vietnamesischer Tempel im Delta des Roten Flusses (©Großheim)
bedeutende Religionen
12,2 % Buddhisten, 6,7 % Katholiken
Städtische Bevölkerung
33,0 % (2014)
Lebenserwartung (w/m)
81/ 71 Jahre (2015)
Anteil alphabetisierte Erwachsene
93,4 (2012)
Gender Inequality Index
Rang 67 von 160 (2017)
Kindersterblichkeit
11 (pro 1000 Geburten) (2015)
Anzahl der Geburten
2,0 / Frau (Schätzung Weltbank, 2015)

Makrosoziale Struktur

Angehörige der Minderheit der Black Thai in Yen Chau (© Hannah von Bloh)
Angehörige der Minderheit der Black Thai in Yen Chau (© Hannah von Bloh)

Ethnizität

Ca. 90% der Bevölkerung Vietnams sind ethnische Vietnamesen (Kinh). Vietnam ist damit eines der ethnisch homogensten Länder Südostasiens. Das Gros der ethnischen Minderheiten siedelt im zentralen Hochland und den Nordost- und Nordwestregionen des Landes. Bereits während des Krieges gegen die Franzosen unterstützten einige Minoritäten die Viet Minh, doch war und ist das Verhältnis zwischen Kinh und Minderheiten auch angespannt.

Was den Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen angeht, sind ethnische Minoritäten in der Regel gegenüber ethnischen Vietnamesen (Kinh) stark benachteiligt. Ebenso haben letztere sehr viel mehr von der Bekämpfung der Armut profitiert. Während bei den Kinh und den ethnischen Chinesen die Armutsrate auf durchschnittlich 10% sank, lebten 2010 noch 73% der ethnischen Minderheiten unter der Armutsgrenze.

Im Februar 2001 wurde das zentrale Hochland Vietnams von Unruhen erschüttert. Der Unmut der ethnischen Minoritäten richtet sich vor allem gegen Vietnamesen, die in den letzten Jahren in großer Anzahl aus dem überbevölkerten Norden des Landes in das zentrale Hochland umgesiedelt waren, um Kaffee anzubauen, und sich dabei illegal Land angeeignet hatten. Im Frühjahr 2004 kam es im Zentralen Hochland erneut zu Zusammenstößen zwischen vietnamesischen Sicherheitskräften und ethnischen Minderheiten.

Der Transformationsprozess brachte in Vietnam somit auch eine Ausweitung sozialer Unterschiede mit sich. Während die vietnamesische Gesellschaft in der "Vorreformzeit" noch relativ egalitär war, sind heutzutage extreme soziale Unterschiede zu beobachten. Zwar haben auch ländliche Regionen von dem Wirtschaftsaufschwung seit Beginn des Reformprozesses profitiert, doch ist das Stadt-Land-Gefälle nach wie vor sehr stark ausgeprägt. Auch bedingt durch die größere Mobilität der Gesellschaft hat sich die interne Migration im heutigen Vietnam verstärkt.

Viele der Bauern, die in den Städten nach Arbeit suchen, müssen sich als Tagelöhner verdingen oder für einen niedrigen Lohn in Fabriken schuften. Von den sozialen Diensten in den Städten sind die Migranten dabei häufig ausgeschlossen bzw. müssen hierfür mehr bezahlen, wenn sie nicht über die entsprechende Anmeldung (ho khau) verfügen. Diese Anmeldung wird jedoch den vom Land Hinzugezogenen erschwert.

Das Gesicht der Städte in Vietnam wandelt sich im rasanten Tempo. Im Zuge der Migration weiten sich Städte wie Hanoi und Ho Chi Minh-Stadt immer mehr aus - am Stadtrand entstehen neue Wohngebiete mit Hochhäusern und im Stadtzentrum des früheren Saigon verdrängen Geschäftshäuser alte Kolonialbauten. Die damit verbundenen Bauprojekte führen jedoch z.T. zu Konflikten mit der Bevölkerung. Einige Bürger in Ho Chi Minh-Stadt weigern sich z.B. für den Bau von Bürohochhäusern und Wohnungen Platz zu machen, die am Flussufer des Saigon-Flusses entstehen sollen.

