen. Dann gibt es einen modernen Mittelstand der großstädtischen Ballungsräume. Deren Vertreter sind meist Angehörige der jüngeren Generation, sie sind als Angestellte oder Selbständige in modernen Industrie-Unternehmen, im Dienstleistungssektor, in der Kommunikationswirtschaft, in der Medienbranche oder im Bildungsbereich tätig. Ihr Lebensstil ist modern, westlich, konsumorientiert. Staatsideologie und Religion haben keine besondere Bedeutung. Sie sind im eigentlichen Sinne säkularisiert und haben weder an Religion noch an Politik Interesse. Im weitesten Sinne befürworten sie die liberal-demokratische Europäisierung, mit der die AKP in den Wahlkampf gezogen ist.

Der moderne Mittelstand des konservativ-religiösen Lagers führt ein von religiösen Werten bestimmtes Leben, in dem Glaube eine wichtige Rolle spielt. Religion ist allerdings privat und soll nicht durch staatliches Handeln im Sinne einer gesellschaftspolitischen Vorgabe vorgeschrieben werden.

Die Anhänger der traditionellen Linie dieser Richtung haben ihre Wurzeln oft in der Milli Görus-Bewegung, der Hauptorganisation des klassischen politischen Islam. Wir finden sie als Fraktion der AKP; sie bilden den Kern eines religiös-traditionellen Mittelstands anatolischer Prägung, dessen Angehörige die Leitlinien der islamischen Religion durchaus als gesellschaftsweit verbindliche Verhaltensrichtlinien verstehen.

Daneben gibt es die Unterscheidung in dörflich und städtisch. Oft werden die Attribute „ungebildet“, „arm“ für Bewohner der ländlichen Regionen verwendet. "Städtisch" ist als Begriff ebenfalls zu hinterfragen, denn ein Großteil der Stadtbewohner lebt in Vorort- und Randbezirken, die von der bourgeoisen städtischen Bevölkerung ebenso weit entfernt sind wie ein anatolisches Dorf.

Als Fazit ist zu sagen, dass die jeweiligen Schichten von einer ausgeprägten Segregation geprägt sind. Eine räumliche Überschneidung z.B. von säkular und religiös ist eine Erscheinung der neueren Zeit. Das Pendant dazu ist West - Ost und wird identisch attribuiert.

Mit Spannung erwartet wird die die Generation Z, die nur die Präsidentschaft Erdogans kennt, künftige Wahlen beeinflusst. Forscher schreiben ihr eine bedeutende Rolle zu.

Zivilgesellschaft

Schon immer haben sich türkische Interessenvertretungen auch sozialen und  gesellschaftlichen Problemen und Projekten gewidmet, dies jedoch meist auf konkrete Vorhaben oder Bedürfnisse bezogen.  In diesen Bereich fällt auch das ausgeprägte Stiftungswesen in der Türkei, das religiös oder sozial motiviert die Teilhabe von weniger Begünstigten an Bildung, Kultur, Versorgung ermöglicht.

Zivilgesellschaftliches Engagement im Sinne der politischen Einflussnahme  auf Staat, Gesellschaft und Wirtschaft ist in der Türkei eine neuere Erscheinung und seit den 90er Jahren spürbar.

Besonders bekannt und einflussreich sind die Verbände, die sich dem Thema „Geschlechter-Gerechtigkeit“ gewidmet haben. Die Organisation KA-DER beschäftigt sich mit "Frauen- und Kinderrechten". Eine ihrer medienwirksamen Kampagnen zielte darauf ab, die Anzahl der weiblichen Parlamentsmitglieder zu erhöhen. Videospots und Plakate zeigten die Aktivistinnen, wie sie mit einen angeklebten Schnurrbart  kreativ darauf hinwiesen, ob man wohl ein Mann sein müsse, um ins Parlament zu kommen. Bei der Neufassung des Familienrechts waren sie ebenfalls beteiligt und erreichten, dass Paragraphen wie „Das gesetzliche Oberhaupt der Familie ist der Mann“ gestrichen wurden. Derzeit steht ebenfalls auf der Agenda der AktivistInnen eine Kampagne, die die Öffentlichkeit aufrütteln will, gegen das in naher Zukunft das Parlament passierende Abtreibungsgesetz zu protestieren. Die Aktion steht unter dem Motto "Mein Körper - meine Entscheidung".

Mor Cati ist eine Vereinigung, die sich um den Schutz von Frauen vor Gewalt kümmert. Auf ihre Initiative hin kam es zur Gründung von Frauenhäusern, in denen misshandelte Frauen Schutz und Unterstützung erhalten. Mit öffentlichen Auftritten und Slogans wie „Erkek vuruyor  - Männer schlagen“  machen sie auf das Thema Gewalt in der Familie aufmerksam.

Seit mehreren Jahren sind die Gay-Pride-Paraden verboten. Lamda Istanbul setzt sich als NGO für die Rechte von LGBTI-Menschen ein.

Schildkröte Caretta caretta, Foto: US Federal Government, public domain
Schildkröte Caretta caretta, Foto: US Federal Government, public domain

Auch das Thema Umweltschutz findet langsam Eingang in bürgerschaftliches Engagement. Caretta Caretta, die Schildkröte heimisch an der lykischen Küste, sollte Ende der 80er dem Tourismus weichen, bis sich engagierte Bürger für sie erfolgreich einsetzen.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung ist mit dem Plan der türkischen Regierung, in Akkuya einen Atomreaktor zu bauen, etwas aufgeflammt, aber auch die Proteste gegen die Staudamm-Projekte verhallen abseits einer intellektuellen Großstadtschicht und den  Betroffenen vor Ort ebenfalls ungehört.

in diesem Bereich stehen ideologische Grenzziehungen gemeinsamem Handeln im Weg. Häufig sind die Akteure in politischen Lagern verortet und bekämpfen sich anstelle sich gemeinsam aufzustellen: Religiöse -  säkulare Frauenverbände, staatstreue -  sozialistische  Gewerkschaften, säkulare Unternehmerverbände TÜSIAD – religiöser MÜSIAD.

Eine Ausnahme und damit einen Neubeginn bürgerschaftlichen Engagements bildeten die Proteste unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen um die Vorkommnisse im istanbuler Gezi-Park. Begonnen im Frühling 2013 als Widerstand gegen die Abholzung von Bäumen des Parks zugunsten eines Bauprojekts weiteten sich die Aktionen auf andere Städte aus. Über soziale Medien verbreiteten sich die Bilder von Polizeigewalt, als Polizisten mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Demonstranten vorgingen. Diese führten dazu, dass Menschen unterschiedlicher ideologischer Richtungen und ohne Mitgliedschaft in Parteien sich verbündeten und gegen die selbstherrliche und autokratische Ausrichtung der AKP öffentlich protestierten. Dabei nahm der Widerstand durchwegs auch kreative Formen an. Der Staat hat dem Philanthropen und Mäzen Osman Kavala  vorgeworfen, diese Proteste finanziell unterstützt zu haben und ihn wegen umstürzlerischer Aktivitäten vor Gericht gebracht. Seine Stiftung Anadolu Kültür unterstützt zivilgesellschaftliche Organisationen und Akteure in den Bereichen Kultur und Kunst.

Sozialpolitik

Die Politik bemüht sich seit 1999 um den Aufbau eines Sozialversicherungssystems.  Eine Reform des Sozialversicherungswesens trat 2006 in Kraft. Das System ist jedoch noch nicht ausreichend leistungsfähig. Die Familien bilden weiterhin das soziale Netz, wenn die staatlichen Mittel nicht genügen. Dies ist umso bitterer für die zehn ärmsten Provinzen Ostanatoliens, in denen gerade mal ein Prozent des BIP erwirtschaftet wird. Staatliche Fürsorge wie Kindergeld, Sozialhilfe oder Pflegeversicherung kann bislang nicht in Anspruch genommen werden.  

