Phosphattransport in Tunesien (Dennis Jarvis, CC BY-SA 2.0)
Geschätztes BIP
49,6 Milliarden US-$ (2014)
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität)
9400 US-$
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI)
Rang 97 (von 188) (2016)
Anteil Armut (unter 2 $ pro Tag)
umstritten
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient)
35,8 (2010)
Wirtschaftlicher Transformationsindex (BTI)
Rang 49 (von 129)

Das Wirtschaftssystem und seine Sektoren

Tunesien ist eine weitgehend freie Marktwirtschaft, wobei der Wettbewerb in den letzten Jahren durch den zunehmenden Einfluss der Familie des gestürzten Präsidenten Ben Ali massiv eingeschränkt wurde. Nahezu alle wichtigen Unternehmen und Sektoren wurden von dieser Gruppe kontrolliert. Energie- und Wasserversorgung, öffentlicher Nahverkehr und die Post sind staatlich, der Telekommunikationssektor wurde in den letzten zehn Jahren schrittweise geöffnet. Kraftstoffe und Grundnahrungsmittel sind subventioniert (dazu zählen u.a. Brot, Milch, Zucker, Mehl und Tomatenmark), sie dürfen nicht exportiert werden. Allerdings spielt Schmuggel aus und nach Libyen und Algerien vor allem im Süden und in der Region von Kasserine eine große Rolle. Korruption durchzieht nach wie vor weite Teile der Wirtschaft und des Zolls. Erst die aktuelle Regierung hat 2017 vorsichtig begonnen, gegen Korruption vorzugehen.

Neben dem Bergbau, der einer der wichtigsten Sektoren der tunesischen Wirtschaft ist, spielen Landwirtschaft, Textilfabrikation und Tourismus eine wichtige Rolle für die tunesische Wirtschaft. Knapp 20 % der Beschäftigten sind in der Landwirtschaft tätig, rund ein Drittel in der Industrie, und die Hälfte im Service- und Tourismusbereich. Dieses Verhältnis ist seit 2005 weitgehend stabil. Im Service spielen vor allem nach Tunesien ausgelagerte Callcenter französischer Firmen und IT-Unternehmen eine große Rolle. Außerdem gründen sich seit 2011 immer mehr Start-Ups, so ein Bericht der GTAI.

Ausländische Direktinvestitionen machen den größten Teil des tunesischen Bruttoinlandsprodukts aus. 85% der tunesischen Firmen sind im informellen Sektor tätig, so eine Studie des Unternehmerverbandes UTICA. Sie erwirtschaften rund 115 Milliarden US-Dollar, mehr als das sechsfache des tunesischen Haushaltes. Zudem spielen Rücküberweisungen von Auslandstunesiern eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Eine große Herausforderung stellt die negative Handelsbilanz der letzten Jahre dar. 
Neben Datteln, dem wichtigsten Exportprodukt, produziert und exportiert Tunesien vor allem Oliven. Im Jahr 2015 wurde dabei ein Rekordumsatz erzielt. Langsam nimmt auch der Anbau von Bioprodukten in Tunesien zu, jedoch stellt die teure Zertifizierung für den europäischen Markt für viele kleinere Betriebe ein wirtschaftliches Hindernis dar. 

Olivenbaum in Tunesien: Oliven, eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse Tunesiens [Foto: i.alia, CC - BY NC SA, Flickr]
Oliven, eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse Tunesiens [Foto: i.alia, CC - BY NC SA 2.0, Flickr]

Wirtschaftsindikatoren, Analysen, Statistiken

Die aktuellsten Zahlen zur tunesischen Wirtschaft sind auf der Seite des Nationalen Statistikinstitutes veröffentlicht – wobei die Angaben zur Zeit vor der Revolution mit Vorsicht zu behandeln sind. Darüber hinaus bieten die Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer  und die Publikationen und Datenblätter der GTAI einen guten Überblick. Außerdem finden sich weitergehende Informationen zu Wirtschaft und Entwicklung auf den Seiten des Internationalen Währungsfonds und dem World Investment Report der UNCTAD. Die EU bietet auf ihrer Website einen Überblick über ihre Beziehungen zu Tunesien. Eine ausführliche Infografik des Carnegie Endowment bietet einen Überblick über sozioökonomische Tendenzen seit 2011.

