Kanyon Einkaufszentrum, Foto: .o., public domain
Geschätztes BIP
649,44 Milliarden USD (2020)
BIP/Kopf
7.658 USD (2020)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI)
Rang 59 von 189 (2018)
Anteil Armut (nat. Armutsgrenze)
9,2% (2018)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
39,8 (2018)
Wirtschaftlicher Transformationsindex
Rang 50 (von 137) (2020)

Wirtschaftspolitik

Von Atatürk bis in die 80er Jahre

In der industriellen Produktion war das Osmanische  Reich von den europäischen Mächten abhängig. Es verfügte selbst nur über eine schwach  entwickelte Textilmanufaktur (Herstellung von Rohseide und Baumwolle) und musste zahlreiche Produkte, sogar Nahrungsmittel einführen.  Handel und Handwerk lag in den Händen der nicht-türkischen christlichen Bevölkerungsgruppe, deren Know-how nach den Befreiungskriegen und Vertreibungen verloren ging.

Atatürk forcierte zunächst eine liberale Wirtschaftspolitik. Der Staat investierte  lediglich in den Ausbau der Infrastruktur (Eisenbahnnetz, Häfen, Versorgungsbetriebe, Bergbau).  Trotzdem kam die Wirtschaft nicht richtig in Schwung (1927: 155 Fabriken und nur 27 000 Industriearbeiter) und so sah sich der türkische Staat veranlasst, wichtige wirtschaftliche Aufgaben etatistisch zu übernehmen. Darunter verstand man die Gründung staatlicher Wirtschaftsunternehmen, um langfristig die Importe durch eigene Produktionen zu ersetzen.  Mit Hilfe von russischen Auslandskrediten entstanden staatliche Unternehmen, die sich mit der Herstellung von Zucker,  Textilien, Papier, Glas, Keramik, Zement, chemische Produkte, Eisen und Stahl beschäftigten.

So konnte der Staat eine Steigerung der industriellen Produktion in den 30er Jahren erreichen.

In den 50er Jahren erlebte die Landwirtschaft einen Aufschwung durch zinsgünstige Kredite für Agrarprodukte und die Abnahme mit Garantiepreisen. Dies führte zu einem Anstieg des Lebensstandards der ländlichen Bevölkerung, setzte aber durch Mechanisierung immer mehr Arbeitskräfte frei.

Liberalisierung und Öffnung zum Weltmarkt

Mit dem damaligen Ministerpräsidenten Turgut Özal (1981-1993) ist ein radikaler Wandel in der Wirtschaftspolitik verbunden.  Er setzte eine Öffnung zum Weltmarkt durch und beschleunigte eine Annäherung an die EU. Importverbote wurden abgebaut, Exporthandelsfirmen aufgebaut, der Reiseverkehr erfuhr eine Erleichterung und ausländische Investoren wurden angeworben. Die Liberalisierung führte zu einem Anstieg der Exportleistungen und dazu, dass die Türkei von einem Agrarland zu einem Schwellenland transformierte.

Ein weiterer Meilenstein für den wirtschaftlichen Aufschwung war der Beitritt der Türkei zur Zollunion am 1.1.1996. Damit verbunden war die Beseitigung von Importverboten, die Liberalisierung des Dienstleistungsverkehrs (Banken und Versicherungen) und die Angleichung technischer Normen und Vorschriften. Für die EU ergab sich damit ein neuer Exportmarkt, für die Türkei eine Erhöhung der Binnennachfrage und der Exportwirtschaft.Jedoch gelingt es vielen türkischen Unternehmern aufgrund der rigiden Visums-Praxis nur schwer, auf dem europäischen Markt Zugang zu finden.

Mit der AKP ist seit 2001 eine wirtschaftsliberale Partei in der Regierungsverantwortung. Ihre Politik führte vorübergehend zu einem Anstieg des Wirtschaftswachstums auf ca. 10% (2014: 3-4%) und zu einer deutlichen Erhöhung des Lebensstandards der gesamten Bevölkerung. Herausgebildet hat sich auch ein neues "grünes" Unternehmertum mit islamisch geprägtem Selbstverständnis.

