Unabhängigkeitsmonument in Aschgabad. (© Hendrik Meurs)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
99% (2016)
Bedeutende Religionen
Sunnischer Islam 90%; Russisch-Orthodox ca. 2-8%
Städtische Bevölkerung
ca. 50%
Lebenserwartung (m/w)
61 / 70 (Rang 129 von 186)
Gender Inequality Index
Nicht ermittelt
Anzahl der Geburten
2,1 / Frau (geschätzt, 2016)
Kindersterblichkeit
zwischen 51 und 72/1000 Lebendgeburten (5,1-7,2%)

4.1 Gesellschaftsstruktur

Makrosoziale Struktur
Die turkmenische Bevölkerung lebt etwa zur Hälfte auf dem Land und zur Hälfte in Städten. Wesentlich bedeutsamer als der Unterschied zwischen Stadt und Land sind jedoch nach wie vor die Zugehörigkeiten zu den turkmenischen Stämmen. Die Herkunft spielt eine derart wichtige Rolle, dass die allermeisten Turkmenen ihren Stammbaum über mindestens drei, meist vier oder fünf Generationen auswendig kennen und jederzeit erläutern können. Die Unterschiede zwischen den Stämmen manifestieren sich äußerlich beispielsweise in verschiedenen Kleidungsstücken, Teppichmustern und Dialekten. Dabei besteht die Bevölkerung Turkmenistans nicht ausschließlich aus Turkmenen.

Minderheiten
Zwar ist Turkmenistan ethnisch homogener als die übrigen zentralasiatischen Republiken, gleichwohl finden sich auch hier einige größere ethnische Minderheiten. Neben den etwa 80 bis 90 % Turkmenen bilden in Folge der Grenzziehung zu Beginn der 1920er Jahre die Usbeken nach wie vor eine starke Minderheit (gegenwärtig zwischen 6 und 9% der Gesamtbevölkerung, lokal über 70% und nach offiziellen Angaben weniger als 4,5%). Nahezu alle Usbeken leben entlang des Amu Darja im Norden des Landes und hier vorwiegend in der fruchtbaren Chorasam-Oase.

Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit waren zudem etwa 10% der Bevölkerung des Landes russischer Herkunft. Inzwischen ist deren Anteil allerdings auf weniger als 5% gesunken - nach einigen Angaben sind gegenwärtig sogar weniger als 1,5% der Bevölkerung russischstämmig. Die verbliebenen Russen leben größtenteils in der Hauptstadt.

Daneben finden sich in einigen Dörfern im Süden des Landes paschtunische und verschiedene iranische Bevölkerungsgruppen (darunter im Südosten zwei Siedlungen mit Aimaken), in der Umgebung von Mary drei Dörfer mit einer nennenswerten belutschischen Bevölkerungsminderheit und in der Stadt Turkmenbaschi Armenier. Der Anteil dieser Gruppen an der Gesamtbevölkerung des Landes liegt allerdings unter einem Prozent.

Im Zuge der Nationalisierungspolitik regte Präsident Berdimuhamedow die gezielte Umsiedlung (s. Geschichte und Staat, Internationale Behiehungen) tausender Usbeken aus den angestammten grenznahen Oasensiedlungen in weiter südlich gelegene Wüstenregionen an. Diese offiziell als Neulandgewinnung dargestellte Maßnahme wurde international scharf verurteilt. Gleichwohl werden derartige Maßnahmen bis in die Gegenwart weiter verfolgt. Minderheitenrechte werden in Turkmenistan nur dann (vorübergehend) geachtet, wenn diese Achtung für den Staat von unmittelbarem Interesse ist. Grundsätzlich besteht kein verlässlicher Schutz für religiöse, ethnische und sonstige Minderheiten und größtenteils werden diese von staatlicher Seite aktiv marginalisiert und diskriminiert.

Die Staatssprache, das Turkmenische, wird von der turkmenischen Bevölkerungsmehrheit sowie den kleinen Minderheiten gesprochen, während vor allem die russische und usbekische Minderheit zumindest im Privaten weiterhin ihre jeweiligen Sprachen sprechen und größtenteils des Turkmenischen auch gar nicht mächtig sind. Umgekehrt verfolgt die Regierung eine strikt auf das Turkmenische ausgerichtete Sprachenpolitik. So werden andere Sprachen an den Schulen beispielsweise gar nicht mehr oder nur noch in sehr begrenztem Umfang gelehrt. Zudem müssen Inhaber offizieller Ämter ihre Fähigkeit zur fließenden Unterhaltung im Turkmenischen nachweisen.