Viele der als "Grünflächen" ausgeschriebenen Parks etc. wurden und werden in den Städten Vietnams für den Bau von Hotels und andere lukrative Bauprojekte zweckentfremdet. Als ein Teil des Thong Nhat-Parks, dem früheren Lenin-Park, im Herzen Hanois einem Hotel weichen sollte, regte sich so heftiger Protest, dass der vietnamesische Ministerpräsident das Bauprojekt stoppte.

Anfang 2017 verkündete die Stadtverwaltung von Ho Chi Minh-Stadt den Plan, aus dem Distrikt 1 im Zentrum der Stadt ein "Abbild von Singapur" zu schaffen - konkret sollten die Bürgersteige systematisch freigeräumt werden. Im Januar 2018 trat schließlich der stellvertretende Vorsitzende des Distriktvolkskomitees zurück, weil sein ehrgeiziges Vorhaben gescheitert war.

Konflikte um Land sind auch im ländlichen Raum weit verbreitet. Alleine in den letzten drei Jahren gab es 700000 Eingaben, bei denen es um unzureichende Entschädigungszahlungen für Land geht. Hintergrund hierfür ist vielfach die unklare Rechtslage, die von Beamten ausgenutzt wird. Anfang Januar 2012 wehrte sich in der Nähe von Haiphong der Bauer Doan Van Vuon zusammen mit Familienangehörigen sogar mit Waffengewalt gegen die Besetzung seines Grundstücks. Der Fall kam erst Anfang April 2013 vor Gericht. Doan Van Vuon wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, drei seiner Verwandten erhielten Haftstrafen von zwei bis fünf Jahren. In einem anderen Prozess sprach das Gericht gegen den stellvertretenden Distriktchef von Tien Lang, wo sich der Fall abgespielt hatte, wegen der "Zerstörung von Eigentum" eine Haftstrafe von 30 Monaten aus.

Zu einem weiteren Landkonflikt kam es im April 2012 in der Provinz Hung Yen in der Nähe der Hauptstadt, in der eine neue Satellitenstadt namens "EcoPark" entstehen soll. Dabei trafen protestierende Bauern, die sich über unzureichende Entschädigungszahlungen für ihr Land beklagten, auf ein Großaufgebot an Polizei.

Ob das neue Landgesetz die strukturellen Probleme lösen kann, wird angezweifelt.

Die Brisanz des Problems wurde im September 2013 deutlich, als in der Provinz Thai Binh im Delta des Roten Flusses ein Bauer, der sich gegen die Konfiszierung seines Landes wehrte, zunächst einen örtlichen Katasterbeamten erschoss und dann die Waffe gegen sich sich selbst richtete.

Im November 2014 wurde ein Ehepaar aus einem Dorf im Umland von Hanoi zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil es angeblich Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet hatte. Sie hatten sich an Protesten gegen die Konfiszierung von Land beteiligt bzw. die Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften gefilmt und auf Youtube gestellt - eine neue Form des Widerstandes vietnamesischer Bauern.

Ein neuer Landkonflikt brach im April 2017 in Dong Tam, einem Dorf in der Nähe von Hanoi, aus. Dorfbewohner, die sich gegen die Konfiszierung und Nutzung von Land durch Viettel, einer zum Verteidigungsministerium gehörenden Telekommunikationsfirma, wandten, setzten zunächst fast 40 Polizisten und Kader als Geiseln fest, von denen einige bald freigelassen wurden. Nach Verhandlungen mit dem Volkskomitee Hanoi kamen auch die übrigen Geiseln frei. Das deutlich weniger konfrontative Vorgehen der staatlichen Behörden - früher waren in der Regel massiv Sicherheitskräfte eingesetzt worden, um den Widerstand auf lokaler Ebene zu brechen - könnte Schule machen. Entgegen den Versprechungen des Volkskomitees Hanoi wurde im Juni 2017 bekannt, dass nun doch einige Dorfbewohner von Dong Tam vor Gericht gestellt werden sollen. Das letzte Wort in diesem Landkonflikt ist also noch nicht gesprochen.