Wirtschaftspolitik

Tunesische Bank
Dringend reformbedürftigt: die tunesischen Banken (Foto: rais67, Wikimedia, public domain CC0)

Tunesien hat seit Ende der 1980er Jahre auf eine zunehmende wirtschaftliche Liberalisierung gesetzt, mehr als 150 staatliche Firmen wurden seitdem privatisiert oder teil-privatisiert. Dies hat dem Land einen wirtschaftlichen Aufschwung mit konstanten Wachstumsraten um 5% beschert. 1990 tritt das Land dem GATT bei, es ist außerdem Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. 2008 tritt eine 1996 beschlossene Zollunion mit der EU in Kraft. Derzeit wird eine Ausweitung des Freihandelsabkommens mit der EU verhandelt, die Tunesien im Dezember 2017 auf eine Liste sogenannter Steueroasen gesetzt hat und Anfang 2018 wieder entfernt hat. Gleichzeitig wurde Tunesien nach langer Debatte des EU-Parlaments auf die Liste der Risikoländer im Bereich Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung gesetzt. Kritiker warnen vor Schäden durch das Freihandelsgesetz vor allem für die tunesische Landwirtschaft. Die stärksten Parteien im Parlament vertreten eine liberale Wirtschaftspolitik. Trotz zunehmender Liberalisierung wird die Investitionspolitik nach wie vor in Fünfjahresplänen festgelegt. Der IWF nimmt über umfassende Haushaltshilfen Einfluss auf die tunesische Wirtschaftspolitik. 

Die Privatwirtschaft beklagt eine überbordende Bürokratie, die es gerade kleinen Projekten und Jungunternehmen erschwert, überhaupt eine Firma zu gründen. So benötigt man zum Beispiel 126 Formulare, um eine Bäckerei zu eröffnen. Verschiedene Vorschläge zur Reform des Investitionsgesetzes liegen in der Schublade, bis jetzt wurde aber kein neuer Vorschlag im Parlament diskutiert.

Die staatlichen Subventionen, vor allem für Energie und Kraftstoffe, fressen regelmäßig Milliardenlöcher in den tunesischen Haushalt. Das System so zu reformieren, ohne dass Bedürftige darunter leiden, ist eine große Herausforderung mit großer gesellschaftlicher Sprengkraft. Zaghafte Versuche wurden im Kleinen unter der Regierung Jomaa unternommen, allerdings scheuen sich alle Regierung seit 2011, das kritische Thema anzugehen. Die Reform der Alkoholsteuer, einer wichtige Einkommensquelle des Landes, sorgte 2016 für Diskussionen.

Der staatliche Mindestlohn wurde nach der Revolution von 225 auf 380 Dinar monatlich (umgerechnet knapp 150 Euro) angehoben. Dies genügt kaum, um den Lebensunterhalt einer Person zu decken, geschweige denn davon eine Familie zu ernähren. Laut einer aktuellen Untersuchung des Sozialministeriums leben rund 24% der Bevölkerung in Armut, d.h. sie leben von weniger als dem staatlichen Mindestlohn. Offiziell lag die Arbeitslosigkeit 2013 bei 15,7%, in einigen Gouvernoraten im Landesinneren jedoch wesentlich höher. Laut Angaben des tunesischen Statistikamtes liegt die Arbeitslosigkeit von Akademikern bei über 25% (2012). Größter Arbeitgeber ist der Staat, jedoch sollen in den nächsten Jahren tiefe Einschnitte im aufgeblähten Beamtenapparat vorgenommen werden. 

Die Inflationsrate lag 2017 bei über 6%, bei Nahrungsmitteln mit Ausnahme der subventionierten Güter noch deutlich höher.

Der Förderung der Wirtschaft und der Schaffung von Arbeitsplätzen kommt nach der Revolution große Bedeutung bei, da die politischen Ereignisse für einen deutlichen Einbruch der Wirtschaft gesorgt haben. Die Arbeitslosigkeit bleibt eines der dringendsten Probleme des Landes. Die tunesische Wirtschaft ist auch mehr als sieben Jahre nach dem Umbruch nicht besonders konkurrenzfähig. Das Finanzgesetz 2018 hatte zu Beginn des Jahres massive Proteste ausgelöst