Wirtschaftsdaten und Tendenzen

Seit der Wirtschaftskrise von 2009 kann die Türkei auf ein stetig ansteigendes Wirtschaftswachstum zurückblicken. Der Aufwärtstrend bescherte der Türkei eine bis heute andauernde Nachfrage zwischen fünf und zehn Prozent. Treiber dafür waren massive Staatsausgaben zur Förderung des Verbrauchs und der Investitionen bei gleichzeitiger Absicherung von Bankkrediten durch staatliche Fonds. Steuererleichterungen, Preis- und Zinssubventionen sollten die Konjunktur zusätzlich anregen. Zur Finanzierung geplanter Großprojekte wurde ein Investitionsfond aufgelegt. Auch der Anstieg des privaten Konsums um 4% trug zum Wachstum bei. 

Immer wieder waren jedoch kurzfristig Einbußen zu verzeichnen. 2014 führten Kredit beschränkende Maßnahmen der Regierung vorübergehend zu einer gedämpften Binnennachfrage von 5%. Politisch verursachte Turbulenzen (Putsch im Juli 2016, Referendum April 2017) sowie die aktuellen geopolitischen und globalen Risiken brachten die türkische Wirtschaft ebenfalls nur geringfügig in Schwierigkeiten. So wurde für 2017 wieder ein Wachstum von 7,5 Prozent erreicht. 

2018 zeichneten sich Turbulenzen ab, die die heimischen Märkte, Unternehmen und auch die Bevölkerung an einer empfindlichen Stelle trafen: der Werteverfall der eigenen Währung. Die Inflation lief aus dem Ruder, weil die türkische Notenbank auf Anraten der Politik lange keinerlei Maßnahmen zur Stützung der Lira einleitete. Erst im Oktober 2018 wurden die Anhebung des Leitzinses und weitere förderliche Gegenmaßnahmen beschlossen.

Weitere Tendenzen:

  • Chronisch hohes Leistungsbilanzdefizit
  • Starke Abhängigkeit von Energieimporten (mehr als 50% des Defizits)
  • Fehlende Leistungsfähigkeit in höherwertigen Wirtschaftssektoren, in Teilen beschränkte globale Wettbewerbsfähigkeit, niedrige lokale Wertschöpfung in der Produktion
  • Abhängigkeit von ausländischen Kapitalflüssen (auch durch geringe Sparquote: 13% BIP)
  • Steigende Arbeitslosenquote: 15% (2017), im Südosten 25%
  • Hoher Anteil an Schwarzarbeit und geringer Anteil von Frauen in der Erwerbsarbeit

Die Türkei galt als attraktiver Markt für Auslandsinvestitionen. Nach dem Putsch reagierten ausländische Kapitalgeber vorübergehend zurückhaltend. Türkische Unternehmen sind in Europa und weltweit aktiv.

Staatspräsident Erdogan beeinflusst die Zentralbank, die die Leitzinsen nicht anhebt. Das hat Konsequenzen für die türkische Lira und die sozioökonomische Situation der Menschen in der Türkei (3min20, Deutsch)

Die türkische Währungskrise betrifft jeden: Bürger und Unternehmen (10min, Deutsch)

Wirtschaftsregionen

Stark entwickelt ist die Westtürkei mit dem  Marmara-Raum und der  Ägäis (Großraum Istanbul, Bursa, Izmit). Dabei erwirtschaftet die  Region Istanbul mit ca. 20% der Bevölkerung 40% der gesamten Wertschöpfung. Unterentwickelt ist der Südosten und Osten des Landes, gekennzeichnet oft durch bittere Armut und wirtschaftliche Rückständigkeit.

In Zentralanatolien hat sich mit dem Aufstieg der „anatolischen Tiger“ der Raum um Konya und Kayseri wirtschaftlich entwickelt – fernab von infrastrukturellen Gegebenheiten oder dem Vorhandensein von Rohstoffen.  Mit Hilfe einer strengen Arbeitsethik und auf religiösen Fundamenten basierenden Unternehmerführung hat sich ein religiös-konservativer Mittelstand entwickelt. Viele dieser aufstrebenden Unternehmen führen Handelsbeziehungen mit der arabischen Welt und dem nahen bzw. mittleren Osten. So steigerten sie die Exportwerte um das 6-fache, während EU-Exporte nur um das 2,5-fache stiegen.