Während sich in Vietnam in der Bevölkerung massiver Protest gegen die Vergabe von Lizenzen an chinesische Firmen zum Abbau von Bauxit im Zentralen Hochland regte, haben die Aktivitäten von vietnamesischen Firmen, die im benachbarten Laos und Kambodscha Konzessionen zum Logging erhalten haben, in Vietnam selbst keine ähnlichen Reaktionen hervorgerufen.

Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs in Ho Chi Minh-Stadt (© Großheim)
Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs in Ho Chi Minh-Stadt (© Großheim)
Neue Wohngebiete am Stadtrand von Hanoi (© Großheim)
Neue Wohngebiete am Stadtrand von Hanoi (© Großheim)
Baustelle in Hanoi (© Großheim)
Baustelle in Hanoi (© Großheim)
Nach Fertigstellung: "Royal City" (© Großheim)
und fertig: "Royal City" in Hanoi (© Großheim)

Rolle von Auslandsvietnamesen

Über drei Millionen Vietnamesen leben im Ausland. Das Gros der vietnamesischen Diaspora vor allem in den USA und Australien machen Vietnamesen aus, die nach Ende des Vietnamkrieges ihre Heimat verlassen haben und z.T. eine sehr anti-kommunistische Haltung an den Tag legten. Seit Beginn der Reformpolitik in Vietnam und der damit verbundenen Öffnung des Landes hat sich das Verhältnis vieler Auslandsvietnamesen zu ihrer Heimat deutlich entspannt - auch weil der vietnamesische Staat verstärkt um sie wirbt. Die Vereinnahmung von Auslandsvietnamesen treibt mitunter aber auch seltsame Blüten: so wurde der frühere FDP-Chef und Vizekanzler Rösler wegen seiner vietnamesischen Herkunft in einigen Medien in Vietnam, aber auch unter Vietnamesen in Deutschland gefeiert - obwohl er sich nach eigenem Bekunden nicht als Vietnamese fühlt und die entsprechenden Artikel wegen fehlender vietnamesischer Sprachkenntnisse auch nicht verstehen kann.

Seit Anfang der 1990er Jahre verdingen sich viele Vietnamesen als Arbeitskräfte im Ausland, z.Zt. sind es ca. eine halbe Million. Den Großteil des Geldes, das sie vor allem in Japan, Malaysia und Südkorea verdienen, überweisen die vietnamesischen "Gastarbeiter" an ihre Familien zu Hause. Der Export von Arbeitskräften stellt also einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor dar. Vielfach müssen Vietnamesen dabei für Vermittlungsdienste hohe Kredite aufnehmen, die vor allem Frauen teilweise angreifbar machen.

In Deutschland leben ca. 85000 Vietnamesen - die größte vietnamesische Gemeinde (ca. 13000 Personen) in Berlin, wo seit einigen Jahren in den Lichtenberger Markthallen ein regelrechtes "Klein-Hanoi" existiert. Viele der Vietnamesen haben sich mittlerweile eine eigene Existenz aufgebaut - dies gilt nicht nur für die Boatpeople, sondern auch für viele der früheren Vertragsarbeiter, die nach der Wiedervereinigung in Deutschland geblieben sind. Eine kleine Gruppe verdient sich ihr Geld allerdings mit illegalen Aktivitäten wie dem Zigarettenschmuggel. Man kann insofern davon sprechen, daß es in Deutschland eine vietnamesische Zweiklassengesellschaft gibt.