Stammespolitik
Den für die Machtpolitik der turkmenischen Regierung wichtigsten Stamm bilden die Akhal-Tekke. Diese Dominanz lässt sich bis in die Frühzeit der russischen Eroberung zurückverfolgen. Zuvor untereinander hierarchisch nicht gegliedert und in endlose teils sehr blutige Stammeskämpfe verwickelt, profitierten die Akhal-Tekke davon, dass die Provinz- und spätere Republikhauptstadt Aschgabad in ihrem Stammesgebiet gegründet wurde. Zwar bemühte sich die Sowjetregierung im Sinne einer paritätischen Postenvergabe um die Berücksichtigung aller Stämme. Tatsächlich wurde diese Parität nie erreicht. Zwischen 1948 und 1991 stammten etwa 50% aller Parteisekretäre, Vorsitzenden des Ministerrates und Vorsitzenden des Obersten Sowjets aus der Provinz (Welayat) Akhal - und damit größtenteils aus dem Stamm der Akhal-Tekke.

Verstärkt wurde diese Dominanz seit der Unabhängigkeit dadurch, dass der letzte Vorsitzende des Obersten Sowjets und erste Präsident Turkmenistans, Saparmurad Niyazov, ebenfalls ein Akhal-Tekke war. Bei seiner Postenpolitik ließ sich eine klare Bevorzugung der Akhal-Tekke erkennen. Entgegen der offizielle Rhetorik von der Einheit der turkmenischen Nation kommt hierin ein deutliches Bewusstsein um die Vorrangstellung tribaler Identitäten zum Ausdruck. Allerdings setzte Präsident Niyazov zumindest in Teilen auch auf Mitglieder anderer Stämme.

Auch Präsident Berdimuhamedow gehört zum Stamm der Akhal-Tekke und bevorzugt diese bei der Postenvergabe. Dabei übergeht er die übrigen Stämme noch deutlicher als sein Vorgänger. Bereits während seiner ersten Amtsjahre besetzte er nahezu alle Positionen innerhalb des Regierungssystems mit Angehörigen der Akhal-Tekke und entmachtete hierzu die noch verbliebenen Angehörigen anderer Stämme. Besonders deutlich ist dies am Öl- und Gassektor zu erkennen, der zur Sowjetzeit und unter Präsident Niyazov weitgehend von Angehörigen der südlichen Yomut verwaltet wurde. Diese konnten so über Jahrzehnte mächtige Patronagenetzwerke aufbauen, die Präsident Niyazov zur Stabilisierung seiner Macht einzubinden wusste. Präsident Berdimuhamedow setzte auch hier eine Akhalisierung durch, die ihren Abschluss in der Entmachtung des Ministers für Öl- und Gasreserven fand. Dieser wurde durch einen Akhal-Tekke ersetzt. Demonstrativ ließ Präsident Berdimuhamedow zugleich die Firmenzentrale des staatlichen Öl- und Gasunternehmens Turkmennebit aus der Provinz Balkan (dem Stammesgebiet der südlichen Yomut) nach Aschgabad verlegen. Die eindeutige Bevorzugung der Akhal-Tekke ist derart offensichtlich geworden, dass die Geschäftsträgerin der us-amerikanischen Botschaft ihn als "Akhal-Tekke Nationalisten" bezeichnet. Diesbezüglich wird der Präsident mit den Worten zitiert, dass die einzig wahren Turkmenen dem Stamm der Akhal-Tekke angehören. Aufgrund dieser Politik werden die Einnahmen aus den turkmenischen Gasexporten inzwischen fast ausschließlich innerhalb von akhal-tekke internen Patronagenetzwerken verteilt. Diese einseitige Bevorzugung hat über Jahrzehnte unterdrückte Rivalitäten zwischen den Stämmen wieder aufbrechen lassen und birgt für die Zukunft erhebliches Gefahrenpotenzial bezüglich der Aufrechterhaltung des Friedens innerhalb des Landes.

Soziale Sicherung
Turkmenistan verfügt nur in Ansätzen über ein funktionierendes Netz der sozialen Sicherung. Beispielsweise existiert zwar ein Rentensystem. Auf die Höhe der Bezüge ist allerdings kein Verlass, da diese jederzeit auf einfache präsidiale Anordnung individuell oder für ganze Bevölkerungsgruppen gestrichen, reduziert und wieder erhöht werden können. Hierbei zeigt sich allerdings, dass selbst die mit mit Großmut angekündigten Erhöhungen der vergangenen Jahre durchweg niedriger ausfielen, als die jeweiligen jährlichen Inflationsraten. 