Die Arbeitslosenversicherung wurde im Juni 2000 eingeführt. Ihre Ausschüttungskapazität ist noch unzureichend, weil die Zahl der Beiträge leistenden Arbeitnehmer zu gering ist, um die vielen Arbeitslosen/Unterbeschäftigten ausreichend zu unterstützen. Außerdem konnte noch kein Kapital aufgebaut werden. Prinzipiell haben Arbeitslose Anspruch auf Lohnersatz, Kranken- und Mutterschaftsbeiträge, Arbeitsvermittlung und Aus- bzw. Weiterbildung. Die Pflichtbeiträge liegen für Arbeitnehmer und Staat bei 2%, Arbeitgeber bezahlen 3%. Die Höhe des Arbeitslosengeldes beträgt 50% des Nettoeinkommens und wird maximal 300 Tage bezahlt. 2014 betrug die Arbeitslosenquote 10,1%.

Das türkische Arbeitsrecht weist Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Vergleich mit dem deutschen Arbeitsrecht auf. 

Rentenhöhe und Renteneintrittsalter werden derzeit neu definiert (Gesetz zur Reform der sozialen Sicherheit 1999, Gesetz zur sozialen Sicherung 2008). Bislang konnten Frauen nach 20 Jahren in Rente gehen und Männer nach 25 Jahren beruflicher Tätigkeit – unabhängig vom Alter des jeweiligen Antragstellers. Die Neuordnung mit langen Übergangsbestimmungen für bereits Versicherte sieht vor, dass Neu-Versicherte künftig erst mit Vollendung des 65. Jahres ihr Rentenalter erreicht haben. 

Migration

Binnenmigration

Izmir, Foto: Yilmaz Ugurlu, CC BY-SA 2.0
Izmir, Foto: Yilmaz Ugurlu, CC BY-SA 2.0
Der Burgberg in Ankara - Wohnung für die Armen
Der Burgberg in Ankara - Wohnen für die Armen
© Martina Simon

Die Türkei wurde lange von außen als Auswanderungsland (Bevölkerungsaustausch und Arbeitsmigration nach Deutschland) wahrgenommen.

Dabei hat das Thema Migration auch eine starke landesinterne Komponente. Tatsächlich beschäftigt eine intensive Binnenmigration die Türkei auf politischer, gesellschaftlicher und individueller Ebene. Migrationsbewegungen innerhalb der Türkei beschreiben zum einen Wanderungen aus südost-anatolischen Dörfern in die Städte des Südostens z.B. nach Van, Diyabakir oder Hakkari, deren Bevölkerung zwischen 1990 und 2000 um jährlich um 3,2% gestiegen ist. Ursache dafür waren gewaltsame Auseinandersetzungen um den Kurdenkonflikt, der bis in die kleinsten Dörfer griff. Militärische Angriffe auch gegen die Zivilbevölkerung, Terror und Druck gingen einher mit wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und Armut. Menschen verließen ihre Siedlungsgebiete oder wurden von staatlicher Seite zum Verlassen aufgefordert. Segensreich erschienen die Ballungsräume der Provinzen. Die Hoffnungen bewahrheiteten sich meist nicht. Arbeit, Sicherheit konnten die überforderten Städte nicht für alle bieten.

Gurbetciler (Migranten <br>&copy; Nedim Günsür, Staatl. Skulpuren- und Gemäldemuseum, Ankara, Foto: Martina Simon
Gurbetciler (Migranten
© Nedim Günsür, Staatl. Skulpuren- und Gemäldemuseum, Ankara, Foto: Martina Simon

„Der Boden Istanbuls ist golden – Istanbul’un topragi altin“ heißt es. So wuchsen die Metropolen Istanbul zwischen 1990 und 2000 um 3,3% jährlich bzw. Antalya um 4,2%. Häufig haben schon einige Bewohner der ehemaligen Dörfer und Familienangehörige den Weg angetreten und unterstützen die Neuankömmlinge aus der eigenen Heimat. Diese landsmannschaftlichen Bindungen (Hemserlik) sind das soziale Netz für die Migranten, die häufig nur auf dem informellen Arbeitsmarkt unterkommen, ohne sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse oder als Tagelöhner unterwegs. Die Zuwanderer finden Platz in Vorort-Siedlungen, sog. „Gecekondus – über Nacht gebauten Häuser“, oft ohne jegliche Infrastruktur und einfachst zusammengezimmerte Häuser. Im Zuge von Wahlen werden diese Gebiete dann erschlossen und legalisiert. Die Zuwanderer bleiben unter sich und gehen keine Verbindung mit der städtischen Mehrheitsbevölkerung ein. Ein Aufstieg ist in der ersten Generation unmöglich, die 2. Generation schafft es ebenfalls selten, denn Bildung und familiäre Finanzkraft sind unauflöslich miteinander verbunden. So bleibt nur der Rückzug in die eigenen Community und die Bewahrung der meist konservativen Wertewelt der anatolischen Dörfer.

Arbeitsmigration nach Deutschland

Anwerbeabkommen, Bild: PEadTidBRD-Helferlein, CC BY-SA 3.0
Anwerbeabkommen, Bild: PEadTidBRD-Helferlein, CC BY-SA 3.0

Dass Menschen in Deutschland ein "richtiges" Bild von der Türkei zu haben glauben, hängt mit dem Thema "Arbeitsmigration" zusammen. Die mehr als 2,5 Mio Menschen türkischer Herkunft in Deutschland bestimmen das Bild von einem Land, das weitaus vielschichtiger ist.

Im Verlauf der vergangenen 50 Jahre sind zahlreiche Türken nach Deutschland gekommen, um ihren Aufenthalt vorübergehend oder dauerhaft aus beruflichen, politischen oder familiären Gründen hier zu gestalten. Dies führte zu einem weiteren Meilenstein der engen und manchmal auch komplizierten Beziehungen beider Länder und ihrer Menschen. Nach einem durchwegs freundlichen und europäisch geprägten Bild von den Türken und der Türkei noch in den 50er und 60er Jahren   - auch in den Medien  - wandelte sich das Bild. Brandanschläge in Solingen und Mölln gegen hier lebende Türken schockierten die Bevölkerung. Abgrenzung und Diskriminierung beeinflussten das Zusammenleben, eine Spaltung in deutsche und türkische Parallelgesellschaften entwickelte sich. Der mediale Fokus lag schwerpunktmäßig auf kritischen Ereignissen. Die Frage "Wie kann das Zusammenleben gelingen?" ist erst eine jüngere Haltung. Deutschland tat sich schwer mit der Vorstellung ein Einwanderungsland zu sein. Damit fand das Thema "Integration" erst spät auf die Agenda zahlreicher politischer und gesellschaftlicher Gruppen Eingang.

Mit Sorge betrachten Politiker, Ökonomen  und Wissenschaftler das Phänomen des „Brain Drain“, d.h. gut ausgebildete junge Türken und Türkinnen verlassen Deutschland aufgrund von geringen Aufstiegs- und Karriere-Chancen, von Stigmatisierung und Ausgrenzung in Alltag und Beruf. Die Türkei heißt diese Rückkehrer willkommen und gibt ihnen die Möglichkeit, ihr Engagement und ihre Kreativität einzusetzen. In Istanbul gibt es mittlerweile  Rückkehrer-Stammtische – Netzwerk und Austausch inklusive.

Auch der türkischen Gesellschaft sind ihre Deutschländer (Almanci) oft fremd. Für die modernen Eliten in den Großstädten sind sie rückständig und konservativ, ungebildet. Für die konservativen Inlandstürken zu frei und zu modern, keine richtigen Türken mehr. Lange betrachtete man die Almancilar auch neidvoll, weil ihnen  - vermeintlich - ein Leben in ökonomischer und sozialpolitischer Sicherheit in Deutschland zur Verfügung stand.

Türkei als Einwanderungs- und Transitland

Seit Gründung der Republik (1923) war die Türkei Ziel eines erheblichen und konstanten Zustroms ethnischer Türken, d. h. muslimischer oder türkischsprachiger Minderheiten, aus den Gebieten ihres Vorgängerstaates, dem Osmanischen Reich. Während diese Form der Einwanderung im letzten Jahrzehnt weitgehend zum Erliegen kam, gewannen neue umfangreiche Wanderungsbewegungen an Bedeutung.Sie setzten sich aus Flüchtlingen und Asylbewerbern, irregulären Arbeitsmigranten und Transitmigranten aus Teilen des Mittleren Ostens, Afrikas und Osteuropas zusammen.