Zu den Aufsteigern gehört auch die Provinz Gaziantep, die durch unternehmerfreundliche Politik und die Ausweisung von Industriezonen wirtschaftliches Engagement fördert und so zur Entwicklung des Raumes beiträgt. Gaziantep orientiert sich in seinen Handelsbeziehungen am nahen Irak.

Wirtschaftszweige

Industrie

Textil- und Bekleidungsindustrie

Dieser Industriezweig ist gemessen an der Wertschöpfung, der Anzahl der Beschäftigten und der Exportrate (30%) der wichtigste. Die Hauptabsatzmärkte für Textilien sind Russland, Italien und Deutschland.  Dabei fällt auf, dass China  auf Platz 13 der Abnehmerländer gestiegen ist (2008 noch auf Platz 25). In der Türkei gefertigte Kleidung wird nach Deutschland, Großbritannien, Spanien und Frankreich verkauft.

Große Produktionsstätten befinden sich in Istanbul, Bursa, Denizli, Adana, Gaziantep, Karamanmaras, Kayseri, Antalya, Mersin und Malatya mit insgesamt 3 Mio. Beschäftigten. Mittelständisch geprägt ist die Bekleidungsindustrie mit vielen Auslandsinvestitionen, die Textilindustrie arbeitet dagegen fast ausschließlich mit türkischem Kapital. Produziert werden Baumwolle, Wolle und synthetische Fasern, die zu Stoffen oder Textilien für international bekannte Marken verarbeitet werden.

Die Branche geriet durch den globalen Wettbewerb in enorme Schwierigkeiten. Billigproduzenten wie China und Indien brachten den türkischen Markt in große Bedrängnis und führten zu Schließungen und geringeren Produktionsraten. Teilweise verlagerten auch türkische Unternehmen ihre Fertigungen nach Fernost. Dies führte zu einem Anstieg der Arbeitslosenquote in einen Sektor, der von prekären Einkommensverhältnissen und ungesicherten Arbeitsverhältnissen gekennzeichnet ist.

Der Textil- und Bekleidungssektor sah sich nun vor die Herausforderung gestellt, durch veränderte Produktions- und Vermarktungsstrategien bzw.  durch einen Zusammenschluss von mittelständisch geprägten Unternehmen die Krise zu bewältigen. Die Orientierung an höherer Qualität, modernem Design in Verbindung mit mit schneller Umsetzung und guter Logistik hat in 2012 eine Differenzierung des Marktes geschaffen. Seit 2013 werden zweistellige Zuwachsraten erwirtschaftet.

Inzwischen sind türkische Designer auch auf internationalen Laufstegen zu sehen.

Automobil- und ihre Zulieferindustrie

Die türkische Automobilindustrie expandierte kräftig: Derzeit arbeiten rund 400.000 Beschäftigte bei 17 Herstellern und rund 4.000 Zulieferunternehmen. Die Produktions- und Exportrate (3 von 4) von Fahrzeugen besonders im Bereich Light Vehicles“ (Pkw, Pick-ups und leichte Nutzfahrzeuge) ist stark steigend.  Ihr Anteil an den Gesamtausfuhren soll 15% erreichen. Für 2023 wird eine Produktion von 4 Mio. Fahrzeugen angestrebt. Der lokale Wertschöpfungsanteil in der Kfz-Fertigung soll von 56% in absehbarer Zeit auf 77% mit Unterstützung von Fördermaßnahmen erhöht werden.

Taxis in Istanbul, Foto: Oswaldo Gago, CC BY-SA 2.0
Taxis in Istanbul, Foto: Oswaldo Gago, CC BY-SA 2.0

Die Automobilproduktion ist eine relativ junge Branche. Fiat (Tofas) und Renault gründeten in den 60er Jahren Joint Ventures in Istanbul und Bursa. Heute sind Hersteller wie Renault, Ford, Fiat, Hyundai, Toyota und Honda  seit mehreren Jahren mit Werken in der Türkei präsent. In der Regel werden diese als Gemeinschaftsunternehmen mit heimischen Partnern geführt. Nach Angaben von Invest in Turkey investierten diese im Zeitraum 2000 bis 2014 über zwölf Milliarden US-Dollar. Nach Berechnung von Analysten gehören drei der fünf wichtigsten Exporteure des Landes zur Automobilbranche. 