Ein Sozialsystem im klassischen Sinn des Wortes ist in Turkmenistan nicht vorgesehen. Aus Ausgleich hierfür wurden in Form einer Art paternalistisch-patrimonialer Sozialpolitik bis zum Jahr 2017 zahlreiche Dienstleistungen, Brennstoffe und Nahrungsmittel der Grundversorgung subventioniert. Diese waren für die Bevölkerung entweder kostenlos oder mit lediglich symbolischen Preisen belegt. Trotz der hierüber erkauften Herrschaftslegitimation wurden diese Subventionen in Anbetracht der erheblichen hiermit verbundenen Kosten bereits seit den letzten Regierungsjahren Nijasows sukzessive und teils drastisch reduziert. Insbesondere für die ärmere Bevölkerung des Landes (das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 175 Euro) sind die Lebenshaltungskosten infolgedessen deutlich gestiegen.

Zu den für Turkmenen kostenlosen Gütern und Dienstleistungen gehörten unter anderem:

- Salz

- Elektrizität
  vor 2012: unbegrenzt
  seit 2012: 35 kWh pro Person und Monat
  2013 - 2017: 25 kWh pro person und Monat

- Trinkwasser (Leitungswasser oder Wasser aus Tankfahrzeugen)

- Brenngas
  bis 2015: unbegrenzt kostenlos
  2015 - 2017: 50 Kubikmeter pro Person und Monat kostenlos, darüber hinaus: 6,25 € / 1000 Kubikmeter (zum Vergleich: Gasprom zahlt gegenwärtig 226 € pro 1000 Kubikmeter turkmenisches Gas)

- Abwasser / Müllentsorgung

Zu den mit oft nur symbolischen Preisen belegten hochsubventionierten Gütern und Dienstleistungen gehören unter anderem:

- Getreide
Aus turkmenischer Landwirtschaft. Der Preis wird staatlich festgelegt und ist je nach Verfügbarkeit deutlichen Schwankungen unterworfen. Seit dem Jahr 2011 ist der Preis deutlich gestiegen. Preisentwicklung für ein Kilo turkmenisches Getreide (ungeschält) im Juli des jeweiligen Jahres:
2011: 0,14 €
2012 - 2017: 0,28 €

- Brot
Aus turkmenischer Landwirtschaft und staatlichen Bäckereien. Der Preis wird staatlich festgelegt und schwankt teils deutlich. Seit dem Jahr 2010 stieg der Preis um mehr als 700 %. Preisentwicklung für ein Fladenbrot aus staatlicher Bäckerei:
2010: 0,09 €
2011: 0,28 €
2012: 0,44 €
2014: 0,50 €
2015 - 2017: 0,70 €

Benzin und Diesel
Bis zum Jahr 2007 lag der Ausgabepreis an den Tankstellen bei deutlich weniger als einem Cent pro Liter. Im Zug eine deutlichen Preiserhöhung wurden nicht personalisierte Bezugsgutscheine zum kostenlosen Bezug von bis zu 120 Liter Treibstoff pro Person und Monat eingeführt. Diese wurden im Jahr 2012 teilweise abgeschafft, während zugleich der Preis für Treibstoff vorübergehend wieder deutlich gesenkt wurde. Im Jahr 2013 stieg der Preis abermals an. Weitere Preiserhöhungen und die endgültige Abschaffung der Gutscheine folgten in den Jahren 2014 und 2015
Preisentwicklung für einen Liter Treibstoff (Diesel oder Benzin):
2006: < 0,01 €
2007:    0,02 €
2007:    0,08 € (120 Liter kostenlos pro Person und Monat)
2008:    0,10 € (120 Liter kostenlos pro Person und Monat)
2010:    0,15 € (120 Liter kostenlos pro Person und Monat)
2011:    0,17 €
2012:    0,10 € (120 Liter kostenlos pro Person und Monat unter strengen Bedingungen)
2014:    0,15 €
2015:    0,30 €
2017:    0,75 €

Urbanisierung
Mit Stand Sommer 2015 leben etwa 49% der turkmenischen Bevölkerung in städtischen Verdichtungsräumen, etwa 51% im ländlichen Bereich.