Seit Ausbruch des Krieges in Syrien und dem Irak suchten 3,6 Mio Menschen in Flüchtlingslagern und den Bezirken der Großstädte nach Schutz. Die Türkei steht damit weltweit an 3. Stelle aller Länder, die Geflüchtete aufnehmen.

Zunächst als als "Gäste" bezeichnet und erhielten sie Aufenthalt für einen begrenzten Zeitraum. Mittlerweile wird damit gerechnet, dass sich viele davon dauerhaft ansiedeln. Dies hat Auswirkungen auf die türkische Gesellschaft und die Wirtschaft vor allem in den Gebieten des Südostens um Gaziantep und in den Großstädten.

Gleichzeitig ist die Türkei als ein wichtiger Partner des EU-Abkommens, das die Fluchtbewegungen in den Westen begrenzen soll und illegal nach Griechenland eingereiste Flüchtlinge zurücknimmt.

Bevölkerungsaustausch und Vertreibung

Am Ende des Osmanischen Reiches, während der Balkankriege (1912-1913) und zu Beginn der Republik (1922-1923) kam es immer wieder zu einem Bevölkerungsaustausch zwischen der griechisch-orthodoxen Bevölkerung, die das Gebiet der heutigen Türkei verlassen musste und der türkischen Bevölkerung in Griechenland. Zwischen 1915 und 1916 verloren durch Deportation und Vertreibung große armenische Bevölkerungsteile ihr Leben.

Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerung der Türkei ist seit Gründung der Republik ständig gestiegen. Heute leben etwa 77 Mio. Menschen auf diesem Gebiet (1945: 18,8 Mio., 1960: 27.8 Mio., 1980: 44,7  Mio.). Die Zeit des Wachstums scheint sich zu verlangsamen, denn die derzeitige Geburtenrate liegt im Landesdurchschnitt bei 2,0, der Bevölkerungszuwachs stagniert bei 1,5%. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre. Da diese Personengruppe demnächst in die Familiengründungsphase eintritt, ist weiterhin mit einem Anstieg der Bevölkerung zu rechnen. Für 2030 gilt eine Prognose von 85-90 Mio. Einwohnern.

Dies bedeutet auch für den Arbeitsmarkt eine Herausforderung, zumal die Jugendarbeitslosigkeit bereits 20% beträgt und Modernisierung und Internationalisierung, Rationalisierung das Problem vergrößern dürften. Mit den Jahren stieg auch der Verstädterungsgrad, so dass heute mehr als 70% der Menschen in urbanen Räumen leben. Zentren sind Istanbul und die Marmara-Region, Izmir, Ankara, Adana und Gaziantep.

Haushalte werden zunehmend kleiner, auch wenn dies regional sehr unterschiedlich ist. In den westlichen Ballungsräumen Istanbul/Izmir leben durchschnittlich 3,7 Personen in einer Familie, im östlichen Van dagegen 7,5 Menschen.

Die Wanderungsbewegungen von den Dörfern des Ostens in die Städte und von Anatolien in Richtung Westen machen sich ebenfalls in der Bevölkerungsstatistik bemerkbar.

Bildung

Istanbul Universität, Foto: Danbury, edited by Dsmurat, CC BY-SA 2.5
Istanbul Universität, Foto: Danbury, edited by Dsmurat, CC BY-SA 2.5
Türkische Sozialisation
Türkische Sozialisation, Foto: Martina Simon
Atatürk und die Jugend, Foto: Martina Simon
Atatürk und die Jugend, Foto: Martina Simon
Schülerinnen in Ankara, Foto: Martina Simon
Schülerinnen in Ankara, Foto: Martina Simon

Atatürk maß der Bildung bei der Gründung und der Entwicklung des türkischen Staates eine herausragende Bedeutung bei. „Der wichtigste Führer im Leben ist das Wissen“ ist einer seiner vielzitierten Sätze. Türkische Sozialisation erfolgt über die Schule. Bildung hat einen hohen Stellenwert in den Augen der Menschen. Lehrer genießen allerorten Respekt. „Hocam – mein Lehrer“ als Anrede zeigt die Anerkennung einer Gesellschaft für diesen Beruf. Die Wertschätzung spiegelt sich nicht im - eher dürftigen - Gehalt wieder. So sehen sich Lehrer gezwungen, nach der Schule eine andere Tätigkeit auszuführen, um das Familieneinkommen zu sichern.

Wie wichtig Bildung für den Aufstieg ist, zeigt auch die Tatsache, dass ganze Familien und ihre Verwandten große Anstrengungen unternehmen, um einem Kind eine Hochschulausbildung zu ermöglichen. Angesichts des Fehlens eines beruflichen Ausbildungssystems ist der Hochschulabschluss die einzige Möglichkeit, aufzusteigen oder einen Arbeitsplatz zu erhalten, dessen Vergütung die Existenz sichert. Bildung ist also ökonomisch betrachtet an Herkunft gebunden und auch regional unterschiedlich. Während im Westen die materielle Ausstattung der Schulen und die Lehrerversorgung ausreichend sind, herrscht im eher unterentwickelten Südosten Unterrichtsausfall aufgrund von Lehrermangel. In einer ohnehin prekären Lebenssituation ist auch das Interesse, Bücher und Lehrmaterialien anzuschaffen oft existentielleren Bedarfen geschuldet.

Hinzu kommt, dass die vorherrschenden Lehrmethoden in der Regel das Auswendiglernen befürworten und kritisches Denken nicht in den Lehrplänen verankert ist. Bildungspolitische Reformen sind laut PISA-Studie: Mittelerhöhung, Reform der Lehrerausbildung, Stärkung des berufsbildenden Sektors und eine praxisnahe Verzahnung mit der Wirtschaft. Quantitative Ergebnisse sind bereits sichtbar: z.B. Anstieg des vorschulischen Schulbesuchs.

Das Schulsystem wurde 2012 geändert. Nach einer 4-jährigen Grundschulzeit schließen sich 4 Jahre Mittelstufe an. Anschließend kann in weiteren 4 Jahren die Oberstufe besucht werden. Bereits nach der Grundschule erfolgt somit der Wechsel auf allgemeinbildende bzw. berufsbildende Schulen. Religiöse Imam-Hatip-Schulen gehören zu den berufsbildenden Einrichtungen genau so wie technische oder wirtschaftlich ausgerichtete Schulen. Der türkische Unternehmerverband begrüßt die Reform, um dem wachsenden Bedarf an künftigen Fachkräften zu decken. Auch die Anhänger der AKP oder religiös orientierte Eltern profitieren von der Veränderung, weil die islamische Inhalte und religiöse Berufsorientierung schon ab Klasse 4 stattfinden können. Säkular eingestellte Kreise halten die Reform für eine "versteckte" Maßnahme, um die Gesellschaft zu fundamentalisieren.

Über den Wechsel an eine weiterführende Schule entscheidet eine Aufnahmeprüfung. Je nach Ergebnis kann der Schüler an einer sehr oder weniger anerkannten Schule weiter lernen. Begehrt sind die Gymnasien mit verstärktem Fremdsprachenunterricht, die sog. Anadolu Liseleri. Dem eigentlichen Unterricht wird ein Jahr Fremdsprachenunterricht vorgeschaltet.  In Istanbul gelten auch die Auslandsschulen der verschiedenen Länder als sehr attraktiv: Alman Lisesi, Robert Koleji, Galatasaray LisesiAvusturya Lisesi und das Istanbul Lisesi.

Das Abschlusszeugnis erlaubt die Teilnahme an der landesweiten,  Universitätsaufnahmeprüfung. Bestehen kann nur, wer sich mindestens zwei Jahre  außerhalb des eigentlichen Schulunterrichts darauf vorbereitet und in „Dershanes – Lerninstituten“ kostenpflichtige Wochenend- oder Abendkurse besucht hat. Die Prüfung entscheidet über Studienfach und -ort. Wer gut gelernt hat, kann an einer renommierten Universität im Westen Medizin oder Ingenieurswesen studieren. Wer mit niedriger Punktzahl die Prüfung besteht, fängt im Osten ein Studium an.