 

 

 

Bus der Firma Temsa in Mannhein, Foto: Martin Hawlisch, CC BY-SA 3.0
Bus der Firma Temsa in Mannhein, Foto: Martin Hawlisch, CC BY-SA 3.0

Produziert werden Autos, Klein- und Überlandbusse, Lkws und Traktoren  in Istanbul, Bursa, Ankara, Aksaray, Izmir und Izmit.

Von  der Ausweitung der Produktionskapazitäten profitieren auch die Eisen- und Stahlindustrie, sowie Gummi-, Plastik-, Glas- und Automobilzuliefer- bzw. Autozubehörindustrie mit ca. 200 ausländischen Kapitalbeteiligungen. Deren Investitionen steigen und prognostizieren einen Aufschwung der Zuliefer-Industrie.Derzeit wird auch die dazugehörige Logistik ausgebaut. Deutschland ist der größte Exportempfänger von Automobil-Zulieferteilen.

Noch in den Kinderschuhen stecken Produktion und Absatz von Elektroautos, die Pläne sind jedoch ehrgeizig. 2021 soll das erste türkische Elektrofahrzeug auf der Straße sein.

Elektroindustrie

In der Elektroindustrie arbeiten mehr als 50 000 Menschen vor allem an den Standorten Manisa, Bursa, Izmir und Istanbul. Die Branche expandiert vor allem in den Bereichen Telekommunikation, Computer und Konsumgeräte. Produziert wird nicht nur für die einheimischen Hersteller wie Arcelik, Vestel, Beko und Profilo, sondern auch für internationale Elektro-Konzerne wie Toshiba, Sanyo, Siemens, Bosch, Nokia, JVC, Phillips und den italienischen Konzern Merloni. Heute stammt mehr als ein Drittel der in Europa verkauften TV-Geräte aus der Türkei, auch wenn der Binnenmarkt derzeit schwächelt.  Die Ausfuhr von Kühlschränken und  Herden übersteigt die Einfuhr bei weitem. Die Fertigung elektrischer Anlagen musste jedoch einen leichten Rückgang verkraften.

Internationale Konzerne der IT-Branche entdecken den Standort Türkei als regionales Zentrum. Um die Entwicklung weiter zu fördern, will die Regierung spezielle Technologieparks für die Branche, sogenannte IT Valleys, aufbauen.

Landwirtschaft

Orangenpflückerinnen <br>&copy; Yalcin Gökcebag, 1982, Staatliches Skulpuren-  und Gemäldemuseum, Ankara, Foto: Martina Simon
Orangenpflückerinnen
© Yalcin Gökcebag, 1982, Staatliches Skulpuren- und Gemäldemuseum, Ankara, Foto: Martina Simon

In den Gründungsjahren der türkischen Republik war das Land ein Agrarstaat. Große Flächen und klimatische Bedingungen begünstigten dies. In den 90er Jahren stiegen die landwirtschaftlichen Erträge bedingt durch Modernisierung und Mechanisierung an. Trotzdem sank der Anteil des primären Sektors seit 1980 von über 26% auf 11%, während die  Anteile von Industrie und Dienstleistung deutlich angestiegen sind. Dies macht sich auch im Exportbereich bemerkbar. Heute beträgt der Anteil landwirtschaftlicher Güter nur noch 10%, 1950 waren dies noch 93%.

Angebaut und produziert werden in der Türkei  Tee, Tabak, Weizen, Gerste, Geflügelfleisch, Eier, Obst und Gemüse. Bei Nüssen und Obst ist die Türkei der weltweit größte Hauptproduzent. Das Land belegt auch den 5. Platz weltweit mit landwirtschaftlichen Flächen für Gewächshäuser.

Das Thema Biotechnologie sorgt auch in der Türkei für Kontroversen.