Geschlechterverhältnis

Vietnamesische Frauenunion: "10. Parteitag: Solidarisch, kreativ, gleichberechtigt sein, sich entwickeln" (© Großheim)
Vietnamesische Frauenunion: "10. Parteitag: Solidarisch, kreativ, gleichberechtigt sein, sich entwickeln" (© Großheim)
Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen: "Richtige Männer sagen Nein zu Gewalt gegen Frauen"
"Richtige Männer sagen Nein zu Gewalt gegen Frauen" (© Grossheim)
"Gewalt gegen Familienmitglieder ist gegen das Gesetz" (© Grossheim)
"Gewalt gegen Familienmitglieder ist gegen das Gesetz" (© Grossheim)

Das konfuzianisch geprägte Vietnam, in dem die Frau traditionell eine untergeordnete Rolle spielte, gehört der Vergangenheit an - auch aus Sicht der Asian Development Bank hat sich die Situation der Frauen in Vietnam seit dem Beginn der Reformpolitik verbessert. Viele Frauen auf dem Lande profitieren von Kleinkrediten, die in Rahmen eines Programms der Vietnamesischen Frauenunion vergeben werden. 

Von Gleichberechtigung in Vietnam kann allerdings noch keine Rede sein - wie der "Vietnam Country Gender Assessment" der Weltbank von 2011 deutlich macht. Zwar bestehen beim Zugang zum Gesundheits- und zum Bildungswesen mittlerweile fast gleiche Chancen, doch sind Frauen z.B. in politischen Führungspositionen unterrepräsentiert. Außerdem ist trotz positiver Entwicklungen wie der Verabschiedung eines Gesetzes gegen Gewalt in der Familie im Jahre 2007 Gewalt gegen Frauen nach wie vor stark verbreitet. Nach einer neueren Studie, die von der vietnamesischen Regierung in Zusammenarbeit mit der UN erstellt wurde, berichten ca. ein Drittel der befragten Frauen von häuslicher Gewalt. Auf der anderen Seite wird das Thema immer mehr in die Öffentlichkeit getragen. So greifen Fernsehserien dieses Problem auf. Auch sexuelle Belästigung wird zum Teil stärker in der Öffentlichkeit thematisiert, doch gibt es nach wie vor die Tendenz, solche Fälle zu tabuisieren und die Glaubwürdigkeit der Opfer in Frage zu stellen.

Gleichzeitig lässt sich zumindest in den Städten eine gewisse Aufweichung überkommener Sexualvorstellungen und vor allem bei ökonomisch unabhängigen Frauen ein größeres Selbstbewusstsein gegenüber den Männern beobachten. Bei vielen Männern sind allerdings konfuzianisch geprägte Rollenvorstellungen noch sehr stark ausgeprägt und verstärken sich sogar angesichts des zunehmenden Selbstbewusstseins von gebildeten vietnamesischen Frauen. Außerdem ist in Vietnam Sexualität in der Regel ein Tabuthema, obwohl mit der Öffnung des Landes in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine gewisse Liberalisierung verbunden ist. 

Auch Homosexualität ist im konfuzianisch geprägten Vietnam noch weitgehend ein Tabuthema. Von Männern wird z.B. erwartet, dass sie eine Familie gründen und so die Ahnenlinie fortsetzen. Im August 2012 fand in Hanoi jedoch die erste Gay-Pride-Parade statt - Zeichen für ein größeres Selbstbewusstsein. Im Januar 2015 wurde das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe aufgehoben. Diskriminierung von Homosexuellen ist jedoch noch nach wie vor weitverbreitet.

Neben Gewalt gegen Frauen ist Kindesmissbrauch – ein weiteres Problem, dass in Vietnam verstärkt Beachtung findet. Neuere Untersuchungen belegen, dass verschiedene Formen von Kindesmissbrauch in Vietnam verbreitet sind.