Sprachen
Die einzige Amtssprache des Landes ist das Turkmenische, das nach offiziellen Angaben von 86 bis 95 % der Bevölkerung muttersprachlich gesprochen wird. Allerdings kann angenommen werden, dass die Prozentangabe - basierend auf dem jüngsten turkmenischen Zensus von 2012 - den tatsächlichen Wert überschätzt, da Angehörige von Minderheiten aufgrund ihrer systematischen Diskriminierung dazu neigen, ihre tatsächliche ethnische Zugehörigkeit zugunsten des Turkmenischen zu verschleiern.

Obgleich im Amtsgebrauch offiziell verboten und an Schulen nur noch in sehr reduziertem Umfang unterrichtet, bleibt das Russische in vielen Bereichen die wichtigste Verständigungssprache. Allerdings sinkt dessen Bedeutung kontinuierlich. Die nach 1980 geborenen Bevölkerungsgruppen sind der Sprache - wenn überhaupt - zumeist nur noch eingeschränkt mächtig. Zugleich schrumpft der Anteil der muttersprachlich Russisch lernenden Bevölkerung nach wie vor. Unter anderem als Folge jahrzehntelanger Ausgrenzung und Marginalisierung liegt der Anteil der einst starken russischen Minderheit inzwischen nach offiziellen Angaben bei 2 bis 5 %. Aufgrund der engen Verwandtschaft des Turkmenischen mit dem Türkischen ist es daher inzwischen zumeist einfacher, mit Turkmenen hierüber in Kontakt zu kommen als über das Russische.

Von lediglich regionaler Bedeutung sind zudem das von den entsprechenden Minderheiten gesprochene

Usbekische (6 - 9 % muttersprachlich, entlang des Amu-Darja sowie in der Region Dashogus und in den für umgesiedelte Usbeken errichteten Siedlungen in der Wüste),

Kasachische (weniger als 0,5 % muttersprachlich, in der Steppenregion im Grenzgebiet zu Kasachstan im Nordwesten des Landes),

Persische (weniger als 0,5 % muttersprachlich, im Südwesten, Südosten und von vereinzelten aus Iran re-immigrierten Familien) sowie das

Armenische (weniger als 0,5 % muttersprachlich, in den Küstenregionen im Westen, vor allem in Turkmenbaschi).

In einzelnen Dörfern im Südosten wird Paschtunisch gesprochen.

Die weiteren in Turkmenistan gesprochenen Sprachen sind Aserbaidschanisch, Tatarisch, Belutschisch und Ukrainisch (zusammen weniger als 0,5 %). Im Jahr 2006 lebten noch etwa 250 Volksdeutsche in Turkmenistan. Für das Jahr 2015 wird angenommen, dass diese Zahl auf unter 50 gefallen ist.

Ethnolinguistische Verteilung Zentralasiens. (Gemeinfrei nach Titel 17, Kapitel 1, Sektion 105 des US Code).
Ethnolinguistische Verteilung Zentralasiens. (Gemeinfrei nach Titel 17, Kapitel 1, Sektion 105 des US Code).

4.3 Das Gesundheitssystem

Gesundheitsministerium in Aschgabad. (© Hendrik Meurs)
Gesundheitsministerium in Aschgabad. (© Hendrik Meurs)

In Folge einer Reihe ausgesprochen problematischer Reformen und Alltagspraktiken, die auf Veranlassung des damaligen Gesundheitsministers Bedimuhamedow bereits unter Präsident Niyazov eingeführt wurden und bis in die Gegenwart unverändert gültig sind, steht das turkmenische Gesundheitssystem entgegen offizieller Bekundungen am Rande des Zusammenbruchs - oder ist nach Meinung einiger Beobachter bereits faktisch zusammengebrochen. Insbesondere seit der Schließung sämtlicher Krankenhäuser außerhalb der Hauptstadt unter Präsident Niyazov im Jahr 2005 hat sich die Situation nicht mehr substanziell verbessert. Seit 2005 dringen immer wieder (von der Regierung dementierte) Berichte über regionale Ausbrüche der Beulenpest aus dem Land. Generell wird angenommen, dass die tatsächliche Situation im Land deutlich dramatischer ist, als dies in den offiziellen Verlautbarungen dargestellt wird. Dementsprechend gilt das Land inzwischen geradezu als ein Paradebeispiel für die Auswirkungen autoritärer Herrschaft auf das Gesundheitswesen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO gehört Turkmenistan zu den 30 Ländern mit dem schlechtesten Ärzte/Einwohner Verhältnis weltweit. Zugleich wird Turkmenen der Besuch ausländischer Krankenhäuser erschwert und seit 2012 oft gänzlich untersagt. In keinem Land der Welt ist der durchschnittliche Gesundheitszustand bei Erreichen des 60. Lebensjahres schlechter. Die durchschnittliche Lebenserwartung wird nach Kambodscha und Afghanistan als drittniedrigste Asiens und zugleich die niedrigste unter allen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion angegeben. Allerdings versprach Präsident Berdimuhamedow im Sommer 2012, die Lebenserwartung auf 85 Jahre anzuheben. Unabhängig davon, ob bezüglich der Säuglingssterblichkeit die offiziellen Angaben von 3,4%, die Angaben unabhängiger Datenverwerter mit 4,3% oder die Angaben der USAID mit 7,4% hinzugezogen werden, steht fest, dass die Säuglingssterblichkeit in Turkmenistan die mit Abstand höchste aller Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist, in jedem Fall außerordentlich hoch und je nach Quellengrundlage sogar eine der höchsten weltweit.