Dienstleistung

Tourismus

Haghia Sofia
Haghia Sofia
© Martina Simon
Hafen von Antalya, Claude Valette, CC BY-SA 4.0.
Hafen von Antalya, Claude Valette, CC BY-SA 4.0.

Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftssektor der Türkei und eine der wichtigsten Devisenquellen. Die größte nationale Gruppe unter den Türkei-Touristen stellen mit ca. 4,4 Mio. Deutsche,  gefolgt von Russen (2,8 Mio.) und Briten (2,2 Mio.). Hinzu kommen etwa 3,6 Mio. inländische Touristen.

2016 sank die Zahl der internationalen Gäste. Aufgrund der russisch-türkischen Krise und der Terroranschläge  besuchten weniger Touristen das Land. Zahlreiche Kreuzfahrtschiffe nahmen die Türkei für 2016 aus dem Angebot.Durch die politische Annäherung zwischen Russland und der Türkei nahm die Anzahl der russischen Besucher ab Februar 2017 erneut zu.

Touristische Zentren sind die südliche Ägäis-Küste türkische Ägäis (3,2 Mio Besucher) und die türkische Riviera zwischen Antalya und Kap Anamur (3,2 Mio.). Nach Istanbul kamen 2014 11,8 Mio. Gäste. Weitere Impulse dürften sich auch durch den Gesundheitstourismus ergeben, der von der Regierung gefördert wird. Erwartet wird auch eine Zunahme chinesischer Urlauber für das Jahr 2019.

Finanzsektor

2001 erfuhr die Türkei eine schwere Finanz- und Wirtschaftskrise und damit verbunden war eine starke Rezession. Die türkische Lira verlor an Wert, die Staatsschulden stiegen, Zinsen wurden erhöht und die Realeinkommen der Beschäftigten sanken. Viele kleine und mittlere Unternehmen gingen zugrunde, über eine Million Arbeitnehmer verloren ihren Arbeitsplatz. Mit Hilfe des IWF und einem strengen Reform- und Sparkurs gelang  es der Türkei unter ihrem damaligen Finanzminister Kemal Dervis die Krise zu meistern und zu wirtschaftlicher Stabilität zurückzukehren. Die globale Finanzkrise von 2009 hat die Türkei nahezu unbeschadet überstanden. Keine Bank musste durch staatliche Hilfen gestützt werden – eine Folge der Krise von 2001, als bereits über die Hälfte der Geschäftsbanken den Markt verlassen mussten.

Der Korruptionsskandal um die AKP 2014 erschütterte das Vertrauen der Finanzmärkte. Immer wieder rutschte die türkische Lira im Handel mit dem US-Dollar auf ein Rekordtief. Türkische Staatsanleihen waren ebenfalls von den Turbulenzen betroffen. Sie gerieten unter Verkaufsdruck nach dem vorübergehenden Rückzug ausländischer Investoren.

Kurzfristig brachten auch der Putsch des Jahres 2016 und die politischen Unruhen nach dem Verfassungsreferendum die Finanzmärkte in Turbulenzen.

Energie

Wirtschaftlicher  Aufschwung und zunehmende Bevölkerungsraten lassen den Energie-Bedarf in der Türkei steigen (Verdopplung des Primärenergiebedarfs zwischen 2001 und 2014). Dies in einem Land, das neben Kohlevorkommen von schlechter Qualität und Wasserkraft über keinerlei Energievorkommen verfügt. Der Energiebedarf (mehr als zwei Drittel) wird durch Importe gedeckt. Erdöl kommt aus Aserbaidschan, dem Nordirak und dem Nahen Osten. 60% der Energieeinfuhr besteht aus russischem Erdgas. Russland plant derzeit, aufgrund der Konflikte mit der Ukraine, die Türkei zu einem Verteilerzentrum für Gaslieferungen von Russland nach Europa zu machen.

Die Türkei favorisiert derzeit aber auch eigene Projekte. Mit TANAP will sie erreichen, dass Erdgas aus Aserbaidschan in die Türkei und nach Europa gelangt. Dieser südliche Gaskorridor soll, ohne Russland zu durchqueren, dazu beitragen, die Diversifikation der eigenen Energieversorgung zu gewährleisten. Dabei setzt die Türkei auch auf die Zusammenarbeit mit der kurdischen Regionalregierung in Erbil (Nordirak). Ab 2017 sollen 4 Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr in die Türkei gelangen.