Insgesamt gibt es 101 staatliche, 70 private und 4 Universitäten der Türkischen Streitkräfte. 2013 studierten 4,9 Millionen junge Menschen, weitere 80.000 sind Doktoranden. Bis zum Jahr 2025 werden 5,2 Millionen erwartet. Internationale Hochschulkooperationen nehmen zu, mit Deutschland bestehen vielfältige Projektkooperationen zu unterschiedlichen Themen. Auch der Weiterbildungsmarkt steht vor der Internationalisierung. 

Sorge bereiten vielen Wissenschaftlern Einschränkungen und Zensur in Folge der Gezi-Proteste 2013 und  im Nachgang zum des Putsch-Versuch 2017.

Gesundheitswesen

Die vorhandenen Systeme sind nicht ausreichend, um eine medizinische Versorgung auf angemessenem Niveau für alle Bürger zu gewährleisten. Derzeit wird um eine Reform der Krankenversicherung gerungen, das heißt die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung auf  einer beitragsfinanzierten Grundlage. Dies erscheint angesichts der großen Anzahl der in der Schattenwirtschaft tätigen Arbeiter zumindest herausfordernd.

Das staatliche Gesundheitswesen besteht aus Krankenhäusern (Träger: SSK, Gesundheitsministerium, Universitäten), Polikliniken, Gesundheitsstationen (Variante 1: mit Pflegekraft, Variante 2: mit Arzt), niedergelassenen Ärzten und weiteren ambulanten Einrichtungen.

Für die Versicherten ist die Behandlung kostenlos. Allerdings sind materielle und personelle Ausstattung oft mangelhaft, so dass mehr als eine ausreichende Basisversorgung nicht möglich ist. Selbst in Krankenhäusern sind die Patienten auf die Pflege durch Verwandte angewiesen. Medikamentenengpässe sind nicht selten. Auf 1100 Einwohner kommt ein Arzt, dass liegt weit unter dem OECD-Durchschnitt (350 Einwohner pro Arzt).

Nicht Sozialversicherte haben keinen Anspruch auf Leistungen. Für sie und Kinder unter 18 Jahren gibt es die Grüne Karte (yesil kart), mit der ärztliche Hilfe von den Ärmsten beansprucht werden kann.

Daneben gibt es ein privates ärztliches Versorgungssystem, das gehobenen internationalen Standards genügt. Auch die Krisenmedizin ist auf einem guten Stand. Die Aidsrate des Landes ist obwohl ansteigend, eher gering.

Gender

Der Alphabetisierungsgrad von Frauen liegt bei 92,5, in Unterschied dazu sind nur 1,4% (2015) der Männer des Lesens und Schreibens unkundig. Bemühungen, die Schulbesuchsrate von Mödchen zu erhöhen, waren wirksam, auch wenn die Anzahl der Mädchen in weiterführenden Schulen und an den Universitäten noch erhöht werden kann. 

Die Verbesserung der Situation von Frauen ist jedoch eine der großen Herausforderungen für Politik und Gesellschaft.  Die Global Gender Gap Studie des World Economic Forums  misst den Wert für Geschlechtergerechtigkeit hat festgestellt, dass in den Bereichen Teilhabe am Arbeitsmarkt, Equal Pay, Frauen in Führungspositionen der Weg zur Gleichberechtigung noch weit. Auch die Anzahl von Frauen in politischen Ämtern lässt noch zu wünschen übrig. Dabei war mit der Gründung der Republik 1923 der Boden bereitet für eine formale Gleichstellung: pro-westlich, sichtbar im öffentlichen Leben und gut ausgebildet sollten die Frauen sein, um auf diesem Weg zum Aufbau der neuen Staates beizutragen.

Frauen und Recht

Die rechtliche Stellung der Frau ist seit der Neufassung des Familienrechts auf EU-Niveau. 1988 wurde ein  Gesetz  über innerfamiliäre Gewalt erlassen: Dritte Personen können im Namen von Frauen Anzeige erstatten. Die Polizei kann des gewalttätigen Partner den Zugang zur gemeinschaftlichen Wohnung verbieten.

Seit 2002 sichert ein neues türkisches Zivilgesetzbuch die Gleichstellung von Mann und Frau in der Ehe: Gestrichen wurde: „Das Oberhaupt der ehelichen Gemeinschaft ist der Ehemann“, „Die Wahl des ehelichen Wohnsitzes obliegt dem Ehemann“, „Vertreter der ehelichen Gemeinschaft ist der Ehemann“, „Im Falle einer Uneinigkeit  in der Vormundschaftsfrage ist dem Willen des Ehemannes Vorrang zu gewähren“.Das Heiratsalter für beide Geschlechter wurde auf 17 hochgesetzt und „Gütertrennung mit Errungenschaftsbeteiligung“ ist der gesetzliche  Güterstand.

Die Umsetzung ist noch nicht ausreichend in den Köpfen der Polizei, Staatsanwälte und Richter angekommen. Noch immer finden von Gewalt betroffene Frauen keine Unterstützung der Behörden und der Gesellschaft.

Frauen und Politik

18 Frauen im ersten türkischen Parlament, Foto: Kemalist Yurtsever, CC BY-SA 3.0.
18 Frauen im ersten türkischen Parlament, Foto: Kemalist Yurtsever, CC BY-SA 3.0.

Atatürk sah für Frauen eine herausragende Stellung beim Aufbau der neuen Republik vor. Schon 1934 führte er das aktive und passive Frauenwahlrecht (lange vor vielen europäischen Ländern) ein.  Trotzdem behaupten Wissenschaftler und Experten diverser Think Tanks, dass die Situation der Frauen noch nie so positiv war wie heute und entzaubern damit den Atatürk'schen Gründungsmythos von der Gleichberechtigung der Frau.

Bereits zu Beginn der 90er Jahre gab es mit Tansu Ciller eine erste weibliche Ministerpräsidentin.Trotzdem sind im türkischen Parlament vom Juni 2015 nur 98 weibliche Abgeordnete (18%) vertreten. Dabei stellt die prokurdische HDP 40 weibliche Mandatsträgerinnen. Insgesamt nimmt der Anteil der Frauen in allen Parteien zu. Aufgrund der der schlechten Listenplatzierung gelingt der Sprung ins Parlament oft nicht.

Familie als kollektiver Identitätsfaktor

Beschneidungskleidung
Beschneidungskleidung
© Martina Simon
Goldgeschenke für die Hochzeit
Goldgeschenke für die Hochzeit
© Martina Simon
Hochzeitsmoden
Hochzeitsmoden
© Martina Simon

Familie gilt  als zentraler Wert der türkischen Gesellschaft. Sie ist die kleinste autonome Einheit des menschlichen Lebens. In der Idealvorstellung gehören Kinder zu einem erfüllten Leben.

Bezogen auf die Scheidungsraten ist ein Stadt-Land-Gefälle zu beobachten. Die landesweite Scheidungsrate beträgt 11%, in Istanbul sind es 13% und im südöstlichen Van 1%. Dagegen sank erfreulicherweise der Anteil der arrangierten Ehen um 54%, obwohl dies immer noch eine bewährte Praxis ist. In der Bewertung unterschieden werden kann zwischen Zwangsehen und arrangierten Ehen.

Es lassen sich verschiedene Formen des familiären Zusammenlebens finden. Dabei bestimmen die ökonomischen Verhältnisse die Werthaltungen zwischen traditionell und postmodern. Seit der Entstehung eines religiösen Mittelstandes greift diese Grenzlinie nicht mehr zwangsläufig und es finden auch in gesicherten Verhältnissen traditionell lebende Familien.

Der Großfamilienverbund über mehrere Generationen hinweg ist in den Gebieten des Südostens und unter Kurden zu finden. Dabei steht den Großclans eine herrschende Familie vor, während die anderen Familien die Felder bearbeiten. Die auf feudalen Strukturen basierenden Prinzipien greifen in die familiären Belange der Gemeinschaft ein. Es gibt streng abgegrenzte Räume für die Geschlechter und eine starke Segregation zwischen Männern und Frauen, zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre.

Auch in den Dörfern oder den Randbezirken der großen Städte (Gecekondus) herrscht ein enger Zusammenhalt und eine starke soziale Kontrolle über die eigene Familie. In der dörflichen Umgebung war man sehr stark angewiesen auf die Nachbarn und damit der Anpassung verpflichtet. Selbst nach Abwanderung in die Städte blieb dieser  Ehrbegriff als Überlebenschance in der neuen Welt erhalten. Religion wurde zum Mittel im sozialen Kampf.  Mit dem Aufstieg verbindet sich die Unterstützung von bedürftigen Familienmitgliedern.