Die hygienische Situation in den wenigen verbliebenen Kinderkrankenhäusern und Krankenhäusern mit Kinderstationen wird seit mehr als einem Jahrzehnt als unverändert katastrophal bezeichnet. In weiten Teilen vertraut die Bevölkerung bei der Bekämpfung von Krankheiten - auch bei Säuglingen und Kleinkinder - auf traditionelle Methoden und hierbei insbesondere auf Aufgüsse, Tees und andere Zubereitungsformen örtlicher Kräuter sowie Gebete. Nicht zuletzt aus diesen Gründen sieht die Humanium, eine NGO zur Beobachtung und Unterstützung der Beachtung von Kinderrechten in Turkmenistan eine "schwierige Situation".

Die Jahresausgaben des turkmenischen Gesundheitswesens liegen mit 78 US-$ pro Einwohner im globalen Vergleich im unteren Mittelfeld. Allerdings fließt der größte Teil dieser Ausgaben in prestigeträchtige Neubauten. Insbesondere weitete Präsident Berdimuhamedow das bereits unter Präsident Niyazov initiierte Programm zur Errichtung zahlreicher neuer Kliniken deutlich aus.
Diese hochmodernen und opulent dekorierten Kliniken erfahren bislang keine nennenswerte Nutzung und nach Angaben der Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen ist das Personal im Umgang mit den (oft sehr teuren, neuen) Geräten nicht geschult und verfügt über keinerlei Routine im Umgang mit diesen. Zudem mangelt es an technischer Instandhaltung und Ersatzteilen sowie den Kapazitäten und Fähigkeiten zur Behebung von Problemen. Ohne wesentlichen medizinischen Nutzen sind diese zahlreichen Neubauten zugleich eine erhebliche Belastung für den Haushalt des turkmenischen Gesundheitswesens. Der Zweck liegt nach Angaben der Organisation vor allem darin, mittels Großbauten das Prestige der Hauptstadt aufzuwerten sowie Internationalität und Modernität zu simulieren. Zudem lässt sich der Gesundheitsetat durch einzelne teure Großprojekte wesentlich effizienter verwalten als durch ebenso teure aber deutlich komplexere Reformmaßnahmen und flächendeckende Modernisierungen. Entsprechend dieser Fehlallokation kommt nur ein kleiner Bruchteil der zu Beginn des Absatzes genannten Gesundheitsausgaben tatsächlich der Bevölkerung zugute.

Ursächlich für die gegenwärtige Situation des Gesundheitswesens sind vor allem die von Präsident Niyazov verabschiedete Reformen. Im Jahr 2004 verkündete Präsident Niyazov die Entlassung von etwa 15.000 Mitarbeitern des Gesundheitswesens. Die entlassenen Ärzte und Hebammen wurden teilweise durch Wehrdienstpflichtige ersetzt.

Im Jahr 2005 ordnete Präsident Niyazov die Schließung aller Krankenhäuser außerhalb der Hauptstadt an. Er wird diesbezüglich mit den Worten zitiert: "Wozu brauchen wir diese Krankenhäuser? Wenn Menschen krank werden, können sie nach Aschgabad kommen". Zugleich verkündete Präsident Niyazov den Neubau des Gesundheitsministeriums aus dem Etat des Gesundheitswesens (siehe Abbildung oben links).