Der Anteil erneuerbarer Energien (Wind, Solar, Geothermik) ist in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Energiequellen am meisten gestiegen. Des Weiteren setzt die Türkei auch auf Atomkraft. Mit Hilfe Russlands entsteht die erste Anlage im südtürkischen Akkuyu, die 2023 in ihren vollen Betrieb aufnehmen soll.

Handelspartner

Deutschland gilt wichtiger türkischer Handelspartner. Ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Türkei und Deutschland ist 2011 in Kraft getreten.  Die meisten türkischen Güter werden nach Deutschland exportiert (16 Mrd. EUR) vor allem in den Bereichen Bekleidung, Kraftwagen und Kraftwagenteile, Maschinen, Metallerzeugnisse. Auf den weiteren Plätzen folgen Großbritannien (983 Mio. USD), Italien (871 Mio. USD) und der Irak (855 Mio. USD). 

Im Bereich der Importe rangierte Russland auf dem ersten Platz mit einem Volumen von 1,7 Mrd. USD. Deutschland lag hier auf Rang zwei mit 1,5 Mrd. USD – vor China mit 1,3 Milliarden USD und den USA mit einem Importvolumen von 1,1 Milliarden USD. 

Gesellschaftliche Tendenzen

Arbeitsbedingungen in der Türkei

Die Arbeitsbedingungen in der Türkei sind weit entfernt von dem, was anderswo Realität ist: eine Wochenarbeitszeit von 45h, der Samstag als regulärer Arbeitstag und 12-24 Tage Urlaub - je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit. Viele arbeiten in ungesicherten Arbeitsverhältnissen, ohne Vertrag und einklagbare Rechte.

Der Arbeitsschutz ist ebenfalls wenig verankert und die Medien berichten immer wieder von Arbeitsunfällen in Zusammenhang mit mangelnden oder nicht eingehaltenen Sicherheitsvorschriften, z.B. verloren 22 Menschen auf türkischen Werften im Jahr 2008 ihr Leben (In Deutschland: 2 Personen, in Großbritannien: 1 Person).

Für große Erschütterung sorgte ein Bergwerksunglück im Mai 2014 in Soma in der Westtürkei, bei dem mehr als 300 Menschen ums Leben kamen. Die Rettungsaktion wurde begleitet von Demonstrationen gegen die Betreibergesellschaft und die Regierung, die verantwortlich gemacht wurden, dass Profitgier die Umsetzung von effektiven Kontrollen verhindere und der politische Wille zur Einhaltung von Sicherheitsvorschriften fehle.

Das bedeutet für die Gewerkschaften eine große Herausforderung, die Situation der Arbeitnehmer zu verbessern. Die wichtigsten Gewerkschaftsverbände sind Türk-IS, DISK; HAK-IS, KESK. Nach jahrelangen Diskussionen wurde 2012 ein neues Gewerkschaftsgesetz verabschiedet.  Wichtige Veränderungen sollten insbesondere die Erleichterung der Gewerkschaftsmitgliedschaft, eine Verbesserung des Kündigungsschutzes wegen Gewerkschaftsmitgliedschaft sowie die Neufassung der Feststellung der Tariffähigkeit betreffen. Gewerkschaftsverbände zeigen sich mit dem Ergebnis unzufrieden und sehen eine deutliche Verschlechterung.

Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit

Staatliche Entwicklungspläne

Auf der Agenda der State Planning Organization, die heute Ministerium für Entwicklung heißt, stehen Strategien zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und der Beschäftigungsquote. Verbessert werden sollen die Lebensbedingungen der Menschen und die Qualität sozialer Sicherungssysteme. Ein weiterer Fokus liegt auf der Entwicklung des regionalen Raumes. Nicht zuletzt soll auch die Effizienz des Öffentlichen Dienstes angehoben werden.