Moderne Lebensformen findet man bislang nur  vereinzelt und nur in den Großstädten. Die Anzahl von Singles,  allein lebenden Frauen, Ein-Kind-Familien, Paaren nimmt jedoch zu.

Gesellschaftliche Strukturprinzipien

Saygi und Sevgi

Saygi (Respekt) und sevgi (Fürsorge)  regeln das hierarchische Verhältnis von oben und unten innerhalb der Gesellschaft, am Arbeitsplatz und innerhalb der Familie. Autorität entsteht aufgrund von Alter, Geschlecht und sozialer Stellung. Dieser Person wird  Achtung und Respekt erwiesen. Dabei variieren die Respektsbekundungen nach Kontext.  Sie manifestieren sich im sichtbaren Verhalten. Für die eine Familie ist es akzeptabel, wenn in Diskussionen/Entscheidungen z.B. dem Vater  widersprochen wird, in anderen Familien gilt dies als respektlos und wird sanktioniert. Für die einen ist Widerspruch nur im engsten Familienkreis erlaubt, für die anderen auch öffentlich.

Die geachtete Person kümmert sich um die Belange der Angehörigen. So kommt es typischerweise zu einer rollenspezifischen Aufgabenverteilung in der Familie. Die Autoritätspersonen (Vater, großer Bruder, Mutter) sorgen für die Kleinen (jüngere Geschwister, Mädchen). Mitspracherechte und Aufgabendelegation werden je nach Rang und Ansehen verteilt.  Zwischen ältester Schwester und jüngerem Bruder besteht eine relative Gleichheit. Der Vater gilt oft als normative Instanz, währende die Mütter oft die faktische Erziehungsverantwortung ausüben. Überhaupt haben Mütter eine besondere Bedeutung und erfahren die Zustimmung ihrer Söhne auch nach deren Eheschließung. Die Schwiegertochter  wird als „Gelin“ bezeichnet „die ins Haus Gekommene“.

Welches Verhalten eine Person zeigt, ist abhängig vom Geschlecht des Interaktionspartners und seiner Zugehörigkeit zum inneren/familiären oder äußeren/öffentlichen Lebensbereich.

Namuz (Ehre)

Namuz regelt das Verhalten der Geschlechter zueinander, vor allem im Überschneidungsbereich „öffentlicher und privater/familiärer Raum“.  Als Verhaltenskodex bestimmt es, welche Familien, Frauen oder Männer als ehrenhaft und damit als gesellschaftlich angesehen gelten.  Dabei ist zu beachten, dass eine Person nicht aus sich heraus etwas gelten kann. Erst durch die Anerkennung und Respektsbezeugung von außen wird die soziale – ehrenhafte - Identität gebildet.  Erfolgt diese Zuschreibung z.B. „temiz  aile kizi– sauberes Familienmädchen“  zeigt sich dies auch darin, dass die Geschlechtergrenze gewahrt bleibt. So bilden sich individueller Stolz und gesellschaftliches Ansehen.

Familienmitglieder orientieren sich in ihrem Verhalten an den vorherrschenden Regeln. Was ehrenhaft ist und wie Verstöße geahndet werden, richtet sich danach, welcher sozialen Gruppe die Familie angehört. So ist es für ein Mädchen evtl. in einer ländlichen Region zwingend erforderlich, die Straße zu wechseln, wenn ein Junge ihr entgegen kommt. Für eine andere junge Frau und ihre Umgebung  ist es völlig akzeptabel, allein in einen Club zu gehen.

Männer begreifen Angriffe auf die Geschlechtszugehörigkeit ihrer weiblichen Familienmitglieder  auch als eigene Ehrverletzung. Dahinter steht die Auffassung, dass  ein Mann für seine Ehre eintreten kann. Für den Erhalt der Ehre einer Frau muss ein Mann Sorge tragen, weil man davon ausgeht dass das“ unangemessene“  Verhalten   der Frau gegenüber in erster Linie von Männern ausgeht. Der "Schutz" oder die "Wiederherstellung der Ehre" obliegt diesem Verständnis nach männlichen Familienmitgliedern.

Seref

Seref ist der Aspekt von Ehre, der sich einerseits auf das Individuum als persönliche Würde bezieht. Andererseits hat er auch die Kraft eines gesellschaftlichen Strukturprinzips und  sorgt für die Möglichkeit einer Gleichberechtigung zwischen den sozialen Einheiten. Ehre im Sinne von Seref bekommt man für Dienste an der Gesellschaft.  Als ehrbar gelten Personen oder  Berufe, die mit den deren Werten in Verbindung stehen, z.B. Lehrer. Wer den Rang eines „serefli adam – eines ehrbaren Menschen“ besitzt, ist verpflichtet, die Ehrbezeugung der Gemeinschaft wieder zu gute kommen zu lassen, z.B durch Großzügigkeit. Seref kann gesteigert oder vermindert werden und kann auch vererbt werden, Seref/Ehre ist erblich, weil es oft auch um Abstammung, historische Wurzeln  und Verbundenheit mit der Geschichte geht.

Ehrbar/serefli ist nur eine Person, die in den Augen der anderen auch als ehrenhaft/namuzlu gilt. Aber nicht jede ehrenhafte Person ist auch ehrbar/serefli.

Kultur

Musik

Asik Veysel mit der Baglama <br>&copy; Rahmi Pehlivanli, Staatliches Skulpuren- und Gemäldemuseum, Ankara; Foto: Martina SimonAsik Yeysel mit der Baglama
Asik Veysel mit der Baglama
© Rahmi Pehlivanli, Staatliches Skulpuren- und Gemäldemuseum, Ankara; Foto: Martina Simon

Musik gehört zum Alltag der Menschen und so sind Genres und Instrumente vielfältig. Als große Gruppen lassen sich die türkische Kunstmusik, die türkische Volksmusik mit ihren Schattierungen (Özgün Musik, Arabesk, Musik der Roma, der Kurden), türkische Pop- bzw. Rockmusik voneinander unterscheiden. Der Musikwissenschaftler Dr. Martin Greve forscht über die vielen Facetten der türkischen Musik und ordnet sie in bekannte Strukturen ein. 

 

 

Beispiele für musikalisches Schaffen unterschiedlichster Stilrichtungen:

  • Selim Sesler spielt Roma-Musik.
  • Ibrahim Tatlises vertritt die Arabesk-Musik, wie auch Orhan Gencebay und Müslüm Gürses.
  • Ahmet Kaya (verstorben 2000) war berühmt als Sänger linker türkischer Protestmusik (özgün müzik).
  • Tarkan ist ein türkischer Pop-Sänger, der mit „Şıkıdım“ auch international berühmt wurde.
  • Baba Zula spielten ursprünglich türkischen Rock, kombinieren Rock, Reggae, Elektronik mit türkischen Instrumenten.
  • Aynur Dogan singt kurdische Lieder. Sie tritt auch auf europäischen Festivals auf.
  • Sezen Aksu ist die große Dame der Pop-Musik. Als Sängerin, Songwriterin und Produzentin tritt sie selbst auf die Bühne und unterstützt auch junge Künstler in ihrer Entwicklung.
  • Ceza macht türkischen Rap. 
  • Bandista ist ein Musikkollektiv und verbindet Ethno, Ska und Dub mit politischer Botschaft

In der türkischen Musik beheimatet sind:

Türkische Kunstmusik mit Oud, Ney, Geige und Chor (43min)

Literatur

Orhan Pamuk ist nicht erst seit Verleihung des Literaturnobelpreises 2006 der türkische Schriftsteller, der zusammen mit Yasar Kemal,  über die Grenzen seines Landes hinaus, große internationale Bekanntheit erreicht hat. „Das Museum der Unschuld" erschien 2008. Im April 2012 wurde in Istanbul, im Stadtteil Cukurcuma, das das zum Buch gehörige und weit darüber hinausgehende „Museum der Unschuld“ eröffnet. Es  zeigt „Fundstücke und Artefakte einer fiktiven Liebe" und bildet daraus das Melodram seiner Stadt.