Produkte und Produktionsweisen

Eines der wichtigsten Exportgüter ist Phosphat, welches im Bergbaugebiet in der Gegend um Gafsa abgebaut wird. Phosphat wird vor allem zur Herstellung von Dünger verwendet. Neben Phosphat werden auch Zink und Eisenerze gefördert. Die Phosphat- und Chemiewerke sind der wichtigste Arbeitgeber in der Region. Weitere wichtige Industriezweige sind die Textilherstellung und –verarbeitung und die Ölförderung, wobei Tunesien im Vergleich zu anderen Staaten der Region wie zum Beispiel Libyen und Algerien über nur geringe Ölvorkommen verfügt.
Die Landwirtschaft spielt in Tunesien nach wie vor eine große Rolle. Im Nordosten werden vor allem Getreide angebaut. Diese werden oft exportiert und im Gegensatz werden Getreide minderer Qualität reimportiert. Auf dem Cap Bon, der Halbinsel südöstlich von Tunis wachsen Früchte und Zitrusfrüchte, im Sahel werden vor allem Oliven angebaut. Ein Großteil des Olivenöls geht in den Export, wird aber meistens mit italienischem gemischt und kommt daher nur selten als tunesisches Öl auf den europäischen Markt. Seit einigen Jahren werden zunehmend Bio-Öle angebaut. Im Süden des Landes werden Datteln produziert. Die Besten gehen direkt in den Export, im Land selbst kommt nur zweite Ware auf den Markt.  Im Norden des Landes wird außerdem Wein angebaut, der vor allem für den lokalen Markt bestimmt ist.
Während in der Industrie auf moderne Arbeitsmethoden gesetzt wird, sind viele landwirtschaftliche Betriebe kleine Familienbetriebe, die nur wenig industrialisiert wird. Vor allem in der Olivenölproduktion setzen sich aber zunehmend maschinelle Ernte durch.
Rund 350 000 Menschen sind direkt im Tourismus beschäftigt, noch einmal 350 000 sind indirekt davon abhängig (zum Beispiel Hersteller von Kunsthandwerk, Souvenirhändler und Gastronomen). Dies macht mehr als 20% der arbeitenden Bevölkerung aus. Einnahmen aus dem Tourismus betragen rund 7% des BIP. Nach den Anschlägen in Tunis und Sousse im Jahr 2015 erlebt der Sektor jedoch einen massiven Einbruch. Rund die Hälfte der tunesischen Hotels war zum Jahresende 2015 geschlossen. Allerdings tragen nicht nur die Sicherheitslage, sondern auch veraltete Strukturen zum Einbruch des Tourismus bei.

Die Mine von Jerissa im Winter [Foto: Wikimedia Commons, Naimi Imed, public domain]
Im Südwesten des Landes werden am meisten Bodenschätze abgebaut [Foto: Wikimedia Commons, Naimi Imed, public domain]

Handel

Mit der zunehmenden Liberalisierung der Wirtschaft einhergehend verabschiedet Tunesien 1993 einheitliche Investitions-Richtlinien. Seitdem haben sich mehr als 1500 export-orientierte Joint Ventures im Land angesiedelt. Sie profitieren von der Nähe zu Europa und vergleichsweise niedrigen Löhnen. Sie genießen zehn Jahre lang Steuerfreiheit, dürfen allerdings derzeit nur 10% ihrer Erzeugnisse im Land selbst verkaufen, was immer wieder, zum Beispiel bei Verpackungsmaterial zu unnötigen Exporten und Reimporten führt. 2016 wurde ein neues Investitionsgesetz verabschiedet, dass Investitionen erleichtern und Bürokratie abbauen soll. Die nach wie vor bestehende Steuerfreiheit für Offshore-Firmen soll ausländische Investoren anlocken, wird jedoch sowohl von einigen tunesischen Ökonomen als auch der EU kritisiert.  

Die engsten Handelsbeziehungen unterhält Tunesien zu Europa. Exportiert werden vor allem Textilien, landwirtschaftliche Erzeugnisse, Phosphat und Chemikalien sowie elektronische Geräte. Das Exportvolumen lag 2015 bei geschätzt 14,74 Milliarden $ US. Hauptabnehmer sind Frankreich mit gut einem Viertel des Exportvolumens, Italien, Deutschland und Libyen. Ähnlich sehen die Zahlen beim Import aus. Knapp ein Drittel der Importgüter kommt aus Frankreich, gefolgt von Italien, Deutschland und Spanien. Importiert werden neben Textilien vor allem Maschinen, Chemikalien, Energie und Lebensmittel. Der Import lag 2015 bei geschätzten 19,42 Milliarden $ US. Trotz einer positiven Entwicklung der Exporte in den letzten Monaten bleibt die Handelsbilanz Tunesiens jedoch negativ. 