Dahinter steht die Vision von “Turkey, a country of information society, growing in stability, sharing more equitably, globally competitive and fully completed her coherence with the European Union”.  Gleichwohl sind die Vorhaben ausgerichtet auf 2023, wenn sich die Republikgründung zum hundertstenmal jährt.

Multilaterale Entwicklungszusammenarbeit

Die acht UN-Millenniumgoals nahmen die Regierungen der Länder in die Pflicht, erhöhte Anstrengungen zu unternehmen, um Armut zu reduzieren und Entwicklung zu fördern. Der Fortschrittsbericht aus dem Jahr 2010 zeigte, dass die Türkei gut unterwegs ist. Besonders die Sterblichkeitsrate von Kindern (Ziel 4) und Müttern (Ziel 5) stark gesunken. Absolut kritisch zu sehen ist das Thema Geschlechter-Gerechtigkeit (Ziel 3). Die Situation von Frauen bezogen auf Teilhabe am Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit blieb weiterhin stark verbesserungsbedürftig. Auch regionale und soziale Disparitäten kennzeichnen nach wie vor das Bild, z.B: ist die Schulbesuchsrate im Südosten und bei Mädchen geringer als im Westen und bei Jungen. Ursachenverstärkend wirken die geringe Leistungsfähigkeit der staatlichen sozialen Sicherungssysteme und die mangelnde Koordination der beteiligten staatlichen  Akteure. 2016 bescheinigte eine Untersuchung der UN der Türkei weiterhin ein starke Disparitäten in sozialer, ökonomischer und regionaler Hinsicht.

2016 wurden die Sustainable Development Goals verabschiedet, die der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen sollen. 2019 nimmt die Türkei Platz 79 von 162 Ländern ein.

Internationale Akteure

Das Türkeiprogramm der Weltbank unterstützt Entwicklungsmaßnahmen in den Bereichen: Energie, Finanzierungsmöglichkeiten im privaten Sektor, Stadtentwicklung, Verkehr, soziale Disparität, Arbeitsmarkt, Gesundheit, Wettbewerbsfähigkeit, Bildung. Ein großer Schwerpunkt liegt auf der Integration der hohen Zahl syrischer Geflüchteter bei gleichzeitiger Entwicklung der Sozialräume. 

Auch der IMF hat die Türkei lange in Form von Krediten unterstützt - in den letzten 50 Jahren mit mehr als  46 Mrd. USD. Seit 2013 ist die Türkei schuldenfrei. Ihre Rolle hat sich vom Empfänger zum Unterstützer gewandelt. Zur Rettung der Eurokrise hat sich die türkische Regierung im Juni 2012 bereit erklärt,  5 Mrd. Dollar zur Verfügung zu stellen.

Weitere UN-Organisationen sind mit unterschiedlichen Aktivitäten in der Türkei aktiv: UNFPA UNAIDS, IOM, UNDP, UNHCR, FAO, ILO,WHO, UNIC, UNIDO,UNICEF.

Bilaterale Zusammenarbeit: Deutschland-Türkei

Die deutsch-türkische Zusammenarbeit startete 1958. Bislang wurden mehr als 3,7 Mrd. Euro an Unterstützungsleistung erbracht. Im Laufe der Jahrzehnte veränderte sich der Fokus der Kooperation. Noch in den 60er/70er  Jahren lag der Schwerpunkt auf Investitionen in  Industrie und Energie, in den 80ern richtete man die Bestrebungen auf die Verbesserung einer kommunalen Umwelt-Infrastruktur. In den 90ern nahm man den Südosten in den Blick, um die Entwicklung des vernachlässigten Raumes zu fördern. Heute steht die Heranführung an europäische Standards im Mittelpunkt der Bestrebungen. Dabei werden zusammen mit den türkischen Partnern kommunale Umwelt-Infrastrukturen gefördert, effiziente Verwaltungsstrukturen aufgebaut und kleine und mittlere Betriebe gefördert.

Die bilaterale Zusammenarbeit endete 2008. Seitdem sind die Aktivitäten auf deutscher Seite mehrheitlich an EU-Projekte gebunden, die u.a. den EU-Beitrittsprozess der Türkei unterstützen. Projekte realisiert derzeit die GIZ in den Bereichen "Nachhaltige Infrastruktur, Governance und Demokratie, Umweltschutz und Klimawandel, ökonomisches Wachstum und Beschäftigung".