Bildung

Van Mieu in Hanoi - erste Universität Vietnams von 1076 (© Arjuna Johannes Menon)
Van Mieu in Hanoi - erste Universität Vietnams von 1076 (© Arjuna Johannes Menon)
Schulschluß in Hue (© Felicitas Hương Friedrich)
Schulschluß in Hue (© Felicitas Hương Friedrich)
Privatschule: Kurse in Mathe, Vietnamesisch und Schönschreiben (© Martin Großheim)
Privatschule: Kurse in Mathe, Vietnamesisch und Schönschreiben (© Martin Großheim)
Englischlehrbücher in vietnamesischer Buchhandlung (©Grossheim)
Englischlehrbücher (©Grossheim)

Vietnam hat eine sehr ausgeprägte Bildungstradition und kann auf eine hohe Alphabetisierungsrate sowie - zumindest im Grundschulbereich - hohe Schulbesuchszahlen verweisen. Trotz aller Erfolge gibt es jedoch beim Zugang zu Bildungseinrichtungen nach wie vor regionale Unterschiede.

Daneben hat das vietnamesische Bildungswesen noch mit anderen Problemen zu kämpfen. Der ausgeprägte "Bildungshunger" und der Ehrgeiz der Eltern führen jedes Jahr zu einem Ansturm auf die vietnamesischen Universitäten, den diese nicht bewältigen können. Der Druck auf die Schüler ist enorm. Unter denen, die die obligatorischen Eingangsprüfungen nicht bestehen und damit keinen der begehrten Studienplätze ergattern können, kommt es jedes Jahr zu Selbstmorden. "Unregelmäßigkeiten" bei den Eingangsprüfungen sind weitverbreitet. Die Regierung geht verstärkt gegen das weitverbreitete "Schummeln" an Schulen und Universitäten vor. Insgesamt ist Korruption an vielen Schulen und Universitäten in Vietnam weit verbreitet. So wurde 2018 in der Provinz Son La einer der größten Korruptionsskandale der letzten 10 Jahre aufgedeckt: Hier hatten zuständige Kader in vielen Fällen die Ergebnisse der Eingangsprüfungen für die Universität manipuliert.

Das Bildungssystem krankt auch an veralteten Lehrmethoden. So schnitt Vietnam bei der Pisa-Untersuchung von 2012 in einigen Fächern wie Mathematik außergewöhnlich gut ab, doch verdeckten die hervorragenden Ergebnisse strukturelle Probleme im vietnamesischen Bildungswesen wie die mangelnde Förderung kreativen Denkens im Unterricht und die Ausbildung an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes vorbei. Diese Probleme versucht die vietnamesische Regierung bereits seit längerem durch breitangelegte Reformen zu lösen - so z.B. im Hochschulwesen.

Auch deshalb lernen und studieren die Kinder neureicher Vietnamesen verstärkt im Ausland, so z.B. in Hongkong. Ein wahrer Bildungsexodus findet jedoch aus Vietnam Richtung Australien, USA und Großbritannien statt.

Die Berufsbildung ist in Vietnam in Ansätzen vorhanden, die informelle Ausbildung dominiert.

Die Bildungstradition spiegelt sich auch in überdurchschnittlichen schulischen Leistungen vietnamesisch-stämmiger Schüler in Deutschland wider. Häufig erhalten sie dadurch die Anerkennung, die ihren Eltern, die vielfach einen hohen Bildungsgrad haben, aber in Deutschland außerhalb ihres eigentlichen beruflichen Hintergrundes arbeiten müssen, verwehrt bleibt.

Gesundheit und Sozialwesen

"Prostitution - der kürzeste Weg zu AIDS" (Plakat in Hanoi) (© Kurfürst)
"Prostitution - der kürzeste Weg zu AIDS" (Plakat in Hanoi) (© Kurfürst)
Bodybuilding in Hanoi (© Großheim)
Bodybuilding in Hanoi (© Großheim)

Traditionelle Medizin, die stark von der chinesischen Medizin beeinflusst ist, ist in Vietnam nach wie vor stark verbreitet, auch wenn die Nachfrage nach westlicher Medizin angestiegen ist.