Die Krise im Nachbarland Libyen hat massiven Einfluss auf die Wirtschaft Tunesiens, so eine Studie der Weltbank.

Derzeit verhandelt die tunesische Regierung mit der EU über eine Ausweitung des Handelsabkommens (ALECA), die weitreichende Auswirkungen auf die tunesische Wirtschaft zur Folge hätte.

Tunesien verfügt über eine Börse in Tunis, die von einer staatlichen Aufsichtsbehörde kontrolliert wird. An der Börse sind knapp 60 Firmen gelistet. Die Regierung bietet Firmen, die an der Börse notiert sind, Steuervorteile an.

Deutsch-tunesische Handelsbeziehungen

Rund 250 deutsche Unternehmen und solche mit deutscher Beteiligung bestehen in Tunesien. Sie stellen rund 50 000 Arbeitsplätze, vor allem im Bereich Elektrotechnik und Textil. Die Direktinvestitionen in Tunesien lagen 2017 bei rund 26 Mio. Euro, der Wert der Exporte bei rund 9,9 Mio. Euro. Exportiert wurden hauptsächlich Maschinen, Autos und Autozubehör. Im gleichen Jahr importierte Deutschland aus Tunesien für rund 795 Mio. Euro Textilien, Erdöl, Elektrotechnik und andere Produkte.

Auswirkungen der Revolution auf die tunesische Wirtschaft

Die Revolution hat massiven Einfluss auf die tunesische Wirtschaft. Viele ausländische Investitionen blieben trotz eigentlich positiver Rahmenbedingungen wegen der zunächst instabilen Sicherheitslage und unklarem politischen Fortgang aus, der Tourismus brach ein und viele tunesische Firmen werden seit Januar 2011 regelmäßig bestreikt, einige Fabriken stehen seit Monaten still. Der volkswirtschaftliche Verlust wurde allein im ersten Quartal 2011 auf 2,6 Mrd Euro geschätzt. Auch fünf Jahre nach dem Umbruch konnte die Wirtschaft von den neuen Rahmenbedingungen kaum profitieren. Das Wirtschaftswachstum ist seit dem Umbruch eingebrochen. 2015 lag die Wachstumsrate bei rund 0,5% und stieg bis 2017 auf 2% Wirtschaftswachstum.

Die Unternehmen, die der Familie des gestürzten Präsidenten gehören, wurden von der Übergangsregierung enteignet und Treuhändern übergeben. Langfristig sollen diese wieder privatisiert werden. Wertgegenstände, die in den konfiszierten Villen der Präsidentenfamilie gefunden wurden, werden seit Dezember 2012 versteigert, allerdings liegen die Erlöse niedriger als zunächst erhofft. 2015 sorgte ein Gesetzentwurf zur Straffreiheit für korrupte Geschäftsleute der Ben Ali-Ära für Aufregung. Kritiker werfen der Regierung vor, damit die Wahrheitskommission zu sabotieren, die eigentlich auch für die Aufarbeitung für Wirtschaftsverbrechen zuständig ist.  

Neben den deutlichen Einbußen bietet die tunesische Revolution langfristig der tunesischen Wirtschaft aber auch Chancen. So fallen die Quasi-Monopole des Präsidentenclans weg, und ausländische Investoren, die auf Grund mangelnder Rechtssicherheit davor zurückschreckten, in Tunesien zu investieren, oder von der Regierung davon abgehalten wurden, beginnen jetzt, sich auf dem Markt niederzulassen. Allerdings bleiben die bereits in Tunesien ansässigen deutschen Unternehmen dem Land trotz der schwierigen politischen Lage treu, wie eine Untersuchung der Deutsch-tunesischen Handelskammer zeigt. 