Das GIZ-Projekt "Qudra"unterstützt die türkische Regierung und deren Verwaltungen bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise. Der Fokus liegt in der Unterstützung

  1. besserer Infrastruktur an Schulen, 
  2. berufsnaher Qualifizierung, 
  3. der Stärkung der sozialen Kohäsion, 
  4. der Stärkung lokaler Verwaltungen, 
  5. der Förderung des überregionalen Dialogs zwischen Flüchtlingen und aufnehmenden Gemeinden.

Dafür erhöhen die EU und Deutschland ihre Entwicklungshilfebudgets in hohem Maße.

Die KfW-Bank ist in der Türkei seit vielen Jahren der mit Abstand größte bilaterale Finanzier im Sektor kommunale Infrastruktur. Mehr als 100 Projekte mit einem Gesamtvolumen von über 4,7 Mrd. Euro wurden in den letzten 50 Jahren in Form von zinsgünstigen Darlehen mit langen Laufzeiten oder als nicht rückzahlbare Zuschüsse zugesagt. Aktuell engagiert sich die KfW vor allem in der Verbesserung der kommunalen Infrastruktur (Klima, Wasser, Abwasser, Abfallentsorgung und öffentlicher Personennahverkehr). Außerdem unterstützt sie die Förderung von Kleinunternehmen und den Einsatz von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz.

Im Bereich der Bildung ist der DAAD mit Büros in Istanbul und Ankara aktiv. Alle relevanten politischen Stiftungen haben Länderbüros in Istanbul und engagieren sich in den Bereichen Kultur, Demokratisierung, Umweltschutz.

Konrad-Adenauer-Stiftung

Friedrich-Ebert-Stiftung

Heinrich-Böll-Stiftung

 

Friedrich-Naumann-Stiftung

Rosa-Luxemburg-Stiftung

Die European Stability Initiative  erstellt über die Türkei fundierte Analysen, Studien und Berichte. Sie begleitet den Transformationsprozess und leistet Entscheidungshilfe für politische Akteure.

TIKA

TIKA ist die Abkürzung für das türkische Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit. Seit 2002 unterstützt TIKA Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Kultur, Wirtschaft und Infrastruktur.

Zusammen mit lokalen Partnern ist TIKA u.a. auf dem Balkan, in den Turkstaaten, in Afghanistan, Afrika (Tunesien, Somalia, Senegal, Sudan, Äthiopien), im Kaukasus, in Osteuropa und in Palästina aktiv. Neben Entwicklungszielen verfolgt die Türkei auch ökonomische interessen, v.a. in der Region Subsahara-Afrika.  

Das Länderinformationsportal

Das Länderinformationsportal
Das Länderinformationsportal

Die Beiträge im Länderinformationsportal (LIPortal) wurden bis Dezember 2020 von ausgewiesenen Landesexpertinnen und Landesexperten betreut, um eine Einführung in eines von ca. 80 verschiedenen Ländern zu geben. Das LIPortal bot damit eine Orientierung zu Länderinformationen im WorldWideWeb - viele Verweise sind auch weiterhin aktuell.

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2020 aktualisiert.

Über die Autorin

Martina Simon, Erstellerin der Türkei-Länderseite

Martina Simon (M.A.) arbeitete mehrere Jahre in Istanbul im Bildungssektor und spricht fließend türkisch. Als Trainerin und Coach bereitet sie Menschen aus Hochschule, Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit auf ihren Auslandsaufenthalt in der Türkei vor. Ihre Kernkompetenz liegt im Thema Kommunikation in Verbindung mit Führung, Team, Projektmanagement und interkultureller Kompetenz.

Trainingsangebote der Akademie

Die Akademie der GIZ gestaltet Lernangebote für die internationale Zusammenarbeit. Wir führen mehr als 2000 Fort- und Weiterbildungen durch und entwickeln innovative, wirksame und nachhaltige Lernkonzepte. Und das weltweit.

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Rolf Sackenheim
(Akademie für Internationale Zusammenarbeit)

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