Präsident Berdimuhamedow bezeichnet sein Land als generell frei von Infektionskrankheiten und hat daher ein bereits unter Präsident Niyazov informell eingeführtes Verbot der Diagnose von Infektionskrankheiten ausgeweitet. Verboten ist insbesondere die Diagnose von Cholera, Hepatitis (A, B und C), HIV, Masern, Milzbrand, Pest, Ruhr, Tuberkulose (TBC) und Typhus. In Folge dessen mangelt es nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen an Wissen um Ansteckungsprävention, ist ein generell unaufgeklärter Umgang des allgemein schlecht ausgebildeten Gesundheitspersonals mit infizierten Personen zu beobachten und erhalten Patienten weder die notwendige Betreuung noch die erforderliche Medikamentation. Hierdurch sinken auch bei vergleichsweise einfach zu behandelnden Krankheiten die Überlebens- und Heilungswahrscheinlichkeiten deutlich. Nach offiziellen Angaben ist es seit der turkmenischen Unabhängigkeit nur zu zwei HIV Neuinfektionen gekommen, davon keine seit der Amtsübernahme Präsident Berdimuhamedows. Die Regierung bezeichnet das Land daher als HIV-frei. Von unabhängigen Beobachtern werden diese Meldungen aufgrund der großen Zahl an Heroinabhängigen sowie vor dem generellen Hintergrund einer beschleunigten Ausbreitung von HIV in ganz Zentralasien als wenig plausibel eingeschätzt. Da aufgrund der Verbote seit über zehn Jahren auch TBC nicht mehr diagnostiziert wurde, bezeichnete Präsident Berdimuhamedow das letzte verbliebene Präventionszentrum für TBC als überflüssig und ordnete dessen Schließung an. Mit der gleichen Anordnung verkündete er auch die Schließung der nationalen Blutbank, eines Präventionszentrums für Geschlechtskrankheiten sowie eines auf Infektionskrankheiten spezialisierten Krankenhauses in Aschgabad.

Aufgrund dieser Maßnahmen bezeichnet die Organisation Ärzte ohne Grenzen das die Situation des turkmenischen Gesundheitswesen als katastrophal. Im Zentrum der Gesundheitspolitik stehen nach Angaben der Organisation nicht die Versorgung der Bevölkerung und die Bekämpfung von Krankheiten, sondern deren Verschleierung. Auf der anderen Seite betont die turkmenische Regierung mit großer Regelmäßigkeit den internationalen Standard ihres Gesundheitswesens. Prestigeträchtige Neubauten im Süden der Hauptstadt sollen vom hohen Niveau der turkmenischen Gesundheitsvorsorge zeugen. Präsident Berdimuhamedow inszeniert sich hierzu als Förderer der nationalen Gesundheit und demonstriert dabei auch seine persönlichen Fähigkeiten. Als er beispielsweise anlässlich des Tages des Gesundheitswesens im Süden von Aschgabad eine Krebsklinik eröffnete, trat der Präsident in einem Arztkittel auf und kündigte an, einem Patienten einen hinter dem rechten Ohr wachsenden Tumor entfernen zu wollen. Nach Angaben der turkmenischen Medien verlief die anschließend vom Präsidenten durchgeführte Operation erfolgreich und war symbolisch für dessen Qualifikationen und Sorge um die Gesundheit der Nation.

4.4 Kultur und Kulturpolitik

Die kulturelle Szene ist an den Bedürfnissen des Erhalts gegenwärtiger Machtstrukturen orientiert. Die gesamte kulturelle Landschaft ist staatlich organisiert und zentral gesteuert. Im Mittelpunkt stehen dabei folkloristische Tanz- und Gesangsveranstaltungen, patriotische Aufführungen und Massenspektakel. Präsident Niyazov bezeichnete zahlreiche kulturelle Einrichtungen als überflüssig und ließ diese daher verbieten. Verboten wurden neben dem Abspielen aufgezeichneter Musik bei öffentlichen Veranstaltungen und dem Playbacksingen insbesondere Ballett, Oper, Theater, Zirkus und Kino. Die entsprechenden Gebäude wurden teilweise geplündert und größtenteils zerstört.

Präsident Berdimuhamedow legalisierte diese Einrichtungen wieder, ordnete jedoch eine inhaltliche Orientierung an den staatlichen Vorgaben an. Beispielsweise sind die Kinos verpflichtet, den Schwerpunkt der wiedergegebenen Filme auf turkmenische Produktionen  zu legen. Aufgrund des begrenzten Angebots zeigt das Kino "Aschgabad" seit seiner Eröffnung im Jahr 2011 an jedem Abend in ständiger Wiederholung den Film "Turkmenistan, das paradiesische Land".