Daneben sind aber weitere Namen auf den Bestseller-Listen, den Feuilletons und im literaturwissenschaftlichen Betrieb erschienen, die die kreative Explosion des aktuellen schriftstellerischen Schaffens beweisen. Zur neuen Literaturszene gehören u.a.  Murat Mungan, Ayse Kulin,  Elif Safak, Perihan Magden, Tuna Kiretmitci, Hakan Günday, Murat Uyurkulak, Oya Baydar, Oguz Atay.

Das schriftstellerische Schaffen dieser Gruppe ist gekennzeichnet durch eine  Abkehr von literarischen Grundströmungen und einheitlicher politischer Haltung. Ahmet Oktay, einer der einflussreichsten Intellektuellen der Türkei, bemerkt hierzu, im neuen Millennium seien „die Ideologien, die die Literatur der republikanischen Epoche beeinflussten, indem sie den Subtext, die tiefere Bedeutungsebene und geistige Textstruktur durchdrangen,  einer individuellen Haltung gewichen, die Literatur fern jeder ideologischen Einflussnahme von Gruppen oder Strömungen produziere.“

Einen Überblick über das literarische Schaffen der Türkei erhält man in der  Türkischen Bibliothek, erschienen im Unionsverlag. Dabei handelt es sich um Meilensteine türkischer Literatur aller Gattungen, die bislang nicht ins Deutsche übersetzt waren und die Epoche zwischen 1900 und der Gegenwart abbilden. Auch der Literaturca Verlag und der Dagyeli Verlag bieten Anregung und Information zum Thema.

Daneben gibt es jedoch auch deutsch-türkische AutorInnen wie zum Beispiel Feridun Zaimoğlu, Emine Sevgi Özdamar, Zafer Senocak, Selim Özdogan, Fatma Aydemir, Yade Kara und Hatice Akyün.

Bildende Kunst

Istanbul Modern
Istanbul Modern
© Martina Simon

Die moderne Malerei fristete in der Türkei lange ein Schattendasein. Auch in der akademischen Bildung ging es mehrheitlich um Auseinandersetzung mit europäischen Vorbildern, weniger um eigene Kreativität und Konzeption.

Dies hat sich grundlegend geändert. Die türkische Kunstszene boomt und explodiert förmlich. Ansätze, Techniken, Formate sind so vielfältig wie die Themen, die die Künstler bewegen.

Das Zentrum bildet Istanbul, dies macht sich auch bemerkbar an der musealen Szene, die mit „Istanbul Modern“ ein Ausstellungshaus für moderne Gegenwartskunst gegründet hat. Damit trägt die Stadt dem erstarkten internationalen Interesse an türkischer bildender Kunst Rechnung. Auch die im Ausland tätigen Künstler und die Verarbeitung ihrer kreativen Ideen finden dort eine Heimat.Bislang rekrutieren sich die Exponate aus privaten Stiftungen und Banken. Dies soll sich in Kürze ändern und das Haus wird auch internationale Künstler ausstellen.

Im  Nachbarviertel Tophane hat sich eine lebendige Galerie-Szene entwickelt. Schubkraft gab auch hier nochmals das Jahr 2011, als Istanbul europäische Kulturhauptstadt war. Der Konzeptkünstler Sener Özmen oder das Multitalent Ebru Özsecen stehen nur beispielhaft für die neue bildnerische Kraft.

Film, Theater, Tanz

Nuri Bilge Ceylan, Cagan Irmak, Zeki Demirkubuz, Reha Erdem, Semih Kaplanoglu und Yeşim Ustaoğlu sind die wichtigsten Vertreter eines neuen unabhängigen türkischen Kinos, das auch auf internationalen Festivals große Beachtung findet.

Als "Goldene" Ära gelten die 60er und 70er Jahre. In den Yesilcam-Studios in Istanbul wurden bis zu 200 Filme pro Jahr hergestellt. Als durchgängiges Film-Motiv fanden sich Geschichten um Paare aus verschiedenen Milieus, die nach Umwegen und Verwirrungen zueinander kommen. Die 60er Jahre stehen auch für eine Politisierung des Kinos. Der Nachhall des Putsches von 1960 findet sich u.a. bei Yilmaz Güney in "Umut" oder "Yol". 

Heute differenziert sich das türkische Kino immer weiter aus. Neben Autorenfilmen blüht auch das Mainstream-Kino mit Melodramen und Komödien.  Insgesamt zeigt sich die heimische Filmbranche sehr zufrieden. Ca. 40% der Umsätze werden mit einheimischen Produktionen erwirtschaftet.

Die Theatertradition der Türkei unterscheidet sich gänzlich von der westlichen. In Anatolien war die  mündlich überlieferte Erzählkunst weit verbreitet. Schattenspiele, Marionetten-Theater waren gängige Formate. Erst im Zuge der Neugründung der Republik entstanden staatliche und städtische Theater nach westlichem Vorbild. Gespielt wurden hauptsächlich Übersetzungen aus dem Westen. Mushin Ertugrul gilt als Begründer des türkischen Theaters, Güngör Dilmen war einer der einflussreichsten Theaterschriftsteller 

Im Unterschied zum Boom in der bildenden Kunst und der Filmszene war das kreative Theaterschaffen auf wenige Initiativen beschränkt, die jedoch in Folge der Gezi-Proteste eine Blüte erlebten. Knappe Fördermittel und politische Restriktionen begleiten jedoch  die innovative Arbeit des Istanbuler Galataperform oder der Krek Theater Companie, die von Berkun Oya geleitet wurde

Alle Städte in der Türkei haben ihre eigenen Volkstänze, die mit Handgeigen (Kemence), Hirten-Dudelsäcken (Tulum) oder Trommeln (Darbuka) begleitet werden. An der Schwarzmeerküste ist der Horon verbreitet. In Kars kennt man die Kafkas-Tradition. Halay tanzt man in der östlichen Mittelmeer-Region, in Ost-, Südost- und Zentralanatolien. Es gibt viele professionelle Tanzgruppen, so dass sich diese Gattung zu einer eigenen Kunstrichtung entwickelt hat.

Weltkulturerbestätten

Kulturelle Stätten des Unesco-Weltkulturerbes in der Türkei

  • Archäologische Stätte von Troja (1998)
  • Stadt Safranbolu (1994)
  • Große Moschee und Krankenhaus von Divriği (1985)
  • Hattuscha, die Hauptstadt des Hethiter (1986)
  • Historische Bereiche von Istanbul (1985)
  • Nemrut Dag (1987)
  • Selimiye-Moschee, Edirne (2011)
  • Xanthos-Letoon (1988)

Ebenfalls aufgenommen wurden als Weltnaturerbe

  • Nationalpark Göreme und die Felsen von Kappadokien (1985)
  • Hierapolis-Pamukkale (1988)

Religion

Politischer Islam

Zu  Beginn der Republik war Religion im politischen Alltagsgeschäft nicht vorhanden. Mit der Zulassung des Mehrparteiensystems 1946 kam die Verbindung von Nation und Islam auf die politische Parteienbühne zurück. Adnan Menderes, Süleyman Demirel und Turgut Özal traten in Folge dafür ein, dass Religion im öffentlichen Leben sichtbar sein sollte und setzten dafür zahlreiche Veränderungen durch: z.B. Einführung von verpflichtendem Religionsunterricht, Gebetsruf wieder auf Arabisch, Anerkennung der Koranschulen. Gleichzeitig richteten sie ihre Politik immer auch auf wirtschaftliche Belange und eine Verbesserung der sozioökonomischen Situation - u.a. durch eine Mechanisierung der Landwirtschaft, wirtschaftsliberale Gesetzgebung und die Öffnung der Märkte. Da religiöses staatspolitisches Handeln von Seiten des Militärs immer mit einer Aushebelung Atatürk'scher Grundprinzipien bewertet wurde, standen die Putsche von 1960, 1971 auch mit der religiösen Ausrichtung der jeweiligen Regierungspartei (Adnan Menderes - Demokrat Parti; Süleyman Demirel Adalet Parti/später Dogru Yol Parti) in Verbindung. Gleichzeitig wurde durch die militärischen Interventionen versucht, die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Gruppierungen zu beenden, die mehrere Tausend Tote kosteten. 