Die politischen Ereignisse in Libyen wirken sich ebenfalls auf die Wirtschaft des Nachbarlandes aus und stellen Tunesien vor zusätzliche Herausforderungen, wie ein Bericht der Afrikanischen Entwicklungsbank darlegt. Mit einer Inflation von 6%, massiver Auslandsverschuldung, sinkenden Devisenreserven und steigenden Lebensmittelpreisen rutscht Tunesien seit 2012 immer stärker in die Krise. Das Land ist zunehmend von Krediten internationaler Organisationen wie zum Beispiel des Internationalen Währungsfonds abhängig. Dies stößt bei der Bevölkerung vielfach auf Kritik. Gleichzeitig verschulden sich die tunesischen Privathaushalte zunehmend. 

Zugenommen hat seit 2011 der wirtschaftliche Einfluss der Golftstaaten auf Tunesien. 

Entwicklung und Entwicklungspolitik

Armut und Armutsbekämpfung

Die Lebenssituation der Bevölkerung hat sich in Tunesien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Strom und fließend Wasser erreichen fast die ganze Bevölkerung. Steigende Arbeitslosigkeit und regionale Unterschiede in der Wohlstandsverteilung sind allerdings nach wie vor große Entwicklungshindernisse. Rund zwei der elf Millionen Einwohner sind arm (2011; die offiziellen Zahlen vor dem 14.Januar lagen bei 3-4%), mehr als 600 000 arbeitslos. In einigen Regionen und Berufen liegen die Zahlen noch weit darüber. Die tunesische Bevölkerung ist sehr jung (mehr als die Hälfte ist unter 30 Jahre alt), so dass Armut und Arbeitslosigkeit gerade die junge Bevölkerung sehr stark treffen. Generell sind Armut und Arbeitslosigkeit auf dem Land stärker verbreitet als in den Städten, allerdings haben viele Familien auf dem Land durch Landwirtschaft in kleinen Rahmen oft noch ein (wenn auch sehr geringes) nicht deklariertes Nebeneinkommen.  

Ziegenhirte [Foto: Wikimedia Commons, Priit Kallas, public domain]
Vor allem die Landbevölkerung leidet unter Armut [Foto: Wikimedia Commons, Priit Kallas, public domain]

Nationale Entwicklungsanstrengungen

Nach wie vor gibt es in Tunesien große Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land (Foto: public domain CC0)
Nach wie vor gibt es in Tunesien große Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land (Foto: public domain CC0)

Die tunesische Übergangsregierung hatte 2011 ein kurzfristig angelegtes Notfallprogramm verabschiedet, um die Wirtschaft zu stärken und die unmittelbaren Folgen der Revolution zu mildern sowie die Armut vor allem in den Regionen zu mildern. Neben der Einstellung von 20 000 jungen Arbeitslosen im öffentlichen Dienst übernimmt die Regierung bei Neueinstellungen in Unternehmen die Sozialabgaben für die Arbeitnehmer. Zur Stärkung der Regionen wurden rund 250 Millionen Dinar zur Verfügung gestellt, außerdem sollen Familien, die unter der Armutsgrenze leben, besser unterstützt werden. Allerdings werden viele der vorhandenen Entwicklungsgelder nicht ausgegeben

Das tunesische Prestigeprojekt zur Armutsbekämpfung war unter der Regierung Ben Ali der Nationale Solidaritätsfonds (Fond de solidarité nationale), besser bekannt unter dem Namen 26-26 (der Nummer des Postbankkontos des Fonds). Dieser Fonds, der 1992 eingesetzt wurde, dient der Armutsbekämpfung im Landesinneren. Nach offiziellen Angaben kamen zwischen 1993 und 2007 mehr als 850 Millionen Dinar zusammen, mit denen unter anderem Straßen gebaut wurde, die Trinkwasser- und Stromversorgung verbessert und Behinderteneinrichtungen und Sozialwohnungen gebaut wurden. Obwohl eigentlich freiwillig wurden Firmen gezwungen, pro Angestellten Abgaben an den Fonds zu zahlen. Es handelt sich also quasi um eine versteckte Steuer. Die Entscheidung über die zu fördernden Projekte lag alleine in der Hand des Präsidenten, eine parlamentarische Kontrolle fand nicht statt und die offiziellen Zahlen sind nicht zu überprüfen. Es ist daher davon auszugehen, dass weite Teile des Fonds direkt in das Privatvermögen der Präsidentenfamilie flossen. Die tunesische Übergangsregierung hat den Fonds dem Sozialministerium zugeordnet.
Zur Ergänzung von 26-26 gründete die Regierung im Jahr 1997 die Tunesische Solidaritätsbank, die dem Finanzministerium und der Tunesischen Zentralbank unterstellt ist, welche Mikrokredite vergibt und Jungunternehmer unterstützt. Nach eigenen Angaben hat sie in den ersten zehn Jahren ihrer Existenz mehr als 400 000 Projekte von Jungunternehmern unterstützt.