Die ebenfalls wiedereröffneten Theater erhielten vergleichbare Anordnungen. Stücke nicht turkmenischer Autoren werden kaum noch aufgeführt. Auf der anderen Seite wurde im Herbst 2012 ein von Präsident Berdimuhamedow verfasstes Buch mit dem Titel "Ein guter Name ist unauslöschlich" als Theaterstück uraufgeführt.

Auch der unter Präsident Berdimuhamedow neu eröffnete Zirkus dient vergleichbaren Zielen. Die Aufführungen fokussieren unter anderem auf die von Präsident Berdimuhamedow besonders geschätzten Akhal-Tekkiner Pferde. Entsprechend aufwändig wurde ein Zirkusbesuch des Präsidenten anlässlich einer solchen Aufführung inszeniert.

Ebenso dienen die turkmenischen Museen vornehmlich der Vermittlung einiger als traditionell turkmenisch bezeichneter Werte, der offiziellen Version der turkmenischen Geschichte sowie der Spezifika turkmenischer Kultur. Aus diesem Grund werden Ausstellungen von Künstlern (auch turkmenischer Herkunft) konsequent verhindert, sofern deren Kunstauffassung nicht derjenigen der turkmenischen Regierung entspricht.

Zu den geförderten Kunstrichtungen gehören beispielsweise die traditionelle Teppichknüpfkunst, das Schmuckhandwerk, traditionelle Web- und Knüpfkunst und die künstlerische Aufwertung traditioneller Kleidungsstücke mit traditionellen Mustern sowie in der Malerei die Darstellung der Akhal-Tekkiner Pferde, des Präsidenten und eine verklärend-glorifizierende harmoniebetonte Darstellung des traditionellen Lebens der Bevölkerung. Entsprechend vielfältig ist auf den turkmenischen Märkten das Angebot an Schmuck, Teppichen und Bildern von Akhal-Tekkiner Pferden.

Bücher und Buchmarkt
Und auch die Inhalte der in Turkmenistan erhältlichen Bücher orientieren sich an den ideologischen Vorgaben. Die Regierung kontrolliert den Druck sämtlicher Bücher und lässt lediglich solche Bücher zu, die entweder vom Präsidenten geschrieben, oder diesem gewidmet sind oder inhaltlich mit den Zielen der Regierung übereinstimmen. Entsprechend wurden seit der Unabhängigkeit keine Werke der Belletristik gedruckt. Lediglich in der Antiquariatsabteilung einer Buchhandlung an der Turkmenbaschi-Straße in Aschgabad sind noch einige Romane aus der Sowjetzeit erhältlich. Zudem finden sich auf dem ehemals Tolkutschka-Bazar (und teils unter diesem Namen noch bekannten) im Jahr 2011 eröffneten Bazar des Goldenen Zeitalters (Altyn Asyr Bazar) außerhalb von Aschgabad immer wieder Händler, die noch über einzelne Sachbücher und Romane aus der Sowjetzeit verfügen. Demgegenüber besteht eine große Auswahl an Büchern aus der Feder des Präsidenten, über das Leben und die Handlungen von Präsident Berdimuhamedow und Präsident Niyazov sowie Bildbände zu den Akhal-Tekke Pferden, traditionell turkmenischem Kunsthandwerk oder zur modernen Architektur der Hauptstadt. Im Oktober 2015 erschien erstmals ein von Berdimuhamedow verfasstes Gedicht.

Der Import ausländischer Bücher unterliegt strengen Regeln. Da ausländische Verlage aufgrund dieser Vorschriften auch anlässlich der turkmenischen Buchmesse in den vergangenen Jahren kaum in der Lage waren, Ausstellungsstücke ins Land zu bringen, nehmen diese seit 2009 zunehmend seltener an turkmenischen Buchmessen teil.

Weltkulturerbe
Entsprechend der Lage Turkmenistans im Einflussbereich historischer Großreiche sowie entlang der Seidenstraße, finden sich über das gesamte Land verstreut vielfältige Hinterlassenschaften vergangener Zeiten. Drei der herausrangendsten dieser Zeugnisse - die achämenidische Provinzhauptstadt Konye Urganch, die parthische Festungsstadt Nissa sowie die Ruinen Stadt Stadt Merv - wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt. Weitere Orte wurden zur Anerkennung bei der UNESCO eingereicht.