1970 gründete Necmettin Erbakan zum ersten Mal eine islamistische Partei, die auf eine Wiedereinführung der Scharia pochte. Die nationale Ordnungspartei MNP wurde jedoch 1971 wieder verboten und so ging es auch den zahlreichen Nachfolgeparteien. Mit öffentlich geäußerten gemäßigteren Versionen gelang es Erbakan  das Ministerpräsidentenamt mehrmals zu gewinnen und an mehreren Koalitionen beteiligt zu sein. Starken Wählerzuwachs erreichte er durch die rasche Urbanisierung. Weniger theologische Fragestellungen oder religiöse Diskurse trugen zum Erfolg bei als wiederum vielmehr Themen wie Wirtschaft und Soziales, Verwaltung und Management. Als das Militär erneut um die Staatsdoktrin fürchtete, wurde er zu einem fünfjährigen Politikverbot verurteilt. Aus der Nachfolge-Partei, der Fazilet Partisi, ging unter Recep Tayip Erdogan, die gemäßigte AKP hervor, die seit 2001 in der Regierungsverantwortung ist. Ihr Ziel war eine Europa zugewandte Politik und damit eine eindeutige Abkehr von der islamistischen Idee eines Gottesstaats der Erbakan'schen Vorläuferparteien.

In den 70er Jahren und in Konkurrenz zu Erbakan entstand die Gülen-Bewegung, die nicht parteipolitisch aktiv agierte, sondern über Bildungsprogramme und Postenbesetzung in der Verwaltung an Einfluss gewann. Mit der AKP und Erdogan zeigte sie sich jahrelang ideologisch auf einer Seite. 2013 eskalierte der Streit, als es von Gülen nahestehenden Richtern zu Korruptionsvorwürfen, Razzien und Verhaftungen von Parlamentsmitgliedern und involvierter Familienmitglieder kam.

Wird die Gesellschaft religiöser - ist ebenfalls eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt. Bedeutet das Entstehen einer religiösen Mittelschicht und der Anstieg von Frauen mit einem Türban-Kopftuch eine Islamisierung? Die Antworten wechseln je nach Betrachter. Für die einen ist die Sichtbarkeit von Kopftuch-Frauen in der Öffentlichkeit ein Zeichen für Demokratisierung und Fortschritt, ein Signal für die Aufhebung bislang stark segregierter Räume. Für die anderen bedeutet dies eine Abkehr der westlichen Werte und Lebenshaltungen.

Muslimische Minderheit: Aleviten

Die Grundlage ihres Glaubens ist Allah, sein Prophet Mohammed, sowie dessen Schwiegersohn und 4. Kalif Ali als Stellvertreter des Propheten.  Aus diesem Grund wird von sunnitischer Seite immer der Vorwurf der Häresie und der Vergötterung Alis laut. Aleviten deuten den Koran mystisch: der Mensch steht im Mittelpunkt, er ist nicht Sklave Gottes, sondern seine vollkommene Schöpfung. Damit besitzt er eigene Verantwortung und ist in seinen Handlungen autonom.

Auch in der Auslegung der 5 Säulen des sunnitischen Islams unterscheiden sich die Aleviten: Gefastet wird acht Tage im Monat Muharrem. Ihre Gebete verrichten sie in Gebetshäusern, wobei Männer und Frauen gemeinsam beten. Frauen tragen selten Kopftuch und das Geschlechterverhältnis gilt als eher gleichberechtigt. Dies führt dazu, dass ihnen sexuelle Ausschweifungen von sunnitischer Seite unterstellt werden.

Das Verhältnis zwischen Staat und der Gruppe der Aleviten ist historisch und aktuell ambivalent.

Orden und Bruderschaften

Melevi-Derwische in Istanbul; Foto: Tomas Maltby, CC BY-SA 2.0.
Melevi-Derwische in Istanbul; Foto: Tomas Maltby, CC BY-SA 2.0.

Die tanzenden Derwische sind die bekannteste sufistische Bruderschaft (Tarikat) – auch wenn sie heute nur noch eine touristische Erscheinung sind.

Im Unterschied zu hiesigem Ordensverständnis leben die Angehörigen nicht ständig zusammen. Sie halten eine ideelle Verbindung und treffen sich ggfs. zu rituellen Tänzen, Gebeten, Gesängen. Elemente des Heiligenkults, der Mystik und des Aberglaubens sind im Zentrum der spirituellen Praxis. Der Mensch erkennt mit Hilfe eines mystischen Lehrers Gott  und gelangt zeitweise zu einer Einheit mit ihm. Während der Gründungsphase der Türkei waren die Orden verboten. Sie überlebten im Untergrund und trugen zum Wiedererstarken des türkischen Islam bei.

Verbreitet ist auch  Naksibendi-Orden, der eigene Schulen, Fernsehsender, Tageszeitungen betreibt oder die weltweit agierende Fethullah-Gülen-Bruderschaft.

Erdogan und Gülen waren über lange Jahre ideelle Gefährten im Kampf gegen das Militär und die kemalistische Grundlage des Staates, die Religion so vehement ausschloss. Während Erdogan auf der politischen Bühne den Islam präsent gemacht hat, war Gülen war auf dem Bildungssektor aktiv. Inzwischen hat sich diese Partnerschaft in Konkurrenz und  Feindschaft verwandelt. Der Staatspräsident und die Anhänger der AKP sehen in Gülen und seinen Anhängern Drahtzieher für Verleumdungskampgagnen. Auch für den Putsch von Juli 2016 werden Gülen-Sympathisanten verantwortlich gemacht. Da Gülen seit ca. 2000 im amerikanischen Exil lebt, strebt Erdogan derzeit ein Auslieferungsverfahren des Predigers an.  Außerdem werden Beamte und Angestellte der Verwaltung, die der Gülen-Bewegung zugeordnet werden, Gerichtsverfahren unterzogen oder aus staatlichen Einrichtungen entlassen.

Volksislam

Gegen den bösen Blick: mavi göz
Mavi Göz
© Martina Simon

Reichlich verbreitet sind Praktiken, die zwischen Volksislam und Aberglauben angesiedelt sind. Amulette gegen den „Bösen Blick“ sind nahezu überall zu finden. „Mavi Göz“ – Blaue Glasperlen mit einem Auge schützen vor Neid und  Unbill. Weihe- und Opfergaben an besonderen Plätzen sollen für die Erfüllung besonderer Wünsche (Eheschließung, Kinder, Gesundheit, Arbeit) sorgen.  Zu besonderen Ereignissen, z.B. nach einer Geburt oder dem Kauf einer Wohnung, werden Tiere geopfert, um sich dankbar zu erweisen und auch die Gemeinschaft daran teilhaben zu lassen. Was man auf öffentlichen Busbahnhöfen sehen kann, wenn Familienangehörige verabschiedet werden, ist das Ausschütten eines Eimers Wasser: „Yol acik olsun – Möge dein Weg und deine Rückkehr offen sein.“ 

Christliche Minderheiten

Mor Gabriel: Christentum in der Türkei, Foto: Gerry Lynch, CC BY-SA 3.0
Mor Gabriel: Christentum in der Türkei, Foto: Gerry Lynch, CC BY-SA 3.0

Nach türkischem Verständnis werden als Minderheiten lediglich die „nicht muslimischen Minderheiten der Armenier, Griechen und Juden, die innerhalb der monarchisch-theokratischen Struktur des Osmanischen Reiches als „Nationen“ (millets) organisiert waren … und die in den Artikeln 37-45 des Friedensvertrages von Lausanne enthaltenen Garantien genießen, als Minderheiten anerkannt.“ (Quelle: Memorandum des Außenministeriums der Republik Türkei an das vatikanische Staatssekretariat). Daneben gibt es aber auch noch andere christliche Religionsgruppen, z.B. aramäische Christen, auch Aramäer genannt, die vom Sonderstatus nicht profitieren.