Eine internationale Geberkonferenz brachte im September 2014 Vertreter verschiedener internationaler Regierungen und Institutionen zusammen. Tunesien stellte dort 22 Infrastruktur-Projekte mit einem Projektvolumen von rund 12 Milliarden Dinar vor, für die die Regierung um Finanzierung wirbt. "Tunisia 202", eine weitere Konferenz im November 2016, brachte Zusagen über 34 Milliarden Dinar ein.   

Ausländische Entwicklungsanstrengungen

Die Webseite des Ministeriums für Planung und Internationale Zusammenarbeit bietet einen Überblick über die tunesischen Entwicklungsanstrengungen und (unter „Coopération Financière“) Überblick über laufende Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und bestehende Abkommen mit Geberorganisationen und -staaten.
Sehr aktiv ist in Tunesien das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP). Es konzentriert sich auf drei Bereiche: Armutsbekämpfung und Millennium Development Goals, Demokratie und Governance sowie Energieversorgung und Umweltschutz. Tunesien kooperiert außerdem eng mit der Europäischen Union, mit der Tunesien seit 1995 assoziiert ist. Auch die Weltbank finanziert diverse Projekte in Tunesien.
Die Afrikanische Entwicklungsbank unterstützt in Tunesien vor allem Infrastrukturprojekte. Sie hat außerdem nach der Revolution Sondermittel zur Verfügung gestellt. Auch verschieden arabische Staaten vor allem aus der Golf-Region und der Arabische Entwicklungsfonds sind mit verschiedenen Projekten in Tunesien tätig.
Die Europäische Union hat mit Tunesien eine privilegierte Partnerschaft vereinbart, die sich vor allem im wirtschaftlichen Bereich auswirkt. Seit dem Umbruch 2011 sind mehr als eine Milliarde Euro nach Tunesien geflossen, deren Verwendung jedoch nicht immer nachhaltig war, so ein Bericht des Rechnungshofes. Zwei Abkommen Tunesiens mit dem Internationalen Währungsfonds, die weitreichende Veränderungen vor allem im Bereich der staatlichen Subventionspolitik und in der Reform des Finanzsektors vorsehen, sind in Tunesien durch alle politischen Lager hinweg umstritten. Kritiker fürchten eine zu starke Abhängigkeit des Landes von internationalen Gebern.  

Deutsch-tunesische Entwicklungszusammenarbeit

Das BMZ fördert in Tunesien diverse Projekte. Die Projekte der deutsch-tunesischen Zusammenarbeit, die sich auf die Bereiche Umweltschutz, Wirtschaftsförderung sowie Demokratieförderung konzentrieren, werden von GIZ und KfW durchgeführt. Im Rahmen eines Sonderprogramms zur Demokratieförderung in der Region fördert Deutschland Projekte zur Demokratisierung, zur Weiterbildung junger Erwachsener und zur Wirtschaftsförderung sowie zur verstärkten Kooperation im Hochschulbereich. Im Juni 2012 wurde ein Abkommen zur Schuldenumwandlung unterzeichnet. Im erste Abschnitt wurden 30 Millionen Euro in Entwicklungsprojekte im Bereich Wasser- und Abfallmanagement in ländlichen Regionen investiert. 

Neben staatlichen Institutionen sind außerdem verschiedene politische Stiftungen in Tunesien tätig:
Friedrich-Ebert-Stiftung
Konrad Adenauer-Stiftung
Friedrich Naumann-Stiftung
Hanns Seidel-Stiftung (Maghreb)
Heinrich Böll-Stiftung
Rosa-Luxemburg-Stiftung

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2018 aktualisiert.

Die Autorin

Sarah Mersch ist freie Journalistin und Trainerin und arbeitet unter anderem für verschiedene ARD-Anstalten, die Deutsche Welle und Online- und Printmedien. Sie lebt zwischen Deutschland und Tunesien. Seit 2011 ist sie Landestrainerin für Tunesien bei der GIZ - Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) in Bonn.


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