Im Zuge der Reformpolitik haben sich auch im Gesundheitswesen grundlegende Veränderungen vollzogen, wobei insbesondere die extreme Kommerzialisierung große Probleme mit sich bringt.  So ist Korruption in Krankenhäusern weit verbreitet. Den Ursprung hierfür kann man in einer "traditionellen konfuzianischen Geschenkkultur" finden, die in den letzten Jahren in extremer Weise materialisiert wurde. Die Beispiele von anderen konfuzianisch geprägten Ländern wie Südkorea und Singapur zeigen jedoch, dass Kultur nicht statisch ist und die Korruption eingedämmt werden kann.

Durch die mittlerweile obligatorischen Bestechungszahlungen sind die Behandlungskosten für viele Arme zu hoch. Viele Neureiche können sich dagegen eine medizinische Behandlung z.B. in Singapur oder in anderen Anrainerstaaten mit einem modernen Gesundheitssystem leisten.

Ein besonderes Gesundheitsproblem stellt AIDS dar, das sich auch in Vietnam immer mehr verbreitet. Vor allem mit internationaler Unterstützung unternimmt Vietnam Anstrengungen, um die weitere Entwicklung der Krankheit einzudämmen. In der öffentlichen Wahrnehmung der Krankheit sind zwar Fortschritte erreicht worden, doch sind Fälle von Diskriminierung nach wie vor verbreitet.

Offiziell propagiert Vietnam nach wie vor die Zwei-Kind-Familie und sehr liberale Abtreibungsregelungen.  Dies und andere Faktoren haben dazu geführt, dass Vietnam zu einem der Länder mit der höchsten Abtreibungsrate überhaupt gehört. Nach Statistiken aus dem Jahr 2014 werden ca. 40% aller Schwangerschaften pro Jahr abgebrochen. Mittlerweile zeigt sich außerdem deutlich, dass der Anteil der Jungen an den Neugeborenen wächst, weil vor allem weibliche Föten abgetrieben werden. Dieses Ungleichgewicht bei den Geburten hat sich in Vietnam sehr viel schneller entwickelt als in anderen vergleichbaren Ländern und kann, wenn der gegenwärtige Trend anhält, dazu führen, dass in absehbarer Zeit ein deutlicher Männerüberschuss herrscht. Gleichzeitig lässt sich ein Trend zur Alterung der vietnamesischen Gesellschaft beobachten, der das Sozialsystem vor neue Herausforderungen stellen wird. Mittlerweile gibt es in Vietnam vor dem Hintergrund sinkender Geburtenzahlen und einer zunehmenden Überalterung der Gesellschaft Überlegungen, die Zwei-Kind-Familienpolitik aufzugeben. Dass viele Vietnamesen heutzutage älter werden, ist auch mit Herausforderungen für das Sozialsystem bzw. für die Familien selbst verbunden.

Nachdem die meisten Vietnamesen vor Beginn der Reformpolitik noch an Hunger und Unterernährung litten, ist mittlerweile eine "Fresswelle" ausgebrochen. Die Veränderung der Essgewohnheiten wie z.B. die starke Verbreitung von Fast Food in den Städten hat bei vielen Vietnamesen zu großen gesundheitlichen Problemen geführt. Beispielsweise ist Diabetes  deutlich auf dem Vormarsch. Nach neuesten Statistiken haben ca. 5% aller Vietnamesen Diabetes. Die Ursachen für den Anstieg von Diabetes-Erkrankungen in Vietnam sind jedoch umstritten.

In den letzten Jahren haben sich Depressionen und Selbstmorde in Vietnam stark ausgeweitet. Besonders betroffen sind Schüler, die in der konfuzianischen Lerngesellschaft unter hohem Druck stehen.

Mit dem Internetboom in Vietnam hat eine neue Krankheit Einzug gehalten: die "Onlinegame-Sucht". Um diese einzudämmen, hat die Regierung im März 2011 eine Sperrstunde für Onlinegamer eingeführt.