Armenische Minderheit

Völkermord oder Deportation – an der Begrifflichkeit scheiden sich die Geister. Während für viele Staaten die Ermordung hunderttausender Armenier (Schätzungen reichen von 300 000 -  1,5 Mio.) im Verlauf des ersten Weltkriegs (1915-1916) durch osmanische Truppen eindeutig ein Genozid ist, tut sich die Türkei schwer damit. Im Geschichtsbewusstsein der Türken heißt dieser Vorgang „Umsiedelung“ und negiert das Ausmaß, die Brutalität und die Absicht des gewaltsamen Vorgehens. Armenien wird als Gegner gesehen, der mit Hilfe Russlands versucht hat, die Einheit des Osmanischen Reiches durch Abspaltungstendenzen zu gefährden. Im Selbstverteidigungsrecht und der Not eines angegriffenen Staates legitimiert die Türkei das Vorgehen von Ermordung, Deportation, Verfolgung und Enteignung.

Hinter dieser Haltung steckt mehr als die Gefahr eines Gesichtsverlusts. Mit der Aufarbeitung der Vorgänge könnte der Gründungsmythos der türkischen Nation ins Wanken geraten. Denn die an den Gräueltaten beteiligten Offiziere und Militärs übernahmen nach Staatsgründung möglicherweise hohe Aufgaben und Ämter. Was würde passieren, wenn man den Gründungshelden Eigeninteressen nachweisen müsste?

Die Zahl armenischer Bürger nahm jedenfalls kontinuierlich ab. Vor dem Massakern und Vertreibungen lebten ca. 2 – 2,5 Mio. Armenier auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches. Heute gibt es noch 60 000 bis 70 000 Armenier in der Türkei, die  meisten davon  in Istanbul. Dort verfügen sie über eine eigene Infrastruktur mit einem armenisch-orthodoxen Patriarchat, 42 eigenen Kirchen, 17 Grundschulen, zwei Gymnasien, einem Kindergarten, 53 Gemeindestiftungen und 2 Krankenhäusern. Zusätzlich erscheinen in Istanbul zwei armenischsprachige Tageszeitungen und eine Wochenzeitung.

Das Thema war lange ein Tabu in der Türkei. Wer sich dazu äußerte, sah sich der Gefahr ausgesetzt, gegen das Türkentum zu verstoßen und im Gefängnis zu landen. Seit der Ermordung von Hrant Dink 2007, dem Herausgeber der armenischen Zeitung Agos, mehren sich Stimmen, die zur Solidarität mit der armenischen Minderheit aufrufen. Noch im Ohr sind die Stimmen „Wir sind Hrant Dink“, als zahlreiche Demonstrationen gegen dessen Ermordung durch einen ultranationalistischen Türken auf die Straße gingen. Ihren Anfang nahm die Aufarbeitung durch eine Postkartenausstellung, die zur Zeit der Vertreibung von Armeniern an ihre Familienangehörigen verschickt wurden. Zuletzt ist ein anderer Aspekt in die öffentliche Diskussion geraten. Die Zwangstürkisierung vornehmlich armenischer Mädchen, die so überleben konnten und heute als Großmütter davon berichten. Auch das rüttelt am Stein des türkischen Einheitsstaates, wenn die eigenen Wurzeln plötzlich armenisch sind.

Auf Staatenebene bestand lange Stillschweigen: keinerlei diplomatische Beziehungen und geschlossene Grenzen. Seit einem WM-Qualifikationsspiel zwischen beiden Ländern ist die Eiszeit zumindest etwas aufgetaut. Beschlossen wurde eine teilweise Grenzöffnung und die Bildung einer gemeinsamen Historiker-Kommission zur Aufarbeitung der Geschehnisse. Dieser Prozess ruht derzeit.

Griechisch-Orthodoxe Minderheit

Bartholomäus I., Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche, Foto: Massimo Finizio, CC BY 3.0
Bartholomäus I., Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche, Foto: Massimo Finizio, CC BY 3.0

Die Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft werden als Rum (als römische/byzantinische Griechen) bezeichnet. Am Ende des Osmanischen Reiches war die Gemeinde die zweitgrößte nach den Türken selbst mit 2,5 Mio. Angehörigen. Heute leben nach Schätzungen nur noch 2500-3000 Griechen in der Türkei, fast ausschließlich in Istanbul. Durch Bevölkerungsaustausch, Vertreibung und Pogrome zogen die Griechen es vor, das Land zu verlassen. Problematisch ist der rechtliche Status des ökumenischen  Patriarchen von Istanbul, der als Primus inter Pares Oberhaupt der orthodoxen Welt ist. Dies wird von der Türkei nicht anerkannt. In ihren Augen  ist er nur das Oberhaupt der griechischen Orthodoxen in der Türkei. Was die Religionsgemeinschaft plagt, ist der fehlende Priesternachwuchs, weil die Ausbildungsstätten seit Jahrzehnten geschlossen sind und laut türkischem Recht alle Priester türkische Staatsbürger sein müssen. Man erhofft sich im Zuge der EU-Beitrittsreform eine Wiedereröffnung des Priesterseminars auf der Prinzeninsel im Marmara-Meer. Die Gemeinde verfügt über ebenfalls über eine kulturelle Infrastruktur wie Kirchen, Schulen, Kinderheim, Gemeindestiftungen, Krankenhaus und Zeitungen.

Die jüdische Minderheit

Bet Israel Synagoge in Izmir; Foto: Yabanci, CC BY-SA 3.0.
Bet Israel Synagoge in Izmir; Foto: Yabanci, CC BY-SA 3.0.

Diese siedelt seit mehr als 500 Jahren ununterbrochen ohne Bedrohung der eigenen Existenz auf türkischem Gebiet. Insgesamt umfasst die Gemeinde 20 000 Personen. In Istanbul lebt der Oberrabiner. Es gibt Synagogen, Gemeindestiftungen, Schulen, Krankenhäuser und  Altersheime.

Das Verhältnis zur türkischen Mehrheitsbevölkerung war lange sehr gut, auch die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei waren von Kooperation in sicherheitspolitischer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht geprägt. Seit dem 2. GAZA-Krieg 2008/2009 und der Militäraktion gegen den Schiffskonvoi mit Hilfslieferungen für Palästina ist das Verhältnis  brüchig.

Umgang mit Religion im Alltag

Religiöse Zeichen

Die  türkische Identität ist  eindeutig muslimisch, auch wenn religiöse Zeichen und Verhaltensweisen in der Realität je nach Umfeld abgeschwächt zu finden sind. Verbreitet sind: Moscheen, Muezzin-Rufe, Ramadan-Fasten, Kopftücher, blaue Glasperlen gegen den bösen Blick, Verzicht auf  Schweinefleisch, rituelle Schächtung von Tieren, Beschneidungsfeste.

Manchmal gibt es auch für Familien und Männer getrennte Restaurantbereiche (aile salonu), Frauen und Männer, die sich gegenseitig nicht die Hand geben, Restaurants ohne Alkohol, verschleierte Bräute, religiöse Kleidung, getrennte Hochzeiten, betende Menschen -  am Freitag auch auf Wegen/Straßen.

Religion bietet Orientierung im Alltag für das Verhalten der Menschen.  Christen und Juden steht man im Allgemeinen offen gegenüber, weil auch sie als Angehörige einer „Buchreligion“ gelten, Atheisten finden oft kein Verständnis.

Das Länderinformationsportal

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Im Länderinformationsportal (LIPortal) geben ausgewiesene Landesexpertinnen und Landesexperten eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern. Das LIPortal wird kontinuierlich betreut und gibt Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb. mehr

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2020 aktualisiert.

Über die Autorin

Martina Simon, Erstellerin der Türkei-Länderseite

Martina Simon (M.A.) arbeitete mehrere Jahre in Istanbul im Bildungssektor und spricht fließend türkisch. Als Trainerin und Coach bereitet sie Menschen aus Hochschule, Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit auf ihren Auslandsaufenthalt in der Türkei vor. Ihre Kernkompetenz liegt im Thema Kommunikation in Verbindung mit Führung, Team, Projektmanagement und interkultureller Kompetenz.

Culture Cases Türkei

Die Publikation "Culture Cases Türkei" beleuchtet kulturelle Besonderheiten, die das Leben und Arbeiten in der Türkei prägen. Praxisnahe Fallstudien und Aufgabenstellungen zum Selbstlernen bieten Ihnen eine kulturelle Orientierungshilfe und unterstützt Sie, neue Handlungs- und Sichtweisen zu entwickeln. 

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