Sport

Die Tatsache, dass Turkmenistan als einziger Nachfolgestaat der Sowjetunion bei Olympischen Spielen bis heute noch keine Medaille gewinnen konnte darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sport in Turkmenistan eine bedeutende Rolle spielt. Insbesondere kennt Turkmenistan zahlreiche Formen des Ringwettkampfes und für jede der Formen zahllose Regeln und Unterarten. Ringwettkämpfe sind ebenso Bestandteil von Volksfesten, wie sie zu Hochzeiten und anderen Festlichkeiten aufgeführt und ausgetragen werden.

Zum Teil wohl auch um die dürftige Ausbeute bei Olympischen Spielen zu kompensieren, ließ der Präsident im Jahr 2017 die Asiatischen Indoor und Martial Arts Spiele ausrichten und ließ sich den zehntägigen Wettkampf geschätzte 7-10 Milliarden Euro kosten. Nachdem das Land bei den bisherigen Spielen dieser Art in der Nationenwertung keinen der vorderen Plätze belegen konnte, führte es die Wertung in Aschgabad am Ende mit weitem Abstand an. Im Sinne der nationalen Sportlichkeit als Beweis nationaler Kraft und Stärke feierte der Präsident die Spiele als einen Erfolg der turkmenischen Nation. Diesen Gedanken fortsetzend, inszeniert er auch sich selbst als einen in zahlreichen Sportarten herausragenden Athlethen.

Inzwischen gilt Fußball als die populärste Sportart des Landes, allerdings konnte das Land hier regional oder überregional noch keine bedeutenden Erfolge.

Das Länderinformationsportal

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zuletzt im November 2018 aktualisiert.

Über den Autor

© Hendrik Meurs
© Hendrik Meurs

Dr. Hendrik Meurs

hat nach seinem Studium der Geographie in Bonn und London am Lehrstuhl für Anthropogeographie in Heidelberg über die Politische Geographie Turkmenistans promoviert. Hierzu führten ihn zahlreiche teils längere Forschungs- und Arbeitsaufenthalte in sämtliche Länder Zentralasiens und dort insbesondere nach Turkmenistan. Seit 2012 ist er bei der GIZ Landestrainer für Turkmenistan und Länderredakteuer bei der AIZ.

Literaturhinweis

Eine umfangreiche und kontinuierlich weiter ergänzte, kommentierte Literaturliste finden Sie im Abschnitt Literatur (am Ende des Abschnitts zum Alltag).

Die GIZ-Literaturdatenbank weist derzeit einen Bestand von 22 Titeln mit Bezug zu Turkmenistan aus. 

Eine hervorragende Auseinandersetzung mit den turkmenischen Stämmen, mit dem Alltagsleben innerhalb der Stammesgesellschaften und mit der frühen sowjetzeitlichen Nationenpolitik innerhalb der Turkmenischen SSR:
Edgar, A. L. (2004): Tribal Nation: The Making of Soviet Turkmenistan. Pricenton University Press, Princeton.

Ausführliche Berichte und Analysen zur Religionsfreiheit in Turkmenistan:

- Institute for War and Peace Reporting I
(Druck auf religiöse Gruppen in Turkmenistan)

- Institute for War and Peace Reporting II
(Religionsfreiheit in Turkmenistan und Usbekistan)

- Open Society Foundation
(Ausführlicher Bericht zur Religionsfreiheit in Turkmenistan)

- Forum 18
(Hintergründe zum Vorgehen gegen Angehörige religiöser Minderheiten)

- Forum 18
(Aktuelle Version des "Religious Freedom Survey" - Januar 2017)

- Vereinte Nationen
(Bericht zur Religionsfreiheit - Januar 2017)

- OHCHR
(Bericht zur Religionsfreiheit - September 2012)

- OHCHR
(Ergänzungsbericht Folter auch gegen aus religiösen Gründen inhaftierte - November 2016)

- US-Außenministerium
(Ausführlicher Bericht zur Religionsfreiheit in Turkmenistan - Dezember 2017)

- OSZE
(Bericht zur Religionsfreiheit)

Hinweise für und Möglichkeiten zum längerfristigen Aufenthalt in Turkmenistan (bspw. in Form eines Studien- oder Forschungsaufenthalts) gibt der DAAD.

Abbildungen

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