Kultur und kulturelle Menschenrechte

"Die Nationalkultur bewahren und entwickeln" (© Großheim)
"Die Nationalkultur bewahren und entwickeln" (© Großheim)
Die Kultur ist die moralische Grundlage der Gesellschaft, das Ziel und der Motor für die nachhaltige Entwicklung des Landes (© Grossheim)
"Die Kultur ist die moralische Grundlage der Gesellschaft, das Ziel und der Motor für die nachhaltige Entwicklung des Landes" (© Grossheim)

Im Zuge der Reformpolitik hat sich Vietnam dem Ausland gegenüber geöffnet und unterliegt damit auch stärker äußeren Kultureinflüssen. Gleichzeitig hat đổi mới jedoch zu einer Stärkung bzw. sogar einer Wiederbelebung einheimischer Traditionen geführt. Diese Entwicklung wird z.T. gezielt vom vietnamesischen Staat gefördert.

Die Grenzen der staatlichen Kulturpolitik zeigten sich deutlich bei einigen der Kulturveranstaltungen, die im Rahmen des Deutschlandjahres in Vietnam 2010 stattfanden.

Die vietnamesische Sprache ist eine tonale Sprache mit sechs bedeutungsunterscheidenden Tönen. Die vietnamesische Nationalschrift quốc ngữ ist eine latinisierte Schrift mit diakritischen Zeichen. Sie wurde bereits im 17. Jahrhundert von Missionaren entwickelt, setzte sich aber erst in der französischen Kolonialzeit durch. Während der Kolonialzeit wurden auch eine Reihe von französischen Lehnwörtern übernommen, die bis heute verwendet werden.

Die vietnamesische Literatur hat eine lange Tradition. Wie auch in anderen Bereichen der Kultur haben sich jedoch auch hier in den letzten Jahren aufgrund einer liberaleren Kulturpolitik interessante Entwicklungen vollzogen. Während des Krieges fühlten sich noch die meisten (nord-)vietnamesischen Schriftsteller dem Modell des sozialistischen Realismus verpflichtet und priesen den heldenhaften Kampf des vietnamesischen Volkes gegen die US-Aggressoren. Ganz anders dagegen der nach 1986 erschienene und ins Deutsche übersetze Roman "Die Leiden des Krieges" von Bao Ninh: hier wird der Krieg aus der Perspektive eines desillusionierten Veteranen beschrieben. 

Seit Beginn der Reformpolitik haben neue Formen der Populärkultur wie z.B. Comics für Erwachsene Einzug gehalten, müssen sich aber mit der Zensur staatlicher Stellen auseinandersetzen.

Der vietnamesische Film kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Als nach der Öffnung des Landes massenhaft ausländische Videofilme ins Land strömten und die staatlichen Subventionen drastisch reduziert wurden, stürzte dies die vietnamesische Filmindustrie in eine Krise. In den letzten Jahren zeichnet sich jedoch wieder ein positiver Trend ab: Zwar werden weniger Filme produziert, doch profitieren vietnamesische Filmregisseure von den neuen Freiräumen. Beispielsweise waren vietnamesische Filme, die eine ganz neue Sicht des Krieges präsentieren, die Entdeckung auf der Berlinale 2001. Einer der herausragenden Regisseure des modernen vietnamesischen Films ist Dang Nhat Minh. Mittlerweile werden auch "soziale Übel" wie Prostitution und Drogenkonsum in vietnamesischen Filmen thematisiert - in für vietnamesische Verhältnisse recht freizügiger Weise, wie in dem Film Bad Girls, der zu einem Kassenschlager geworden ist. Auch unabhängige vietnamesische Dokumentarfilmer thematisieren jetzt gesellschaftliche Probleme. Sie stehen aber immer in Gefahr, in Konflikt mit der staatlichen Zensur zu kommen.

Xam-Musik in der Kolonialzeit (gemeinfreies Foto)
Xam-Musik in der Kolonialzeit (gemeinfreies Foto)

Vietnamesen hören und machen gerne Musik. Während des Krieges war in Nordvietnam lediglich die sogenannte "rote Musik" (nhac do) erlaubt, die in den Augen der Hanoier Kulturwächter die Kampfmoral der Bevölkerung stärkte. Romantische und weniger martialische Lieder wurden dagegen als weinerliche "gelbe Musik" (nhac vang) eingestuft und verboten. Musiker, die diese rigide Kulturpolitik zu unterwandern versuchten, wurden z.T. zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Auch die Lieder des vielleicht beliebtesten vietnamesischen Komponisten, Trinh Cong Son (1939-2001), dessen Lieder bereits vor 1975 in Südvietnam bekannt waren, durften in den ersten Jahren nach Kriegsende nicht gespielt werden. Typisch sind z.B. seine Lieder "Bien nho" (Das Meer der Sehnsucht) und "Nho mua thu Ha Noi" (Sehnsucht nach dem Herbst in Hanoi), in dem es wie in vielen anderen vietnamesischen Liedern um Liebe und Heimweh geht.

Im Zuge der Reformpolitik und der Öffnung des Landes hat die "gelbe Musik" in Vietnam einen Aufschwung erlebt - so treten (in die Jahre gekommene) Sänger und Sängerinnen wie Tuan Ngoc, die vor 1975 in Südvietnam bekannt waren und danach ins Ausland geflohen waren, mittlerweile wieder in Vietnam auf.

Die vietnamesische Popmusik verbindet autochthone Traditionen und ausländische Einflüsse. Einige vietnamesische Popstars singen z.T. auf Englisch.

Traditionelle vietnamesische Musikinstrumente  werden z.B. als Begleitung beim Wasserpuppentheater eingesetzt. Diese spezifische vietnamesische Theaterform ist im Delta des Roten Flusses entstanden und wird immer noch in einigen Dörfern praktiziert. In Vietnam gibt es auch vielfältige performing arts.

Hochzeit der Ratten (Holzstich aus Dong Ho) (gemeinfreies Foto)
Hochzeit der Ratten (gemeinfreies Foto)
Frösche in der Schule (Holzstich aus Dong Ho) (gemeinfreies Foto)
Frösche in der Schule (gemeinfreies Foto)

In Vietnam gibt es traditionelle Formen der Malerei wie die Holzschnitte von Dong Ho, einem Dorf in der Provinz Bac Ninh in der Nähe von Hanoi.

Der Ursprung der modernen vietnamesischen Malerei erst ca. 70 Jahre zurück. Bui Xuan Phai gilt als einer der einflussreichsten älteren vietnamesischen Maler. Vor allem seine Bilder des alten Hanoi wurden berühmt und werden vielfach kopiert. Der Verkauf von Bildern von Bui Xuan Phai und jüngeren vietnamesischen Malern steht für die Entstehung eines Kunstmarktes und einer "Kulturszene", die die neuen Freiräume nutzt.

Ein prominentes Beispiel ist die "Zone 9", ein früheres Fabrikgebäude in Hanoi, das zu einem Zentrum von Ausstellungen und Ateliers umfunktioniert wurde.

Dass aber auch in der Kunst schnell Grenzen erreicht werden, zeigt der Fall der Sammlung von Cartoons von Nguyen Thanh Phong, die Illustrationen von Slangs und veränderten vietnamesischen Redensarten und Sprichwörtern darstellen. Einige dieser Zeichnungen und Slangausdrücke gingen den Autoritäten offensichtlich zu weit: seit Anfang November 2011 darf das Buch nicht mehr verkauft werden.

Auch bei vielen Bildern, die in den vietnamesischen Kunstmuseen hängen, ist häufig nicht klar, ob es sich um das Original oder um eine Kopie handelt.

Das Länderinformationsportal

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Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2018 aktualisiert.

Der Autor

Dr. Martin Großheim, Prof. für Südostasienstudien an der Universität Passau. Studium in Passau und Hanoi, mehrere längere Studien- und Forschungsaufenthalte in Vietnam. Publikationen u.a.: "Ho Chi Minh. Der geheimnisvolle Revolutionär. Leben und Legende", "Modernes Vietnamesisch" (zusammen mit Ngo Thi Bich Thu).

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